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Was würdet ihr dazu sagen, April 29, 2009, 0:03

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wenn in Israel die Todesstrafe für Leute eingeführt würde, die Land an Palästinenser verkaufen? Bitte, stellt euch mal für einen Moment die Schlagzeilen in eurer Zeitung vor, wenn ein solcher Vorschlag in der Knesset eingereicht würde. Die Reaktionen der Leute eurer Umgebung, die sich zwar noch nie viel mit dem Nahostkonflikt beschäftigt haben, aber meinen, die Israelis werden schon genug Dreck am Stecken haben, sonst würden die Araber sie nicht so hassen. Todesstrafe für Landverkauf?  Allein schon die Idee zeigt, wes Geistes Kind Israel ist, nicht wahr?

Habt ihr euch die Schlagzeilen vorgestellt? Gut, dann hier die Fakten.

A Palestinian military court has sentenced a man to death by hanging for selling land to an Israeli company.

Palestinian President Mahmoud Abbas routinely withholds the required approval for executions. Several others are on death row as suspected informers for Israel. Land sales are considered treason by the Palestinians because of their long-running dispute with the Israelis, however the sentence is unlikely to be implemented.

Da geht es nicht nur um einen solche Vorschlag – der Straftatbestand Landverkauf an Juden als  Hochverrat existiert bereits.  Wären die Juden eine Rasse, könnte man versucht sein, das ein rassistisches Gesetz zu nennen und die UNO dagegen anzurufen! Die muß doch wahrlich schäumen über solche Zustände.

Immerhin, die Todesstrafe wird nicht exekutiert. Doch kann man sich darauf verlassen, daß Abu Mazens Nachfolger einen ähnlich empfindlichen Magen hat?

Trauer, Freude April 28, 2009, 19:47

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Nicht nur der Gedenktag für die Gefallenen war heute, sondern auch ein sehr trauriger Tag für eine von Tertias Schulfreundinnen. Sie hat gestern ihre Mutter begraben. Tertia und die anderen Freundinnen sind heute zum ersten Mal zu einem Shiva-Besuch gegangen, etwas beklommen. Es war sehr, sehr traurig. Tertias Freundin ist die Älteste von drei Schwestern. Die kleinen Schwestern sind noch so jung, daß eine Tante sie für die Zeit der Shiva viel bei sich hält, weil sie den steten Strom der weinenden Besucher nicht sehen sollen. Die Große hat sich gefreut, ihre Freundinnen zu sehen, aber nicht viel gesagt.

Sie heißt Keren, Strahl, und Tertia sagt, sie war wirklich immer so vergnügt und optimistisch wie ein Lichtstrahl, und die Freundinnen haben sie deswegen oft Keren or, Lichtstrahl genannt. In der letzten Zeit war das Licht sehr gedämpft und heute war es natürlich ganz und gar verdunkelt. Tertia war auch erschüttert von dem grauen Gesicht des Vaters und den Großeltern. Es war das erste Mal, daß sie so relativ direkt mit dem Tode eines Menschen konfrontiert wurde, dessen Tod man nicht erwartet. Ihre Urgroßmütter hat sie geliebt, sie hat noch drei von ihnen gekannt, und auch um sie getrauert, aber in allen Fällen war ihr Tod absehbar.

Sie war sehr aufgewühlt und ich habe sie erzählen, erzählen und noch einmal erzählen lassen. Dann hat sie gefragt, was sie für Keren tun kann. Eine schwierige Frage. Für sie dasein, auch noch in einem Jahr und in zwei Jahren. Sie auffangen, wenn sie das braucht, und sie in Ruhe lassen, wenn sie es braucht. Ihr zuhören, und aufmerksam sein, wenn jemand taktlose Bemerkungen macht, über Mütter herzieht oder davon ausgeht, daß jeder eine Mutter hat.  Am Muttertag, Todestag der Mutter und familien-zentrierten Feiertagen besonders lieb zu Keren sein. Eben eine gute Freundin sein.

Die private Trauer vertrug sich schlecht mit der offiziellen Trauer des Tags, dem Stillstehen bei der Sirene, und noch schlechter mit dem Ausbruch der Freude heute abend beim Beginn des Unabhängigkeitstags, mit Feierlaune und Feuerwerk.

Und da böllern draußen schon die Raketen los. Die Fledermäuse peesen aus den Bäumen und unsere Katzen sind empört. Y. und die Mädchen sind auf Beobachtungsposten, ich begnüge mich mit dem Fenster, zusammen mit der strahlenden Nachbarin. 61 Jahre, wer hätte das erwartet?

Und zum Abschluß der Kult – die jährliche Flaggenparade der “daglanim”, natürlich eine Aufnahme von letztem Jahr.

Lied für Oz April 27, 2009, 19:23

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Neulich spitzte ich überrascht die Ohren, als Secundus ein Lied hörte, das ganz anders klingt als seine sonstige Kost. Ich fragte nach. Das ist von Idan Chaviv. Hm, sagt mir nichts. Auch Secundus kannte ihn nicht, er ist wohl irgendeiner Reality-Sendung entsprungen, die gänzlich an uns vorübergegangen ist. Ja, und das Lied ist für seinen Freund Oz Tzemach, der im Libanonkrieg vor fast drei Jahren gefallen ist.

Das Lied ist kein großes Meisterwerk, aber zusammen mit den Bildern von Oz paßt es ganz gut. Der Text ist einfach, aber Trauer macht keine großen Worte. Oh nein, gebt ihn mir zurück, seine Zeit war noch nicht gekommen. Er steht stellvertretend für die vielen, die nicht aus den Kriegen wiedergekommen sind. Die Bilder zeigen Oz als israelischen Jedermann. Seine Kindheit und Erziehung sind typisch israelisch.

Der Gedenktag hat angefangen, mit der Sirene um acht Uhr. Morgen sind Feiern auf allen Friedhöfen und in allen Städten, Orten, Kibbuzim und Moshavim. Um elf wieder Sirene. Morgen abend dann beginnt der Unabhängigkeitstag, wie jedes Jahr der krasseste denkbare Übergang von Trauer zu Freude.

Incredibly easy April 27, 2009, 18:45

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Seit meinem, hm, etwa dreizehnten Lebensjahr gehöre ich zur Gemeinde der Tolkienianer. Damals war das noch eine ziemlich exklusive Clique, nicht so ein Massenphänomen. Auch meine ersten Lorbeeren als Janeite habe ich mir erworben, bevor das Wort überhaupt erfunden war. Und beides habe ich mir lesenderweise angeeignet.

Mein Stiefvater hat mich damit infiziert. Seine alte Ausgabe mit seinem schwungvollen Namenszug habe ich immer noch. Den Hobbit hatte ich schon vorher gelesen, mit gedämpftem Interesse. Ich hätte wohl gern mehr über die Elben gewußt, aber Bilbo fand ich unsympathisch (woran sich nichts geändert hat) und Drachen und Trolle – na ja. Aber beim Herrn der Ringe hat es dann irgendwie gefunkt, es muß an den Sprachen gelegen haben, den Karten und an dem Gefühl, daß sich ganze Welten hinter der Geschichte verbergen. Was ja auch stimmt.

Ich weiß noch genau, wie ich in meinem alten Mädchenzimmer nachts vor Spannung nicht aufhören konnte zu lesen und wie ich mich vor den Ringgeistern gegruselt habe. Und so oft ich die Bücher auch lese – jedesmal wieder bin ich vor Schrecken gelähmt und befürchte, daß sie es nicht schaffen, Frodo und Sam. (So wie ich jedesmal, wenn ich Anna Karenina lese, von der Hoffnung beseelt bin, daß sie diesmal Wronskijs Werben widersteht und bei ihrem Mann und Sohn bleibt.)

Der nächste logische Schritt war dann, im reifen Alter von 15 Jahren, mein Taschengeld in Silmarillion, Anhänge, Tolkien-Biographie und eine bunt bebilderte Enzyklopädie anzulegen. Diese Enzyklopädie ist bei uns zuhause sprichwörtlich geworden, weil ich sie mir von Geld gekauft habe, das meine Mutter mir dagelassen hatte, damit ich mir davon was zu essen kaufe. Sie mußte mich nänlich am Wochenende allein lassen. Statt dessen bin ich in meine Stamm-Bücherstube gepilgert und habe das Geld in Tolkien-Illustrationen angelegt. Es hat mich nie gereut, denn jetzt freuen sich die Kinder an den schönen Illustrationen und haben ein Gegenprogramm zu den allzu bildgewaltigen Filmen und ihrer Prägung.

Natürlich habe ich mir mithilfe der Anhänge das Tengwar-Alphabet beigebracht und meine Tagebücher lange Zeit nur in diesen schönen Buchstaben geschrieben. Das einzige kleine Problem (das ich im Hebräischen genauso habe) – das Schreiben ist einfach und spaßig, das Entziffern hinterher mühselig und viel zu langsam.

Die diversen Filme habe ich auch gesehen, wobei mich an der Fassung von Peter Jackson die visuelle Umsetzung mehr interessiert als die Schlachten, die meine Söhne in ihren Bann schlagen. Und jetzt habe ich mir, zu meinem offiziellen Status als Mittvierzigerin (45 Jahre alt), die special extended version gegönnt. Sie ist tatsächlich genau heute angekommen. Ich bin noch immer nicht gesund, aber nichts ist schöner, als mich mit nachlassendem Fieber auf der Couch zu lümmeln, mich verwöhnen zu lassen und sämtliches Bonusmaterial anzugucken, das sich finden läßt.

Obwohl natürlich auch die Kurzversion was für sich hat.

Für Interessierte April 27, 2009, 3:54

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Hier habe ich den Hinweis auf das Interview mit Mashal gefunden, hier ist das Interview selbst.

Es ließe sich viel dazu sagen, aber ich beschränke mich auf ein paar Sachen. Mein Auge fällt auf einen wichtigen Satz, den viele vermutlich überlesen.

Die Hamas ist an erster Stelle eine nationale Befreiungsbewegung. Sie führt keinen Krieg jenseits der Grenzen Palästinas.

Keinen Krieg jenseits der Grenzen Palästinas? Was ist mit dem Terror, der seit Jahren von der Hamas gegen Israel eingesetzt wird und auf dem Boden Israels stattfindet? Eindeutig Teil des Kriegs. Damit hat Mashal selbst gesagt, daß für ihn der Staat Israel – Palästina ist. Und er keineswegs darauf verzichten wird. Auch wenn er vorher gesagt hat, was der westliche Zeitungsleser hören will:

Wir reden nicht von Bedingungen, wir reden von einer Vision. Die wäre, dass Israel bereit ist, sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen und das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser anzuerkennen. Alles andere sind Details.

Das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser ist wiederholt anerkannt worden, leider besteht ihre Selbstbestimmung allzuoft darin, Terror mittels Bomben und Raketen auszuüben statt sich mal um so triviale Dinge wie Abwasserleitungen oder Schulen oder Landwirtschaft zu kümmern.

Und die Grenzen von 1967? Warum sollen wir uns in Grenzen zurückziehen, die schon 1967 so verwundbar waren, daß die Araber uns angegriffen haben? Wenn sie Israel in den Grenzen von 1967 wollten, wieso haben sie dann überhaupt angegriffen? Die hatten sie doch 1967 schon. Den Krieg wollte doch Israel nicht, den wollten die Araber. Ich hätte da mal nachgefragt. Wenn diese Grenzen 1967 so gut waren für die Araber, warum haben sie dann den Krieg angefangen?  Diese Frage drängt sich doch auf.

Das ist doch so, als würden die Deutschen, nachdem sie den Zweiten Weltkrieg angefangen und verloren haben, sich nun hinstellen und sagen: “okay, wir wollen die Ostgebiete wiederhaben. Alles andere sind Details, damit geben wir uns nicht ab”. Nein, leider ist es so, daß man für Fehler zahlen muß. Der Fehler der Araber, den Sechstagekrieg anzufangen und zu verlieren, kann nicht einfach vom Tisch gewischt werden.

Ich bin seit Jahr und Tag dafür, daß sich Palästinenser und Israelis trennen und ein eigener Staat errichtet wird, aber warum die Grenzen von den Verlierern kompromißlos diktiert werden, ohne Rücksicht auf die Sicherheitsbedürfnisse des immer wieder angegriffenen Gewinners, das sehe ich nicht ein. Ich will sicher leben, Herr Mashal, und nicht eines schönen Abends Ihr Kumpel mit dem Bombengürtel bei mir im Wohnzimmer stehen haben. Oder eine Kassamrakete im Dachstuhl stecken haben. Schwer verständliche, irrationale Forderung einer durch und durch von Haß zerfressenen israelischen Familie, ohne Zweifel, aber da bin ich irgendwie nicht bereit, zurückzustecken. Ein Detail, der Terror, gewiß, ein unwichtiges Detail…

Und die anderen Details? Ist das “Recht auf Rückkehr” etwa auch nur ein Detail? Frau Hoffmann war sehr, sehr gnädig und hat kein bißchen nachgefragt.  Entweder mußte sie vorher ihre Fragenliste einreichen oder sie war entsprechend eingeschüchtert durch die Einlaß-Zeremonie.

Das Rückkehrrecht, hier von Mashal elegant übergangen und von Hoffmann nicht nachgefragt,  ist ja der Kern der palästinensischen Forderungen. Wieder stellt sich die altbekannte Frage: wenn ihr keine Flüchtlinge sein wolltet, warum seid ihr geflohen? Die Araber, die damals geblieben sind, leben heute in Israel in Wohlstand, Demokratie und Freiheit (Diskrimination leugne ich nicht, im Gegenteil, ich engagiere mich beruflich dagegen und behaupte mal, in jedem Land wird diskriminiert – in Israel übrigens auch jahrelang  gegen orientalische Juden und heute noch gegen manche Neueinwanderer-Gruppen.) Kann man Israel wirklich für diesen Fehler der Araber verantwortlich machen? Muß Israel die Zeche für die Fehler der arabischen Führung im Unabhängigkeitskrieg wirklich zahlen? Warum? Wenn ich mal fragen darf: was haben wir davon?  Das wird man doch mal fragen dürfen.

Und wenn diese Dose Würmer aufgemacht wird – was bitte ist mit den Ansprüchen der Juden aus arabischen Ländern, die systematisch und brutal vertrieben wurden und weltweit keine Lobby haben, ja den meisten Zeitungslesern nicht mal als Fakt bekannt sind? Die Zahlen sind in etwa gleich. Wir waren bisher so diskret, keine Liste mit Forderungen einzureichen, aber irgendwann machen wir das vielleicht auch mal. Da käme schon ganz nett was zusammen.

Diese Leserkommentare sind übrigens interessant, wenn auch nicht zahlreich,  im Vergleich zu den üblicherweise üppig strömenden Israel-Kommentaren.  Einer kaut die Staatsterror! Besatzung!-Phrasen wieder, ohne kritisch nachzufragen, wie ein Staat auf Terror reagieren soll, und wie die Besatzung eigentlich zustandegekommen ist – die anderen scheinen eher ermüdet von den Palästinensern und speziell der Hamas.  Jungs, kommt zu Potte, das denke ich auch. Ihr seid mit der ganzen Welt verkracht, mit Euren eigenen Brüdern, und alle müssen sich bewegen, nur die Hamas nicht – so macht man keinen Staat. Hat Herr Mashal keine Verpflichtung seinen Wählern gegenüber?

Kompromiß, das Wort gibt es in Mashaals Wörterbuch nicht. Es gibt Forderung, und es gibt Erfüllen der Forderung. Auch da hätte ich gern mal nachgefragt: Herr Mashal, wie halten Sie´s mit dem Kompromiß? Ist es für Sie denkbar, Gebiete zu tauschen (was sich von jeher in Friedensverhandlungen bewährt hat), Juden in Ihrem Staat zu dulden (als geschützte Minderheit mit Rechten, so wie die Araber bei uns), Religionsfreiheit zu gewähren, die vertriebenen Christen wieder zurückzurufen und ihnen eine Wiederansiedlung zu ermöglichen?

Konkrete Pläne für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, wie so oft von Israel versucht und vorgeschlagen? Für einen Technologietransfer der Universitäten, für gemeinsame Industriegebiete für Arbeitsplätze, Studentenaustauschprogramme, vielleicht besonders für arabische Israelis? Was ist mit den landwirtschaftlichen Gebieten, die den Bauern weggenommen wurden, um dort Raketen zu basteln und abzuschießen? Was wird mit dem Industriegebiet Erez? Wie geht die Justiz mit Hamasniks um, die Fatah-Anhänger gefoltert und ermordet haben?  Irgendwelche konkreten Ideen, wie man das Leben erträglicher machen könnte für ein Volk, das von seiner Führung Geisel genommen wurde und sich nicht befreien kann?

Oh, ich hätte viele Fragen gehabt an den charmanten Naturwissenschaftler mit dem schönen Bart. Na ja, beim nächsten Interview (wie hat die TAZ sich da schlagen lassen? die Süddeutsche?) kommen diese Sachen bestimmt zur Sprache.  Oh, ganz sicher. So sicher, wie der Osterhase durch Ramallah hoppelt.

Jeder Mensch hat einen Namen April 26, 2009, 18:53

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute, Muzika israelit.
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Ich möchte heute die Geschichte von Henriette F. erzählen, einer jüdischen Deutschen oder deutschen Jüdin – ich weiß nicht, wie sich selbst bezeichnet hätte. Es wäre ihr wohl nicht sehr wichtig gewesen, denn ihre Familie war assimiliert, ja deutsch-patriotisch.

Die Geschichte ist nicht kurz. Sie ist auch noch nicht zu Ende.

Henriette war mit einem erfolgreichen Unternehmer verheiratet, hatte zwei Töchter, Grete und Lotte,  und litt  schon als junge Mutter unter MS. Sie konnte sich nicht selbst um ihre beiden Töchter kümmern, die Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurden. So hatten sie immer Kindermädchen und viele Tiere, damit die Kinder trotzdem eine schöne Kindheit hatten. Die jüngere Tochter erinnerte sich später noch an jede Schildkröte, die durch den elterlichen Garten kroch. Henriette war keine demonstrative Mutter, sie umarmte nicht, ich weiß nicht, ob sie es nicht konnte oder es  sich versagte.

Die Familie lebte in Essen, und beide Mädchen erhielten eine gute Schul- und hinterher auch Berufsausbildung.  Die jüngere Tochter, Lotte, war technisch sehr begabt und wurde Zahntechnikerin. Sie verließ  Deutschland schon in den frühen 30er Jahren, als ganz junge Frau, nachdem sie auf einer NS-Veranstaltung war und sich das Ganze angeguckt hatte. Ihr war klar, daß für sie und ihresgleichen in Deutschland nichts mehr zu erwarten war. Sie war zwar keine glühende Zionistin, aber sie wollte Palästina wenigstens mal ausprobieren. Sie geriet in einen Kibbuz und verliebte sich dort in einen klugen jungen Mann. Sie blieb dort.

Ihre Schwester Grete kam zu dem gleichen Schluß, daß in Deutschland für Juden nichts zu erwarten war, aber da sie Kommunistin war, flohen sie und ihr Mann irgendwann in den 30er Jahren nach Moskau. (Wo ihr Mann später erschossen wurde, doch das ist eine andere Geschichte).

Zurück in Essen blieben also die alternden Eltern, die schwerkranke Mutter. Sie hatte, weil sie sonst ja nicht viel tun konnte, Brailleschrift gelernt und unterrichtete Blinde darin, damit sie sich nicht nutzlos fühlen mußte. Schreiben konnte sie selbst gar nicht mehr, nur noch mit der Schreibmaschine. So schrieb sie auch ihren letzten Brief an ihre Tochter mit der Schreibmaschine.

henriette

18.9.35

Lo, mein liebes Kind,

Marta Liebe,

ich schreibe dies nur um zu bitten, daß Ihr Euch freuen sollt in dem Gedanken, daß wir es geschafft haben. Leider bleiben für Leo und Grete mehr Arbeit und Sorgen, als wir ihnen aufbürden möchten, ohne zu wissen, wie es zu ersparen wäre.

Hoffentlich verwirklichen sich Eure allseitigen Zukunftspläne.

Das Kind möge gesund und fröhlich bleiben, wie bisher.

Selbstredend geschieht alles mit meinem Willen und Einverständnis, ja meiner Hilfe.  Wenn ich helfen könnte, ginge es allseits besser.

Ich grüße Euch groß und klein.

Mutter Henr.

Ich weiß auch nicht mehr weiter.

Euer Vater

Hierdurch erkläre ich, daß ich versuchen werde, mit Hilfe meines Mannes mit einer Pistole mein Leben zu beendigen.

Essen,  den 18. 9. 35

Henriette F.

Dieser Brief ist das letzte greifbare Zeichen, das von Henriettes Leben geblieben ist.  Die zittrige Unterschrift das einzige Zeichen ihrer Hand.  Der Brief zeigt, daß sie noch in ihrer letzten Stunde an die Ungelegenheiten dachte, die sie ihren Kindern und ihrem Mann bereitete, der sie erschießen mußte. Sie muß eine selten selbstlose und auch entschlossene Frau gewesen sein. Gefühle zu zeigen versagt sie sich auch hier. Vielleicht wollte sie es sich selbst und auch den Kindern nicht schwer machen.

Der Brief erreichte ihre Tochter Lotte in einem Kibbuz, frisch verheiratet und mit Mutter eines kleinen Sohns, zusammen mit der Todesnachricht. Die Tochter drängte ihre Trauer jahrelang zurück – immerhin hatte der Selbstmord der Eltern ihnen einen qualvollen Tod erspart, den die Nationalsozialisten Juden zugedacht hatten. Erst Jahre später traf sie den Arzt der Familie, der auch überlebt hatte und nach dem Krieg die Angehörigen seiner alten Patienten aufsuchte. Er war zu Henriette und ihrem Mann gerufen worden – und hatte einen von ihnen noch lebend angetroffen.

Lotte war erleichtert, daß er die Eltern sterben ließ, aber das Bild ließ sie nicht mehr los, auch wenn sie nicht viel darüber sprach. Sie hat mir die Geschichte einmal erzählt, denn wir mochten uns sehr gern, und ich habe sie im Herzen aufbewahrt. Und vor ein paar Tagen an Henriettes Ur-Ur-Enkel weitererzählt.

Lottes kleiner Junge, dem Henriette Gesundheit und Frohsinn wünschte, ist viele Jahrzehnte im Kibbuz geblieben und hat dort geheiratet und seine drei Kinder dort erzogen. Er ist auchheute noch gesund und fröhlich, möge es so bleiben. Sein ältester Sohn, Lottes ältester Enkel und ihr sehr nahestehend und auch ähnlich, hat mich geheiratet, und wir sind wiederum die Eltern von Secundus.

Secundus bereitet jetzt seine Abschlußreise nach Polen vor – ja, israelische Abiturienten fahren nicht nach Mallorca oder Rom, sondern nach Auschwitz. Secundus ist solchen Themen gegenüber spröder als mein sensibler Primus, er hat wenig historischen Sinn und es hat eine Weile gedauert, bis ihn das Thema “gepackt” hat. Alle meine Kinder mögen es auch nicht, wenn nicht zwischen “Nazis” und “Deutschen” differenziert wird. Ihr Deutschlandbild ist weitgehend positiv, so wie sie es bei ihren Besuchen in Deutschland erleben, und Secundus als Bayern-Fan sieht in jeder herabsetzenden Bemerkung gegen die Deutschen eine Kränkung von, chas-ve-chalila, Bastian Schweinsteiger.

Er sollte als Hausaufgabe eine Familiengeschichte erzählen, die mit dem Holocaust zu tun hat – davon gibt es ja beidseitig in Y.s Familie mehr als genug. Interessanterweise bin ich auch die Spezialistin für Y.s Familie, ich habe einfach ein gutes Gedächtnis für Familiengeschcihten.

Secundus hätte ganz gern von meiner Seite der Familie was erzählen, aber ich glaube, das paßt nicht. Mit diesen Problemen, welche Rolle der Holocaust in einer deutschen Familiengeschichte spielt, will ich die Israelis nicht belasten, es ist zu schwierig und eine ganz andere Sache. Ich sage ja immer, es gibt einen jüdischen Holocaust und es gibt einen deutschen. Es ist unfair von Deutschen, von den Juden gewissermaßen Absolution oder auch nur Verständnis für die deutsche Seite des Holocaust zu erwarten. Das kann freiwillig gegeben werden, aber darum geht es bei der Fahrt nicht. Darum trenne ich das. Ich spreche mit den Kindern darüber, aber seinen Klassenkameraden gegenüber kann Secundus die ganze Komplexität nicht darstellen.

Wir haben schließlich nach langer Unterhaltung den Scan des alten Briefs von Ur-Ur-Großmutter Henriette herausgeholt. Ich habe ihn ja schon mal im alten Blog, der nicht mehr aufrufbar ist, eingestellt, aber ich glaube, ich kann ihn noch mal zeigen. Um Secundus nicht zu belasten, habe ich mit ihm zusammen den Brief gelesen – es freut mein Herz, daß meine Kinder imstande sind, diesen Brief selbst zu lesen und zu verstehen, was Y. und seine Tanten und sein Vater zu ihrem Kummer nicht konnten.

Nach Lottes Tod nämlich fanden die Töchter, Y.s Tanten, den Brief und während der Shiva las ich ihnen den Brief vor und übersetzte ihn. Y.s Familie ist im Gegensatz zu meiner Familie eher sachlich und unemotional – trockene Ironie und sachliche Diskussionen sind mehr ihr Metier. Aber nach dem Verlesen dieses Briefs saßen wir alle weinend um den Tisch.  Selbst mein Schwiegervater wischte sich die Augen heftig. Ich war so dankbar, daß ich ihn vorlesen konnte und daß niemand in Y.s Familie in mir je “die Deutsche” gesehen hat. Auch Lotte nicht. Die hatte sich nur gefreut, daß sie mit mir deutsche Bemerkungen austauschen konnte.

Der Brief ist auch ein Prüfstein für mich. Ja, es ist schwer für meine Familie, daß meine Kinder Israelis sind. Sie sprechen Deutsch, sie wissen viel über Deutschland und identifizieren sich auch mit Deutschland, aber sie sind Israelis. Wenn ich an Urgroßmutter Henriette denke, weiß ich, daß ich es richtig gemacht habe. Ja, Henriette, ich habe Deinen Urenkel geheiratet, aber ich habe ihn nicht aus dem Land geführt, das Deiner Tochter das Leben gerettet hat und das sie und ihr Mann im Schweiße ihres Angesichts aufgebaut haben. Und hier sind wir, und immer noch sind Deine Ur-Ur-Enkel bedroht, und die Ur-Ur-Enkel der Menschen, die Dich in den Selbstmord getrieben haben, leben in Sicherheit und kritisieren “in aller Freundschaft” Maßnahmen Israels, sich nicht noch einmal dem Tod ergeben zu müssen. Ich habe das Meine getan. Ich fühle die Verantwortung.

Ganz schön viel Ich! Aber auch das gehört dazu, denn ich erzähle die Geschichte, und sie ist auch meine geworden. Nichts davon entlastet mich – einer der Gründe, nicht zum Judentum überzutreten (einer unter vielen) war mein Unwille, die Grenzen zu vertuschen und von den Tätern zu den Opfern überzuwechseln. Nein nein, ich komme von der Täterseite, auch wenn ich sicher bin, daß meine Oma aus Bochum und Y.s Tante aus Essen sich ausgezeichnet verstanden hätten – schade, daß sie sich nie kennengelernt haben, sie waren gleichaltrig und sind sich vielleicht als Mädchen beim Schlittschuhfahren irgendwann in den 20er Jahren mal zusammengerasselt.

Ich denke gerne, daß Y.s Kulleraugen, die ich so mag und die mich auch aus den Gesichtern seiner Geschwister und Tertias angucken, die Kulleraugen, die Lotte so ausdrucksvoll verdrehen konnte, wenn jemand sie nervte – daß die von Henriette herkommen und so über die Zeiten gerettet wurden.

Wir halten Henriette die Treue, und ihrem Mann auch, dem Ratlosen, Treuen, und ihrem einsamen Tod. Auch darum veröffentliche ich den Brief noch einmal. Aus diesen Geschichten sind die Familien gewebt, die in Israel leben. Nicht vergessen. Verzweiflung, Verfolgung und Tod sind fast allen jüdischen Gemeinden eingeschrieben.

Und mein Secundus, der vielleicht bisher eine etwas eingeschränkte Vorstellung von Tapferkeit hatte, hat begriffen, daß eine schwache Frau im Rollstuhl und ihr Mann sehr wohl tapfer sein können. Schon 1935 war ihnen klar, daß nichts als ein lang herausgezogener Tod sie erwartet, daß sie aus der Falle nicht entkommen konnten und daß ihr Weiterleben ihre Töchter unerträglich belasten würde. Und so nahmen sie den Namen an, den der Tod ihnen gab.

Jeder Mensch hat einen Namen. Le-chol ish yesh shem.

Lechol ish yesh shem
shenatan lo elohim
venatnu lo aviv ve’imo

Jeder Mensch hat einen Namen

Den ihm Gott gab

Und Vater und Mutter

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo komato
ve’ofen chiyucho
venatan lo ha’arig

Jeder Mensch hat einen Namen

Den ihm seine Größe gab

Und sein Lächeln

Und seine Webart

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo heharim
venatnu lo k’talav

Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm die Berge gaben

Und seine Mauern

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo hamazalot
venatnu lo shchenav

Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm die Sternbilder gaben

Und seine Nachbarn

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo chat’av
venatna lo k’mihato

Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm seine Sünden gaben

Und seine Sehnsucht

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo son’av
venatna lo ahavato


Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm seine Hasser gaben

Und seine Liebe


Lechol ish yesh shem
shenatnu lo chagav
venatna lo mel’achto

Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm seine Feste gaben

Und seine Arbeit

Lechol ish yesh shem
shenatnu lo tkufot hashanah
venatan lo ivrono


Jeder Mensch hat einen Namen

den ihm die Jahreszeiten gaben

Und seine Blindheit


Lechol ish yesh shem
shenatan lo hayam
venatan lo moto.

Jeder Mensch hat einen Namen

den das Meer ihm gab

Und sein Tod.

Ein Anruf April 26, 2009, 15:03

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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von meinem Primus, als wüßte er, daß ich an ihn denke. Ja, er war in Gush Etzion und seine Freunde waren bei der Festnahme von Moussa Tit dabei. Und das ist eine schöne Gegend.

Er ist gerade bei der Sanitäterin (chupelet – verrückte Abkürzung für choveshet plugatit, erinnert mich immer an mekupelet), weil er so einen hartnäckigen Husten hat und seiner Mutter versprechen mußte, sich untersuchen zu lassen. Die chupelet hat ihm besonders starken Sonnenschutz verschrieben. Wie oft beißen sich Eltern auf die Lippen! Als ich ihm gepredigt habe, daß er sich mit Sonnencreme einschmieren muß, hat er das lässig abgetan. Für so Kinkerlitzchen hat er keine Zeit. Na, egal auf wen er hört, Hauptsache, er cremt sich von nun an die helle Haut ein.

Außerdem will er zu Odeds Grab kommen, am Gedenktag. Für solche Gelegenheiten kann er Erlaubnis erbitten und wird sie auch bekommen. Er darf sogar in Uniform hin. Odeds Eltern und auch Y. werden sich freuen. Die Armee schickt ja immer auch junge Fallschirmjäger in Uniform zu der Gedenkfeier am Grab. Ja, das wollte er mir sagen.

Meine Erkältung hat inzwischen eine bösartige Wendung genommen, mir ist todschlecht und das Fieber steigt ständig. Ich hab die ganzen nächsten Tage abgesagt. Immerhin komm ich mal zum Bloggen.

Whose Melody? April 26, 2009, 14:16

Posted by Lila in Presseschau.
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Es amüsiert mich oft, wie sehr jede Presseagentur ihre Meldungen auf ihre Leser zuschneidet. Ich habe keine Ahnung, wessen Melody es nun ist, aber ich lese die Geschichte in SPon so:

Die “MSC Melody”, ein italienisches Kreuzfahrtschiff unter panamesischer Flagge, ist knapp einer Katastrophe entgangen. Gegen 22 Uhr 35 Ortszeit hatte sich rund 300 Kilometer nördlich der Seychellen ein Schnellboot mit sechs bewaffneten Männern genähert, wollte das Schiff entern, auf dem auch 38 Deutsche sind. Kapitän Ciro Pinto reagierte blitzschnell, er befahl seinen Sicherheitsleuten, das Feuer zu eröffnen. Nach einem Schusswechsel drehten die Piraten schließlich ab.

Die deutschen Passagiere der MSC Melody spielen eine wichtige Rolle im Artikel, ebenso wird erwähnt, daß die Reederei eine Niederlassung in Deutschland hat.

Das interessiert die Leute bei Ynet nicht.

An Italian cruise ship with 1,500 people on board fended off a pirate attack far off the coast of Somalia when its Israeli private security forces exchanged fire with the bandits and drove them away, the commander said Sunday.

Cmdr. Ciro Pinto told Italian state radio that six men in a small white boat approached the Msc Melody and opened fire Saturday night, but retreated after the Israeli security officers aboard the cruise ship returned fire.

Ist das nicht putzig? Ich wünschte, mein Italienisch wäre gut genug, um zu überprüfen, wer den Helden in den dortigen Medien stellt. Mein Gefühl sagt mir, daß es weder ein Deutscher noch ein Israeli ist…

Niemand ist zu Schaden gekommen, und darum ist das nichts weiter als amüsant als typischer Ausdruck der menschlichen Neigung, Identifikationsfiguren zu suchen.

Aber wie vielen Meldungen geht es so, daß jeder sich das Scheibchen davon abschneidet, das ihm ins Butterbrot paßt?  Und wie sah wohl die ursprüngliche Agenturmeldung aus? Hat jemand bei SPon entschieden, daß das Wort “Israelis” nicht erwähnt werden muß, wenn es nicht um den Nahostkonflikt geht? Nein, schon bei Reuter taucht das Wort “Israeli” nicht auf.  Aber bei AP schon.  SPon ist also mit der Reuters-Meldung gegangen, Ynet mit AP. Ein Schelm, wer dabei Arges denkt.

Ganz spezielles Heldentum April 26, 2009, 12:57

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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Dieser Mann ist ohne Zweifel in den Augen seiner Umgebung ein Held.

moussa-tit

Moussa Tit hält sich auch selbst für einen Helden. Er wollte Shahid werden, also ein Märtyrer, der für seinen Glauben heldenhaft im Jihad fällt und zum Vorbild für andere Shahidim wird. Man beachte auch die ausgeprägte Zabiba auf seiner Stirn.  Er verfaßte ein Testament, in dem er bekannte, für den Islam sterben zu wollen. Ein frommer Mann, der den mutigen Entschluß faßte, sich seiner Religion zum Opfer zu bringen.

Zu diesem Behufe begab er sich, mit einer Axt bewaffnet,  in die Siedlung Bat Ayin in Gush Etzyion (genau der Gegend, wo Primus seit ein paar Tagen Dienst tut) und suchte sich das Opfer für seinen Drang zum Heldentum. Da er ein Anfänger-Shahid ist, durfte das Opfer nicht zu kernig sein und am Ende noch imstande, sich zu wehren. Ein paar kleine Jungens kamen ihm gerade Recht.

shlomo-nativ

Er griff also den 13jährigen Shlomo Nativ mit einem Messer an und erstach ihn. Der Junge verblutete. Ermutigt von seinem Erfolg, wagte sich Moussa Tit mit der Axt an einen Siebenjährigen, den er noch verletzen konnte, und war gerade dabei, das dritte Kind anzugreifen, als er vom zionistischen Feind überwältigt wurde. Dieser tat ihm leider nicht den Gefallen,  ihn zu lynchen, wie Tit es doch erwartet haben muß (da Israel keine Todesstrafe kennt, muß er an einen anderen Weg gedacht haben, sich Gott zu opfern), sondern im Gegenteil – da der zionistische Feind in Form von Nachbarn und Eltern der Kinder sich um die Verletzten kümmerte, konnte Moussa Tit fliehen.

Nun tat er, was einem zu allem entschlossenen Helden ansteht: er vernichtete die Tatwaffen, versuchte seine Spuren zu verwischen und tat so, als sei nichts gewesen. Bis er vom Shin Bet verhaftet wurde.  Da präsentierte er sich mit seinem Testament in der Hand, in pathetischer Pose. Seht mich an, ich bin Opfer der bösen Israelis, die mich jetzt sofort mit ihren Gewehrkolben zusammenschlagen – die Axt ist ja leider nicht mehr da.

testament-moussa-tit

Ohne Zweifel wird es Menschen geben,  die seine Meinung teilen, daß so ein wahrer Held aussieht, der im Kampf gegen Israel zu sinnvollen Mitteln greift, um mithilfe von Axt und Messer den Kraken zu vernichten, der bald den ganzen Nahen Osten zu verschlingen droht und in dessen Reich nur Juden geduldet werden. Ja, sie werden es für richtig halten, daß  der Shahid verherrlicht und besungen wird.

Damit kann man nicht früh genug anfangen. Der unglückliche Farfour zeigt schon kleinen Kindern, was der höchste Wert im Leben ist. Auf daß es nie an Moussa Tits mangele, die mit der Axt dem zionistischen Besatzer den Garaus machen, einem nach dem anderen.

Man wird mir nachsehen, daß ich anderer Meinung bin. Und daß ich keine Worte finde, die meine Meinung über diese Art des Heldentums adäquat wiedergeben.  Anders als mit Zynismus kann ich an das Thema nicht ran.

(Das habe ich erfunden? Das habe ich nicht erfunden.)

(Oh, und wißt Ihr was? Ich wette, beim nächsten Gefangenentausch wird er freigepreßt. Und Eure Leitartikler werden alle, alle dafür sein.)

Angst vor Niobe April 26, 2009, 9:51

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Vor ein paar Tagen wurde in den Nachrichten das Hubschrauber-Unglück erwähnt. Im Februar 1997. Ich kann, seit ich Kinder habe, jede Art von Unglück, das junge Menschen befällt, extrem schlecht aushalten, aber seit Primus bei der Armee ist, verwandle ich mich bei jeder Erwähnung von armee-bedingten Todesfällen in Niobe, aus der die Tränen strömen, ohne daß sie sie aufhalten kann.

Damals waren meine Kinder noch klein und ich hatte das Gefühl, ich kann sie beschützen – nette Illusion. Ich werde die Nacht nie vergessen, den Schock, die Tränen überall. Wie schwer ist der Preis, den wir dafür bezahlen, stets gewappnet zu sein, seelisch und auch in Menschenleben. Wann kommt die Zeit, in der wir unsere Kinder nach dem Abi auf die Uni oder zum freiwilligen sozialen Jahr schicken statt in die Armee?

Es ist wirklich schwer, das Leuten zu erklären, für die jeder Soldat Mörder ist, aber als  Mutter eines Soldaten steht mir jeder Soldat noch näher als früher, als jeder Mann in Uniform mich an meinen Mann erinnerte. (Was auch zur Folge hat, daß jede falsche Handlung eines Soldaten mir wehtut, als hätte ich persönlich ihn falsch erzogen und ausgebildet.) Wenn wir an Gruppen von Soldaten vorbeifahren, kommt es mir immer in den Sinn: kulam banai u-vnotai, alles meine Söhne und Töchter. Wir haben immer schon Tramper mitgenommen, aber jetzt machen wir richtige Umwege, um die Jungen und Mädchen nach Hause zu bringen. Wahrlich, ich weiß nicht, wie ich dieses Jahr den Gedenktag aushalten soll. Morgen abend fängt es an.

Es ist so unerträglich, denn jedes Jahr, jedes Jahr kommen neue Namen dazu. Ich weiß nicht, wie ich es dieses Jahr aushalten soll, wieder an Odeds Grab, und wieder sind seine Eltern noch ein bißchen hutzeliger geworden und ihr Lächeln noch ein bißchen unirdischer. Jeder Mensch, jeder einzelne, hinterläßt ein tiefes Loch. Vielleicht kommt noch dazu, daß meine berufliche Beschäftigung mit funerary art mich noch mehr sensibilisiert hat. Irgendwie kommt alles zusammen. Ich sehe überall nur noch Gedenkorte. Autounfälle, häusliche Unfälle, Gewalt, Schrecken überall. Und ich habe in sträflichem Leichtsinn vier Küken in die Welt gesetzt, die aus meiner Gluckenhut davonstreben in diese gefährliche Welt.

Doch nichts, nichts kommt mir so gefährlich vor wie die Armee. Alle anderen Strukturen, ob Haus, Schule ode sogar  Straßenverkehr, haben Ziele, die den Küken dienen. Menschenleben hat Vorrang vor allem anderen. Nur die Armee ist ein System, das klipp und klar sagt: wir tun zwar alles, um Menschenleben zu schützen, aber im Falle eines Falles stehen die Prioritäten anders. So eine Art Moloch mit offenem Ausgang. Sehr beruhigend.  Eine Alternative haben wir nicht.

Es wäre ja ein nettes Experiment, einseitig abzurüsten, um den ganzen Friedensfreunden mal so richtig zu zeigen, daß wir die ganze Zeit Recht hatten – aber außer dem schon erwähnten Grabstein, auf den die Friedensfreunde dann meißeln können “sorry Israel, die haben das ja tatsächlich ernstgemeint – aber wir vergessen euch nicht!” bleibt uns dann nicht viel. Und in dem Film waren wir auch schon mal.

Ach, und wenn Primus sich so auf seine Commander verläßt, wird mir und Y. schwummerig. Wir sagen nichts, aber man hat ja oft genug schon gesehen, daß nicht alle Commander Mitte 20 menschlich reif genug sind für ihre Aufgabe. Die lernen auch “on the job”. Wie überall liegen auch bei Zahal Brillanz und menschliches Versagen auf derselben Skala, und im Gegensatz zu anderen Armeen hat Zahal genügend Gelegenheiten, sowohl das eine als auch das andere unter Beweis zu stellen. Auch Oded ist durch friendly fire ums Leben gekommen.

Und ich habe ja nicht nur um meinen Primus Sorgen, ich habe auch um alle anderen Sorgen, und auch um die Unbeteiligten auf der anderen Seite, die wie Schachfiguren eingesetzt und zynisch ins Feuer geschickt werden. Wenn ich die vielen, vielen Aufnahmen sehe, in denen Erwachsene Kinder vorschicken, israelische Soldaten provozieren, dann möchte ich die palästinensischen Eltern anschreien: nehmt ihr wohl die Kinder da weg! und kann nur beten, daß nichts passiert. Und doch passiert es immer wieder, und wir leben dann, wie ich seit Jahren, mit der Stimme der großen Schwester, die das tote Schwesterchen streichelt und sagt: they killed our baby. Und they sind wir. Was nützt es mir, daß ich weiß, wie sinnlos jede Art der Intifada ist? Es macht die kleine Iman nicht wieder lebendig.

An Gefahren jenseits der Intifada und der Vergiftung des Zusammenlebens in Israel selbst mag ich nicht mal denken. Ich bin nicht naiv genug, mich unter einem zumindest in Sicherheitsfragen kompetenten Verteidigungsminister sicherer zu fühlen als vor drei Jahren unter Peretz. Wo gehobelt wird, fallen Späne, nicht wahr, und der bessere Tischler mißt sich am Endergebnis, nicht an der Menge der Sägespäne, die ihm unter die Werkbank fallen. Pech für die Späne.

Vor ein paar Tagen guckte Quarta auf der Website des Home-front-commandos nach, die haben nämlich neue Spots mit Kindern eingestellt, und in der Schule wurde darüber wohl gesprochen. Quarta erklärte mir, daß wir 60 Sekunden haben, uns in Sicherheit zu bringen, im Ernstfall. Ich meinte in beruhigendem Ton, “ja, das ist die längste Frist im ganzen Land, wir leben in einer sehr sicheren Gegend”. Quarta guckte mich nur mit diesem mitleidigen Blick an… “Nee, Mama, in Jerusalem haben die Leute viel mehr Zeit. Sag mal, wohin bringen wir uns denn in Sicherheit? Wir haben doch keinen Schutzraum.”

Und ich: “Hm, entweder im Treppenhaus oder im Luftschutzbunker neben dem Haus von Litals Großeltern.” Quarta meinte, vollkommen zu Recht, daß wir das nie im Leben in einer Minute schaffen.  Und sie weiß so gut wie ich, daß unser Treppenhaus nach vorne und hinten offen ist und etwa so viel Schutz bietet wie eine Wiese. Ich schloß die Unterhaltung dann mit der Bemerkung, daß das ja alles nur Vorsichtsmaßnahmen sind und niemand daran denkt, auf Israel Raketen abzuschießen. Naaaain.

Inzwischen fragt mich keiner mehr, ob ich eigentlich wahnsinnig bin, meine Kinder hier großzuziehen, wo wir doch eine Alternative gehabt hätten – ich bereue es auch nicht, im Gegenteil. Das große, sichere Schiff Deutschland braucht uns nicht, aber in dieser Nußschale hier ist jeder wichtig, der bereit ist, an der Pumpe zu stehen oder sich in die Riemen zu legen. Auch wenn außer Schwielen für ihn selbst nicht viel dabei rauskommt. Ich habe gesagt, als ich Y. geheiratet habe, daß ich Israel keinen Israeli wegnehmen will, sondern neue schenken, wenn ich kan. Das habe ich auch gemacht.

Einfach ist es nicht immer, da ich ja nicht zum Judentum übergetreten bin und bestimmt manchen Menschen hier unwillkommen bin. Es ist nicht einfach, immer dem eigenen Gewissen auf seinen verschlungenen Wegen zu folgen, und diese Gedenktage sind die Gewissensfrage: für mich selbst kann ich Risiken eingehen, aber habe ich das Recht, dasselbe für meine Kinder zu tun? Wer gibt mir das Recht, ihnen eine behütete deutsche Kindheit zu rauben und statt dessen israelische Kinder aus ihnen zu machen? Die an Gedenktagen dreimal im Jahr unter dem grausamen Ruf der Sirene stehen, tapfer und traurig? Die ihre Abschlußfahrt nach Auschwitz machen und ihren 19. Geburtstag in Uniform feiern, und den 22. auch? Aber ich glaube nicht, daß ich ein moralisches Recht gehabt hätte, Y.s Kinder als Deutsche zu erziehen.  Es ist leichter für mich, weil Y. selbst und meine Umgebung, Familie, Kibbuz, Freunde, Kollegen, allesamt meine Entscheidungen unterstützen und mich auffangen, wenn ich taumele. Aber leicht ist es nicht.

Der Holocaust-Gedenktag war schon schlimm genug, obwohl er meine inneren Beschlüsse nachträglich bestätigt hat.  Ich muß dazu auch noch was schreiben. Ein andermal. Jedenfalls graut mir vor der Sirene morgen und dann übermorgen.  Mir graut vor Niobes Fluch.

Endergebnisse Frühlingslauf April 25, 2009, 21:30

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Quarta ist trotz Schnupfennase mitgerannt und hat in ihrer Altersgruppe (10 bis 12 Jahre) den zweiten Platz geholt. Eine stolze Leistung, denn viele 12jährige sind mitgelaufen. Die große Schwester ihrer besten Freundin hat sie beim Endspurt überholt, aber sie kam mit Medaille und Urkunde zurück. Die Kinder haben natürlich eine kürzere Strecke als die Jugendlichen und Erwachsenen.

Secundus ist mit seinem Onkel gelaufen, im Zieleinlauf hat er ihn dann, wie letztes Jahr, stehengelassen und ist losgebraust. Trotzdem ist er mit seiner lässigen Trainingsmethode in seiner Altersklasse nicht weit gekommen. Alle seine Freunde waren vor ihm.

Ich war diesmal nicht mit, aber während ich in der Küche rumbrasselte, sah ich auf einen Mal meinen lieben Mann in Sporthose und -schuhen, wie er gedankenverloren eine Sonnenbrille suchte. Hey, du wolltest doch nicht mitlaufen! Du hast doch kein einziges Mal trainiert! Ja, aber dann hat es ihn eben doch gepackt. Er war früher der beste Läufer der Gegend und weitgerühmt, er kann nicht einfach zugucken. Also, mit seinem Bruder und Secundus kann er alle Mal mithalten. Und weg war er.

Er kam leicht gerötet aber zufrieden wieder. Ja ja, mit Secundus und seinem Bruder hat er mitgehalten, na ja. Er ist unangemeldet mitgelaufen, also ohne Zeitmessung oder Urkunde, aber er meint, er trainiert wieder. Meine Schwägerin hat in ihrer Altersklasse ebenfalls gut abgeschnitten, und ihre kleine Tochter auch.

Tertia und ich konnten uns nur lange Blicke zuwerfen. Wir sind hier anscheinend die einzigen, die nicht mitlaufen. (Wir hatten ein interessantes Gespräch über Romantik, sie interessiert sich fürs 19. Jahrhundert, das Kind!) Nein nein, meinte Y., diesmal waren seine beiden Neffen nicht dabei, die Familie war also nicht vollständig vertreten.  Na, immerhin Quarta hat eine Medaille geholt. Übrigens war Secundus´ Gesicht sehenswert, als die Kleine mit ihrer Medaille auf ihn zugeschossen kam und meinte, “na, hast du auch eine?” Nein, dieses Jahr hat er keine… aber nächstes Jahr wird er es allen zeigen, da bin ich sicher.

Y. fiel beim Lauf der Kinder ein Vorfall auf, der ihn etwas schockierte. Ein ehrgeiziges Sportlerpaar feuerte den kleinen Sohn an, der wird so sechs Jahre alt sein. Der Kleine fiel hin, die anderen Kinder stolperten über ihn, er fing an zu weinen und ging an die Seite. Der Vater rannte hin, riß ihn hoch und schrie ihn an: nun lauf, du holst sie noch ein!  Da war Y. so schockiert, daß er am liebsten eingegriffen hätte. Quarta hat sich hinterher mit dem Kleinen unterhalten und ihm ein Eis geholt, um ihn zu trösten. Wirklich, ehrgeizige Eltern sind eine Geißel der Menschheit. Ich kann sowas überhaupt nicht sehen, ich kann überhaupt kein Kind weinen sehen.

Der Plumpsack geht herum, April 25, 2009, 13:18

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mal wieder. Letzte Woche war Y. so erkältet, daß er kaum aus den Augen gucken konnte, seit drei Tagen sind Quarta und ich dran. Ich war so groggy, daß ich nicht mal meinen Laptop ausgepackt habe, als ich Mittwoch spät vom Unterricht wiederkam (das letzte Treffen mit dem Weiterbildungskurs Kindergärtnerinnen, von denen ich dieses Jahr gar nicht viel erzählt habe – vielleicht ein andermal). Drum zwei Tage umlautlos. Und Donnerstag habe ich alles abgesagt, vermutlich kann ich auch morgen noch nicht unterrichten. Na ja, so lungere ich ein bißchen friedlich im Hause rum.

Primus kommt dieses Wochenende nicht nach Hause, er ist in den Gebieten, in Gush Etzion. Ich bin unruhig, aber Y. meint, das ist “shtachim light” und ich soll mir keine Sorgen machen, andere Leute leben da. Ja ja, stimmt ja, aber ich hätte den Jungen lieber zuhause. Es war so schön, als er die Woche Ferien hatte. Wenn ich Primus sage, daß ich mir Sorgen mache, grinst er natürlich nur und meint, “keine Sorge, Mama”…

Secundus trainiert für den Volkslauf, der heute Nachmittag wieder stattfindet, diesmal ganz groß, mit Läufern aus ganz Israel.  Alle fünf Jahre wird es ganz groß aufgezogen, ansonsten sind es nur die bekannten Läufer aus der Umgebung, die sich auch sonst durch die Felder quälen. Y. läuft diesmal nicht mit, er ist zu untrainiert, aber sein Bruder und zwei Neffen, und meine Schwägerin und ihre Tochter auch.  Und natürlich auch Quarta – die beiden Mädchen laufen die kurze Strecke für die kleinen Wackelpötte.

Secundus läuft immer mit seinen Freunden, und sie haben schon zweimal eine gefährliche Giftschlange auf der Strecke getroffen. Gestern wäre Secundus fast auf die zeffa draufgetreten.  Es war wohl beide Male dieselbe.  Er hat kurzentschlossen einen Ast genommen und die Schlange totgeschlagen. Er ist ja sonst ein großer Tierfreund, aber er meint, das ist zu gefährlich, an dieser Stelle, wo viele Leute laufen, und meist allein, und auch ohne Telefon, weit entfernt von jeder Hilfe. Ich habe nachträglich noch einen Schrecken gekriegt und gemeint, er soll aber bitte beim nächsten Mal ein Telefon…. die Antwort? “Keine Sorge, Mama”…

Tertia ist nach wie vor begeistert von ihrem Job in der Küche der Feriensiedlung. Sie arbeitet ja da einen ganzen Tag pro Woche und lernt von der Köchin sehr viel. Von Zeit zu Zeit verwüstet sie jetzt meine Küche, oder macht sich sehr beliebt, indem sie mir über die Schulter guckt und prüft, ob ich es so gut kann wie Aviv, die Köchin. Manchmal kriegt sie Trinkgeld von den Gästen, manchmal muß sie Englisch mit ihnen sprechen, und manchmal hat sie Anlaß zum Kichern (zum Beispiel, als die Drusin im Team Gefilte fish probierte und das Gesicht furchtbar verzog. Süßer Fisch! Erinnerte mich an die Szene aus The Lover von A.B. Yehoshua). Mit Tertia ist es im Moment sehr schön, sie heitert mich oft auf.

Quarta aber auch. Gestern nacht zum Beispiel kam sie noch mal zu uns ins Schlafzimmer, um mir ihr Nasenleid zu klagen. Auch ich hab ja eine total “zue” Nase und wir gestikulierten uns gegenseitig, WIE ärgerlich das ist, wenn die Nase zugeht, sobald man sich gemütlich hingelegt hat. Dabei fingen wir an zu kichern. Als erstes erwachte Leonardo (der sich einen warmen Platz auf Y.s Brust gesucht hatte) und warf uns einen vorwurfsvollen Blick zu. Darüber gerieten wir dann so ins Lachen, daß am Ende auch Y. erwachte. Er schüttelte aber nur den Kopf und schlief sofort wieder ein. Ich erinnere mich noch an die Lachanfälle meiner Kindheit mit meinem Bruder (dabei fällt mir immer das wunderschöne Bild von Heemskerck ein), aber daß es einem mit den eigenen Kindern so gehen kann, hatte ich eigentlich nicht erwartet.  Es ist aber schön, ich bin ja so froh, daß ich meine Mädchen habe.

Die Felder draußen werden gelb und braun, die erste Ernte ist längst vorüber – und das im April, ist das nicht schrecklich? Y. steht auf der Leiter und säubert die Klimaanlage, damit wir der nächsten Sharav-Attacke besser standhalten können. Ja, und was sage ich, wenn ich jemanden auf der Leiter sehe? Richtig, und Y.s Antwort ist, “don´t worry Lila…”

Sonst ist hier nichts Neues.

Ach ja, ich hab meinen Blog-Geburtstag verpaßt, der war am 19. April. Ich blogge seit 2004, weiß ich noch genau, kurz vor meinem 40. Geburtstag habe ich angefangen. Mal blogge ich intensiver und möchte alles festhalten, was passiert, dann kommt mir nichts der Rede wert vor. Wie lange habe ich nichts mehr über die Arbeit gebloggt! Dabei passieren da immer wieder ganz interessante Dinge….

Andere Online-Kommunikationsformen wie Twitter sind an mir vorübergegangen, kein Forum hat mich länger gefesselt und ich bin eine saumselige E-Mail-Korrespondentin. Aber Bloggen hat schon einen recht festen Platz in meinem Leben.

Daß ich trotzdem treue Leser habe, die diesen Fluktuationen und diesem Mischmasch von Themen und Stimmungen standhalten und immer wiederkommen, wundert mich, aber freut mich sehr. Ohne Leser ist ein Blog nichts, also danke. Ich würde ja gern virtuell Biscotti an Euch verteilen, davon hat Tertia nämlich unvorstellbare Mengen gemacht… aber irgendwie funktioniert das noch nicht.

Preisfrage April 22, 2009, 10:56

Posted by Lila in Presseschau.
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an meine “israelkritischen” Leser. Am liebsten solche, die sich richtig für Palästina engagieren, von der Wahnmache…äh, Mahnwache bis zum Flugblatt, der Unterschrift auf der Domplatte bis zur Soli-Reise. Auch einfache Sympathisanten, die mit bitteren Tränen und zitternder Stimme auf israelische Brutalität reagieren, sind mir willkommen.

Kann mir bitte jemand eine andere Erklärung als die von Bret Stephens gegebene liefern, warum das europäische Herz für die Palästinenser schlägt, aber für die Tschetschenen nicht? Wer von den Palästinafreunden ist auch Tschetschenenfreund? Wann habt ihr euch das letzte Mal an einer Demo gegen Rußland beteiligt? das letzte Mal eine Denkschrift oder einen Appell gegen Rußland unterschrieben?

Ich frage nicht aus Zynismus, wirklich nicht. Ich möchte es wirklich, wirklich gern wissen. Was haben die Palästinenser, das den Tschetschenen fehlt? Ist es wirklich nur, daß sie ihre Klagen gegen Israel führen, oder gibt es nicht doch irgendeinen objektiven Grund?

Wer nicht bei Stephens nachlesen will – hier sind die letzten Paragraphen seines lesenswerten Artikels:

The Israeli-Palestinian conflict inflames the Muslim world in a way the Chechen one does not. But why is that, when so many more Muslims are being victimized by Russia?

Then too, why does the wider world participate in the Muslim world’s moral priorities? Why, for instance, do high-profile Western writers like Portuguese Nobelist José Saramago make “solidarity” pilgrimages to Ramallah, but not to the Chechen capital of Grozny? Why do British academics organize boycotts of their Israeli counterparts, but not their Russian ones? Why is Palestinian statehood considered a global moral imperative, but statehood for Chechnya is not?

Why does every Israeli prime minister invariably become a global pariah, when not one person in a thousand knows the name of Chechen “President” Ramzan Kadyrov, a man who, by many accounts, keeps a dungeon near his house in order to personally torture his political opponents? And why does the fact that Mr. Kadyrov is Vladimir Putin’s handpicked enforcer in Chechnya not cause a shudder of revulsion as the Obama administration reaches for the “reset” button with Russia?

I have a hypothesis. Maybe the world attends to Palestinian grievances but not Chechen ones for the sole reason that Palestinians are, uniquely, the perceived victims of the Jewish state. That is, when they are not being victimized by other Palestinians. Or being expelled en masse from Kuwait. Or being excluded from the labor force in Lebanon. Things you probably didn’t know about, either. As for the Chechens, too bad for their cause that no Jew will ever likely become president of Russia.

Ich wäre so froh, wenn mir einer das mal wirklich erklären könnte.  Und keine Scheu, die israelkritischen Freunde haben doch sonst auch keine Probleme, den Mund aufzumachen.

Fatal April 21, 2009, 14:52

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Geht es nur mir so, oder erinnert Herr A. auch andere Leute an eine Figur in “Lost in Austen“?

ahmedinijad

So ist das April 21, 2009, 9:00

Posted by Lila in Land und Leute.
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Erev Yom ha-Shoah April 20, 2009, 18:04

Posted by Lila in Land und Leute, Muzika israelit.
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Heute abend fängt Yom haShoah an, der Gedenktag. Secundus hat den ganzen Tag im Dining Room bei den Vorbereitungen geholfen. Ein trauriger Tag steht uns morgen bevor, aber ich möchte kein trauriges Lied zeigen, sondern eines über die Einwanderung. Arik Einstein und Yehuda Poliker:

Damit wir uns daran erinnern, wie gut es ist, daß es Israel gibt. Hätten die Engländer Nägel mit Köpfen gemacht und den Staat Israel kurz nach der Balfour-Deklaration zugelassen, wäre der Holocaust nicht geschehen. Möge das Volk Israel nie wieder wehrlos sein.

Ich möchte lieber nicht wissen… April 20, 2009, 17:41

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau.
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… wie vielen Zuhörern in Europa Ahmedinijad aus der Seele spricht. Das ist ja genau das Zeug, das hier und in anderen Blogs, aber auch in Gesprächen, regelmäßig wieder auftaucht, ausgebreitet von Leuten, die nicht die leiseste Ahnung haben, wie die Gründung Israels wirklich vonstatten ging. Daher kann ich mir vorstellen, daß viele Bürger der europäischen Länder, die nicht an der Konferenz teilnehmen, das für ein Einknicken vor den finsteren Mächten des Zionismus halten, gewissermaßen für einen Beweis, daß Ahmedinijad Recht hat. Da kann man nichts machen, fürchte ich.

Mir ist bekanntlich die erste Durban-Konferenz in böser und bitterer Erinnerung, und ich halte sie für einen der auslösenden Faktoren der Intifada. Der stets angeführte Besuch Sharons auf dem Tempelberg ist nur der Vorwand gewesen, nichts sonst. Die Ermunterung, es doch mal wieder mit Gewalt gegen israelische Zivilisten zu versuchen, kam eindeutig aus Durban. Und es verstört mich bis heute, daß die Welle des Terrors, der so viele Menschen zum Opfer gefallen sind, nie die wilde, fassungslose Empörung ausgelöst hat, die anscheinend für Israel reserviert ist. Mit welchem Gleichmut, ja welchem Verständnis für die Terroristen die Welt das aufgenommen hat, das kann ich nicht vergessen.

Ob es hilft, die Konferenz zu boykottieren? Wäre es nicht besser gewesen, hinzufahren und mit Stimmgewalt gegen die vollkommen verzerrte und verlogene Konzentration auf Israel und israelische Verbrechen zu protestieren? Hm, ich glaube, in diesem Fall nicht.

Es wäre ja schön, wenn diese Aktion mal ein paar Leuten die blauen Augen öffnen könnte.  Leider verwechseln die meisten die gute Absicht mit der Realität und nehmen der UNO ab, was sie behauptet zu sein. Ghaddafi zB darf auf keinen Fall kritisiert werden.

Kann sich jemand vorstellen, was passiert wäre, wenn der Palästinenser Israel angeklagt hätte? Er wäre wohl kaum unterbrochen worden… zumindest, wenn man sich anhört, wie die Vorbereitung aussieht.

Immerhin beruhigend, daß es auch anderswo Leute gibt, die mit Amir Peretz Englisch gelernt haben.

Die Welt April 12, 2009, 16:32

Posted by Lila in Bloggen.
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Wir haben ein Abonnement der Zeitschrift National Geographic, englische Ausgabe, die wir alle sehr gern lesen. Neulich war ein eindrücklicher Artikel über Umweltschädigung durch Licht. Ein Thema, das mich interessiert – ich bin immer entsetzt, wenn ich sehe, welchen Beleuchtungs-Overkill wir uns hier in Israel leisten.  Jede Kreuzung, ausgeleuchtet wie ein Fußballstadion…

Heute schlenderte ich nach Hause und blätterte durch die neue Ausgabe. Bei den Leserbriefen zum Thema light pollution habe ich schöne Worte gefunden, die ich mit meinen Lesern teilen möchte. Eine Frau erzählt, wie sie ihre Tochter, ein Stadtkind, zum ersten Mal nachts mitgenommen hat in die Wildnis. Das Kind sah den Sternenhimmel und rief aus:  Momma, the world is real!

Ja, die Welt ist wirklich, und wenn wir den Sternenhimmel über uns sehen, merken wir es auch.

elsheimer

starry-night-sky

Soldiers speak out April 12, 2009, 13:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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und vielleicht hört ja jemand zu? Hier kann man sie hören. (Die Seite ist noch nicht voll funktional, und ein bißchen mehr Informationen außer den Soldaten und Soldatinnen selbst wäre auch schön. Na, kommt vielleicht noch).

Die Pizza ist im Ofen… April 12, 2009, 12:29

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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…und sie ist gaaaanz voll mit Thunfisch. Das bedeutet: mein Soldat ist auf dem Weg nach Hause. Zum Wochenende und zum Seder war er zwar nicht hier, aber er kommt gleich. Kleine Fladen mit Zaatar habe ich auch gemacht, aus dem Hefeteig, der noch übrig war. Außerdem jede Menge Salat.

Woher kommt nur dieser Instinkt, Kinder, die aus der Ferne nach Hause kommen, mit Essen vollzustopfen, das sie mögen???

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