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Jedes Jahr… September 1, 2014, 9:19

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… ein großer Tag. Am 1. September fängt die Schule wieder an. Ich kann mich nicht erinnern, ob das in Deutschland jedes Jahr so zelebriert wird – hier fangen am 1. September alle Nachrichtensendungen mit ausführlichen Berichten an (die Zeitungen auch), und jeder Politiker, der auf sich hält, muß irgendwo mit i-Dötzchen abgelichtet werden. Manchmal gibt es Aufregung, weil die Lehrer streiken. Ich werde nie vergessen, wie enttäuscht mein Secundus war, weil sein erster Schultag durch einen Lehrerstreik immer wieder rausgeschoben wurde. Da Lehrer hier sehr wenig verdienen (ich kann ein Lied davon singen) und immer weniger Lehrer gesicherte Arbeitsplätze haben, ist ihr Protest verständlich, aber er geht natürlich auf Kosten der Schwächsten, d.h., der Kinder.

Dieses Jahr war natürlich die große Frage, ob und wie man die Schule normal anfangen soll, wenn ein Großteil der Schulkinder auf dem Schulweg, aber auch in der Schule selbst der Gefahr von Raketen- und Mörserangriffen ausgesetzt ist. Auch die besten Schutzräume nützen nichts, wenn Hunderte von Kindern nur Sekunden haben, um sie zu erreichen – von der Fahrt im Schulbus ganz zu schweigen.

Man muß dazu wissen, daß die Hamas ihre Raketensalven in den letzten Jahren gern zwischen sieben und acht Uhr morgens abgefeuert hat, wenn sie wußte, daß Schulkinder unterwegs sind. Und die gelben Schulbusse waren schon oft Ziel von Anschlägen.

Nun, die Waffenruhe hat dieses Problem (vorerst?) gelöst. Die Bedeutung des 1. September und Präsenz der Frage „Schule oder nicht? wo und wie?“, die im Juli und August überall zu hören war, war auch für die Regierung groß. Hätte das Schuljahr nicht normal begonnen, wäre das wie ein Eingeständnis der Regierung gewesen, daß sie es nicht schafft, normales Leben in Israel zu ermöglichen. Aber nicht nur für Netanyahu, sondern für alle Israelis ist „Normalität“ ein hohes Gut. (Was ist Normalität? Was wir in Deutschland „normales Leben“ nennen würden, kennt man hier eigentlich nicht – aber israelische Normalität ist im Normalfall normal genug, damit sich Menschen normal entwickeln können…) Nach jedem Anschlag, nach jedem Krieg werden schnell und effizient Spuren beseitigt und Normalität wiederhergestellt.

So also auch jetzt. Der Bildungsminister, selbst Lehrer, Lehrerssohn und in Bildungsfragen kompetent und selbstbewußt, hat für die ersten zwei Wochen weniger Lernen und mehr Verarbeitung des Erlebten angekündigt. Die Lehrer sollen mit den Kindern die traumatischen Wochen des Kriegs, der ja fast ganz Israel betroffen hat, zum Thema machen. (Im Süden wächst ja eine Generation auf, die ein Leben ohne Raketen nicht kennt – DAS wäre doch mal ein Thema für einen Artikel in einer deutschen Zeitung…) Danach wird normal weitergelernt, in der Hoffnung, daß der Konflikt nicht noch einmal aufflammt.

Die enormen Kosten des Kriegs werden durch strike Budget-Kürzungen rausgeholt, und es wird wohl ein paar Jahre dauern, bis sich der Staat davon erholt hat. Der Streit „Steuern erhöhen oder nicht“ tobt in allen Medien – die einen sagen, irgendwoher muß das Geld ja kommen, die anderen sagen, wenn der Verbraucher noch mehr belastet wird, bricht er zusammen und ohne Kaufkraft der Verbraucher macht die Wirtschaft zu. Wenn Steuererhöhungen kommen, wen werden sie treffen? Na, uns natürlich, die ächzende Mittelschicht, die ihren Strom-, Wasser- und Mietkosten hinterherhechelt. Gehaltserhöhungen wird es nicht geben, denn auch die Betriebe sind betroffen – unter anderem sind internationale Kunden aus Empörung abgesprungen, oder internationale Partnerschaften sind auf Eis gelegt. Ich glaube nicht, daß Netanyahu die wirklich Reichen zur Kasse bitten wird.

Es kommen also schwierige Zeiten auf die Familien zu, und für die Kinder bedeutet es: weniger Ausflüge, weniger zusätzliche Aktivitäten, weniger Förderung, weniger Unterstützung für Hort und Betreuung. Der Bildungsminister hat viele Ideen, die meisten davon werden erstmal in die Schublade wandern. Da in den letzten Jahren das Bildungssystem für jeden neuen  Minister eine Art Experimentierfeld war, hat es vielleicht sogar gute Seiten, daß einige Ideen noch etwas länger simmern werden, bevor sie umgesetzt werden.

Ich weiß von Kollegen, daß der Minister seine Betonung des Themas „sinnvolles Lernen“ ernst meint. Was für eine Erleichterung nach all den fachfremden, eher aus der Wirtschaft kommenden Bildungsministern, die dem Fetisch Quantifizierung, Tests und dauernde Überprüfung abfragbaren Wissens hinterherliefen, so daß die Schüler praktisch nur noch auf Tests hin lernten. Das hat ein Ende, auch wenn viele Leute nicht verstehen warum und Angst haben, ohne ständige Überprüfung in Form von Multiple-Choice-Tests würden Kinder gar nichts lernen. Je mehr diese Tests eingerissen sind, desto weniger haben die Kinder gelernt, ist mein persönlicher Verdacht. „Sinnvolles Lernen“ bedeutet in erster Linie, daß man versteht, warum man lernt, und dann erst, was man lernt. Und Zusammenhänge kann man sowieso nicht in Tests abfragen, die brauchen auch manchmal Zeit, bis sie einem dämmern.

Quarta fängt heute die Oberstufe an – ihre letzten drei Jahre Schule. Für die Großen ist die Schule längst Vergangenheit. Ich hoffe, sie hat weiterhin Spaß an der Schule, auch wenn ihre Schule in vielem nicht mit der Kibbuz-Schule mithalten kann. Sie lernt gut und leicht und natürlich ist für sie Schule in erster Hinsicht Treffpunkt mit den Freundinnen… so ist das in dem Alter. Aber sie hat mit ihren Freundinnen auch den Sommer über fleißig Hausaufgaben gemacht und ist heute früh ganz vergnügt losgezogen. Die neue Klassenlehrerin ist nach Quartas Eindruck sehr nett, und die Klasse wird neu zusammengesetzt beim Übergang in die Oberstufe, je nach Schwerpunkten. Quarta hat Naturwissenschaften als Schwerpunkt gewählt. Es wird also viel Neues geben.

In Israel gibt es keine Schultüten, obwohl ich für meine natürlich bei der Einschulung welche gebastelt habe. Ich erinnere mich noch gut an die Schultüten für Primus´ ersten Schultag – eine große für ihn, zwei kleine für die kleinen Geschwister. Lang ist´s her. Aber ich bin froh, daß ich noch drei Jahre lang eine Schülerin zuhause habe. Es ist ein schöner Abschnitt im Leben, zumindest für mich als Mutter.

 

Quarta erzählt Juli 16, 2014, 21:06

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Quarta hat sich heute mit ihren Freundinnen aus der Jugendgruppe Maale Yosef getroffen, um die gespendeten Süßigkeiten, Snacks und Geschenke einzusammeln und abzugeben. In jedem Örtchen haben sich Unmengen von Sachen angesammelt – Quarta meinte, das ist nur ein kleiner Teil der gespendeten Geschenke. Es war die Idee und Iniative der Jugendlichen selbst. Sie haben alles organisiert, jedes Mädchen in ihrem Ort.

2014 07 17 presents for soldiers

Eigentlich sollten die Sachen ja an die Soldaten von kipat barzel gehen, aber seit Dror Hanin dabei umgekommen ist, ist klar, daß es viel zu riskant ist, in den Süden zu fahren und aufs freie Feld zu gehen. Und die Soldaten haben ja extra darum gebeten, das NICHT zu tun.

Doch wir haben ja hier die Basis Zarit ganz in der Nähe. Wir hören die Artillerie, wenn sie nach Raketenbeschuß auf uns zurückfeuert (immer genau auf den Abschußort), und Quartas Freundinnen aus Shomera und Zarit hören es noch viel besser.

 

2014 07 17 presents II

Schließlich entschlossen die Mädchen sich, diese Basis mit den Sachen zu beglücken. Einer der Väter stellte sich als Fahrer zur Verfügung, und sein Kombi war schnell picke-packe-voll.

2014 07 17

So fanden sich die Mädchen mit einer Gruppe Soldaten wieder, die sich unheimlich freuten. Sie haben einen nicht einfachen Dienst, die freien Wochenenden sind gestrichen, und jederzeit kann es neuen Beschuß geben, auf den sie angemessen beantworten müssen – nicht heftig genug, um eine Eskalation herbeizuführen, doch energisch genug, um vor weiterem Beschuß abzuschrecken. Außerdem besteht natürlich immer die Gefahr von eindringenden Terroristen und Entführungen – gerade in Zarit ist das ja schon vorgekommen.

2014 07 17 picture with soldiers smilies

 

Die Soldaten zeigten den Mädchen ihre Arbeitsplätze.

2014 07 17 on top of artillery with hearts

Quarta fragte etwas schüchtern, ob das denn nun die Dinger seien, die so schrecklichen Lärm machen, und vor denen sie Angst hat. Und die Soldaten erklärten ihr, daß die Geschosse ihr nichts tun und daß sie davor keine Angst zu haben braucht. Im Gegenteil, es ist gut, daß es die Artillerie dort gibt – sonst gäbe es wahrscheinlich viel mehr Beschuß aus dem Libanon.

Ich habe Quarta das auch schon gesagt, aber es klingt natürlich viel überzeugender, wenn es nicht mitten in der Nacht von einer Mutter kommt, während die Scheiben im Haus klirren, sondern von einem selbstsicheren jungen Mann in Uniform…

2014 07 17 inside artillery with stripes

 

Die Mädchen waren stolz, daß sie den Soldaten eine Freude gemacht hatten, und Quarta kam sehr vergnügt wieder.

Ja, und solche Bilder können natürlich einen in der Wolle gefärbten Pazifisten, für den jeder Soldat potentieller Mörder ist und Militär grundsätzlich übel, dazu bringen zu denken: ach, wie die armen Kinder in Israel indoktriniert werden! schlimm schlimm!

Ich hoffe aber, daß, wenn Ihr den Kontext zulaßt und versteht, das Ganze anders aussieht. Alle diese Mädchen haben ihre Väter, Brüder, Schwestern und Nachbarn in Uniform gesehen. Sie wissen alle, daß sie auch in drei Jahren eingezogen werden. Die Armee ist für sie Teil ihres Lebens, und zwar ein positiver. Wir sind ja unlängst zugezogen, aber Quartas Freundinnen sind hier großgeworden und erinnern sich deutlich an die Zustände vor 2006. Sie sind praktisch im Luftschutzraum großgeworden – immer wieder waren Angriffe. Auch ihre Eltern sind damit aufgewachsen. Ihre Väter haben teilweise im Libanonkrieg I, oft auch II gedient. In ihren Klassen sitzen libanesische Kinder, deren Väter Offiziere in der Südlibanesischen Armee gedient haben und die 2000 fliehen mußten.

Und so kommt es, daß Quarta und ihre Freundinnen sich Gedanken machen, wie man den Soldaten eine Freude machen kann, und das auch umsetzen. Quarta hat jetzt weniger Angst vor dem schrecklichen Geräusch der Artillerie, und wenn wir es noch einmal hören sollten, chalila, wird sie daran denken, was sie heute gesehen hat.

Ist es schlimm, so aufzuwachsen – mit echter Bedrohung und greifbarer Notwendigkeit, sich zu verteidigen? Ich glaube nicht, daß es schlimm ist, sonst wäre ich ja nicht hier. Es ist nun mal die Realität für Israelis, und als ich einen Israeli geheiratet habe (Irrsinn, ich weiß🙂 ), da habe ich den Konflikt mitgeheiratet. Und meine Kinder haben ihn gewissermaßen in den agalul gelegt gekriegt. Solange er nicht gelöst ist, gehört er zu unserem Leben, und wir können nur dafür sorgen, daß unsere Kinder nicht darunter leiden, sondern gesund und selbstbewußt und angstfrei aufwachsen. Oh, und ohne Haß – man kann loyal zum eigenen Land sein, ohne Haß oder Häme anderen gegenüber zu empfinden.

Nachtschlaf Juli 15, 2014, 3:20

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Seit Jahren kämpfe ich mit Schlafstörungen. Gestern abend hatte mein Schlafdefizit solche Ausmaße angenommen, daß ich ganz früh schlafen ging und auch tatsächlich einschlafen konnte. Gegen elf Uhr kam Quarta ins SChlafzimmer, blaß und zitternd. Sie wollte uns ja eigentlich nicht wecken, aber sie hält es nicht länger aus. Ob wir nichts hören?

Tatsächlich war der Lärm der Artillerie so heftig, daß bei uns alle Glasscheiben schepperten. Kaum zu glauben, daß ich dasvon nicht aufgewacht bin. Y. versicherte Quarta, daß das nicht gefährlich ist für uns, aber Quarta meinte, wenn die Artillerie schießt, dann muß auch hier vorher eine Rakete gefallen sein. Und so war es auch. Zwei Raketen sind ganz bei uns in der Nähe niedergegangen – Quarta ist sicher, daß sie eine davon gehört hat. Alarm war aber nicht.

Das fand sie am verstörendsten – wenn man sich nicht darauf verlassen kann, daß bei Raketenangriffen die Sirene heult. Eine Stunde lag sie wach und hatte Angst, bis sie uns schließlich weckte. Ich ging dann mit ihr nach unten und machte es mir auf der Couch gemütlich. Aber ist doch nicht ganz dasselbe wie ein Bett. Sie schläft tief und fest, ich erweitere mein Schlafdefizit.

In den Zeitungen steht was von Waffenstillstand – das wird die Gruppen im Libanon, die auf uns feuern, nicht beeindrucken. Auch die Syrer nicht, die immer wieder die Golanhöhen beschießen. Und wie weit uns das mit der Hamas im Gazastreifen langfristig bringt, ist auch nicht klar. Sie nicht zu entwaffnen ist ungefähr so vorsorglich wie einen starken Raucher mit seinen gebunkerten Zigaretten allein zu lassen, damit er sich in Ruhe das Rauchen abgewöhnen kann. Solange die Hamas und Konsorten Waffen zur Verfügung haben, werden sie die irgendwann einsetzen. Aber erkär das mal einem Europäer.

Wenn ich mal wieder eine ganze Nacht durchschlafen kann – das wird schön.

Gelacht Mai 23, 2014, 22:57

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In meiner Familie sind ja gräßliche deutsche Lieder und Geschichten ein running gag. Ob es das Häschen ist, das spazieren ging und dabei fast vom Mühlrad zermalmt wurde, oder der kleine Schelm im Hafersack, oder der blutige Zinken auf der Fahrt in die Ferne mit Sauerkraut und Speck… ganz zu schweigen vom Räuberbräutigam oder Blaubart oder den ausgestochenen Augen von Rapunzels Prinz oder Max und Moritz im Ofen oder Mahlwerk… meine Kinder und Y. können sich darüber sehr amüsieren, daß man sowas in Deutschland für kindertauglich hält. Mir selbst fällt erst jetzt auf, wie viel Gewalt und Tod in den Liedern steckt, die wir als Kinder im Auto gegrölt haben – wir lagen vor Madagaskar (…und täglich ging einer über Bord) oder der Herr Quintilius Varus (…und es war ein Moderduft wie von Blut und Leichen…).

Primus hat in seiner Zeit in Deutschland die folgende Karikatur entdeckt und sich zu eigen gemacht:

Wenn ich was auf Deutsch sage, ruft er in zackig-brachialem Ton: Staubsauger! Zahnbürste! SCHMETTERLING!!! und kringelt sich vor Lachen mit seinen Geschwistern über den Klang. (Ich schlage selbstverständlich zurück – das Hebräische klingt ja auch nicht gerade wie säuselnder Wohllaut… und für jemanden, der beide Sprachen nicht beherrscht, ist das Klangbild vermutlich ähnlich. Schachaf – dachaf – mechirat chissul!)

Vorgestern hielt mir Quarta ihr Telefon unter die Nase (ja, das Abendland geht selbstverständlich auch bei mir zuhause unter) und meinte: guck mal, da macht sich auch jemand über deutsche Kindergeschichten lustig!

Beide Mädchen fanden den Film milde lustig und wunderten sich, als ich sie fragte: ja kennt ihr denn die Geschichte nicht? Nö, meinten sie, ist das wirklich eine deutsche Kindergeschichte? Mama, du spinnst, das gibt es nicht.

Ich habe ja sämtliche Kinderbücher auf Deutsch aufbewahrt und holte mit einem Griff den Struwwelpeter raus, den wir wohl haben, den ich den Kindern aber nie vorgelesen habe. Inzwischen lachte ich so hysterisch, daß ich das Buch nur noch auf den Tisch legen und mit dem Finger auf den armen Konrad weisen konnte.

Die Mädchen schnappten nach Luft, schnappten sich das Buch und fingen auch an, unbändig zu lachen. Das brennende Paulinchen, der fliegende Robert, der Suppenkasper mit der Suppenschüssel auf dem Grab – die Kinder wollten nicht glauben, daß man sowas deutschen Kindern tatsächlich erzählt hat.

Hat man aber. Und nicht nur das – der Struwwelpeter ist auch auf Hebräisch übersetzt worden (Yehoshua ha-parua, der wilde Joshua). In der Kinderbücher-Sammlung unserer Hochschule habe ich die hebräische Erstausgabe selbst gesehen.

Ich habe irgendwann mal gelesen, daß der Autor die gräßichen Konsequenzen kindlichen Fehlverhaltens mit Absicht grotesk übertrieben hat. Das war mir als Kinder aber nicht klar. Mir jagte der Zappelphilipp den größten Schrecken ein – ich war sicher, daß er unter der Tischdecke bleiben muß – die kam mir vor wie zu einem Berg erstarrt. Und ich konnte das ganze Buch noch auswendig – ein Anfangsvers, und ich kann weiterrattern.

Vermutlich werden die Kinder ab jetzt nicht nur Aschenputtel! Schlafanzug! TEPPICHKLOPFER!!! rufen, sondern auch Suppenkasper! Wüterich! DAUMENLUTSCHER!!!!!

Nichts zu sagen März 2, 2014, 6:02

Posted by Lila in Bloggen, Kinder, Persönliches, Presseschau.
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Wenn ich in den letzten Wochen stiller war als sonst, hat das ganz banale Gründe. Ich bin mit Arbeit zugeschüttet, habe andere Sorgen und weiß nicht mehr, was ich zu den abstrusen Dingen sagen soll, die sich in der Welt abspielen. Oder in den deutschen Medien. Ich ärgere mich wohl, wenn ein dümmlich verleumderischer Artikel über Christen in Israel im SPon erscheint, aber wie froh bin ich, wenn Claudio Casula die passende Antwort gibt. Jedoch die Kommentare zum Artikel zeigen, wie erfolgreich die Indoktrination gegen Israel ist. Es vergeht einfach kaum ein Tag ohne anti-israelischen Artikel in deutschen Medien. Das Lügenfest nach der Schulz-Rede war ja auch ein Beispiel.

Davon wird mir nur noch übel. Alle Beschwörungen der Freundschaft beim Merkel-Besuch können darüber nicht hinwegtäuschen. Und ich kann dazu manchmal einfach nichts mehr sagen. Der Anti-Israel-Reflex funktioniert bei manchen Leuten eben sicherer als andere Gehirnfunktionen. Sehr traurig.

Ich gehe diesen Dingen manchmal bewußt aus dem Weg. Ich weiß nicht, ob es irgendwann mal historische Gerechtigkeit für Israel geben wird, eine Richtigstellung, damit den Leuten klar wird, daß die meisten ihrer Glaubenssätze über Israel einfach nur falsch sind. Ich sehe es nicht am Horizont. Eher eine Verschlimmerung. Es ist normal, gegen Israel zu sein, so wie man gegen Tierversuche, gegen Kinderpornographie und gegen Kernenergie ist. Manchmal fällt mir dazu einfach nichts mehr ein.

Manchem mag auch aufgefallen sein, daß ich, seit die Kinder älter sind, weniger aus dem privaten Leben erzähle. Sie gehen ihre eigenen Wege, und ich fühle mich nicht befugt, davon zu erzählen. Aber in ein paar Stunden fährt Tertia zum letzten Mal den langen, langen Weg in ihre Basis südlich von Beer Sheva. Und am Dienstag ist auch ihre Zeit bei der Armee abgelaufen.

Ich kann nicht fassen, daß drei meiner Kinder die Armee damit hinter sich haben. Tertia wird auch keinen Reservedienst machen müssen. Die Jungens haben ebenfalls im Moment keinen Reservedienst, weil die Armee Geld spart – was mich für die Jungens freut, für die Armee aber eher besorgt macht. Jedenfalls haben alle drei eine interessante Armeezeit gehabt. Secundus mit Abstand die schwierigste, Tertia mit Abstand die interessanteste. Keiner von ihnen hat sich verpflichtet oder eine Armee-Karriere angestrebt, obwohl sie die Chance gehabt hätten. Damit ist Y. immer noch der hochrangigste Offizier der Familie (auch in der weiteren – seine beiden Onkel sind ebenfalls Major). Aber wir hatten nie Ehrgeiz in der Hinsicht und sind zufrieden, daß sie viel gelernt haben, sich bewährt haben und auch neue Freunde kennengelernt haben.

Jedenfalls bin ich froh, daß ich Tertia heute zum letzten Mal in Uniform mit der schweren Tasche losziehen sehe. So gut ihr das beige steht – zwei Jahre sind genug.

 

Freude und Leid Februar 23, 2014, 13:23

Posted by Lila in Katzen, Kinder, Uncategorized.
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Am Wochenende hatten wir eine richtig große Familienfeier, mehrere Geburtstage zusammen und viele Gäste. Ich hatte alles richtig strategisch geplant und zwei Tage lang in der Küche gestanden. Nichts macht mich ja froher als um mich herum Leute zu sehen, die sich mit meinem Essen vollstopfen.

Die junge Generation hat ja inzwischen kleine Kinder bekommen, und zu meiner großen Freude fühlten die sich im Garten sehr wohl und buddelten fröhlich in der Erde herum. Daß der Garten (trotz fast regenloser Wintermonate) voller Unkraut ist, störte weder die Kleinen noch ihre Eltern und mich ehrlich gesagt auch nicht. Ich bemühe mich, jeden Tag eine halbe Stunde Garten einzuschieben, aber das klappt nicht immer.

In Y.s Familie ist es eigentlich üblich, sich zu einer festen Stunde zu treffen und auch relativ schnell wieder zu verschwinden – noch ein Überbleibsel aus Kibbuz-Zeiten, wo wir uns ohnehin jeden Freitagabend im Speisesaal und jeden Samstagabend bei der Oma trafen. Aber ich habe wegen der vielen jungen Familien und der langen Fahrtzeit flexible Zeiten angesagt. Ab mittags war offenes Haus, jeder kam, wann es seinen Kindern oder ihm selbst am besten paßte.

Ich hatte zwei Buffets vorbereitet, eins mit salzigen Sachen und eines mit Kuchen. Und weil wir endlich Platz genug haben, saßen überall die bereits erwähnten futternden Grüppchen. Zu meiner sehr großen Freude. Und zu meiner noch größeren war diesmal auch ein lieber Verwandter von mir dabei, der durch Zufall ausgerechnet an diesem Tag ein paar Stunden von einer Dienstreise abknapsen konnte.

Ja, das war ein schöner Tag und ich habe mir vorgenommen, daß wir jedes Jahr im Frühling so eine große Familien-Einladung machen.

Und das Leid. Ach, wer keine Haustiere hat, weiß nicht, wie man an so einem Tier hängen kann. So viele Menschen leiden in der Welt, daß man sich fast schämt, um ein Tier traurig zu sein – aber nur fast.

Achtzehn Jahre haben wir unsere Mini, treu und etwas barschen Charakters. Sie hat mehrere Umzüge gleichmütig verkraftet und jedes neue Revier ohne Anpassungsschwierigkeiten übernommen und beherrscht. Daß ihre Lieblingsmenschen einer nach dem anderen nur noch unregelmäßig auftauchten, noch dazu  in seltsam riechenden Uniformen, hat sie irritiert hingenommen, dann aber ihre Zuneigung auf mich übertragen.

In den letzten Jahren war sie immer in meiner Nähe. War ich in der Küche, dann saß sie auf dem Kratzbrett und guckte mir zu. War ich im Garten, saß sie unter der Bougainvillea und guckte mir zu. Saß ich am Schreibtisch, dann fläzte sie sich mit dem unfehlbaren Instinkt der wahren Katze genau über die Bücher, Artikel oder Blätter, die ich brauchte – oder über die Tastatur. Ja, sie hat sogar mehrmals Dokumente gedruckt, indem sie auf die entsprechende Taste gedrückt hat. Wenn ich Wäsche aufhänge, muß ich mich nicht umgucken, um zu wissen, daß sie hinter mir her stolziert.

Achtzehn Jahre. In dem Sommer, als wir sie adoptierten, kam Primus ins erste Schuljahr und ich fing mein Kunstpädagogik-Studium an. Heute ist Primus ein junger Riese von fast 24 Jahren, und ich unterrichte längst in den Sälen, in denen ich einst studiert habe. So vieles hat sich verändert, aber die bescheidene, manchmal etwas mürrische Tigerkatze, die den Katern im Haus von Anfang an zeigte, wer die Oberpfote hat, war immer dabei.

Wir haben über sie gelacht – wie jämmerlich sie uns anguckte, um zur Terrassentür rausgelassen zu werden, als hätte sie ihr Leben lang darauf gewartet. Und wie rasend schnell sie von der Terrasse nach vorne rannte, den Baum raufkletterte,  um auf den Balkon zu springen und dort ebenfalls mit sehr betrübtem Gesicht kläglich an der Tür zu kratzen, als hätte man sie ausgesperrt. Oft kamen wir die Treppe nicht so schnell hoch, wie die Katze vom „ach laßt mich doch raus“ zum „ach laßt mich doch rein“ wechselte.

Sie hat schon lange abgebaut, wurde magerer (obwohl wir für das ihr genehme Fressen pro Tag mehr ausgaben als für die anderen Katzen  in der Woche) und ruhiger, aber machte einen fitten und wachen Eindruck. In der letzten Woche aber ist sie ein Schatten ihrer selbst und es ist sehr traurig, sie so zu sehen. Der Tierarzt macht uns keine Hoffnungen mehr. Sie ist stoisch wie alle Katzen, aber wir haben den Eindruck, sie leidet. Heute abend fahren wir alle zusammen noch einmal mit Mini zum Tierarzt. Die Großen haben sich dafür freigenommen. Alle Optionen sind offen.

Aus einem Nest Februar 10, 2014, 18:43

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1.

Primus kam heute kurz nach Hause. Auf dem Weg sprang er schnell in die Buchhandlung. Die Buchhändlerin kennt ihn, Tertia und auch mich, obwohl ich keine hebräischen Bücher kaufe – aber irgendwie haben wir es an uns, daß Buchhändlerinnen uns in Erinnerung behalten. Primus und Tertia, meine Leseratten, sind Dauerkunden in der Buchhandlung, allerdings fast nie zusammen.

Heute also bezahlte Primus seinen Stapel Bücher, und die Buchhändlerin meinte: „am Freitag war deine Schwester hier und hat genau dieselben Bücher gekauft!“ Typisch meine Kinder. Tertia hat vier Bücher gekauft, Primus fünf – drei davon waren identisch. Was Primus allerdings mehr gewundert hat, ist, daß die Buchhändlerin ihn und Tertia als Geschwister kennt. Jetzt fachsimpeln sie am Telefon von ihren Büchern.

2.

Die Tage sind trocken und frisch, die Nächte aber richtig kalt. Freitagabend beschlossen die Mädchen, daß sie im Wohnzimmer schlafen, wo es schön warm ist. Auf einmal waren sie wieder wie früher, als sie klein waren, holten aus ihren kalten Zimmern Decken und Kissen, und richteten sich auf den Sofas ein. Sie legten sich so hin, daß sie mit den Köpfen nah beieinander waren und sich unterhalten konnten.

Als wir die Treppe hochgingen, hörte ich Wellen von Kichern, Quietschen und Flüstern. Ach, meine Mädchen, sie haben die halbe Nacht getuschelt und sind dann eingeschlafen, unter Bergen von Decken.

Ganz süß Februar 6, 2014, 16:43

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ist er, meinte meine Tochter. Na ja, wie alte Leute eben sind, aber echt nett.

Shimon Peres ist damit wohl (wer weiß für wie lange) ins Guinness-Buch der Rekorde gekommen. Er hat 9000 Schüler gleichzeitig online unterrichtet, in Staatsbürgerkunde. Und meine Tochter war dabei. Sie hat keine Frage gestellt, aber sie meint, es war interessant.

Guinness official Marco Frigatti says Peres achieved the record Thursday morning when he taught the largest online civics class in the world.

Frigatti says Guinness liked the idea „because it combines civics, technology and a teacher who has seen the country from its origins to today.“

Das kann man wohl sagen. Und „von seinen Anfängen“ kann man auch recht weit fassen – niemand wäre überrascht, wenn sich herausstellte, daß Peres schon mit Jakob und Joseph durch Hebron getrottet ist.

Geburtstag August 24, 2013, 23:39

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Jeder Geburtstag eines meiner Kinder ist denkwürdig. Primus war der Erste, alles war neu und beglückend… und seine Geburt hat mich zur Mutter gemacht (keine Ahnung, was ich vorher war – ein verrücktes Huhn? dann bin ich jetzt eine verrückte Glucke, ist das ein Fortschritt?). Secundus´Geburt war leicht und geradezu angenehm und er selbst ein sehr pflegeleichtes Baby, das war die reinste Idylle. Quartas Geburt war die schwerste und letzte, und ich hatte danach wirklich das Gefühl: ich muß das nicht noch mal haben.

Aber Tertia? Mein Gott, Tertia. Eigentlich war ihr Geburtstag ja für Oktober vorgesehen. Ich weiß noch, wie ich im Kreißsaal lag, in einem abgeteilten Intensiv-Zimmerchen, und um jeden Tag betete. Ich wollte es unbedingt bis Goethes Geburtstag schaffen, doch da wurde nichts draus, sie kam vier Tage früher bzw mußte geholt werden. 1200 Gramm, mager wie ein Spatz, aber schon unglaublich niedlich wegen dieser riesigen Augen. Ich durfte erst zwei oder drei Tage nach der Geburt aufstehen und sie sehen. Das hilflose Gefühl, als ich über diesem offenen Wärmetisch stand, auf dem sie lag, an alle möglichen Apparate angeschlossen, werde ich nie vergessen. Sie hat es nicht leicht gehabt in ihren ersten Monaten, im ersten Jahr, und auch danach noch oft genug mit Asthmaanfällen im Krankenhaus gelegen. Wo alle uns kannten, weil wir so oft da waren. Ach, bis sie die vier Stunden Pause zwischen zwei Inhalationen schaffte! Wie lange dauerte das jedesmal.

Mein Schwiegervater, der ein sehr lieber Opa ist, erinnert sich noch, wie er uns mal im Krankenhaus besucht hat, als sie noch klein war, aber schon sprechen konnte. „Na, Tertia“, fragte er sie, „was würdest du denn gern essen?“, und Tertia antwortete, „Hühnchen zuhause“. Sie war nicht so oft zuhause in der Zeit. Primus war drei Jahre alt, als sie geboren wurde, Secundus anderthalb. Ja waren wir denn wahnsinnig? Wir waren es vermutlich, aber es fiel uns gar nicht auf. Ich weiß noch, wie ich mal bei Regen durch den Kibbuz lief, Tertia vor den Bauch gebunden, Secundus auf einer Hüfte und Primus im Wagen. Und eine ältere Frau fragte mich, wie ich es denn durchhalte, es muß ja so schwierig sein und so. Ich habe sie nur blöd angeguckt. Meistens kam es mir nicht schwierig vor, nur wenn Tertia krank war oder ich im Flugzeug mit allen drei Kindern allein war und sie alle drei gleichzeitig aufs Klo mußten bzw trockengelegt werden. Im Sinkflug.

Ach, meine Tertia. Von klein auf wußte sie immer genau, was sie wollte und was nicht. Es hat nie jemand fertiggebracht, sie von etwas zu überzeugen, das sie ablehnt. Ihr Motto war: ALLEIN! Sie wollte alles allein machen. Wenn sie ALLEIN morgens in den Kindergarten stapfte, schlich ich hinterher und die Kindergärtnerin lauerte hinter Büschen, wenn sie kam (waren ja ca. drei Fußminuten). Wehe, sie sah uns.

Sie ist auch öfter mal ausgebüxt. Wenn sie einen Ausflug machen wollte, zum Skulpturengarten z.B., dann ging sie einfach. Gott sei Dank haben nette Kibbuzniks sie immer wieder zurückgebracht, bevor ich vor Sorge wahnsinnig werden konnte. Wenn ich mich recht erinnere, haben sie aber vorher Tertia dahin mitgenommen, wo sie hinwollte.

Jetzt ist sie schon zwanzig Jahre alt! Eigentlich wollte ich ja mit ihr ins Krankenhaus Nahariya gehen, wo sie geboren wurde, und dort nochmal Danke sagen, vielleicht die Hebamme finden, die mich damals unterstützt hat und deren Namen Tertia trägt. Aber daraus wurde nichts, denn die Familie kam zu Besuch und Tertia ist nicht so sentimental wie ich. Sie ist charakterlich ganz und gar ihr Vater, mit viel Humor und Sinn fürs Lächerliche gesegnet, und einem sehr sachlichen, objektiven und oft auch kritischen Blick auf die Welt. Niemand kann meiner Tochter was vormachen.

Jedes Kind ist ein Geschenk und ein Wunder, da gibt es keine Unterschiede. Aber der Weg, den meine Tertia zurückgelegt hat, war besonders lang und steinig. Ihr ist gar nicht bewußt, daß sie in allerfrühstem Alter bereits Willenskraft bewiesen hat, die in keiner Relation zu ihrer Winzigkeit stand. Darum habe ich für dieses Kind von Anfang an eine Extraportion Respekt verspürt.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

Heinrich, der Wagen bricht Juni 27, 2013, 15:35

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Gestern saß ich mit einer lieben Freundin auf der Terrasse. Es war gemütlich, wir tranken Wasser mit Minz- und Verbene-Blättern kannenweise, und wir genossen die federleichte Brise. Überraschend ging die Terrassentür auf, und Secundus stand neben uns. Er begrüßte meine Freundin höflich und grinste mich an. „Mama, heute fängt mein Entlassungs-Urlaub an, und in drei Wochen ist meine Armeezeit vorbei,“ sagte er, und ich hatte auf einmal ganz verdammt feuchte Augen. Secundus haßt Gefühlsausbrüche, erst recht vor Zeugen, also sagte ich wie zum Scherz, „na, darf ich bei diesem freudigen Anlaß um eine Umarmung bitten?“, und er legte seine Arme um mich. Ich drückte ihn ganz fest, und er strich mir ganz leicht ein paarmal über den Rücken. Keine Ahnung, ob er gespürt hat, daß die eisernen Bänder um mein Herz sprangen und zerbrachen.

Das Leben ist immer lebensgefährlich, mütterliche Sorgen hören nicht auf, und ich finde ja immer was, womit ich mich verrücktmachen kann. Secundus wird nun von zuhause ausziehen und sein eigenes Leben anfangen, ich werde ihn seltener sehen, und wie bei Primus akzeptieren müssen, daß unser Nest für die Kinder nur der Abflughafen ist. Was ja gut und richtig ist. Meine Erleichterung gilt also nicht einer Illusion, daß ich ihn nun zurück unter meinen Flügel stopfen kann. Nein nein, er ist erwachsen und frei.

Nach wie vor besteht die Armee mit ihren Gefahren, unter anderem auch der Gefahr, Unrecht zu tun oder Macht zu mißbrauchen. Ich habe fünf Jahre damit gelebt, daß mindestens einer meiner Söhne Uniform trägt und andere schützt, statt selbst geschützt zu werden, und für die Zwecke des Lande Gesundheit und Leben einsetzt. Ich habe damit gelebt, daß sie an der vordersten Front eines häßlichen (und in meinen Augen gänzlich überflüssigen) Konflikts stehen, daß sie irrationalem Haß ausgesetzt sind und auch in Gefahr sind, selbst irrationalen Haß zu empfinden. Tertia hat noch ein Jahr vor sich, aber sie dient in einer Position ohne „Feindberührung“ und hat mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber nicht mit Felsbrocken und Molotov-Cocktails, die nach ihr geschleudert werden. Die Jungen werden Reservedienst leisten und falls es, chalila, zu einem Krieg kommen sollte, werden sie natürlich dabeisein. Ich habe keine Illusionen. Aber fünf schwere Jahre, seit Primus 18 war und eingezogen wurde, können wir jetzt abhaken.

Schwierige Momente waren dabei. Wie wir Primus in Bisnam, wo er seine Grundausbildung gemacht hat, nach einem Familienbesuch zurücklassen – wie er mich umarmt und wir beide lächeln und optimistisches Zeug reden, obwohl wir beide wissen, daß er am liebsten mit nach Hause kommen würde, und wie ich ihn dann beim Wegfahren dastehen sehe – wie seine Schulter nach vorne sacken. Dann habe ich bis Beersheva meine Tränen  nicht stoppen können.

Wie letzten November Secundus mich anrief und informierte, daß er sein Telefon abgeben muß, weil sie in den Gazastreifen rein müssen, und ich auf dem Sofa vor dem Telefon campiert habe, bloggenderweise. „Aktion Wolkensäule“ hat mich um Jahre altern lassen.

Auch gute Momente gab es. Die Besuche in der Grundausbildung, Picknick auf dem Eltern-Parkplatz, Begrüßungen und Vorstellungen, „das ist mein Freund Segal,“ und man bietet sich gegenseitig Kuchen an. Die Zeremonie am Ende der Grundausbildung, vor der Klagemauer in Israel, als alle zusammen Ha-tikva sangen. Die Zeremonie am Ende der Sani-Ausbildung, bei beiden Söhnen, die stolzen Gesichter. Autofahrten, wenn die Jungens auf einmal viel erzählten, was sie zuhause nicht erzählen würden. Die Diskussionen mit ihrem Vater, wenn Desillusionierung über die Armee und tieferes Verständnis für moralische Dilemmata sich abwechselten.

Viele gute Erinnerungen haben damit zu tun, daß beide combat medics sind. Wie sie mir beide gleichzeitig Blut abnahmen, aus beiden Ellbogen, ich mit geschlossenen Augen, und mußte hinterher sagen, welcher Pieks weniger geschmerzt hat. (Das war einfach: beide legen einen venösen Zugang butterweich und vollkommen schmerzfrei, und beide können das auch mit einer Hand oder im Dunkeln.) Secundus, als er anerkennend über einen der verletzten Syrer sagte: „das war ein richtiger Kerl, wie der Schmerzen ausgehalten hat – da hatten wir großen Respekt“. Primus nach seinem ersten Einsatz, als er ein schwerverletztes kleines Mädchen nach einem Minen-Unfall behandelte und hinterher in den Medien verfolgte, wie sie sich erholte.

Ich bin froh, daß beide eine Aufgabe gewählt haben, in der sie Leben retten und nicht vernichten. Beide Söhne haben arabische Verletzte ebenso behandelt wie jüdische, und dafür bin ich dankbar. Sie haben viel gelernt, viel mitgemacht und viel erlebt, mir natürlich nur einen Bruchteil davon erzählt.

Nein, weder Secundus noch meine Freundin haben bemerkt, was das für ein Moment war, gestern auf der Terrasse.

יותר מזה אנחנו לא צריכים

Grinsend oder quietschend Mai 10, 2013, 10:14

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Tatsächlich, ich habe es die ganze Woche über geschafft, vor Tertia und Secundus geheimzuhalten, daß Primus zuhause ist. Quarta ging es sehr schlecht, die Woche war nicht einfach, und es war gut, daß mein Großer da war, während ich arbeiten mußte. Gestern aber war es endlich so weit. Primus hatte gekocht, seine Geschwister machten sich auf den Weg nach Hause. Secundus kam von Har Dov, Tertia von Nevatim. Sie kamen fast gleichzeitig an.

Secundus kam reingetigert, sah seinen großen Bruder, sagte: „hey, Primus, wie geht´s? was gibt es zu essen?“, und grinste ein bißchen. Sie klopften sich gegenseitig auf die Schultern und in den Nacken. Dann setzte Secundus sich hin und lud sich den Teller voll.

Tertia sah Primus von weitem, quietschte laut „Priiiiiimus!!!“, warf ihre Taschen von sich, sprang ihm an den Hals und jubelte. Quarta sprang sofort hinterher. Dann stellte sie ihm ganz viele Fragen hintereinander. Primus strahlte, die Arme voller Schwestern. Genauso hatte er sich die Reaktionen seiner Geschwister vorgestellt.

Schließlich saßen wir um den Tisch, alle vier, und ich. Gegen Abend kam auch der Vater nach Hause, womit wir komplett waren. Ich genieße jede Minute, in der ich alle Kinder zuhause habe.

Es ist für mich immer wieder unfaßbar, wie verschieden sie sind. Es relativiert auch die elterliche Illusion vom Einfluß der Erziehung.

Primus hat mich neulich danach gefragt, wie ich die Rolle der Erziehung sehe. Ich habe ihm gesagt, daß ich die alte Metapher vom Erzieher als Gärtner ganz passend finde. Der Gärtner kann seine Pflanzen vor Frost, Wühlmäusen und Dürre schützen, er kann ihnen im Rahmen des Möglichen optimale Bedingungen schenken, so daß sie sich entwickeln können. Falsche Behandlung kann Schäden hinterlassen, die Pflanze kann krumm wachsen oder dahinkümmern. Aber kein Gärtner der Welt kann aus einer Eiche ein Veilchen oder aus einer Mimose eine Prunkwinde machen.

In unserem familiären Garten jedenfalls sind vier vollkommen verschiedene Individuen herangewachsen. Klar, wie wohl in jeder anderen Familie auch – meine drei Geschwister und ich sind auch grundverschieden. Was müssen wohl Eltern von sieben oder zehn Kindern empfinden, wenn sie sehen, wie die Kinder großwerden und jedes ganz anders ist als die anderen?

Danke Februar 20, 2013, 21:04

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für die schönen Geschichten. Jeder, der mit dem kleinen Wassermann und der Witwe Schlotterbeck aufgewachsen ist, dem Müllerburschen Tonda, Thomas Vogelschreck und den Brüdern, die das Einhorn suchen – der wird wohl heute einen Moment innehalten und Abschied nehmen.

Kinderliteratur stiftet Identität. Primus hat mir erzählt, wie stark diese Brücke trägt, und wie viel näher er deutschen Gesprächspartnern sofortvorkommt, wenn er den Räuber Hotzenplotz erwähnt. „Den kennst du?“ „Na klar, mit dem bin ich aufgewachsen.“ Das habe ich meinen Kindern weitergegeben, sowohl Kinderliteratur meiner Generation als auch neuere Bücher.

Ich selbst hatte den kleinen Wassermann besonders gern, weil ich die Welt unter Wasser so zauberhaft fand. Der Wald der kleinen Hexe war schön, die Burg und das Örtchen Eulenstein, wo das kleine Gespenst spukt, natürlich ebenfalls, aber am liebsten war mir immer die Unterwasserwelt. Die wunderbaren Illustrationen haben bestimmt dazu beigetragen, daß ich mir diesen See so wunderbar vorgestellt habe. Wie froh bin ich, daß ich in langen Vorlese-Abenden den Zauber weitergegeben habe. Kinderliteratur, die man als Kind mit Liebe gelesen hat, bleibt einem immer lieb, weil beim Lesen die eigene Kindheit, das eigene kindliche Lese-Ich wieder hochsteigen.

Nicht jeder verdient sich so liebevolle, bewegte Nachrufe wie Otfried Preußler. Solange noch Kinder mit dem kleinen Wassermann den Mondaufgang beobachten, lebt er weiter.

 

Komisch leer Februar 12, 2013, 9:48

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ist das Haus. Primus ist wieder in Deutschland, sein Deutsch endgültig aufpolieren. Als er sich für den Sprachkurs Deutsch anmelden wollte, sah die Sekretärin ihn verständnislos an. Sie dachte, er will eine Fremdsprache lernen – Deutsch kann er doch. Nur wenn man gut hinhört, erkennt man, daß er die Silben sorgfältig betont und nichts wegnuschelt, wie die Eingeborenen das tun. Hebräisch gefärbte Ausdrücke benutzt er kaum noch. Aber um studierfähig zu sein, muß er am schriftlichen Ausdruck feilen.

Secundus ist unterwegs. Am Sonntag hatten sie einen „Kulturtag“ in Jerusalem, aber wie war es? Och, ziemlich langweilig. Wenn man dann genauer nachfragt, stellt sich raus, daß es eigentlich ganz interessant war. Alle sechs Monate haben sie so einen Kulturtag und gucken sich gemeinsam Museen, Ausstellungen oder Einrichtungen an, hören Vorträge oder sonst allerlei Dinge, die sie sonst bestimmt nicht sehen und hören würden.

Tertia beweist ihr Talent, in schwierigen Situationen mit Humor, aber auch mit Schärfe zu reagieren, wenn sie muß. Um Tertia muß ich mir keine Sorgen machen. Mußte ich eigentlich noch nie, aber habe ich natürlich trotzdem immer. Seit sie als winziges Kleinkind energisch darauf bestand, alles allein zu tun, ist ihr Drang nach Unabhängigkeit kaum zu bändigen. Daß sie bei der Armee keine Probleme hat, sich einzuordnen, liegt daran, daß die Aufgaben interessant sind, die Freundinnen nett und daß es immer Gründe gibt, abends über die Ereignisse des Tages ausgiebig zu lachen. Wir telefonieren oft, auch wenn sie mir nicht viel erzählen kann.

Nur Quarta ist noch jeden Tag zuhause. Ich koche viel zu viel, daran merke ich, daß ich die Großen vermisse. Ich lüfte jeden Tag ihre Zimmer und räume ihnen die Wäsche ein und lege den Soldatenkindern Süßigkeiten zwischen die T-shirts, die sie manchmal gar nicht finden. Ich weiß nicht, wann dieses Rad der Sorgetätigkeit ausschwingt. So viele Jahre war es mit viel Arbeit verbunden, die Kinder großzuziehen, und obwohl ich es genieße, mehr Zeit zum Lesen, Häkeln und Arbeiten zu haben, irritiert es mich doch, daß die Woche über so gar nichts Kindermäßiges zu tun ist. Mit Quarta bin ich nicht ausgelastet, und die Katzen wehren sich gegen zu viel Zuwendung – außer Leo natürlich, der verschmust ist wie eh und je.

Ich sage ja immer – ein Familienhaus ist wie ein Schiff, das erst ab einer gewissen Ladung gut im Wasser liegt. Die Woche über ist unser Schiffchen eindeutig unterbelastet. Ich warte immer auf den Donnerstag, wenn mit Wäsche, Hunger und Bedürfnissen aller Art Secundus und Tertia eintrudeln, sich Wochenendbesuch ansagt und die Zeit eigentlich ebensowenig reicht wie der Kuchen. Und ich bin gespannt, wann Secundus anfängt, Pläne für die Zeit danach zu schmieden. Der Sommer rückt näher.

Nicht vergessen Dezember 8, 2012, 12:47

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Glueckliche Abende so wie gestern. Draussen rauscht der Regen, seit zwei Tagen fast ununterbrochen, die Katzen kommen empoert und gekraenkt von ihren Ausfluegen wieder und schuetteln die Regenperlen vom Pelz. Auf dem Tisch brennen Kerzen – die Pyramide und der Adventskranz. Quarta lernt die Weihnachtsmaus auswendig, Tertia mit ihrem messerscharfen Gedaechtnis souffliert ihr.

Die Drei luemmeln sich auf Couch und Sessel, gucken alte Folgen von „Friends“, die hier en bloc ausgestrahlt werden, und kichern entzueckt, auch Secundus. Um zehn Uhr haben sie auf einmal Nachthunger, und ich stelle mich tatsaechlich noch mal in die Kueche und mache ihnen was im Wok, das moegen sie so gerne. Danach wollen sie Eis-Schokolade, kriegen sie auch.

Als die Maedchen ins Bett gehen, liegt Secundus noch auf der Couch und sieht Bundesliga. Quarta guckt auf die Tabelle der Bundesliga-Spiele und lacht sich kaputt, wie Moenchengladbach auf Hebraeisch aussieht – als haette jemand einfach mal wild auf die Tasten gehauen, MNSCHNGLDBCH. Ich wiederum lache, als ich die Liste der englischen Liga sehe und mir vorstelle, wie ein Israeli, der sein Englisch vergessen hat, Niyukassl aus dem Hebraeischen konstruiert. Secundus ist froh, als er uns los ist.

Bestimmt schlaeft er wieder auf der Couch ein. Mir soll’s recht sein. Er erzaehlt, er lacht, er ist vergnuegt, er hat Berge von Waesche mitgebracht. Er hat schwierige Erlebnisse – viele der Autounfaelle, zu denen er gerufen wird, enden mit Toten, sehr oft mit toten Kindern. Palaestinensische Kinder, von denen viele nicht angeschnallt waren. Das ist bitter fuer die Rettungskraefte, und sehr traurig zu hoeren. Aber es ist gut, dass er erzaehlt, und dass er, soweit ich es beurteilen kann, eine Balance haelt zwischen Empathie fuer die Menschen, die er behandelt, und professionellem Abstand.

Naechste Woche faengt sein Kurs an, eine Weiterbildung. Dann ist er erstmal in Rishon, aus den Gebieten weg. Danach in den Golanhoehen, genau da, wo sein grosser Bruder war (und wo regelmaessig Geschosse aus Syrien fallen). Aber nur noch eine Woche Hebron. Fast, fast, fast bin ich erleichtert – ohne boesen Blick natuerlich, tfu tfu tfu.

Ein Uhr nachts, im Regen November 24, 2012, 18:46

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Das habe ich vorgestern nacht geschrieben:

Wir sassen im Auto, auf einem Parkplatz neben dem Busbahnhof, und warteten auf den Bus. Wir sahen ihn nicht, aber auf einmal klopfte es an die Scheibe. Mager und mit Bartstoppeln grinste Secundus uns an. Wir ersparen ihm sonst Peinlichkeiten, aber diesmal konnte er dem Sandwich-hug, diesem Kindheitstrauma, nicht entgehen. Er liess es sich auch gefallen.

Wir hatten eine warme Mahlzeit fuer ihn mitgebracht, und waehrend wir fuhren, futterte er erstmal. Dann fing er an zu erzaehlen.

Am Mittwoch vor einer Woche sassen sie in Hebron abends vor dem Fernseher, das ganze medizinische Team, und sahen in den Nachrichten, dass Israel den militaerischen Kopf der Hamas getoetet hatte. Der Arzt sagte sofort: das wird wohl Folgen fuer uns haben – und so war es auch.

Der Arzt und das ganze Team feilen staendig an der Einsatzbereitschaft, und so gab es keine Verzoegerungen, als die Befehle kamen und die ganze Einheit nach Sueden verlegt wurde. Die mobile Erstversorgung (taagad) war laengst zusammengepackt und einsatzfertig. Sobald der Ersatz kam, zogen Secundus und seine Kollegen, in Richtung Sueden. Secundus sagt, die Soldaten, die nach Hebron gerufen wurden, waren richtig sauer und protestierten: warum sollte die Nahal in den Gazastreifen duerfen und sie nicht? Sie waren kurz davor, den Befehl zu verweigern.

Secundus‘ Truppe fuhr nicht direkt an den Gazastreifen, sondern zuerst in eine andere Basis, zu allen moeglien Vorbereitungen. Dort ging alles recht reibungslos zu, zumindest die Dinge, die geuebt worden waren. Manches kann man aber nicht ueben, und Y. meinte, „fuer sowas ist ein Krieg doch nuetzlich- jetzt sitzt wieder alles“, bemerkte aber auch mit Befriedigung, dass die Lehren sowohl aus Libanon II als auch aus Oferet Yezuka gezogen worden waren. Die Armee verbessert sich selbst staendig, jedem Fehler wird nachgeforscht, fuer alles gibt es Mechanismen, und was nicht wie geschmiert geht, wird eben korrigiert, bis es sitzt.

Und dann sassen sie in Bussen und fuhren in den Sueden. Dort sahen sie pausenlos Raketen aus dem Gazastreifen aufsteigen, die ueber ihre Koepfe hinwegflogen und von kipat barzel aufgefangen wurden. Secundus sagt, dass sie vor Ungeduld brannten, auch etwas zu tun. Er sagt, man denkt in solchen Situationen gar nicht an die Gefahr, sondern nur daran, dass dieser Beschuss gestoppt werden muss, und dass sie bereit sind, alles zu tun, damit das passiert.

Es kamen immer mehr und mehr Soldaten, aus vielen Infanterie-Einheiten, regulaer und Reserve. Die Zeit ging schnell herum mit Vorbereitungen und Kennenlernen der neu hinzugekommenen Reservisten. Manche davon waren erfahrene alte Hasen, die nichts aus der Ruhe bringen konnte, andere waren noch wie schwindlig vom schnellen Uebergang, den sie nicht erwartet hatten.

Secundus verstand sich besonders gut mit einem, der zu ihm sagte: heute frueh habe ich noch mit meiner Frau auf der Terrasse Tee getrunken, und jetzt bin ich unterwegs in den Gazastreifen…. Secundus half ihm, sich schnell wieder an die Routine zu gewoehnen, dafuer hatte der Reservist seine Erfahrungen von frueheren Kriegen. Er hat Secundus zum Abschied ein Geschenk gemacht. Er sitzt bestimmt jetzt mit seiner Frau bei einer Tasse Tee und muss sich vorkommen, als haette er das nur getraeumt.

So haben sie sich alle darauf eingestellt, dass sie rein muessen, haben sich schon die Gesichter mit Tarnfarben bemalt, die enorm schweren Westen und Taschen und alles andere aufgebuckelt, und sind losmarschiert. Erst ganz knapp vor dem Gazastreifen hiess es auf einmal: Pause. Und nach einer langen Pause dann: Einsatz um 24 Stunden verschoben.

Secundus sagt, das war ein sehr schwieriger Moment, denn die Spannung fiel in nichts zusammen, aber vollkommene Entwarnung gab es auch nicht. Und das wiederholte sich dann ein paarmal. Die Soldaten vertrieben sich die Zeit mit Uebungen, mit „shiftzurim“, also Basteleien und Verbesserung der Ausruestung, und sahen den Raketen weiter zu. Der Krieg spielte sich in der Luft ab, die Infanteristen warteten auf ihren Einsatz, aber irgendwann war klar, dass der nicht kommen wuerde.

Einige waren erleichtert, andere enttaeuscht, aber alle hatten das Gefuehl, dass das nicht die letzte Runde ist. Dass frueher oder spaeter eben doch  noch ein weiterer Krieg kommen wird. Und, wie ich es auch von interviewten Reservisten im Fernsehen gehoert habe, sie dann genauso hochmotiviert und gut vorbereitet kommen werden wie diesmal.

Secundus hat Benni Ganz diesmal nicht gesehen. Aber er hat viele andere Leute getroffen. Er sagt, die Atmosphaere war ruhig, trotz der Aktivitaeten und Vorbereeitung. Eine riesige Menge Menschen, von denen jeder genau weiss, was er zu tun hat. Er sagt, ausser ein paar technischen Ausfaellen ging alles wie am Schnuerchen. Jede Panne wurde sofort weitergemeldet. Da dachte ich: genauso haben es auch die vielen Soldaten erzaehlt, die ich im Fernsehen gesehen habe. Der Uebergang „von der Routine in den Ernstfall“, wie die Armee es nennt, was dann zu einer „Routine des Ernstfalls“ wird – das klappt nach Secundus‘ Erfahrungen reibungslos.

Irgendwann fanden sie sich dann in seiner alten Ausbildungs-Basis wieder, in der Naehe von Arad. Kurz vorher waren dort neue Rekruten eingetroffen – die kaempfenden Einheiten rekrutieren ja im November (Y. und auch Primus sind „Nov“-Soldaten, und ein typischer Soldatenspruch ist: „ad Nov haia tov“ – „bis November war alles okay“…). Sie wurden nach Hause geschickt, um Platz fuer Secundus und seine Freunde zu machen.

Eigentlich war geplant, sie uebers Wochenende dort zu behalten, und sie dann zurueck an ihre normalen Einsatzorte zu schicken – in Secundus‘ Fall Hebron, wo auch seine ganze persoenliche Ausruestung geblieben war. Dann trieben sie aber doch Busse auf, um die Soldaten wenigstens fuer einen Tag nach Hause zu schicken.

Secundus‘ Bus war ausdruecklich nur fuer Soldaten aus dem Norden bestimmt, aber trotzdem hielt der Busfahrer ueberall, wo jemand rauswollte. Darum dauerte die Fahrt viele Stunden. In Haifa warteten dann die Eltern der wirklich hoch im Norden wohnenden Soldaten, vermutlich alle mit warmem Essen und Suessigkeiten auf den Knien.

Er erzaehlte die ganze Zeit. Dann waren wir zuhause. Morgen abend muss er wieder ins sehr unruhige Hebron.

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Das Wochenende ist vorbei, er ist schon wieder unterwegs. Er hat praktisch das ganze Wochenende geschlafen, er war vollkommen erschoepft. Er hat nicht mal Musik gehoert, wie sonst immer, so kaputt war er. Darum fuer ihn:

eines von Secundus‘ Lieblingsliedern. Die grosse, in Israel sehr beliebte Glykeria singt mit Harel Moyal, dessen Fan Secundus ja schon seit vielen Jahren ist.

Ausserdem stell ich, wie neulich schon, einen Quatsch-Clip von tanzenden Soldaten ein – aber der hier ist neu. Das sind Soldaten, die auf den Einsatz im Gazastreifen warten.

Hatten die sonst nichts zu tun? Na ja, sie werden, wie Secundus, mit der Vorbereitung fertig gewesen sein, und irgendwie muss man sich ja die Wartezeit vertreiben. Jetzt sind sie alle wieder zuhause oder, wie Secundus, schon wieder im naechsten Einsatz. Aber die Laune war wohl ganz gut da unten, trotz allem.

Hoffen wir, dass die Waffenruhe haelt, dass Aegypten weitere Waffenlieferungen aufhaelt, und dass irgendwas passiert, um den giftigen Einfluss des Iran zurueckzudraengen.

Gespraeche November 22, 2012, 21:51

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1. Primus

Mein Primus ist gluecklich in Deutschland. Ich erzaehle ja nicht viel von ihm im Moment, aber ich habe Freude an dem Jungen. Er macht ein Praktikum in dem Krankenhaus, wo meine kleinen Geschwister geboren sind und wo mein Vater gestorben ist, und er macht es gern. Die Schwestern und Pfleger sind freundlich, und er bewundert ihre Kompetenz und nimmermuede Geduld. Die ganze Atmosphaere ist so nett. Kein Wunder, sind ja alles Rheinlaender…

Ein alter Patient hat ihn mit Handschlag begruesst, als er gehoert hat, dass er Israeli ist, und hat von seinen Erlebnissen in Israel erzaehlt, vor 40 Jahren. Ueberhaupt trifft Primus bisher nur Leute, die entweder nichts wissen, aber neugierig sind, oder die positive Erinnerungen an Ferien in Israel haben.

Und mein Aeltester, der schon als ganz kleiner Junge alte Menschen gerne hatte, sich neben die Alten auf die Bank setzte und mit ihnen Gespraeche anfing, der zu seiner Bar Mitzva eine ganze Gruppe der Kibbuz-Vatikim einlud, mit der Begrueundung “ die sind meine Freunde“, der sich genau wie ich unwillkuerlich zu alten Menschen hingezogen fuehlt – der erzaehlt mir mit Begeisterung von seinen Patienten und wie nett sie alle zu ihm sind. Er ist einfach ein feiner Junge, und das spueren Kranke. Sie merken, wer sie mit Geduld, Takt und Respekt behandelt.

Primus hat begriffen, dass es gar nicht trivial ist, einen Menschen bei trivialen taeglichen Verrichtungen zu unterstuetzen – man kann ihn dabei fuehlen lassen, dass er laestig ist, oder aber, dass er noch derselbe Mensch ist wie vorher, nur eben im Moment hilfsbeduerftig. Und dass man ihm gern hilft, ganz selbstverstaendlich.

Das ist der Primus, der im Sani-Kurs der einizge war, der im Reanimations-Kurs auf die Uebungspuppe reagiert hat wie einen Menschen. Er hat der Puppe die Hand auf die Schulter gelegt und beruhigend gesagt, waehrend er anfing zu behandeln: ich bin der Primus, und ich kuemmere mich jetzt um dich. Als er mir das erzaehlt hat, war ich verbluefft – so habe ich Patienten im Koma auch immer begruesst, ihnen immer angekuendigt, was ich als naechstes tun muss, als ich im Kibbuz mit Kranken gearbeitet habe.

Wenn ich ihn so erzaehlen hoere, vermisse ich ihn ganz fuerchterlich. In sein Ivrit mischen sich mehr und mehr deutsche Woerter – Uebergabe, Station, Visite, Stationsschwester, Weihnachtsfeier… und ich bin froh, dass er auch meine alte Heimat jetzt genau kennenlernt, von innen, im Alltag.

Mit meiner Mutter und meinen Geschwistern und allen Freunden und Bekannten versteht er sich auch gut. Er klingt zufrieden und interessiert und ich kann ihm stundenlang zuhoeren.

Egal was mal aus ihm wird – ich bin nicht in Sorge um ihn.

von rechts: Primus, Quarta, Tertia und einer von Primus‘ besten Freunden noch aus Schulzeiten

2. Secundus

Gerade hatte ich aufgelegt und sann dem Gespraech noch nach, da rief Secundus an. Um ihn herum Riesenlaerm. „Pass auf, Mama – ich sitz im Bus, sie haben uns alle nach Hause geschickt! Der Bus faehrt bis Lev ha Mifrats, koennt ihr mich da abholen? Koennt ihr wohl was Leckeres mitbringen? Ich bin total ausgehungert!“ Haette er gesagt, ich sollte ihm den Kohinoor-Diamenten mitbringen, haette ich ihm den wohl auch versprochen, allerdings waere ich dann etwas im Stress – woher krieg ich jetzt dieses Ding? Aber Essen gibt es hier genug, ich habe fuer Tertia genug gekocht, die vorhin wiedergekommen ist. Vielleicht schaff ich noch einen Kuchen…

oben links in hellblau: Secundus

3. Tertia

Tertia hat eine Woche voll Arbeit und Stress hinter sich, aber zwei Dinge sind ihr im Gedaechtnis geblieben.

Die Maedchen haben bei der Arbeit Radio gehoert, um auf dem laufenden zu bleiben. Da wurden Wunschprogramme gesendet, wo sich Menschen aus dem Sueden Musik wuenschen durften, so wie in meiner Jugend auf SWF 3, Musikbox…

Tertia meint, praktisch alle gewuenschten Lieder handelten von Hoffnung, Frieden und Optimismus, und jedes einzelne wurde von Alarm-Ansagen uebertoent.

Don’t worry, be happy… Alarm in Beer Sheva… and if you think I’m a dreamer, I’m not the only… Alarm in Ofakim und Netivot… yesterday’s gone, yesterday’s gone… Alarm in Beer Tuvia…

Tertia sagt, ein Tag war besonders schlimm, da haette sie fast geweint vor Mitleid mit den armen Leuten im Sueden. Von manchen Songs hat man kaum ein Wort mitgekriegt, so oft wurden die Hoerer vor Raketen gewarnt.

Das zweite einschneidende Erlebnis war eine Neue auf ihrem Zimmer. Eine junge Soldatin (Tertia ist ja schon eine alte Haesin…) aus einem Ort im Sueden. Sie ist erst seit kurzer Zeit auf der Basis, und zu Anfang hat sie sich wohlgefuehlt, weil sie ja nah an zuhause ist. Aber als die Angriffe immer dichter wurden, bettelte sie um Sondergenehmigung nach Hause. Sie hat keinen Vater mehr, nur Mutter und kleine Schwester.

Die Mutter muss arbeiten (ich weiss nicht, wo sie arbeitet, aber es gibt Arbeiten, die weitergehen muessen), die kleine Schwester aber weint vor Angst, allein zu bleiben. Sie kennt es nicht anders, seit ihrer juengsten Kindheit gibt es immer wieder Alarm, und sie ist total veraengstigt und verstoert. Die Soldatin hat die Sondergenehmigung erhalten, um der kleinen Schwester beizustehen.

Tertia und ich stellten uns vor, wie die Soldatin, selbst ja noch ein junges Maedchen, die Juengere troestet und ihr ein Gefuehl von Sicherheit geben will, waehrend die Mutter auf der Arbeit vor Sorge die Waende hochgeht. Die beiden Maedchen in ihrem Luftschutzraum, wie sie sich umarmen.

4. Quarta und Tertia

Quarta: Sag mal, was esst ihr eigentlich bei der Armee?

Tertia: Das kommt drauf an, wo man hin geraet. Bei der Infanterie essen sie loof mit Sand und akrabutim. Bei uns in der Luftwaffe haben wir einen franzoesischen Spitzenkoch, der das Dessert am Tisch flambiert…

Dieses Wochenende November 22, 2012, 12:40

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kommt Tertia nach Hause – ihr Vater holt sie aus Tel Aviv ab, ich will sie nicht Bus fahren lassen, und sie ist noch dazu krank.

Mit Secundus habe ich telefoniert. Er bleibt am Wochenende in der Basis der Nachal in der Naehe von Arad („Nachal tov“), und als ich ihn frage, ob es ihm passt, wenn wir ihn besuchen kommen, freut er sich richtig. „Bringt aber ganz viel gutes Essen mit!“, ermahnt er mich, und ich sage, „was? Wir dachten, du bist mit einer Tuete Craecker zufrieden“, und er lacht und sagt, „bring die Craecker auch mit“. Und er klingt vergnuegt und aufgekratzt. Im Hintergrund hoere ich Lachen.

Als ich Y. davon erzaehle, freuen wir uns einfach nur. „Mach ne Einkaufsliste“, sagt er.

Nichts hat mir in der letzten Woche so viel Spass gemacht wie diese Einkaufsliste.

Und ich habe das Gefuehl, eine ganze Karawane erleichterter Eltern mit Waschkoerben voller Lebensmitteln wird den Pfad runter zur Basis Nachal tov bevoelkern. Und jede Mutter wird sich beim Kochen und Backen denken: „ach, mach ich mal die doppelte Menge Mandelkuchen, dann kann er den anderen Jungens und Maedchen was abgeben“😀

Wortlos November 18, 2012, 18:22

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Viele Bilder von der Mobilisierung.

In jeder Generation seit der Gruendung Israels.

 

An all die Mahner, Kopfschuettler, Abwiegler, November 16, 2012, 5:54

Posted by Lila in Kinder, Land und Leute, Persönliches.
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die jetzt vor Eskalation warnen und Israel zur Zurueckhaltung auffordern.

In diesem meinem kleinen Blog existiert eine Kategorie namens Qassam-Ticker. Einfach mal anklicken und lesen. Aber richtig. Mindestens ein paar Seiten lang.

Und mir dann erklaeren, wo Ihr Euren Protest hoer- und sichtbar gemacht habt, waehrend Israel beschossen wurde. Gern mit Links, Bildern von Demos, von den Plakaten, die Ihr aus dem Fenster gehaengt habt, Kopien der Briefe an Eure Bundestagsabgeordneten. Jedes Dokument wird dankend entgegengenommen.

Wer aber still war, waehrend in Netivot, Eshkol, Kerem Shalom und Nir Am die Raketen niedergingen, Tausende ueber die Jahre, der hat nicht das geringste moralische Recht, jetzt Israel daran zu hindern, seine eigenen Massnahmen zu ergreifen. Wer den Krieg angezettelt hat, das waren nicht wir. Wir haben hoechstens wieder mal zu lange gewartet. Die Kinder aus Sderot, die keine andere Realitaet kennen als unter Beschuss, sind inzwischen in der Mittelstufe. Eine weitere traumatisierte Generation.

Und Leute wie Westerwelle, deren Regierung Geld massenweise und ohne jede daran geknuepfte Bedingung in den Gazastreifen geschuettet hat, obwohl dort genug Geld war, um teure Raketen aus dem Iran einzukaufen – Leute, deren Parlament einstimmig und ueber alle Parteien hinweg eine Verurteilung Israels beschlossen hat, weil Israel es gewagt hat, per Blockade den Gazastreifen wenigstens bei der Bewaffnung zu hindern – solche Leute haben schon gar kein moralisches Recht, jetzt den grossen Mahner zu spielen.

Es ist kein Zufall, dass deutsche Journalisten von Putz bis Teichmann fest daran glauben, es muss ein Wahlkampftrick sein. Dass Israel ununterbrochen seit Jahren angegriffen wurde, mit Raketen, mit Bomben und Sprengsaetzen, haben sie ja gar nicht erst ihrem lesenden Publikum gemeldet und berichtet. Sie tragen ja mit Schuld daran, dass niemand eine Loesung fuer das Problem gesucht hat, denn sie haben das Problem mit verschwiegen.

Eine Bedrohung Israels existiert fuer solche Beobachter nicht. Eine unertraegliche Belastung fuer fast eine Million Israelis, die ihren schwierigen Alltag seit Jahren meistern muessen, waehrend die Welt ignoriert, was bei ihnen los ist – das ist nicht denkbar. Fuer sie ist Israel anders als in der Rolle des aggressiven, unkontrollierbaren Golems gar nicht cast-bar.  Sie glauben, es waere logischer, Israel wartet bis zur Wahl, wartet dann, bis eine Koalition steht (was hier bis zu einem Monat dauern kann), wartet dann weiter, bis sich ein neuer Verteidigungsminister gut eingearbeitet hat (denn Barak wird es nun mal bestimmt nicht mehr), und dann reagiert die neue Regierung? Und was machen die Leute in Netivot und Ashdod bis dahin? Waehrend sich die Aggressoren im Gazastreifen sicher und unangreifbar fuehlen?

Wer nicht mitgekriegt hat, wie unertraeglich die Lage im Sueden wurde, und wie ominoes sich die Wolken zusammengezogen haben, der hat nichts verstanden. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein Mitglied einer fremden Regierung, ausser Obama in seiner Debatte mit Romney, als er Sderot und seinen Besuch dort erwaehnte, sich jemals eingemischt haette, waehrend Israel einen Beschuss ausgehalten hat, den kein anderer Staat hingenommen haette. Oder faellt jemandem ein Beispiel ein?

Oh ja, mir fallen gleich zwei Beispiele ein. Jahrelang regnete es Beschuss aus den damals syrischen Golanhoehen auf israelische Doerfer unterhalb. Und jahrelang wurde Galilaea aus dem Libanon beschossen. Auch damals kraehte kein Hahn danach, jedoch, als es israelische Gegenwehr setzte, war das Entsetzen gross. WAS, die wagen, sich zu verteidigen?

Also, Westerwelle und Cameron, Putz und Teichmann, wo wart Ihr, als die Raketen auf Israel fielen? Genau da koennt Ihr auch jetzt bleiben. Die Eskalation haben nicht wir zu verantworten, sie findet seit Jahren statt, und allein konnten wir sie nicht stoppen. Nicht solange weltweites Wohlwollen die Palaestinenser umgibt, egal wie viele Raketen sie auf Eshkol feuern.

Und das sage ich, die persoenlich ueberhaupt kein Interesse daran hat, dass diese Aktion weitergeht. Fuer mich persoenlich bete ich, dass Netanyahu es sich ueberlegt und die Bodenoffensive abblaest. Der Gedanke, dass nach den roten und lila Barette demnaechst die hellgruenen dorthin abkommandiert werden, ist jenseits des Ertraeglichen. Ich weiss nicht, wie die Eltern der Fallschirmjaeger und Givati-Infanteristen es ertragen. In ganz Israel sitzen jetzt Menschen schlaflos vor dem Fernseher, genau wie ich, und starren die Bilder an, in der verzweifelten Angst, ihren Chaimke an der Grenze zum Gazastreifen zu sehen.

Y.s Grossmutter haette fast ihren Aeltesten verloren, waehrend sie mit ihm schwanger war, als sie bei der Wache in der Zeit der Araberaufstaende mit ihrer Waffe in ein tiefes Loch fiel. Dieser Aelteste hat im Sechstagekrieg und im Yom-Kippur-Krieg mitgekaempft, wohlgemerkt als ultra-linker Kibbuznik, der viel lieber mit Arabern in Frieden gelebt haette. Er hat bei der Schlacht um den Hermon mehr als einmal gedacht, seine Uhr bleibt stehen.

Der Sohn dieses Sohn wiederum, mein Mann, hat die schoensten Jahre seiner Jugend im Libanon verbracht, fuenf lange Jahre lang, ist mit allem beschossen worden, mit dem man ueberhaupt beschossen werden kann, hat seinen einzigen Freund verloren und traegt die Spuren der damaligen Zeit bis heute. Als unsere Kinder geboren wurden, haben Urgrossmutter und Grossvater gesagt: „vielleicht muessen sie ja gar nicht zur Armee, wenn sie gross sind“, denn es war die Zeit des sogenannten Peace process, Oslo. Jetzt sind die Kinder gross.

Mein Schwiegervater hat elf Enkel. Fuenf davon tragen im Moment Uniform, Primus ist Reservist. Er haette sich weiss Gott etwas anderes fuer sie gewuenscht, als dass sie nun auch die Schrammen davontragen muessen, den der Einsatz bei der Armee verursacht, wenn man dem unverhuellten Hass taeglich entgegentritt, und eigentlich nichts anderes moechte, als dass die Leute zuhause in Ruhe schlafen koennen – und man selbst auch.

Kurz, es ist laecherlich, uns vorzuwerfen, wir waeren kriegsgeil und haetten eine zu kurze Zuendschnur. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn es etwas gibt, das mich an der Serie Sharpe jedesmal wieder ueberzeugt, dann die totale Kriegsmuedigkeit der Veteranen, die im krassen Gegensatz zur Kampflust der unerfahrenen Soldaten steht. Wer weiss, wie der Krieg aussieht, der versucht, es auf keinen Fall so weit kommen zu lassen. Obwohl ich persoenlich bekanntlich weder Netanyahu noch Barak fuer optimale Politiker halte, weiss ich von beiden, dass sie kriegserfahren und kriegsmuede sind. Haette es eine andere Moeglichkeit gegeben, haette Israel irgendeine Art von Rueckhalt gehabt, dann waere es nicht soweit gekommen.

Die Welt hat die ganzen Monate und Jahre ueber ignoriert, was hier vorgegangen ist, als Moshiks alte Mutter wegen ihrer Herzkrankheit nicht mehr in den Luftschutzraum rennen konnte und die ewige Angst sie einfach kaputtmachte, bis sie starb. Jetzt, wo Israel zum einzigen Mittel greift, das wenigstens fuer eine begrenzte Zeit Ruhe fuer Sderot verspricht, jetzt ringt die Welt die Haende. Zu spaet, zu spaet.

Meine Guete, wie gross war die Empoerung, als eine Moersergranate in der Tuerkei landete! Es war selbstverstaendlich, dass die Tuerkei reagierte. EINE Moersergranate. Aber klar, das war ein Angriff. Es war wirklich einer. Die Tuerkei hatte das Recht, zu reagieren. Und wir haben es auch.

Und fuer die Traeumer, die meinen, Israel muesste nur X oder Y tun, und schon waere Frieden? Die darf ich daran erinnern, dass Israel den Gazastreifen geraeumt hat. Dort ist (noch) kein einziger Israeli mehr, seit Gilad Shalit frei ist. Der Beschuss, der vor der Raeumung anfing, ist seitdem nur staerker geworden. Die Palaestinenser lassen sich von Zugestaendnissen nicht im Geringsten beeindrucken, besonders die Hamas nicht, aber auch Abu Mazen hat zB bei Israels Siedlungs-Baustopp nichts getan, sich nicht mal mit der israelischen Regierung getroffen. Es ist nie genug, sie fordern immer noch mehr. Nichts, was wir haetten tun koennen, haette den Islamischen Jihad davon abgehalten, Suedisrael zu bombardieren. Was, bitte, koennen wir einem Feind anbieten, der die Befreiung Tel Avivs von der Besatzung fordert?

Also, so sieht es aus. So ist die Welt. Der eine steht allein und froestelt in der Nacht. Der andere sitzt im Warmen und zeigt mit dem Finger auf andere, die es nicht so gut und friedlich haben wie er.  Ich habe, seit ich Kinder habe, nie mehr gut geschlafen. Seit Primus vor vier Jahren, genau zu „gegossenes Blei“, eingezogen wurde, schlafe ich nur noch in wenig hilfreichen kurzen Episoden. Und jetzt? Keine Ahnung, wie man einschlaeft, loslaesst, sich entspannt. Ich habe diese Entwicklung seit Monaten am Horizont gesehen und sie gefuerchtet, habe gedacht, wenn wenigstens ich meine kleine Alarmglocke laeute, meinen Qassam-Ticker mache, hoert mich ja vielleicht jemand? Ja, schon, aber leider nicht die, die etwas haetten tun koennen. Westerwelle zum Beispiel😉

Wie soll es weitergehen? Ich bin praktisch rund um die Uhr mit Ynet breaking news verbunden. Ich verlasse mich nicht auf die Berichte, gucke die Bilder an, suche nach Gesichtern, die ich kenne, ueberlege, was ich tun kann. Hm. Nichts.

Wenn ich denke, hoffentlich wird die Bodenoffensive nicht umgesetzt, hoffentlich hat Mursi Erfolg – dann muss ich an Ruth denken, an ihre Toechter, beide, aber besonders die Kleine. Und dass sie seit Monaten Angst hat. Seit Jahren. Und dass sie schon Explosionen aus der Naehe gehoert hat, die ich mir nicht mal vorstellen kann. Und da soll ich aus Sorge um die Soldaten die Sicherheit eines kleinen, wehrlosen Maedchen aufopfern? Das kann ich nicht. Ich fuehle mich beiden verpflichtet, dem verschreckten Schulmaedchen, das auf dem Heimweg Unterschlupf vor Raketen suchen muss, und dem schlaksigen, wortkargen Secundus, der bereit ist, dahin zu gehen, wo er gebraucht wird, mit seiner Sani-Weste und seinem Tarn-make-up und seiner Waffe.

Wir koennen nicht beiden gerecht werden. Das Dilemma ist fuer uns alle in Israel kaum auszuhalten.

Versteht das jemand? Nein. Putz und Teichmann glauben wohl, Israelis jubeln, wenn sie die Jungens an der Grenze zum Gazastreifen sehen, oder die Hubschrauber, auf die mit Strellas geschossen wird. Und waehlen dann blind Netanyahu. Haben sie nicht kapiert, dass jeder dieser Soldaten Familie hat, die alles lieber sehen wuerde als eine Gefaehrdung dieser Soldaten, und die ebendiesen Netanyahu fuer jede Fehlentscheidung abstrafen wird, wenn es ans Waehlen gibt? Darf ich daran erinnern, wie sehr Olmert seine Fehlentscheidungen im Libanonkrieg II geschadet haben? Wie teuer Peres „Fruechte des Zorns“ bezahlt hat?

Es ist alles nicht so einfach. Wer es nicht verstehen kann, der darf eigentlich nicht urteilen. Aber wir leben nicht in der idealen Welt, jeder urteilt ueber andere. Bestimmt leben im Gazastreifen auch Leute, die bei jedem Abschuss einer Rakete neben dem Sportplatz innerlich gezittert haben und sich gedacht haben: ja spinnen die, die holen uns die Israelis auf den Hals, was kann man nur tun? Auch diese Leute sind erbarmungslos im Regen stehen gelassen worden, keiner interessiert sich fuer sie, die Mehrheit waehlt andere, und wer die Macht einmal hat, gibt sie nicht mehr ab im Gazastreifen. Es muss schlimm sein, dort in der Minderheit zu sein, denn man kann sich ueberhaupt nicht aeussern.

Ich werde jetzt gucken gehen, wie sich die Berge langsam heller faerben. Der Hahn des Nachbarn kraeht bereits. Verrate ich meinen Secundus und seine Kameraden, wenn ich Ruths Tochter und dem Andenken von Moshiks Mutter zuliebe die Notwendigkeit einsehe, sie in die Hoelle zu schicken?

 

 

 

Secundus erzählt Oktober 24, 2012, 18:18

Posted by Lila in Kinder, Persönliches.
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Nicht oft, aber manchmal erzählt er was, diesmal seinem Vater, und der hat´s mir weitererzählt. Secundus sitzt ja als Sanitäter (combat medic) in Hebron. Er gehört zu einem Team, das man taagad nennt – in einem taagad gibt mindestens einen Arzt, mehrere Santitäter und Paramedics (ähnlich wie Rettungssanitäter, glaube ich), und der taagad ist rund um die Uhr mit wechselnder Besatzung einsatzbereit.

Zwei Arten von Einsätzen hat der taagad: militärische und zivile.  Die militärischen Einsätze koordiniert die Armee. Wenn sie den taagad brauchen, rufen sie ihn, und die Jungens rücken aus. Bei Festnahmen, bei Problemen an Checkpoints, bei Demos – immer sind Sanis dabei.

Sie werden zu ihren zivilen Einsätzen von einer Zentrale gerufen, die der Rote Halbmond betreibt, mit dem die Armee-taagad-Teams eng zusammenarbeiten. Meistens rücken sowohl Roter Halbmond als auch der Armee-taagad aus. Für den Transport in ein palästinensisches Krankenhaus zB braucht man den Roten Halbmond. Oft ist die Armee eher da, fängt die Erstversorgung an, und dann übernimmt der Rote Halbmond.

In letzter Zeit, meint Secundus, haben wirklich banale Einsätze überhand genommen. Die Zentrale ruft gern die Armee, aber der taagad wurde auf die Dauer etwas verschnupft, wenn die Jungens zu läppischen häuslichen Unfällen gerufen werden, die mit einem Pflaster und ein bißchen Pusten eigentlich schon erledigt sind. Vor allem, wenn das rund um die Uhr so geht und ein Einsatz den nächsten jagt. Na ja, sie haben sich mit den Kollegen vom Roten Halbmond und von der Zentrale zusammengesetzt und gemeinsam daran gearbeitet, Richtlinien festzulegen. Mancher Einsatz erledigt sich schon, wenn genauer durchgesagt wird, worum es geht.

Und jetzt hat Secundus wieder etwas Luft. Sie werden nur noch zu Einsätzen gerufen, bei denen sie wirklich gebraucht werden.

Sowas gibt es also auch, es ist die Routine in den Gebieten. Die Palästinenser selbst wissen auch sehr wohl, an wen sie sich wenden müssen, wenn sie medizinische Hilfe brauchen – oft genug an Siedler oder eben an die israelische Armee. Und das, obwohl der Rote Halbmond gut ausgestattet ist und die Sanitäter gut ausgebildet sind.

Allerdings stimmt auch, daß sie nicht immer dafür danken. Beiden Söhnen ist es schon passiert, daß sie sich um palästinensische Patienten kümmern, während sich um sie herum ein wütender Mob sammelt, der sie beschimpft und ihnen unterstellt, sie würden dem Patienten schaden wollen. Primus, der mit seiner Körpergröße, seinem guten Arabisch und seiner genauen Kenntnis der Codes unter Arabern punkten konnte (einer seiner besten Freunde ist Druse, und da gelten ganz ähnliche Regeln, wie man sich Respekt verschafft, ohne die Ehre des anderen anzugreifen), hat es immer geschafft, solche Situationen zu entschärfen. Wie Secundus damit umgeht, weiß ich nicht – „mach dir keine Sorgen, Mama“ ist nicht allzu informativ😉 . Vielleicht ist es ihm auch noch nicht passiert.

Immerhin, er hat etwas weniger Druck und wird nicht mehr zu überflüssigen Einsätzen gerufen.

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