jump to navigation

Wie es war Juli 30, 2010, 8:45

Posted by Lila in Deutschland.
comments closed

Es war wunderbar, und Berlin ist eine Stadt, die selbst auf den widerstrebendsten Besucher sehr stark wirkt. Ich habe vieles neu entdeckt, auch durch die Augen der Studenten, die sehr beeindruckt waren von der Vielfalt der Erinnerungskultur. Das war ja unser Thema.

Ich weiß, daß Broder meint, mit dem Mahnmal an der Ebertstraße kauft das offizielle Deutschland sich frei, und kann jetzt nach Löschung der Sündenkartei getrost weiter sündigen. Das klingt zwar schön zynisch und einleuchtend, erklärt aber nicht, warum weiterhin viele kleine, eindringliche und punktgenaue Gedenkstätten entstehen. Und es erklärt auch nicht, warum junge und ältere Besucher auf eigene Faust (also ohne Gruppe oder Klasse) ins Dokumentationszentrum kommen, sich dort ernsthaft in das Material versenken und sehr, sehr nachdenkliche Gesichter haben. Mein geschätzter Kollege, dessen Familie von der Shoah schwer gezeichnet ist, war jedenfalls von den Gesichtern der jungen Deutschen an diversen Gedenkstätten positiv berührt und meinte, das hätte er nicht erwartet.

Und es waren nicht nur Gedenkstätten zum Thema Holocaust, die wir besucht haben, sondern auch zu anderen Punkten der deutschen Geschichte. Die ist ja mit schmerzenden Punkten gespickt wie eine Voodoo-Puppe. Die Studenten waren beeindruckt, und ich auch. Auch davon, daß die meisten dieser Gedenkpunkte sich ins alltägliche Leben integrieren lassen und dem Betrachter die Wahl lassen, wie er sie betrachtet.

Für mich war es auch ein herrliches Gefühl, wieder gesund zu sein und laufen zu können. Ich bin ja schon seit einiger Zeit wieder fit, aber ich habe nicht vergessen, wie deprimierend es war, durch Schmerzen in meiner Bewegungsfreiheit eingeengt zu sein. Zu diesen Zeiten habe ich immer mit großer Sehnsucht und Selbstneid daran gedacht, wie ich früher durch Berlin eilen konnte, ohne müde zu werden. Und jetzt war es wieder so – aber diesmal habe ich es nicht als  selbstverständlich hingenommen, sondern mich gefreut. In Berlin laufe ich immer schnell, und da wir eine große Gruppe waren, war das auch gut so – sonst wären wir nirgends angekommen. Wir sind täglich viele, viele Kilometer gelaufen, ich mit Büchertasche und Madonna-Mikrophon, und es ist mir überhaupt nicht schwergefallen, im Gegenteil.

Ich habe natürlich im Nachhinein das Gefühl, überhaupt nichts über Berlin vermittelt zu haben. Da sind wir am Nollendorfplatz so oft vorbeigekommen und ich habe Erwin Piscator und Gründgens nicht erwähnt…. Außerdem haben die Studenten viele Fragen gestellt, auf die ich nur antworten konnte: weiß ich leider nicht. Wo kann man Zeugs kaufen, das man in der Nargila raucht? (Gegenfrage: WAS raucht man eigentlich in der Nargila?) Ich habe die Frager in Richtung Sonnenallee geschickt, da werden sie schon das Gewünschte finden. Warum ist diese Fassade so und nicht anders restauriert worden? Leider kenne ich nicht jedes einzelne Gebäude in Berlin, sonst hätte ich die Frage gern beantwortet… aber trotz meiner wie stets ätzenden Selbstkritik meinten beide Kollegen, daß ich ganz gut erklärt hätte. (Mir graut natürlich vor den Bilder und vor allem vor dem Film – ach wäre man unsichtbar!)

Ein irrwitziger Zufall bescherte mir das Zusammentreffen mit einer geschätzten Leserfamilie, die mir am ersten Tag mitten in Berlin auf einem U-Bahnhof über den Weg liefen. Viel Zeit hatte ich nicht für sie, aber dafür hat der Sohn der Familie auf meine Studenten großen Eindruck gemacht – nicht nur wegen seines jugendlichen Charmes, sondern weil er ein T-Shirt mit der hebräischen Aufschrift Shalom trug. Ob er das ungefährdet tragen könnte, meinten die Studenten. Und er meinte, ja, klar. Das hätte ich authentischer nicht planen können.

Im Laufe der Zeit werde ich bestimmt noch vieles aufschreiben, denn ich bin sowieso damit beschäftigt, die Studienfahrt-Website mit weiteren Informationen zu füllen. Meine neu erworbenen Bücher habe ich bei MyLibrary schon notiert (JA, ich mußte eine neue Tasche kaufen….) und jetzt räume ich sie langsam ein. Und oh, das Haus ist so leer….

Wir kamen am 28. morgens früh um 3:20 zurück, und ich schleppte mich sofort mit Sack und Pack zur Bahn und fuhr bis Carmel Beach. Dort befindet sich nämlich ein Sammelpunkt für Rekruten. Ich war gegen halb sechs da, und keine zwei Stunden später kamen Y. und die Jungens. Primus vergnügt und weltläufig (wie lang ist es doch her, daß er eingezogen wurde! anderthalb Jahre… für ihn eine Ewigkeit), Secundus mit gestutztem Haar und gespanntem Gesicht. Wir begleiteten ihn und nahmen vor den Bussen, mit denen die Jungens in ihre Basen fahren mußten, Abschied. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört und kann nur hoffen, daß er einen halbwegs erträglichen Anfang macht – nette Leute um ihn herum ist erstmal das Wichtigste. Ich habe ja an Primus gesehen, wie schwer der Übergang ist, die Fremdbestimmung und der verplante Tag. Das ist ja nichts für die Jungen und Mädchen. Auch Secundus, bei allem Engagement für Gruppe und Internat, ist es nicht gewöhnt, von morgens bis abends von anderen verplant zu werden und keine persönliche Sphäre mehr zu haben.

An Primus sehe ich aber auch, daß diese erste Schockphase vorbeigeht (nicht umsonst nennt man die neuen Rekruten „shockistim“…) und man sich sein eigenes kleines Reich erobern kann. Primus ist jetzt mit seiner Aufgabe sehr zufrieden und hat auch Leute gefunden, mit denen er sich gut versteht. Es war aber sehr schwierig für mich, meinen coolen Secundus so blaß und angespannt zu sehen. Ich mußte mich sehr beherrschen, um nicht wie viele andere Mütter meiner eigenen Spannung mit Tränen Lauf zu lassen. Aber das hätte dem Jungen nicht geholfen. Wir konnten nicht viel tun, außer ihn daran zu erinnern, wir gut er vorbereitet ist, und über das nächste Wochenende (das er zuhause verbringt) zu sprechen. Schritt für Schritt, und so normal wie möglich, so ging es. Ich warte jetzt mit großer Spannung auf seinen Anruf, hoffentlich kann er auch kommen.

Die Mädchen sind bei meiner Mutter. Germanwings hat sich zwar nicht geweigert, unsere Buchung für die Mädchen und auch unser Geld entgegenzunehmen, aber sie wollten Quarta trotzdem nicht befördern. Sie ist noch keine 12 Jahre alt, und Begleitung bieten sie auf internationalen Flügen nicht an. Und Tertia mit ihren fast 17 Jahren galt nicht als Begleitung. Ich war zu dieser Zeit noch unterwegs, aber Y. beschrieb mir hinterher die Szene, wie Quarta weinte und flehte, mitfliegen zu dürfen – schließlich flog Tertia allein, und Quarta mußte zurückbleiben. Sie war sehr enttäuscht. Y. hatte nicht mal Zeit, sich richtig um sie zu kümmern, weil er ja Secundus zu seinem Sammlpunkt bringen mußte – das war ja alles in derselben Nacht bzw am Morgen darauf. Mein Bruder hat sich aber sofort ans Telefon gehängt und für Quarta einen Tag später einen Lufthansa-Flug ausfindig gemacht, mit Begleitung – und so ist das Kind gestern gut bei meiner Mutter angekommen.

Wir aber sind seit gestern allein. Die Söhne bei der Armee, die Töchter bei der Oma – und wir sind, nachdem wir Quartas Flugzeug hinterhergeguckt hatten, erstmal in Nahariya Salat kaufen gegangen, haben uns dann an den Strand gesetzt, Salat gegessen, und sind dann lange am Strand entlanggegangen. Gut, daß wir uns gut verstehen und uns die Themen nicht ausgehen. Wir hatten einen schönen Abend. Aber noch schöner wäre er, wenn ich endlich wüßte, wie es meinem Secundus ergeht….

Kommentare hängen endlos in der Warteschleife… Juli 22, 2010, 13:03

Posted by Lila in Bloggen.
comments closed

…. weil ich gehört habe, in Berlin wird es stürmisch. Und das muß ich sehen.

Bis nächste Woche!

Palästina, Israel und andere Kleinigkeiten Juli 22, 2010, 8:15

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
comments closed

wie palästinensischer Nationalismus, die Zukunft dieses Teils der Welt inklusive Jerusalem, Siedlern und Grenze. Wenn ich Lozowick lese, bin ich immer beruhigt. Ich denke mir: eigentlich muß ich nicht bloggen, denn er hat schon alles gesagt, hat bestimmt 100mal mehr Leser als ich (ist ja ein bekannter Mann, schreibt noch dazu Englisch, ich hoffe, er hat Leser wie Sand am Meer!), und er durchdenkt die Probleme wirklich von einem interessanten Standpunkt. Es ist mir noch nie passiert, daß ich einen Text von ihm denke und lese: och näää, dat wor et äwwer net. Ich lese und denke mir, ha, genauso ist es, warum konnte ich das nicht sagen? Und deswegen verlinke ich obsessiv zum ihm rüber, weil er wirklich den Standpunkt des vernünftigen, aufgeklärten Zionisten vertritt.

So ging es mir auch heute. Lozowick nimmt einen Artikel von Danny Rubinstein zum Anlaß, seine eigenen Gedanken in die Zukunft wandern zu lassen. Und ich wandere hinterher.

Er sieht, im Gegensatz zu Rubinstein,  alle Zeichen in Richtung Zweistaatenlösung – und das klingt wirklich einleuchtend, trotz wachsender Anhängerschaft der Ein-Staaten-Lösung unter den Arabern. (Den Rest der Welt läßt er mal außen vor, was in diesem Fall gut ist). Seit den 70er, 80er Jahren, als Israelis in Jenin einkaufen gingen, in Jericho Falafel aßen und in Hebron beten gingen, als Palästinenser aus den „Gebieten“ überall zu sehen waren, weil sie in Israel arbeiteten und Bekannte hatten und überhaupt keine Grenze spürbar war – seit diesen Tagen ist viel Wasser den mageren kleinen Jordan runtergetröpfelt.  Kein Weg führt mehr dahin zurück. Wir sind einander fremd geworden.

Intifada, Terror, Grenzanlagen, enttäuschte Hoffnungen hüben und drüben, und jetzt langsam aber sicher wachsender Wohlstand in der Westbank und Ausbildung einer wirklichen eigenständigen palästinensischen Identität zeigen eindeutig in Richtung Staat Palästina. Für die meisten Israelis ist es kein Problem, für eine Räumung der Siedlungen zu stimmen, wenn wir im Gegenzug endlich unsere Ruhe haben und die Palästinenser eindeutig erklären: das war das Ende aller Ansprüche, der Konflikt ist vorbei, gelöst, Makulatur. Um diesen wunderbaren Moment erleben zu dürfen, würde eine Mehrheit der Israelis ohne weiteres auf die Siedlungspolitik verzichten – ein Zyniker würde sagen, wir halten uns die Siedler als Pfand. (Oy vey, ich weiß schon, was aus diesem Satz wieder in den Kommentaren gemacht wird! Zum Teufel mit der Selbstzensur, ich fahr sowieso heut nacht weg….)

Und Lozowick würde, genau wie ich, den Siedlungen nicht nachtrauern. Natürlich sage ich wieder dazu, daß es riesige Unterschiede gibt zwischen wiederbelebten jüdischen Ortschaften, die seit Generationen jüdisch waren, zwischendurch jordanisch waren und in denen jetzt wieder Juden leben – und zwischen illegalen Karavangrüppchen auf umstrittenen Hügeln, in denen Großisrael-Fanatiker wohnen. Für die einen suchen wir einen pragmatischen Kompromiß (ich zähle dabei, was Lozowick nicht erwähnt, auch auf jordanische Hilfe, denn mit denen hat es ja auch geklappt), die anderen räumen wir. Und zwar diesmal vernünftig, nicht holterdipolter wie Gazastreifen-Siedler, die immer noch in Baracken leben und um die sich niemand mehr kümmert.

Wenn ich zu pessimistisch bin, dann stelle ich mir das richtig deutlich vor. Eine einvernehmliche Lösung mit den Palästinensern, ein Ende von Terror und Gewalt,  und eine feste, auch von Feindesländern wie Iran und Kritikern wie Norwegen anerkannte Grenze. Aus den ursprünglich vorgesehenen zwei Staaten im britischen Mandatsgebiet werden zwar drei statt zwei Staaten, aber das ist besser als einer. Salz und Wasser, Salz und Wasser, möge Lozowick Recht behalten, möge Vernunft und Pragmatismus siegen, und mögen wir endlich frei werden voneinander, Israel und Palästina.

Hypertrophierender Familiensinn… Juli 21, 2010, 11:44

Posted by Lila in Persönliches.
comments closed

…. scheint ansteckend zu sein. Ich habe den Familienstammbaum auf Geni weiter ergänzt, sieht inzwischen geradezu imposant aus. Anhand der auf dem Familientreffen erstellten E-Mail-Liste habe ich den Zugang zu diesem Familienbaum an die anderen Familienmitglieder geschickt, und ich bin keineswegs überrascht, daß schon fünf von ihnen dort eigene Bäume erstellt haben. Die basteln wir jetzt alle zusammen. Interessanterweise habe ich auf Geni niemand von meiner Familie in Deutschland gefunden – obwohl es Geni in vielen Sprachen gibt, auch auf Deutsch. Ich werde bei Gelegenheit mal meine zahlreichen und sehr geliebten Vettern und Cousinen mit dem Link belästigen.

Es ist schon ein seltsamer Anblick. Wo Y.s und mein Name nebeneinanderstehen, verzweigt sich die Familie in zwei vollkommen verschiedene Teile. Der eine kennt Golda, Mordechai, Gitel, Sarai und Yossi. Der andere Heinrich, Elfriede, Peter, Heidi und Monika. Doch halt, so eindeutig ist das nicht. Der jeckische Teil von Y.s Vorfahren hat Vornamen, die auch aus meiner Hälfte stammen könnten (und die wieder sowas von modern sind!). Und die jüngeren Mitglieder meiner Familie geben ihren Kindern modisch-jüdische Vornamen, die aus der Eltern- oder Großelterngeneration von Y. stammen könnten.

Wir füllen Namen, Bilder, Geburtsdaten ein. Der Familienbaum ist nur Familienmitgliedern zugänglich, aber da wir uns alle gegenseitig  einladen, entsteht ein richtiges Netz. Schön.

Update: mein Schwippschwager kurdischer Herkunft spielt ebenfalls mit. Wir haben unsere Bäume vernetzt, und jetzt kann ich mich auch zu Ghanem und Hassiba durchklicken. Die Cousine aus den USA fügt Details über den amerikanischen Zweig der Familie ein. So sieht sie aus, die jüdische Weltverschwörung…

Wer weiß davon? Wen kümmert es? Juli 21, 2010, 6:53

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

Palästinenser leiden unter schweren Einschränkungen ihrer Reisefreiheit.

Jetzt erst wird zaghaft im Parlament darüber diskutiert, ob es nicht an der Zeit ist, ihnen Grundrechte einzuräumen, zB das Recht auf Arbeit, soziale Absicherung und Krankenversicherung. Das Volk ist dagegen, darum wurde die Debatte vertagt.

Palästinenser dürfen keinen Grund und Boden besitzen.

Palästinensern ist die Ausübung von 50 Berufen verboten, immerhin eine Verbesserung – vor fünf Jahren waren es noch 72 Berufe, darunter Taxifahrer, Journalist oder Arzt.

Palästinensern wird ihre Staatsbürgerschaft aberkannt, aus Angst vor ihrer demographischen Sprengkraft. Das von einem Staat, der 20.000 Palästinenser ermordet hat. Sie sind jetzt staaten- und rechtlos.

Der Journalist Khaled Abu Toameh klagt zu Recht über diese Diskriminierung und ungerechte Behandlung. Wußtet ihr das alles? Wann ist das letzte Mal dagegen protestiert, demonstriert oder in der UN diskutiert worden? Wo sind die Resolutionen, wo ist Catherine Ashtons Druck, wo sind Obamas mahnende Worte, wo ist eure Empörung? Warum kümmert das niemanden?

Sannie, Du bist doch mit der Information durch die Medien so zufrieden – sag mir, wann hast Du darüber in der Zeitung gelesen? Und sag mir auch: welches Land ist es eigentlich, das die Palästinenser so brutal diskriminiert, in Lager sperrt, ihnen Berufsausübung und Krankenversicherung verwehrt….?

Auflösung hier und hier, gefunden hier.

Tisha be´Av Juli 20, 2010, 10:12

Posted by Lila in Bloggen.
comments closed

ist heute. Yaacov Lozowick hat zu diesem Thema vor einem Jahr einen Text geschrieben, dem ich viele Leser wünsche.

Und noch eine Lesefrucht (mit PS) Juli 19, 2010, 22:19

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

Die Königin von Jordanien, Rania, ist unbestreitbar eine schöne Frau (wie es auch die Königin Noor immer noch ist).

Nicht nur das, sie scheint auch gebildet und intelligent zu sein, was der Schönheit keinen Abbruch tut. Sie hat vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter (wie alle klugen Frauen :-D) und engagiert sich für die Verbesserung der Erziehung und Bildung in Jordanien.

Nicht nur das: sie hat ein Kinderbuch geschrieben, das sich einem schwierigen Thema widmet: wie Kinder lernen können, Kinder zu akzeptieren, die von ihnen verschieden sind.

Das Buch handelt von zwei Schulmädchen und ihren verschiedenen Schulbroten.

During a promotional campaign for the book, the queen described it as the story of two girls who let the food they bring to school get in the way of their friendship. They disparage each other’s food based on their own cultural preconceptions. The two main characters, Lily and Salma, have a lot in common, but not when it comes to their sandwiches: Lily prefers the all-American peanut butter and jelly, while Salma sticks to pita and hummus.

The two learn how to maintain their friendship, despite their cultural differences, but not without a food fight at school in which their classmates take sides. The confrontation ends, however, with a party at which the children exchange sandwiches. The book’s message touches open such issues as getting to know others, openness and multiculturalism.

Die Gewinne vom Verkauf des Buchs kommen jordanischen Schulen zugute.

Ist das nicht nett? Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Ja, allerdings. Denn einen wiiiinzigen Schönheitsfehler hat das Ganze: die toleranz-propagierende Königin will nicht zulassen, daß ihr Buch auf Hebräisch veröffentlicht wird.

(Muß ich daran erinnern, daß ihr Schwiegervater anno 1994 mit Israel einen Friedensvertrag unterzeichnet hat?)

PS: Leser Julian weist darauf hin, daß inzwischen Sprecher der Königin abgestritten haben, je ein Angebot von israelischer Seite erhalten oder zurückgewiesen zu haben.  Also entweder war es der New Yorker Verleger,  der Hebräisch für rentabel oder sonstwie nicht wünschenswert hielt, oder die Sprecher der Königin rudern zurück, oder es war von Anfang eine Ente – wie dem auch sei. Rungholt bleibt am Ball.

Übrigens würde es mich persönlich sehr freuen, wenn die Königin ihr Buch auch bei uns in Schulen und Kindergärten vorstellen könnte. Dann würde sie sehen, wenn sie den Kindern in die Taschen guckt, daß auch hier Pitta und Humus viel verbreiteter sind als Peanut butter und Gelee – brrr beim bloßen Gedanken daran. Wenn das Verhältnis zu Jordanien wieder so gut würde wie zu Husseins Zeiten – das wäre schön.

A propos Hussein (daß ich aber auch nie beim Thema bleiben kann!) – Barack Obama meinte neulich im Interview mit Yonit Levy, daß Israelis ihn nicht mögen, weil er Hussein heißt. Für wie primitiv hält er uns eigentlich? Wenige ausländische Politiker wurden hier mehr geschätzt als König Hussein, und als er starb, waren wir wirklich traurig. Der Mann hat allen Respekt eingeflößt, ich habe es oft genug erwähnt. Der Name Hussein ist in Israel überaus positiv besetzt. Und Obama hieß schon Hussein, als er zum ersten Mal in Israel war (wenn das auch damals noch seeeehr runtegespielt wurde – er fing erst an, mit dem Namen zu kokettieren, als er im Amt war – na ja, Politiker eben, ne). Und dieser erste Besuch verlief sehr positiv.

Ich habe damals sogar was dazu geschrieben, das im drafts folder gelandet ist, weil ich mir mit Prophezeiungen doof vorkam – aber ich hatte den Eindruck, wenn er die Leute in den USA so bezaubert wie hier, dann gewinnt er die Wahl! Ich hätte Paul die Krake werden können, aber habe diese Vorhersage nicht veröffentlich – noch eine verpaßte Chance!

Jedenfalls ist die Unterstellung, wir hätten was gegen Husseins, wirklich unter dem intellektuellen Niveau, das ich Obama eigentlich zutraue. Ich weiß auch nicht, ob er besonders unbeliebt ist – sehr viele Israelis waren für ihn, es gab mehrere Kampagnen für ihn vor seiner Wahl, und wenn sich was geändert hat an seiner Popularität in Israel, dann mag das an anderen Dingen liegen.  Und das letzte Wort ist noch längst nicht gesprochen. Warten wir mal ab, wohin er wirklich steuert, was den Nahen Osten angeht. Er macht amerikanische Interessenpolitik (wie er sie versteht), das ist seine Aufgabe.

Oh, und eine letzte Abschweifung: ich wäre zu gern Fliege an der Wand im Nobelpreis-Komittee. Was denken die wohl jetzt über ihre Entscheidung, einen Mann auszuzeichnen, der noch nicht mal eine Beule im Amtssessel hinterlassen hatte? Ich wüßte zu gern, ob sie begeistert oder enttäuscht sind…

Unsyrisch! Juli 19, 2010, 22:09

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

Ganz lustig, diese beiden Meldungen gleichzeitig.

In Syrien wird das Tragen von Niqabs an Universitäten verboten.

„We have given directives to all universities to ban niqab-wearing women from registering,“ a government official in Damascus told The Associated Press on Monday.

The order affects both public and private universities and aims to protect Syria’s secular identity, said the official, who spoke on condition of anonymity because he was not authorized to speak publicly about the issue. Hundreds of primary school teachers who were wearing the niqab at government-run schools were transferred last month to administrative jobs, he added.

Hingegen bezeichnet der britische Minister für Einwanderung einen Burqa-Bann wie in Frankreich als nicht wünschenswert, da „unbritisch„.

The immigration minister, Damian Green, said banning Muslim women from covering their faces in public would be at odds with the UK’s „tolerant and mutually respectful society“.

Wer hätte gedacht, daß der Tag kommt, an dem Syrien den Briten vormacht, wie man die äußerlichen Anzeichen religiöser Fanatisierung eindämmt! Ach, diese Syrer haben eben keinen Green, der ihnen vorwirft, un-syrisch zu handeln…

Einfach mal lesen Juli 19, 2010, 21:59

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

….wer es noch nicht gelesen hat. Ein Israeli aus dem Süden erzählt den Lesern der taz, wie es sich in Reichweite der Raketen lebt.

Die Kommentare sind natürlich teilweise dementsprechend giftig. Man verwechselt mal wieder Ursache und Wirkung. Ich weiß nicht, was über die taz gekommen ist, daß sie mal einen ganz normalen Israeli haben schreiben lassen, wie sich das von unserer Seite aus anfühlt. Nun, ich denke, dieser schwere Fehler wird ihnen nicht noch einmal unterlaufen. Sie haben schließlich ein Lesepublikum zu verlieren, daß von vornherein weiß, wo der Schwarze Peter steckt.

Aber immerhin. Lobenswert.

Der Kult des Todes Juli 19, 2010, 16:31

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

Und ich habe endlich Informationen über die Doku gefunden. Sie heißt Precious Life.

Haaretz erzählt die Geschichte, Lozowick erwähnt sie ebenfalls (bei ihm finden sich auch weitere Links). Ein kleiner Junge aus Gaza, Mohammed Abu-Mustafa, wird im Krankenhaus Tel Hashomer gerettet. Seine Behandlung wird von israelischen Jude finanziert, nachdem Shlomi Eldar im Fernsehen über die schwere Krankheit des Kinds im Gazastreifen berichtet hatte. Sofort gingen Spenden ein, der Junge wurde nach Israel geholt, behandelt und gesundete.

Und was sagt die Mutter dazu? Ist sie dankbar, froh, gerührt? Aber nein.  Seine Mutter meint, sie ist froh, daß er lebt – denn dann kann er eines Tages als Shahid sterben und Israelis mitnehmen.

Shrink Wrapped schreibt ebenfalls über diese Doku und sieht sie als Beispiel für  den Kult des Todes in der islamistischen Ideologie.

Shrink Wrapped gibt die Worte der Mutter wieder:

Nevertheless, this idyllic situation developed into a deep crisis that led to the severance of the relations and what appeared to be the end of the filming. From an innocent conversation about religious holidays, Raida Abu Mustafa launched into a painful monologue about the culture of the shahids – the martyrs – and admitted, during the complex transplant process, that she would like to see her son perpetrate a suicide bombing attack in Jerusalem.

„Jerusalem is ours,“ she declared. „We are all for Jerusalem, the whole nation, not just a million, all of us. Do you understand what that means – all of us?“

She also explained to Eldar exactly what she had in mind. „For us, death is a natural thing. We are not frightened of death. From the smallest infant, even smaller than Mohammed, to the oldest person, we will all sacrifice ourselves for the sake of Jerusalem. We feel we have the right to it. You’re free to be angry, so be angry.“

And Eldar was angry. „Then why are you fighting to save your son’s life, if you say that death is a usual thing for your people?“ he lashes out in one of the most dramatic moments in the film.

„It is a regular thing,“ she smiles at him. „Life is not precious. Life is precious, but not for us. For us, life is nothing, not worth a thing. That is why we have so many suicide bombers. They are not afraid of death. None of us, not even the children, are afraid of death. It is natural for us. After Mohammed gets well, I will certainly want him to be a shahid. If it’s for Jerusalem, then there’s no problem. For you it is hard, I know; with us, there are cries of rejoicing and happiness when someone falls as a shahid. For us a shahid is a tremendous thing.“

Wird so eine Doku wohl in Deutschland gezeigt werden? Werden die Zeitungen sie beachten? Bestimmt würden die braven deutschen Zuschauer sagen, die junge Frau hat ihre Religion mißverstanden, ihre politische Führung mißverstanden, ihre Medien, ihr Erziehungssystem, alles mißverstanden. Denn es kann doch nicht sein, daß der Todeskult wirklich so brutal und unmenschlich ist – daß eine Mutter den Menschen den Tod wünscht, die aus Mitleid mit dem Schicksal ihres Kindes für eine OP Geld gespendet haben. Sie wünscht allen, die ihren Sohn geheilt haben, den Tod – und zwar durch ihren Sohn.

Und wie sollen wir mit Menschen, die so denken und fühlen, einen verläßlichen Frieden schließen? Wie kommt Europa zu dem Schluß, daß es an Israel liegt, daß es noch keinen Frieden gibt, und keinen funktionsfähigen Kompromiß?

(Ich erinnere an die junge Wafa Samir Ibrahim al Biss, die nach einem Unfall im Gazastreifen schwere Verbrennungen erlitt, in Beer Sheva im Soroka-Krankenhaus behandelt wurde und mit einem Bombengürtel gefaßt wurde, nachdem es ihr besser ging. Wo wollte sie sich in die Luft sprengen? In einem Krankenhaus. Hier habe ich einen interessanten Brief gefunden, den ein arabischer Arzt geschrieben hat. Er arbeitet im Soroka und hat darum eine besondere Perspektive auf die Krankenhäuser in Israel und ihre Atmosphäre der Toleranz und Kooperation.)

Viel getanzt letzthin Juli 18, 2010, 18:57

Posted by Lila in Land und Leute.
comments closed

Erst die singenden, springenden Löweneckerchin in Hebron, jetzt der Auschwitz-Überlebende, der mit Tochter und Enkeln dort zur Musik von I will survive tanzt, wo er umgebracht werden sollte – und wo er andere sterben sah

Manche sind peinlich berührt und meinen: Betretenheit, gedämpfte Stimmen, gesenkte Köpfe, so soll man in Auschwitz herumlaufen. Aber ein Überlebender kann sich über diese Regeln wohl hinwegsetzen, denn für ihn bedeutet Auschwitz keinen historischen Pilgerort, sondern ist einfach Teil seiner persönlichen Biographie. Ich habe ja schon so oft gehört, wie Überlebende zufrieden mit Blick auf ihre Nachkommen gesagt haben: das ist unsere Rache an Hitler. Und das Motto der meisten jüdischen Feiertage ist ja: they tried to kill us, we survived, let’s eat. Und in diesem Falle eben: let’s dance.

Die Zeit ist reif, Juli 18, 2010, 17:38

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

die Grenzen zu öffnen und den Austausch von Waren und Menschen in beide Richtungen ungehindert fließen zu lassen. So sagt Catherine Ashton, für die Außenpolitik der EU zuständig, und ich nehme an, daß sie große Pläne hat. Vorschläge hätte ich zur Genüge.

Ein Beispiel:

“Samos is very close to Turkey. This is why we deal with so many illegal immigrants. At its closest point in the Samos Strait, Greece and Turkey have just 0.6 nautical miles between them,” says Partsafas K. Stillianos, head of the Samos port authority.

Crew 604 took RT on patrol to the sea and a German Frontex team was in the air above.

“There is a helicopter right now in this area patrolling. They help us a lot because they have good equipment, like a thermal camera. With it you can very easily find a target – immigrants,” explains Commander Stelios from the Hellenic coastguard.

The crew tracks the Samos Strait with very precise radar, making it almost impossible for any illegal immigrants to get away. When a boat is caught, the patrol almost always turns into a search and rescue mission.

“They are in rubber boats and most of the time they destroy the rubber boats, so we have to collect them and rescue them,” Commander Stelios says.

However, critics say it is the other way round – Frontex and partners actually push the immigrants back to Turkish waters, damage the boats, and leave them to drown.

“Frontex is a war machine. They have ships, airplanes, helicopters. They shoot. They use war tactics against refugees,” claims Nasim Mohammadi, from a support office for immigrants and refugees.

Those who do make it across find themselves in the Samos Detention Center.

“They are homeless, Greece is putting them in jails and detention centers that you can find on every island, in every city – many-many detention centers, and they are very bad – they are jails!” Nasim Mohammadi says.

Ein anderes:

The attraction of the European Union is strongest in Moldova, Europe’s poorest country, where remittances from migrants dwarf the government’s internal revenues.

The Schengen space has become a powerful symbol of the long way Europe has come since the days of the Cold War. It is now possible to drive unimpeded from the easternmost points of Poland, just across the border from Ukraine or Belarus, to the Atlantic Ocean.

But if the Schengen scheme fosters a sense of unity within the bloc, the feeling outside is one of painful exclusion.

The blanket relegation of everyone behind the wall to outsider status is felt particularly keenly in the Balkans, where countries have traditionally felt part of the European historical and political mainstream.

Branka Trivic, a Belgrade correspondent with RFE/RL’s South Slavic and Albanian Languages Service, says people in Serbia and most other Balkan countries live in what she calls a European „ghetto.“ Visas may be obtained without bribes, but the process is still heavily skewed against the applicant.

„It’s not easy to get a visa. If you’re a decent young person who just wants to travel, to see the world, it’s not easy,” Trivic said. “It’s humiliating most of the time, and you need a lot of paperwork. And it also happens pretty often that you get refused, that you don’t get the visa, without any explanation.“

Formally, Schengen visas should cost applicants in any country no more than 60 euros. But in Moldova, where a 90-day visa should officially cost just 35 euros, EU travel documents appear to be virtually unobtainable by honest means.

RFE/RL’s Moldovan Service recently spoke with a one-time illegal immigrant in the EU. The woman, identified only as S.T., said she bought a visa through unofficial channels – and it came at a high price.

Und noch eins:

The contrast between Spain and Africa is remarkable. The poverty existence of those who inhabit the latter and the wealthy existence of the Spanish is what prompts many to cross the Mediterranean in rickety launches. For some of these people, it is as if Spain is a promised land.

Some leave their own countries because of wars and endless conflicts. And it must be pointed out that for every migrant, illegal or legal, there are whole families – and in some cases communities – that survive on the reparations of those who make the crossing.

Spain and the EU are presently initiating a number of projects and policies in an attempt to slow down, and eventually stop, the migration of Africans to their shores. However, the polices being proposed are like using a rag to stop a dripping tap – cheap, temporary with no substance. This begs the question: are these policies aimed at reducing the numbers or spreading out the arrivals rather than stopping immigration altogether?

Wie schlaft Ihr nachts, als Europäer, hinter Euren Schengen-Mauern, die Armuts- und Kriegsflüchtlinge draußen halten?  Macht Euch die Unmenschlichkeit dieser Abschottung nicht zu schaffen, die die Ärmsten der Armen dazu verurteilt, in Krieg und Elend zu leben oder zu sterben?

Ganz einfach. Ihr wißt, daß es viel, viel schlimmere Übeltäter gibt. Zwar ist Israel weder so groß noch so reich wie die EU, zwar kamen in der Vergangenheit gar zu viele Grenzgänger mit Bombengürteln und Gewehren, zwar schwören sie Israel den Tod – aber der europäische Appell zeigt, welche Grenze auf jeden Fall geöffnet werden muß.

EU Foreign Policy Chief Catherine Ashton says Gaza’s borders must open to enable the territory’s battered economy to recover.

There needs to be an opening of the crossings to allow the flow of people and goods in both directions,“ Ashton said at a news conference Saturday with Palestinian Prime Minister Salam Fayyad.

Da kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Tu was, Catherine!

Israels Anfangsjahre – in Farbe Juli 17, 2010, 22:08

Posted by Lila in Land und Leute.
comments closed

Durch Zufall kamen die Farbfilme eines Hobby-Filmers ans Licht, der in den 40er und 50er Jahren mit der Kamera durch Israel lief. Da er ein reicher Mann und öffentlicher Wohltäter war, hatte er Zugang zu allen interessanten Persönlichkeiten. Danke an Gingit, die mich auf diese Perle aufmerksam gemacht hat.

Außerdem kenne ich Leute, die damals im Tanzfestival mitgetanzt haben.  Das letzte Festival dieser, das auch schon wieder ein paar Jährchen her ist, habe ich heute noch im Gespräch mit Verwandten in Erinnerung gerufen. Das war immer ein großes Ereignis. Aber auch Tel Aviv und Jerusalem – die jemenitischen Einwanderer – die Übergangslager – alles in Farbe und lebendig. Die Illusion, daß wir irgendwie eine andere Spezies Mensch sind als die schwarzweiß-gefilmten Normalbürger der 40er Jahre, die vergeht einem sofort. Wohlgenährter sind wir, unsere Straßen sind verstopft, überall halten sich Leute Telefone ans Ohr und unsre Kleider weiter ausgeschnitten und aus weicherem Stoff – aber das ist auch schon alles.

Also, wer in die Vergangenheit eintauchen mag – nur zu. (Der Sprecher ist Itai Engel, wenn mich nicht alles täuscht.)

Tsen Brider Juli 17, 2010, 17:53

Posted by Lila in Land und Leute.
comments closed

Das Lied ist mir den ganzen Tag im Kopf herumgegangen. Heute war das Familientreffen, das meine Schwiegermutter organisiert hat – ihr ist bei einem Brit mila im Februar aufgefallen, daß die einzelnen Zweige ihrer Familie einander nicht kennen.

Meine Schwiegermutter ist in Tashkent geboren, obwohl ihre Eltern beide aus Polen kamen. Ihr Vater, Jozef,  verschwand in der Roten Armee – angeblich ist er in Stalingrad gefallen.  Ihre Mutter hatte mit schwerem Herzen ihre Eltern und viele jüngere Geschwister zurückgelassen, die nicht aus Polen fliehen wollten oder konnten – sie wußte nicht, was ihnen zustieß. Nach dem Krieg kehrte sie in ihr Dorf zurück und erfuhr dort, daß von der ganzen Familie niemand am Leben geblieben war – alle, alle waren im Ghetto Warschau gestorben. Nur eine kleine Schwester hatte überlebt. (Ich weiß, einen Teil dieser Geschichten habe ich schon erzählt, aber es sind ja immer auch mal wieder Neuleser da…)

Diese kleine Schwester, heute eine immer noch anmutige alte Dame, war eine Zeitlang durch die Kanalisation des Ghettos nach draußen gekrochen, um etwas zu essen für die Familie zu finden. Als das nicht mehr ging und alle kurz vor dem Verhungern standen, schickte eine ältere Schwester sie aus dem Ghetto, um sich zu retten. „Lauf, bis du Leute findest, die dir helfen“. Wie durch ein Wunder kam die kleine Schwester zu polnischen Bauern, die sie versteckten und ihr Leben retteten. Sie fährt oft nach Polen, weil sie sich dieser Familie sehr verbunden fühlt.

Das wußte die Mutter meiner Schwiegermutter aber zu diesem Zeitpunkt nicht.  Doch sie hörte, daß die jüngste Schwester am Leben geblieben sei, und suchte sie durch Bekannte – aber das war Jahre später.

Dies also ist die Mutter meiner Schwiegermutter, die sich gegen Kriegsende mutterseelenallein wiederfand, nur mit einer kleinen Tochter auf dem Arm. Wie und wo genau sie ihren späteren zweiten Mann traf, wissen wir nicht. Er war Überlebender das Lagers Auschwitz und hatte dort eine Frau und drei Kinder verloren. Auch sonst hatte er niemanden mehr. Die polnischen Dörfer, in denen ganze Großfamilien lebten, waren gründlich ausradiert, aus seinem hatte niemand überlebt. Diese beiden verzweifelten Menschen beschlossen, nicht den Tod zu wählen, sondern das Leben, und heirateten. Sie lebten in einem kleinen Häuschen in Polen und bekamen noch drei Kinder. Der ältesten Tochter erzählten sie nicht, daß sie eigentlich vom ersten Mann der Mutter stammte, dem verschwundenen Jozef.

Die Eltern arbeiteten schwer und sparten Geld für eine Überfahrt nach Israel, und irgendwann hatten sie genug beieinander. Meine Schwiegermutter erinnert sich noch an die Überfahrt. Ihr erspartes Geld hatten polnische Beamte ihnen abgenommen, einer schüttete ihnen aus Bosheit die mitgebrachte Milch weg, so daß der jüngste Bruder furchtbar weinte, bis sie irgendwoher Milch beschaffen konnten. Auf dem Schiff, der Le-Komemiyut,  herrschte drangvolle Enge.

In Israel war die Familie zunächst in einem Auffanglager (Maabara) in der Nähe von Haifa. Dann bekamen sie irgendwann einen winzigen Hof zugeteilt, wo sie eine kleine Landwirtschaft betrieben. Das Sochnut-Häuschen war so klein, daß  nicht für alle Kinder Platz war. (Vor fünf Jahren haben wir einen Familienausflug an diesen Ort gemacht, die Bilder sind hier.) Die drei Ältesten wurden also auf drei verschiedene Kibbuzim verteilt, in Gruppen der sogenannten Aliyat-ha-Noar, einer Organisation, die sich um Kinder von Holocaust-Überlebenden kümmerte.  Die ganze Familie änderte ihre polnisch-jiddischen Vornamen in hebräische Namen um.

Für meine Schwiegermutter und ihre Geschwister war das nicht einfach. Sie kam in den Kibbuz, in dem sie bis heute lebt – und in dem bis vor kurzem auch wir gelebt haben. Ihr Bruder in einen nahegelegenen Kibbuz im Yizreel-Tal, und die Schwester in einen Kibbuz im Negev.  Sie heiratete meinen späteren Schwiegervater, der eines der ersten Kinder des Kibbuz gewesen war, also gewissermaßen heiratete sie in die Kibbuz-Aristokratie ein.

Y. hat oft von den Fahrten zu den armen, bienenfleißigen und sehr liebevollen Großeltern erzählt. Es war ein großes Erlebnis für ihn, wenn er mit dem Großvater mit Wagen und Maultier loszog, die Milchkannen einsammeln. Ein Auto hatten natürlich weder die Eltern (arme Kibbuzniks) noch die Großeltern (arme Landwirte).  Aber Y. sagt, es herrschte bei den Großeltern keine traurige oder bedrückte Atmosphäre, er war sehr gern bei ihnen. (Er war der erste Enkel für beide Großelternpaare).

Doch zurück zu meiner Schwiegermutter vor Y.s Geburt. Sie erinnerte sich ungenau, daß sie den Vater manchmal sagen hörte: das ist eigentlich die Tochter meiner Frau, aber ich liebe sie wie eine eigene…., aber als Kind dachte sie nicht weiter darüber nach. Doch als sie das ihrem Verlobten erzählte, horchte der sofort auf. Da verbarg sich doch eine Geschichte – ein Geheimnis. Es war Anfang der 60er Jahre, vielleicht 1961 oder 62 – sie heirateten 1962, und 1963 wurde mein Mann geboren.

Gemeinsam fuhren sie zu den Eltern, um aus der Mutter herauszubringen, was sich da für eine Geschichte verbarg. Schließlich gab die Mutter zu, daß sie schon einmal verheiratet gewesen war, und sagte ihrer Tochter den Namen des Vaters, der auch ihrer gewesen war.  Mit diesem Wissen bewaffnet wandten meine Schwiegereltern sich an das Einwohnermeldeamt. Der Name war selten, und es gab nur eine solche Familie. Das junge Paar machte sich sofort auf den Weg dorthin.

Als sie bei der verlorenen Familie ankamen, wartete dort auf sie – die Mutter. Sie hatte begriffen, wie wichtig ihrer Tochter der verlorene Teil ihrer Vergangenheit und Familie war, und hatte sich schon vorher durchgefragt. Heute, auf dem Familientreffen, waren noch einige der Menschen versammelt, die bei diesem Treffen dabei waren. Sie erinnerten sich mit Tränen daran, wie die Tochter des verlorenen Jozef auf einmal vor ihnen stand. Die Familie war klein – und alle, alle hatten durch den Holocaust direkt oder indirekt gelitten. Ein Onkel, Shmuel Gogol (in Israel sehr bekannt wegen seines Mundharmonika-Orchesters – schöne alte Bilder von Shmuel hier) hatte die verschwundene Witwe Jozefs und ihr Kind gesucht, aber wegen der geänderten Namen nicht gefunden. Eine Cousine, die einzige Cousine, erinnerte sich heute ebenfalls an diesen Tag, als sie endlich, endlich auch eine Cousine bekam, wie andere Kinder. Wohlgemerkt – potentielle andere Cousinen waren ihr durch den Holocaust versagt, der die Familie grausam dezimiert hatte.

So hatte meine Schwiegermutter einen ganz neuen Zweig Familie dazugewonnen, zu dem sie die ganzen Jahre engen Kontakt hielt, den Zweig ihres verschwundenen Vaters. Die jüngste Schwester ihrer Mutter, die einst das Kind aus dem Warschauer Ghetto war, heiratete einen kernigen Moshavnik und zog mit ihm drei Kinder groß, die natürlich auch alle schon große Kinder haben. Auch bei ihr verbrachte Y. wunderschöne Kindheitsferien – er durfte auf dem Traktor mitfahren und Weintrauben pflücken, denn diese wunderbaren Moshavniks bauten Obst an. „Onkel und Tante mit den Äpfeln“ heißen sie auch bei meinen Kindern, weil sie immer, immer Obst mitbringen.

Und vor einiger Zeit also beschloß meine Schwiegermutter, sowohl die Familie ihrer Mutter und Tante als auch die Familie des Vaters einzuladen, und allen genau zu erklären, wie wer mit wem verwandt ist. Da meine Schwiegermutter bemerkt hatte, daß niemand mehr durch die verzwickten Familienverhältnisse durchblickte, lud sie uns alle ein. Sie bereitete einen Stammbaum vor, in den heute jeder eintrug, was er wußte, und sie stellte alle der Reihe nach vor. Durch den Holocaust sind ja so große Löcher gerissen, daß man vieles einfach nicht weiß, weil die Überlebenden nichts erzählen wollen oder können. Menschen fehlen, Orte fehlen, Geschichten haben Löcher. Viele davon konnten wir heute flicken.

Bevor sich alle an die Tische setzten, die im Clubhaus des Kibbuz vorbereitet waren, wand sich meine Schwiegermutter mit einer Bitte an uns: wir sollten uns so „gemischt“ wie möglich setzen. Wir haben das auch alle brav getan, und ich fand mich mit einem Paar wieder, das ich wirklich noch nie richtig wahrgenommen hatte. Der Mann, etwa zehn Jahre älter als wir, ist ein Bruder der einzigen und von allen sehr geliebten Cousine – er kommt nur selten zu Familientreffen, darum hatte Y. ihn ewig nicht gesehen und ich überhaupt noch nie mit ihm gesprochen.

Seine persönliche Geschichte war ganz ähnlich wie die meiner Schwiegermutter, seiner Cousine: in Polen geboren, Kind von Holocaust-Überlebenden, eine große Schwester von einem anderen Vater, als Kleinkind nach Israel mit ausgewandert, Namen hebraisiert, im Kibbuz aufgewachsen, lebenslang versucht, sich als Sabra zu fühlen, und null Interesse für die Vergangenheit. Heirat, Kinder, Scheidung.

Jetzt, wo er in die nachdenklichen Jahre kommt, steigen Fragen wie Blasen in ihm auf. Er recherchiert übers Internet, sucht Spuren, schreibt alles auf. Er war noch nicht in Polen, er hat Angst davor. Aber er möchte den Familiennamen ändern, wieder so heißen wie jener Jozef, sein Onkel und Y.s Großvater, der nie aus dem Krieg zurückkam. Auch seinen Vornamen würde er am liebsten wieder in den europäischen Namen zurück-verändern lassen.  Er sucht nach einer verschütteten Identität, nach dem verschollenen, ausgelöschten Leben in einem kleinen Dorf in Polen, wo alle so hießen wie er früher. Er findet entfernte Verwandte in Buenos Aires. Die Familien, die einst so eng beisammen wohnten, sind nun zersplittert, und man muß sie mühsam suchen.

Mit mir saß Secudus, der interessiert zuhörte und von seiner Reise nach Polen erzählte (darüber habe ich nichts geschrieben, glaube ich, aber über Primus´).  Eine andere Tante, aus der Gogol-Verwandtschaft, erzählte von der Polenfahrt ihres Sohnes. Er entdeckte während der Fahrt, daß der belgeitende Überlebende, der „Zeuge“, Shmuel Gogol kannte. Daraufhin kaufte sich der Urnkel eine einfache, billige Mundharmonika und spielte in Auschwitz an der Rampe, so wie der Großvater Gogol als Kind gespielt hatte. (Ich bin froh, daß ich 1989 Shmuel Gogol und sein Orchester noch gehört habe. Er ist dann mit Rabin nach Polen mitgefahren, hat mit Kindern aus seinem Orchester in Auschwitz gespielt und ist kurz darauf gestorben. Ich finde es gar nicht selbstverständlich, daß diese ganze Familie mich so herzlich aufgenommen hat – wie viele polnische Küßchen habe ich heute bekommen…

Nach dem Essen erzählten, auf Bitten meiner Schwiegermutter,  einige Familienmitglieder ihre Erinnerungen und erklärten Details des Familienstammbaums. Immer wieder kam dabei der Holocaust zur Sprache, nicht als Thema, sondern als Nebensatz, „durch den Holocaust…“, „nach dem Holocaust…“, „wir als zweite Generation…“. Für mich schwebten vor allem Konjunktivsätze durch die Luft: „ohne den Holcaust….“. Ja, ohne den Holocaust wären viel mehr Menschen zusammengekommen. Die älteste Teilnehmerin sah zwar stolz auf die beachtliche Menschenmenge, die sich um Salat und Quiche versammelte, und beglückte alle anwesenden Kinder mit Luftballons, die sie aus der Tasche ihres Gehwagens zog… aber die Verschollenen, Ermordeten waren trotzdem anwesend. Ashkenazim geben ihren Kindern ja gern die Namen von Verstorbenen, was bei Sphardim strikt untersagt ist. So kehren in der Großfamilie manche Namen immer wieder auf – Rose und Lili für die Mädchen, in allen möglichen Variationen, Gershon und Mordechai für die Söhne.

Ach, wenn ich den Deutschen, die die Vergangenheit endlich ruhen lassen wollen, nur zeigen könnte, daß die Narben bleiben, von Generation zu Generation. Und sie bleiben nicht etwa, weil jemand darauf zeigt und sie immer wieder aufkratzt, sondern sie bleiben trotz größter Bemühungen, sie verheilen zu lassen, neu anzufangen, viele glückliche Kinder und Kindeskinder in die Welt zu schicken.

Ich habe, wie schon beim 75. Geburtstag von Y.s Großmutter vor ein paar Jahren, sehr stark gespürt, wie stark die Fehlenden fehlen. Damals mußte ich rausgehen, um meine Fassung wiederzugewinnen, als ich die beiden überlebenden Schwestern zusammen sah. Bei der Beerdigung der Großmutter weinte die kleine Schwester nicht, sondern streichelte über die Erde auf dem Grab und sagte: sie hat ein Grab – ich kann an ihr Grab gehen. All die anderen haben keine Gräber. Das war ihr Trost.

Doch die, die heute zusammen saßen, die werden für ihr Recht kämpfen, Gräber zu haben und nicht in Rauch und Asche aufzugehen.

Eine Insel der Vernunft und Menschlichkeit, Juli 16, 2010, 19:46

Posted by Lila in Presseschau.
comments closed

so hieß die Reportage, die ich gerade im Freitag-Abend-Magazin mit Yair Lapid gesehen habe. Im Kinderkrankenhaus Sheba bei Tel Aviv, in der kinderkardiologischen Abteilung Safra, werden Kinder aus palästinensischen Dörfern und Städten behandelt – aus Ramallah, Gaza und Flüchtlingslagern. Sieben von neun Betten sind immer von palästinensischen Kindern belegt.  (Hier kann man news from Sheba lesen).

Kinder mit komplizierten angeborenen Herzfehlern können in palästinensischen Krankenhäusern nicht adäquat behandelt werden (und jetzt sage mir keiner, das läge an der Besatzung – mit der Qualität palästinensischer Ärzte und den Spenden aus der EU, ganz zu schweigen von ein paar Spenden der arabischen Ölbrüder,  hätte man längst ein Krankenhaus wie Sheba in Ramallah bauen können!). Also rufen die palästinensischen Ärzte in Sheba an, und eine Krankenschwester sorgt dafür, daß die betroffenen Kinder schnell und sicher in ihre Obhut gelangen. Ein Elternteil begleitet das Kind – wo er untergebracht wird, wurde nicht erwähnt, aber ich weiß, daß es Freiwillige gibt, die zB Eltern und krebskranke Kinder in Behandlungspausen bei sich zuhause beherbergen. Doch bei den Kindern mit Herzfehlern geht es um OPs und Intensivstation, und die Eltern schlafen wohl im Krankenhaus.

Ein Arzt: „Man kann mich fragen: wieso behandelt ein jüdischer Arzt arabische Kinder? Da sage ich nur: laßt die Adjektive weg, und die Frage: wieso behandelt ein Arzt Kinder?, die beantwortet sich ja wohl von selbst“.

Das Fernsehteam folgt einem jungem Vater mit einem Dreijährigen, und einer jungen Mutter mit einem Neugeborenen. Die Begegnungen zwischen den Eltern, die während der lebensgefährlichen, potentiell aber lebensrettenden OP im Flur Todesängste ausstehen, und den noch in OP-Kluft heranschlurfenden Ärzten, die beruhigend lächeln, kann man nicht ohne Bewegung ansehen – besonders, wenn man, wie ich, mal ein Baby auf der Intensivstation gehabt hat. Da sind alle Menschen gleich, in der bebenden grausamen Angst, was das Kind durchmachen muß, und wie es weiterleben wird.

Der junge Vater ist positiver Israel gegenüber eingestellt, die junge Frau sehr reserviert.

„Was denkst du jetzt über Israel?“ Die junge Frau: „Was soll ich über die Leute denken, die meine Nachbarn getötet haben? Ich bin mit großer Angst und Sorge nach Israel gekommen, aber als ich gesehen habe, wie die Ärzte und Krankenschwester sich um meinen Sohn kümmern, war ich beruhigter“. Positiver konnte sie es nicht sagen.

Und der junge Vater auf dieselbe Frage: „Die komplette Trennung zwischen Israelis und Palästinensern ist wie eine Mauer des Mißtrauens. Man kennt sich nicht und hat darum Angst voreinander. Ich habe die ganze Zeit Bilder gemacht, damit ich meinem Sohn später mal zeigen kann, wer ihm das Leben gerettet hat.“

Aus den Äußerungen besonders der Mutter geht eine große Verblüffung hervor, die auch ganz leicht zu erklären ist. Was würde einer israelischen Familie passieren, die Hilfe in einem Krankenhaus in Gaza sucht? Sie würde gelyncht. Wenn man naiv die eigene Mentalität auf andere projiziert, kommt man nun mal zu verzerrten Ergebnissen (wofür jeder Pax-Christi-Aktivist klassisches Anschauungsmaterial liefert).

Der Arzt: „Ich sehe manchmal, wie das Kind fragt: Mama, sind wir in Israel?, und die Mutter will nicht antworten, wechselt schnell das Thema. Ich kann das verstehen. Wenn das Kind später seinen Freunden erzählt, daß es in Israel war, kann das sehr unangenehm für das Kind sein. Ich bin den Eltern nicht böse, wenn sie den Aufenthalt in Israel verbergen wollen. Und ich weiß nicht, warum sich jemand daran stoßen sollte.“

Nein, lieber Arzt, wenn man so abgeklärt und menschenfreundlich ist wie du, dann stört es einen nicht, daß man ein Kind geheilt in eine Welt schickt, die dem Heiler den Tod wünscht. Wenn man aber an das Bild im Großen und Ganzen denkt, dann ist es doch zum Heulen. Egal was Israelis tun oder nicht tun – die palästinensische Gesellschaft wünscht ihnen den Tod. Natürlich hat der Arzt auch Recht – durch die Rettung dieser Kinder ist seine Arbeit allein schon gerechtfertigt, mehr braucht es nicht, und man muß auch Gutes tun, ohne Dank zu erwarten.  Ich habe ja schon oft hervorgehoben, wie sehr ich diese Ärzte bewundere.

Und was sagt die Welt dazu? Nichts. Sie sagt nichts dazu, weil sie es nicht weiß. Und warum weiß sie es nicht? Na, weil es ihr niemand erzählt. Und warum erzählt es ihnen niemand? Na, weil es für die Ärzte selbstverständlich ist und sie auch anderes zu tun haben, und die israelischen Journalisten erzählen es wohl – den Israelis. Und anderen? Die wollen das nicht wissen. Wie lästig wäre es den Kommentatoren vom Schlage „ihr müßtet nur mal netter zu den Palästinensern sein!“, wenn sie wüßten, daß wir tatsächlich ziemlich nett sind.

Deutsche Nachrichten Juli 16, 2010, 15:51

Posted by Lila in Kinder.
comments closed

Primus : „Mama, ich glaube, die Deutschen wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Die haben Zeit, sich um Kevin, Knut und Paul die Krake zu kümmern, andere  Sachen kommen bei denen gar nicht in den Nachrichten“.

(Keine Sorge, ich habe protestiert und ihnen erklärt, daß es auch in Deutschland echte Probleme gibt. Aber lachen mußte ich doch…Kevin, Knut und Paul die Krake…  die kennt Primus immerhin auch!)

Musik, von den Kindern ausgewählt Juli 16, 2010, 15:33

Posted by Lila in Muzika israelit, Uncategorized.
comments closed

Die Mädchen halten die Daumen bei „Israel sucht den Superstar“ – für Diana Golbin. Mabul heißt übrigens Flut, Sintflut.

Infected Mushrooms, die hier im Moment sehr en vogue sind, und die beide Jungens gern hören. (Ja, sie sind eine israelische Gruppe).

Lee Biran, Alternative Realität (mögen alle vier Kinder gern)

Balkan Beat Box, Blue eyed black boy (Primus hört die gern)

Paradiesvögelchen Juli 16, 2010, 15:21

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau, Uncategorized.
comments closed

Soeben fällt mir ein, daß ich neulich was über einen Film gelesen habe, Plot in etwa: israelische Juden helfen einer Familie aus dem Gazastreifen in der Zeit, als deren kleiner Sohn in Israel Chemotherapie bekommt – im Gegenzug erzieht die stolze palästinensische Mutter den Kleinen zum Shahid. Charmant. Sowas kann man nicht erfinden, im Nahen Osten ist es Realität. Es war ein dokumentarischer Film, der in einem Festival irgendwo lief.

Ich kenne ja selbst genügend Leute, die an solchen Hilfsdienst freiwillig teilnehmen, einen Tag die Woche opfern, um Kranke aus der Westbank abzuholen und nach Tel Aviv oder Haifa zu bringen, damit sie dort behandelt werden. Herrje, wo habe ich was über diesen Film gelesen???? Bestimmt, hoffentlich, vielleicht  weiß jemand, wovon die Rede ist… aber es lohnt sich auf jeden Fall, den bei Israel Matzav verlinkten Videoclip anzugucken, von einer arabischen Jugendband, die in ihren Lieder den Tod des Shaid preist…

All die Tembel in den deutschen Foren und Talkbacks, die immer behaupten, Israelis und Palästinenser wären einfach nur spiegelverkehrte Ausgaben von Haß und Mordgelüsten, die sollen mir mal ein Gegenstück zu solcher Blutrunst und Verhetzung aus dem israelischen Mainstream zeigen… ich wurschtele gerade einen Eintrag über den Musikgeschmack meiner Kinder zusammen, der Vergleich bietet sich an.

Gerade hören sie volle Pulle Coldplay…. und ich würde Johnny Rotten ebenfalls ertragen, denn der Mann hat Rückgrat.  Er ist vielleicht auch „israelkritisch“, aber wenigstens macht er in Tel Aviv den Mund auf und predigt uns nicht aus London.

„I’m anti-government… and I shall be making that loud and clearly proud once I’m in Israel,“ Lydon told the BBC, adding that PiL has been receiving „a lot of hate mail… [but] I say, ‚Don’t be so ignorant, it’s John speaking here and I’m going there to cause trouble and I will do it musically.'“

Und ist dieses Video schon bekannt? Vermutlich, ich bin bei sowas ja die letzte…

Kein großes Kunstwerk, aber ein ernstes junges Mädchen, und der Text – leider unbestreitbar was dran, wenn auch reim-mäßig holperig. Ich persönlich mag jede Art von Blutmetaphorik nicht, „jüdisches Blut“ ist ein Schlagwort, das ich nicht schätze, weil es suggeriert, daß jüdisches Blut sich von anderem unterscheidet – aber daß der Welt egal ist, wenn hier in Israel Leute umkommen oder verletzt werden oder ihr Heim verlieren, das stimmt leider. Wo waren die internationalen Aufschreie, als hier jeden Tag die Bomben hochgingen? Nicht mal zum Wort „Terror“ konnten sich die deutschen Zeitunger aufschwingen. „Extremisten“ oder „Militante“ oder auch „empörte, verzweifelte Opfer der Besatzung“, ja ja… Ich verstehe den Zorn, der hinter Yedidas Lied steht, sehr gut, auch wenn ich ihn nicht so ausdrücken würde und ich politisch doch deutlich weiter links bin. Aber das Lied berührt einen Nerv und spricht aus, was wir oft fühlen und denken. Oh, und es wünscht niemandem den Tod.

Morgens früh um sechs Juli 15, 2010, 5:53

Posted by Lila in Uncategorized.
comments closed

muß mein armer Mann schon aus dem Haus, dafür kommt er abends ein bißchen früher wieder – manchmal vor sieben Uhr. Obwohl ich das exakte Gegenteil eines Frühaufstehers bin und auch nicht so früh raus muß, besonders in den Semesterferien nicht, bleibe ich nicht liegen, wenn er aufsteht. Wir sind von jeher gewöhnt, unsere erste Tasse Kaffee des Tags zusammen zu trinken, gern auf der Terrasse. Meist setzt sich Quarta dazu, sie kriegt eine Tasse Kakao und holt sich auch eine erste Runde Schmusen ab. Wenn Y. wegfährt, mache ich die Runde, die vielleicht meine schönste halbe Stunde am Tag ist. Und das, obwohl es wirklich früh am Morgen ist!

Ich gieße meine Kräuter mit dem Wasser, das am Tag zuvor aus der Klimaanlage getropft ist – ich habe da überall Eimer druntergestellt und meine Kräuter wuchern nur so vor sich hin. Sie kriegen nämlich täglich Wasser. Alles andere wässere ich nur alle paar Tage und eher sparsam – Wasserkrise. Aber die langsame Runde ums Haus ist immer schön, so mager das Gärtchen auch ist. Eigentlich wachsen nur ein paar kleine Bäume darin, denn es soll ein richtig wilder Baum- und Kräutergarten werden, hier passen keine smaragdfarbenen Rasenflächen hin.

Alle Katzen und Hunde der Nachbarn sagen mir Guten Morgen, mit Glück sehe ich auch meine Lieblinge, die Klippschliefer. Ich leere den Kompost aus (wir haben schon einen schönen Haufen, mal gucken, was daraus wird), rupfe Unkraut aus, das dem Olivenbäumchen oder dem Salbeistrauch das Wasser nehmen will, und bin rundherum zufrieden.  Um diese Zeit ist es noch so angenehm, daß ich weder geschockt von der Hitze umkehren möchte noch entsetzt vor dem Licht die Augen zukneife.

Irgendwo habe ich mal gelesen, daß nichts wirksamer gegen depressive Verstimmungen vorbeugt als eine halbe Stunde Morgenlicht draußen an der frischen Luft. Da muß was dran sein, ich fange jeden Tag vergnügt an. Wie hat mir ein Garten gefehlt – wir hatten im Kibbuz ja immer einen, aber im letzten Haus war er gefühltes ausschließliches Eigentum unserer Nachbarin. Die haben wir zwar sehr geschätzt, aber es war eben mehr ein Gast-Gefühl, wenn wir im Garten gesessen haben, und gepflanzt habe ich da auch nichts, denn die Nachbarin hat alles bestimmt. Und sie hat einen tollen grünen Daumen,  so daß es sogar bequem war, auf den Garten weitgehend zu verzichten. Weder Y. noch ich sind echte Gartenliebhaber. Aber unser minimales Programm scheint zu reichen, die Bäume wachsen, und ich kann jeden Tag Kräutertee aus dem Garten trinken.

Besonders lecker finde ich dabei zuta levana, das trinke ich gern mit Minze oder allein. Angeblich hat sie sogar medizinische Eigenschaften, ich trinke sie wegen des Geschmacks. Etwas herb und scharf, aber so gut.  So fängt ein Tag gut an.

Schön anzusehen Juli 14, 2010, 17:36

Posted by Lila in Blogroll.
comments closed

ist diese Blogpost von Sally. Ihr Blog, Already Pretty, beschäftigt sich mit Mode und Körpergefühl und allem, was da so drahängt. Ich habe sie auf Umwegen gefunden, als ich eine Stunde über Farbtheorien umgekrempelt habe und wild entschlosen war, das Thema diesmal von der Alltags-Seite anzupacken, also Mode. So bin ich auf Inside Out Style gestoßen, und ihre wirklich interessanten Polyvores zum Thema Mode und Farben. Ja, und irgendwann war ich bei Sally gelandet und habe mich festgelesen.

Der eingangs verlinkte Eintrag ist nicht taufrisch, aber er ist sehr schön und hat mich wirklich berührt. Sally hat ein Summer Black-Out für sich selbst erklärt: Verzicht auf die Farbe Schwarz, die ja oft die einfachste Lösung ist. Einfach mal eine Woche auf alles, alles, alles verzichten, was irgendwie schwarz ist. Mut zur Farbe! Viele Frauen haben sich angeschlossen und haben Sally ihre Bilder geschickt: große, kleine, junge, ältere (leider keine alten), dünne, schlanke, vollschlanke, dicke Frauen in allen Farben, aus vielen Orten der Welt.

Diese Bilder anzugucken macht Spaß. Jede Frau hat ihr Outfit sorgfältig gewählt. Jede von ihnen bringt damit zum Ausdruck, daß  ihr wichtig ist, wie sie aussieht, auch wenn niemand sie auf ein Vogue-Titelblatt hieven würde. Jede erzählt auch mit ihrem Outfit, wie sich selbst sieht, was ihr wichtig ist – alle auf der Suche nach einem eigenen Stil, irgendwo zwischen alten Gewohnheiten und kurzlebigen Modeerscheinungen. Keine von ihnen entschuldigt sich dafür, wie sie aussieht.

Ich dachte mir so, als ich mir die Bilder anguckte: so sehen Frauen, so sehen Menschen aus. Unendliche Variationsbreite. Jeder von uns, jede von uns, hat eine eigene Schönheit (weswegen Sally ihren Blog ja auch Already Pretty genannt hat) – und doch wird nur ein winziger Ausschnitt dieser Vielfalt in Medien, von Werbung und auch von uns Konsumenten als schön wahrgenommen und teilweise brutal propagiert. Diese Gehirnwäsche läßt sich wohl nicht mehr rückgängig machen, trotz der toxischen Wirkung, die der obsessive Kult um einen winzigen Ausschnitt aus der Glockenkurve auf unsere Töchter und auch Söhne hat.  Aber beim Angucken dieser Bilder erkenne ich, wie viel wir verlieren, wenn wir beim Ansehen von normalen Menschen nur noch Problemzonen diagnostizieren und die dann korrigieren wollen.

Ein kleiner Lichtblick, den ich meinen lieben Lesern nicht vorenthalten wollte, da ich sie doch so oft mit Unerfreulichem quäle…

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 273 Followern an