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Nicht vergessen Dezember 8, 2012, 12:47

Posted by Lila in Kinder, Persönliches, Uncategorized.
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Glueckliche Abende so wie gestern. Draussen rauscht der Regen, seit zwei Tagen fast ununterbrochen, die Katzen kommen empoert und gekraenkt von ihren Ausfluegen wieder und schuetteln die Regenperlen vom Pelz. Auf dem Tisch brennen Kerzen – die Pyramide und der Adventskranz. Quarta lernt die Weihnachtsmaus auswendig, Tertia mit ihrem messerscharfen Gedaechtnis souffliert ihr.

Die Drei luemmeln sich auf Couch und Sessel, gucken alte Folgen von „Friends“, die hier en bloc ausgestrahlt werden, und kichern entzueckt, auch Secundus. Um zehn Uhr haben sie auf einmal Nachthunger, und ich stelle mich tatsaechlich noch mal in die Kueche und mache ihnen was im Wok, das moegen sie so gerne. Danach wollen sie Eis-Schokolade, kriegen sie auch.

Als die Maedchen ins Bett gehen, liegt Secundus noch auf der Couch und sieht Bundesliga. Quarta guckt auf die Tabelle der Bundesliga-Spiele und lacht sich kaputt, wie Moenchengladbach auf Hebraeisch aussieht – als haette jemand einfach mal wild auf die Tasten gehauen, MNSCHNGLDBCH. Ich wiederum lache, als ich die Liste der englischen Liga sehe und mir vorstelle, wie ein Israeli, der sein Englisch vergessen hat, Niyukassl aus dem Hebraeischen konstruiert. Secundus ist froh, als er uns los ist.

Bestimmt schlaeft er wieder auf der Couch ein. Mir soll’s recht sein. Er erzaehlt, er lacht, er ist vergnuegt, er hat Berge von Waesche mitgebracht. Er hat schwierige Erlebnisse – viele der Autounfaelle, zu denen er gerufen wird, enden mit Toten, sehr oft mit toten Kindern. Palaestinensische Kinder, von denen viele nicht angeschnallt waren. Das ist bitter fuer die Rettungskraefte, und sehr traurig zu hoeren. Aber es ist gut, dass er erzaehlt, und dass er, soweit ich es beurteilen kann, eine Balance haelt zwischen Empathie fuer die Menschen, die er behandelt, und professionellem Abstand.

Naechste Woche faengt sein Kurs an, eine Weiterbildung. Dann ist er erstmal in Rishon, aus den Gebieten weg. Danach in den Golanhoehen, genau da, wo sein grosser Bruder war (und wo regelmaessig Geschosse aus Syrien fallen). Aber nur noch eine Woche Hebron. Fast, fast, fast bin ich erleichtert – ohne boesen Blick natuerlich, tfu tfu tfu.

Kommentare»

1. Paul - Dezember 8, 2012, 13:16

Liebe Lila,
dieser Bericht ist Balsam. Balsam auch für meine Seele, nach den Aufregungen der ganzen letzten Zeit.
Aber im Untergrund, leider muss ich die Idylle etwas stören, rumort es bei mir immer: Wie lange bleibt diese Ruhe?
Die PA-Politiker geben sich alle Mühe einen anderen Eindruck zu erzeugen.
Also doch nur die Ruhe vor dem Sturm?
Na wenigstens ist Secundus etwas weg vom „Schuss“.
Herzlich Paul

2. Silke - Dezember 8, 2012, 13:53

OT zu deutschen (und israelischen) Schulbüchern:

Bei der Konfliktschilderung spielen didaktische Prinzipien eine sehr große Rolle, also Kontroversität und Multiperspektivität, das heißt, die Schüler sollen sich anhand der unterschiedlichen Perspektiven auf den Konflikt ein eigenes Urteil bilden. Das heißt, sie haben dann Textquellen aus israelischer Perspektive und aus arabischer oder eher noch aus palästinensischer Perspektive nebeneinanderstehen, und das kann vernünftig sein und das kann gut ausgehen, kann aber auch ins Auge gehen, wenn man für die israelische Seite dann zum Beispiel einen Siedlerführer sprechen lässt und für die palästinensische dann einen Jugendlichen, der Diskriminierungserfahrungen gemacht hat. Dann wird sich natürlich das Schülerurteil sehr wahrscheinlich dem Jugendlichen zuwenden.
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1942930/

3. heplev - Dezember 8, 2012, 15:55

Das mit Möchengladbach muss ich mir unbedingt merken!

4. Marlin - Dezember 8, 2012, 16:40

Danke Lila. Nach all dem deprimierenden und wutbringenden mal wieder etwas schönes. Eine Sprache ohne Vokale in der Schrift ist vermutlich ntrssnt. 😀

Falls ihr das irgendwann mal empfangt, ich hab die erste Staffel von „New Girl“ gesehen und war entzückt. Ist PG, Romantic Comedy. Sehr lustig. Kann ich empfehlen. Ausstrahlungszeit habbich keine Ahnung.

Viel Glück für Secundus auch von mir. Natürlich auch für Tertia, aber die scheint das ja locker hinzukriegen, oder?

5. Dorothee - Dezember 8, 2012, 20:21

Alles Gute für die beiden Kids im Dienst – das können sich ja die meisten bei uns überhaupt nicht vorstellen. Und ich hab auch Mühe, mich in Deine Lage, Lila, hineinzuversetzen.

6. Lila - Dezember 8, 2012, 20:48

Das Verrueckte ist – ich kann mich selbst kaum reinversetzen. Ich fass es irgendwie nicht, dass ich mir um sowas Sorgen machen muss. Die Horror-Woche ist schon wieder so weit von mir entfernt, dass ich sie gar nicht mehr verstehe. Ich bin aber sehr dankbar, dass wieder eine Art Normalitaet eingekehrt ist. Und dass allen die Eskalation in einen ausgewachsenen Krieg erspart geblieben ist.

Was deutsche Familien mitmachen, die Angehoerige in Afghanistan haben, kann ich mir wiederum gar nicht vorstellen – da kommt ja noch die Entfernung zu der fressenden Sorge dazu.

Man kann nur beten und hoffen, dass irgendwann die Menschheit lernt, ihre Konflikte mit friedlichen Mitteln beizulegen und keiner mehr toeten oder sterben muss fuer einen Staat, ein Land, eine Idee oder eine Religion.

Selbst mein Mann hat nach Jahren im Libanon immer noch das Gefuehl gehabt, er ist im falschen Film, wenn er in Beirut rumgelaufen ist. Er hatte immer das Gefuehl, gleich kann er irgendwo klingeln und sich mit den Leuten hinsetzen und in ein normales Leben fallen und den Krieg einfach vergessen. Jeder Tote, den er gesehen hat, hat ihm einfach nur leidgetan, egal zu welcher Seite er gehoerte. Es kam ihm so absurd vor.

7. Silke - Dezember 9, 2012, 17:40

OT
voller Stolz tue ich hiermit kund, daß Ben Gurion und ich einer Meinung sind 😉 – natürlich auch ein hervorragendes „plus ca change …“-Beispiel.

Israel’s State Archives Blog – Autor des Posts Yaacov

I wish to say something about the impact. Whatever we do will make a splash abroad. When they kill one person, or blow up a well or knock down the wall of a house, the Times doesn’t report on it. But when we send military units against military installations, that’s a big story.

http://israelsdocuments.blogspot.de/2012/12/how-are-military-actions-authorized.html


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