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PS Oktober 31, 2006, 14:25

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Ich hab ihr spontan eine Mail geschrieben. Ob die ankommt? Wer weiß.

Kleine Peinlichkeiten Oktober 31, 2006, 14:23

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Da lernt man sich kennen und ist sich eigentlich sofort sympathisch. Sie ist Britin, ich Deutsche, sie ist jünger, ich etwas älter, aber beide sind wir mit Kibbuzniks verheiratet, und wir erkennen viele Gemeinsamkeiten. Unser Kontakt ist arbeitsbedingt und sporadisch, auch nicht sehr tiefschürfend, aber wir trinken zusammen einen Kaffee, wenn wir nur Zeit dafür finden. In gemütlicher Atmosphäre strunzen wir, halb ironisch, mit unseren Ehemännern, den struppigen Trophäen, und den Kindern.  So kenne ich sie.
Ich habe sie ein halbes Jahr nicht gesehen, nicht viel für so eine oberflächliche Bekanntschaft. Kaum sitzen wir wieder in unserer Kaffee-Ecke im alten Lehrerzimmer, und ich frage sie, wie´s ihr geht, da erzählt sie mir schon von Trennung und Scheidung, und wie unerträglich dieser Mann ist, wie sie das Leben im Kibbuz haßt und die Arbeit, und eine Menge Einzelheiten prasseln über mich herein.  Ich erschrecke, kann nichts bieten außer empathischer Miene, Zuhören und Nicken. Sie will zurück in ihre alte Heimat, die Kinder will sie mitnehmen, sie ist zornig, entschlossen, ich tue einen Blick hinter eine Fassade. Dann muß sie weg, ich auch.

Das ist inzwischen wieder ein halbes Jahr her. Wo mag sie sein, noch in ihrem Kibbuz im Süden oder doch zurück in Europa? und die Kinder? und der Mann? Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, wie jemand anders ihre Geschichte erzählen würde, es interessiert mich auch nicht, ich will es gar nicht wissen.

Aber zu denken gibt es einem doch. Wie wenig zeigen wir einander doch von unserem wirklichen Leben. Und ich habe wieder einmal deutlich erkannt, was wohl zu meinem Charakter gehört: ich nehme Leuten ihre Selbstdarstellung grundsätzlich ab. Ich versuche nicht, hinter Fassaden zu gucken. Wenn es nicht unumgänglich ist, hinterfrage ich die Persönlichkeiten nicht, die sich mir präsentieren. Das hat Vorteile, weil sich manche Menschen mit mir wohlfühlen, die von anderen verurteilt werden, oder denen sonst niemand die grandiosen Geschichten über sich selbst glaubt. Das hat auch Nachteile, weil ich manchmal auf die Fresse falle – obwohl in krassen Fällen, in denen der Unterschied zwischen Fassade und Gerippe bedrohlich ist, mein Instinkt einsetzt und mich warnt. Aber es irritiert und stört mich, wenn mir klarwird, wie abgrundtief wir alle voneinander getrennt sind. Mir ist lieber, diesen Abgrund durch Akzeptieren und Stillhalten zu überbrücken als durch Analyse und Durchschauen. Doch das ist wohl individuell verschieden.

Jedenfalls war dieses Gespräch, dieser Ausbruch im Lehrerzimmer eine Peinlichkeit, für sie und für mich. Und trotzdem hoffe ich,  sie noch einmal zu treffen, um zu sehen, ob sie ihre Fassade wieder restauriert hat. Ich würde es ihr wünschen.

Verlinkt Oktober 30, 2006, 0:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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Das Interview mit Dan Schiftan von der Uni Haifa wollte ich eigentlich schon verlinken, als es rauskam – es ist nicht ganz knusperfrisch. Aber weil ich eigentlich ganz pingelig aufschreiben wollte, wo ich mit ihm übereinstimme und wo nicht… ist nichts draus geworden. Daher nur der Link.

Und ebenfalls zu Wolf Biermann in der ZEIT. Ja, auch dazu müßte ich eigentlich mehr schreiben, kann ich aber gerade nicht, muß schlafen gehen! Vielleicht morgen, nee bestimmt nicht, hm, übermorgen auch keine Zeit… egal, lest und denkt euch selbst dabei, was überzeugend klingt, was zweifelhaft.

Ein Eintrag nach dem anderen Oktober 30, 2006, 0:09

Posted by Lila in Bloggen, Kibbutz, Kinder, Katzen.
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verschwindet im Limbo, der „your drafts“ heißt. Ich kann das nicht gerade writer´s block nennen, da ich berufsbedingt enorm viel schreibe, so viel, daß ich wieder die Rechte in einen häßlich-hautfarbenen Handschuh stecken muß, weil der Karpaltunnel sich beschwert. Aber irgendwie passieren hier nur so elende Dinge, von denen ich sowieso nichts mitkriege, sondern nur mit Grausen auf Haaretz davon lese, um mich dann schnell wieder abzuwenden… oder triviale kleine Geschichten aus der Familie. So wie heute, als die Sprache auf die neunschwänzige Katze kam und die grausamen Prügel die damit ausgeteilt wurden…. als Quarta sofort nachfragte, „und habt ihr mich auch mal damit gehauen?“

Die Nachrichten über den Präsidenten sind so peinlich, daß schon vor ein paar Wochen Y. seine Wochenendausgabe der Zeitung, sonst sein schönstes Freitagsvergnügen, entnervt in den Müll stopfte. „Unlesbar, das Ding, von vorne bis hinten nur Katsav, Katsav, Katsav. Das einzige, was ich von dem wissen will, ist, wann er zurücktritt“. Das hat sich seitdem immer noch nicht ereignet. Ich sehe mit ungläubigem Entsetzen seine Frau an, die tatsächlich mit dieser wandelnden Peinlichkeit noch offizielle Auftritte absolviert. Arme Frau.

Es ist besonders schade, weil Katsav doch mal endlich ein Präsident aus einer orientalischen Familie war, aus dem „anderen Israel“. Wäre schön gewesen, wenn seine Amtszeit skandalfrei über die Bühne gegangen wäre. Aber wenn nur ein Hundertstel der Geschichten stimmt, die von der Polizei ernstgenommen werden, dann ist der Mann untragbar.

Dann die Luftwaffe, was ist denn mit denen los? Ich höre keine Nachrichten und Kommentare, weiß also nicht, wie die Luftwaffe selbst ihre seltsamen Manöver deutschen Schiffen und Hubschraubern gegenüber rechtfertigt. Vielleicht haben sie ja eine logische Erklärung, obwohl es mir schwerfällt, mir eine auszudenken. Egal was es war, das die Luftwaffenpiloten dazu bewogen hat, deutsche Streitkräfte als feindlich zu behandeln und den dicken Max zu markieren – jedes Problem muß diplomatisch gelöst werden, aber doch nicht so. Da schüttelt man ja nur den Kopf und sagt, ja sind die denn übergeschnappt, seit ein Luftwaffengeneral Ramatkal ist?

Ich sah heute den ganzen Tag über Hubschrauber über den Carmel brummen, hier in der Nähe ist ja ein militärischer Flughafen, und hier merkt man manchmal, daß dort auch ausgebildet wird – auf einmal schwirren hier alle möglichen Modelle rum, in hübschen Formationen. Nicht oft – ich bemerke es jedesmal, denn sonst ist es hier so still. Heute dachte ich mir, als ich die Hubschrauber sah, „na vielleicht sind das ja zwei deutsche Hubschrauber auf der Flucht vor unseren größenwahnsinnigen F-16-Piloten“. Verrückte Welt. Es tut nicht gut, wenn militärische Systeme zu mächtig sind, sich verselbständigen und dann jede Bodenhaftung verlieren.

In ähnlichem Zusammenhang, auch wenn es eine ganz andere Geschichte ist, sehe ich die ekelhaften Vorfällen, bei denen deutsche Soldaten in Afghanisten mit Totenschädeln Unfug getrieben haben. Eine Armee braucht immer, egal wie klug oder moralisch ihre Führer sich vorkommen, eine starke Verankerung in der zivilen Gesellschaft. Wenn wir in Israel, weil wir die Armee nicht mehr wollen, nicht mehr für nötig halten oder mit ihr unzufrieden sind, unsere soziale Kontrolle über die Armee verlieren, dann sieht es finster aus. Anscheinend hat ein militärisches System nicht die inneren Bremsmechanismen, um so perverse und destruktive Tendenzen zuverlässig zu neutralisieren. Wobei ich immer davon ausgehen will, daß es sich um extreme Einzelfälle handelt, von denen man nicht auf die Allgemeinheit der Soldaten schließen sollte.

Aber auf Soldaten muß man aufpassen, auch in ihrem eigenen Interesse. Das sind unreife junge Männer, die ja in der Gesellschaft allgemein einen Risikofaktor stellen – viel Testosteron, viel Muskelkraft, aber noch nicht die mentale Reife, moralische Entscheidungen zu fällen. Als Mutter zweier solcher Kerle, die vor Kraft kaum laufen können, darf ich mir diese diskriminierende Bemerkung wohl erlauben. Und die Gegenwart von Frauen in der israelischen Truppen besagt noch gar nichts, solange coole Machos wie Chalutz den Ton angeben.
Ansonsten wie gesagt, ignoriere ich Nachrichten und Y. tut dasselbe.  Na ja, er liest Zeitung, wenn es nicht gerade um die Vorzimmer-Eskapaden unseres most embarrassing president geht.

Ich habe stressige Zeiten im Beruf, weiß auch nicht, wieso das mit der Beruhigung der Lage nicht klappt. Immer, wenn ich denke, jetzt laufe ich aber in ruhigere Gewässer ein, dann bums, kommt der nächste Peak und ich bin im Brassel. Na ja, vielleicht demnächst… wer weiß…

Also, ähnlich spannende Einträge schmeiße ich in den drafts folder, warum also diesen veröffentlichen? Vielleicht, damit sich niemand Sorgen macht. Alles okay, bitte keine Sorgen machen, ich lebe im Moment eben nur blog-untauglich.

Nächtliche Unruhe Oktober 21, 2006, 0:59

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Wir haben nur zwei Kinderzimmer für vier Kinder, Kibbuzhaus, ist nicht groß. Die Jungens rüpeln miteinander, zu allen anderen sind sie nett (na ja, Secundus ist auch ziemlich eklig zu seinen Schwestern), aber wir haben große Anstrengungen gemacht, ihr Zimmer so rüpelkompatibel wie möglich zu machen. Sie haben nun noch strenger getrennte, symmetrische Bereiche, die für den anderen tabu sind. Secundus, der Gesellige, schläft dreimal die Woche in der Schule, was die Lage ebenfalls entzerrt. Gestern war auch Quarta nachts nicht zuhause, sie hat zum ersten Mal bei einer Freundin übernachtet. Ich war so unruhig, daß ich überhaupt nicht geschlafen habe. Ja, ich habe mich nicht mal zugedeckt, wachte morgens frierend auf. Irgendwie wollte ich „nur mal eben ein Auge zutun“, aber nicht wirklich schlafen. Bin ich froh, wenn ich sie alle vier unter unserem Dach habe und acht Füße nachts zudecken kann. Wie habe ich mich in der Babyzeit nach durschlafenden Kindern gesehnt, jetzt habe ich sie. Herrje, ich  muß mich dran gewöhnen, daß sie immer selbständiger werden. Hilfe!

Tief durchatmen Oktober 19, 2006, 20:42

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Bloggen sollte keine Pflicht sein, sondern ein reines Vergnügen. Wieso also stellt sich das altbekannte Prokrastinations-Leiden ein: mit jedem Tag, den ich nicht blogge, wird der Anfang schwerer?

Gut, damit ist der Anfang geschrieben. Welche Erleichterung.

Ich kann mich nicht beschweren. Die neue Arbeit ist interessant, es ist ja immer seltsam, dasselbe woanders zu tun, und jede Umgebung hat ihre eigenen Gesetze. Ich bin zwar nur einen Tag pro Woche am Ort, werde aber an allen anderen Tagen per Email und Telefon mit Arbeit nur so überschüttet. Und es läßt sich eigentlich ganz nett an. Ich arbeite in einer Abteilung, in der viele Mitarbeiter aus allen möglichen Ländern kommen und aus jedem Raum ein anderer Akzent tönt. Mein elender deutscher Akzent, den ich seit Jahren abzuschleifen versuche, fällt dort gar nicht weiter auf. Ja, eine israelische Mitarbeiterin meinte sogar bewundernd, daß sie den besonders schön findet. Ein Kompliment, das entweder sehr unaufrichtig oder sehr verquer ist. Nein, beschweren kann ich mich nicht, ich habe es wieder mal gut getroffen und habe Spaß an der Arbeit, auch wenn es etwas viel ist.

Daß ich jetzt so viel zuhause bin, freut meine großen Kinder, die ja früher nach Hause kommen als die Jüngste (die bis vier in der Nachmittagsgruppe ist). Die Busfahrzeiten und die Öffnungszeit des Dining Room stimmen nicht mehr überein, Sparmaßnahmen!, so daß die Oberschüler entweder in der Mensa ihrer Schule essen oder aber zuhause. Ich habe den Luxus, meine Kinder mehrmals die Woche mit gedecktem Tisch und warmem Essen empfangen zu können (auch wenn ich das Essen selbst meist abends vorbereite). Ich genieße diese Phase intensiv, weil sie zeitlich beschränkt ist. Außerdem empfinde ich sowieso diese Zeit als gesegnet: Quarta ist wirklich aus dem Gröbsten raus, die Grundschulzeit ist so eine schöne Zeit!, und Primus ist noch weit genug vom Armeedienst entfernt, daß ich mir einreden kann, „ach was, bis dahin…“. Äh, keine Widerworte hier, bitte.

Wir haben gestern unsere Fernseh-Abstinenz durchbrochen, um ein Reality-Programm anzugucken, das wir sonst nie sehen. Aber ein Bekannter von uns wirkte dabei mit, und wir waren vor Schrecken geradezu gelähmt, wie sehr das Konzept einer solchen Sendung die Privatsphäre verletzt. Familienmitglieder reden vor laufender Kamera übereinander, „ja, unser Vater hat sich nie um uns gekümmert, das sind wir schon gewöhnt“, „mein Mann und ich haben eigentlich kein Intimleben mehr, aber das fehlt mir auch nicht“, und das ganze Land hört zu. Na ja, das ganze Land wohl nicht, aber in einem kleinen Nest wie Israel reichen drei Leute, und alle wissen Bescheid. Wer tut sich sowas freiwillig an?

Ich frage mich auch erschrocken, ob wir nun der Reihe nach alle Errungenschaften der Aufklärung an den Nagel hängen. Im holländischen Privathaus des 17. Jahrhunderts wurden die Zimmer mit ihrer geographischen Lage bezeichnet: vorderes Zimmer, Zimmer nach Norden, obere Kammer und so weiter. In jedem Raum, auch in der Küche, standen Betten, denn die Räume waren Multifunktionsräume. Erst im Laufe der Zeit bürgerte sich wortwörtlich im bürgerlichen Haus ein, daß das Schlafzimmer privat ist (in Versailles waren bekanntlich Schlaf, Stuhlgang, Geburt und Tod öffentliche Ereignisse). Im geliebten „Nachsommer“ von Stifter ist das Schlafzimmer der Eltern so privat, daß die Kinder es nicht betreten, sondern nur die Mutter selbst und eine alte Magd tagsüber hineingehen, um es aufzuräumen. Und wir trampeln per Fernsehen oder auch Blog durch anderleuts Privatsphäre und laden andere ein. Und von dieser kulturpessimistischen Seufzerei kann ich mich nicht mal ausnehmen! Ach was, Bloggen ist ganz was anderes, auch im bürgerlichen 19. Jahrhundert haben die Leute Privatbriefe geschrieben, die dann in der ganzen Bekanntschaft herumgereicht und vorgelesen wurden. Ein Blog ist nichts anderes, Punktum.

Ich verfolge außerdem mit großer Anteilnahme die Diskussion über Unterschicht, Hoffnungslosigkeit und ausgegrenzte Bevölkerungsteile in Deutschland – die hier genauso stattfinden könnte, sollte, vielleicht auch wird. Ich bewege mich ja viel zu selten aus meiner kleinen Seifenblase heraus, was früher anders war. Aber wenn, dann sehe ich mir die Leute an und versuche, mir ihr Leben vorzustellen. Gestern abend saß ich länger in Haifa, in einer Klinik, und wartete auf einen alten Chaver, den wir begleiteten. Und mir fielen die vielen ganz jungen Mütter auf, darunter sehr viele Immigrantinnen aus osteuropäischen Ländern – das sieht man ihnen einfach an, an der Hautfarbe, den Wangenknochen, dem Schnitt des Munds. Und ich sah hintereinander eine ganze Reihe Frauen, die ihre kleinen Kinder so hinter sich her zerrten, daß die geradezu rennen mußten, um Schritt zu halten. Ein kleines Mädchen, übrigens sorgsam gekleidet und mit hübschen Zöpfen, ging auf Zehenspitzen, weil die Mutter so groß war und sie so klein. Die Mutter beugte sich nicht zu der Kleinen, sondern die Kleine hob sich so hoch es ging. Ich gucke den Leuten nach, sehe, wie sie sich hetzen und nicht lächeln, und wie ungeduldig sie wirken. Und denke an die Kinder, die mitrennen und sich bemühen, brav zu sein. Natürlich sind sie das nicht immer.

Ich dachte, was passiert, wenn diese Kinder am Abend eines anstrengenden Tages den Eltern die Nerven rauben? Sind die jungen Frauen nicht überfordert? Kommen sie von einer Arbeit, die ihnen keinen Spaß macht und bei der sie wenig verdienen, sind sie bei einer Tagelöhner-Gesellschaft angestellt und wissen nicht, was im November ist, oder sind sie arbeitslos? Menschen brauchen ein Minimum an Lebensfreude und Selbstwertgefühl, um beides an ihre Kinder weiterzugeben zu können. Vielleicht hat mich das melancholische Abendlicht irregeführt, aber ich hatte das Gefühl, es ziehen lauter Hoffnungslose an mir vorbei, und sie taten mir so leid. Ich hätte ihnen gern eine Handvoll Feenglanz von Tinker Bell nachgeworfen, aber leider bin ich keine Fee.

Ich bin froh, daß die schönen, wundersamen Festtage vorbei sind – September und Oktober sind die dichtesten Monate des jüdischen Jahres. Doch die Laubhütten, die Sukkot, sind nun abgebaut, und bis Chanukka wartet nur Alltag. Der Tishrei, der erste Monat, ist bald schon vorbei. Im Kibbuz gab es zu Sukkot ein großes Fest mit Konzert und „shira be zibur“, also gemeinsamem Singen, Y. hat natürlich die Tontechnik gemacht und hört gerade die CD, die er davon gebrannt hat. Wir haben so begabte Sänger im Kibbuz, ich höre die Lieder so gern. Es ist eine schöne Sitte, daß auch ganz junge Leute zusammenkommen, um gemeinsam zu singen und Musik zu machen Später wurde dann getanzt. Es waren Hunderte von Leuten da. Wir haben am Pferdestall eine Wiese am Abhang, die sich für solche Feste gut eignet. Manchmal heiraten Paare auch dort, es ist eine besondere, romantische Stimmung. Ich würde gern die Musik ins Internet stellen, muß ich Y. und die Musiker mal fragen, wie das geht.

Trivial, aber wirkmächtig, beeinflußt auch die Jahreszeit mein Befinden. Der Herbst ist nun endlich, endlich nicht nur am Chamsin erkennbar. Vor ein paar Tagen hat es angefangen zu regnen. Ich war so glücklich, daß ich stundenlang nachts am Fenster saß und nicht schlafen konnte. Mein Herz klopfte wie verliebt – ich bin verliebt in den Regen, der schon nach einer einzigen Nacht auf die kahlen Felder einen winzigen, frommen grünen Schimmer zaubern konnte. Und heute dann: eine Abfolge dramatischer Bilder draußen, die mich ganz gefangen nahm. Zuerst Morgensonnenschein aus dem Osten, während im Westen eine schwarze Wolkenwand immer näher kam. Dann fette, kerzengerade fallende Tropfen im Westen, aber immer noch Sonnenschein im Osten. Das heißt: ein sonniges Schlafzimmer, aber ein regnerisches Wohnzimmer. Ich lief hin und her, um keinen Moment zu versäumen, während die scharf begrenzte Wolke über unser Haus zog.

Und dann: immer fester klopfte der Regen, auf einmal waren wir mitten drin, es prasselte wie verrückt, und auf einmal brach die Wolke wirklich auf und schleuderte geradezu mit Wut dicken Hagel. Das ging so schnell, daß ich kaum die Kamera rausholen konnte. Im Eingang saß Kater Lutz, dessen erster Winter bevorsteht, und schüttelte den Kopf über die verrückte Welt. Ich fischte mir schnell ein paar dicke Hagelkörner und steckte sie ins Gefrierfach, für die Kinder. Der Hagel prügelte geradezu auf den Garten ein, im Mädchenzimmer riß er dicke Löcher ins Fliegengitter, und Y. erzählte mir später, daß viele Blechdächer in der Fabrik wie Siebe durchlöchert wurden. Und dann wieder: ein schamhaft rascher Regenfall, und wieder Sonne. Und unser Garten dampfte. Das war schön, aber auch fürchterlich. Ich leistete mir den Luxus, nichts zu tun als zuzugucken und zu spüren. Hinterher hörte ich die Nachbarn durch die Gärten gehen und in ihre Cellphones schimpfen, „das Fenster ist hin, das Dach zertrümmert, das Treibhaus ruiniert!“. Und das, obwohl es sonst hier ganz still ist. aber die Nerven lagen wohl etwas blank.

Morgen ist wieder unser Hochzeitstag – siebzehn Jahre Ehe, und ich fühle mich nach wie vor beglückt, beschenkt, dankbar. Egal was er tut, mein Mann, ich sehe ihm gern zu. Wie er gestern dem alten Mann beim Arzt half, einem Mann, der Freund seines Großvaters gewesen war und der sich sehr ungern helfen ließ! So taktvoll und respektvoll, daß der bärbeißige alte Mann ganz vergnügt wurde. Und dann geht er heute abend mit der Bohrmaschine durchs Haus und bringt neue Regale an, als Überraschung für seine Söhne. Als sie reinkommen und er sie in ihr Zimmer ruft, sehe ich auf seinem Gesicht die Vorfreude. Die Jungens finden das neue Regal toll und bedanken sich. Er hat sie beide im Arm (Primus überragt ihn, Secundus… nur eine Frage der Zeit) und strahlt. Und ich bin dankbar, daß ich das habe: dieses Leben, diese Ehe, diese Familie. Ich weiß, in zehn Minuten zanken sich die Jungens wieder wie die Kesselflicker, aber diese Momente halte ich fest, denn jedes Glück ist nur Leihgabe. Oh, und er ist ein wunderbarer Mann, der sogar den Bohrstaub wegfegt!

Ja, das war die gemischte Wochenübersicht. Ich hoffe, ich kann mir wieder öfter die Zeit zum Bloggen freischaufeln. Aber es ist im Moment nicht leicht.

Oi va voi Oktober 8, 2006, 23:56

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wenn Olmert wirklich Avigdor Lieberman in die Regierung reinnimmt, dann gehe ich in die innere Emigration. Am Ende macht auch noch Bibi das große Comeback. Ich sehe es mit Grausen. Wie froh war ich, daß diese Richtung bei den letzten Wahlen keinen Blumenpott gewinnen konnte. So sehr ich mich bemühe, Nachrichten aller Art zu ignorieren, heute abend muß es wohl sein. Oi va voi.

Und später: kurz vor acht habe ich Y. gefragt, ob er Nachrichten sehen will. Er meinte nur, „ach weißt du was, ich habe eigentlich keine Lust auf Liebermans Gesicht, komm, gucken wir weiter Hornblower“. Und das haben wir auch gemacht. Man möchte wirklich vor allem die Augen verschließen, was da noch auf uns zukommt. Dieser Krieg hätte nicht ungelegener kommen können, und sein Ausgang bedeutet für uns nur mehr Unsicherheit und Zukunftsangst, die die Leute dann in die Arme von Rattenfängern wie Lieberman treibt.

Natürlich ergibt galoppierender Eskapismus weniger Blogstoff, aber das müssen meine Leser mir verzeihen. Ich blogge viel lieber über Hornblower als über Lieberman oder Olmert. And now weather the lizard, Mr. Bush…

Erschreckend Oktober 8, 2006, 10:55

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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fand ich gestern bei einem Besuch in einem anderen Kibbuz, wohin es mit so einer Gemeinschaft kommen kann. Dieser Kibbuz war immer schon ärmer als unserer, sie haben wirtschaftlich ums Überleben gekämpft, aber als wir vor vielen Jahren unsere Freunde dort zum ersten Mal besuchten, war es noch ein richtiger Kibbuz: mit Kinderhäusern, Dining Room, großen Rasenflächen und Fahrrädern überall. Doch ziemlich bald änderte sich alles, der Kibbuz wurde privatisiert, und zwar auf die brutalste Art und Weise. Wenn man jetzt durch den Kibbuz geht, sieht man krasse Gegensätze. Die bescheidenen, typischen Kibbuzhäuser haben sich verändert: entweder sind sie zu smarten, teuren Pseudo-„Cottages“ umgebaut, oder aber sie sind total runtergekommen und sehen furchtbar aus. Der Dining Room ist lange schon geschlossen, die Kinderhäuser teilweise auch (und nichts sieht fürchterlicher aus als ein verrottender Kinderspielplatz…), die Menschen sehen mißtrauisch und verbittert aus. Ältere Chaverim sind entlassen worden, viele jüngere haben den Kibbuz verlassen, neue Chaverim werden nicht aufgenommen, kurz: ein Bild des Schreckens. Unsere Freunde, beide im Kibbuz geboren und mit Haut und Haaren in der Landschaft verwurzelt, wollen nicht weg. Aber leicht haben sie es nicht. Als wir das alte Spiel „Kibbuzim-Vergleichen“ durchgingen, warnten sie und ihre Gäste (die wir auch schon seit Jahren kennen) eindringlich: bei der Privatisierung springen alle Geister aus der Flasche, alle Skelette aus den Schränken. Die große Mehrheit der Leute denkt nur noch an sich, nur noch, „Was springt für mich dabei raus“. Die Zeit der alten Ideale ist zu lange her, der Übergang war wohl, im Falle unseres Kibbuz, so langsam und graduell, daß sich kaum noch jemand erinnert, wie es mal war.

Auf dem Heimweg waren wir ziemlich bedröppelt. Es ist ja schon übel genug, wie es bei uns aussieht – eine „Gewinnerseite“ frohlockt und fordert, eine „Verliererseite“ grollt und grämt sich. Doch immer noch gibt es Leute, die sich wohl erinnern, was ein Kibbuz eigentlich ist, und weswegen sie ursprünglich gekommen sind. Und ich habe das Gefühl, das ist nach wie vor die Mehrheit. Ich hoffe, es warten keine unangenehmen Überraschungen auf uns wie bei unseren Freunden…

Nach längerer Abstinenz Oktober 2, 2006, 21:58

Posted by Lila in Land und Leute.
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habe ich nun zum Ausgang des Yom Kippur Nachrichten gesehen.

Die Gewalt im Gazastreifen, die einem Bürgerkrieg gefährlich nahe kommt? Dazu läßt sich nicht viel sagen: Testosteron eimerweise, schwer unter Kontrolle zu halten. Jedenfalls wird das die, die immer Israel und die Palästinenser als gleichermaßen gewaltbereit sehen, nicht überzeugen, daß vielleicht doch nicht allein Israel hier den Majnun der Nachbarschaft gibt… was soll´s. Sollen sie halt an der beliebten Theorie der Symmetrie, dem Bild von den zwei tollwütigen, ineinander verbissenen Hunden festhalten, meine Freunde von der Mahnwache (für die ich nach wie vor den idealen Schüttelreim suche).

So viele bewaffnete junge Männer , die wie Hans guck in die Luft ins Blaue ballern, zwischendrin rennen Zivilisten rum, ein riesiger Bardak, menschliches Leben gilt nicht viel. Ich hoffe, es eskaliert nicht weiter, wie will Abu Mazen da noch den Deckel drauf halten? Wir haben da nichts von, wenn die Palästinenser sich gegenseitig abmurksen, statt sich vernünftig und rational auf den Pfad zu einem eigenen Staat und damit endlich, endlich, endlich hinter eine Grenze zu begeben. Wo man die Tür zumachen kann und sagen kann, so Kinder, wo sind denn jetzt die Sonnenblumenkerne, ich will jetzt mal gar keinen mehr sehen! Und rundherum alles friedlich. Neee, wär das schön.

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Das war also eher trübselig, das Nachrichtengucken, aber den richtigen Stoß in den Magen hat mir eine Reportage über eine Gruppe Männer gegeben. Sie nennen sich „Erim ba laila“, „Schlaflose“, und sie haben eines gemeinsam: sie waren alle Kriegsgefangene im Yom Kippur-Krieg vor über 30 Jahren. Ihre Erinnerungen lassen sie nicht los, sie sind schwer traumatisiert, sie schlafen nachts wirklich nicht. Sie schleppen die Zelle, aber auch den Krieg noch mit sich herum.

Sie erinnern sich nur allzugut an die Pannen, die sinnlosen Befehle und arroganten Befehlshaber, denen sie zu verdanken haben, daß sie lange Wochen oder Monate in Kriegsgefangenschaft verbringen mußten – was ich nur durch die Lektüre von Fallacis Buch über Panagoulis zu verstehen begonnen habe, wie weit von jedem Verstehen so eine Erfahrung ist. Wie grausam weit von dem Leben, das wir kennen.

Die Reportage handelte also von den Einsichten des Kriegs damals und jetzt, von Handlungsmustern, von Kriegsgefangenschaft, aber auch von Schicksalen. „Manchmal meine ich, die Armee hätte uns lieber tot gesehen als lebend“, meinte einer in unüberbietbarer Bitterkeit, „denn Tote erzählen nichts“. Inwieweit das fair ist, ist schwer zu sagen und auch nicht wichtig – so lebt dieser Mann. Damals, als sie alle wieder nach Hause kamen, war PTSD kaum bekannt – heute gehört Israel zu den führenden Nationen in Erforschung und Behandlung posttraumatischer Zustände, aus naheliegenden Gründen. Man kann durchaus das ganze Land als einen einzigen Traumapatienten sehen.

Für diese Männer gab es also keine Therapien, Gruppen, alles was es heute gibt. So haben sie sich selbst eine geschaffen. Zweimal in der Woche treffen sie sich in Tel Aviv im Hafen und segeln raus. Das Bild der ergrauten, traurig aussehenden Männer, wie sie sich gegenseitig zugrinsen und in der Sonne, im Sonnenuntergang langsam entspannen – das war herzenstraurig und auch bewundernswert. Ja, das sind Israelis, sie therapieren sich selbst, sie hören einander zu und verstehen einander auch ohne Worte. Sie tun was, sie sitzen nicht rum, sie tun sich nicht leid, sie segeln zweimal pro Woche raus.

Dann wurden die Männer gezeigt, wie sie zu Rosh ha Shana zusammen das neue Jahr begrüßen und ihr Glas heben. Sie sind alle ernst, keiner lächelt mehr wie auf dem Meer. Und einer sagt, „wollen wir hoffen, daß das nächste Jahr besser wird als das letzte“ (übrigens ist das DER israelische Spruch, den hör ich jedes Jahr seit 1989!). „Und daß die drei, die noch in Gefangenschaft sind, bald nach Hause kommen und mit uns aufs Wasser kommen. Vergrößern wir die Gruppe halt“. Nagdil et ha kvutza. Und wieder dachte ich, ja wirklich, das ist Israel. Keine großen Ansagen, trocken, aber ganz ernst gemeint. Nagdil et ha kvutza. Wollen wir hoffen, daß die Gruppe nie größer wird, wenn die drei, die noch fehlen, erst mal zu Hause sind.

Seltsame Paare Oktober 2, 2006, 21:28

Posted by Lila in Kunst, Land und Leute.
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Es ist ja trivial: wenn man sich (andere) Paare anguckt, versteht man oft entweder Ihn oder Sie nicht. (Im Kibbuz ist es sprichwörtlich, daß immer nur einer der Partner allgemein beliebt ist… oder keiner. Aber niemals beide.) So ein netter Kerl, und so ein launenhaftes, intrigantes Frauenzimmer! Oder so ein Ekeltyp, und so eine herzliche, stets vergnügte Frau. Oder so. Was finden die bloß aneinander?, wundert sich dann die Umgebung.

Ein krasser Fall dieser Frage ist für mich das Ehepaar Olmert. Er ist einer der Politiker, die ich von Anfang an nicht gemocht habe, nicht nur wegen der überkämmten Glatze und seiner bitteren Häßlichkeit. Ja nicht einmal seine berüchtigte Schnöseligkeit und Arroganz im Gespräch, die Phrasendrescherei und plötzliche unbeherrschte Bissigkeit in Pressekonferenzen sind das Schlimmste – es gibt Leute mit Kommunikationsproblemen, das ist nicht unbedingt ein Indikator für mangelnde Qualifikation (obwohl hm, ein Mindestmaß an Kommunikationsstil und Bewußtsein seiner selbst sollte ein Mann des öffentlichen Lebens schon haben). Sein Wahlsieg über den allseits geliebten alten Teddy Kollek hat mir nun ganz mißfallen, ich hab nie kapiert, wieso Kollek nicht lieber in Würden ergraut abgetreteten ist, statt gegen diesen aggressiven Terrier anzutreten. Und seine Amtszeit als Bürgermeister von Jerusalem war, wie nicht nur gemunkelt wurde, von schmierigen Geschäften und Abmachungen allerArt begleitet (und wir haben einen sehr guten Kontakt ganz nach oben zur Stadtverwaltung, den wir zwar selten sehen, dann aber mit Staunen hören, was sich da alles zuträgt… Filz, der auch in deutschen Kommunal- und Stadtverwaltungen anzutreffen ist… aber in der Heiligen Stadt noch mehr anekelt).

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Ich anerkenne seine Intelligenz, ich anerkenne den Mut, der dazugehörte, aus der Likud-Schublade zu springen und eigene Pläne zu entwickeln, ich anerkenne seinen Beitrag zur Räumung des Gazastreifens (der trotz KassamBeschuß und mangelnder Integration der Geräumten insgesamt m.M. nach notwendig, ja überfällig war), ich anerkenne auch die schwierigen Umstände seiner Amtsübernahme und beneide ihn nicht um die Situation, der er am 12. Juli auf einmal gegenüberstand – als die lieben Nachbarn gucken wollten, was denn passiert, wenn man diesen kampfungewohnten Hund reizt. Oho, Olmert ist zwar kein General, aber vom Charakter her ist er wohl mehr Pitbull als Pudel, auch wenn er immer wieder als Sharons Pudel bezeichnet wurde.

Wie dem auch sei, sympathisch kann ich ihn beim besten Willen nicht finden, auch in seinen besten Stunden nicht. Als er seine große „bis-hierher“-Rede hielt, habe ich die Treppe gewischt, um ihn wenigstens nicht angucken zu müssen. (Bis hierher heißt auf Ivrit „ad kan“, und so nennt man auch die Sieben-Achtel-Hosen, mit denen mein kleiner Neffe rumläuft. „Bis-hierher-Hosen“. So vermischen sich in meinem inneren Bild Churchill, Olmert und solche schlotternden Hosen, in denen man rumtappt…).

Aber seine Frau! Oft geschmäht als Linke, Defätistin und Nestbeschmutzerin, besonders in Talkbacks und ähnlich seriösen Medien. Ich kann nicht anders, als sie einfach nur sympathisch zu finden, und zwar in hohem Maße, und das nicht wegen ihrer Ansichten – von denen sie sowieso nur wenig sehen läßt. Schon vor Jahren erzählte mir ein guter Freund, ein arabischer Künstler, daß er an einer Ausstellung mit Aliza Olmert im Ausland teilgenommen hatte. Sie war die große, etablierte Künstlerin, er ein junger Provinzkünstler, sie damals Gattin des Bürgermeisters von Jerusalem, er Moslem aus dem Norden, und sie hat ihn einfach begeistert. Er meinte, wenn ich mich recht erinnere, daß sie zäh und zart zugleich ist, wie übrigens viele Künstlerinnen, die ich kenne.

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Aliza Olmert

Das Interview in Haaretz zeigt sie genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Sie liebt gute, auch kontroverse Kunst, das gehört für sie einfach zum Leben. Sie würde ihre künstlerischen Aussagen nicht für den Job ihres Mannes unter den Scheffel stellen. Sie arbeitet mit Material. Sie ist einfach Teil der Kunstszene, auch als Frau des Prime ministers. Sie hält sich mit politischen Aussagen, wie gesagt, zurück, aber was sie nicht sagt, sagen ihre Kinder. Nicht immer zum Vorteil des Vaters, dessen politischen Gegner die Kinder endlos Munition liefern – auch nicht ganz unproblematisch, wie ich mir denken kann.

Wie paßt nun dieses Paar zusammen? Die Tatsache, daß er eine so eindrucksvolle, sensible, intelligente Frau liebt, ringt mir widerwillig Respekt für ihn ab. Ich habe sie nur in Interviews im Fernsehen gesehen, aber sie spricht mit unverkennbarer Wärme von diesem Mann. Er scheint ein Technokrat der Macht zu sein, und zuhause ist er von Reismanns oder Lavies oder Nikels Arbeiten umgeben, die eine ganz andere Sprache sprechen.

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Ori Reisman

Im Gegensatz zu den klassischen Eretz-Israel-Bildern, die Olmert von den Wänden abgenommen hat, lassen sich diese heutigen Künstler nicht instrumentalisieren – und auch Rubin hat natürlich beim Malen nicht daran gedacht, daß ein Premierminister mal aus seinen Visionen des Landes eine Legitimation ableiten könnte. Dagegen ist ein Künstler, besonders nach so vielen Jahrzehnten, nie gefeit. Rubin hat zu Anfang des 20. Jahrhunderts gemalt, er konnte sich nicht dagegen wehren, staatstragend zu werden.

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Reuven Rubin

Aber die Kunst, die A. Olmert schätzt, ist eine spröde Kunst, eine Kunst, die Widerstand leistet, die nicht gefällig ist, sondern ein Stachel. Es ist die innere Welt Israels, eine Welt der Fragen, offenen Wunden, Zweifel – eben alles, was so viele Leute Israelis nie zutrauen, aber was so charakteristisch für die israelische Seelenlage ist. Ich verstehe ja wirklich nichts bis gar nichts von contemporary art, und dazu noch israelischer, aber daß da zwei Sprachen, zwei Welten aufeinanderprallen, das ist unübersehbar. Und ich kann die Hoffnung nicht unterdrücken, daß ein Mann, der zuhause diese Kunst sieht, diese Werte auch mit in seinen Alltag nimmt und danach handelt.

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Rafi Lavie

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Lea Nikel

Religion, Arbeit und die Religion der Arbeit Oktober 1, 2006, 17:50

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Als ich in den Kibbuz kam, war der 1. Mai ein großer Feiertag. Es wurde nicht gearbeitet, am Tag vorher wurde in den Kindergärten das Lied von der roten Fahne gesungen, natürlich waren überall rote Fahnen gehißt, ein Bus des Kibbuz fuhr nach Tel Aviv, zur großen Demo, und stolz gingen die alten Leute voran, die zu ihrer Zeit in Wien oder Berlin schon in den 20er Jahren immer vorneweg marschierten. Der Erste Mai, da wurde nicht gearbeitet, da wurde die Religion der Arbeit zelebriert, die dem Kibbuznik alles andere ersetzte.

Die Generation der Großeltern meines Mannes war von einem Fleiß, der einfach nur staunen macht. Die gute Oma Lotte stand Tag für Tag an ihrer Drehbank, ja selbst als sie kaum noch laufen und stehen konnte, schaffte das Altersheim des Kibbuz eine alte Drehbank an, damit sie kleine Bleistifthalter und Vasen aus Olivenholz anfertigen konnte, die dann im Laden verkauft wurden – einer davon steht neben mir, während ich diese Zeilen schreibe, ein schlichtes kleines Kunstwerk, gefertigt von fleißigen Händen. Der Großvater war zwar ein legendäres mathematisches Genie (jawohl, so sehr, daß noch in seinen Urenkeln meine mathematische Talentlosigkeit mehr als kompensiert ist! danke, ihr genialen Gene!), aber er wies die Einladung einer Hochschule, dort zu unterrichten, entrüstet zurück – er wollte mit den Händen arbeiten, feste zupacken.

Auch meine Schwiegereltern sind fleißig wie die Bienen. Obwohl meine Schwiegermutter schon im Pensionsalter ist, arbeitet sie noch und hält nach wie vor den Kostümfundus des Kibbuz und der ganzen Umgebung in Schwung. Mein Schwiegervater brasselt den ganzen Tag rastlos in Haus und Garten, und wenn da nichts mehr zu brasseln ist, zieht er mit der Bohrmaschine durch die Häuser der Nachbarn, repariert und berät (er ist nicht mehr im Kibbuz, wo er selbstverständlich weiter arbeiten würde). Mein Mann ist ebenfalls sehr fleißig – ich ja bekanntlich weniger, wäre ich es, könnte ich nicht so viel bloggen!

Und meine großen Kinder arbeiten, nicht für eigenes Geld, sondern für die Kasse der Gemeinschaft. Primus arbeitet im Zoo der Schule, der ja zu einem landwirtschaftlichen Betrieb umfunktioniert wird, er hilft außerdem im Schafhaus und im Dining Room. Secundus kloppt Stunden ohne Ende im Schulzoo, viel mehr, als er bräuchte. Er ist begeistert von der Arbeit mit den Tieren und möchte gern Tierarzt werden. Tertia hat einen typischen Mädchen-Arbeitsplatz gewählt, trotz der Überzeugungsarbeit ihrer Brüder arbeitet sie lieber im Peuton, dem Kleinkindergarten, bei den Zweijährigen. Da hilft sie zweimal die Woche, die Kinder nachmittags zu wecken und zu versorgen, und die Kindergärtnerin hat mich extra angerufen und ihren Fleiß gelobt.

Das ist eben Kibbuz-Erziehung, wo schon von klein auf nicht gesagt wird, „wir spielen im Sand“ oder „mit Bauklötzen“, sondern „wir arbeiten im Sand“. Gern wird auch gesagt, wenn ein Kind fragt, wo die Eltern sind, „der Vater arbeitet in der Fabrik, die Mutter arbeitet in der Gärtnerei, dein großer Bruder arbeitet in der Schule und du hier im Kindergarten“. Die Arbeit, das ist das höchste Gut. Wenn man über einen Menschen im Kibbuz den Stab brechen will, dann sagt man, „der kann nicht arbeiten“ oder „die ist faul“. Kurz und brutal nennt man solche Leute Parasiten, parasitim: sie bekommen vom Kibbuz alles, geben aber nichts zurück.

Ja, das ist klassischer Kibbuz, das Arbeitsethos, auch wenn es schon längst aus der Mode ist, auch hier. Der erste Mai wird schon seit ein paar Jahren nicht mehr gefeiert. Man hat die alten Leute an diesem Tag nicht zur Arbeit gezwungen, wer wollte, konnte nach wie vor mit dem inzwischen zum Minibus geschrumpften Wagen des Kibbuz zur Demo fahren, aber die meisten Leute gingen und gehen am ersten Mai ganz normal arbeiten. Rote Fahnen habe ich hier schon ewig nicht mehr gesehen, die Illusionen des seligmachenden Kibbuz-Sozialismus (die ganze Welt ein solidarischer, flexibler, freundlicher, fairer Kibbuz!) sind zerstoben, keiner erinnert sich mehr richtig dran.

Doch als ich in den Kibbuz kam, war Yom Kippur, im Gegensatz zum 1. Mai, ein ganz normaler Arbeitstag. Es gab wohl ein paar Sonderlinge, die fasteten – der Kibbuz spendierte ihnen die Mahlzeit vorm Fasten, die mafseket, und die danach. Meine Schwiegermutte hatte jahrzehntelang das Pöstchen inne, die Liste der Fastenden zu führen, für sie das Essen zu bestellen und sie zu bewirten. Aber gearbeitet wurde. Ich weiß noch, wie seltsam ich es fand, als Volunteer, daß eine der Frauen an meinem Arbeitsplatz den ganzen Yom Kippur über Kopfschmerzen, Schwindel und alle möglichen Wehwehchen klagte. Sie lehnte sich dramatisch an die Wand, um zu zeigen, wie sehr sie litt. Ich dachte bei mir, „dann soll sie doch zuhause bleiben, wenn es für sie so wichtig ist, zu fasten – oder sich nicht beschweren, denn aus dem Fasten soll man doch keine große Demonstration machen“. Diese seltsame Einstellung zum Yom Kippur – arbeiten, fasten und klagen – machte mir großen Eindruck.

Inzwischen wird schon längst am Yom Kippur nicht gearbeitet. Ich weiß nicht, wie viele Leute im Kibbuz fasten, es gibt keine offiziellen Mahlzeiten mehr und keine Liste. Yom Kippur ist Privatsache. Ein engagierter Mann organisiert jedes Jahr eine Gesprächsrunde mit einem interessanten Menschen, in dem es manchmal um den Yom Kippur-Krieg geht, oft aber auch andere ernste Themen. Und es gibt sogar Kibbuzim, wie unsere Nachbarn in En Hashofet, die mit neuen Ritualen experimentieren. Die Religion der Arbeit hat ihren Reiz verloren, die Arbeit hat keinen religiösen Status mehr, und so suchen die Menschen nach neuen Inhalten. Sie wollen nicht orthodox religiös werden, aber sie wollen auch nicht gänzlich die Bindung an ihre Tradition verlieren.

Übrigens wird heute, einen Tag vor Yom Kippur, mit „tsom kal“, also „leichtes Fasten“, gegrüßt. Meine protestantische Seele versteht diesen Gruß nicht ganz. Wenn das Fasten leichtfällt, verliert es dann nicht an Wert? Gerade daß es nicht leichtfällt, daß es nicht die gewöhnliche Routine ist, das ist doch das Besondere daran. Egal wie oft mir das gläubige Juden schon erklärt haben, ich finde den Gruß noch immer merkwürdig. Natürlich wünsche ich keinem, an einem Tag mit Chamsinwinden und brüllender Hitze weder essen noch trinken zu dürfen, aber wenn es eine Tablette gäbe, die das Fasten zur Unmerklichkeit erleichtern würde, wäre das dann noch immer „gültig“ als Yom Kippur- Fasten? Hm.
(Hingegen ist der Gruß gmar chatimah tova, der zwischen Rosh ha Shana und Yom Kippur benutzt wird, bedeutungsvoll und schön. Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich Kollegen und Bekannte gegenseitig wünschen, ins Buch des Lebens eingetragen zu werden.)

Früher, als es nur einen Fernsehkanal gab, war zu Yom Kippur wirklich nur Schnee im Fernseher zu sehen. Wer schon so technologisch auf der Höhe war, ein Videogerät zu besitzen, der konnte sich zu Yom Kippur bei der Videothek des Kibbuz Filme ausleihen, um diesen Tag nicht in elender TV-losigkeit verbringen zu müssen, und auf dem Videokanal des Kibbuz ließ die dafür Verantwortliche den ganzen Tag Filme laufen. Das habe ich nie ganz kapiert, wieso sie den gesamten Yom Kippur mit einem wahren horror vacui Film um Film durchlaufen ließ. Ich finde die Enthaltsamkeit von Autofahren und Fernsehen auch für Nicht-Religiöse eine gute Gelegenheit, mal die eigenen Prioritäten zu überprüfen.

Der Gegensatz zwischen Religiösen und Nicht-Religiösen tritt am Yom Kippur schärfer als sonst zutage. Wer Auto fährt, wird schon mal von empörten Religiösen mit Steinen beworfen – so meiner Schwägerin passiert, die mit ihrer Tochter ins Krankenhaus fuhr, weil die sich beim Radfahren den Arm gebrochen hatte. Denn weil die Straßen so autoleer sind, sind viele Radler, Skateboarder und Inline-Skater unterwegs. Am Abend des Yom Kippur wird immer berichtet, wie oft Mada (Magen David Adom, der Rote Davidsstern) ausrücken mußte: so und so oft zu Leuten, die wegen Entkräftung umgekippt sind, und so und so oft zu Rad-Unfällen.

Wir mußten nur einmal in all den Jahren zu Yom Kippur Auto fahren: als Tertia in der Intensivstation des Krankenhauses in Nahariya lag und meine Muttermilch brauchte. Hätte jemand nach uns einen Stein geworfen, ich glaube, ich wäre wie eine Furie aus dem Auto gesprungen und ihm mit den Krallen ins Gesicht, kchchch. Aber nichts da, alles war ruhig, und im Norden, wo viele arabische Dörfer sind, fuhren sogar noch ein paar Autos. Natürlich würde ich nicht durch eine religiöse Gegend fahren, ich würde ja niemanden kränken wollen, aber daß auch schon mal Krankenschwestern und Ärzte auf dem Weg zur Arbeit beschimpft werden, finde ich schon schwer zu verstehen. Na ja, Rowdies gibt es eben leider überall, und sie verderben den Anderen den guten Ruf.

Das ist also Yom Kippur: ein stiller Tag, dessen religiöse Bedeutung durch die historische Erinnerung an den Yom Kippur-Krieg noch verstärkt wird. Denn wenn Israels Feinde es schaffen, Juden am höchsten Feiertag, einem Tag des Fastens und der Einkehr, anzugreifen (als Christ stelle man sich den Karfreitag vor), dann muß man wohl mit allem rechnen.

Bald geht er los, der Yom Kippur (im Judentum beginnt der Tag schon am Vorabend). Tsom kal ve gmar chatimah tova.

Sorgenvoll Oktober 1, 2006, 16:50

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Ich erzähle ja manchmal, nur ganz ansatzweise und mit gebotener Diskretion, von dem Familienarchiv, das ich im Auftrag eines Sohnes sichte, lese, übersetze und sortiere. Die Familie gehört zum, wie ich es nenne, jeckischen Adel, also allerfeinste, gebildete, einfach sympathische Menschen. Ihr Weg von Deutschland nach Israel ist exemplarisch, hochinteressant (sie kannten Gott und die Welt, man kommt beim Lesen geradezu ins ehrfürchtige Staunen – da hat man private Briefe hochberühmter Persönlichkeiten in der Hand!), und der Sohn und ich planen eigentlich, daraus mal ein Buch zu machen. Wenn es soweit ist, werde ich schamlos Werbung dafür machen!, aber noch ist es eben nicht so weit.

Der Sohn dieser Familie ist auch kein junger Hüpfer mehr, er ist so Mitte, Ende 60 und mehrfacher Großvater. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, auch wenn unser Verhältnis mehrere Metamorphosen durchlaufen hat, in denen wir jeweils neue Umgangsformen finden mußten. Zuerst war er der von fern durch die Korridore schwebende Würdenträger der Hochschule, an der ich Studentin war – unsere erste Begegnung war, als er mir einen Preis überreichte. Danach war er mein Vorgesetzter, mit dem ich eng zusammenarbeitete und viele Stunden verbrachte, immer im gebührenden hierarchischen Abstand – trotz der starken persönlichen Sympathie, die uns von Anfang an verband. Und dann, nach meinem und seinem Ausscheiden aus der Hochschule (ich habe ihm gekündigt, er ist kurze Zeit später in den Ruhestand gegangen), hat er mich gebeten, ihm bei der Arbeit an diesen hochpersönlichen Materialien zu helfen. Und so sind wir uns im Laufe der Zeit immer näher gekommen, ohne die Distanz aufzugeben. Also eine rundum positive Beziehung.

Er war im Sommer in der Heimatstadt seiner Eltern, auf Spurensuche. Ich bekam vorgestern eine Mail von ihm, er ist zurück, und wie es mir geht, und wann wir uns treffen können. Gestern nacht antwortete ich ihm, innerlich erleichtert, daß er gesund ist, denn ich hatte eine ganze Weile nichts von ihm gehört und mir schon Sorgen gemacht. Nun hat seine Frau mir geantwortet. Er liegt im Krankenhaus, Herzinfarkt, wird Bypässe gelegt bekommen, könnte eine langwierige Sache werden.

Also, Daumen drücken, positive Energien senden, kleines Genesungsgebet, je nach Gusto, bitte. Dieser Mann und seine Geschichte und seine Familie liegen mir am Herzen, und je eher er wieder fit ist, desto besser.

Sehr, sehr interessant Oktober 1, 2006, 1:14

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fand ich das Interview mit dem scheidenden französischen Botschafter in Israel.

Der französische Botschafter in Israel hat einen schweren Stand. Ich als Deutsche betrachte natürlich die Franzosen und ihr schönes Land mit der althergebrachten Bewunderung, die deutsche Kultur so tief geprägt hat. Ich denke an C.D. Friedrichs haßerfüllte Ergüsse, an den Eifer der deutschen Damen, sich französisch zu kleiden, und wie elegant französische Lehnwörter im Gegensatz zu amerikanischen klingen. Wie habe ich es als Kind schon bedauert, daß Worte wie Trottoir, Coupe und Perron zur Zeit des Ersten Weltkriegs durch doitsche Worte ersetzt wurden… und wie liebe ich Chardin und Georges Moustaki. Wie leer wäre die Welt ohne französische Kultur und Sprache! Wie schön ist das Land, wie lecker seine Suppen… Ich denke an Paula Modersohn-Beckers begeisterte, hellsichtige Briefe aus Paris, an Liebermann und Hugo Tschudi, die französische Kunst kauften und nach Deutschland brachten, als das noch ganz ungewöhnlich, ja unpatriotisch war… und wie viel wir der französischen Kultur verdanken, auch im Sich-davon-Absetzen. So sehe ich als Deutsche Frankreich.
Und dann das israelische Frankreich-Bild. Es ist wirklich so: Holland, egal wie viele Holländer die Nazis unterstützt haben, Holland ist hier beliebt. Nur Dänemark, das ja wirklich eine fast einzigartige Stellung unter den europäischen Nationen einnimmt (ich glaube, nur Bulgarien war ähnlich loyal zu den Juden), ist noch beliebter. Ja, selbst den Deutschen glaubt man ihre neue Identität, und es bedeutet keinen Makel, in Israel Deutsche zu sein. Ich stoße jedenfalls praktisch nie auf Vorurteile oder Unfreundlichkeit, eher im Gegenteil. Aber Frankreich! Die Franzosen sind als eingefleischte Antisemiten, als unfreundliche Judenhasser, als blinde Geiseln in der Hand ihrer islamischen Minderheit verschrieen. Vielen Israelis geht beim Gespräch über Frankreich der Hut hoch. Die Geschichte ist sehr komplex, die Franzosen haben immer (und tun es auch heute noch) die arabischen Länder sehr stark unterstützt, und die Israelis wissen das. Automatisch nimmt die französische Regierung immer die arabische Seite, allein schon aus Opposition zu den Amerikanern (was niemand besser weiß als die Deutschen, die zwischen den beiden Verbündeten unglücklich hin- und herflattern müssen wie eine besorgte, plumpe Friedenstaube).

Ja, den französischen Botschafter beneide ich also nicht. Und desto mehr hat mich das Interview mit ihm beeindruckt. Oh ja, der Mann kennt Israel, und er hat einen Einblick in die israelische Seele gewonnen. Das rechne ich ihm hoch an, denn es ist nicht einfach. Ihm fällt auf, wie schlicht und rauh, ja roh hier viele Menschen leben – im Vergleich mit der französischen Oberschicht, der er angehört, ganz bestimmt. Was hier als verfeinert gilt, ist von billig-teuren Hollywood-Schinken abgeguckt, gänzlich stillos, ich habe das ja nach ein paar Hochzeits-Orgien schon mehrmals schaudernd zum Besten gegeben. Nouveau riche nennt man sowas, huh. Das gilt hier leider als gesellschaftliches Ideal – und es kann gut sein, daß auch in Deutschland viele junge Menschen schon nicht mehr wissen, daß man auch andere Idole haben kann als irgendwelche Models oder Schlagerprinzessinnen.

Dagegen sind die Intellektuellen in Israel meist arm und bescheiden, leben so, wie man sich vielleicht in Paris eine Studentenbude vorstellt – eine schlichte Wohnung voller Bücher. Na klar, es gibt auch in Jerusalem durchaus würdevolle Viertel mit schönen, stilvollen Häusern, in denen europäische Kultur überlebt – ich fühle mich zum Beispiel geehrt, in einem solchen Haus eine Leserin gefunden zu haben! Aber das ist eine kleine, stille Minderheit. (Ich kenne auch in Haifa, auf dem Carmel, durchaus solche Häuser, denen man anmerkt, daß ihre Bewohner gute Kunst und Musik und Bücher schätzen.)

In Europa gibt es nun mal in den meisten größeren Städten, Universitätsstädten oder sonstigen kulturellen Zentren, die bekannten Altbauwohnungen – manche davon bescheiden, manche aber richtige feine Stadtvillen. Sowas gibt es in Israel nicht. Die Städte sind entweder sehr alt, wie Tiberias oder Zefat, und haben enge, verwinkelte Gäßchen. Oder sie sind neu und voller Alu-Rolläden fürs Volk, in beigen, verkommenen Hochhäusern. Die Reicheren wohnen dann in den protzigen Villen, vor denen mir graust. Also, daß der französische Botschafter da manchmal schlucken muß, wenn er Leute besuchen geht, das kann ich mir gut vorstellen.

Ich habe ja bei der Erziehung meiner Kinder auf gewisse grundlegende Weltkenntnisse Wert gelegt, so daß sie alle irgendwann mal fröhlich im Kindergarten äußerten: „meine Mama sagt aber, der Ellbogen gehört nicht auf den Tisch“ – und das zur Kindergärtnerin! Israel ist nun mal eine Pioniergesellschaft, das merkt man doch manchmal. Ins Theater gehen viele meiner Bekannten durchaus – Kibbuzniks und Hochschul-Mitarbeiter, eine Minderheit. Ich habe einmal den Fehler gemacht, auf eine Freundin zu hören und meine Kinder in eines der beliebten, schwer vermarkteten Kinder-Musicals mitzunehmen – und war entsetzt von der Picknick-Atmosphäre, als erstes wird das Bamba ausgepackt und die Schuhe ausgezogen!

Aber halt, das war ja gar nicht mein Thema, das Land der wilden Kerle. Sondern der französische Botschafter, der sich hier sowohl dem Haß gegen Frankreich als auch der allgemeinen Ungeschliffenheit ausgesetzt sah. (Ich denke mir, auch Deutschland ist ein bißchen ungeschliffener als Frankreich, das Gefühl hatte ich jedenfalls bei meinen zwei Austausch-Erfahrungen.)

Der Mann legt den Finger in die israelische Wunde, das muß ich zitieren.

More than anything else, the ambassador says, he does not agree with the fear he senses in Israel, but understands their roots. „Your traumas are too close,“ he says. „You have a historical heritage of loss and insecure wanderings that passes through you even if it seems to us from the outside that you are a huge military power and an amazing center of thinking and creativity.“

Araud recalls a story from two years ago that he says amazes him to this day. „A very respectable conference was held in Paris on the subject of the Middle East in 2010. There were people there from the highest levels of academia in the world, Israelis as well, of course. But none of the speakers discussed Israel. It seemed obvious to me that really the problem of the Middle East in the coming years is not Israel at all. Is there any lack of dangerous places? Then suddenly an Israeli women diplomat came up to me, whose name I will not mention, looking very angry and insulted. I asked her what happened and she said: ‚I know why no one has mentioned Israel,‘ she said. ‚Because none of you believes that Israel will be around in 2010.‘

„I was shocked. Who thinks something like that? That was the first time, but not the last, that I heard this fear. For us, the Europeans, it is difficult, almost impossible, to understand such deep existential fear, but I recognize it as one of the strongest factors impacting thought and decision-making in Israel. Anyone taking this mood into consideration sees everything differently: the isolationism, the disengagement, the convergence, the building of a Great Wall of China between you and your neighbors. And if you add to this the weakness of the Israeli political system, which in recent years has gotten a great deal worse, and because of which it is hard for the government to make painful decisions – one can begin to understand the real picture.

Ja, das kann man kaum jemandem von außen klarmachen, jemandem in Europa, dessen Land nie bedroht wurde, nie in Frage gestellt wurde. Auch ich habe eine Weile gebraucht, aus dem satten, sicheren, großen, wirtschaftlich starken und allseits anerkannten Deutschland kommend, bis ich begriffen hatte, daß ich aus dem großen, sicheren Kreuzschiff in eine kippliges kleines Bötchen umgestiegen bin. Auch wenn die ganze Welt an dem Bötchen nur die Kanone sieht, die es mit Mühe mitschleppt, auch wenn es die Nußschale fast zum Sinken bringt… denn auf dem Meer gibt es viele, die sich an dem kleinen Bötchen stören.

Ich habe neulich, beim Hören des Liedes Kmo zemach bar,

Tomorrow, I’ll be so far away
Do not look for me.
Those who know forgiveness
Will forgive my having loved.
Time will put everything to rest
I am going my own way.
The one who loved me will return to your fields
From the desert.
And he’ll understand – I’ve lived among you
Like a wild flower.
. . . I will remember a look,
Hands touching my shoulders.
I will become a passing shadow in your fields
A concealed secret.
Good-bye, I have lived among you
Like a wild flower.

auf einmal ein ganz starkes böses Vorgefühl gehabt. Ich hatte das Gefühl, dies ist das Lied, das das Volk Israel den anderen Völkern singt. Wie eine wilde Blume, von vielen wegen Stachligkeit und Unansehnlichkeit unbeachtet oder gar gehaßt, geht die Blume unter, stirbt aus. Es war kurz nach dem Krieg, als ich trotz meiner relativen Einsamkeit im Haus, im Kibbuz, in meiner engeren Umgebung, ganz stark das Gefühl der Verbindung zu ganz Israel hatte, nicht zum Staat, zum Volk. Und ich hatte eben das Gefühl, auch wenn das Volk Israel vor dem Untergang steht, wird das niemanden kümmern.

In meiner persönlichen Geschichte fallen mir zu der furchterregenden Leichtigkeit, mit der sich die Anderen Israel wegdenken, vor allem zwei verlorene Freundschaften ein. Das eine war ein Journalist, heute bei einer großen Zeitung schreibend, den ich vom Studium kannte. Wir haben zusammen im zweiten Semester ein Referat gehalten, und seitdem waren wir Freunde. Auch als er schon Journalist war und ich junge Mutter im Kibbuz, haben wir uns noch geschrieben. Irgendwann ließ er dann in einem Brief über den Nahostkonflikt einen, wie er es nannte, „historischen Stoßseufzer“ los. Wie viel leichter es doch auf der Welt wäre, wenn es Israel nie gegeben hätte. Ich weiß noch, wie ich wie angewurzelt vor den Postfächern stand, mit diesem Brief in der Hand. Wenn es Israel nie gegeben hätte? Dann gäbe es auch keine Juden mehr. Ohne den Staat, seine Armee im Rücken, hätten Judenhasser aller Art ihren Willen gehabt und Hitlers Werk wäre vollendet worden. Und mein guter, kluger, begabter, freundlicher ehemaliger Kommilitone konnte das einfach so hinschreiben. Die Freundschaft wollte danach nicht mehr recht gedeihen.

Noch früher und abrupter endete eine andere, tiefere Freundschaft. Ich hatte in Berlin drei gute Freundinnen, von denen mir nur noch zwei erhalten geblieben sind. Die dritte kam mir abhanden, oder ich ihr. Sie war, ist auch heute noch, eine schöne, kluge, sehr begabte Frau (hat auch große Karriere gemacht und dürfte vielen meiner Leser bekannt sein – ich war wirklich die Pfeife meines Freundeskreises und bin bis heute gänzlich unberühmt!). Als ich etwas über ein Jahr in Israel lebte, noch vor meiner Heirat, schickte sie mir eine Theaterkritik zu. Sie hatte ein Stück inszeniert, und die Kritiker lobten ihren genialen Einfall, zwei Rollen mit einem Schauspieler zu besetzen. Es handelte sich um einen Offizier der SS und einen glühenden Zionisten. Nett, nicht wahr? Eine elegante Art, die alte Gleichung „was die Nazis den Juden angetan haben, tun heute die Israelis den Palästinensern an“ ins Bild zu setzen. Oder auch die UN-Resolution „Zionismus = Rassismus“, die ja auch im Vorwurf „Israel ist ein Apartheidsstaat“ weiterlebt.

Ich habe dieser Freundin nie erklärt, warum die Freundschaft vorbei war. Ich konnte es nicht. Ein gemeinsamer Freund hat mich später mal besucht, mir auch gesagt, daß sie sehr gekränkt war und so – aber ich konnte kein Wort herausbringen. Ich glaube, ich könnte es bis heute nicht. Manchmal sehe ich mir im Internet Interviews mit ihr an, sehe, wie sie älter geworden ist und noch schöner als früher, und wie ihr Ruhm sie umstrahlt – und ich kann ihr diese Sache nicht verzeihen.

Ganz zu schweigen von den vielen, vielen Gesprächen, die ich ja auch hier oft genug wiedergekäut habe, in denen mir grausam klarwurde, daß für viele Europäer, ja für viele Deutsche Israel ein Land ohne Legitimation ist – als einziger Staat der Welt. Alle anderen Staaten, egal wie geschaffen, von wem, unter welchen Umständen, als Nachfolgestaaten welcher Gebilde auch immer, alle anderen Staaten haben undiskutiertes, unbestrittenes Lebensrecht. Doch das Recht der Juden auf einen Staat in ihrem Heimatland, das steht zur Disposition. Und das Recht der Juden auf Leben und Unversehrtheit ebenfalls. Kein Tag vergeht ohne antisemitische Parolen  oder Taten irgendwo. Die Juden sollen es gewesen sein, ob Twin Towers, ob Irakkrieg, irgendwie sind es immer „der Mossad“, „die Israelis“ oder eben gleich „die Juden“, die dahinterstecken. Dahinter steht eine solche Aggressionsmacht, daß ich erschrecke.

Nein nein, das darf man natürlich auch nicht sagen, denn das heißt dann gleich „Antisemitismuskeule“ und man wird ja wohl noch Israel kritisieren… herrje, ich kritisiere Israel ja oft genug selbst. Aber ich habe nun mal im Laufe der Jahre einen Riecher dafür entwickelt, wo jemand Israel sachlich und fair kritisiert, und wo jemand seine Ressentiments und Vorurteile auslebt. Irgendwie riecht man den Unterschied. Gerade die aggressiv vorgetragene Selbstverteidigung gegen etwaige Antisemitismus-Keulen (die man beim Anderen selbstverständlich voraussetzt) ist kein schlechter Indikator.

Zu diesem Sumpf der Ressentiments paßt dann auch gern eine gewissse Unwissenheit. „Die Israelis sollen den Palästinensern das Land zurückgeben“, heißt es dann. Zurück? Die Israelis können das Land den Jordaniern „zurück“geben, einen Staat Palästina hat es nie gegeben, und das hat nicht Israel so entschieden. Oder die Leute machen sich vollkommen unrealistische Vorstellungen von Israels Macht und Größe – weil sie noch nie eine Karte angeguckt haben, auf der man sehen kann, wie ungemütlich groß und nah unsere Feinde uns auf der Pelle sitzen, und wie wenig Platz wir hier haben, und wie hart die Grenzen sind, an die wir stoßen. Und was der Mißverständnisse noch mehr sind.

Und dabei sind die Deutschen noch unter den Europäern,  wie Israelis gern anerkennen, israel-freundlich. Zwar meinten neulich bei einer Umfrage 61%, daß Deutschland Israel beim Kampf gegen den Terror nicht zu helfen brauchte – aber das bedeutet auch, daß immerhin fast 40% dafür sind, Israel zu helfen! Und das finde ich viel. Selbst mit 5% plus oder minus, das ist ein besseres Ergebnis, als ich erwartet hätte. Allerdings ist in den Niederlanden, und das bestätigen mir auch Bekannte, das Klima viel Israel-freundlicher als es im Sommer in Deutschland war – aber im Vergleich mit Frankreich oder Großbritannien, wo wir als Feind Nummer Eins gelten, ist Deutschland ein guter Partner. Deutsche Außenpolitiker sind fair und berechenbar, da kann Israel nicht meckern.

Aber Frankreich? Die Affronts der französischen Politiker gegen Israel sind Legion. Französische Juden klagen über brutalen Antisemitismus von allen Seiten. Nein, ich beneide den französischen Botschafter nicht, der gleichzeitig gegen das miese Image Frankreichs in Israel UND gegen das noch miesere Ansehen Israels in Frankreich angehen muß, und der sich über beides ärgert. Und deswegen, aus dieser doppelten Defensive gesehen, finde ich das Interview (hab ich doch noch irgendwie den Bogen wieder zurückgefunden!) so interessant.

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