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Auf die Kaffeekanne gekommen November 14, 2019, 16:41

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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Wie bin ich eigentlich auf das Kaffee-Thema gekommen? Vermutlich liegt es einfach am Älterwerden, das alles mögliche wieder hochschwemmt.

Selbstverständlich komme ich aus einer Familie, in dem der Kaffee eine große Rolle spielte. Wir wußten schon als Kinder, daß unsere Eltern vor der ersten Tasse Kaffee nicht ansprechbar sind. In meiner frühen Kindheit muß es ein Alltagsgeschirr gegeben haben, an das ich mich nicht erinnere – meine Mutter ist, wie alle Frauen meiner Verwandtschaft, eine große Porzellanfreundin und hat für jeden Anlaß unter der Sonne das passende Service. Aber ich erinnere mich noch gut an das schöne Thomas Onyx Medaillon, das sonntags auf den Tisch kam. Ich finde es noch immer bildschön und elegant.

Leider ist es den Zeitläuften zum Opfer gefallen, so daß ich nur noch im Internet angucken kann, wie es so insgesamt aussah.

50er und frühe 60er Jahre in ihrer angenehmsten Form.

Ich erinnere mich auch noch genau an andere Service meiner Kindheit. Einige habe ich auch geerbt – so hinterließ mir eine liebe Großtante ein elfenbeinfarbenes Teeservice mit Goldrand, das ich in Berlin noch genutzt habe (ich selbst trinke nämlich eigentlich Tee mindestens ebenso gern wie Kaffee), das ich dann aber in Deutschland gelassen habe.

Denn ich habe ja Ende der 80er Jahre den Großen Sprung übers Mittelmeer getan und bin im Kibbuz gelandet, wo ganz viel ähnlich war wie zuhause (ein Jeckes-Kibbuz eben) und ganz vieles war ganz anders.

Die Kibbuzniks nämlich hatten von den bürgerlichen Werten einige mitgenommen, die in ihren kollektiven, spartanischen und sozialistischen Lifestyle paßten: harte Arbeit, Ehrlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit. Aber die Rituale der Bürgerlichkeit warfen sie mit großem Schwung über Bord. Gegessen wurde gemeinsam im Speisesaal, von schlichtem funktionalem Geschirr. Davon aß man auch zuhause. Nachmittags um vier gab es zwar, nach dem Abholen der Kinder, eine Tasse Kaffee zuhause, mit Marmeladenbroten aus dem Speisesaal, aber der Kaffee wurde entweder in einem arabischen finjan auf der Gasflamme gemacht (türkischer Kaffe – kafe turki – botz, Schlamm, genannt), oder es war einfacher Elite-Pulverkaffee.

Türkischer Kaffee – Finjan-Kanne – löslicher Kaffe von Elite

Kaffeekannen gab es nicht, außer bei unserer alten Nachbarin, die mit zartem Porzellan, Silberlöffeln und den besten Kuchen des Kibbuz ihre Gäste beglückte. Darunter auch unvergeßlicherweise meine Eltern, als sie das erste Mal in den Kibbuz kamen. Als einzige Überlebende einer großen jüdischen Familie aus Köln fiel ihr das vielleicht anfangs etwas schwer, aber meiner Mutter fiel sofort auf, daß es nur bei ihr Kaffee aus richtigen Kaffeetassen mit Untertassen gab. Andere Kibbuzniks tranken ihn aus den schlichten Tassen vom Speisesaal.

Ich trank damals bei der Arbeit den löslichen Kaffee mit, der so ähnlich schmeckte wie der geliebte Caro-Kaffee meiner Kindheit (der wiederum heißt in Israel Chico, und ich mag ihn noch immer).

Chico – Kinderkaffee

Da ich nie eine Kaffee-Feinschmeckerin war, gewöhnte ich mich schnell daran. Auf Hebräisch nennt man löslichen Kaffee ness, was wie eine Abkürzung von Nescafe klingt und es vermutlich auch ist. Da ness Wunder heißt, ist Nescafe gewissermaßen Wunderkaffee.

Jahrelang tranken Y. und ich morgens unseren Ness. Es war schon so richtig bürgerlich, als wir uns Tassen kauften, die nicht aus dem Speisesaal stammten! Irgendwann warf der Markt bessere Sorten löslichen Kaffee aus, und wir stiegen vom guten alten Elite mit seinem billig-bitteren Geschmack auf andere Sorten um.

Der Sohn unserer alten Nachbarin schenkte uns zur Hochzeit eine Kaffeemaschine und eine Kaffeemühle. Ich bin mir ziemlich sicher, daß seine Eltern ihm dazu geraten haben – das ist doch ein Geschenk für eine Deutsche! Auf Hebräisch heißt so eine Maschine übrigens perkolator. Ich muß gestehen, daß ich nur selten Kaffee aus dem Perkolator getrunken habe, weil mir der olle Elite gut genug war, und in der Kaffeemühle habe ich Puderzucker hergestellt. Aber wenn meine Eltern kamen, dann kam die Maschine natürlich zu Ehren.

Vor ungefähr 15 Jahren bekam ich in Deutschland ein sehr schönes, schlicht weißes Service von Eschenbach geschenkt, das wir Stück für Stück nach Israel mitschleppten. Dazu gehörten natürlich auch Kaffeetassen, Untertassen und eine Kaffeekanne. Bei jedem Umzug packte ich sie alle mit ein und wieder aus, obwohl wir sie NIE benutzt haben (die Teller, Schüsseln etc benutzen wir natürlich täglich). Dabei hatten wir nicht so viel Schrankplatz in der Küche und gar kein Eßzimmer. Die Vitrinen und Anrichten deutscher Häuser kennt man in Kibbuz-Häusern natürlich nicht. Ich bin sicher, daß religiöse jüdische Familien massenhaft Schrankraum für Geschirr haben, denn sie brauchen mindestens vier komplette Sets – jeweils für milchig und fleischig, fürs ganze Jahr und für Pessach.

Wenn ich nach Deutschland komme, genieße ich die schöne Kaffeetafel meiner Familie und Bekannten, und ich lasse mir gern die Geschichte dazu erzählen. Auch wenn ich selbst so schöne Dinge nicht besitze, finde ich sie sehr schön bei anderen, und erinnere mich noch genau an die Freude, die wir alle an unserem Arabia-Rusca-Kaffeeservice hatten, das meine Mutter in Helsinki kaufte, bevor noch irgendjemand in Deutschland es kannte. Es war und ist immer noch sehr schön, finde ich, auch wenn es natürlich bei meiner Mutter längst ausgedient hat. Damals war es eine absolute Sensation – so dunkel, so schlicht, so kaffeebohnenfarbig. Die Textur ist auch ganz besonders. Ich habe keine Bilder, aber Google hat welche.

Das waren auch die Jahre, in denen viele im Alltag Melitta-Kopenhagen in orange oder rot benutzten – auch daran hängen viele Erinnerungen. Tja, man fand das damals schön, und es war ein deutlicher Bruch mit den zarten, weißen Tassen, den Streublumen, Weinblättern, Zwiebel- oder Strohblumenmustern der Vergangenheit. (Man wußte ja damals noch nicht, daß die alle den Geschmacksumschwung überleben würden!) Ein weiterer „Umstieg“ in den 70er Jahren, an den ich mich genau erinnere, ist der bei meiner Oma. Rosenthal Cordial hieß das, es war damals wirklich der letzte Schrei und paßte gut zu der neuen Schrankwand, die viel schlichter war als das alte Möbel. Doch ich war damals schon ein konservativer Mensch, glaube ich, oder einer, der Veränderungen nicht leicht mitmacht, und ich weiß noch genau, daß mir im Herzen das schöne Porzellan mit Goldrand und Röschen, das es vorher gab, immer noch lieber war. Meine Oma bewahrte es auch auf, und wenn ich allein bei ihr zu Besuch war, dann wünschte ich mir abends Hagebuttentee mit viel Zitrone aus einer der alten Tassen. Erinnerungen!

Meine Oma goß ihren Kaffee übrigens immer per Hand auf und ließ sich nie von einer Kaffee- oder Spülmaschine verführen. Sie selbst konnte das am besten. Die alte Kaffeemühle, die noch bei ihr stand, überließ sie aber meiner Mutter als Schmuckstück für unsere Küche (wir haben sie knallrot bemalt, ich weiß es noch genau), und eine elektrische Kaffeemühle akzeptierte sie. Meine Eltern hatten schon früh eine Kaffeemaschine, und heutzutage hat meine Mutter natürlich einen Vollautomat, der den Kaffee mahlt, brüht und serviert – und kein Wort spricht, bevor wir alle den ersten Kaffee getrunken haben.

Bei uns gibt es eine Stempelkanne, nein, es gab sie – Tertia, die kaffeemäßig anspruchsvoller ist als ihre Eltern, hat sie mitgenommen. Als wir noch Gasflammen hatten, haben wir auch manchmal Espresso in so einer Kanne gemacht. Ansonsten trinken wir nach wie vor wie richtige Kibbuzniks unseren schlichten ness aus großen Tassen, ich inzwischen mit Soja- oder Hafermilch. Jahrelang hatten wir Freude an unseren Steingut-Tassen, die wir mal auf den Aland-Inseln gekauft haben, bei der Töpferei Lugnet – leider sind sie irgendwann alle zerdeppert.

 

 

Das Bild ist ergoogelt, die Kanne hatten wir nicht, nur eine ganze Anzahl solcher Tassen.

Und wenn ich mal schön zum Kaffee einlade, dann reicht unser Eschenbach 🙂

Ich werde auf jeden Fall, wenn ich das nächste Mal nach Deutschland komme, bei Freunden und Verwandten Kaffee-Geschichten erfragen und erkunden.

 

Mal ganz was anderes, November 14, 2019, 15:31

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
7 comments

aber jetzt mal ganz echt was anderes.

Während ich so vor mich hin brassele in allen möglichen Projekten, denke ich über Rituale des Alltags nach, und wie sie sich verändert haben. Aus irgendeinem Grund ist es besonders die deutsche Kaffeetafel, die mir im Sinn bleibt. Ich habe bei Twitter eine Mini-Anfrage gemacht, wie Leute ihren Kaffee heute trinken, und die Ergebnisse waren (für mich zumindest) sehr spannend.

Ich war glücklich über die Antworten! Und weil Twitter so ein kurzatmiges Medium ist, möchte ich hier gründlicher fragen. Wie trinkt Ihr Euren Kaffee heute – allein, zuhause, unterwegs, wenn Ihr Leute einladet? Spielt das Sonntags-Kaffeetafel-Ritual noch eine Rolle? Trinkt Ihr noch Filterkaffee? Wie steht Ihr zu Maschinen? Habt Ihr Tipps? Oder kommt Euch der Kult um Kaffee total übertrieben vor?

Fast noch mehr als der Kaffee selbst interessiert mich das Porzellan. Die gute alte Kaffeekanne, benutzt Ihr sie noch? Habt Ihr Erinnerungen an das Porzellan Eurer Kindheit? Habt Ihr Erbstücke, besondere Erwerbungen, ein Traum-Service, das Ihr Euch nie werdet leisten können?

Wenn Ihr mir Bilder schickt (weiß gerade nicht, ob man die in Kommentare mit einbauen kann, glaube eher, nein), dann können wir eine Galerie machen. Ich weiß nicht mal genau warum, aber mir kommt diese gepflegte Kaffeetafel vor wie DAS Sinnbild deutscher Bürgerlichkeit und Selbstvergewisserung. Ob ich je dazu kommen werde, eine Kulturgeschichte dieser Kaffeekultur zu schreiben, die ja auch Inbegriff der Spießigkeit für uns bedeutete, als wir rebellierende Jugendliche waren, weiß ich noch nicht, aber es ist auf meiner to-do-Liste (dieser Hydra). Auf jeden Fall bin ich von Neugierde zerfressen und möchte festhalten, woran sich meine Leserinnen und Freunde noch erinnern. In welcher Form ich das tun möchte, weiß ich ebenfalls noch nicht genau, vielleicht interessiert es ja niemanden, sich daran zu beteiligen oder es anzugucken. Aber ich habe den Eindruck, daß die Tasse Kaffe ebenso wie der Braten und das alkoholische Getränk zu den Grundpfeilern deutscher Rituale gehören.

Ich werde in einem extra Eintrag erzählen, wie ich auf das Kaffee-Thema gekommen bin und warum es mich interessiert. Aber seht das hier mal als Anregung, über den Kaffee in Eurer Kindheit, bei der Oma, damals und heute, nachzudenken. Wie zelebrieren wir den Alltag?

 

Ostern 1966, mit dem Thomas Medaillon Onyx