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Ist euch was aufgefallen? Dezember 14, 2019, 10:42

Posted by Lila in Presseschau, Uncategorized.
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Na? Nein, ist euch nicht aufgefallen? Meine Lebensqualität hat sich entschieden verbessert, seit ich den Spiegel Online konsequent meide. Seit dieser Geschichte über die Juden, die sie als Fremde castete, habe ich das Ding kein einziges Mal aufgerufen, sogar nicht, als die mich neulich mal nebenbei erwähnt haben (und für kurze Zeit mein ruhiges kleines Blögchen ganz hohe Zugriffszahlen hatte) (was mir früher Beklemmungen verursacht hat, aber durch das Stahlbad Twitter bin ich so abgehärtet, daß mich das heutzutage nicht mehr stört).

Aber worüber ärgere ich mich statt dessen? Wie man einen Wackelzahn immer stupst, so brauche ich wohl meinen täglichen Ärger über Nahost-Berichterstattung in deutschen Medien. Dann weiß ich wieder, woher die Meinungen kommen, die ich mir bei jedem Deutschlandbesuch anhören muß, und die so felsenfest sind, weil sie nur auf Teilwissen beruhen. Nichts, was das Weltbild erschüttern könnte, wird berichtet. Und es herrscht kein Mangel an Medien, die mir zeigen, wie konsequent alles, was Israels Entscheidungen, Mentalität und Handlungen verständlich erscheinen ließe, ausgeblendet wird.

Wenn es um Juden geht, ist es nicht besser. Ich würde inzwischen allen internationalen Definitionen des Antisemitismus (oder anti-jüdischen Ressentiments, ich gehe eigentlich außerhalb von Twitter sehr vorsichtig mit dem Wort um, weil es ein sehr, sehr schwerwiegender Vorwurf ist) ein Kriterium hinzufügen, nämlich: wer Antisemitismus nur in Keulenform kennt, der ist Antisemit. Genauer: wer den Vorwurf des Antisemitismus für schwerwiegender hält als Antisemitismus selbst, ja wer außerstande ist, Antisemitismus zu erkennen, außer als ungerechtfertigten Vorwurf, der hat einen blinden Fleck. Und dieser blinde Fleck ist antisemitismusförmig.

Ein Beispiel.

Ich habe leider meine Übersetzung von Sara Gibbs´ verzweifelter Anklage gegen Labour nicht vor den Wahlen fertiggekriegt – bin im zweiten Drittel, aber noch ist der Artikel nur auf Englisch verfügbar. Gibbs schickt Definitionen und Erklärungen voraus, aber im letzten Drittel kommen die Beispiele für offenen Antisemitismus in der Labour – die Geschichte von Luciana Berger, und Corbyns unglaublich kaltschnäuzige Reaktion darauf. Gibbs gibt ein Beispiel nach dem anderen, alle belegt, alle leicht zu finden.

Unsere Freunde von Hamas und Hisbollah:

Die zynische Behauptung, für den „Friedensprozeß“ sei es notwendig, mit Terroristen zu sprechen, ist unglaubwürdig – Hamas und Hisbollah wollen keinen Frieden, sprechen nicht von Frieden und sind nicht daran interessiert. Corbyn sympathisiert mit ihnen und ihren Verbündeten. Ihr Zielt ist nicht, Frieden mit Israel zu haben, sondern Israel zu vernichten. Und selbst wenn man meint, man sollte mit ihnen reden, dann braucht man sie immer noch nicht „Freunde“ zu nennen.

Auch einen verurteilten Mörder und Terroristen wie Barghouti zu unterstützen geht über „Engagement für den Frieden“ hinaus. Corbyn stellt ihn als unschuldiges Opfer israelischer Brutalität dar, als Gefangenen des Gewissens. Er wäscht damit eindeutig Terror rein.

Das sind nur ein paar Blüten von Corbyns Nahost-politischen Ansichten. Doch es reicht ihm nicht, den jüdischen Staat zu untergraben, er entfesselt eine Hexenjagd gegen britische Juden und jüdische Labour-Mitglieder, die ihresgleichen sucht und verstörend ist.

„They don´t understand English irony either“ – dieser Satz macht jüdische Briten zu Außenseitern, zu Anderen, zu inneren Feinden. Diese Ausgrenzung, die ganz nebenbei in einer Tirade gegen Kritiker untergebracht wird, ist einfach nur widerlich und ein Symptom für ein tiefliegendes Problem. Corbyn möchte diesen kritischen Juden Lehren erteilen. Die Phantasie von den harten Lehren, die man den Juden zwischen die Zähne schieben möchte – was könnte offener antisemitisch sein?

Ken Livingstone bringt wieder den alten Vorwurf in Stellung, daß Antisemitismus-Verbote die Meinungsfreiheit beschneiden (und erzählt gleichzeitig Lügen über israelische Gesetze, die es nie gegeben hat). Er wiederholt auch die Behauptung, daß Hitler den Zionismus unterstützt habe. (Ob deutsche Journalisten wohl so hartnäckig nachfragen würden?)

Louise Ellman erhebt ihre Vorwürfe nicht leichtfertig.

Jüdische Labour-Mitglieder werden gemobbt und in die Ecke gedrängt. Für jüdische Linke ist es unerträglich, sie können nicht mehr Labour wählen, haben aber keine andere politische Heimat, und die offene anti-jüdische Stimmung durchdringt alle Schichten und Diskurse. Es ist die alte jüdische Erfahrung, wenn aus Nachbarn auf einmal offene Antisemiten werden. Hört Luciana Berger einfach zu. BITTE.

Diese Entwicklung geht seit Jahren, das Internet bietet mehr Belege, als ich aufzählen kann, ohne alle zu ermüden – lest Gibbs, und spürt ihre Verzweiflung, und informiert euch. Es ist wichtig, denn wenn morgen ein Corbyn in Deutschland auftritt, der die richtigen Klischees von sich gibt über Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Umverteilung, dann kann er gegen Juden und jüdischen Einfluß und israelischen Militarismus loslegen, bis auf einmal erschreckend viele mit solchen Ansichten ans Licht kommen. Wenn die Schamschranke fällt, haben auf einmal alle was gegen die Juden zu sagen, und die Verschwörungstheorien blühen. Auf einmal sind dann Juden für alles Unglück dieser Welt verantwortlich, sogar für den Terror, der Juden tötet, und für die Shoah. Alles 100mal gesehen, alles von Labour-Aktivisten gehört, in derbster Form, und auch in Deutschland. Aus antisemitischem Morast wird dann ein Hochwasser, und wenn es zur Flutwelle wird, kann man nur hoffen, daß sich alle Juden in Sicherheit gebracht haben.

Das gehört zu jüdischen Ur-Erfahrungen seit Jahrhunderten, wie aus einer Umgebung, in der sie sich heimisch fühlen konnten, auf einmal eine feindselige Umwelt wird, in der täglich Juden bespuckt, beschimpft, getreten und diskriminiert werden. Luciana Berger mußte schließlich mit Personenschutz rumlaufen, und das fanden viele Labour-Aktivisten okay. Die Juden bringen es ja schließlich selbst über sich, wenn sie angegriffen werden – der alte Mythos von „sein Blut über unser Haupt“, mit dem christlicher Anti-Judaismus sich das Gewissen rein putzte, klingt da immer durch.

Kurz, niemand kann behaupten, daß der Antisemitismusvorwurf gegen Labour ein reines Wahrnehmungsproblem ist, dh, eine Ansichtssache, die aus einem anderen Blickwinkel betrachtet anders aussieht. Nicht wahr?

Doch, natürlich.

Am Ende eines Artikels über Corbyn nach seiner Niederlage werden zwei ganze Sätze dem Antisemitismusvorwurf gewidmet. Ich habe die Schlüsselworte, die diesen Vorwurf entkräften, während sie ihn erwähnen, gefettet.

Er gilt als umstritten. Unter anderem wird ihm vorgeworfen, antisemitische Tendenzen in der Labour-Partei nicht entschieden genug bekämpft zu haben. Auch gegen ihn selbst gab es Antisemitismusvorwürfe, vor allem wegen seiner als einseitig wahrgenommenen Unterstützung palästinensischer Interessen im Nahostkonflikt.

Okay? Er ist nicht umstritten, er gilt als umstritten. Damit wird die Kontroverse abgeschwächt.

Es wird ihm vorgeworfen, im Passiv – wer wirft ihm das vor? Durch den Passiv impliziert der Text diese Frage. Wer steckt hinter dem Vorwurf? Nun, wer wohl?

Und seine „Unterstützung palästinensischer Interessen im Nahostkonflikt“ war nicht etwa einseitig, sondern wurde so wahrgenommen. Noch ein Passiv, noch einmal die Frage: wer nimmt das so wahr? Hm?

Ja, durch den zweimal verwendeten Passiv suggeriert der Text einen Akteur, der nicht klar zutage tritt, den aber die Leser, wenn sie so gesinnt sind, sofort erkennen können: die unsichtbare jüdische Hand, die durch Medien und Finanzwelt an allen Strippen zieht, die mittels Antisemitismusvorwurf Menschen zu Umstrittenen macht.

Für die Tagesschau wird somit der Antisemitismusvorwurf schwerwiegender als der offen praktizierte Antisemitismus Corbyns und der Corbynisten. Die Erfahrungen und Erkenntnisse von Ellman, Gibbs, Berger und vielen anderen jüdischen Labour-Mitgliedern werden auf ein bloßes Wahrnehmungsproblem reduziert. Sie werden nicht einmal erwähnt, nicht ernstgenommen.

Ist mein Verdacht ganz unbegründet, daß ein Politiker vom rechten Spektrum nicht so leicht davongekommen wäre? Ich habe es schon öfter von selbstbewußten Linken gehört, daß sie ja gar nicht antisemitisch sein KÖNNEN, weil per definitionem Antisemitismus rechts ist. Corbyns Verteidiger sehen das genauso. So definiert man sich die Welt zurecht. Als wären Linke gegen Rassismus oder Frauenfeindlichkeit oder Vorurteile immun. Ich wünschte, es wäre so! Aber es stimmt nicht – hinter dem guten linken Gewissen, immer auf der richtigen Seite zu sein, blühen Vorurteile aller Arten. Nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Menschen auch. Jeder Mensch muß durchlüften. Und Journalisten sollten positive Selbstwahrnehmung nicht mit der Realität verwechseln und Linke nicht nachsichtiger als Rechte behandeln, wenn es um Ressentiments aller Art geht.

(Ich will gar nicht davon anfangen, daß Parteinahme für Hamas und Hisbollah selbstverständlich palästinensischen Interessen nicht nützen, sondern die Unterstützung für Terroristen jede positive Entwicklung für nicht-terroristische Palästinenser verhindert, und das seit Jahrzehnten. Wer palästinensische Interessen wirklich unterstützen will, sollte sich zuerst gegen die Terrorgruppen wenden, die die Palästinenser als Geiseln genommen haben, in einem Endloskrieg gegen Israels Existenz.)

Es ist ein absoluter Skandal, echten, greifbaren Antisemitismus aufzuribbeln und ihn in ein „es wird wahrgenommen, es wird vorgeworfen“ umzustricken. Es zeigt, daß es in der Tagesschau-Redaktion Leute gibt, die Antisemitismus entweder nicht erkennen (damit haben sie selbst ein Wahrnehmungsproblem) oder aber ihrem Publikum keine echte Auseinandersetzung damit zumuten mögen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Über doppelte Maßstäbe Dezember 6, 2019, 17:12

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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Youtube hat mir eine Doku-Serie vorgeschlagen, und aus Neugier habe ich die erste und zweite Episode angeguckt. (Ich bin gerade in einer adventlichen Häkelwelle und habe erstmal nur zugehört, dann wollte ich aber auch die Bilder sehen.) Es geht um Kinder der nomadischen ethnischen Minderheiten in Großbritannien und Irland, British travelers und Irish travellers.

Diese Kinder werden gemobbt, diskriminiert und ausgegrenzt. Ihre Familien werden gegängelt, von Stellplätzen vertrieben, leben teilweise ohne Strom und Wasser.

Auf einmal fallen mir Erinnerungen aus meiner Kindheit ein. Ich muß sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als wir in Finnland eine Gruppe „Zigeuner“ (meine Eltern benutzten das Wort damals, wir wußten gar nicht, daß es andere gibt) sahen. Die Frauen beeindruckten mich sehr.  Sie trugen wunderschöne Samtröcke, sahen geheimnisvoll aus, und ich weiß nicht mehr, was mein Vater mir über sie erzählte, aber es muß positiv gewesen sein. Ich habe danach noch lange mit meinen Filzstiften finnische Kale-Frauen in langen, prächtigen Samtröcken gemalt.

Natürlich Mond Mond Mond von Ursula Wölfel, ein Buch,  das ich immer noch empfehlenswert finde, auch wenn es natürlich noch veraltete Bezeichnungen wie Zigeuner benutzt. Ich sehe gerade, was ich gar nicht wußte – das Buch ist verfilmt worden, aber die Serie werde ich mir nicht angucken, weil ich so starke innere Bilder von diesem Buch und allen Personen darin habe. Das Schöne beim Lesen war, daß ich meine eigene Welt, die Welt der Gadsche, auf einmal mit den Augen der Mädchen im Wagen sah. (Wenn die Kinder in der britischen Doku-Serie Gorga sagen, ist vermutlich dasselbe gemeint: country people, Seßhafte, wir.)

Das fürchterliche Verbrechen an der Familie des Panelon ist diskret und intensiv zugleich beschrieben. Als Kind wußte ich nicht, wer die bösen lachenden Männer beim brennenden Wagen waren, heute weiß ich es natürlich.

Mein dritter emotionaler Anknüpfungspunkt ist der Film Into the West, den ich im Studium gesehen habe. Der Kurs hieß „Kindheit im Kino“, oh, und ich habe eine Hausarbeit über Pünktchen und Anton geschrieben (und dabei gleich mal mit Erich Kästners Müttern abgerechnet – ich finde Antons Mutter einfach furchtbar, alle Mütter bei Kästner scheren sich um niemand als ihre eigenen Küken! jawohl!) .

Ein weiterer Berührungspunkt ist der Friedhof meiner Heimatstadt. Neben dem Grab meines Stiefvaters, zu dem ich immer mindestens zweimal gehe, wenn ich in Deutschland bin, ist eine ganze Reihe Gräber einer fahrenden Gemeinschaft, ich weiß nicht, ob Roma oder Sinti. Sie sind sehr prächtig, mit Madonnenstatuen und Marmorbögen, und das prächtigste Grab ist das des „Zigeunerkönigs“, wie uns eine Nachbarin verriet. Meine Mutter trifft die Angehörigen regelmäßig auf dem Friedhof und hat sie im Laufe der Jahre kennengelernt.

Fremde Welten, sehr interessant, so nah an unserer eigenen und doch so schwer zu verstehen.

Und was passiert mir immer, wenn ich so eine Serie sehe? Unbewußt kommen die Gedanken hoch. Irland. In Irland ist Israel negativ konnotiert wie kaum in einem anderen europäischen Land. Irische Zeitungen und Politiker sind so pro-palästinensisch, daß der israelische Standpunkt im Diskurs kaum vorkommt.  Aber wieso kritisieren eigentlich die Iren mit solcher Hingabe Israel, wenn sie selbst die travellers so miserabel behandeln, ohne daß es dafür irgendwelche Begründungen gibt außer Haß und Vorurteilen? Die travellers haben nie Terror in irische Städte getragen, es gibt bei ihnen keine Haßprediger und keinen Wunsch, Irland abzuschaffen und zu ersetzen. Israel hat für die meisten der Maßnahmen, die zB irische Journalisten anprangern, gute Gründe.

Es ist mir ein Rätsel, wie ein Land, in dem ein solches soziales Problem wie die Ausgrenzung und Diskriminierung einer kulturellen und ethnischen Minderheit über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte andauert, sich anmaßt, über ein anderes Land so harsch zu urteilen. Tja, die alte Sache mit dem Splitter und dem Balken.

Doch egal, bei mir geht inzwischen alles durch diesen Filter, manchmal würde ich das gern abstellen. Ich wünsche den gypsy kids jedenfalls eine glückliche Zukunft, ohne Mobbing-Erfahrungen, Ablehnung und Schulwechsel deswegen. Vielleicht bekommen sie dann eine positivere Vorstellung von Erziehung und Schulbildung, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben. Denn mit elf von der Schule abzugehen – das ist heutzutage nicht genug.

Ich werde jetzt weiter gucken und meine Häkelnadel läuft wieder warm. Weihnachten kommt jedes Jahr so überraschend 🙂

Redensarten Dezember 6, 2019, 1:04

Posted by Lila in Ivrit, Uncategorized.
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Wie meine treuen Leser wissen, versuche ich beim Hebräisch-Sprechen sinnloserweise, aber desto eifriger, die Spuren meines Akzents zu verwischen. Dazu kommt echter Spaß an der knappen und trockenen Art, mit der das Hebräische Anerkennung oder Verachtung ausdrückt, oder auch bestimmte Haltungen. Darum bin ich bekennender Fan des hebräischen Slang. (Ich muß es auch sein, sonst würde ich meinen Mann nicht verstehen).

Auch beim Slang gibt es wechselnde Moden. Vielleicht sogar noch schneller als in der Mode, wo man doch in den Zeitungen sehen kann, daß man dieses Vierteljahr unbedingt nieten- oder fellbesetzte Schlüppchen tragen muß (die man dann im Februar wegwerfen kann). Keiner sagt also mehr chaval al ha zeman oder sof haderech, genauso wie niemand mehr dufte oder oberprima oder affengeil sagt (falls das je jemand getan hat).

Dabei war das wegwerfend dahingesagte, überaus anerkennende chaval al ha-zeman wirklich nützlich. Enigmatischerweise heißt es nämlich wörtlich „schade um die Zeit“. Ein Beispiel. „Wie war die Party?“ „schade um die Zeit!“ bedeutete eben nicht „wäre ich mal zuhause geblieben und hätte eine belehrende Sendung mit Dr. Avshalom Kor geguckt*“, sondern „wow, die war so gut, daß es Zeitverschwendung wäre, sie dir zu beschreiben, weil du es sowieso nicht begreifen würdest!“

Chaval al ha-zeman war jahrelang in aller Munde. Als ich hörte, wie Grundschulkinder es in „chablaz“ abkürzten, war mir klar, daß das letzte Stündlein dieses Ausdrucks gekommen war. Heute sagt es kaum noch jemand, außer ein paar Omas und Opas, die meinen, dann finden die Enkelkinder sie toll.

 

Sof ha-derech war auch eine Zeitlang populär. Es bedeutet wörtlich „Ende der Straße“ und klingt damit wie das englische „end of the road“, aber es ist ein böser false friend, denn es ist keineswegs ein Endpunkt, sondern so wie ein ganz toller Preis am Ende der Straße, ein Höhepunkt. Danach kann nichts Besseres mehr kommen. Inzwischen ist auch diese Redensart an ihrer letzten Haltestelle angekommen, und ich habe lange nicht mehr gehört, daß jemand sof ha-derech sagt.

 

Statt dessen ist ein neues Modewort dran – alle sagen metoraf.  Wahnsinnig. Wenn ich für jedes einzelne Mal, daß ich jemanden metoraf sagen höre, einen halben Shekel kriegte, wäre ich nach wenigen Wochen im Besitze eines hübschen Teleskops mit allem Drum und Dran. Einfach Wahnsinn.

Teruf und shigaon sind Synonyme, so wie Wahnsinn und das alte WortTollheit. Shigaon kann man auch sagen, und man sagt immer noch über Leute, daß sie meshugge sind (meshuga bei Männern, meshugaat bei Frauen), aber das klingt nicht gerade wie eine Empfehlung.

Es sei denn natürlich, man ist Sarit Chadad und kann damit kokettieren, daß alle einen für ein bißchen meshugaat halten. (Eyal Golan singt ein Lied namens Metoraf, sehe ich gerade, aber es ist so fürchterlich, daß ich es nur verlinke, für Leute, die wirklich hart im Nehmen sind.)

Wie war der Film? Metoraf. Der Urlaub? Metoraf. Der Berufsverkehr? Natürlich auch metoraf. Je nach Gesichtsausdruck und Gestik versteht man schon, auf welche Art und Weise metoraf. Ich habe von dem Wort die Nase voll und warte aufs nächste.

 

Abgesehen von diesen wechselnden Superlativen, die so oft benutzt werden, daß sie gar nichts mehr bedeuten, hat das Hebräische aber die Kunst der Verknappung perfektioniert. Ein Grund, weshalb es so leicht ist, mit wenig Ivrit schon schöne Unterhaltungen zu führen, ist diese Verdichtung ganzer Sätze in ein Wort.

(Da das Hebräische Präfixe und Suffixe an das Verb hängt, spart man das ganze ich, du, er, sie…… sowie auch mein, dein, sein, ihr, und Hilfsverben werden nur in einer Art Konjunktiv benutzt. Das spart ganz schön bei der Wortzählung. Deutsch: ich bin gegangen, drei Wörter. Hebräisch: halachti, ein Wort.)

 

Noch ein paar Beispiele für knappe idioms, die ich schätze.

Ein sechel, ein bayot – kein Verstand, keine Probleme, das sagt mein Mann manchmal.  Hingeschrieben sieht es nicht so witzig aus, wie es klingt, wenn mein Mann damit eine Situation zusammenfaßt.

 

Katonti sagt man, wenn man ausdrücken will, daß man klein (katan) unwürdig ist. Wenn man zum Beispiel einer Koryphäe widerspricht, sagt man, „also katonti, aber vielleicht sollte man es auch mal von der oder der Seite betrachten?“ Mit dem katonti (ich Wurm) kommt man dann gleich der Kritik zuvor, daß man ja keine Ahnung hat. Eine recht elegante Art, sich als Underdog zu positionieren und die Kritik doch anzubringen.

Natürlich kann man mit katonti auch eine Niederlage einräumen, wenn die Koryphäe einem nämlich geantwortet hat und vom eigenen Argument nichts mehr übrigbleibt. Dann kann man mit katonti zugeben, daß die andere Seite die besseren Argumente hat.

Rosh katan (wörtlich: kleiner Kopf) benutzt man für Leute, die sich keinen Kopf machen, also die Leute im Team, die keine Verantwortung übernehmen und keine Meinung haben. „Da spiele ich rosh katan“ sagt man, wenn man eine Aufgabe nur irgendwie hinter sich bringen will und keine Lust hat, die Leitung zu übernehmen, Ideen einzubringen oder sich wirklich nützlich zu machen.

Higdil bzw higdila rosh, er bzw sie hat den Kopf vergrößert, sagt man dagegen anerkennend über Leute, die vom rosh katan zum rosh gadol (großen Kopf) geworden sind.

 

Titchadesh sagt man zu Männern, titchadshi zu Frauen, die sich gerade was Neues gekauft haben, die Frisur, Augenbrauen oder Schuhe haben überholen lassen. Chadash heißt neu, und wörtlich heißt das Wort: erneure dich! Sinngemäß: Glückwünsche zum Kauf. Man kriegt es im Laden hinterhergerufen, wenn man bezahlt hat, aber auch von aufmerksamen Freunden und Kollegen, denen auffällt, daß man irgendwie anders aussieht. Es ist ein diplomatisches Wort, weil es nichts darüber sagt, ob die Veränderung zum Guten oder Schlechten ist.

 

Dai heißt genug, hör auf.  Die Steigerungsform ist dai kvar, enough already!,  und es ist für europäische Ohren deutlich gewöhnungsbedürftig, wenn man hört, wie Eltern dem Kind, das sich bockig auf dem Boden wälzt, sagen: dai!  Aber sie wünschen ihm keineswegs den Tod, sondern finden nur, genug geweint und gewälzt.

In den letzten Jahren hat sich außerdem eingebürgert, dai als Ausdruck der Ungläubigkeit zu benutzen, besonders Frauen tun das oft (und machen eine Handbewegung dabei, so ein Abwinken). Hör auf! dai! Kann doch nicht sein!  Gibts nicht!  Ich finde kein deutsches Wort, das dai ersetzen könnte.

 

Über das berühmte nu hat Kishon eigentlich schon alles gesagt, was zu sagen ist. Es ist in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen, weil es altväterlich-jiddisch klingt, aber trotzdem versteht es jeder. Nuuu….? fragt man Frauen am Ende der Schwangerschaft, nu kvar! ruft man trödelnden Kindern zu (wirds bald! der Schlachtruf meines Vaters) und ganz knapp NU?, wenn man schnell eine Antwort haben möchte.  Mit ironischen Augenbrauen bedeutet nu auch: das habe ich dir gleich gesagt, und nuuuuu kann man quengeln, wenn man ganz dringend was haben oder wissen will. Nu tov, na gut, jetzt könnt ihr mit dieser Liste schon zwei Wochen in Israel über die Runden kommen und werdet für Euer Hebräisch bewundert.

 

* Geständnis: ich habe Avshalom Kors Sendungen über die hebräische Sprache schon genossen, als ich nur wenig davon verstanden habe. Y. hat sie mir nämlich empfohlen. Und heutzutage gehört seine Radiosendung am frühen Morgen zu meinen und Y.s Morgenritualen. Wenn wir nämlich zusammen zur Arbeit fahren, was zweimal die Woche passiert, hören wir sie im Auto, trinken dazu Kaffee und das ist lehrreich und gemütlich zugleich. Vor einem Jahr habe ich Kor persönlich getroffen, bei einer akademischen Veranstaltung, war aber zu schüchtern, ihm zu sagen, daß ich mit seinen Sendungen vor 32 Jahren praktisch Ivrit gelernt habe.

 

 

(Beim Rumstöbern, um sicherzugehen, daß ich nicht irgendwas fürchterlich mißverstanden habe, habe ich diesen Blog-Eintrag gefunden – leider auf Ivrit, über die Verknappung und Ellipse in der hebräischen Umgangssprache. Falls jemand Interesse hat.)

Von Asche und Erde Dezember 2, 2019, 20:28

Posted by Lila in Deutschland, Uncategorized.
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Bisher hatte ich nicht von ihnen gehört, war vielleicht besser so. Das Zentrum für politische Schönheit rühmt sich seiner Aktionen – politische Aktionen, die sich als konzeptuelle Kunst ausgeben, meinetwegen.

Als ich heute früh über ihre neuste Aktion las, erstarrte ich innerlich so eiskalt, daß ich nicht reagieren konnte, es auch nicht wollte.

Eine Gedenkstätte mit der „Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands“ haben die Aktionskünstler des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS) nach eigenen Angaben am Montag in Berlin gegenüber dem Reichstag errichtet.

Dazu habe man, so die Aktivisten in einer Pressemitteilung am Montag, „Knochenkohle, sedimentierte Asche und menschliche Fragmente“ unter anderem aus der Nähe von Auschwitz zusammengetragen und in einer Säule sichtbar gemacht. Es handele sich um Überreste der Opfer, die von den Nationalsozialisten überall hinterlassen worden seien. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine seien von den Aktivisten Proben entnommen worden. Laboruntersuchungen hätten „in über 70 Prozent Hinweise auf menschliche Überreste“ ergeben.

Die Gedenkstätte im Berliner Regierungsviertel sei, so die Aktivisten, ab sofort zugänglich, „offiziell“ aber nur bis Samstag genehmigt, hieß. An diesem Tag soll es dort einen „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD“ geben.

Ich bin noch immer so entsetzt und zornig, daß ich es schwierig finde, zu schreiben.

Sogar eine Karte zeigt an, wo z.B. solche Erde entnommen wurde.

Auch wozu sie dienen soll, wird erläutert.

Es werden also die Leichenteile der brutal Ermordeten, denen das Grab verweigert wurde, jetzt zum Zapfenstreich gegen die AfD eingesetzt? Wie weit kann man tote Juden noch instrumentalisieren?  Bürgerrechte, Menschenwürde, Haare, Schuhe und Goldzähne wurden ihnen genommen, die Kinder entrissen, die Arbeitskraft ausgenutzt, sie wurden brutal gedemütigt und entwürdigt, bevor sie ermordet wurden – und sie haben keine Gräber. Die Erde, in der ihre Asche ruht, ist für Juden aus aller Welt ein Ort, an dem sie der Toten gedenken.

Leichen toter Juden, denen man alles genommen hatte, wurden noch geschändet, indem man Experimente mit ihrer Haut und anderen Körperteilen machte.

Das alles ist bekannt.

Wie wichtig die Totenruhe für Juden ist, habe ich mehrmal erläutert. Jüdische Friedhöfe werden nicht eingeebnet, Gräber bleiben für die Ewigkeit, Kremation ist unüblich.

Als Y.s Oma starb, begruben wir sie im Kibbuz. Sie war die Älteste von vielen Geschwistern, alle im Warschauer Ghetto gestorben, bis auf die Jüngste. Y.s Großtante konnte sich durch die Kanalisation retten und wurde von einer polnischen katholischen Familie gerettet. Sie stand also am Grab ihrer ältesten Schwester und sagte leise: „wenigstens hat sie ein Grab“. Denn weder ihre Eltern noch Geschwister, noch die vielen Vettern und Kusinen, über die sie in Yad VaShem Zeugnis ablegte, hatten ein Grab.

Nach einigen Stunden sah ich, daß bei Twitter kritische Nachfragen kommen.

Und jetzt seht Euch diese Antwort an. Wo waren die Opfer des Holocaust, bevor diese selbstzufriedenen, kaltschnäuzigen, gewissenlosen „Künstler“ sich daran erinnert haben, daß man ja mit ihnen den Aufmerksamkeitsfaktor für eine Aktion in die Höhe treiben könnte?

Gab es tatsächlich kein Gedenken?

Gedenken, an dem das Zentrum für politische Schönheit nicht beteiligt ist, von dem es nichts weiß und auch nicht wissen will, gilt nicht.

Ich habe mich dann natürlich in die Diskussion eingemischt, was ich schon heute früh hätte tun sollen.

Immerhin bekam ich nur eine dummdreiste Antwort, was mir den Glauben an die Menschheit wiedergab. Die meisten waren entsetzt oder zumindest skeptisch. Bei Facebook geben sich einige Kommentatoren tatsächlich beeindruckt.

Einen Moment des Innehaltens, ob man tatsächlich bis zum Gebrauch von Leichenteilen den Holocaust für die eigenen politischen Zwecke mißbrauchen darf, scheint es bei diesem Zentrum nicht zu geben – sie haben den Holocaust schon mehrmals für sich vereinnahmt, wie die Wikipedia-Seite zeigt. Die Frage, ob es Nachkommen der Täter zusteht, sich Knochen und Asche der Opfer anzueignen, um sie als Waffen in einem innenpolitischen Rundumschlag gegen Konservative, Faschisten, Nazis, Rechte und AfD (ist ja alles irgendwie dasselbe) (Sarkasmus-Flagge gehißt) einzusetzen, scheint ihnen nicht gekommen zu sein. Auch jetzt sehe ich keinen Ansatz von Einsicht.

Es ist dieselbe Mentalität. Wir bestimmen, wo die Juden leben, wie sie leben, ob sie leben, wann und wie sie sterben. Nicht mal über ihre Knochensplitter haben sie Autonomie.

Und was, wenn diese „Künstler“ gar nicht in der Erde gescharrt haben, sondern einfach im Gartencenter Kompost gekauft haben und den jetzt in einer Säule zur Schau stellen?

Auch das würde nichts an der Dreistigkeit ändern, mit der sich an Leid und Trauer anderer vergriffen wird. Es würde mich nicht wundern, wenn das von A bis Z nur eine einzige morbide Show ist, unter dem Mäntelchen der politischen Korrektheit und selbstgerechten Arroganz. Verstören wollen sie – aber warum die Opfer verstören, warum nicht die Täter?

Eine Aktion, die paßgenau mit der wachsenden Judenfeindlichkeit in Europa zusammengeht, dem Unwillen, der jüdischen Perspektive auch nur einen Gedanken zu schenken. Corbyn, der sechs Gelegenheiten verstreichen läßt, sich gegen Antisemitismus auszusprechen. Umfragen, die bezeugen, wie übel Europäer es den Juden nehmen, zu viel über den Holocaust zu reden (den doch das komische Zentrum gerade erst aufgedeckt hat!). Ich bin entsetzt, hoffe aber, daß sich Protest dagegen regt.

FR gibt die Meldung unkommentiert weiter, ebenso die Welt. Sehr guter Kommentar: Aschfahl  

Die SZ findet es natürlich gut.

Doch, die Aktion ist gelungen. Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten. Die Frage wäre heute wohl eher, ob die Nachfahren jüdischer Holocaust-Opfer Anstoß daran nehmen könnten, dass die Überreste ihrer Vorfahren hier, eingegossen in von innen beleuchtetem Klarsichtharz, auch deutlich an eine katholische Reliquienmonstranz erinnern? Vielleicht ist das Haarspalterei.

Haarspalterei, wie man sie von Juden ja kennt.

Pfui Teufel.

Ein weiteres Twitter-Bonbon:

Die Vorstellung, daß jüdische Leichenteile mehr bedeuten könnten als ideologisch-aktivistische Manövriermasse, die man von Ort zu Ort schafft, scheint manchen Leuten sehr fern zu liegen. Da hat einer die moralische Selbstgerechtigkeit mit Spaten gefressen.

Weitere Stimmen dazu: Ruhrbarone und Ramona Ambs. Auch sehr lesenswert: Enno Lenze. 

Und jetzt? November 21, 2019, 8:22

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Die Frist, in der Benny Gantz eine Koalition hätte zusammenbasteln können, ist abgelaufen. Nachdem Bibi mehrmals damit gescheitert ist, war ziemlich klar, daß auch Gantz es nicht schaffen würde. Das Schaf kann entweder mit dem Kohlkopf oder dem Wolf koalieren, aber nicht mit beiden. Gantz steht dort, wo die Fäden sich kreuzen – zwischen Links und Rechts (Metaphern, die nicht wirklich auf Israel passen), zwischen säkular und religiös. Er könnte mit Links uns säkular koalieren (Meretz plus Baraks Partei, Avoda plus Gesher), mit Rechts und säkular (Liberman), und auch mit den religiösen Parteien könnte er vielleicht einen Kompromiß finden (sowohl modern-orthodox und säkular a la Bennet und Shaked, als auch Haredim). Aber die Zahlen reichen nicht, und Libermann wird weder mit den Ultra-Orthodoxen noch Meretz in einer Regierung sitzen.

Und solange nicht klar ist, ob es zu einer Anklageerhebung gegen Netanyahu kommt, werden weder Liberman noch Gantz mit ihm eine Koalition eingehen. Das sind Wahlversprechen, die diesmal eingehalten werden – keiner möchte als Netanyahus Partner auftreten, wenn der als Angeklagter vor Gericht sitzt. Selbst Amir Peretz ist nicht umgekippt.

Das hatten wir also alles schon, es war auch eigentlich schon am Wahlabend klar. Ja es war schon letztes Jahr klar, als Liberman die Regierung verließ und Netanyahu Neuwahlen ausrufen mußte, weil er keine neue, stabile Koalition finden konnte. Im April dasselbe Spiel, kein eindeutiges Wahlergerebnis, und im September noch einmal.

Man kann die Schuld bei allen möglichen Parteien und Personen suchen, aber es ist ziemlich klar, daß das Problem in den ungeklärten Vorwürfen gegen Netanyahu liegt. Wenn Mandelblit heute veröffentlichte, daß die Vorwürfe gegen ihn unbegründet sind, hätte er sofort Koalitionspartner. Und wenn es zur Anklage kommt, selbst wegen „minderer“ Vergehen, und er vom Fenster weg wäre, dann würde ein anderer die Likud-Partei übernehmen und der Weg zu einer Koalition wäre ebenfalls frei.

Nicht jeder sieht es so, aber ich glaube, Netanyahu würde bei Wahlen im März 2020 weiter an Unterstützung verlieren. Den Nimbus des Zauberers jedenfalls hat er schon vor einem Jahr eingebüßt, und sein Abstieg in Etappen ist deutlich erkennbar.

Aber noch sind drei Wochen bis zur Entscheidung zu Neuwahlen. In diesen drei Wochen liegt das Mandat nun bei der Knesset. Israel war noch nie in dieser Lage, daß zwei Kandidaten mit der Regierungsbildung gescheitert sind, aber jetzt ist es theoretisch möglich, daß jeder beliebige Abgeordnete eine Koalition auf die Beine stellt und damit zum Präsident geht.

Ich weiß nicht, ob jemand diese Chance ergreift – aber ich hoffe es, denn ein drittes Mal Neuwahlen wäre eine Katastrophe. Die Wähler haben zweimal das Ihre getan, und die Politiker müssen nun daraus was machen. Um uns herum organisieren sich der Iran und seine Satelliten zum Angriff, innenpolitisch fehlen Budgets, Entscheidungen, klare Linien. Neue Minister führen eifrig Neuerungen ein (Verkehrsminister Smutrich z.B. macht interessante Experimente mit Mitfahrer-Spuren, die aber ein bißchen auf die Schnelle zusammengenäht wirken), Budgets sind nicht endgültig abgesegnet (weswegen z.B. die Feuerwehr in einigen Kommunen keine neuen Leute einstellen kann), es ist einfach unmöglich, so weiterzumachen.

Ich hoffe also, daß sich im Likud-Block ein Rebell findet und sich von Netanyahu absetzt. So wie es Ariel Sharon mit Kadima getan hat – er hat damals viele gute Leute mitgenommen. Hat Gideon Saar das Format Sharons? Nein, hat er nicht, Sharon, so umstritten er war, flößte auch eine Art Vertrauen ein, daß er weiß, was er tut. Saar ist jünger, eher ein Schreibtischtyp, aber sehr klug und auch beliebt. Netanyahu mißtraut ihm seit Jahren, und ich halte es für möglich, daß er damit Recht hat und Saar tatsächlich eine Schar um sich sammelt, die jetzt hinter den Kulissen an einer Koalition von 61 Stimmen feilt.

Vor Netanyahu haben viele Angst, außerdem verdient er Anerkennung für seine Arbeit, sogar von Leuten wie uns, die seine Bilanz höchst kritisch sehen (wie er die Außenpolitik an sich gerissen hat, damit das Außenministerium total ausgebootet hat… und wie alle Themen, die nicht mit dem Iran oder Erdgas zu tun haben, vernachlässigt wurden…). Es ist also nicht sehr wahrscheinlich, daß tatsächlich in seiner Partei, die es sich jahrelang in seinem Windschatten bequem gemacht hat, nun ein Königsmörder aufsteht.

Es ist theoretisch auch möglich, daß Blau-Weiß in seine Einzelteile zerbricht. Ich tippe, daß das spätestens in einem neuen Wahlkampf kommt – Lapid wird mehr in Richtung Links tendieren, Yaalon und Hendel mehr in Richtung Neue Rechte (Bennet). Gantz wird am Ende allein dastehen. Ich habe schon in der Vergangenheit falschgelegen, und vielleicht ist es reiner Zweckpessimismus oder Aberglaube, aber ich bin ziemlich sicher, daß Gantz sich nicht wird durchsetzen können. Er wird zwischen seinen Partei“freunden“ aufgerieben, weil sie eine reine Zweckgemeinschaft eingegangen sind und eigentlich zu unterschiedlich sind. Erfolg und Macht hätten sie zusammenkitten können, aber das hat ja nicht geklappt. Wenn ein starker, seit Jahren aktiver und erfolgreicher Politiker wie Netanyahu von Mißerfolg schwer angenagt wird, wie soll das dann ein unerfahrener Neuling wie Gantz verkraften?

Würde aber eine Blau-Weiß-Einzelpartei eine Koalition zusammenkriegen? Wohl kaum. Ashkenazi ist umstritten, Bogie zu trocken und nicht charismatisch genug, Lapid würde nie genügend Wähler auf seine Seite bringen und ist durch seine frühere Zusammenarbeit mit Netanyahu schon zu sehr als reiner Karrierist gefärbt. Gantz wäre vielleicht ganz froh, Lapid loszuwerden…

Pardon, ich habe diese Gedanken bereits mehrmals durchgekaut, leider hat sich nichts verändert 😦

Wenige Stunden später:

Und da ist er – Gideon Saar hat sich aus der Deckung begeben.

saar

Er tut das erstmal in Form eines Vorschlags – Netanyahu hat bereits erklärt, Urwahlen seien unnötig, aber da die letzte Urwahl schon vier Jahr her ist, hat die Idee, jetzt noch mal welche abzuhalten, etwas für sich.

Ich frage mich, was er tun wird, wenn auf diesen Vorstoß Netanyahu und seine Leute die Idee von Urwahlen abschmettern, wie sie zweifellos tun werden. Ob er dann versuchen wird, mit dem Mandat der Knesset selbst 61 Unterschriften zusammenzukriegen. Die Zeit ist eigentlich reif dafür. Und wenn Saar es schaffen sollte, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, den seit einem Jahr keiner entwirren kann, hätte er sich etabliert. Aber ich greife vor. Bisher ist es nur eine Idee.

Noch ein Durchgang November 12, 2019, 14:13

Posted by Lila in Land und Leute, Qassamticker (incl. Gradraketen), Uncategorized.
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Ihr seid es leid, wir sind es leid, die Israelis im Süden haben es bestimmt noch viel leider.

Ich habe meinen Kassam-Ticker hier sehr vernachlässigt, was ich jetzt ein bißchen bedaure – aber wer mir auf Twitter gefolgt ist, hat mitgekriegt, wie oft in den letzten Monaten im Süden die Alarmsirenen und -lautsprecher losgegangen sind, wie viele Raketen Iron Dome abgeschossen hat, wie viele auf freiem Feld gefallen sind. Die israelische Reaktion war immer sehr gedämpft. Die Hamas hatte Zeit, ihre Gebäude zu räumen, bevor IDF dann entweder das leere Gebäude oder eine Düne beschoß.

Dabei wußten alle Beteiligten, daß es nicht die Hamas war, die hinter dem Raketenbeschuß stand. Aber Israel mischt sich nie in innere Streitigkeiten ein. Auch wenn Anti-Assad-Rebellen die Golanhöhen beschießen, liegt für Israel die Verantwortung dafür bei Assad, und ebenso ist die Hamas dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, daß aus ihrem Gebiet nicht geschossen wird. Eine Regierung kann nicht einfach sagen: tja, über diese Leute haben wir leider keine Kontrolle, laßt uns in Ruhe, die schießen eben. Das funktioniert in keinem Land. Die Regierung trägt die Verantwortung. Wenn also der Islamische Jihad Israel beschießt, obwohl die Hamas ausdrücklich Ruhe versprochen hatte, dann schießt Israel nicht auf den Islamischen Jihad, sondern auf die Hamas. Als Zeichen dafür, indirekt, daß Israel die Hamas als Hausherren dort akzeptiert. Natürlich auch in der Hoffnung, daß die Hamas sich von dem Raketenbeschuß irgendwann mal offen distanziert und sagt: liebe Jihadisten, wir wollen diese Raketenschießerei nicht mehr, sie bringt uns nur Ärger.

Über Monate hinweg häuften sich die Vorfälle. Ein Musikfestival in Sderot wurde beschossen – mehrere Privathäuser wurden getroffen – eine äthiopischstämmige Familie wurde nur gerettet, weil die Mutter alle Kinder rechtzeitig in den Schutzraum brachte – seit einem Jahr kann man sich nie sicher fühlen (eigentlich viel länger, denn die ersten Raketen flogen noch vor der Räumung – es sind mehr als 15 Jahre).

Gleichzeitig fliegen seit März 2018 ständig Drachen oder Ballons mit Brand- und Sprengsätzen über die Grenze und richten dort Schaden an, auf Feldern, in Naturschutzgebieten und auch oft in der Nähe von Ortschaften.

Es war also klar, daß irgendwann Israel reagieren muß. (Übrigens: wäre Bibi tatsächlich so ein Hardliner, wäre das schon viel eher und schärfer passiert.) Israel weiß, wer der Strippenzieher im Islamischen Jihad ist, der auch von der Hamas keine Befehle annahm und immer wieder Vereinbarungen brach. Und heute früh ist dieser Mann, hm, wie nennt man das auf Deutsch? Auf Hebräisch nennt man es chissul, Ausschaltung, oder sikul memukad, gezieltes Aus-dem-Verkehr-Ziehen, also nennen wir es liquidieren? Sowohl im Gazastreifen als auch in der Nähe von Damaskus wurden Köpfe des Jihad von IAF-Flugzeugen angegriffen und getötet.

Ja, da kann man in deutschen Medien die Köpfe schütteln und sagen: das ist ja wie im Krieg! Ist es auch, und für die Zivilisten in Kfar Aza, Kerem Shalom, Sderot und Mefalsim fühlt es sich schon lange wie Krieg an. Die Kinder dort erinnern sich nicht mehr an eine Zeit ohne „Code Rot“. Natürlich – da der ständige Beschuß in deutschen Medien nicht vorkommt, denken Leser dort vielleicht, daß Israel unvermittelt und zu aggressiv vorgegangen ist. Aber irgendwann muß man dann mal was tun. Wer alternative Ideen hat, die Israel noch nicht ausprobiert hat, der kann sie gern in den Kommentaren aufschreiben.

Das Kalkül hinter: diesen Liquidierungen den Jihad so schwächen, daß er sich von der Hamas in die Pflicht nehmen läßt. Denn interessanterweise spielt im Gazastreifen die Hamas die Rolle des vernünftigen Erwachsenen. Okay, ein einäugiger König, aber immerhin. Auch die ägyptischen Vermittlungsbemühungen haben die Hamas vielleicht beeinflußt.

Es hängt also nun alles von der Hamas ab. Die empört sich zwar gegen Israel, läßt den Jihad auch ordentlich Raketen abfeuern (150 seit heute früh), tut aber sonst nichts. Wenn die Hamas sich an die Seite des Jihad stellt und selbst anfängt, Israel anzugreifen, dann haben wir eine Eskalation wie lange nicht mehr. Wenn die Hamas es schafft, den Jihad kaltzustellen und sich lieber Wirtschaft und Infrastruktur widmet, haben wir eine Grundlage für eine dauerhafte De-Eskalation.

Wer immer up to date sein will, sollte mal bei Rotter.net reingucken. Dort werden die wichtigsten englischsprachigen Medien verlinkt – von der linken Haaretz über Times of Israel bis zu den eher konservativen Jerusalem Post und Arutz 7. Die Seite sieht zwar nach nichts aus, ist aber übersichtlich und man kann sich jederzeit informieren, und zwar aus mehreren Blickwinkeln.

Wer wissen möchte, wie oft die Alarme kommen, kann sich sowas wie Red Alert aufs Telefönchen holen. Wobei man sagen muß: nicht jeder gemeldete Alarm ist auch eine Rakete. Israel ist in so viele Warngebiete eingeteilt, och nee, es ist schon wieder am rappeln, Alumim, Nahal Oz, Beeri!, daß ein Alarm mehrere Gebiete betreffen kann. Dann löst eine Rakete drei oder vier Alarme aus.

Twitter ist auch eine gute Informationsquelle. Vor allem, wenn ihr mir folgt 🙂 Lauter Filmchen von Unvorsichtigen, die lieber filmen und hochladen, statt sittsam in die Schutzräume zu gehen.

Ich folge im Internet den Nachrichten von Kan11 – bin zu dem Schluß gekommen, daß das die besten Nachrichten in Israel sind, sachlicher als Platzhirsch 12. Und sie senden einfach einen Livestream, was ich sehr nett finde. Aber Hebräisch sollte man schon können, sonst hat man wenig davon. Auch immer interessant für Hebräischversteher: das Armeeradio, Galey Zahal (Galatz) oder Galey Zahal al galgalim (Galgalatz).

Es ist schwierig, sich in solchen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf die Angaben der Armee muß ich mich verlassen, ich kann sie nicht überprüfen. Und auch darauf, daß Verteidigungsminister Netanyahu dem Premierminister Netanyahu richtig geraten hat (seit 11 Uhr früh ist der Job auf Naftali Bennett übergegangen), daß politische Erwägungen keine Rolle gespielt haben und nicht auf dem Rücken der Bürger Ego-Spielchen ausgetragen werden.

Benny Gantz, der davon was versteht, hat Netanyahu jedenfalls Unterstützung ausgesprochen. Wenn er es für gerechtfertigt hält, dann muß ich annehmen, daß die Entscheidungen von Bibi und IDF angemessen und richtig waren. Leicht fällt das nie, besonders nach einem Jahr der politischen Spielchen. Und eigentlich ist Bibi ja nur Übergangs-PM. Als solcher in einen, chalila, Krieg einzusteigen, wäre ziemlich gewagt. Wie Bibi sehr wohl weiß – er hat es bisher geschafft, uns ohne größere Auseinandersetzung durch Phasen heftiger Aggression von außen zu manövrieren.

Aber so ist es nun wieder. Red Alert grummelt regelmäßig, alle Nachrichtensender haben Leute vor Ort, und seit die Alarme auch Tel Aviv erreicht haben, nehmen alle die Lage ernst. Ich hoffe sehr, niemand weiter kommt zu Schaden (das kleine Mädchen, das heute früh vor Schreck ohnmächtig wurde, hat immer noch Herzrhythmusstörungen und liegt auf der Intensivstation – höre ich gerade), und eine weitere Eskalation bleibt aus.

Plonter September 27, 2019, 14:20

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Die Medien hier nennen das Patt zwischen Likud und Blau-Weiß „ha-plonter ha-politi“, die politische Zwickmühle. Ein hübsches jiddisches Wort für einen Albtraum. Ich weiß nicht, niemand weiß, wie lange es noch so weitergehen soll. Israel ist weltanschaulich und politisch nicht einfach in zwei sauber voneinander zu trennende Lager geteilt, das ist kein Land. Es gibt viele verschiedene Gruppen, und manche sehr verschiedene Gruppen haben gemeinsame Interessen und können miteinander Politik machen.

Das israelische Wahlsystem ist auf Koalitionen ausgelegt. Hier wird nicht der Premierminister gewählt, sondern eine Partei. Die 120 Sitze in der Knesset werden nach Parteienstärke verteilt, und die Partei, die die besten Aussichten hat, eine Regierung zu bilden, wird vom Präsidenten damit beauftragt. Nicht immer ist das die Partei mit den meisten Sitzen.

Vor zehn Jahren hatte Zipi Livni mehr Stimmen als Netanyahu, aber da die ultra-orthodoxen Parteien nur mit Netanyahu koalieren wollten, hatte sie keine Chance, eine Regierung zu bilden. Diesmal ist es ähnlich.

In der Vergangenheit gab es mehrmals sog. Regierungen der nationalen Einheit, was man in Deutschland Große Koalitionen nennen würde. Ich weiß, daß das in deutschen Ohren fürchterlich klingt, weil Große Koalitionen oft für Stillstand stehen. Vergeßt aber die Assoziationen aus Deutschland, in Israel läuft es anders, und es hat schon überraschend glatte Zusammenarbeit unerwarteter Partner gegeben. Da sich die Parteienlandschaft auch dauernd ändert (Blau-Weiß z.B. ist eine ganz neue Partei, ein Zusammenschluß von drei ebenfalls neuen Parteien, von der nur eine, Yair Lapids Yesh Atid, parlamentarische Erfahrung hat), sind Bündnisse über Parteigrenzen hinweg eher möglich.

Diesmal wäre eine Koalition von Likud und Blauweiß eigentlich eine gute Idee. Likuds Regierungserfahrung und Blau-Weiß´ neue Ideen und kompetente Leute hätten viele gern zusammen in einer Regierung gesehen, auch ich. Es wäre zwar theoretisch möglich, eine Regierung mit einer sehr schmalen Mehrheit zu bilden, aber wie schnell das in die Binsen gehen kann, haben wir oft genug gesehen. Wenn ein Regierungschef nur 61 oder 62 Stimmen in der Knesset hat, wird jede kontroverse Abstimmung zur Zitterpartie. So sind hier schon mehrere Regierungen zerbrochen.

Lieberman z.B. hat Netanyahus Entscheidung, nicht gegen den Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen härter durchzugreifen (was nur zu einer weiteren „Runde“ dort geführt hätte, aber vermutlich den Menschen in Sderot auch nicht geholfen hätte), nicht mitgetragen, ist aus der Koalition ausgeschieden, und die Regierung ist kurz danach ganz in die Brüche gegangen. Die Wahlen im April 2019 waren das Ergebnis.

Lieberman wollte im April nicht wieder in eine Koalition mit Bibi einsteigen, und der, aus Angst, der Präsident könnte als nächsten Gantz mit der Koalitionsbildung beauftragen, löste schnell die Knesset auf. So kam es zu den Wahlen im September.

Doch das Patt besteht weiter.

Oh seufz, hier habe ich es aufgegeben, ihr könnt in jeder Zeitung lesen, wie unmöglich eigentlich eine Regierungsbildung ist. Jede Partei ist auf einen Baum geklettert, von dem sie kaum runterklettern kann. Amir Peretz hat sogar die kläglichen Überreste seines einst prächtigen Schnäuzers abrasiert, damit man im von den Lippen ablesen kann:

Orli (von der Gesher-Partei) und er werden NIE mit Netanyahu in einer Regierung sitzen (er hätte wohl besser „nie wieder“ gesagt, denn beide haben schon in solchen Regierungen gesessen).

Lieberman will nicht mit den Ultra-Orthodoxen sitzen und diese nicht mit ihm. Er wird auch nicht mit Blau-Weiß koalieren, wenn die von der Arabischen Liste gestützt wird, und die Arabische Liste hat Gantz´ Kandidatur nur zu Teilen unterstützt. (Daß es allerdings eine solche Empfehlung gab, ist ein erster großer Schritt für die arabischen Parteien – zumindest drei von ihnen. Bisher haben sie sich aus lauter Antizionismus selbst von der politischen Verantwortung isoliert, mit dem Ergebnis, daß arabische Bürger ebenfalls entweder nicht gewählt oder aber zionistische Parteien gewählt haben, in denen es auch arabische Politiker gibt – oder andere, für die das Wohlergehen der arabischen Bürger Priorität hat.)

So hat jede Partei ihr Blümlein Rührmichnichtan, an das sie auf gar keinen Fall näher rankommen will.

Doch der wahre Knackpunkt liegt bei Bibi. Blauweiß und Likud könnten sich sehr wohl verständigen. Sie haben eine große Schnittmenge – so wie ich es sehe, ist die Schnitt- größer als die Differenzmenge. Gantz und Bibi haben gut zusammengearbeitet, als Gantz unter Bibi Ramatkal war (Generalstabschef), und auch zwischen Bibi und Bogie (Moshe Yaalon), ebenfalls früherer Ramatkal und Verteidigungsminister, lief es eine ganze Weile recht glatt.

Mit Yair Lapid kann er weniger gut, aber ich selbst habe die kurze Koalition von Lapid und Netanyahu genossen, weil wir endlich wieder einen guten Bildungsminister hatten – Shai Piron aus Lapids Partei. Gut, das hat nicht lange gehalten.

(Ich erwähne hier nur Personalfragen, denn inhaltlich ist die Übereinstimmung so groß, daß Gantz vermeidet, genau zu sagen, WAS er denn anders machen würde als Bibi…)

Aber jetzt will keiner links von Likud mehr mit Bibi zusammensitzen. Obwohl es möglich ist, daß sich mehrere der Vorwürfe gegen Netanyahu am Ende in Luft auflösen, ist es eher unwahrscheinlich, daß das mit ALLEN Vorwürfen geschieht. Ich bin keine Juristin, ich bin auch gern bereit zu glauben, daß manche Journalisten übereifrig sind und uns als riesige Skandale verkaufen, was in Wirklichkeit kleinere Wellenringe sind – der Fall Effi Naveh war so eine Geschichte. Damals habe ich noch Nachrichten auf Kanal 12 geguckt (wegen solcher Sachen habe ich damit aufgehört), und wow, was haben die für ein Geraune und Getue veranstaltet, man hätte denken können, die ungenannte Person im Brennpunkt eines Skandals würde die Grundfesten des Staats erschüttern. Dabei war es ein häßlicher und wichtiger, aber nicht weltbewegender Skandal in der juristischen Welt.

Ich schließe also nicht aus, daß auch aus den Vorwürfen gegen Netanyahu am Ende nicht viel bei rauskommt. Ja ich kann sogar verstehen, daß Bibi sich wahnsinnig darüber ärgert, wenn Geschichten über ihn aufgeblasen werden. Am liebsten würde er einfach weitermachen, weil er sich für den besten aller möglichen israelischen Premierminister hält, und die Vorwürfe gegen ihn sind nur ein paar kleine Hundeköttel, über die er hinwegschreiten möchte auf seinem Weg zum israelischen Pantheon.

Aber leider steht es weder Netanyahu noch Kanal 12 noch auch mir zu, die Vorwürfe einzuordnen und ein Urteil zu sprechen. Das wird die Justiz tun.

Außerdem verstoßen einige der ans Licht gekommenen Geschichten eindeutig gegen Verhaltensnormen, auch wenn sie nicht per se justiziabel sind. Wenn auch nur ein Zehntel der Geschichten darüber stimmt, wie dreist sich Bibi und Sarah um Geschenke und Freebies aller Arten bei ihren Millionärsfreunden angestellt haben, dann möchten viele Israelis sich nicht mehr von diesem hedonistischen Paar vertreten sehen. Und die Aussagen von Milchen oder Miriam Adelson sind einfach nur peinlich beim Lesen. Irgendjemand muß sich die Netanyahus mal zur Brust nehmen und ihnen erklären, daß man sich  nicht so verhält, nein, das macht man nicht.

Viele Israelis (besonders aus der Gegend um Tivon, Saras Heimatstadt) glauben, daß sie es ist, von der dieses Verhalten ausgeht, und Aussagen vieler ehemaliger Mitarbeiter scheinen das zu untermauern. Aber sie ist nicht gewählt, sondern Bibi, und er trägt die Verantwortung dafür. Mir ist es zu einfach: Sara ist die Verrückte und Bibi ein super Staatsmann.

Bibi lacht Gantz aus, weil dessen Telefon angeblich von den Iranern angezapft wurde – „wie soll ein Mann, der nicht mal auf sein Telefon aufpassen kann, auf Israel aufpassen“, tönt er. Aber wie soll ein Mann, der die Ausgaben in seinem eigenen Amt und Haushalt, das Verhalten seiner Familie (incl. Yairs berüchtigte Twitter-Anfälle), das Verhältnis zu reichen und berühmten „Freunden“ nicht unter Kontrolle hat, Israel würdig vertreten? Geht doch alles nicht zusammen.

Es gibt viele Leute hier in Israel, für die ist Bibi einfach der König und er darf alles. Meine Friseurin ist eine reizende junge Frau und ich mag sie sehr, aber wenn sie anfängt über Bibi zu reden, mach ich einfach die Ohren zu. Oder versuche es. Also, Bibi wird ja von den Medien übelst verleumdet. Daß Bibi selbst die Dinge über Journalisten, Justiz, Polizei und sogar den Präsidenten gesagt hat, die viele gesetzestreue Israelis die Palme hochtreiben, weiß meine Friseurin nicht, weil sie keine Nachrichten guckt und keine Zeitung liest. Ihre Eltern haben ihr irgendwann gesagt, daß Likud Zuhause bedeutet und ihr Mann, selbst Polizist, stört sich nicht an Bibis Ausfällen.

Ich selbst habe ja eine gestufte Meinung zu Bibi. Im grünen Bereich sind (trotz einiger Abstriche – Trumps Pudel…) sein außenpolitisches Geschick und sein Unwille, in eine riesige militärische Auseinandersetzung einzusteigen. Im gelben Bereich sein mangelndes Interesse an sozialen Themen und seine Art, wichtige Ministerien und Themen rein als Einflußgebiete, also machtpolitisch, zu behandeln – darüber klage ich ja oft, wie sehr Landwirtschaft, Bildung, Pflege, Gesundheitswesen etc vernachlässigt worden sind, wie sehr diese Themen einfach von einem zum anderen geschoben wurden. Aber das hat er wohl mit vielen anderen Politikern gemeinsam.

Eindeutig im roten Bereich aber sind für mich die Vorwürfe gegen ihn, die erst ausgeräumt werden müssen, bevor ein Mandat hat.

Was Netanyahu einst über Olmert sagte: daß ein Mann, er bis zum Halskragen in juristischen Verwicklungen steckt, ein Land nicht führen kann, all das trifft jetzt Wort für Wort auf ihn zu.

Und darum wäre die einzige Möglichkeit, diesen Plonter dauerhaft aufzulösen – um eine funktionsfähige Regierung auf die Beine zu stellen, die nicht beim ersten Konflikt an den Nähten zerreißt – eine Koalition von Likud und Blau-Weiß, aber ohne Netanyahu. Dahin führen zwei Wege.

Erstens ist es denkbar, theoretisch, daß ein paar Likudniks, denen Netanyahus Festhalten an der Macht um jeden Preis schon lange gegen den Strich geht, sich gegen ihn auflehnen. Entweder Urwahlen fordern oder aber die Fraktion spalten – wie unter Sharon geschehen, der einen Teil der Likudniks mitnahm. Allerdings ist die Likudpartei normalerweise sehr loyal ihren Köpfen gegenüber, und da Bibi viele blinde Anhänger hat wie meine Friseurin, wäre das eine gefährliche Strategie. Ich glaube nicht, daß sie es tun würden – Netanyahu hat ja mit Absicht keinen Nachfolger herangezogen und er traut niemandem, nicht mal den größten Schmeichlern.

Zweitens wäre es theoretisch denkbar, daß Netanyahu selbst einsehen könnte, daß ER es ist, der Israel zum zweiten Mal an die Wahlurne getrieben hat und dafür gesorgt hat, daß wir seit einem Jahr keine funktionierende Regierung haben. Er könnte ein Einsehen haben, eine schöne Rede halten wie einst Olmert, von allen Ämtern zurücktreten, sich von der Politik zurückziehen und mit seinen Rechtsanwälten den Kampf um seine Unschuld und seinen guten Namen aufnehmen.

Aber Bibi wäre nicht Bibi, wenn er das täte.

Er möchte nicht nur die Macht in Händen halten, weil er andere für unfähig hält, dieses Amt zu erfüllen – weil er es für sein Recht hält, Israels König zu sein – weil er echte Sorge hat, daß niemand den Eiertanz zwischen Putin und Trump, Assad und Rouhani zu vollziehen – sondern auch, weil er eine politische Machtposition braucht. Sein Plan war, sich mit einer Mehrheit von 61 Stimmen eine Immunität zu besorgen, an der die Vorwürfe zerschellen müßten.  Dann hätte Generalstaatsanwalt Mandelblit (den übrigens Bibi in sein Amt gehoben hat, weil er dachte, Mandelblit würde es ihm irgendwie danken….) keine Handhabe gegen ihn gehabt.

Doch Mandelblit, früherer Kabinettssekretär Bibis, ist fest entschlossen, ihn vor Gericht zu bringen, wenn nötig. Und ich muß sagen, daß Bibis absolute Entschlossenheit, das zu verhindern, bei juristischen Laien wie mir eher den Eindruck erwecken, daß er etwas zu verbergen, etwas zu befürchten hat.

Hier ein bißchen mehr über Mandelblit. Man kann nicht anders als ihn respektieren. Er steht unter Druck von allen Seiten, Bibisten und Anti-Bibisten.

Bibi trifft also in der heutigen Situation lauter Leute wieder, denen er mal sehr verbunden war, ja die er gefördert hat, die aber irgendwann im Krach von ihm geschieden sind. Lieberman, Ayelet Shaked (die der Likud viele Mandate hätte bringen können, wenn Netanyahu sie nur mit auf die Liste genommen hätte), Barak (der es zwar nicht in die Knesset geschafft hat, dessen Manöver im Wahlkampf aber viel Aufmerksamkeit bekamen und dessen Partei ein Dorn in Netanyahus Seite ist), Rivlin, den er politisch beiseitegedrängt hat…

Barak ist der einzige, der Netanyahu mal übergeordnet war – er war sein Commander in der Armee und hat ihn auch mal bei den Wahlen geschlagen. Alle anderen haben ihre Karrieren unter Netanyahu begonnen. Vielleicht kein Wunder, daß er niemandem traut. Er weiß, daß sie alle schon darauf warten, ihre Karrieren ohne ihn fortzusetzen. Aber so ist das nun mal in einer Demokratie. Die Queen hat diese Probleme nicht (dafür hat sie andere).

Was soll also jetzt passieren? Keine Konstellation ergibt stabile 61 Sitze.

Aber dritte Wahlen, die darf es einfach nicht geben.

Netanyahu und die israelischen Medien September 19, 2019, 17:17

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Netanyahu bringt immer wieder die Klage vor, daß „die Medien“ gegen ihn seien und überhaupt ganz und gar links unterwandert. Ich halte diese Klage für unbegründet. Im Gegenteil gefällt mir bei den israelischen Medien eine Vielfalt der Meinungen, zu fast allen Themen, wenn kommentiert wird. Und es gibt auch Journalisten, bei denen man merkt, daß sie ihre Meinungen nicht nach Schema X aus der Schublade nehmen, sondern eine professionelle Distanz bewahren. Insgesamt ist es ziemlich leicht zu erkennen, ob ein Journalist berichtet oder kommentiert.

Was Zeitungen angeht – ich empfehle gern die Übersicht englischer Artikel, immer aktuell, von Rotter.net. Dort geht es von eher „rechten“ (nationalreligiös geprägten) Medien wie Arutz 7 und der anglo-sächsischen Jerusalem Post über die „Mitte“ (Ynet, Times of Israel) bis zur „linken“ (säkular-urbanen) Haaretz. Wobei für Haaretz auch eher konservative und für JPost auch eher linke Journalisten schreiben. Wenn man zu einem Thema Artikel und Kommentare mehrerer Zeitungen liest, hat man automatisch mehrere Gesichtspunkte. Und das sollte man ja sowieso tun. Also, diese Seite kann ich wirklich empfehlen, denn man hat ganz bequem die Links zusammen, auch wenn sie optisch etwas rustikal wirkt.

Wer kein Ivrit versteht, der hat es schwerer, sich ein Urteil über die israelischen Fernsehsender zu machen – die englischsprachige Berichterstattung kenn ich gar nicht mehr, und sie ist auch eher marginal.

Insgesamt gibt es hier drei große Fernsehsender, deren politische Berichterstattung und Nachrichtensendungen um die Zuschauer konkurrieren. Die ganze Fernsehlandschaft in Israel hat mehrere große Umwälzungen mitgemacht, ich beziehe mich auf die aktuell beliebten Sender.

Kan11 ist der Sender, den ich am liebsten sehe. Es ist der öffentlich-rechtliche Sender und hat viele gute Sendungen im Angebot, die ich manchmal im Internet angucke, wenn ich sie verpaßt habe. Seine Optik ist eher schlicht, man kann jederzeit live im Internet zugucken, und es gibt dort nicht wenige Kipa-Träger, von denen einige offen konservativ sind (Erel Segal), andere neutral und kompetent. Die Expertin für militärische Themen, Carmela Menashe, ist mir bei dem Thema am liebsten.

Bei Mako kann man die Nachrichten von Kanal 12 sehen, Nachfolger des ersten privaten Kanals in Israel, Kanal 2. Ich glaube, Kanal 12 ist am beliebtesten, die Journalisten sind am bekanntesten und insgesamt haben einige von ihnen ausgesprochene Kritik an Netanyahu geäußert, weswegen sie oft als Beispiel für das „abgekartete Spiel“ der Medien zitiert werden. Aber sie fassen auch linke Politiker nicht mit Samthandschuhen an. Allerdings ist einer ihrer deutlichsten Kommentatoren, Amnon Abromovitch, auch deutlichster Kritiker Netanyahus.

Kanal 13 ist Nachfolger des früheren Kanal 10 und ich sehe ihn seltener (sehe überhaupt praktisch nur Nachrichten und dann Kan11, weil die im Internet senden), aber auch dort ist das Meinungsspektrum gemischt.

Wer sich nur von Haaretz und Kanal 12 ernährt, hört allerdings mehr Kritik an Netanyahu als Lob, aber es reicht, einmal Segal und Liebeskind auf Kan11 zuzuhören, oder aber im Radio Kobi Ariel und Irit Linur, und schon hat man auch andere Stimmen.

Insgesamt finde ich Netanyahus Kritik unberechtigt, obwohl ich verstehen kann, daß es ihn ärgert, wenn seine verschiedenen Eskapaden von Satiresendungen auf die Schippe genommen werden.

Vor zwei Jahren, Eretz Nehederet (Ein wunderbares Land) – was wie Klamauk aussieht, hat einen ziemlich scharfen Text, der ein paar von Bibis typischen Reaktionen auf Vorwürfe zitiert.

Aber vor zehn Jahren hat dieselbe Sendung nicht nur Bibi, sondern ebenso Peretz und Olmert aufs Korn genommen.

Und daß es Bibi nicht wirklich stört, wenn er brilliant kopiert wird, weil er weiß, daß er das auch für sich nutzen kann, sieht man an seinem Auftritt sowohl bei Eretz Nehederet

als auch bei Lior Shlain, wo er ebenfalls regelmäßig durch den Kakao gezogen wird.

Netanyahus Umgang mit diesen Satiresendungen ist nicht ungeschickt, und er macht das eigentlich ganz souverän.

Viel problematischer ist, daß er keine Interviews gibt, nur kurz vor den Wahlen. Auch bei Pressekonferenzen wimmelt er die Journalisten gern ab. Und wenn er Journalisten verärgert, dann machen sie sich irgendwann Luft.

Ein Teil der Vorwürfe gegen Netanyahu haben auch mit den Medien zu tun – nämlich, daß er sich positive Berichterstattung einer beliebten News-Seite im Internet verschafft haben soll (der sog. Fall 4000). Darüber wird natürlich relativ viel berichtet, weil es die Journalisten selbst interessiert.

Es ist möglich, daß er vorverurteilt wird, bzw daß sich hinterher vor Gericht Vorwürfe in Luft auflösen, weil sein Verhalten nicht gegen Gesetze verstieß – trotzdem ist vieles davon diskussionswürdig. Und anderen Politikern ging es nicht besser, wenn sie unter Verdacht gerieten. Sie stießen öffentliche Diskussionen an. Die israelische Justiz verfolgt, soweit ich es beurteilen kann, scharf, besonders Politiker.

Es wird ihn auch geärgert haben, daß eine Aufnahme in miserabler Qualität gesendet wurde, wo man hört, wie seine Frau am Telefon einen Redakteur anblafft, weil sie sich nicht positiv genug dargestellt sah. Ich kann sogar verstehen, daß es sie nervt, als Psychologin mit M.A., immer wieder als Ex-Stewardess erwähnt zu werden, aber die Aufnahme ist peinlich. Vielleicht wäre sie in einem anderen Fall nicht veröffentlicht worden, aber Sara Netanyahu ist beliebte Zielscheibe von Journalisten, die sich an Bibi selbst nicht drantrauen. Daß sie zu dem Thema mehrere Interviews gegeben hat, in denen sie sich über die Berichterstattung beschwert, hat leider nicht geholfen – da hält es die Familie Windsor mit „never explain, never complain“ wohl besser.

Selbst ihre Versuche, die Vorwürfe über einen luxuriösen Lebenswandel zu entkräften, indem sie einem bekannten Innenarchitekten zeigt, wie schlicht der amtliche Wohnsitz des Premierministers ist, wie in die Jahre gekommen, wurde zum Bumerang – jeder weiß, daß die Netanyahus eine Villa in Caesarea haben, und ihre Klagen über ausgefranste Teppiche, wie peinlich, wenn die Obamas kommen!, kam irgendwie nicht so rüber, wie sie es geplant hatte.

Eigentlich wurde nur Leah Rabin ähnlich angegriffen wie sie – Sonia Peres war praktisch unbekannt, Aliza Olmert als Malerin und Sozialarbeiterin eher respektiert als kritisiert, und überhaupt war vor den Netanyahus keine politische Familie so im Rampenlicht. Bei seinen Reden merkt man Netanyahu an, daß das seine Achillesferse ist – die Kritik an seiner Frau und seinen Söhnen empfindet er als unfair, weil diese nicht gewählt wurden und sich nicht aussuchen konnten, allgemein bekannt zu sein. Die Söhne kennen es gar nicht anders.

Avner, der jüngere Sohn, wurde von Demonstranten so persönlich angegangen, daß er sich vor Gericht dagegen wehrte. Er macht einen sensiblen Eindruck und scheint eher darunter zu leiden, daß seine Familie so bekannt ist. Ein Journalist erzählte, daß Avner ihm sagte, er würde nie Politiker werden wollen, weil das für die Familie unzumutbar ist – und typisch, daß dieser Journalist das nicht für sich behielt.

Der ältere Sohn dagegen, Yair, twittert und schießt bei der Verteidigung seines Vaters manchmal übers Ziel hinaus. Damit hat er sich in die öffentliche Arena begeben, und da er als engster Ratgeber seines Vaters gilt, ohne gewählt zu sein oder eine offizielle Funktion zu haben, ist er damit heute wohl der umstrittenste Netanyahu.

Wenn Netanyahu den Medien vorwirft, daß sie sich die Zähne an seiner Familie wetzen, dann entgegnen die Medien, daß er es war, der im amerikanischen Stil seine Familie erst in Szene gesetzt hat. (Außerdem kommen er und seine Frau aus bekannten Familien der ashkenasischen Oberschicht). Trotzdem kann ich verstehen, daß er deswegen grollt.

Aber was die Berichterstattung und Kommentare zu seiner Politik angeht, finde ich die Medien insgesamt fair. Zu allen Fernseh-Diskussionen werden auch mehr oder weniger eloquente Likud-Politiker eingeladen, die Netanyahus Standpunkt erklären. Daß ein Tribunal von linken Kommentatoren und Politikern den Stab über ihn bricht, ohne daß lebhaft widersprochen wird, ist jedenfalls nicht die Regel.

Man muß außerdem mehr als nur eine Quelle lesen oder hören. Das ist ja bei jedem Thema so.

 

Wahltag September 17, 2019, 20:57

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Wir sind im Deja-vu. Genau dieselben Phrasen, Versprechungen und gegenseitigen Vorwürfe haben wir im April schon gehört. In einer halben Stunde werden die Wahllokale geschlossen und die ersten Hochrechnungen (midgam) werden veröffentlicht. Nach der Peinlichkeit im April, als aufgrund von Hochrechnungen beide Kandidaten ihren Wahlsieg feierten, werden sie diesmal wohl vorsichtiger sein.

Von dem ganzen hektischen Irrsinn um die Wahlen haben wir heute wenig mitgekriegt, weil für die Familie ein Trauertag war. Wir standen traurig auf dem Friedhof im Kibbuz, um einen Jahrestag zu begehen. Heute genau vor einem Jahr haben wir auf tragische Art und Weise eine nahe und sehr geliebte Verwandte verloren. Und so war heute die ganze große Familie versammelt.

Nach dem Besuch des Grabs kam das gemeinsame Essen im Haus meines Schwagers, der noch im Kibbuz wohnt. Ich habe immer große Freude daran, wie der Tisch aussieht, auf dem wir alle mitgebrachten Sachen aufbauen. In Y.s Familie essen alle so wie ich – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Qinoa, Salate, Obst, alles frisch, alles leicht. Ein nicht geringer Anteil der Familie ißt wenig oder gar kein Fleisch, und ein Anteil der Jugend ißt vegan.

Alkohol wird bei diesen Treffen nie getrunken, anders als in der deutschen Familie, wo Wein, Sekt und Prosecco fließen, und zu Weihnachten auch die Feuerzangenbowle….

Nicht auszudenken, wenn ich in eine Familie eingeheiratet hätte, für die eine gute Mahlzeit aus Fleisch, Wurst und Sättigungsbeilage besteht! Gegen ein Gläschen Wein allerdings hätte ich nichts einzuwenden.

Die Familie, die nach der Shoah winzig war, hat sich inzwischen deutlich vergrößert. Alle Vettern, Cousinen, Nichten und Neffen im fortpflanzungsfähigen Alter sind glücklich verbandelt, und viele von ihnen haben energiegeladene Kinder aller Altersstufen, die froh sind, wenn sie im Kibbuz auf der Wiese toben können. Nichts hebt die Stimmung mehr als den Kindern zuzugucken. Tertia hat mit den Älteren Taki gespielt, ein Kartenspiel, und die Stimmung entspannte sich.

Irgendwann fingen dann alle an, von den Wahlen zu sprechen. Alle hatten gewählt. Die geborenen Kibbuzniks stellten fest, daß sie in den letzten Jahren sacht in Richtung Mitte abwanderten (obwohl es immer noch Meretz-Wähler in der Familie gibt ). Man erinnerte sich an die Mapam-Partei, der die Großeltern und eigentlich alle Kibbuzniks selbstverständlich angehörten. Aus Mapam wurde nach dem Zusammenschluß mit Ratz Meretz (alles Abkürzungen), und jetzt hat sich Meretz mit Baraks Partei zusammengeschlossen und das Ganze heißt „Demokratisches Lager“.

Die Eingeheirateten, die teilweise aus konservativeren Häusern kamen, hatten eine ähnliche Wanderung in Richtung Mitte hinter sich. Sonst diskutieren wir solche langsamen Wandlungen politischer Standpunkte eher selten, aber am Wahltag kam die Sprache ganz natürlich darauf. So haben also die meisten Blau-Weiß, einige auch Demokratisches Lager oder Arbeitspartei-Gesher gewählt. Es war eine sehr interessante Diskussion, die sich ähnlich bestimmt in vielen Familien abgespielt hat, egal was sie wählen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind heute nämlich umsonst und gearbeitet wird nicht, so daß viele Leute zusammen Ausflüge gemacht haben oder Familientreffen wie wir.

Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher und warten auf die Hochrechnungen der drei großen Fernsehsender. Es geht um viel. Netanyahu kämpft um mehr als seine politische Karriere. Ohne den Rang als Premierminister gibt es keine Möglichkeit, seinen Vorladungen und Anhörungen eventuell auszuweichen. Aber bei aller Anerkennung für sein Geschick im Eiertanz des Nahen Ostens, für seine Entschlossenheit bei der Verteidigung gegen den vom Iran inszenierten Schattenkrieg, für seinen Verdienst bei der Verbesserung von Israels internationalem Einfluß in vielen früher unerreichbaren Ländern (für die wir mit Verlust anderer Freundschaften zahlen….) – wir alle können und wollen ihn nicht mehr sehen.

Ich bin dafür, daß ein Premierminister nicht öfter als zweimal gewählt werden darf. Ein andermal schreibe ich mal mehr darüber, warum ich bei der Anerkennung seiner Verdienste Netanyahu trotzdem für destruktiv halte. Aber jetzt gucken wir die Hochrechnungen. Das wird eine lange Nacht. Immerhin haben wir gut gegessen. Haltet uns die Daumen.

Häusliches I August 30, 2019, 21:03

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Ja, die Wahlen, ja, die Lage im Süden, und ja, die Lage im Norden auch. Irgendwann setz ich mich hin und schreibe was darüber, aber heute lieber nicht.

Ich achte gern auf kleine Unterschiede zwischen Israel und Deutschland. Manches fällt einem ja erst auf, wenn man weg ist und es nicht mehr automatisch wahrnimmt. So sind Läden und Cafes in Deutschland meist viel polierter und ordentlicher als in Israel. Ja, in den letzten Jahren haben auch hier die vielen neuen Einkaufszentren dieselbe Ästhetik wie überall sonst, aber in kleinen und alten Geschäften sieht man noch die offen verlegten Kabel und nicht ganz zu Ende abgehängten Decken, diese ganze husch-husch-schon-fertig-Bauweise, die israelische Handwerker wohl für die beste halten.

Allerdings, ich muß zugeben, daß sie sich allgemein in den letzten 15 Jahren verbessert haben, und in neuen Häusern kommen die krumm verlegten Fliesen, unsauber verputzten Ecken und farbbekleckerten Fußleisten nicht mehr vor, die mir früher so oft auffielen. (Wobei, klar, Kibbuz – da bekam manchmal Moishele oder Ruvkele das Werkzeug in die Hand gedrückt, mach mal, und lernte im Laufe der Arbeit).

Früher waren fast überall Terrazzo-Fliesen verlegt. Sie waren so charakteristisch für Israel, daß der Künstler Tsibi Geva ihnen ganze Serien widmete. Ich erinnere mich, als ich in den Kibbuz kam und dort lernen mußte, wie man Terrazzo am besten putzt.

Die Technik heißt sponga machen, keine Ahnung warum, denn einen Schwamm benutzt man nicht. Es ging so: man nimmt einen Eimer Wasser und schüttet ihn auf dem Boden aus. (Da Kibbuzniks keine kostbaren Teakmöbel hatten und man vorher sowieso durchgefegt und alle Stühle hochgestellt hatte, ging das). Dann nimmt man so einen Abzieher, na so ein Ding mit Gummilippe – ja, ich weiß nicht mal, wie das Ding auf deutsch heißt, denn aus Deutschland kannte ich nur Schrubber und Aufnehmer. Aber einen Schrubber besitze ich bis heute nicht, und für israelische Böden braucht man ihn auch nicht.

Auf Hebräisch heißt so ein Bodenwisch-Gummidings magav, aber nur in unserem Kibbuz heißt er magrof.

Also, man legt den Aufnehmer (smartut – so nennt man auch feige, träge Menschen) um den magrof und wischt damit in der Wassermasse rum, am besten in Richtung Ausgang. Damit wird der Schmutz entfernt.

Als nächstes zieht man mit dem magrof den Boden schön ordentlich ab. Der letzte Arbeitsgang ist dann mit dem gut ausgewrungenen, sauberen Aufnehmer. Damit putzt man den Boden blank.

Für Kindergarten, Altersheim, Wäscherei und all die andren Arbeitsplätze, die ich im Laufe der Jahre geputzt habe, war das eine sehr gute Methode. Viel Bodenfläche, zweimal am Tag so geputzt, immer frisch und sauber. Terrazzo nimmt keinen Schmutz an – nur gegen Säure ist er empfindlich, und wo das Glas Limonade mal hinfiel, das sieht man gegen das Licht jahrelang.

Mir kam diese Methode seltsam vor. Einfach so einen Eimer Wasser ins Haus kippen? Aber Judith und Lili, die mich im Kindergarten anlernten, beharrten darauf. Doch dann das Dilemma: Judith sagte, je heißer das Wasser, desto hygienischer. Lili dagegen fand kaltes Wasser sinnvoller, weil der Boden sonst in Streifen antrocknet. Außerdem ist es so schon heiß genug.

Gut, daß die beiden selten am selben Tag arbeiteten. An Judith-Tagen wurde eben heiß geputzt, an Lili-Tagen kalt.

Alle Kibbuzniks putzten so auch ihr Haus (ja, viele Männer habe ich Boden putzen gesehen), und ich habe mir sagen lassen, auch in der Stadt wurde so sponga gemacht, und bestimmt machen viele es noch immer so.

Jetzt habe ich sponga für die Jeckerei mal gegoogelt, und tatsächlich, es ist DIE Methode, in Israel Boden zu wischen. Das Wort squeegee hatte ich schon fast vergessen!

Inzwischen ist Terrazzo aber aus der Mode gekommen. Die meisten neuen Häuser und Wohnungen haben entweder Keramikfliesen als Bodenbelag, oder hochglänzenden Marmor, oder granit porzellan, keine Ahnung, ist das Feinsteinzeug? weiß es jemand?

Wir haben naturfarbenes, rauhes granit porzellan, fühlt sich barfuß wunderbar an, sieht auch schön aus, ist aber so unregelmäßig, daß es schwer zu putzen ist. Bei der sponga-Methode würden überall Pfützen stehenbleiben, ich gehe also mehrmals mit Aufnehmer und Abzieher drüber, so mittelnaß bis trocken.

Vielleicht sollte ich sogar mal einen Schrubber in Betracht ziehen? Ich weiß nicht mal, wie der auf Ivrit  heißt, vielleicht Bodenbürste? Am Ende kehre ich dann zu Omas Methoden zurück und rutsche mit der Bürste auf den Knien hier rum, um dieses verflixte Material sauberzukriegen? Die sponga-Methode hatte ihre Vorteile, es geht nämlich ruckzuck und fühlt sich prima an, weil „was naß ist, gilt als sauber“, wie der Merkspruch der Armee beim Putzen lautet 😀

Ja, das war eine Umgewöhnung.

(Ich hab noch mehr, aber das war jetzt erstmal genug 🙂 )

Unerträgliche Gewalt, und ein Strom Erinnerungen August 28, 2019, 9:16

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In den letzten Monaten wird Israel von immer neuen Fällen grauenhafter Gewalt gegen Kinder in Kindergärten erschüttert. Seit fast überall Kameras installiert sind (oder installiert wurden, nachdem Eltern das Verhalten ihrer Kinder seltsam vorkam), werden Vorfälle sichtbar, die früher nie aufgefallen wären.

Es fällt auf, daß es sich dabei überwiegend um schlecht oder gar nicht ausgebildete Frauen handelt, die private Einrichtungen betreiben. Obwohl es ein Gesetz gibt, das die regelmäßige Überwachung des Ministeriums für Bildung und Erziehung vorschreibt, gilt das nicht für Kleinkind-Aufbewahrungsanstalten unterhalb einer bestimmten Größe. Oft arbeitet dort eine Frau allein oder zwei, beide unausgebildet, überfordert, mit so viel Kindern, wie die Geldgier in die Einrichtung holt.

Ich habe jahrelang in Kinderhäusern des Kibbuz gearbeitet, und alle meine Kinder waren selbst im Kinderhaus. Zu meiner Zeit waren noch keine Besuche vom Amt üblich, die Kibbuz-Erziehung regulierte sich selbst. Erst als ich schon außerhalb arbeitete, änderte sich der Status der Kinderhäuser, und die Frau vom Amt kam regelmäßig. (Im Fall des Kibbuz-Kindergartens hatte das zur Folge, daß sie einen komplett überflüssigen, aber sehr teuren Metallzaun forderte, obwohl alle Kinderhäuser mitten im Kibbuz liegen – außerdem beförderte sie einige liebe alte Kibbuz-Traditionen in den Müll, und da die Kindergärtnerin zu der Zeit selbst von draußen kam, kämpfte sie auch nicht darum – bin ich heute noch sauer drüber, aber Schwamm drüber).

Wir waren immer zu viert, hatten oft noch eine Schülerin als Hilfe. Mindestens zwei im Team waren voll ausgebildet (vier Jahre Studium an der PH, Abschluß mindestens Dipl-Päd, oft dazu noch B.Ed. oder auch M.Ed. in Frühpädagogik), die anderen wurden oft zu kurzen Kursen geschickt (ich habe z.B, mal einen kurzen Kurs über musikalische Früherziehung gemacht, was ich später im Studium als zusätzlichen Kurs vertieft habe, obwohl es nicht zu meinem Fach gehörte, aber die Dozentin war DIE Koryphäe Israels zum Thema).

Im Kibbuz ist es auch so, daß ständig Leute in den Kindergarten zu Besuch kommen. Die Oma kommt vorbei, der Bruder, die Freundin der Kindergärtnerin, und es gibt die Situation mit dem hermetisch geschlossenen Raum nicht, in dem nur hilflose Kinder und eine überforderte Frau ohne Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder sind.

Der Kibbuz sah alle pädagogischen Berufe als besonders wertvoll an und nicht jeder Bewerber, der vom Kibbuz zum Studium geschickt werden wollte, wurde auch unterstützt. Daß ich mit der ersten Bewerbung vom Kibbuz als Studentin angenommen und zum Studium geschickt wurde, war eine echte Ehre und es hat mich enorm motiviert.

Kindergärtnerin (ich benutze das Wort übrigens bewußt, da das hebräische Wort tatsächlich Gärtnerin ist, ganenet) galt damals, ich weiß nicht, wie es heute ist, als hoch respektierte, verantwortungsvolle Arbeit. Über jemanden zu sagen, „sie ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin“ bedeutete Ehre.

Im Kibbuz gibt es einen Erziehungsausschuß, dem Männer und Frauen angehören, die regelmäßig alle Kinderhäuser besuchen und mit dem pädagogischen Team wichtige Entscheidung treffen. Zu meiner Zeit wußte jeder im Kibbuz, wer den Ausschuß gerade leitet, er galt als einer der wichtigsten überhaupt. (Mein Schwiegervater hat das eine Zeitlang gemacht). Für das „zarte Alter“ gibt es immer eine extra Verantwortliche, immer ausgebildete Pädagogin und meines Wissens bisher immer weiblich, die bei Problemen immer dabei ist.

Einmal alle sechs Wochen hatten wir Besuch von einer Kinderpsychologin „von draußen“, die auch in der pädagogischen Station der PH arbeitete. Eltern und Team konnten um die Beobachtung einzelner Kinder bitten, wenn sie das Gefühl hatten, sie brauchten Hilfe.

Regelmäßig kam die Tanzpädagogin und lud Kinder in ihr Zentrum ein (sie ist eine Kindheitsfreundin von Y.s jüngster Tante und war immer besonders nett zu unseren Kindern, die alle gerne in ihrem Zentrum war – das ich Kibbuzbesuchern immer noch gern zeige). Ebenso die Kunsttherapeutin, und, als er noch gesund war, der Logopäde des Kibbuz.

Mindestens einmal die Woche arbeiteten Eltern einen Tag lang mit, und oft kamen Großeltern, um mit den Kindern zu backen oder ihnen was vorzulesen.

Es ist kein Wunder, daß ich mich Hals über Kopf in diese Umgebung verliebt habe und mein Traum war, eigene Kinder dort aufwachsen zu sehen.

Und doch. Ich erinnere mich, daß eine der Kindergärtnerinnen, mit denen ich gearbeitet habe, zwar ausgebildete Pädagogin war, aber eigentlich keine Kinder mochte. Alles, was die Kinder taten, war ihr zum Tort. Das war kein großer Kindergarten (gan), sondern ein kleiner (ganon) mit 12 Kindern und einem Team von vier. Ich habe noch ihre nörgelnde Stimme im Ohr, die auch meiner Mutter sofort auffiel. Sie führte den Kindergarten ordentlich, die Kinder bekamen alle Aktivitäten geboten, die sie gern mochten, der Kibbuz-Kinderhaus-Tagesablauf wurde eingehalten, aber die Atmosphäre war mies, besonders im Vergleich zu anderen Kinderhäusern, wo Leute arbeiteten, die Spaß an der Arbeit und an den Kindern hatten. (Die erste Kindergärtnerin, mit der ich als Volunteer schon arbeitete, hat später Sonderpädagogik studiert und war eine der besten Pädagoginnen, die ich je getroffen habe).

Hat diese mißmutige Frau den Kindern Schaden zufügt? Ich weiß es nicht. Sie müssen gespürt haben, daß sie für Tränen, Wutanfälle oder Kinderstreit kein Verständnis hatte und einige der Kinder wirklich nicht mochte. Wie lange hat sie in der Erziehung gearbeitet? Drei Jahre? Vier? (Heute arbeitet sie längst in einem Bürojob außerhalb des Kibbuz, Personalleiterin irgendwo, hoffentlich mag sie die Leute dort lieber als die Kinder). Wie wichtig war ihre Rolle, verglichen mit den anderen Mitarbeiterinnen, die auch viel mit den Kindern zu tun hatten, und der Galaxie von Menschen, die um die Kinder kreisten?

Dann erinnere ich mich an eine im Kibbuz hoch angesehene Frau, sehr intelligent und theoretisch sehr beschlagen. Ich erinnere mich, wie ich als ungelernte junge Mutter in ihrem Kindergarten arbeitete (es war einer der drei Kindergärten fürs Vorschulalter, knapp unter 30 Kinder zwischen viereinhalb und sechs Jahren). Ich interessierte mich damals schon für Kinderkunst, und sie gab mir sehr gute Erklärungen dazu (ich habe das Thema später selbst studiert und eine Zeitlang auch unterrichtet – die Expertin für das Thema an der PH hätte mich gern als Nachfolgerin gesehen und ich  habe eine Rede auf sie gehalten, als sie pensioniert wurde). In vieler Hinsicht habe ich sie bewundert. In ihrem Kindergarten habe ich den Krieg von 1991 verbracht, und sie hat es bewundernswert geschafft, die ganz normale Routine trotz abgedichteter Fenster und Gasmasken weiterzuführen, als wäre nichts.

Aber sie konnte, wenn sie ärgerlich war oder ungeduldig, eine scharfe, schneidende Stimme bekommen. Ich erinnere mich bis heute an eine winzige Szene. Ein besonders sensibler Junge (heute selbst 3facher Vater) hatte irgendwas ausgefressen oder vergessen, weiß nicht mal mehr was. Er war auf dem Weg nach draußen, da rief sie ihn beim Namen. Er erfror  an Ort und Stelle, und ich sah sofort, daß er Angst hatte vor ihr. Die anderen Mitarbeiterinnen und ich haben nie darüber gesprochen, aber wir haben bestimmt alle gemerkt, daß ihr eine gewisse Wärme fehlte, die die Arbeit mit Kindern sehr erleichtert. Wir haben dann versucht, das auszugleichen.

Mit ihr habe ich eine Szene erlebt, die einem heute unglaublich vorkommt. Aber so war der Kibbuz damals bzw konnte er sein.

Eine Familie kam „aus der Stadt“ in den Kibbuz, weil der Sohn an Krebs erkrankt war. Die Mutter war Kibbuz-Tochter (bat kibbuz), und ihre Mutter lebte noch dort. Die größeren Kinder wurden von der Oma betreut, während Vater, Mutter und jüngster Sohn ins Ausland flogen, um dort eine besondere Behandlung für den Sohn zu bekommen. (Er ist heute ebenfalls verheiratet und Vater und ganz gesund). Es war eine schwierige Situation für die Familie, und der Kibbuz half. Ich mochte die Mutter und Oma besonders gern.

Die Tochter war bei uns im Kindergarten, bei der klugen-doch-kalten Kindergärtnerin. Sie war ein sehr intelligentes Mädchen und verkraftete die Situation eigentlich ganz gut. Die Eltern im Ausland, der kleine Bruder schwer krank, auf einmal in den Kibbuz und zur Oma versetzt, die ganz anders erzog als die Eltern.

Nach Monaten kamen die Eltern wieder, dem Sohn ging es viel besser. Die Mutter bat um ein Gespräch mit uns, dem Team des Kindergartens. Sie wollte hören, wie es ihrer Tochter ergangen war, und sie hatte auch eine Bitte.

Sie bat darum, zweimal die Woche die Tochter schon nach dem Mittagessen statt nach dem Mittagsschlaf nach Hause mitzunehmen, also um halb zwei statt um vier. (Vier Uhr nachmittags, wenn die Kinder nach Hause geholt werden, ist die wichtigste Stunde des Kibbuz-Tagesablaufs!) Sie wollte die beiden älteren Kinder abwechselnd jemals zweimal die Woche für ein paar Stunden one-on-one nach Hause holen.

Jeder normale Mensch würde sofort JA sagen, warum denn nicht? Aber unsere Kindergärtnerin wies dieses Ansinnen sofort, ohne nachzudenken und mit Empörung von sich. Ihre Argumente? Ihr kennt solche Situationen, eigentlich gab es keine. Sie hatte noch nie so eine Bitte erfüllt und wollte es darum auch diesmal nicht tun, das war eigentlich ihr einziger Grund. „Sowas hat es ja noch nie gegeben, damit fangen wir gar nicht erst an, wohin kämen wir denn, was sollen die anderen Eltern und Kinder denken“ und so weiter. Der heilige Tagesablauf war für sie in Stein gemeißelt. (Ja, ihre Eltern waren Jeckes, falls ihr das wissen wolltet).

Wir anderen Mitarbeiterinnen guckten uns ratlos an. Keine von uns verstand, warum die respektierte Chefin sich so anstellte. Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mal mehr – ob die Mutter sich an die Vorsitzende des Erziehungsausschusses wandte, die sehr herzlich und lieb war, oder ob sie sich eine andere Idee einfallen ließ. Das Mädchen kam kurze Zeit später in die Schule, die ganze Familie blieb noch etwa 2 Jahre im Kibbuz und zog dann weg (wir zogen in ihr Haus und die Mutter, mit der ich mich gut verstand, kam noch ein paarmal zu Besuch).

Ja, da waren wir an die Grenzen dieser Frau gestoßen, die auch kurz darauf die Pädagogik verließ und seit vielen Jahren einen wichtigen Posten im Kibbuz erfolgreich erfüllt. Wenigstens war es im Kibbuz so, daß man nicht aus wirtschaftlichen Gründen in einem Job bleiben mußte, man konnte wechseln, Zusatzausbildungen machen, etwas ausprobieren.

Aber gehen wir eine Generation zurück. Mein Mann ist ja im Kinderhaus aufgewachsen, er hat nie auch nur eine Nacht im Elternhaus geschlafen, dort gab es kein Kinderzimmer und kein Bett für die Kinder. Er hat eigentlich nur schöne Erinnerungen, hing sehr an seinen Freunden aus der Gruppe (hängt immer noch an ihnen), und einige seiner früheren Betreuerinnen erzählten mir, wie besonders nett und schüchtern er als kleiner Junge war.

Besonders schön fand er immer den Shabat-Morgen. Jede Woche hatte ein anderer Elternteil dann die Verantwortung für die Kinder, machte das Frühstück und spielte bis 10 mit ihnen. Dann kamen die anderen Eltern und holten die Kinder ab. Y. erinnert sich bis heute an die besonderen Mahlzeiten, die jeder Erwachsene für die Kinder machte, an den einen Vater, der wild mit den Kindern tobte, und eine besonders nette Mutter, die die Kinder gern verwöhnte. Er hatte zu einer ganzen Welt von Menschen Beziehungen, und die bestanden noch lange.

Aber die Kindergärtnerin, die Kindergärtnerin. Vor der hatten alle Angst. Drei Jahre hat diese Frau über die Kinder geherrscht. Y. und seine beste Freundin haben manchmal nachts überlegt, wie man sie loswerden könnte, aber es fiel ihnen nichts ein. Sie hat die Kinder gedemütigt, besonders solche, die Probleme hatten, die Bettnässer, die Schüchternen, aber auch die Frechen. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber die ganze Gruppe erinnert sich mit Grauen an sie. Ja, die Eltern kamen zu Besuch und sie waren jeden Abend bei den Eltern. Ja, nachts wurden sie von wechselnden Nachtwachen betreut, tagsüber war das Team auch groß, aber die Kindergärtnerin hatte die pädagogische Verantwortung.

Y. ist keiner, der sich über seine Vergangenheit beklagt, auch die härtesten Geschichten erzählt er gleichmütig und meint, „ach, es war auch irgendwie interessant, und zu der Zeit ist mir nicht aufgefallen, daß es eigentlich ziemlich schlimm war“. Ich habe also nie viel über diese Kindergärtnerin erfahren. Aber alle Kinder der Gruppe haben sie als angsterregend in Erinnerung.

Wer weiß, was sie ihnen zugezischt hat, wenn es keiner hörte? was für Blicke sie ihnen zuwarf? Sie war es wohl nicht, die ihnen die Haare wusch, das erledigten die Mitarbeiterinnen (metaplot), und überhaupt wurden Kibbuzkinder von klein auf zu Selbständigkeit erzogen. Ob sie also Gelegenheit hatte, körperlich rauh mit den Kindern umzugehen, oder sie sogar zu Körperstrafen griff, das weiß ich nicht. Körperstrafen waren in der Kibbuz-Erziehung komplett tabu. Aber die Kinder waren dieser Frau ausgeliefert, und im Erziehungssystem damals waren die Eltern machtlos.

Eine Studienfreundin von mir hat ihre Magisterarbeit über die Beziehung von Müttern und Töchtern im Kibbuz zur Zeit der lina meshutefet, des „gemeinsamen Schlafens“ geschrieben, dh, die Zeit der Kinderhäuser und kinderbettlosen Elternhäuser. Sie hat mir mal erzählt, daß die Mädchen ihre Mütter als komplett machtlos erlebten und sich darum gar nicht erst um Hilfe an die Mütter wandten. Sie war übrigens mit Y.s Schwester in einer Jahrgangsstufe.

Oh nein, ich falle hier ins Kaninchenloch, das hatte ich gar nicht vor, als ich anfing zu schreiben.

Meine eigene Zeit im Kindergarten. Hatte ich Angst vor der Kindergärtnerin? Nein, sie war eigentlich ganz nett, obwohl unser katholischer Kleinstadtkindergarten so strikt geregelt war, daß mein Mann sich kaputtlacht, wenn ich davon erzähle (in der Kibbuzerziehung stand auch in den 60er Jahren schon freie Entfaltung höher im Kurs als Ordnung und Sauberkeit). Der Knicks, wenn ich mit meinem Körbchen in der Hand um neue Spielsachen bat, die in Schubladen sortiert waren. So war das damals. Die Kindergärtnerin ging auch rum beim Zeichnen und radierte aus, was nicht gut genug gemalt war. (Mein Igel! bis heute tut es mir leid, daß sie mir den Igel neu gemalt hat, ich fand ihn so schön.)

Überhaupt, daß immer ein Thema beim Malen vorgegeben war – Schneemänner, Marienkäfer. Ich weiß noch, wie froh ich war, im Kibbuz zu sehen, daß den Kindern das Material hingestellt wird, und sie können damit machen, was sie wollen. Diese ganze Besessenheit mit Basteln nach Vorlagen, sauber ausschneiden, was Nützliches machen, das gibt es in der Kibbuz-Erziehung nicht, so eine Erleichterung für mich, die nie gut nach Vorlagen gearbeitet hat. Das war aber bei uns im Kindergarten sehr wichtig.

Ich hatte Angst vor der Leiterin. Und so habe ich eines Tages meinen Freund Thomas, den ich wohl immer ziemlich rumkommandiert habe, der arme Kerl, überredet, wegzulaufen. Wir wollten den ganzen Tag im Wallgraben Abenteuer erleben, aber wir waren noch nicht weitgekommen, da hatte Fräulein Maria uns schon wieder eingefangen. Und die war streng. An Konsequenzen erinnere ich mich nicht mehr, aber an den schrecklichen Moment, als Fräulein Maria mit dem Fahrrad neben uns hielt, um uns zurückzubringen, erinnere ich mich genau. Ich weiß noch genau, wo das war.

Mein Bruder war später in einem anderen Kindergarten, wo ich es so toll fand, daß ich oft zu Besuch kam. Er selbst fand es stinklangweilig und haute oft ab.

Eigentlich sagt es alles, was man über meinen Bruder und mich wissen muß. Ich versuche einmal abzuhauen, werde sofort erwischt und mit Schimpf und Schande zurückgeführt. Mein Bruder macht über Monate hinweg dauernd Kindergarten blau und fängt statt dessen Kaulquappen im Wallgraben, und alle glauben seine Ausreden und lachen, als sie es rausfinden, warum er immer so dreckig wiederkommt bzw nie im Kindergarten ankommt.

Trotz der Strenge habe ich keine Angst im Kindergarten erlebt, nur Momente der Scham.

Ich frage mich aber heute, wie viel Gewalt Kindern wirklich geschieht. Von überforderten Betreuern, die den Eltern vorspielen, wie gern sie die Kinder haben, aber dann die Kinder auf die Bettchen knallen und ihnen zumurmeln: ich wünschte, du wärst tot, und die Kinder können es niemandem erzählen. Die Eltern merken erst, was los ist, wenn das Kind sich selbst immer wieder haut und sagt: jetzt schlafen, jetzt schlafen!, und dann kommt die Aussprache mit anderen Eltern, die Kameras, und die Aufnahmen.

Und wie viel Gewalt gibt es zuhause? Wenn die Kinder sich stundenlang gestritten haben, der Tag endlos scheint, niemand zuhört oder hilft, wenn die Freundinnen sagen, „du hast es gut, du arbeitest nicht“, wenn man das alte Leben zurückhaben will und sich fragt, warum man sich das überhaupt angetan hat, diese rebellische, nie zufriedene, immer fordernde Kinderschar. Ich hatte Glück mit meinem Partner, der nie Verantwortung auf mich abgeschoben hat, um seine Ruhe zu haben, Glück mit der Familie, die immer geholfen hat, Glück mit dem Kibbuz, der immer professionelle Hilfe und Unterstützung bot. Aber an Momente riesiger Frustration erinnere ich mich auch, wenn Geduld wie ein kostbarer Rohstoff in einem fernen Kontinent erschien, an den man einfach nicht kommen kann, wenn ich sie alle nicht mehr sehen oder hören wollte. Wie weit ist man dann entfernt davon, den Kindern mal so richtig Angst einzujagen, wie mein Vater es immer gemacht hat, wenn er ratlos war? Damit einfach mal Ruhe ist?

Wie gesagt, ich hatte Glück. Wenn ich am Anschlag war, konnte mein Mann oder meine Schwiegermutter oder die gute Esther helfen, ich hatte auch immer die Arbeit, und meine erprobte Methode gegen Frust jeder Art ist ein gutes Buch und Tür zu. Und die meiste Zeit hatte ich die Geduld und auch viel Spaß an den Kindern, und durch meine viele Arbeit mit Kindern auch Verständnis für ihre Bedürfnisse und Krisen, schon vor meinem Pädagogikstudium.

So habe ich im Kibbuz-Kinderhaus gelernt, daß man nie zu einem Kind sagt: böses Kind!, nie seinen Charakter in Zweifel zieht oder es verbal demütigt oder angreift. Die Formel der Zurechtweisung im Kibbuz heißt: hitbalbalt(a), du hast einen Fehler gemacht, du hast dich vertan. Das bedeutet: wenn du Noam mit dem Bauklotz auf den Kopf geschlagen hast, war das nicht, weil du ein böses Kind warst, sondern weil du für einen Moment vergessen hast, daß wir uns nicht gegenseitig hauen. Aber wenn du es nicht wieder tust, ist alles in Ordnung. Als ich diese Regel begriffen hatte, war ich sehr begeistert, und ich wünschte, in meiner Kindheit hätte es sie auch gegeben. Dann würde ich vielleicht nicht die Stimmen in meinem Kopf hören, die mir böse Dinge über mich selbst erzählen und ganz wie mein Vater klingen.

Oh, noch eine Erinnerung. Vor ein paar Monaten in Nahariya. Ich quatschte in meinem Lieblingsgeschäft, dem Woll-Laden, mit der Verkäuferin, mit der ich mich angefreundet habe (auch eine alte Kunstlehrerin). Die Tür stand offen. Auf der Straße gegenüber sahen wir eine Familie. Der Vater trat nach einem der Söhne, der Sohn weinte und humpelte. Wir beide schossen wie Hornissen aus der offenen Ladentür und schrien den Vater an, der sich um nichts kümmerte. Die Familie ging weiter. Wir riefen dem Jungen zu: du bist in Ordnung, dein Vater hat kein Recht, dich zu treten! auch wenn er sich ärgert, das darf er nicht! und dem Vater drohten wir, die Polizei zu rufen. Dann sahen wir uns hilflos an, während die Familie verschwand.

Ich kann Reportagen über die Gewalt in Kindergärten nicht sehen, ohne mich zu fragen, wie viel Gewalt auch zuhause geschieht, im Sportverein, überall. Ich fühle unbändigen Zorn auf die Menschen, die Kindern solchen Schaden zufügen, Verletzungen, an denen die Kinder immer zu tragen haben werden. Diese Kindergärtnerinnen sind in ganz Israel so verhaßt, daß einer von ihnen das Haus angezündet wurde, und sie sind in aller Augen das Ganz Andere, Monster, Seelenmörder.

Aber ich fühle auch, wie nah ich selbst in Momenten des Ärgers dran war, wie schmal der Grat überhaupt ist, wie unmöglich es ist, die eigenen Standards als Eltern immer einzuhalten. War ich wirklich so geduldig, wie meine Mutter mich immer lobt? Wenn ich die Kinder frage, erinnern die sich an Ungerechtigkeiten (die sich im Rückblick relativieren, wie Primus zugibt, die aber damals lebenswichtig schienen), aber Angst hatten sie nicht vor uns.

War ich gemein zu meinen Kindern, wenn sie in der Pubertät mit Präzision meine Schwächen bloßlegten, mich auslachten? Wo ziehen wir die Grenze, was ist verständliche elterliche Reaktion in einer Auseinandersetzung, wo fängt das Unvertretbare, das Böse an? Ist das jetzt zu persönlich? Aber wer hat Kinder und kennt diese Momente nicht, wenn man dringend Hilfe braucht, weil man an die Grenze zur Überforderung stößt? Wer hat noch nie gehört, daß aus dem Nachbarhaus oder vom Nachbartisch die Stimme der elterlichen Frustration klingt? Was tun wir dann, wie helfen wir? Wie nehmen wir auch Druck von den Eltern, die in der Öffentlichkeit die Kinder ruhig und brav halten wollen, was die Kinder natürlich spüren?

Das ganz große Tabu, Gewalt gegen Schwächere, Schutzbefohlene.

Von Gestirnen März 9, 2017, 22:41

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Während ich nicht gebloggt habe, sind alle möglichen kleinen und großen Dinge passiert, wie auch bei euch. Eines davon war, daß ich mir einen kleinen Traum erfüllt habe. Ich wollte immer schon am Sternenhimmel Bescheid wissen, fand und finde den Nachthimmel unendlich faszinierend, war mir aber sicher, daß ich mich NIE dort zurechtfinden kann. So viele Sterne, wie soll man da eine Konstellation von der anderen unterscheiden können? Geld für ein Teleskop habe ich auch nicht.

Trotzdem hat es seit Jahren an mir genagt, daß ich außer dem großen Wagen keine Konstellation erkennen konnte. Wenn ich in Büchern las, wie jemand aus dem Haus tritt und nach oben guckt und sagt: ach, die Leier!, dann dachte ich mir neidisch: die Leier würde ich auch gern erkennen.

Wenn Meteorschauer oder Finsternisse anstanden, sind wir immer schon mit den Kindern an dunkle Ecken gewandert oder haben Liegestühle in den Garten gestellt, damit wir das alle zusammen angucken können, und es war auch immer schön.

Ich hatte mir schon vor Jahren eine Sternkarte gekauft, so ein verschiebbares Dings, das ich auch einstellen konnte, aber ich konnte beim besten Willen die Pünktchen und Figuren auf der Karte nicht am Himmel erkennen. Ich wußte es doch, ich bin zu blöd dafür!

Doch dann bot mir mein Mann sein ausrangiertes Dienst-Smartphone an, das ich eigentlich gar nicht wollte. Aber er machte mir das Ding mit einem Trick schmackhaft. Er installierte Google Sky Map und zeigte mir das so nebenbei bei einem Abendspaziergang. Und das war genau die Hilfestellung, die ich brauchte. Ich schnappte mir das Telefon und suchte nach Sternnamen. Aber es war klar, daß das nicht reicht – ich wollte auch verstehen, was ich da eigentlich sehe.

Zwei Tage später hatte ich mir ein gefühltes Dutzend Bücher über Sternegucken und Hobby-Astronomie auf den Kindle geladen, Stellarium auf dem Laptop, einen Sternatlas bestellt und ging jede Nacht mit dem Fernglas, aber meistens einfach mit bloßem Auge auf Sternjagd. Wir wohnten damals noch in Granot, in einer schön dunklen Ecke (jetzt haben wir leider einen weitaus kräftiger beleuchteten Nachthimmel – die spinnen alle mit ihren Fußballplatz-tauglichen Gartenbeleuchtungen hier!). Und meine Schlafschwierigkeiten waren auf einmal kein Problem mehr – statt mich mit dem Versuch, wieder einzuschlafen, rumzuquälen, ging ich einfach raus.

Ich suchte mir jedesmal Sterne oder Konstellationen raus, die ich noch nicht kannte, und wenn man das zwei Jahre lang macht, dann lernt man den Sternhimmel ganz gut kennen, selbst wenn die Lichtverhältnisse hier ungünstiger sind als vorher und lichtschwache Konstellationen eher ein Ratespiel sind. Wenn ich einen dunkleren Himmel haben will, muß ich ein bißchen aus dem Dorf raus in die Pampa gehen, dann geht es schon.

Auch der tägliche Newsletter von astronomie.info hilft, denn wenn etwas Besonders zu sehen ist, steht das drin. Zwar bezieht sich der Newsletter auf deutsche Verhältnisse und die Zeitangaben muß ich anpassen, aber was man in Deutschland sehen kann, kann man auch hier sehen. Ich habe sogar einen Vorteil dadurch, daß ich südlicher sitze – bei uns sieht man z.B. den herrlichen Skorpion ganz und gar, mit dem geschwungenen Schwanz und dem Stachel. Der bleibt in nördlicheren Breiten unterm Horizont.

Inzwischen habe ich ein ganzes Sortiment von astronomischen Apps auf dem Telefon, die ich aber seltener nutze, eben weil ich mich selbst schon besser auskenne. Inzwischen bin ich schon genervt, wenn ich unmögliche Darstellungen in Büchern lese, zum Beispiel in Harry Potter, wenn Hermione auf dem Astronomie-Turm Orion beobachtet – im August. Am liebsten würde ich der Autorin einen empörten Brief schreiben, ob sie schon mal versucht hat, in Schottland mitten in einer Augustnacht Orion zu sehen, aber dann lasse ich es doch lieber. J.K. Rowling hat ja vielen Charakteren Sternnamen oder mythologische Namen gegeben, und die meisten passen auch. Schade, daß sie Narcissa Malfoy nicht auch einen astronomischen Namen gegeben hat, wie ihren Schwestern und Vettern – ich finde, Kassiopeia hätte ganz gut gepaßt…

Am schönsten ist aber, daß Y. und ich wieder einmal ein Interesse teilen. Er ist genauso sternbegeistert wie ich, und wir haben einen unserer Hochzeitstage (muß 2015 gewesen sein) im Negev verbracht, um Sterne zu sehen. Ich hatte vorher auf Bortle-Karten nachgeguckt, wo es am allerdunkelsten ist. Südlich von Mitzpe Ramon. Also ab nach Mitzpe Ramon!

Wir haben uns ein Zelt in einem Wüstenhotel gemietet, das ohne Strom auskommt, um unsere Augen nicht mit elektrischem Licht zu belasten. Aber das Zelt haben wir eigentlich nur benutzt, um uns gegen Morgen auszuschlafen, denn die meiste Zeit haben wir auf Matten gelegen, auf einem total finsteren Hügel mitten in der Wüste, und haben die Milchstraße angestaunt.

Der Sternhimmel ist dort so dicht, daß man die wohlbekannten Konstellationen kaum erkennen kann – die sonst unsichtbaren Sterne strahlen einfach so hell, daß sie den stärkeren Sternen Konkurrenz machen. Das war ein schöner Hochzeitstag, doch leider haben wir seitdem nicht die Zeit gehabt, die Fahrt zu wiederholen.

Und wie schade ist es, daß die meisten Menschen in der westlichen Welt so ein Erlebnis nicht haben können, weil es fast nirgends mehr dunkel genug ist, um die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht zu sehen – dabei gehört der Anblick des Sternhimmels zu den prägendsten Eindrücken des Menschen.

Letzten Sommer saßen wir abends mit meinem Schwiegervater draußen. Die Sterne wurden langsam sichtbar, und Y. und ich nannten uns die Sterne, die wir erkennen konnten. Da lachte mein Schwiegervater herzlich über uns. Er war fest davon überzeugt, daß wir uns diese Namen nur ausdenken, wie in einem Spiel, und fand das sehr süß. Denn, so erklärte er uns, Sterne KANN man nicht erkennen. Es sind einfach zu viele, und sie sehen alle gleich aus. Er war nicht davon abzubringen, daß es unmöglich ist, Vega und Arkturus und Albireo auseinanderzuhalten, und wir haben nichts mehr gesagt. Aber ich freue mich doch, daß ich nun wenigstens die wichtigsten Konstellationen, Asterismen und Sterne kenne und ein bißchen mehr über sie weiß.

Dan Shapiro Februar 15, 2017, 18:52

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war amerikanischer Botschafter unter Obama, also bis vor kurzem. Seit er nicht mehr offiziell sein muß, twittert er seine Meinung, die man nicht anders als fundiert nennen kann. Soeben hat er eine interessante Kette von Tweets zum Thema Zweistaatenlösung (2SS) losgelassen.

Nota bene: das von mir oft erwähnte, von deutschen Tagesschau-Gläubigen ebensooft bezweifelte oder übergangene Olmertsche Angebot – einer der Knackpunkte für einfache Leute wie mich.

Doch Shapiro weiß natürlich auch, wie es weiterging.

Nota bene, Tagesschau und andere Einäugige (no disrespect to real Einäugige of course) – nicht die USA und die Palästinenser waren es, die diese Lösung wollten, sondern die USA und Israel.

Ich persönlich glaube nicht, daß es sinnvoll wäre, die ganze Diskussion bei Adam und Eva wieder anzufangen. Eine Einstaatenlösung wirft unendlich viele neue Probleme auf – z.B. den Gazastreifen, die demographische Frage, innere Sicherheit… ein Faß ohne Boden.

Als Fernziel ist eine faire Zweistaatenlösung meiner unmaßgeblichen Meinung nach die beste Formel. Ich möchte, daß wir uns von den Palästinensern trennen, scheiden lassen, so daß sie uns nicht mehr verletzen können (wir sie natürlich auch nicht, aber daran hatten wir nie Interesse, wir schicken ja auch unsere Schulkinder nicht mit Messern, Araber abstechen). Und wie bereits gesagt – damit wir nach der Trennung ein neues, neutrales Verhältnis finden können. Zum Besten aller.

Ich möchte nicht noch meine Urenkel mit der Waffe durch Hebron trotten sehen. Allerdings befürworte ich auch keine ethnischen Reinigungen von Juden. Die Juden sind schon aus so vielen Orten vertrieben worden, warum auch aus ihrer ältesten Heimat, die so eng mit ihrer Überlieferung verknüpft ist? Sie sind von den Jordaniern daraus vertrieben worden nach 1948, und ich würde diese Vertreibung nicht wiederholt sehen wollen.

Aber ich würde für ein Modell Südholstein plädieren – so wie wir die Rechte der arabischen Mitbürger schützen, so sollte ein Staat Palästina die Rechte jüdischer Minderheiten garantieren.

Daß diese Selbstverständlichkeit von so vielen Deutschen, die sich als Demokraten empfinden, für unmöglich und unzumutbar erklärt wird, zeigt nur, wie gutgläubig sie sind – denn es gibt kein Argument dagegen außer einer heftigen Weigerung der Palästinenser. Und das reicht ja wohl nicht.

Ein nicht-demokratischer Staat Palästina sollte allerdings nicht errichtet werden, wir haben schon genügend Terrorstaaten, instabil und gefährlich. Aber ein demokratischer kann gar nicht anders als sowohl Minderheiten aufzunehmen und willkommen zu heißen als auch palästinensische Flüchtlinge aus anderen Ländern wie dem Libanon (was sie ja bisher verweigern). Ohne diese demokratische Offenheit für andere Religionen und Ethnien hat er keine Existenzberechtigung.

Aber wenn die Palästinenser es je schaffen werden, diesen demokratischen und offenen Staat auf die Beine zu stellen, der mit uns kooperiert und wirklich einen Schlußstrich zieht – dann wäre ich dafür, sie dabei zu unterstützen. Es spricht auch nichts dagegen, daß der andere Erbe des Palästina-Mandats der Briten, Jordanien, ein paar Quadratkilometer dazugibt, sie haben schließlich den bei weitem größten Brocken des Mandatsgebiets erhalten und haben Interesse daran, daß die Gegend stabil bleibt.

Niemand außer mir hat diese Idee je ins Spiel gebracht, und ich frage mich schon seit Jahr und Tag, warum eigentlich nicht? Jordanien und Israel sind die Erben des Mandats, das Palästinenserproblem ist unser gemeinsames, warum nicht es gemeinsam lösen?

Wenn Trump dazu Hilfestellung leistet, mit seiner Idee einer Nahost-Föderation, dann wäre ich positiv von ihm überrascht.

Und dann hätte Trump schon mal nicht umsonst gelebt.

So, ich siedle gleich mit meinem Ingwer-Zitronen-Getränk auf die Couch über und lasse mich überraschen.

 

 

Wenn mich jemand fragte Februar 13, 2017, 12:01

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Heute in der Frühe vorm Aufwachen habe ich geträumt, daß Steinmeier zu mir ins Büro kommt. Er ist eifrig dabei, mit mir und meinen Kollegen eine Ausstellung von Studentenarbeiten zu kuratieren. Er trägt Tische hin und her, hämmert Nägel und unterhält sich mit mir auf deutsch.

Erst denke ich mir nichts dabei, dann fällt mir auf, wer er ist. Als er unter einem Garderobenregal steht, das er abschrauben will, geselle ich mich zu ihm. „Darf ich Ihnen gratulieren? Sie hatten ja gestern einen wichtigen Tag. Es ist nett, daß Sie schon heute wieder einfach arbeiten“. Er dreht sich um und sagt, „ja, das wird eine große Aufgabe“ und wendet sich wieder dem gräßlichen Ding zu, das er abschrauben will. Ich denke mir, jetzt oder nie, und hole Luft.

„Wissen Sie, Herr Steinmeier, wir hier in Israel haben schon viele deutsche Präsidenten kommen und gehen sehen. Deutschland genießt hier immer noch großes Prestige und könnte eine große Rolle spielen…“ Jetzt guckt er mich an durch seine Brille und sagt: „Ja? was würde Sie mir denn empfehlen, was können wir tun?“

In diesem Moment war der Traum vorbei, bevor ich meine Chance hatte, ihm zu sagen, was Deutschland tun könnte für einen stabilen Frieden zwischen uns und den Palästinensern. Es war aber so ein klarer und deutlicher Traum, und Steinmeier war so eifrig bemüht, mir einen Schreibtisch einzurichten, daß es mich tatsächlich wieder in diese Wüstung, die sich Rungholt nennt, getrieben hat.

Wenn mich jemand fragte, was die wichtigste Maßnahme ist, um dauerhaften, fairen Frieden zu schaffen, dann kann ich ihm nur eine Antwort geben: den palästinensischen, arabischen und muslimischen Terror gegen Israel bekämpfen.

Das würde kein deutscher Politiker hören wollen, weil die meisten an diese Geschichte mit den zwei Seiten glauben, die gleicherweise schuld sind, und daran, daß man nur genügend Druck auf Israel ausüben muß, und schon lösen sich alle Probleme.

Das quält mich seit Jahr und Tag und nicht nur mich. Wenn man weiß, wo dieses komplett verknotete Knäuel aufgelöst werden muß, und sieht, wie andere permanent an den falschen Enden ziehen, so daß es sich nur fester zusammenzurrt – dann ist das qualvoll wie ein böser Traum, Bloggen hilft nicht mehr, Zeitunglesen tut weh und man wird griesgrämig.

Doch ermutigt durch Steinmeiers interessierte Frage (und in dem leicht benebelten Zustand, in den einen fünf Tage Frauengrippe bringen) sage ich noch einmal, warum ich den Kampf gegen den Terror für zielführender halte als ausgeklügelte Landkarten, gezielte Boykottkampagnen oder mahnende Reden.

Wer den Terror konsequent und wirksam bekämpft, der verbessert auf der Stelle die Lebenssituation der palästinensischen Bevölkerung. Wenn nicht mehr unbeschränkt Gelder in terroristische Organisationen geleitet werden, sondern konsequent kontrolliert wird, wo sie ankommen, dann kann endlich mit dem Aufbau einer Infrastruktur begonnen werden, in allen Gebieten der PA, die diesen Namen verdient. So daß nicht mehr nach jedem Sturzregen die Kanalisation zusammenbricht (Israel kommt zu Hilfe, wird dann in den Medien mit nicht existierenden Schleusen angeschwärzt, die es angeblich geöffnet hätte), so daß es zuverlässige Stromversorgung gibt (ohne daß israelische Elektriker Leib und Leben dafür risikieren müssen) – statt dessen ein vernünftiges Bildungssystem (ohne Verherrlichung des Terrors), eine medizinische Versorgung, wie sie in Israel selbstverständlich ist (wo Araber und Juden zusammenarbeiten) – das wäre doch win-win.

Die Palästinenser könnten, von der brutalen Vorherrschaft der rivalisierenden und unproduktiven Terror-Organisationen und ihrer Paten befreit, mit dem Aufbau einer Zivilgesellschaft weitermachen, den sie ja an vielen Stellen schon begonnen haben. Sie könnten sich darauf konzentrieren, Hi-Tech-Parks wie in Israel aufzubauen, Start-ups, aber auch traditionelle Industrie. Die Zusammenarbeit mit Israel, die seit der Intifada II für kleine palästinensische Geschäftsleute zu einem tödlichen Risiko geworden ist, könnte bewußt gefördert werden.

Generationen, die mit dämonischen Fratzen von Juden in Medien und Schulen gefüttert wurden und Opfer einer Hetzpropaganda geworden sind, könnten ein realistischeres und umfassenderes Bild von Israel gewinnen. Das würde vielleicht ihre Gewaltbereitschaft im Laufe der Jahre verringern – ganz besonders, wenn Gewalt gegen Juden nicht mehr sozial und finanziell belohnt wird.

Die Zahlungender PA an Terroristen in israelischen Gefängnissen und ihre Verherrlichung in Postern und Liedern muß aufhören. Statt dessen könnten palästinensische Fußballer, Ärztinnen, Sänger, Erfinderinnen und Erzieher zu Objekten von Bewunderung und Nachahmung dargestellt werden. Statt Kinder von Anfang an dazu erziehen, im Erstechen, in-die-Luft-sprengen und Überfahren von Juden großartige Heldentaten zu sehen, könnte man sie dazu erziehen, ihre Talente sinnvoll für ihre eigene Gesellschaft einzusetzen, so daß individuelles Glück und sozialer Fortschritt möglich werden.

Wäre das nicht schön? Es wäre für die Geldgeber gar nicht mal so schwer. Auflagen an die eh schon reichlich fließenden Gelder knüpfen, diese konsequent überprüfen, die UNRWA ausmisten (in der sich Judenhasser und Terrorprediger tummeln, wie längst bewiesen ist), entsprechende Projekte unterstützen und das mal zehn oder fünfzehn Jahre durchziehen.

Die PA braucht Elektritzitätswerke, Meerwasser-Entsalzungsanlagen, Klärwerke, wie schön wäre auch eine Fortführung der israelischen Bahnstrecken! Sie brauchen Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Künstler, die keine Angst haben müssen, von der vorgegebenen Linie des ewigen Kampfs gegen Israel abzugehen, sondern die einfach ihre Arbeit tun können, wie sie nötig ist.

Die alte Idee der gemeinsamen Industrieparks – wie schön wäre es, Stef Wertheimers Pläne umgesetzt zu sehen. Würde den Palästinensern der faule Zahn Terror endlich gezogen, dann wäre es möglich, zum Besten aller.

Ja, sagt ihr jetzt, oder würde Steinmeier sagen, aber was ist denn mit Israel? Es sind doch immer beide schuldig. Was ist denn mit den gräßlichen Siedlungen? mit dem dauernden Landraub? mit der Apartheid? Was sollen wir denn in Israel ändern?

Meine Antwort ist: sobald der Terror Israel nicht mehr bedroht, ist das alles kein Thema mehr. Israelis haben über Jahre hinweg starke Hoffnungen auf Frieden gesetzt und sind Risiken dafür eingegangen. Jeder, der mal hier reingelesen hat auf Rungholt, weiß, daß ich mehrere Brüche in dieser Hoffnung miterlebt habe: die Torpedierung des Oslo-Friedensprozesses durch die gezielt in Gang gesetzte Intifada – die destruktive Politik der Hamas seit der israelischen Räumung des Gazastreifens – und die Ablehnung der konstruktiven Vorschläge von Clinton, Barak und Olmert durch die Palästinenser.

Alle, die wie ich und meine Familie hier und mein ganzes soziales Umfeld zur israelischen zionistischen Linken gehörten (teilweise noch gehören) und große Hoffnungen auf Prozesse der Annäherung, Verhandlungen, Kompromiß und Austausch gesetzt haben, sind durch diese Nackenschläge davon überzeugt worden, daß es bestimmte, immer mächtigere Gruppen in der palästinensischen Gesellschaft gibt, der Terror lieber ist als Frieden.

Sonst hätten sie den Osloer Prozeß weitergeführt, sonst wären sie mit Barak in ernsthafte Verhandlungen eingetreten, sonst hätten sie die Räumung des Gazastreifens genutzt, um eine zivile, blühende Gesellschaft im Gazastreifen aufzubauen.

Kurz, sie hätten sich verhalten wie Menschen, deren Ziel tatsächlich Frieden ist.

Einerseits täglich tödliche Hetze gegen Israel zu treiben (die eure Medien euch ersparen, die wir aber natürlich kennen), andererseits in internationalen Gremien darauf zu dringen, die eigenen Forderungen zu 100% ohne Beteiligung Israels erfüllt zu sehen (eine Art Versailler Vertrag für die Angegriffenen inklusive ethnischer Reinigung) – das ist nicht der Weg zum Frieden, sondern zu einer Zementierung des Kriegs.

Und diese eindeutig zu beobachtende Entwicklung, die international immer noch beschönigt, wegerklärt oder als wildromantisch geradezu bewundert wird, die ist es, die der israelischen Gesellschaft den Glauben an Frieden geraubt hat. Und damit die Bereitschaft, weitere Risiken einzugehen.

Seit Netanyahus Wahl 2009 ist tatsächlich zu beobachten, daß die israelische Gesellschaft sich verschanzt. Fast tägliche Terrorangriffe oder -versuche, die international traditionell nicht berichtet werden, organisierter Rufmord Israels durch BDS, die ständige und nie hinterfragte Diskriminierung Israels in internationalen Gremien wie Rotes Kreuz, FIFA, Internationales Olympisches Komittee und natürlich der UNO, die nur Israelis vorbehaltenen Proteste, wenn sie irgendwo singen, Tennnis spielen oder Kosmetika verkaufen wollen – das alles hat Israelis verbittert und viele von ihnen in eine Art Wagenburg-Mentalität gedrängt, die eigentlich gar nicht typisch ist für Israel.

Bis dahin war es eigentlich bemerkenswert, wie Israel trotz ständiger Angriffe noch friedensbereit blieb, wie Mitte-Links-Politiker mit diversen Friedensplänen (Rabin, Olmert, Livni, Lapid) auch in den letzten Jahren noch Wahlerfolge landen konnten, wie diese unerklärliche Mischung aus jüdischen Optimismus, Fatalismus und Sarkasmus die jüdischen Israelis noch so putzmunter erhielt.

Ich habe ja schon oft erklärt, daß es für Mitteleuropäer wie mich gar nicht nachzuvollziehen ist, wie tief die Erfahrung jahrhundertelanger Verfolgung, Diskriminierung, Bedrohung und Trauer um Verlorene in den jüdischen Knochen steckt. Trotzdem bereit zu sein, einer Deutschen wie mir offen und unvoreingenommen zu begegnen, trotzdem aus Mitgefühl mit den gequälten Syrern tätige einzugreifen und zu helfen, trotz allem wie eine Eins Haß und Gewalt gegen Palästinenser (wie die tag-mechir-Verbrechen) energisch zu verurteilen – das würden andere nicht bringen, das bringen nur Israelis.

In Deutschland brennen Flüchtlingslager und die Bevölkerung ist geteilt in „sind sie nicht niedlich, diese Flüchtlinge – hier, nimm einen Teddy“-Träumer und „dunkle Haut und kräftige Augenbrauen – das muß ein Terrorist sein“-Paniker, so daß die vernünftige Mitte einem, von außen betrachtend, wie eine bedrohte Spezies vorkommt. Es mag unwissenschaftlich und unseriös sein, aber aus dem Umgang der Deutschen mit der Flüchtlingsproblematik kann ich mir ableiten, wie sie mit einer Bedrohung der Größenordnung palästinensischen Terrors umgehen würden – ich mag es mir nicht ausmalen, aber es würde der israelischen Flexibilität und ihrem Maßhalten nicht entsprechen.

Wie viele sind für Opfer des Gazakriegs auf die Straße gegangen, Opfer, die dadurch sterben mußten, daß sie gezwungen wurden, dort zu bleiben, wo vorher Raketen auf israelische Zivilisten abgeschossen wurden, und das, obwohl Israel Flugblätter abwarf, per SMS und Anruf vor bevorstehenden Bombardierungen warnte und sogar extra Methoden entwickelte, „aufs Dach klopfen“, um die Bevölkerung nicht zu überraschen? Trotzdem wart ihr alle empört und saht in Israel Schlächter und Schinder.

Daß anderswo NATO, Russen oder Assad ohne Flugblätter und ohne weiteres einfach bombardieren – hm, wann habt ihr dagegen das letzte Mal protestiert? Obwohl weder Bürger der NATO noch Russen von irgendwelchen Raketen getroffen wurden. Da geht es um reine Machtpolitik, nicht um den Schutz der eigenen Bürger, aber okay, die Rolle des Bösewichts hat Israel nun mal, da rollen die Tränen um Gaza, richtet der Goldstone und wabern die Todenhöfer. Israel fühlt sich  international unverstanden, unfair beurteilt und alleingelassen.

All diese Tatsachen sind es, die Netanyahu zu Wahlsieg nach Wahlsieg verholfen haben. War er zuerst Zipi Livni zahlenmäßig noch unterlegen und konnte es nur aufgrund seiner besseren Fähigkeit, eine Koalition zusammenzubasteln, zum PM bringen, ist diese Zeit längst vorbei und er hat eine Regierung deutlich rechts der Mitte aufgebaut, die eigentlich für das auf Kooperation und Koalation aufgebaute israelische System untypisch ist. Wie ernst er sein Bekenntnis zur Zweistaatenlösung meinte und die oft wiederholten Einladungen an die Palästinenser zu Verhandlungen, weiß ich nicht – aber ihm muß schon klargewesen sein, daß solche Worte verpflichtend sind.

Obwohl wir nicht zu Netanyahus Wählern gehören, haben wir seinen Aufstieg mit gemäßigtem Optimismus gesehen. Schließlich weiß jeder in Israel, daß nur ein rechter PM Frieden machen kann, weil die Opposition mit ihm stimmen würde – bei einem linken PM würde die Opposition sich natürlich dagegen stemmen. (Die Rechts-Links-Bezeichnungen sind übrigens wenig hilfreiche Metaphern und ich würde sie eigentlich gern weglassen, aber wie lang kann so ein Eintrag werden….)

Das ist nicht eingetroffen. Die Obama-Regierung hat, aus welchen Motiven auch immer, die Bringschuld fast ausschließlich bei Israel gesehen, was Israel weiter verbittert hat. Die Kooperation Obamas mit der traditionell anti-israelischen UNO (dirigiert von muslimischen Staaten) hat zum Gefühl geführt, nicht nur von der EU zum Sündenbock erkoren worden zu sein (die ihre eigene kolonialistische Schuld fälschlich und unverschämt auf Israel projiziert), sondern jetzt auch noch von den USA.

Psychologisch gesehen ist es ein Wunder, daß Israel nicht noch viel verbitterter und gewaltbereiter ist. Vom Iran-Schlamassel fange ich erst gar nicht an. Alle unsere Grenzen sind für uns unüberschreitbar, aber bedroht. Wie lebt man so? In einem ständig bedrohten, von der Welt mißtrauisch-besserwisserisch beäugten Ghetto?

Damit kehre ich zum Anfang zurück: ich bin überzeugt davon, daß bei einem wirklichen Aufhören der Bedrohung Israels durch Terror und Gewalt auch die innerpolitische Landschaft in Israel wieder kompromißbereiter und optimistischer wird. Wenn Israelis sehen könnten, daß die Welt endlich begreift, wo seit 1929 der Hase im Pfeffer liegt, und daß der Terror im Interesser ALLER Beteiligten endlich aktiv und wirksam bekämpft wird, dann fielen viele Argumente für Siedlungen und Sicherheitspolitik weg.

Selbstverständlich haben die jüdischen Israelis kein Interesse daran, ihre Heiligtümer im Stammland Judäa in den Händen von Vandalen zu hinterlassen – die Schändungen der Synagogen im Gazastreifen, die wiederholten Angriffe auf das Josefsgrab sprechen ihre eigene brutale Sprache. Auch das Trauma der Zerstörung der Synagogen durch die Jordanier ist noch nicht vergessen. Die Belgier erinnern sich noch daran, wie in ihrem Land vor 100 Jahren gehaust wurde, warum sollten ausgerechnet die Juden, das Volk mit dem längsten Gedächtnis, vergessen, wie ihre Heiligtümer zuerstört wurden? Wer garantiert Israel, daß in einem Staat Palästina nicht nach zwei Jahren ein Daesh-Ableger an die Macht kommt und dann den heiligen Stätten in Judäa das Palmyra-Treatment angedeihen läßt? Könnt Ihr das garantieren?

Nein, die Wurzel allen Übels hier liegt auf der Seite des Terrors und der Gewalt. Alles, was von Israels „wohlmeinenden Kritikern“ beklagt wird, hat sich als Reaktion auf Terror und Gewalt entwickelt und wäre nicht notwendig gewesen. Die israelische Unabhängigkeitserklärung war ernstgemeint und ist das Äquivalent einer Verfassung. Die dort garantierten Rechte sind auch heute noch in Kraft. Der Krieg von 1948 wäre nicht notwendig gewesen, und wären in arabischen Dörfer nicht Scharfschützen postiert gewesen, hätte es vielleicht keine Räumungen gegeben. Und wäre ein echter Frieden möglich gewesen, dann hätten die freiwillig Geflohenen zurückkehren können.

Auch 1967 war überflüssig wie ein Kropf. Warum jetzt nach den sog, Grenzen vor dem Sechstagekrieg (die natürlich gar keine Grenzen waren, sondern einfach die Waffenstillstandslinien des Unabhängigkeitskriegs) drängen, wenn sie damals aufs Spiel gesetzt wurden?

Die Golanhöhen wären längst schon wieder in syrischer Hand, hätte Assad in seinen Verhandlungen nur einen Funken Kompromißbereitschaft bewiesen. Aber man kann Verhandlungen nicht führen, indem man von Anfang an sagt: das sind meine Forderungen, take it or leave it – and if you leave it, wait for terror!

Aber so „verhandelt“ Assad und so „verhandeln“ die Palästinenser. Warum hat Abbas die Versöhnung mit der Hamas gerade gegen Ablauf der Verhandlungszeit inszeniert, als er wußte, daß jetzt Butter bei die Fische muß? Weil er wußte, daß Israel die Verhandlungen dann abbricht und alle Welt Israel als schuldige Partei sieht. Rechnung aufgegangen! (Netanyahu hätte damals mMn deutlich mehr Geschick zeigen können, aber vielleicht hatte er keine Chance.)

Sie wollen nicht verhandeln, weil sie immer das Hintertürchen Terror offen haben. Wenn die Welt dieses Hintertürchen verschlösse, würde nach einer genügend langen Zeit der Stabilität und wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf beiden Seiten eine Bereitschaft zu echten Verhandlungen entstehen.

Die Pläne sind alle schon da. Olmert, Clinton, Barak, sie alle haben Landkarten gemalt und es gibt auch noch die Pläne der Genfer Initiative und Ayalons Volksbefragung. Jeder weiß, wie der Frieden aussehen muß. Faire und realistische Aufteilung der Gebiete mit Entschädigungen und Übergangsregelungen, Garantien der Friedfertigkeit, Schutz der Minderheiten und heiligen Stätten, und vor allem Verzicht auf Maximalforderungen.

Ich sage euch aber: solange die palästinensische Gesellschaft sich an Gewalt berauscht, wie sie es seit Jahrzehnten zunehmend tut, solange werden auch Links-Mitte-Zionisten wie ich nicht das Risiko eingehen, unseren einzigen internationalen Flughafen (unser einziges Tor zur Welt! denn die Grenzen sind zu) in die Reichweite von Terroristen zu bringen. Danke, Ihr erinnert Euch nicht mehr an Mombasa 2002, aber wir schon. Und alle anderen Risiken, die eine kein bißchen risikobereite Welt ständig von Israel fordert.

Nein, geht IHR erstmal das Risiko ein, bekämpft Terror energisch, auch den gegen Israel, ohne ihn als gerechtfertigten Widerstand zu beschönigen oder zuzulassen, daß er in Euren Medien einfach weggelassen wird. Lest israelische Zeitungen, informiert Euch per MEMRI, lest mal ein paar Nasrallah-Reden und seht Euch die Feiern bei den Palästinensern an, wenn ein Terrorist empfangen wird.

Und wenn Ihr das getan habt, und wenn Ihr dann dafür gesorgt habt, daß Euer Steuergeld nicht in Terrortunnel oder Raketen fließt, dann sehen wir uns wieder.

Das alles hätte ich Steinmeiern gern gesagt, aber er hätte es vermutlich sowieso nicht geglaubt. Es ist ja immer einfacher, Israel zu mahnen als aktiv die Gefahren, in denen Israelis täglich leben und die ihre Weltwahrnehmung prägen, zu bekämpfen. Darum ist es vermutlich gut, daß ich vorher aufgewacht bin und die gute Stimmung zwischen mir und ihm nicht getrübt wurde.

PS: ich diskutiere nicht mehr mit Leuten, die nicht wissen, was die drei Neins von Khartoum waren, die nicht wissen, daß Arafats Umgebung gestanden hat, die Intifada II bewußt losgetreten zu haben, die keine Reden Nasrallahs kennen und nie vom Olmert-Plan gehört haben. Die an eine systematische Vertreibung der Palästinenser glauben, daran, daß die Juden hier nur zu Gast sind oder daß Israel Apartheid praktiziert. Leute, die nur in Schlagwörtern und Klischees denken, die aber keinerlei Kenntnis von Land und Leuten haben, sind keine Diskussionspartner.

Das ist Zeitverschwendung, die ich mir lang genug geleistet habe. Informiert Euch. Ich habe hier auf Runholt genügend Links gesetzt, und es gibt auch noch Onkel Google.

Nach 32 Tagen Miluim… August 24, 2014, 21:24

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…. sagen ein paar Soldaten Danke.

Sie bedanken sich bei allen, die ihren Aufenthalt im Süden angenehm gestaltet haben – besonders den vielen Bürgern, von denen sie beschenkt und versorgt wurden.

Dieser Clip zeigt gleichzeitig ziemlich viele Aspekte der israelischen Mentalität und Armee. Es sind Miluim-Soldaten, also Reservisten, die älter sind als reguläre Soldaten, erfahrener, gelassener und keine Jungens mehr. Sie sind meistens eine eingeschworene Gemeinschaft, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg zusammen Miluim macht, sich kennt und locker miteinander umgeht.

Im Gegensatz zu anderen Armeen ist die israelische, und ganz besonders bei den Miluimnikim, der Umgang locker, die Uniformen sind schlampig und ungebügelt, und die Hierarchien sind flach. Zackigkeit, zwanghafte Rituale wie Spindkontrolle und ähnliche Spirenzchen gibt es nicht – nur in der Grundausbildung, wenn aus Schulkindern Soldaten und Soldatinnen werden, wird der Unterschied mit dem zivilen Leben deutlich gemacht, aber nach der großen Party des „Distanz-Bruchs“ ist es damit vorbei. Allerdings müssen reguläre Soldaten bestimmte Kleidungsvorschriften einhalten, aber auch sie laufen oft in ungebügelten Uniformen rum.

Einmal, als Y. in wirklich total zerknitterter Montur zum Miluim fuhr, wollte ich protestieren, doch er grinste nur und meinte: in unserer Basis laufen keine regulären Soldaten rum, da brauch ich mir keine Mühe zu geben. Nur seine roten Stiefel hat er stets gut in Schuß gehalten.

Man sieht den Männern an, daß sie seit über einem Monat irgendwo im Süden campieren, aber auch bei normalem Miluim laufen sie so rum, unrasiert, Hemd aus der Hose, zerstrubbelt.

Und sie haben Humor und Lebensfreude. Etwas, das ganz viele Israelis einfach so ausstrahlen. Egal wie miserabel die Lage ist, man meckert erstmal gründlich und dann sucht man die Seiten, über die man lachen kann und sich freuen. So wie diese Soldaten nach 32 Tagen zwischen Mörsergranaten und Bodenoffensive sich gern bedanken möchten bei denen, die ihnen die Zeit erleichtert haben.

Wenn sie nach Hause kommen, ziehen sie die Uniform aus und gehen wieder ins Geschäft, in die Schule, in die Firma oder aufs Feld. Und wenn das nächste Mal der Brief mit dem dreieckigen Stempel kommt, na dann holen sie wieder die Uniform raus, putzen den Staub von den Stiefeln und packen ihren Kram, um wieder für Israel zu kämpfen. Ohne Haß, ohne Kampfparolen, ohne Prahlerei. Wenn man sie fragt, warum eigentlich?, dann würde vermutlich bei den meisten die Antwort lauten: ki ein breira – weil wir keine Wahl haben.

Ich hoffe, daß Leute, die diesen Clip sehen, verstehen, warum wir uns so auf die Armee verlassen. Auf diesen Männern (und Frauen) ruht Israels Überleben seit Jahrzehnten. Wir wissen das.

(Clip zuerst gesehen: hier)

Und kurze Zeit später – eine Ergänzung.

Was sehe ich beim unschlagbar aktuellen und interessanten Elder of Zion? Ein Soldat, der erzählt, wie es ist, gegen die Hamas zu kämpfen.

Tageszeitung Juli 24, 2014, 13:31

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Der Kaffee bei meiner Mutter ist um Klassen besser als der zuhause, das macht das Frühstück wunderbar. Aber die Tageszeitung macht den Genuß wieder zunichte. Heute lasen die Nachbarn und Freunde meiner Mutter als Kommentar zur Lage einen Artikel von Joachim Zinsen mit der folgenden Überschrift:

Was zu kritisieren ist – Israel, der Gaza-Krieg und die Reaktionen darauf

Was zu kritisieren ist? Die Anspielung ist überdeutlich. Was gesagt werden muß. Grass läßt grüßen.

Zuerst setzt Zinsen sich scharf vom Gejohle gegen Israel ab.

Über den Charakter von Hetzparolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“ oder „Gestern angeblich Opfer, heute Täter“ erübrigt sich jede Debatte. Sie sind antisemitisch. Jeder, der solche Sprüche skandiert, propagiert Rassenhass, gehört gesellschaftlich geächtet.

Beifall von der falschen Seite schätzt der Israel-Kritiker nicht.

Wer die Politik israelischer Regierungen gegenüber den Palästinensern scharf kritisiert, sieht sich schnell von Gestalten umgeben, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will. So ergeht es derzeit der Linkspartei.

Doch das ist nicht das einzige Problem, das ihn plagt.

Andererseits gibt es ein Phänomen, das ebenfalls fast jeder Kritiker der israelischen Politik schon erlebt hat. Macht er den Mund auf, schlägt die deutsche Israel-Lobby mit der Antisemitismus-Keule zu. Selbst wohlabgewogene Aussagen werden oft bewusst zu einer verkappten Form des Judenhasses uminterpretiert. Das Ziel ist offensichtlich: Zum einen soll vom Kern der Kritik abgelenkt und die öffentliche Debatte umgelenkt werden. Zum anderen sollen Kritiker eingeschüchtert werden.

Ob die wohlabgewogenen Äußerungen wirklich über jeder Kritik schweben und nicht doch Ressentiments füttern oder Äpfel mit Birnen vergleichen? Darf man das nicht untersuchen, ohne den Israel-Kritiker schwer zu kränken? Zinsen meint wohl, die gute Absicht reicht.

Um sich dann mit Wonne der Israel-Kritik zu widmen.

In diesem Spannungsfeld wird Kritik an der israelischen Regierung schnell zu einer Gratwanderung. Und doch ist sie berechtigt. Gerade jetzt, wo die Gewalt wieder einmal eskaliert. Ja, was die israelische Armee derzeit im Gaza-Streifen treibt, ist blindwütig und maßlos, hat mit Selbstverteidigung nichts mehr zu tun.

Blindwütig und maßlos? Was sind denn das für irrationale, emotional aufgeladene Adjektive, Herr Zinsen? Was die Armee dort „treibt“? Das nennt er wohlabgewogene Kritik, die man nicht kritisieren darf, ohne sofort als Keulenträger bezeichnet zu werden? Dann möchte ich Zinsen nicht in weniger wohlabgewogenem Vokabular erleben.

Weiß Zinsen nichts von der Schutzschild-Politik der Hamas, nichts von den Feuerpause-Angeboten der israelischen Regierung, nichts von den Warnungen an die Zivilbevölkerung? Ist er so weit von jedem militärischen Wissen entfernt, daß ihm überhaupt nicht klar ist, wie viele Opfer es bei blindwütigem und maßlosem Treiben der Armee gäbe? Dann wären die Zahlen nicht dreistellig, ja nicht einmal vierstellig. Doch, von der Schutzschild-Taktik weiß er, aber er glaubt es nicht. Er hält es für eine Lüge der israelischen Regierung.

Anders als Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ständig behauptet, ist dort die Zahl der palästinensischen Opfer nicht so hoch, weil die Hamas Zivilisten als lebende Schutzschilde benutzt. Nein, die Menschen in Gaza sterben, weil sie den Angriffen der israelischen Armee nicht ausweichen können.

Und warum können sie nicht ausweichen? Weil es keine Schutzräume gibt. Weil dank Terror die Grenzzugänge geschlossen sind. Weil Ägypten die Grenze ebenfalls nicht öffnet, obwohl Ägypten nicht von Raketen aus dem Gazastreifen betroffen ist. Doch für Zinsen gibt es nur einen Schuldigen.

Auf beiden Seiten herrschen Rassisten, die sich gegenseitig in die Karten spielen. Denn auch nach diesem Krieg wird es sein wie nach den vorherigen: Aus den Gräbern der Opfern wächst neuer Hass. Hass, der immer mehr Menschen in das Lager der Radikalen, der Nationalisten, der Unversöhnlichen treibt. Die Folgen sind absehbar: Der Strudel der Gewalt wird abertausende weitere Palästinenser in den Tod ziehen. Israels Blutzoll wird angesichts seiner gewaltigen militärischen Überlegenheit zwar niedriger sein. Doch das Land wird langfristig als demokratischer Staat nicht überleben.

Was soll man dazu noch sagen? Zinsen wäre glücklich, wenn er Israel den Status als Demokratie absprechen könnte. Weiter kann man die Äquidistanz nicht treiben. Den Bombenterror auf israelische Dörfer und Städte, die Tunnel, vorher die Bombengürtel – das alles ist ihm kein Wort wert.

Auf die Spitze treibt dann für die Leser der Aachener Nachrichten Valerie Barsig mit einem im Internet nicht auffindbaren Interview, ganzseitig präsentiert. Darin äußert sich ein linker, friedfertiger israelischer Musiker, der seit Jahren in Deutschland lebt, in den genehmen Formeln: beide Seiten… beide Seiten… beide Seiten… Um nur ja das bequeme Weltbild der AN-Leser nicht zu zerstören. Wie schräg es ist, eine gesetzlose Bande von Terroristen, die seit Jahren Zivilisten beschießen, und einen demokratischen Staat, der seine Bürger schutzen muß, moralisch gleichzusetzen, ist weder den Schreibern noch ihren Lesern richtig klar, da sie diese Routine nie hinterfragen.

Viele der Tatsachen, die ich hier im Blog erwähne, sind Menschen, die sich allein aus der Tageszeitung informieren, schlicht unbekant. Sie werden nicht erwähnt. Eine ganze Seite wird den freundlichen Phrasen eines linken israelischen Musikers gewidmet, doch genauere Informationen über das Tunnelsystem z.B. fehlen ganz. Auch die ständigen Alarme in Israel, die ich per Internet verfolge, bleiben in der Zeitung, die ich seit einer Woche lese, unerwähnt.

Kurz, es wundert mich nicht, daß die Menschen hier denken, was sie denken.

Ein Gegengift:

 

Den Koffer am ein am packen Juli 17, 2014, 13:32

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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bin ich gerade. Heute nacht fliegen Quarta und ich. Die Gegend hier ist so schön, wenn ich ums Dorf gehe, gucke ich das Meer an und die Berge und finde alles so schön. Die Klippschliefer dösen, die Vögel picken nach wie vor wie wild an unserer beschichteten, reflektierenden Fensterreihe, und die Kater herrschen über uns mit träger, lässiger Pfote.

Aber die Hitze, die Hitze. Ich freue mich auf den grünen und gepflegten Garten meiner Mutter (meiner ist das genaue Gegenteil), auf einen hoffentlich bedeckten Himmel – und auf die Menschen, die mir fehlen.

Mal gucken, wie viel Zeit ich zum Bloggen finden werde. Aber noch bin ich, wie gesagt, am de janze Driß in de Täsch am ein am packen.

We cease, they fire Juli 15, 2014, 12:33

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Immerhin hat die Hamas diesmal ehrlich gesagt, daß sie an einer Feuerpause nicht interessiert ist.

Israel hat das Feuer eingestellt, die Hamas feuert weiter.

Ob das manchen zum Nachdenken bewegen kann, der bisher immer geglaubt hat, daß Israel der Angreifer ist – oder zumindest genauso aggressiv wie die Hamas? Ich muß sagen, daß ich in den letzten Tagen mehr und mehr Artikel in deutschen Medien gelesen habe, die tatsächlich erkannt haben, wie groß der Unterschied ist.

Die Hamas feuert bewußt ihre größeren Raketen ab, die bis in die Nähe von Haifa kommen.

Diesmal gab es also auch in unserem alten Kibbuz Alarm…. wo Secundus lebt, meine Schwiegermutter und meine beste Freundin. Kein Fleckchen mehr, außer vielleicht der Gegend um Tiberias, wo es noch keinen Alarm gab.

Y.s Mutter lebt seit vielen Jahren mit einem sehr netten, aber auch ziemlich kranken Mann zusammen. Einen mamad haben sie nicht, darum haben sie sich in das kleine Zimmer mit den wenigsten Fenstern begeben, über ihnen eine Gipsdecke, ein paar Balken und Ziegel. Nicht sehr solide. Sie haben die zehn Minuten damit verbracht, sich zu streiten: er wollte, daß meine fitte Schwiegermutter zum Luftschutzbunker sprintet, der für ihn nicht erreichbar war – sie hat das weit von sich gewiesen und gemeint, sie bleibt bei ihm. Nein, das war ihm nicht recht. So gingen die zehn Minuten vorbei.

Meine Freundin war in dem Bunker, den meine liebe Schwiegermutter verschmäht hat. Er liegt bei den Kinderhäusern (die eigene Bunker haben), und sie hat unterwegs viel Kinderweinen gehört. Die Kinder hatten Angst.

Secundus war mit seinen Kollegen in einem anderen Bunker, mit denen der Kibbuz ja gesegnet ist. Normalerweise probt dort eine Band. Zwischen Gitarren, Schlagzeug und Mikrofonen haben sie abgewartet, bis der Alarm vorbei war.

Ich erzähle Secundus, daß ich den Livestream vom WM-Triumphzug in Berlin gucke. Im Hintergrund höre ich die Freudengesänge. Secundus ist natürlich sehr stolz auf den großen Erfolg, er war ja schon ein Schweinsteiger-Fan, als der noch in der Jugendmannschaft spielte. Wir unterhalten uns kurz, dann muß er weiterarbeiten.

Nie, nie, nie ist mir der Abgrund größer vorgekommen zwischen meiner alten Heimat und meiner neuen. Ich freue mich über den Jubel auf den Straßen von Berlin und freue mich über den sportlichen Erfolg und darüber, daß die sympathische Mannschaft überall nicht nur mit Toren, sondern auch mit Charakter gewonnen hat. Ich gönne es allen, die dort jubeln. Freu mich ja mit und bin wie eine Verrückte vom Sofa gesprungen, als Götze das Tor geschossen hat.

Wir leben so anders, so anders. Wie würde ich so einen leichtherzigen, frohen, stolzen Jubel mal den Israelis gönnen. Was uns verbindet, sind Momente der überwältigenden Trauer oder Sorge oder der Bewährung in schweren Stunden. Das schweißt auch zusammen, wenn man in Trauer zusammen singt. Aber vor lauter Freude – das muß schön sein.

Neues Juli 13, 2014, 15:50

Posted by Lila in Uncategorized.
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Es klingt zynisch, wenn man die Bilder der Flüchtenden oder auf Trümmern sitzenden Menschen sieht – aber Israel versucht irgendwie, die Balance zwischen Krieg mit der Hamas und Erbarmen mit den Zivilisten zu halten.

More than 300 Palestinians with foreign citizenship have been evacuated from the Gaza Strip. Meanwhile 50 truckloads of food, 120 tons of gas and 376,000 liters of fuel were shipped into Gaza through the Kerem Shalom border crossing.

Ihr könnt sagen, das ist nicht viel – aber es ist mehr, als die Hamas uns gönnen würde, wären die Verhältnisse umgekehrt… und Wasser und Strom bekommen sie von uns all die Jahre, während sie uns beschießen. Just sayin´.

In Nahariya und hier in der Gegend war wieder Alarm, aber nicht bei uns im Dorf.

Später: Im Fernsehen heißt es, daß eine Rakete von Gaza bis Nahariya geflogen ist – das kommt mir irrwitzig vor, vielleicht hab ich was nicht verstanden, hatte gerade den Kopf in der Waschmaschine 🙂 Aber wenn, dann wäre da ja wirklich – da ist schon Jaki Sabag am Telefon, der Bürgermeister von Nahariya, der sagt, er weiß auch nichts, aber Nahariya ist bereit. Ja, die Bewohner des Nordens sind Beschuß gewöhnt, wir ja, hust hust, nicht ganz so, als Zugezogene – aber wir sind lernfähig.

Noch etwas später: Bei Haifa hat Kipat barzel eine Rakete abgeschossen. Ich glaube, ich weiß auch, wo das war 🙂 sie sagen es ja oft nicht genau, um nicht noch den Kerlen im Süden zu helfen.

Ehud Yaari sagt, Hamas sucht nach Wegen und Umwegen, um eine Feuerpause zu erwirken. Hamas will die Ägypter nicht, die wollen auch selbst nicht, sie haben Mashal in die Türkei geschickt, damit Erdogan andere Vermittler sucht. Ja, das geht um x Ecken. Hamas besteht aber auf denselben Bedingungen wie vorher: sie wollen belohnt werden. Die alten Abmachungen sollen wiederbelebt werden, die wieder verhafteten Freigelassenen des Shalit-Deals sollen wieder freigelassen werden, und offene Grenzübergänge.

Es ist klar, daß die israelische Regierung darauf nicht eingehen kann – sie hat nicht die Absicht, sich von der Hamas Bedingungen diktieren zu lassen. Der Druck auf Hamas wird weitergehen, bis sie mit dem Preis runtergehen. Logik der Machtkämpfe. Ich hasse es und würde im Privatleben nicht so handeln mögen. Noch dazu geht es um Menschenleben. Wie manövriert man, um nicht nur aus dem Morast von heute rauszukommen, sondern auch den nächsten Morast zu verhindern?????

17:13

Das ist einmalig: am Samstag kommt die Rakete aus dem Libanon – am Sonntag kommt sie aus dem Gazastreifen. Da können die Palästinenser im Libanon und die im Gazastreifen ja wie Harry Potter und Voldemort ihre Waffen gegenseitig neutralisieren…. verrückt, wirklich.

17:33

Update von der Armee: die Rakete ist vom Gazastreifen bis Haifa geflogen, nicht weiter. Das Alarmsystem war überempfindlich. Na mal gucken, was wir noch hören werden über diese Rätsel-Rakete…

Zivilschutz Juli 13, 2014, 13:55

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Ich habe schon in den Kommentaren dazu was geschrieben, aber für die Leser, die die Kommentare nicht lesen, wiederhole ich mich noch einmal. Was ist mit dem Schutzraum gemeint, den ich so oft erwähne?

Wir haben einen mamad, also einen extra Raum im Haus, der stahlbetonverstärkt ist, mit Stahltür und Stahl-Fensterläden. Allerdings ohne Gas-Ausrüstung.

Unsere Hausherrin hat den mamad gebaut bzw verstärken lassen, nachdem sie ihren Mann durch eine Katyusha-Rakete im Libanonkrieg II verloren hat (Kfar Giladi – er war der hochrangigste Offizier der Gruppe, die damals gestorben ist). Darum hat sich die Wände noch dicker bauen lassen als vorgeschrieben. Mein Eindruck ist, daß das ganze Haus äußerst solide gebaut ist – im Gegensatz zur sonstigen Ytong-Bauweise sind hier die Wände aus Beton, die Decken auch. Man kriegt keinen Dübel rein.

Wie in dieser Gegend vorgeschrieben, ist unser Mamad in Richtung Süden gebaut. Zwischen uns und der libanesischen Grenze liegen in unserem Fall drei kräftige Wände. Das Dach ist über der Mamad flach, das könnte ein Risiko sein – über der Mamad, die ein Anbau ist, befindet sich kein zweites Stockwerk wie über dem Rest des Erdgeschosses.

Soweit ich weiß, sind in Israel noch nie Menschen, die den Mamad vorschriftsmäßig genutzt haben, ums Leben gekommen.

Überdies befindet sich direkt hinter unserem Gartentor der Eingang zu einem altmodischen, soliden unterirdischen Bunker, der den Bewohnern dieser Ecke des Dorfs gedient hat, bevor nur noch mit Mamad gebaut werden durfte.

Im Kibbuz gab es nur solche Bunker, keine Mamadim. Deswegen war 2006 für mich seelisch schwieriger, obwohl es damals nur einen Alarm bei uns gab (den wir nicht mehr mitgekriegt haben, wel wir verreist waren – wieder mal die Sommerferien bei meiner Mutter). Aber das Gefühl, daß nur ein paar Holzbalken und Ziegeln zwischen uns und einer Rakete liegen, war äußerst, äußerst unangenehm. Der Bunker war weit weg, das Treppenhaus offen und mit Glasfenstern verziert, es war ein wirklich ekliges Gefühl.

Auf den Mamad verlaß ich mich, wie ganz Israel. Die Dinger bewähren sich einfach, wie kipat barzel. Es gibt keine 100%ige Sicherheit, aber wenn man das Risiko auf erträgliche Prozentzahlen gedrückt hat, kann man es vergessen und normal weiterleben.

Man kann viel in Israel beklagen – die Bürokratie, den Straßenverkehr, die Preispolitik einiger Monopolisten, es gibt hier genauso viel Grund zur Klage wie in anderen Ländern. Aber was Sicherheit, Zivilschutz und Sorge ums Leben angeht, sind die Israelis unübertroffen. Nicht aus sturem Sicherheitssinn – Israelis geht Freiheit über alles und vermutlich würde bei einer Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit in Israel die Freiheit siegen.

Es ist eine Mischung aus Verpflichtung zum obersten Wert der jüdischen Tradition (ich sage mich Absicht nicht Glaube, denn auch ungläubige Juden ehren diesen Wert) – dem Schutz und der Bewahrung menschlichen Lebens – und dem kühlen Pragmatismus, der weiß, daß Israels Feinde nicht schlummern noch schlafen. (Shomer Yisrael auch nicht, was sehr gut so ist.)

Diese Mischung ist vermutlich der Schlüssel zu allem, was in Israel erfolgreich und gut ist. Ob es Medizin-Technologie ist, sehr weitgehende Unterstützung von Individuen mit Kinderwunsch, die große Akzeptanz für Kinder und Familie, das humanitäre Engagement und die Bereitschaft zu helfen, die auch Haniyas Enkelin, arabische Kinder aus aller Welt, verletzte Terroristen und verletzte Feinde wie Syrer umfassen. Israelische Ärzte und Feldhospitäler und Rettungskräfte sind überall auf der Welt die ersten, die ankommen und helfen, ob Haiti oder Türkei oder Japan oder Indonesien.

Und darum ist der Zivilschutz in Israel so gut. Auch um den Preis, im Opferzahl-Wettkampf mit den Palästinensern immer wieder den kürzeren zu ziehen. aber das ist es wert.

Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt, heißt das Motto.

Doch es gibt immer noch viele alte Häuser ohne Mamad, und nicht alle Bunker waren gebrauchstüchtig im letzten Krieg, es gibt immer wieder Probleme mit leichtfertigen Bürgermeistern…. So wie in Nazareth 2006 der Bürgermeister (Araber wohlgemerkt) die Sirenen abgeschaltet hatte, weil er die Gedenk-Sirenen am Gedenktag seinen Bürgern nicht zumuten wollte – und dann gab es Todesopfer. Das war dann natürlich Israel schuld………..

Und hier sind die Bilder.

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Ich habe es neulich schon einmal erwähnt: der Zivilschutz (pikud ha oref – „Nackenschutz“ – oder Heimatfront-Kommando) blendet immer deutlich ein, wo es gerade Alarm gibt. Der Buchstabe bezieht sich auf die Gegend (z.B. Negev) und die Zahl zeigt dann genauer an, wo im Negev.

Wir sind wie gesagt in der 0-Sekunden-Kante in Alarmbraun gaaaanz oben links. Confrontation line. Wenn wir die Sirene hören, ist es eigentlich schon fast zu spät, so nah sind wir an der Grenze (4 km).

So sieht man also immer, wo gerade Alarm ist. Die Lebensgefährtin meines Schwiegervaters hat eine App, die immer quietscht und trällert, wenn gerade irgendwo Alarm ist.

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Das ist die Stahltür in den Schutzraum.

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Die Türzarge – ich hab nicht nachgemessen, wie dick diese Stahlbetonwände sind, aber sie sind sehr dick. Deswegen hat Tertia sich dieses Zimmer sofort ausgesucht – es ist geräumig, hell, das letzte Zimmer im Korridor der Kinderzimmer, und wenn sie die Tür zumacht, hört sie nichts mehr von ihren nervigen Angehörigen.

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Die Stahl-Läden von außen:

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Da bin ich gestern noch schnell hingelaufen, um diese Läden zu schließen. Verriegelt werden können sie nur von innen.

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Ja, unser Garten ist schon total vertrocknet, ich gieße nur die Kräuter……… seht darüber hinweg bitte….  – aber das da hinten ist der Stahl-Laden, der geschlossen werden muß. Hinter dem Dach des Nachbarhauses erkennt man Hügel – nicht sehr weit dahinter verläuft die Grenze.

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Das ist der Blick von Tertias Zimmer, dem Schutzraum, über das Gartentor hinweg – und da ist schon der Dorfbunker, den wir nicht brauchen, weil wir den mamad haben. Die Nachbarn in alten, nicht renovierten Häusern haben es nicht so gut – und ich hoffe, der Bunker ist offen und funktionsfähig.

Ich hoffe, Ihr habt jetzt eine bessere Vorstellung von diesem Raum. Die Anweisung lautet: bei Ertönen der Sirene oder Aufleuchten unserer Gegend sofort in den Schutzraum, alles verrammeln, dort 10 Minuten bleiben – falls eine Salve gefeuert wird, gibt es keinen extra Alarm innerhalb dieser zehn Minuten. Wenn nach dieser Spanne alles still ist, kann man davon ausgehen, daß die Gefahr vorbei ist.

Wenn man bei Alarm draußen ist, soll man sich nicht hinkauern, wie man es auf Bildern oft sieht, sondern sich flach hinlegen und den Kopf mit den Armen schützen. Trotzdem ist heute ein 16jähriger sehr schwer verletzt worden, weil er von einer Rakete in seiner Nähe verletzt wurde.

Das alles ist überhaupt kein Vergleich mit dem, was die Palästinenser durchmachen. Alle 4 Minuten wird dort gebombt, und egal wie präzise die Schläge aus Perspektive der Armee sind – wenn man neben einem Haus wohnt, das gerade in die Luft gejagt wird, kommt es einem garantiert nicht mehr chirurgisch vor. Mir tun die Eltern von Kindern so leid – sie können sie nicht schützen, nicht beruhigen. Es ist schlimm.

Ich erinnere mich zurück an die Bilder der Knafe-futternden Menschen im Gazastreifen und möchte in diese Bilder zurücktauchen und brüllen: bejubelt es nicht, wir fallen ins Kaninchenloch, distanziert euch, vergrößert den Graben nicht! laßt nicht zu, daß die Hamas euch benutzt! Doch es wäre sinnlos gewesen, die Hamas hat zwar an Macht verloren, aber sie herrscht noch immer mit einer Mischung aus Propaganda und Druck. Und gestern abend hat es die Hamas wieder geschafft, nach ihrer nicht sehr fürchterlichen Salve… die Eisenkuppel überfordern sollte…was sie nicht konnte… und doch gingen Palästinenser auf die Straße wie Jubelperser – und jubelten. Während in Tel Aviv sich die Cafes wieder füllten, gab es Siegjubel in Gaza. Absurd.

Und der Gipfel: auch in Hebron jubeln die Palästinenser, wenn bei uns Raketen fallen. Als wollten sie uns mit Unterschrift und Siegel bestätigen: ja, wenn wir nur könnten, würden wir gern jeden Tag Raketen auf Tel Aviv und Jerusalem fallen sehen! Ja, wir haben schon irre Pläne mit den Gebieten, die ihr räumen werdet! Wir lieben Abschußrampen!

Zivilschutz ist gut – ihn nicht brauchen ist noch besser.