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In der Sonne September 29, 2006, 16:54

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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mußte ich heute sitzen, was ich ja nicht leiden kann, weil der Dining Room geschlossen war (Betriebsausflug der Küchenmannschaft) und trotzdem die Abstimmung stattfinden sollte. Und ich bin ja im Urnen-Team, habe also die hohe Ehre, den Abstimm-Tisch aufzustellen, die Urne zu kontrollieren und abzuschließen, an der Pinnwand die genauen Angaben zur jeweiligen Abstimmung aufzuhängen, jedem stimmberechtigten Kibbuz-Mitglied seinen Stimmzettel und einen Kuli auszuhändigen, seinen Namen von der Liste zu streichen und hinterher die Stimmen auszuzählen und zu veröffentlichen. Wenn jemand nicht abstimmen kann, aber gern möchte, kann jemand anders damit beauftragt werden, aber nur mit schriftlicher Ermächtigung, die von den Sekretären unterschrieben sein muß. Die Sekretärin kam also und händigte uns, wie immer, einen Stapel Papiere aus: „Nirit ist nicht da, aber ihr Mann stimmt für sie ab, hier ist der Zettel…“ Ordnung muß sein.

Man macht das immer zu zweit. Ich hatte die Liste mit den Namen von aleph bis lamed, Shlomit die Namen von mem bis tav. Seltsamerweise kamen heute mittag fast nur Leute mit Familiennamen zwischen mem und tav, Shlomit hatte also viel zu tun, ich fast gar nichts.

Normalerweise sitzen wir im Eingang zum Dining Room, aber wie gesagt, der war heute zu, und wir saßen also bei sengender Hitze draußen. Chamsin! Der heiße Wind wehte uns die Papiere davon, und alle Chaverim machten eine Bemerkung, „na, ist euch nicht heiß“, „euch ist aber bestimmt sehr heiß“, „ihr Armen, bei der Hitze“, variatio delectat. Die Sekretärin brachte uns Wasser, flaschenweise, und wir hielten irgendwie durch.

Es ging heute um die Besetzung eines sehr wichtigen Postens, nämlich mashabei enosh, also human ressources. Die Veränderungen, die der Kibbuz in den letzten Jahren mitgemacht hat, werden nirgendwo deutlicher als bei diesem Posten. Früher hieß das nämlich sidur avoda, „Arbeitsordnung“ oder „-liste“. Der sadran avoda hatte die Aufgabe, alle Chaverim zur Arbeit einzuteilen. Ganz früher rotierten viele Chaverim sehr häufig, besonders in der Landwirtschaft mußte man immer gucken, wo man gerade eingeteilt war. Als ich in den Kibbuz kam, war das natürlich schon nicht mehr so. Viele Leute hatten schon eine Berufsausbildung und arbeiteten fest in ihrem Beruf. Trotzdem war es immer noch so, daß Frauen nach der Geburt eines Kindes zum sadran avoda (oft auch einer weiblichen sadranit avoda) bestellt wurden: die Pflicht ruft, ein Jahr in einem Kinderhaus mußte abgeleistet werden. Manchmal reichte es, einen Tag pro Woche im Kindergarten auszuhelfen, doch oft wurden Frauen auf Monate in Kinderhäuser gesteckt, obwohl das gar nicht ihr Beruf war und sie wenig Lust dazu hatten. Doch da gab es nichts, das wurde gemacht, wenn die Gemeinschaft das brauchte.

Ich bin natürlich auch öfter zum sadran avoda gerufen worden. Anfangs, als Y. und ich zusammenlebten und niemand glaubte, daß diese Deutsche wirklich hierbleibt, wurde ich als „Korken“, pkak, eingesetzt – überall, wo ein Loch war, wurde ich eben reingestopft. Mal im Babyhaus, mal in der Küche, mal im Kindergarten. Das war eigentlich ganz nett, denn ich lernte jede Menge Leute und Arbeitsplätze kennen, und mein Ivrit besserte sich rapide. Dann, als wir verheiratet waren und klar war, diese Deutsche meint es ernst, bat ich um Arbeit in der Altenpflege und bekam sie auch. Weil ich mich mit Schwung in die Arbeit warf und nach Verantwortung förmlich lechzte, war ich nach anderthalb Jahren für eines der Häuser verantwortlich. Ein kleines Heim für Rekonvaleszenten und Schwerkranke, damals waren die Ältesten des Kibbuz noch allesamt fit und größtenteils gesund.

Irgendwann hieß es dann bei der sidur avoda, Lila muß aber nun der Erziehung ihren Tribut erweisen, und ich war wieder im Kindergarten. Gegen Ende der Schwangerschaften wurde ich jedesmal ins Bügelzimmer geschickt, weil das eine leichte Arbeit ist – Mutterschutz sechs Wochen vor der Entbindung ist hier unbekannt und ich habe ihn auch nicht vermißt, im Gegenteil. Noch wenige Stunden vor Primus´ Geburt bin ich in der Wäsche-Kommuna auf Leitern geklettert und habe Wintermäntel weggehängt, das hat mir nichts ausgemacht. Ja, so war das. Der sadran avoda hat gesagt: „hier und hier werden Leute gesucht, welchen Job nimmst du?“ Mich hat es nicht gestört, daß niemand mich gefragt hat, „sag mal, was hast du eigentlich gelernt, was möchtest du gern lernen, was stellst du dir vor?“ Wer neu in den Kibbuz kommt, muß erst mal an der Friteuse stehen, an der Verpackmaschine oder im Babyhaus Flaschen und Popos spülen, das war mir ganz klar.

Ich glaube, daß ich als eine der Letzten, die auf diese Art aufgenommen wurden (in den Jahren nach mir kamen viel assertivere Leute mit Berufen, die von Anfang an gesagt haben, wo sie arbeiten wollen, oder die gleich draußen gearbeitet haben) , eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht habe. Ich habe mir meine Zugehörigkeit zum Kibbuz erarbeitet, mich dem System angepaßt, weil ich akzeptiert und gut gefunden habe, daß jede Arbeit in Augen des Kibbuz nötig und wertvoll ist. Das hat meine persönliche Faulheit und meine extreme Beschränktheit auf einige wenige, theoretische Stärken erfolgreich aufgebrochen, ich habe in diesen Jahren enorm viel gelernt. Doch zurück zur Veränderung im Kibbuz.

Irgendwann war klar, sidur avoda kann man nicht mehr machen, die Leute machen nicht mit. Heute heißt es also human ressources und die dafür Verantwortliche hilft Leuten, Arbeit zu finden, achtet darauf, daß das Einkommen auch zum Lebensunterhalt reicht (der Kibbuz kann ja nicht alle seine Mitglieder per Budget subventionieren, irgendwo muß das Geld ja herkommen), sie hilft beim Aushandeln von Arbeitsverträgen draußen, hält Verbindung mit den Fabriken und Schulen der Umgebung, hat ein Auge auf die Studenten des Kibbuz, stellt Leute von draußen ein, managt eben alles, was mit Arbeit zu tun hat. Sie hat nicht mehr die Macht oder auch nur den Willen, zu sagen, „liebe Lila, nun hast du immer noch keine Arbeit gefunden, ab in die Wäscherei“, obwohl manche Chaverim, die gar nicht mehr arbeiten, auch mal unter Druck gesetzt werden. Es ist eine Schlüsselposition, dieser Posten, und deswegen war die Abstimmung heute so wichtig.

Ich habe übrigens nicht gestimmt diesmal, weil mir beide Alternativen nicht richtig zusagten. Ich finde, das Thema muß noch mal zum Sekretariat zurück und sie müssen bessere Kandidaten finden. Das fanden auch viele Chaverim. Die Erörterungen waren hitzig, aber Shlomit und ich durften natürlich keine Meinung äußern. Wir saßen schwitzend dabei, vor dem Dining Room, während vor uns die Leute auf ihren Mofas oder Elektro-Autos saßen und sich in den Haaren lagen, wer nun für den Posten am besten paßt.

Zweites großes Thema des Tages war der höllische Gestank, der heute über dem Kibbuz lagerte. Ich war davon schon in der Nacht erwacht, sicher, daß Kater Lutz ein Häufchen unter unser Bett gelegt hatte, auch wenn ich nichts fand. Ja, ich habe sogar in aller Herrgottsfrühe unser Schlafzimmer gewischt, unter den Betten und überall, ohne die Geruchsquelle zu beseitigen. Klar, als ich nach draußen trat, war mir klar, daß das kein kleines Häufchen war, das war ganz klar der Geruch gedüngter Felder. Y., der in der Fabrik für Umweltverträglichkeit zuständig ist und gerade den Neubau der Kläranlage mit verantwortet, wurde von mehreren Chaverim angemacht. „Was ist da schon wieder los, wieso stinkt die Fabrik so?“ Y. wies jede Verantwortung von sich, in der Fabrik gibt es nichts, das nach Dünger stinkt.

Aha, dann ist das also auf den Feldern. Ja aber wieso hat denn der Uzi, der für die Felder zuständig ist, den Dünger nicht gut abgedeckt, wie er das sonst immer macht? Na, das ist doch klar. Das hat der bestimmt demonstrativ gemacht. Es tobt doch gerade ein Kampf um die Pensionsberechtigungen der landwirtschaftlichen Arbeiter, zwischen Uzi und dem Kibbuz. Ja wußtest du das denn nicht? Und deswegen hat er sich bestimmt gedacht, jetzt zeige ich dem Kibbuz aber mal, wie wichtig wir sind, und hat es stinken lassen.

Okay. So entstehen Gerüchte aus Gerüchen. Und das in der brüllenden Hitze… Immerhin hatten wir Glück. Ausgezählt wird erst abends, deswegen konnten wir schnell nach Hause, als die mittägliche Abstimmung vorbei war.

Ich war´s nicht, September 28, 2006, 22:21

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ich schwör´s. Ich hab noch nie einen Preis für irgendwas gekriegt, hm, einmal habe ich bei einer Verlosung in der 5. Klasse das Heftchen und die Anstecknadel von der Deutschen Seehilfe gewonnen, die verlost wurden, aber das war es auch. Wer also mein bescheidenes kleines Blögchen, das sich längst wieder von seinen kriegsbedingten Rekordzahlen ins sichere Gewässer der Stammleser zurückbewegt hat, bei den Blog-Awards der Deutschen Welle vorgeschlagen hat, dem danke ich sehr für seine schmeichelhafte Einschätzung meines Einflusses auf die Geschicke der Welt…

Scans the media in the US, Germany and Israel (amongst others) meticulously for inconsistencies and errors, has had quite an influence on Germany’s perception of Israel’s war with Hisbollah with her inside perspective.

Das halte ich doch für schwer übertrieben. Beim „meticulously“ klingt sogar der Hauch eines Nervs mit… meint Ihr nicht? Dabei habe ich mir doch eine  Pause vom Polit-Bloggen verordnet, das  ist mir meine Gesundheit einfach wert. Wer also die Einordung unter News and Politics,  auch noch als Watch-Blog!, ernstnimmt, wird hier schwer enttäuscht. (Vor allem, weil meine Archive wohl unwiederbringlich weg sind. Ich bin nicht so schlau wie meine Leser, die das alles irgendwo gespiegelt finden, wie machen die das bloß???)  Und unter all den ernsthaften echten Politik-News-Blogs habe ich keinen Blumenpott zu gewinnen.  Bloggen ist ja auch kein Wettbewerb. 

Aber es macht Spaß, in den vorgeschlagenen Blogs rumzuschnüffeln. Ich guck mir jetzt mal andere Sprachen an.

Halbwissen schadet nur, September 28, 2006, 21:48

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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das habe ich heute wieder gemerkt. Ich hatte in der ZEIT das eklig-faszinierende Stückchen über Mao Tse Tung gelesen und seine Angewohnheit, den Mund mit grünem Tee zu spülen statt die Zähne zu putzen. Uuuh wie grauslig, er hatte dann den Mund voll verfaulter Zähne mit grüner Schleimschicht , ein echtes Leckerchen. Natürlich konnte ich dieses Halbwissen nicht für mich behalten, als Quarta auf die Aufforderung zum Zähneputzen mit einem langgezogenen „aaaber warum muß man überhaupt Zähne putzen….“ reagierte. Oho, das konnte ich ihr nun genau sagen. Und erzählte ihr von Maos grünem Tee und gleichfarbigen Zähnen.

Doch was sagte Quarta mit strahlendem Lächeln? „Oh Mama, das möchte ich gern mal ausprobieren. Wie lange muß ich mir die Zähne nicht putzen, bis sie grün werden?“

Hm, vielleicht ist das mit Mao ja doch bloß erfunden….?

Immer wieder September 28, 2006, 8:56

Posted by Lila in Land und Leute.
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liest man hier in der Zeitung, daß sich Familienmitglieder wiedergefunden haben – meist Geschwister, die jahrzehntelang sicher waren, ihre ganze Familie verloren zu haben. Sie sind inzwischen alt geworden, und die Bilder der faltigen Gesichter, die unter Tränen versuchen, im Gegenüber den Jungen oder das Mädchen der Erinnerung wiederzufinden, sind unvergeßlich. Ich kann diese Geschichten nicht ohne Bewegung sehen. Wie viele Menschen mögen schon gestorben sein, ohne ihre Angehörigen wiedergefunden zu haben, ja ohne zu wissen, was aus ihnen geworden ist. Schwer erträgliche Vorstellung.

Ich habe ja schon erzählt, wie meine Schwiegermutter als Erwachsene herausfand,  daß der Mann, den sie Vater nannte, nicht ihr biologischer Vater war. Ihre Mutter hatte nach dem Verschwinden des ersten Ehemanns, während ihr Kind noch winzig klein war, wieder geheiratet, und der zweite Mann (der ebenfalls eine erste Frau und Kinder im Lager verloren hatte) zog meine Schwiegermutter liebevoll groß. Es war die Mutter, die ihr verheimlichte, daß sie noch einen Vater hatte, einen Vater, der während der Flucht aus Polen verschwunden war. Die Familie dieses Mannes suchte jahrzehntelang nach der Witwe und Tochter, und fand sie, als die Tochter (meine Schwiegermutter) eine jungverheiratete Frau war. Auf einen Schlag hatte sie eine ganz neue Verwandtschaft, die sie sofort ins Herz schloß. Besonders ihren zwei Cousinen steht sie sehr nahe.

Auch auf der Hochzeit, von der ich im Juli erzählt habe, trafen sich Verwandte, die nichts voneinander gewußt hatten. Der Holocaust ist ein so tiefer Einschnitt gewesen, daß viele Familien Jahrzehnte gebraucht haben, um sich auf die Suche zu machen und das Schicksal aller Lieben zu erforschen. Das Internet hilft dabei.  Auf einmal sitzt man am selben Tisch mit Leuten, die man noch nie gesehen hat, und versucht herauszufinden, was mit ihren Eltern passiert ist, wie sie mit den Eltern meiner Schwiegermutter verwandt sind, wo die Verbindung abgebrochen hat, und wer wo wie überlebt hat.

Als ich den Bericht in der Jerusalem Post las, konnte ich nur denken: wie gut, daß sie sich noch gefunden haben. Und wie entsetzlich, wenn so eine Verbindung zu spät hergestellt wird, wenn eines der Geschwister schon gestorben ist.

Blogger unter sich September 25, 2006, 22:05

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Ich weiß nicht, wie oft ich meinem geschätzten Nachbarn und Mitblogger Bert schon in der Uni über den Weg gelaufen bin – es ist wirklich lustig. Heute früh tigerte ich schnell in die absolut leere Cafeteria, in der es nicht mal mehr Kaugummi mit Pfefferminzgeschmack gab – alle Regale leer, das Licht halb aus, Semesterferien, vielleicht bauen sie nächste Woche um? In einer Ecke saß ein einziger Mensch. Natürlich Bert.

Wir unterhalten uns immer gut und intensiv und als würden wir eine angefangene Unterhaltung weiterführen – was wir ja auch tun, auch wenn zwischendurch mal ein halbes Jahr vergeht. Inzwischen kenne ich ihn auch als Person, mit seiner Familie, und nicht nur als Blogger. Aber ein besonderer Moment war, als er mir sein Buch zeigte, das er gerade liest. Ich wußte schon, was er drüber denkt, weil er darüber gebloggt hat.

Ich habe mir verkniffen, September 24, 2006, 21:07

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den vollkommen überflüssigen und inszenierten Wirbel um die Papst-Vorlesung zu kommentieren. Erst jetzt, wo er vom Radar der Nachrichten verschwunden ist, erlaube ich mir, darüber den Kopf zu schütteln. Ich habe über die Karikaturengeschichte vor ein paar Monaten zu viel geschrieben und wollte deswegen diesmal nicht alles schon wieder schreiben: inszeniert, absurd, gesteuert etc. Außerdem haben genügend andere Kommentatoren das schon gemacht, wieso sollte ich mich da noch echauffieren.

Mich persönlich hat ein Aspekt daran besonders gestört: wie schnell die empörten Massen vergessen hatten, daß beim Karikaturenstreit der Papst ausdrücklich Verständnis für sie geäußert hat. Man hätte, analog zum alltäglichen Leben, annehmen sollen, daß die Muslime (Einschub: woher kommt eigentlich dieser politisch korrekte Wortgebrauch – ist es ein versteckter Anglizismus, oder ist es eine getreuere Übertragung des Originals, oder wie?) mal innehalten und sagen: hm, hätte ich dem Mann nicht zugetraut, daß er so krass gegen eine andere Religion wettert, gucken wir uns doch mal an, was er eigentlich gesagt hat. Aber da sind die Sicherungen so schnell durchgebrannt, und so gewaltsam, und so außerhalb jeder Proportion zum eigentlichen Vorfall – das war erschreckend.
Vielleicht hat es manchen Leuten im Westen dann doch zu denken gegeben, wie schwierig es für Israel ist, sich als kleine Einheit, deren bloße Existenz schon als Beleidigung wahrgenommen wird, zu behaupten. Oder überhaupt mal ein rationales Argument vorzubringen (was noch dazu auch nicht immer die Stärke Israels ist, hrrr-hm). Oder sich gegen schlichte lügenhafte Entstellungen historischer Tatsachen zu verwahren. Damit dringt man einfach nicht durch gegen die Mühle der Empörung, der verletzten Ehre, des Hasses. Zu einem fairen Dialog kommt es dabei dann gar nicht. (Und ich weiß sehr wohl, daß auch unsere Regierung den Wenigen, die zu einem fairen Dialog imstande wären, ihn oft genug verweigert hat – als Strafe für die Unwilligen. Verkorkste und fruchtlose Taktik, m.E.)

Und dann a propos Proportionen. Ich habe mir auch einen Kommentar zu den Verhandlungen um die Freilassung der drei gefangenen Soldaten verkniffen – man hat doch von uns so lautstark „Proportionalität“ eingefordert (Motto: „was darf Israel?“, von vielen vermutlich so verstanden: „wie weit darf Selbstverteidigung gehen – bis zur Verletzung des Angreifers ist schon zu weit!“). Wo sind sie denn, die Verfechter der Proportionalitätstheorie, wenn Israel wieder und wieder für ein paar lebende (oder auch tote) Israelis Hunderte Häftlinge freilassen muß? (Unter denen sich so hochkarätige Terroristen befinden, daß auch deutsche Behörden sie vermutlich ungern frei rumlaufen lassen würden – und daß freigelassene Terroristen zum Terror zurückkehren und fast 40 Israelis schon Anschlägen solcher Leute zum Opfer gefallen sind, das habe ich ja eh schon erwähnt).

Dann habe ich mir auch verkniffen, in den letzten Tagen des Krieges was dazu zu schreiben, als deutsche Medien im Ton gerechter Empörung auf Israels Verletzungen der Waffenruhe hinwiesen. Sie schrieben im letzten Absatz immer dazu, daß es laut Israel darum ging, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden – doch so, als sei das noch längst kein Grund, die Waffenruhe zu brechen. (Daß auch Waffenlieferungen einen Bruch darstellen, ach wer will denn so pingelig sein? Israel ist nun mal paranoid.) Und nun strunzt Onkel Nasrallah, daß er schon Tage nach dem Krieg seine Waffenarsenale wieder aufgestockt hat. Ja ja, sollte Israel vielleicht doch nicht aus Jux und Dollerei solche Konvois an der Grenze angegriffen haben? Aber aber, die hat der Nasrallah doch bestimmt nur zur Drohung, Gleichgewicht des Schreckens, der würde die doch nie einsetzen… oder na ja…. vielleicht doch. Hätte ich mir das damals nicht verkniffen, könnte ich es nun cool verlinken und sähe oberschlau aus. So habe ich nicht mal mehr die Artikel, über die ich mich damals seufzend halbgeärgert habe. (Ein Googlespaß gibt einen kleinen Geschmack des Tenors vom paranoiden bis verbrecherischen Israel.)

Auch zu vielen anderen Themen habe ich mich zurückgehalten – dem Engagement der Bundeswehr im Libanon, den Argumenten der FDP, sich da rauszuhalten, ja sogar zur Diskussion um Grass und sein kühl-pompöses Beichtgeheimnis… ich habe einfach nicht die seelische Kraft gehabt, die Artikel gründlich zu lesen, mir alles durch den Kopf gehen zu lassen und dann zu einer halbwegs fundierten Meinung zu gelangen und die dann auch noch aufzuschreiben. Metaphorisch gesagt, kleben in meinem Hirn jede Menge Post-it-Notes, „Papstrede: Meinung formulieren!“, „Grass: nochmal kritisch lesen und durchdenken!“, „zur Bewaffnung der Hisbollah: abklären, wer für Verhinderung verantwortlich ist, warum, und gibt es einen Plan B?“. Schon längst haben sich neue Zettelchen darübergeschoben. Ach, es gibt so viele gute Blogger, je mehr ich lese, desto mehr zweifle ich daran, daß die Welt nun auch noch mich braucht. Und schreibe lieber über private Sachen, verkneife mir die Große Welt. Na ja, meistens.

Peinlichkeiten aller Arten September 22, 2006, 22:16

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wir sind gänzlich Nachrichten-abstinent geworden und begnügen uns mit Internet, Zeitungen und dem, was man so mitkriegt. Doch heute, zwischen zwei Pride-and-Prejudice-Folgen (die mein Secundus sehr gern sieht), meinte Y., „gucken wir doch mal rein, sollte nicht Nasrallah heute eine Rede halten?“. Kann schon sein.

Statt Nasrallah aber flimmert bläuliches Licht, wir erkennen Jerusalem, die Klagemauer. Olmert hält eine Rede, vermutlich live übertragen, oder wieso senden die das jetzt? Oh je, in Jerusalem weht ein Lüftchen, und über Olmerts Pläät erhebt sich die überkämmte Strähne, die ich so abscheulich finde. Er redet irgendwas, keiner hört zu, alles starrt fasziniert auf den wohlbesprühten Hahnenkamm, der sich im Winde nach allen Seiten neigt. Ein Anblick sondergleichen. Ich denke einen Moment an seine Frau, die bestimmt in diesem Moment mit zitternden Händen nach der Schere greift, um ihm beim Nachhausekommen zuzurufen: die Tolle oder ich! (Nicht als ob ich was gegen Glatzen hätte. Auch Y.s Stirn wird jedes Jahr höher, und mir gefällt´s. Ich hab nur was gegen überkämmte Glatzen.)

Ei ei ei, das war gräßlich. Schließlich rissen wir uns von dem Anblick mühsam los, und jetzt blamiert sich wieder Mrs. Bennet in unserem Wohnzimmer: „and this will throw the girls into the way of other rich men!“ Oh Olmert, this will throw you into the way of other stand up comedians.

Ach ja, und Nasrallah hat sehr überraschende und unerwartete Äußerungen getan: entwaffnen lassen will er sich nicht, aber äh, er hat was gegen Israel. Und die Hamas auch. Wow, ich bin platt. Das kam so plötzlich.

Doch jetzt zurück zu Mrs. Bennet. Und mal gucken, ob Olmert sich nicht morgen die Haare schneiden läßt…

Aus dem Tagebuch einer Ameise: gestern September 22, 2006, 17:48

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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5:30 Wecker klingelt. Den ersten Kaffee, oft bleibt es der einzige des Tages, trinken wir zusammen. Wir sitzen auf dem Sofa, gucken die dunkle Landschaft an, die Wolken, bereiten uns auf den Tag vor. Duschen, und kurz nach 6:00 geht Y. in die Fabrik, ich bereite den Frühstückstisch vor und beginne ab

6:45 mit dem Wecken der Kinder. Zuerst die Mädchen (warmer Kakao ans Bett, Mozart-CD – das hat sich zur Entzerrung der Morgennerven seit Jahren bei uns bewährt), die Jungen stehen ab

7:15 selbst auf. So gibt es auch keinen Streit um die zwei Bäder – bis die Jungen angeschlurft kommen, sind die Mädchen schon frisch und geputzt. Bis

7:30 muß Quarta fertig sein, inklusive Schulbrote (Pitta mit Butter und Tomaten), Zöpfe und Zubehör, denn dann fährt der Bus. Y. holt sie mit dem Tustus, dem Mofa, ab (Quarta nennt es Jerry). Für die Großen ist noch bis

8:00 Zeit, dann fährt auch ihr Bus. Sie fahren mit dem Rad zur Bushaltestelle. Ich hab´s heute gut, fahre erst später und habe so mehr Zeit für meine Morgenschicht. Betten machen, Schmutzwäsche einsammeln, Badezimmer saubermachen, die erste Wäsche läuft schon seit kurz nach 6, Spülmaschine ist auch schon voll, bleibt noch Zeit für mehr? Die Freundin, mit der ich zur Uni fahre, ruft an: ein Problem mit dem Auto, wir können erst später los, prima! ich reiße die Gardinen vom Schlafzimmerfenster und schmeiße sie in die Waschmaschine (die erste Ladung ist schon im Trockner). Treppe fegen paßt auch noch rein. Ja sogar noch ein paar Minuten ruhiges Sitzen auf der Gartenbank.

9:00 fahren wir los, beide mit vollem Programm. Wir verabreden uns, 11:00 ist Schluß, sie wird mich als Ausrede angeben und ich sie, wenn es Probleme geben sollte. Ich rase durch mein Programm, ergattere alles, was ich ergattern muß, um zuhause weiterzuarbeiten. Um

10:59 sind wir wieder auf dem Heimweg. Ich nehme mir vor, mir vor der Erledigung der Arbeit einen kleinen Luxus zu leisten und das Schlafzimmerfenster gründlich zu putzen, nicht immer nur so husch-husch, sondern richtig mit Bürste-in-Rille-Schrubben. Ich freu mich drauf. Danach die Büroarbeit.

11:40. Zuhause angekommen, überfliege ich meine Emails. Ach du liebe Güte. Große Not, ich muß bis 12:00 einen Text vorbereiten, um 12:00 ist wichtige Besprechung. Ade, Schlafzimmerfenster. Ich schreibe wie eine Irre.

12:03 geht der Text raus. Telefon, danke, beste aller Lilas. Oh bitte, gern geschehen. Was nun, Fensterputzen oder Büroarbeit? Brot vor Kunst, also Büro. Ich ackere und rase durch die Notizen und Pläne.

15:00. Arbeit beendet, alles abgeschickt, hurra. Endlich in die Gummihandschuhe. (Zwischendurch noch eine Maschine Wäsche gewaschen, gefaltet, weggeräumt, und drei Anrufe beantwortet). Die Großen kommen nach Hause, Tertia nur kurz: sie fährt zu ihrer besten Freundin im Nachbarkibbuz und bringt nur ihre Tasche nach Hause.

16:00. Während ich das Schlafzimmer saubermache, unterhalten sich Primus und Y. (der heute wegen des morgigen Feiertags schon früher nach Hause kam), fachsimpeln über Musik, während Y. sich aus den Arbeitsklamotten pellt. Primus wünscht sich eine CD, Y. kennt sie schon, sie schreiben Namen und Lieder auf. Dann lachen sie ein bißchen über mich, „so putzen sie in Deutschland: man nehme acht saubere Küchenhandtücher…“, und ich freue mich, daß Y. und sein Ältester Spaß haben. Zwei Tücher sind übrigens sauber geblieben.

17:15 Zeit zum Abendessenmachen. Was steht auf der Wunschliste? Frikadellen mit Pinienkernen. Dazu gibt es Salat, Brot, und für Tertia und mich, die kein Fleisch essen, überbackenes Gemüse. Zwischendurch noch eine Ladung Wäsche, aus allen Schultaschen die leeren Wasserflaschen eingesammelt, gespült, neu gefüllt. Quartas beste Freundin kommt zu Besuch. Hausaufgaben? Briefe von der Schule? Post durchgeguckt, Arzttermine, Einladungen, und wieder das elende Telefon. Während alles schmurgelt, blubbert, zieht: Tisch decken, Küche post-Kochen saubermachen. Y. ist einkaufen gegangen (im Kibbuz-Laden, das geht mit dem Jerry), Quarta füllt Klopapier nach und leert Mülleimer, Primus schreibt am Computer seine Hausarbeit über den Propheten Jeremias, Secundus geht Fußball spielen, „aber nur kurz, wir essen gleich!“. Y. bringt mir einen Strauß Rosen mit.

18:30 Endlich Frieden: Abendessen. Wir bleiben lange sitzen. Primus erzählt von seinen Freunden. Secundus möchte einen Schluck Arrak probieren, den haben wir für Gäste aus Nazareth gekauft, aber es ist viel übriggeblieben. Es ist guter libanesischer Arrak, aber ich mag ihn nicht. Secundus auch nicht, verzieht das Gesicht, als er an Y.s Glas nippt. Er lädt Quarta zum Schach ein, mit den Herr-der-Ringe-Schachfiguren. Nach dem zweiten Matt hat Quarta keine Lust mehr. Ich stelle für Tertia Essen zur Seite, sie ist noch bei Danielle. Quartas Freundin geht nach Hause. Y. sieht auf einmal ganz grau aus, er hatte eine mörderische Woche. Ich schicke ihn ins Bett, Secundus zum Mülleimer und Quarta in die Badewanne. Küche post-Mahlzeit aufräumen, zwischendurch die letzte Wäsche falten und wegräumen, fegen, wischen, Kühlschrank durchsehen: was ist oll, was fehlt? Aufschreiben!

19:45 Tertia kommt wieder, macht sich über ihr Essen her. Quarta spielt in der Wanne mit ihren Plastiktieren, Secundus hat sich eine DVD mit einem alten Musikfilm angemacht (HaLehaka, Die Truppe), Primus hämmert auf die Tastatur: ICQ. Y. schläft tief und fest. Primus bestellt mir Grüße von meiner kleinen Schwester, mit der er per ICQ kommuniziert.
20:15 Das Haus wird still. Alles ist sauber und aufgeräumt, auch Bäder und Wohnzimmer. Quarta ist im Bett und hört die Geschichte von der kleinen Hexe (nein, ich habe nicht jeden Abend Power zum Vorlesen wie früher bei den Großen, wenn ich zu kaputt bin, gibt es eine Cassette). Tertia erzählt mir von ihrer Freundin, deren Eltern geschieden sind, und wie überlastet die Mutter ist, und daß sie geholfen hat, auf die kleinen Brüder aufzupassen. Tertia hat Origami mit ihnen gefaltet und sie lange gut beschäftigt. Sie sagt, Danielles Mutter sieht so müde aus, und der Vater ist so weit weg.

21:00 Ich bin schon mit einem Bein im Bett, da ruft eine Freundin an. Wir geraten ins Quasseln. Während wir uns unterhalten, werde ich wieder hellwach. Tertia geht ins Bett und liest Anne of the Green Gables auf Hebräisch, Secundus geht ebenfalls schlafen und liest Artemis Fowl, ebenfalls auf Hebräisch. Gut, daß morgen Ferien sind, da verzichte ich auf Schultaschen-Überprüfen und Sachen-für-Quarta-Rauslegen. Oh, aber ich habe morgens einen Arzttermin hier im Kibbuz. Alle Unterlagen zusammensuchen.

22:00 Ich gehe ins Bett, nehme mir Margaret Kings Buch über Frauen der Renaissance mit, als Bettlektüre. Ich habe es den ganzen Tag mit mir rumgeschleppt und keine Zeit zum Lesen gehabt, wie gräßlich. Lucius dreht durch, beißt mir in den Fuß, rast wie ein Besessener durchs Haus, bis ich ihn rausschmeiße. Da schnurrt er, aber ich schmeiße ihn trotzdem raus. Ich bin wieder wach, kündige Primus an, daß in einer halben Stunde Schluß ist (der Computer der Kinder steht in einer Nische vor unserem Schlafzimmer – wir haben bewußt die Kinderzimmer computer- und fernsehfrei gehalten).

22:50 Primus hat aufgegeben und ist ins Bett gegangen, mit einem Band Science Fiction. Puh. Ich gucke mir die Notizen an, die ich den ganzen Tag gemacht habe, um diesen Eintrag schreiben zu können. Hätte ich noch mehr in den Tag quetschen können? Oft komme ich erst gegen 15:00 nach Hause, dann bin ich weniger flexibel als an Tagen, an denen ich Arbeit mit nach Hause nehme. Während des Semesters habe ich viel mehr Arbeit und das Telefon klingelt dauernd. Wenn ich blogge, quetsche ich das irgendwie noch rein, statt Lesen oder statt einer Runde Putzen oder statt Telefonquassel. Manchmal bin ich krank, dann muß Y. zu seinem eigenen auch noch mein Pensum übernehmen, zumindest einen Teil. Wie machen Städter das, die zum Einkaufen weiter weg müssen als wir, die wir hier im Kibbuz alles haben, was man für jeden Tag braucht? Wie machen alleinerziehende Eltern wie Danielles Mutter das, die niemand entlastet? Ich weiß es nicht. Aber das ist das Leben, so wollte ich es haben, und nun habe ich es, genieße es und bin dankbar dafür.

Das war der vorletzte Tag des alten Jahres, der vorletzte Tag des Elul. Heute ist der letzte Tag. Ich habe in letzer Minute einen Rosh-HaShana-Gruß rausgeschickt, und nun gehen wir zur jährlichen Rosh-HaShana-Zeremonie am Ende des Kibbuz. Ich liebe diese Zeremonie, wenn die Sonne untergeht und man innehält. Das letzte Jahr hat uns als Land Krieg, Leid und den Verlust liebgewordener Illusionen gebracht. Doch als Familie hat das letzte Jahr uns nur Gutes gebracht.

Schönheit, so oder so September 18, 2006, 23:02

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Es ist keine großartige Enthüllung, jeder Leser weiß es sowieso. Mein Leben ist langweilig. Der einzige interessante Akt meines Lebens, nämlich einem wilden, struppigen Kibbuznik ins rauhe Land der Skipetaren, äh, der Kibbuzniks zu folgen, hat sich vor fast 20 Jahren ereignet, und seitdem lebe ich wie eine glückliche Amöbe. Wenn sich nicht gerade geopolitischer Grimm über uns entlädt oder wir solchen auf uns laden, habe ich keine besseren Geschichten zu erzählen als andere Amöben auch.

Das nur vorneweg, damit mir keine Beschwerden kommen hinterher, jawohl.

Ich bereite die morgige Unterrichtsstunde in der VHS vor. Die Zuhörer durften sich wünschen, was sie gern sehen wollen, und zu meiner Freude wurden sofort die Venus von Urbino und die Rokeby-Venus genannt. Tolles Thema, die faß ich zusammen und mache eine Stunde über die Vorstellungen von Schönheit, und wie sie uns beeinflussen. Insbesondere, da ich zu diesen Venus-Darstellungen schon vor einem Jahr oder so eine Vortragsreihe woanders gemacht habe und ich also alles schon fix und fertig… Aber nichts da. Fix und fertig gibt es nicht, nicht mal bei einem so wohlbekannten Thema, ich muß jede Woche das Rad neu erfinden, Speiche und alles. Vor einem Jahr hatte ich ja keine Ahnung. Das wird alles anders gemacht, jawohl. Oh, aber ich liebe die Venus von Giorgione, die ich natürlich vor der von Urbino zeige (die Tizian selbst ja gar nicht als Venus bezeichnet hat, sondern nur als „einen Akt“). Ich liebe Giorgione überhaupt. Ach, Venedig.

giorgione_venus.jpg

Giorgione, Venus, 1510

titian.jpg

Tizian, Venus von Urbino, 1538
rokeby.jpg

Velazquez, Venus, 1648

Ich hatte heute einen nervsträubenden Tag an der Uni und mußte mir die Nerven wieder glattkaufen. Ein schönes kleines Buch über Venedig mußte her. Da ist er ja, mein Tizian. Das Buch meint, was ich mir selbst hätte denken sollen, daß der wunderbar rätselhafte Malgrund der Venezianer eine Weiterentwicklung des byzantinischen Goldhintergrunds ist, vor dem die Heiligen schweben. Auch wenn bei Giorgione oder Bellini die Figuren nicht mehr im goldenen Nichts schweben, scheinen sie doch nicht fester in unserer Welt verankert als die byzantinischen Heiligen. Deswegen gefällt mir Giorgiones Venus vermutlich am besten von den drei berühmten Schönen, weil sie dieses Geheimnisvolle, diesen Goldgrund hat.

Während ich also über den rätselhaften, verlockenden Schönen der Vergangenheit brüte, um sie morgen in ihrem ganzen wunderbaren Glanz darzubieten, guckt sich Y. kopfschüttelnd eine Doku über den Schönheitswahn an, der hier in Israel übel grassiert, und der nett aussehende junge Frauen dazu bewegt, sich Kurpfuschern auszuliefern, um fortan mit Silikonbeuteln, Narben und verkorkstem Selbstbild weiterzuleben. (Ja ja, es gibt auch andere Fälle, trotzdem ist es mal erfrischend, aus der Glotze kritischere Töne diesem ganzen Zirkus gegenüber angeschlagen zu hören. Mein Gott, die amerikanischen Schulkinder. Nichts im Kopf als irgendwelche dämlichen Stars. Da stimmt doch was nicht, Peeling oder nose job unter 20).

Fasziniert blicke ich auf, um eine geziert kichernde Frau anzugucken, die auf dem Bildschirm gerade einem jungen Mädchen in Begleitung einer besorgten Mutter erklärt, warum in „ihrer“ Klinik (für die sie PR-Frau spielt) kosmetische OPs so toll sind. „Ich hab mir schon die Lippen unterspritzen lassen, zweimal die Brust vergrößern, Fett absaugen, Nase korrigieren, Bauchstraffung, Peeling, Liften… deswegen sehe ich so jung aus“, und dann fragt sie kokett, „auf wie alt schätzt ihr mich?“ Die Mutter guckt sie höflich an und meint, „also mehr als 45 würde ich dir nicht geben“, woraufhin die Dame pikiert guckt und sagt, „ich bin 43 und werde immer für VIEL jünger gehalten!“

Der Sprung zurück zu Velazquez und Tizian fällt angesichts dieser Greuel leicht. Obwohl ich mir ohne weiteres vorstellen kann, wie die Pute aus der kosmetisch-chirurgischen Klinik der Venus von Urbino eine Bauchdeckenstraffung verordnen würde. Irgendwie ist es dazu gekommen, daß wir mit unserem lauten Krähen nach individueller Freiheit viel panischer normiert sind als die Schönen von einst. Hat die junge Frau, die Tizian anlächelt, auch so mit sich gehadert wie die unglücklichen jungen Mädchen heutzutage, oder hat sie sich schön erschaffen gefühlt? Schwer zu sagen.

Zurück an die Arbeit, es wird schon spät.

Stoßseufzer September 16, 2006, 12:59

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Ich bin zu höflich (oder zu feige…), um es den Leuten selbst zu sagen, deswegen seufze ich es hier mal (keiner meiner Leser ist gemeint!!!). Wer ist eigentlich auf die blödsinnige Idee gekommen, PowerPoint-Präsentationen der miserabelsten Qualität über die abgelegensten Themen zu erstellen und sie auf die Weltreise durch die Mailboxen der Welt zu schicken? Es ist an und für sich schon unhöflich, riesige Anhänge mitzuschicken – erstens kann es sein, daß jemand eine langsame Verbindung hat und dann seine Mailbox stundenlang blockiert sieht, nur um hinterher eine „witzige“ Präsentation ungarischer Scherze vorzufinden. Zweitens öffnet man sowieso nur Anhänge, die man wirklich braucht – ich lösche die meisten unbesehen, wenn es nicht Dateien sind, die ich angefordert habe, erwarte oder brauche.

Besonders schmerzhaft für meine Augen sind dabei die unzähligen „Kunst“produktionen, die täglich bei mir eingehen. Harmlose Zeitgenossen, meist ältere Kibbuzmitglieder, die die Wunder der Email im Rentenalter entdeckt haben und nun begeistert nutzen, schicken mir gern solche Sachen zu, mit der wohlmeinenden Aufforderung: guck dir das mal an, du hast doch Kunst so gern, und sag mir, wie es dir gefallen hat! Ääääääh….

Diese Präsentationen zeichnen sich meist durch knallbunte Hintergründe aus, gern texturiert – wo doch jeder Anfänger weiß, daß Hintergrundfarbe ein Bild visuell beeinflußt (schon Urvater Itten nannte das den „Komplementärkontrast“, den man auch sehr nett beweisen kann – es gibt ihn wirklich). Dann sind sie voll nerviger Animationen – gern fallen alle Buchstaben einzeln und tropfenförmig vom Himmel, wodurch sich die Dauer der Präsentation qualvoll verlängert.

Und die Bilder sind entweder für jeden leicht erreichbar – aus CGFA, der Webgallery of Art oder anderen bekannten Online-Galerien zusammengestellt. Oder aber sie sind obskure Erzeugnisse „verkannter“ Künstler. Mir ist jedenfalls bei den Präsentationen, die ich mir gezwungenermaßen angucke, um die Absender nicht zu kränken, noch nie passiert, daß ich überwältigt nach Luft schnappe und ausrufe: ach wie wunderbar, das kannte ich ja noch gar nicht! Nein, Epigonen der Epigonen der Post-Impressioinisten beeindrucken mich nicht, und Präsentationen über Cezanne kann ich, vielen Dank, selbst viel besser machen.

Tja, so warten in meiner Mailbox wieder vier dieser Dinger auf mich, von einer treuen früheren Studentin und einem Vetter meiner Schwiegermutter geschickt. Ich werde sie mir zähneknirschend angucken und mich bedanken, feige und höflich wie ich bin, obwohl ich eigentlich viel besseres zu tun hätte.

Nämlich mich bloggend über diese Zeitverschwendung zu beschweren.

Veränderungen September 13, 2006, 20:15

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Ich schreibe so wenig, weil in den letzten Tagen ein paar riesige Veränderungen bei mir passieren. Auf einmal häufen sich bei mir die verlockendsten Arbeitsangebote, wofür soll ich mich entscheiden, wie kriege ich verschiedene Dinge unter einen Hut und kann gleichzeitig noch den Haushalt fit und die Kinder satt, zufrieden und gesund halten? (Satt, zufrieden und gesund – wie rotbackig klingt das?) Es war wie diese fisseligen kleinen Geduldspiele, die wir als Kinder hatten, wo man schiebt und schiebt und auf einmal guckt einen Micky Maus an. Mir wurde dieses Geduldspiel dadurch erleichtert, daß ich ein paar Plättchen rausnehmen durften – und auf einmal war das Bild perfekt.

Die Einarbeitung in neue Aufgaben ist schwierig, ich arbeite jetzt gewissermaßen „bei der Konkurrenz“. Ausgerechnet in dieser Zeit rief mich die Frau an, die meine alte Arbeit (die ich vor über einem Jahr aufgegeben hatte) übernommen hat, und die sehr lobte, was ich dort alles getan habe. Na ja, muß sie ja, wenn sie von mir Informationen haben will. Sie wußte übrigens nicht, was ich jetzt mache – ich mache ja auch weiterhin mehrere Dinge. Ich unterrichte weiter bei meinen alten Leuten, ich übersetze die bewegenden Dokumente einer Famile von deutschen Juden, ich habe so verschiedene kleine Töpfchen auf dem Feuer.

Aber die Lage hat sich mental entspannt (hurra, ich bin doch nicht die, die beim Völkerball-Mannschaft-Wählen bis zuletzt übrig bleibt und die der Arbeitsmarkt einfach nicht brauchen kann!), und ich denke, das mit der Arbeitslast pendelt sich auch ein. Jedenfalls bin ich froh, daß sich nun Schritt für Schritt alles geklärt hat und ich für die nächsten Jahre vermutlich untergebracht bin…

Kleine Erinnerung September 12, 2006, 17:22

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Und wieder ein Trauerfall im Kibbuz, ein wunderbar netter alter Mann, Freund von Y.s Großeltern und Gründungsmitglied des Kibbuz. Seine Tochter ist mit Y.s junger Tante seit Babyhaus-Zeiten befreundet, sie haben ihre ganze Jugend über ein Zimmer geteilt. Diese Tochter war später Primus´ erste Klassenlehrerin und hat uns beim Übergang von KindergartenEltern zu GrundschulEltern geholfen. Sie selbst hat vier Töchter, die jüngste davon ist Tertias beste Freundin. Freundschaften über Generationen hinweg. Ich bin traurig.

Secundus fragt, „wo ist Tertia?“. Ich erkläre ihm, daß sie zu ihrer Freundin gegangen ist, und daß alle um den Opa trauern. Weil das ein so freundlicher Mann war, den alle gern hatten. Secundus meint, „ja, der war nett. Wenn ich an seinem Garten vorbeigekommen bin, hat er mich oft angesprochen und mich gefragt, wie ich in Mathe und Naturwissenschaften vorankomme. Ich weiß nicht warum, meine Freunde hat er nie gefragt. Manchmal war mir das ein bißchen unangenehm, aber keine Sorge, Mama, ich hab ihm immer schön geantwortet“.

Doch ich kann ihm sagen, warum gerade er dem netten Mann mit dem schönen Garten auf dem Weg zum Dining Room aufgefallen ist. Y.s Opa, der vor vielen, vielen Jahren gestorben ist, war ein mathematisches Genie. Secundus sieht ihm ähnlich, das haben mir schon öfter alte Leute gesagt, oft mit bewegter Stimme. Der freundliche alte Mann, den wir morgen begraben, hat bestimmt seinen alten Freund vor sich gesehen, wenn Secundus vorbeikam, und an dessen Begabungen gedacht. Ach, bald ist niemand mehr da, der sich an die Zeiten erinnert, als der Kibbuz und seine Gründer jung waren. Traurig, traurig.

Lokale Würdenträger September 10, 2006, 18:22

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Von Zeit zu Zeit wendet sich der Kibbuz an mich, wenn meine Talente gefragt sind, so zum Beispiel, wenn deutsche Gäste den Kibbuz sehen wollen, als die Begleiter des deutschen Bundespräsidenten hier rumgeführt werden wollten, und bei ähnlich festlichen Gelegenheiten. Irgendwie kam es der Leitung des Kibbuz (die sog. Maskirut, also eigentlich Sekretariat – ein Sekretär und eine Sekretärin sind es immer, die den Kibbuz leiten) zu Ohren, daß ich PowerPointPräsentationen machen kann. Und deswegen erhielt ich den ehrenvollen (und recht wohlbezahlten) Auftrag, für den heute stattfindenden Besuch der örtlichen Würdenträger eine Präsentation über den Kibbuz zu basteln. Ich mußte mich dafür durch endlose Stapel Papiere wühlen, die wichtigen Aussagen über den Kibbuz rausfischen, und alles visuell aufbereiten. Natürlich arbeite ich ohne gräßliche Dinge wie Clipart oder Animationen – alles ganz dezent und Fotos zur Illustration. Viele Stunden saß ich mit den verschiedenen „wichtigen Leuten“ des Kibbuz zusammen, bis jede und jeder das Gefühl hatte, sein Arbeitsgebiet ist Höhepunkt der ganzen Sache.

Heute kamen sie also, die ganze Leitung der „Moetza“, was man mit Gemeinde oder Kommune vielleicht übersetzen könnte. Das Treffen fand im neugebauten „Kongreßzentrum“ statt. Unsere Ferienhäuschen sind nämlich ein besonders großer Erfolg bei Firmen und Gesellschaften, die mit der ganzen Belegschaft hier Päuschen machen oder eben auch Schulungen. Na ja, es kam mir alles ein bißchen zu pompös vor für einen Kibbuz, die Stühle fand ich auch geschmacklos, aber ich bin ja auch empfindlich. Meines Erachtens hat die Innenarchitektin einen unbehaglichen Kompromiß zwischen Edelstahl und Schmiedeeisen gesucht, aber die Gäste waren höflich und bewunderten alles.

Natürlich traten die üblichen Pannen mit dem Projektor auf, egal wie früh man kommt, irgendwas geht immer schief. Der Computerfritze meinte, es liegt an meinem Laptop (Frechheit!) und schleppte einen anderen Laptop heran. Auf dem ging es auch nicht, woraufhin jemand einen anderen Projektor brachte – ein älteres Modell, auf dem mein Laptop tadellos die Präsentation zeigte. Braver kleiner Laptop, mir liegt seine Ehre sehr am Herzen! Schließlich habe ich ihn mir in Deutschland gekauft, jawohl. Und irgendwie entwickelt man zu so einem Teil ja eine richtig persönliche Beziehung.
Es war interessant, die Lokalgrößen über die wirtschaftliche Entwicklung der Region und besonders des Kibbuz, über den geplanten Biosphärenpark „Mevo Carmel“, in dem wir mitten drin liegen (also keine Schnellstraßen, Einkaufstempel und ähnliche Greuel vor unserer Haustür zu befürchten), über die Zustände in der Kommune während des Kriegs (am letzten Tag fiel ja zwischen Yokneam und Hazorea noch eine Rakete – wenig Einwohner flohen, obwohl wir in Reichweite lagen, aber viele Leute flohen zu uns – dazu fällt mir eine Geschichte ein, die kommt aber mal separat!), über die Auswirkungen des Kriegs, über das Potential der Industrie, Landwirtschaft und Tourismusindustrie bei uns, ja ich hörte auf diese Art und Weise noch mehr Sachen als ohnehin schon in den letzten Wochen über die Pläne „hinter den Kulissen“.

Es lohnt sich ohne Zweifel, in der Maskirut-Arbeitsgruppe (ca. 20 Leute) zu sitzen, man hat die Nase an allem dran. Wie wichtig sich diese Lokalgrößen nehmen, das ist eine Sorte Leute, die ich kaum kenne. Sie haben beim Sprechen immer Hintergedanken, sie denken in Interessen, Beziehungen, Gewinn, Ehrgeiz. Auch wenn sie nett und sympathisch sind. Hinter Wenn der Kibbuz-Wirtschaftsfritze über die Erfolge einer unserer Fabriken in dem und dem Sektor erzählt, will er darauf hinaus, daß wir eine Sondergenehmigung oder einen Auftrag brauchen, und wenn der Lokalpolitiker nachfragt, spitzen sofort alle die Ohren.
Ich kenne aus meiner Arbeit eine ganz andere Art von Kommunikation, entweder (im Lehrerzimmer) über die Schüler oder Studenten, welche Probleme sie haben und wie man ihnen und uns helfen kann, oder wie man neue Ideen umsetzen kann, oder wie man mal eine verrückte Sache gemeinsam durchziehen sollte. „Wenn ihr das Thema Seifenblasen in Physik habt, dann sag mir vorher Bescheid, da habe ich auch Material zu, vielleicht treffen wir uns mal vorher?“

Oder aber, unter Kunsthistorikern, über reine Sachfragen, wo das Ego keine große Rolle spielt. (Vielleicht habe ich auch einfach Glück gehabt mit den Menschen um mich herum?) Man tauscht Leseerfahrungen, Seherfahrungen, Assoziationen aus, bietet sich Bücher udn Artikel an, stellt Fragen in den Raum, knabbert daran rum. Natürlich läßt jeder ein bißchen sein Spezialwissen aufblitzen, aber eigentlich hat keiner Hemmungen, das jeweilige Spezialwissen der anderen anzuerkennen und auch zu nutzen. „Du verstehst doch was vom Mittelalter, sag mal, gibt es da eigentlich auch…“ „Wenn ich Material zu diesem Motiv bei Giambologna suche, wo fange ich da am besten an?“ Und so. Doch zurück zu unseren Lokalmatadoren mit ihren bürokratischen Titeln, die bestimmt alle BWL studiert haben. (Nein nein, nichts gegen BWLer…)

Natürlich strich ich hinterher Lob und Dank für diese wunderbare, einzigartige, noch nie dagewesene PowerPointPräsentation ein. Sie wird demnächst, wie altmodisch, auf der Website der Kommune zu sehen sein. Mal gucken, wann sie sich das nächste Mal meiner erinnern, die Maskirut. Da lern ich bestimmt auch wieder was dazu.

Stimmt genau September 9, 2006, 11:31

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Erfreut lese ich in der Jerusalem Post, daß meine laienhaft-unwissenschaftliche Ansicht stimmt und mit Zahlen untermauert werden kann: Israel ist ein kinderfreundliches und familienfreundliches Land, was sich in hohen Geburtsraten ausdrückt. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Demokratien, in denen die Kinderzahlen dramatisch sinken (ja, der Artikel erwähnt Deutschland) und verzweifelt versucht wird, mit materiellen Anreizen die jungen Leute zum Kinderkriegen zu bewegen, sind in Israel die Familien groß – und interessanterweise sind es gerade die wohlhabenderen, gebildeteren und sozial abgesicherten Familien, die mehr Kinder haben. Wer es sich leisten kann, hat mindestens drei Kinder. (Ich lasse die religiösen und orthodoxen Familien mal weg, die haben oft mehr als fünf Kinder – aber deren Lebensstil kann man ja viel weniger gut mit dem anderer westlicher Familien vergleichen. Wogegen die säkulare Familie mit zwei gut ausgebildeten Elternteilen genauso lebt wie in Deutschland oder den USA.)

Und das liegt nicht etwa daran, daß der Staat viel geldliche Unterstützung gibt – das tut er nämlich, im Vergleich zu Deutschland, ganz und gar nicht. Sondern der tiefere Grund dafür liegt in zwei Grundannahmen: 1. Kinder sind positiv und wichtig, und 2. arbeiten Mütter und Väter. In Deutschland sind diese beiden Annahmen nicht gegeben – zumindest meiner Erfahrung nach. Wenn ich dort sage, daß ich vier Kinder habe, kommen oft erschrockene Reaktionen, „ja wie schaffst du das denn alles? ist das denn nicht sehr viel?“. Das ist mir in Israel einfach noch nie passiert. Hier sind vier Kinder eher normal, die meisten Familien, die ich kenne, haben mindestens drei Kinder. Außerdem sind Kinder hier wirklich, wie der Artikel mir bestätigt, ein Statussymbol. Es ist hier viel schwieriger, Kinderlosigkeit zu begründen, und sie gilt hier eher als Stigma (worunter natürlich sowohl childfree-lifestyle-Menschen als auch ungewollt Kinderlose leiden).

Wenn ich hier sage, ich habe vier Kinder, ernte ich anerkennende Worte. „Toll, vier Kinder“, und bei Einstellungsgesprächen habe ich mehr als einmal erlebt, daß das als Ausweis meiner Tüchtigkeit gilt – und außerdem fragt niemand nach Löchern in meinem Lebenslauf oder läßt es mich entgelten, daß ich manchen Meilenstein später erreicht habe (oder immer noch nicht) als Kinderlose. Meiner persönlichen Erfahrung nach werden die vier Kinder als geselllschaftliche Leistung sowohl bei mir als auch bei meinem Mann anerkannt, und mit Respekt honoriert.

Und der zweite Grund, noch wichtiger, ist das völlige Fehlen des Rabenmutter-Vorurteils. Ich kenne nur eine einzige SAHM (stay at home mum), und die hat ziemliche Minderwertigkeitskomplexe… sie tut mir manchmal geradezu leid. (Ihre Kinder sind im Kindergarten oder der Schule, sie zuhause, und alle ihre Freundinnen arbeiten – sie fühlt sich ständig in der Defensive…) Alle anderen Frauen in meinem zugegebenermaßen begrenzten Kreis arbeiten, nicht mal so sehr weil sie müssen (obwohl die Einkommen hier natürlich längst nicht so sonnig sind wie in Deutschland und die Lebenshaltungskosten sehr hoch und die Sozialleistungen mager…), sondern weil sie gut sind in ihrem Beruf und ihn gern ausüben. Keine Frau muß sich dafür verteidigen, daß sie trotz ihrer Kinderschar weiterhin außer Haus arbeitet, forscht, pflegt, unterrichtet, entwickelt, verkauft oder organisiert. Im Gegenteil, das ist doch klar, oder? Und kein Mann muß Diskriminierung am Arbeitsplatz fürchten, wenn er wegen seiner Kinder früher nach Hause geht, seine Kinder zum Arzt bringt oder zum Elternsprechtag.

Es gilt hier als anerkannte Weisheit, daß Kinder Gleichaltrige brauchen, und die deutsche Vorstellung, daß Kinder bis zum Alter von fünf Jahren am besten mit ihrer Mutter zuhause bleiben, ist hier vollkommen unbekannt. Solche Kinder würden hier eher bemitleidet. Man kann ja mit Studien praktisch alles beweisen, und ich möchte gar nicht darauf hinaus, was nun falsch oder richtig ist – auch wenn ich selbst sagen muß, daß ich nie das Gefühl hatte, meinen Kindern fehlt irgendwas, das ich allein ihnen hätte geben können, wäre ich nur mit ihnen zuhause geblieben. Aber ich mag nicht von mir auf andere schließen, jede Familie hat ihren Stil, ihre Bedürfnisse, ihre Entscheidungen, und ich kann mir schon vorstellen, daß es auch sehr schön ist, die ersten Jahre mit den Kindern ohne Außen-Arbeit zu genießen. (Ich war, weil Tertia so schwach und krank war, anderthalb Jahre mit ihr zuhause bzw im Krankenhaus , und es war trotz der vielen gesundheitlichen Probleme eine schöne Zeit – viel Planschbecken, Gipsarbeit, Fingerfarben und Schafstall-Besuche. Das habe ich zwar auch alles als arbeitende Mutter mit Primus, Secundus und Quarta gemacht, aber es war wesentlich anstrengender für mich).

Nein, mir geht es hier nur um die gesellschaftlich akzeptierten Vorurteile – und die sind hier nun mal zugunsten der arbeitenden Mutter, zugunsten der Betreuung in einem guten Kindergarten durch speziell ausgebildete ErzieherInnen, und zugunsten der Kinderbetreuung außer Haus, die den Kindern geben kann, was die individuelle Mutter vielleicht nicht kann. Ob das nun stimmt oder nicht, ist unbeweisbar, aber es beeinflußt das gesellschaftliche Klima und erleichtert der arbeitenden Frau, sich FÜR Kinder zu entscheiden.

Natürlich ist das hier im Kibbuz besonders ausgeprägt. Ich habe ja schon oft das Beispiel vom Kinderarzt erwähnt: im Wartezimmer sitzen immer Väter und Mütter, es gibt diese mütterliche Monokultur nicht, die ich aus Deutschland kenne (ja, auch da mußte ich oft genug zum Kinderarzt, der kannte uns schon). Auch bei Elternsprechstunden in Kindergarten und Schule ist das so. Es kommen Mütter, Väter, beide Elternteile, ganz bunt gemischt. Und zwar nicht, weil die israelischen Mütter so kämpferische Feministinnen wären, die ihre Männer unter Verlesung einer Grundsatzerklärung mitschleifen, sondern weil das ganz selbstverständlich ist. Wenn beide Eltern arbeiten, dann teilt man sich eben auch den Rest. Und wenn beide Eltern eine Aufwertung ihrer gesellschaftlichen Identität durch die Kinder erfahren, dann wird Elternschaft für beide positiv erfahren. Und dann wollen eben auch die Väter die neue Klassenlehrerin sehen oder das Kind nach der Impfung beruhigen.

Auch die deutsche Diskussion um niedrige Kinderzahlen, demokratische Götterdämmerung und materielle Unterfütterung von Familien fordert diese beiden Dinge ein: die positive Bewertung von Kindern und Familienleben, und die für beide Geschlechter selbstverständliche Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit. Doch keine Regierung, keine noch so engagierte FamilienministerInnen können das leisten. Es ist eine Sache der Mentalität. Wenn durch Generationen hinweg das Mutterbild als das einer Leidenden, Opfermütigen, ja Märtyrerin definiert wurde, dann soll man sich nicht wundern, wenn junge Frauen nicht unbedingt scharf darauf sind, in diese Opferrolle zu schlüpfen. (Man braucht sich nur mal Muttertags-Gedichte anzugucken:

Mutter sein, – das heißt vor allen Dingen,
verzichten können und Opfer bringen.
…)
Wenn der Übergang in die Mutterrolle die Wahl zwischen Hausmütterchen- oder Rabenmutter-Klischee bedeutet, kann das junge Frauen wenig locken. Wenn Kinder Karrierehindernisse für ihre Eltern sind, wenn die Nachricht einer Schwangerschaft mit Kopfschütteln aufgenommen wird („die haben doch schon ein Kind, wofür brauchen die denn noch eins?“), dann soll man sich nicht wundern, daß ehrgeizige junge Leute das erste Kind (oft auch das einzige) in die Zeit nach 35 verschieben oder die Väter sich ganz raushalten.

Ich denke mir, daß sich das in Deutschland schon ändert, und daß die jüngere Generation von ganz allein das Puckimütterchen-Rabenmutter-Dilemma verabschiedet oder schon verabschiedet hat. Trotzdem wird es noch eine Weile dauern, bis es überall in Deutschland so selbstverständlich ist wie hier, daß ein Manager aus einer Sitzung verschwindet, weil seine Tochter eingeschult wird und er bei der Zeremonie dabei sein will, oder daß eine Hi-Tech-Firma regelmäßige Familienwochenenden in einem Wellness-Hotel veranstaltet.

Kinder gelten hier als selbstverständlicher Teil des Lebens und Quelle des Glücks und Stolzes, und ich bin dankbar dafür. Elternschaft ist keine Opferrolle, und auch dafür bin ich dankbar. Es war einer der Gründe, weshalb ich gern in Israel leben wollte, und ich weiß nicht, ob ich in Deutschland vier Kinder und berufliche Selbstverwirklichung geschafft hätte. Ich wollte beides, ich habe beides, und ich danke es dem Kibbuz und der allgemeinen Familienfreundlichkeit der Israelis. Und wenn ich meine individuelle, emotionale Wahl durch Zahlen untermauert sehe, dann freue ich mich. Ich habe mir das also nicht bloß eingebildet.

PS: Ich habe in den letzten Tagen immer mal was geschrieben, es aber nicht veröffentlicht, weil mir im Moment alles so langweilig vorkommt, was ich schreibe. Tut mir sehr leid.

Kassandra in der Küche September 5, 2006, 15:42

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Die Zeit vergeht, und ich erhole mich nicht von meinen üblen, üblen Vorahnungen. Ich fühle mich wie eine Kassandra, es ist mir geradezu unangenehm. Alle Welt ist schon längst dazu übergegangen, Lösungen zu suchen und zu drechseln, hier eine Truppe, da ein Abkommen, geheime Verhandlungen, Untersuchungsausschüsse, dazu sind hinterher alle soo viel schlauer, überraschenderweise. Alles ganz normal, nicht wahr.

Ich aber habe das Gefühl, ich muß mich in Haifa an eine Straßenecke stellen und allen in die Ohren schreien, „ist euch klar, daß die Welt bereit ist, uns aufzugeben? daß die meisten Menschen im Westen den Staat Israel für ein überflüssiges Ärgernis halten? daß niemand die iranische Atombombe stoppt? daß es keinen kümmert? daß wir es nicht geschafft haben, unsere Existenzberechtigung außer Zweifel zu heben?“ Natürlich mache ich das nicht, es würden sich auch sofort Leute einfinden, um mich zu beschwichtigen. Ich habe auch nichts Konkretes in der Hand, keine Beweise, nichts. Ich lese nur wenige Artikel zu Ende, bin auf News-Entzug, und statt Nachrichten zu sehen, spiele ich mit den Kindern Romme, wenn der Abendbrottisch abgedeckt ist. Ich will sie für die schwierigen Ferien entschädigen, habe alles andere, inklusive Bloggen, ganz zurückgestellt.

Und wenn ich Time Hanes´optimistische Einschätzung der Kriegsfolgen lese, Krauthammers eiserne Entschlossenheit, alles am Ende positiv für Israel zu werten, Barry Rubins Abwägen der tatsächlichen im Gegensatz zur wahrgenommenenen Lage der Armee und der israelischen Gesellschaft, das alles kommt mir viel zu rosig vor. Ich lese diese Artikel, und ich finde keinen Faden, der sie mit meinen inneren Stimmen verbindet. Symptome, Äußerlichkeiten. Wird der Staat Israel überleben? Gläubige Juden werden sagen, er wird nicht überleben, weil er ein Staat wie für Goyim ist und das jüdische Volk in den Staat nicht hinübergerettet hat, was sein Überleben über Generationen bedeutet hat. Und Außenstehende werden sagen, daß der Staat Israel von Anfang an keine Existenzberechtigung hatte. (Wieso Jordanien aber eine hat, das kann mir keiner erklären – JEDER Staat außer Israel, egal wie oder was oder wer, hat eine!) Und daß die Welt besser sein wird ohne Israel.

Der einzige Artikel, den ich in den letzten Tagen mit großer innerer Zustimmung gelesen habe, war von Fania Oz Salzberger (ja, Tochter des…). Sie ermutigt mich, als spräche sie mir persönlich zu.

We spoke about depressing?

Indeed. People here are sad, and scared about being so sad. But the depression is not only natural and understood, it is also a stimulus for mental and practical repair – in the army, local and national government systems, and public discourse. Less arrogance and more insights. Meanwhile there are reasons to be sad, and that’s completely legitimate both for individuals and for the national mood.

So please do pay attention now and then to our great privilege, which is the result of hard work and a powerful economy: Feeling the bitter taste of broken expectations and the failure to meet the standards we set for ourselves. Saying difficult, tough things about ourselves in the midst of a lively public arena and a media that ranges from active to hyperactive.

Hearing diverse voices (and I believe we should be hearing more and more of them), including those of Arab Israelis, objectors to the war, and those who want us to capture Beirut – and cursing at them via online talkbacks because this is a free country.

Any attempt to produce here a „united front under fire“ was doomed for failure, and hooray to that failure! Hebrew newspapers and websites published responses and blogs from Lebanon in the midst of fighting. The Museum of Islamic Art in Jerusalem presented, in a variety of summer events, the grand tradition of Muslim civilization.

We didn’t have a united front, but we did have plenty of human solitary and open discourse. Fundamental interests of Israeli society, its cultural infrastructure, and in depth moral discussion did not collapse and were not silenced.

 

All this, dear friends, is what we refer to as a „civil society.“ At its best. And no, the writer is not in the business of comforting. We’re in pain now. But if this pain is the beginning of a cure, examining reality is the beginning of the repair process.

We may have won this war, and we may have not. Meanwhile, we need to fix – and to do that, we can’t be feeling bad only. So let’s get the ball rolling, with a little proportion.

Vielleicht habe ich einfach zu viele deutsche Foren gelesen, während des Kriegs, Leserbriefe und Leuten zugehört und mir diese Stimmen zu sehr zu Herzen genommen. Vielleicht sehe ich ja zu schwarz. Jedenfalls fällt es mir schwer, zu bloggen, wenn ich nichts als miese Bauchgrummelvorahnungen zu bieten habe – oder aber die ganz alltäglichen Geschichten von vier Kindern, die wieder in die Schule gehen.

Wir machen jedes Jahr die Vorbereitung auf die Schule, wie wohl die meisten Familien, besonders schön und versuchen, den Übergang in die Routine so sanft wie möglich zu gestalten. Ich habe meine glücklichsten Stunden, wenn ich in den Töpfen rühre und die Kinder am Küchentisch ihre Hausaufgaben machen. Das sind die kleinen, tief befriedigenden Freuden des Alltags. Ich bin so dankbar dafür, genieße jeden Moment. Bedeutet das aber auch, daß ich jeden dieser Momente bloggen muß?

Primus hat eine Freundin, ein nettes, ganz schüchternes, stilles Mädchen. Er war ein bißchen bange, wie seine Mutter reagieren würde, und ich wußte es auch nicht. Aber da das Mädchen so brav, lieb und freundlich war, als sie das erste Mal zum Abendessen hier war, lief alles ganz friedlich ab. Tja, die Kinder lassen sich nicht im Gitterbettchen halten, da führt kein Weg dran vorbei. Noch ist diese Beziehung sehr brav und fast noch kindlich, aber das wird vielleicht nicht lange so bleiben. Und ich habe noch Glück mit Primus, daß er sehr ehrlich ist und mit mir seine Angelegenheiten durchspricht, so daß ich mehr oder weniger weiß, woran wir sind.

Der Beruf der Mutter, und das macht ihn etwas problematisch als einzige Lebensplanung, bedeutet von Jahr zu Jahr ein sich-Zurückziehen aus den Angelegenheiten der Kinder. In anderen Berufen steigt man langsam aber sicher zu neuen Kompetenzen auf, aber beim Muttersein wird man im ersten Jahr am stärksten beansprucht. Danach verringert sich langsam das Kompetenzprofil. Man merkt es nicht, weil man ja ständig zu tun hat und die Verantwortung so groß ist und die Probleme immer komplexer werden. Doch je komplexer werden, desto lieber packen die Kinder sie selbst an.

Und auch ganz schlichte Sachen packen sie lieber selbst an. Secundus erzählte uns erst gestern grinsend, wie er sich vor zwei Monaten auf der Kegelbahn mit einem „Arssss“ („Proll“?) geprügelt hat, und meine Predigt zum Thema „Prügel auf der Kegelbahn“ fiel aus, weil die Sache sowieso verjährt ist. Und hätte ich mich etwa auf den Arss werfen sollen, um ihm zu zeigen, daß niemand meinen Goldjungen anfaßt? Das taugt nur als Witz. Secundus, mein Raufbold, kommt prima selbst zurecht. Er war gerade mit der Jugendgruppe des Kibbuz drei Tage in Eilat und nein, dort hat er sich nicht geprügelt. Aber Mama hat er auch nicht gebraucht.

Bei Quarta kann ich noch helfen. Als sie gestern verweint nach einem Streit mit ihren Freundinnen zu Hause ankam, war Mamas Schoß ihre Zuflucht. Aber als sie sich dann beruhigt hatte, löste sie den ganzen Konflikt selbst, indem sie bei der besten Freundin anrief und ihr erklärte, „das und das hat mich sehr gekränkt“, und die Freundin sofort sagte, „oh, das war keine Absicht, entschuldige bitte“ – womit die Sache aus der Welt war. Ich bewunderte Quarta im stillen sehr, wie eloquent und ehrlich sie das Gespräch mit der Freundin führte, und wie genau sie ihre Gefühle benennen konnte. Das war schon sehr erwachsen, ja besser als viele Erwachsene das können.

Ich war sehr stolz, und ich weiß, daß es gut für sie ist, diesen Konflikt allein aus der Welt geschafft zu haben – aus kleinen Meilensteinen besteht der große Weg in die Selbständigkeit. Aber dieses Muttergefühl, zu Hilfe eilen zu wollen, alle Feinde aus dem Weg zu brüllen oder plattzuwalzen und die Welt davon zu überzeugen, daß meine Kinder Vorfahrt haben, immer und überall, unentbehrlich zu sein – das muß man zügeln, sonst tut man dem Nachwuchs keinen Gefallen. Ich zügle es also, es hat ja auch Vorteile.

Ach ja, und ich helfe Tertia bei den Englischhausaufgaben, da habe ich doch noch meinen Wert. Und um mich im Romme schlagen zu lassen, bin ich auch noch da.

Übrigens hat mein nachlassender Blogeifer auch sehr gute und schöne Gründe: ich habe nämlich, nach langen Monaten des Pessimismus, ein paar schöne Angebote fürs nächste Jahr, und habe ein paar der in Aussicht gestellten Angebote tatsächlich bekommen. Ha ha. Ich sitze also wieder mal und bereite Material vor, was ich ja stets in großer Ausführlichkeit mache. Ich habe das Bloggen also in meiner Prioritätenliste ein bißchen runterstufen müssen.

Übrigens hat es mich mit großer Dankbarkeit erfüllt, als die Frau, die im Kibbuz für Arbeit, Einkommen und ähnliche Dinge zuständig ist, mir sagte, „wir haben dich nicht gedrängt, eine Arbeit im Kibbuz anzunehmen, um diese Zeit zu überbrücken, weil wir gesehen haben, daß du gerade dabei bist, dich beruflich zu etablieren. Deswegen haben wir dich auch nicht im Budget runtergestuft, wie wir das bei anderen Leuten manchmal in so Situationen machen. Wir hatten das Gefühl, es lohnt sich, in dich zu investieren und dir einfach zu vertrauen. Und das war ja wohl richtig“. Ich weiß, ich weiß, viele Leute klagen über Kibbuzim und meinen, sie haben sich NIE frei entwickeln können, weil das doofe Kollektiv sie immer dran gehindert hat. Ich aber weiß, ohne die Unterstützung dieser Lebensform wäre ich nie aus den Füßen gekommen. Mir tut es sehr leid, daß nun im Januar auch unser Kibbuz die berühmte „Veränderung“ wählt (meines Erachtens von Bürokraten und Funktionären auf den Weg gebracht, allein um der Veränderung willen) und komplett privatisiert wird. Ich werde dazu ein andermal vielleicht was schreiben.

Für mich persönlich hat dieser Übergang natürlich das ideale Timing, das muß ich zynischerweise zugeben. Solange ich noch Unterstützung brauchte, als Studentin, als Teilzeit-Kraft, als Berufsanfängerin im notorisch niedrig bezahlten Erziehungssektor, hatte ich den Kibbuz mit seinem egalitären Budget im Rücken. Und jetzt, wo ich mich langsam vielleicht doch freischwimme, kommt die Privatisierung, und wir werden wie alle Menschen der Welt von unserem Einkommen leben müssen, können, dürfen. (Hach, wie gut, daß Y. etwas bedachtsamer in seiner Berufswahl war als ich). Nicht für alle ist das Timing so gut, das sehe ich und ich fühle mich dabei auch unbehaglich.

Was gibt es sonst noch Neues? Ach herrje, die Bilder aus den Ferien habe ich noch nicht übertragen. Ein Bild von Olmert, das mich sofort an den Nasenpopeljoker aus dem Rommespiel erinnerte (die drei Jökerken nenne ich seit meiner Kindheit Nasenpopeljoker, Joker am Stiel und Gitarrenjoker, jawohl).

joker.jpg

olmert-as-joker.jpg

(Ein besseres Bild vom Joker der Altenburger Spielkarten hab ich auf die Schnelle nicht gefunden, aber Olmert ist doch prima getroffen? „Ätsch bätsch, das war doch nur Spaß, daß wir keinen Gefangenenaustausch machen! hurra wir sind erpreßbar! unsere Freunde die Ägypter passen gut auf Gilad auf, bis wir genügend Leute freigelassen haben! Wie, das hätte ich auch im Juli machen können? Oh nein, es war doch so spaßig, Sommerloch mit der Luftwaffe!“)
Kater Lutz hat was gegen Whiskas und kotzt NUR auf frische Wäsche. Ich höre schöne Musik und mein Blick aus dem Fenster (ich sitze auf der Couch) sieht genauso aus wie auf dem Bild auf der Leiste hier oben im Blog. Also, nicht böse sein, wenn ich ein bißchen stiller bin, bis ich mich wieder aufgerappelt habe.

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