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Unerträgliche Gewalt, und ein Strom Erinnerungen August 28, 2019, 9:16

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kinder, Persönliches, Uncategorized.
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In den letzten Monaten wird Israel von immer neuen Fällen grauenhafter Gewalt gegen Kinder in Kindergärten erschüttert. Seit fast überall Kameras installiert sind (oder installiert wurden, nachdem Eltern das Verhalten ihrer Kinder seltsam vorkam), werden Vorfälle sichtbar, die früher nie aufgefallen wären.

Es fällt auf, daß es sich dabei überwiegend um schlecht oder gar nicht ausgebildete Frauen handelt, die private Einrichtungen betreiben. Obwohl es ein Gesetz gibt, das die regelmäßige Überwachung des Ministeriums für Bildung und Erziehung vorschreibt, gilt das nicht für Kleinkind-Aufbewahrungsanstalten unterhalb einer bestimmten Größe. Oft arbeitet dort eine Frau allein oder zwei, beide unausgebildet, überfordert, mit so viel Kindern, wie die Geldgier in die Einrichtung holt.

Ich habe jahrelang in Kinderhäusern des Kibbuz gearbeitet, und alle meine Kinder waren selbst im Kinderhaus. Zu meiner Zeit waren noch keine Besuche vom Amt üblich, die Kibbuz-Erziehung regulierte sich selbst. Erst als ich schon außerhalb arbeitete, änderte sich der Status der Kinderhäuser, und die Frau vom Amt kam regelmäßig. (Im Fall des Kibbuz-Kindergartens hatte das zur Folge, daß sie einen komplett überflüssigen, aber sehr teuren Metallzaun forderte, obwohl alle Kinderhäuser mitten im Kibbuz liegen – außerdem beförderte sie einige liebe alte Kibbuz-Traditionen in den Müll, und da die Kindergärtnerin zu der Zeit selbst von draußen kam, kämpfte sie auch nicht darum – bin ich heute noch sauer drüber, aber Schwamm drüber).

Wir waren immer zu viert, hatten oft noch eine Schülerin als Hilfe. Mindestens zwei im Team waren voll ausgebildet (vier Jahre Studium an der PH, Abschluß mindestens Dipl-Päd, oft dazu noch B.Ed. oder auch M.Ed. in Frühpädagogik), die anderen wurden oft zu kurzen Kursen geschickt (ich habe z.B, mal einen kurzen Kurs über musikalische Früherziehung gemacht, was ich später im Studium als zusätzlichen Kurs vertieft habe, obwohl es nicht zu meinem Fach gehörte, aber die Dozentin war DIE Koryphäe Israels zum Thema).

Im Kibbuz ist es auch so, daß ständig Leute in den Kindergarten zu Besuch kommen. Die Oma kommt vorbei, der Bruder, die Freundin der Kindergärtnerin, und es gibt die Situation mit dem hermetisch geschlossenen Raum nicht, in dem nur hilflose Kinder und eine überforderte Frau ohne Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder sind.

Der Kibbuz sah alle pädagogischen Berufe als besonders wertvoll an und nicht jeder Bewerber, der vom Kibbuz zum Studium geschickt werden wollte, wurde auch unterstützt. Daß ich mit der ersten Bewerbung vom Kibbuz als Studentin angenommen und zum Studium geschickt wurde, war eine echte Ehre und es hat mich enorm motiviert.

Kindergärtnerin (ich benutze das Wort übrigens bewußt, da das hebräische Wort tatsächlich Gärtnerin ist, ganenet) galt damals, ich weiß nicht, wie es heute ist, als hoch respektierte, verantwortungsvolle Arbeit. Über jemanden zu sagen, „sie ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin“ bedeutete Ehre.

Im Kibbuz gibt es einen Erziehungsausschuß, dem Männer und Frauen angehören, die regelmäßig alle Kinderhäuser besuchen und mit dem pädagogischen Team wichtige Entscheidung treffen. Zu meiner Zeit wußte jeder im Kibbuz, wer den Ausschuß gerade leitet, er galt als einer der wichtigsten überhaupt. (Mein Schwiegervater hat das eine Zeitlang gemacht). Für das „zarte Alter“ gibt es immer eine extra Verantwortliche, immer ausgebildete Pädagogin und meines Wissens bisher immer weiblich, die bei Problemen immer dabei ist.

Einmal alle sechs Wochen hatten wir Besuch von einer Kinderpsychologin „von draußen“, die auch in der pädagogischen Station der PH arbeitete. Eltern und Team konnten um die Beobachtung einzelner Kinder bitten, wenn sie das Gefühl hatten, sie brauchten Hilfe.

Regelmäßig kam die Tanzpädagogin und lud Kinder in ihr Zentrum ein (sie ist eine Kindheitsfreundin von Y.s jüngster Tante und war immer besonders nett zu unseren Kindern, die alle gerne in ihrem Zentrum war – das ich Kibbuzbesuchern immer noch gern zeige). Ebenso die Kunsttherapeutin, und, als er noch gesund war, der Logopäde des Kibbuz.

Mindestens einmal die Woche arbeiteten Eltern einen Tag lang mit, und oft kamen Großeltern, um mit den Kindern zu backen oder ihnen was vorzulesen.

Es ist kein Wunder, daß ich mich Hals über Kopf in diese Umgebung verliebt habe und mein Traum war, eigene Kinder dort aufwachsen zu sehen.

Und doch. Ich erinnere mich, daß eine der Kindergärtnerinnen, mit denen ich gearbeitet habe, zwar ausgebildete Pädagogin war, aber eigentlich keine Kinder mochte. Alles, was die Kinder taten, war ihr zum Tort. Das war kein großer Kindergarten (gan), sondern ein kleiner (ganon) mit 12 Kindern und einem Team von vier. Ich habe noch ihre nörgelnde Stimme im Ohr, die auch meiner Mutter sofort auffiel. Sie führte den Kindergarten ordentlich, die Kinder bekamen alle Aktivitäten geboten, die sie gern mochten, der Kibbuz-Kinderhaus-Tagesablauf wurde eingehalten, aber die Atmosphäre war mies, besonders im Vergleich zu anderen Kinderhäusern, wo Leute arbeiteten, die Spaß an der Arbeit und an den Kindern hatten. (Die erste Kindergärtnerin, mit der ich als Volunteer schon arbeitete, hat später Sonderpädagogik studiert und war eine der besten Pädagoginnen, die ich je getroffen habe).

Hat diese mißmutige Frau den Kindern Schaden zufügt? Ich weiß es nicht. Sie müssen gespürt haben, daß sie für Tränen, Wutanfälle oder Kinderstreit kein Verständnis hatte und einige der Kinder wirklich nicht mochte. Wie lange hat sie in der Erziehung gearbeitet? Drei Jahre? Vier? (Heute arbeitet sie längst in einem Bürojob außerhalb des Kibbuz, Personalleiterin irgendwo, hoffentlich mag sie die Leute dort lieber als die Kinder). Wie wichtig war ihre Rolle, verglichen mit den anderen Mitarbeiterinnen, die auch viel mit den Kindern zu tun hatten, und der Galaxie von Menschen, die um die Kinder kreisten?

Dann erinnere ich mich an eine im Kibbuz hoch angesehene Frau, sehr intelligent und theoretisch sehr beschlagen. Ich erinnere mich, wie ich als ungelernte junge Mutter in ihrem Kindergarten arbeitete (es war einer der drei Kindergärten fürs Vorschulalter, knapp unter 30 Kinder zwischen viereinhalb und sechs Jahren). Ich interessierte mich damals schon für Kinderkunst, und sie gab mir sehr gute Erklärungen dazu (ich habe das Thema später selbst studiert und eine Zeitlang auch unterrichtet – die Expertin für das Thema an der PH hätte mich gern als Nachfolgerin gesehen und ich  habe eine Rede auf sie gehalten, als sie pensioniert wurde). In vieler Hinsicht habe ich sie bewundert. In ihrem Kindergarten habe ich den Krieg von 1991 verbracht, und sie hat es bewundernswert geschafft, die ganz normale Routine trotz abgedichteter Fenster und Gasmasken weiterzuführen, als wäre nichts.

Aber sie konnte, wenn sie ärgerlich war oder ungeduldig, eine scharfe, schneidende Stimme bekommen. Ich erinnere mich bis heute an eine winzige Szene. Ein besonders sensibler Junge (heute selbst 3facher Vater) hatte irgendwas ausgefressen oder vergessen, weiß nicht mal mehr was. Er war auf dem Weg nach draußen, da rief sie ihn beim Namen. Er erfror  an Ort und Stelle, und ich sah sofort, daß er Angst hatte vor ihr. Die anderen Mitarbeiterinnen und ich haben nie darüber gesprochen, aber wir haben bestimmt alle gemerkt, daß ihr eine gewisse Wärme fehlte, die die Arbeit mit Kindern sehr erleichtert. Wir haben dann versucht, das auszugleichen.

Mit ihr habe ich eine Szene erlebt, die einem heute unglaublich vorkommt. Aber so war der Kibbuz damals bzw konnte er sein.

Eine Familie kam „aus der Stadt“ in den Kibbuz, weil der Sohn an Krebs erkrankt war. Die Mutter war Kibbuz-Tochter (bat kibbuz), und ihre Mutter lebte noch dort. Die größeren Kinder wurden von der Oma betreut, während Vater, Mutter und jüngster Sohn ins Ausland flogen, um dort eine besondere Behandlung für den Sohn zu bekommen. (Er ist heute ebenfalls verheiratet und Vater und ganz gesund). Es war eine schwierige Situation für die Familie, und der Kibbuz half. Ich mochte die Mutter und Oma besonders gern.

Die Tochter war bei uns im Kindergarten, bei der klugen-doch-kalten Kindergärtnerin. Sie war ein sehr intelligentes Mädchen und verkraftete die Situation eigentlich ganz gut. Die Eltern im Ausland, der kleine Bruder schwer krank, auf einmal in den Kibbuz und zur Oma versetzt, die ganz anders erzog als die Eltern.

Nach Monaten kamen die Eltern wieder, dem Sohn ging es viel besser. Die Mutter bat um ein Gespräch mit uns, dem Team des Kindergartens. Sie wollte hören, wie es ihrer Tochter ergangen war, und sie hatte auch eine Bitte.

Sie bat darum, zweimal die Woche die Tochter schon nach dem Mittagessen statt nach dem Mittagsschlaf nach Hause mitzunehmen, also um halb zwei statt um vier. (Vier Uhr nachmittags, wenn die Kinder nach Hause geholt werden, ist die wichtigste Stunde des Kibbuz-Tagesablaufs!) Sie wollte die beiden älteren Kinder abwechselnd jemals zweimal die Woche für ein paar Stunden one-on-one nach Hause holen.

Jeder normale Mensch würde sofort JA sagen, warum denn nicht? Aber unsere Kindergärtnerin wies dieses Ansinnen sofort, ohne nachzudenken und mit Empörung von sich. Ihre Argumente? Ihr kennt solche Situationen, eigentlich gab es keine. Sie hatte noch nie so eine Bitte erfüllt und wollte es darum auch diesmal nicht tun, das war eigentlich ihr einziger Grund. „Sowas hat es ja noch nie gegeben, damit fangen wir gar nicht erst an, wohin kämen wir denn, was sollen die anderen Eltern und Kinder denken“ und so weiter. Der heilige Tagesablauf war für sie in Stein gemeißelt. (Ja, ihre Eltern waren Jeckes, falls ihr das wissen wolltet).

Wir anderen Mitarbeiterinnen guckten uns ratlos an. Keine von uns verstand, warum die respektierte Chefin sich so anstellte. Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mal mehr – ob die Mutter sich an die Vorsitzende des Erziehungsausschusses wandte, die sehr herzlich und lieb war, oder ob sie sich eine andere Idee einfallen ließ. Das Mädchen kam kurze Zeit später in die Schule, die ganze Familie blieb noch etwa 2 Jahre im Kibbuz und zog dann weg (wir zogen in ihr Haus und die Mutter, mit der ich mich gut verstand, kam noch ein paarmal zu Besuch).

Ja, da waren wir an die Grenzen dieser Frau gestoßen, die auch kurz darauf die Pädagogik verließ und seit vielen Jahren einen wichtigen Posten im Kibbuz erfolgreich erfüllt. Wenigstens war es im Kibbuz so, daß man nicht aus wirtschaftlichen Gründen in einem Job bleiben mußte, man konnte wechseln, Zusatzausbildungen machen, etwas ausprobieren.

Aber gehen wir eine Generation zurück. Mein Mann ist ja im Kinderhaus aufgewachsen, er hat nie auch nur eine Nacht im Elternhaus geschlafen, dort gab es kein Kinderzimmer und kein Bett für die Kinder. Er hat eigentlich nur schöne Erinnerungen, hing sehr an seinen Freunden aus der Gruppe (hängt immer noch an ihnen), und einige seiner früheren Betreuerinnen erzählten mir, wie besonders nett und schüchtern er als kleiner Junge war.

Besonders schön fand er immer den Shabat-Morgen. Jede Woche hatte ein anderer Elternteil dann die Verantwortung für die Kinder, machte das Frühstück und spielte bis 10 mit ihnen. Dann kamen die anderen Eltern und holten die Kinder ab. Y. erinnert sich bis heute an die besonderen Mahlzeiten, die jeder Erwachsene für die Kinder machte, an den einen Vater, der wild mit den Kindern tobte, und eine besonders nette Mutter, die die Kinder gern verwöhnte. Er hatte zu einer ganzen Welt von Menschen Beziehungen, und die bestanden noch lange.

Aber die Kindergärtnerin, die Kindergärtnerin. Vor der hatten alle Angst. Drei Jahre hat diese Frau über die Kinder geherrscht. Y. und seine beste Freundin haben manchmal nachts überlegt, wie man sie loswerden könnte, aber es fiel ihnen nichts ein. Sie hat die Kinder gedemütigt, besonders solche, die Probleme hatten, die Bettnässer, die Schüchternen, aber auch die Frechen. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber die ganze Gruppe erinnert sich mit Grauen an sie. Ja, die Eltern kamen zu Besuch und sie waren jeden Abend bei den Eltern. Ja, nachts wurden sie von wechselnden Nachtwachen betreut, tagsüber war das Team auch groß, aber die Kindergärtnerin hatte die pädagogische Verantwortung.

Y. ist keiner, der sich über seine Vergangenheit beklagt, auch die härtesten Geschichten erzählt er gleichmütig und meint, „ach, es war auch irgendwie interessant, und zu der Zeit ist mir nicht aufgefallen, daß es eigentlich ziemlich schlimm war“. Ich habe also nie viel über diese Kindergärtnerin erfahren. Aber alle Kinder der Gruppe haben sie als angsterregend in Erinnerung.

Wer weiß, was sie ihnen zugezischt hat, wenn es keiner hörte? was für Blicke sie ihnen zuwarf? Sie war es wohl nicht, die ihnen die Haare wusch, das erledigten die Mitarbeiterinnen (metaplot), und überhaupt wurden Kibbuzkinder von klein auf zu Selbständigkeit erzogen. Ob sie also Gelegenheit hatte, körperlich rauh mit den Kindern umzugehen, oder sie sogar zu Körperstrafen griff, das weiß ich nicht. Körperstrafen waren in der Kibbuz-Erziehung komplett tabu. Aber die Kinder waren dieser Frau ausgeliefert, und im Erziehungssystem damals waren die Eltern machtlos.

Eine Studienfreundin von mir hat ihre Magisterarbeit über die Beziehung von Müttern und Töchtern im Kibbuz zur Zeit der lina meshutefet, des „gemeinsamen Schlafens“ geschrieben, dh, die Zeit der Kinderhäuser und kinderbettlosen Elternhäuser. Sie hat mir mal erzählt, daß die Mädchen ihre Mütter als komplett machtlos erlebten und sich darum gar nicht erst um Hilfe an die Mütter wandten. Sie war übrigens mit Y.s Schwester in einer Jahrgangsstufe.

Oh nein, ich falle hier ins Kaninchenloch, das hatte ich gar nicht vor, als ich anfing zu schreiben.

Meine eigene Zeit im Kindergarten. Hatte ich Angst vor der Kindergärtnerin? Nein, sie war eigentlich ganz nett, obwohl unser katholischer Kleinstadtkindergarten so strikt geregelt war, daß mein Mann sich kaputtlacht, wenn ich davon erzähle (in der Kibbuzerziehung stand auch in den 60er Jahren schon freie Entfaltung höher im Kurs als Ordnung und Sauberkeit). Der Knicks, wenn ich mit meinem Körbchen in der Hand um neue Spielsachen bat, die in Schubladen sortiert waren. So war das damals. Die Kindergärtnerin ging auch rum beim Zeichnen und radierte aus, was nicht gut genug gemalt war. (Mein Igel! bis heute tut es mir leid, daß sie mir den Igel neu gemalt hat, ich fand ihn so schön.)

Überhaupt, daß immer ein Thema beim Malen vorgegeben war – Schneemänner, Marienkäfer. Ich weiß noch, wie froh ich war, im Kibbuz zu sehen, daß den Kindern das Material hingestellt wird, und sie können damit machen, was sie wollen. Diese ganze Besessenheit mit Basteln nach Vorlagen, sauber ausschneiden, was Nützliches machen, das gibt es in der Kibbuz-Erziehung nicht, so eine Erleichterung für mich, die nie gut nach Vorlagen gearbeitet hat. Das war aber bei uns im Kindergarten sehr wichtig.

Ich hatte Angst vor der Leiterin. Und so habe ich eines Tages meinen Freund Thomas, den ich wohl immer ziemlich rumkommandiert habe, der arme Kerl, überredet, wegzulaufen. Wir wollten den ganzen Tag im Wallgraben Abenteuer erleben, aber wir waren noch nicht weitgekommen, da hatte Fräulein Maria uns schon wieder eingefangen. Und die war streng. An Konsequenzen erinnere ich mich nicht mehr, aber an den schrecklichen Moment, als Fräulein Maria mit dem Fahrrad neben uns hielt, um uns zurückzubringen, erinnere ich mich genau. Ich weiß noch genau, wo das war.

Mein Bruder war später in einem anderen Kindergarten, wo ich es so toll fand, daß ich oft zu Besuch kam. Er selbst fand es stinklangweilig und haute oft ab.

Eigentlich sagt es alles, was man über meinen Bruder und mich wissen muß. Ich versuche einmal abzuhauen, werde sofort erwischt und mit Schimpf und Schande zurückgeführt. Mein Bruder macht über Monate hinweg dauernd Kindergarten blau und fängt statt dessen Kaulquappen im Wallgraben, und alle glauben seine Ausreden und lachen, als sie es rausfinden, warum er immer so dreckig wiederkommt bzw nie im Kindergarten ankommt.

Trotz der Strenge habe ich keine Angst im Kindergarten erlebt, nur Momente der Scham.

Ich frage mich aber heute, wie viel Gewalt Kindern wirklich geschieht. Von überforderten Betreuern, die den Eltern vorspielen, wie gern sie die Kinder haben, aber dann die Kinder auf die Bettchen knallen und ihnen zumurmeln: ich wünschte, du wärst tot, und die Kinder können es niemandem erzählen. Die Eltern merken erst, was los ist, wenn das Kind sich selbst immer wieder haut und sagt: jetzt schlafen, jetzt schlafen!, und dann kommt die Aussprache mit anderen Eltern, die Kameras, und die Aufnahmen.

Und wie viel Gewalt gibt es zuhause? Wenn die Kinder sich stundenlang gestritten haben, der Tag endlos scheint, niemand zuhört oder hilft, wenn die Freundinnen sagen, „du hast es gut, du arbeitest nicht“, wenn man das alte Leben zurückhaben will und sich fragt, warum man sich das überhaupt angetan hat, diese rebellische, nie zufriedene, immer fordernde Kinderschar. Ich hatte Glück mit meinem Partner, der nie Verantwortung auf mich abgeschoben hat, um seine Ruhe zu haben, Glück mit der Familie, die immer geholfen hat, Glück mit dem Kibbuz, der immer professionelle Hilfe und Unterstützung bot. Aber an Momente riesiger Frustration erinnere ich mich auch, wenn Geduld wie ein kostbarer Rohstoff in einem fernen Kontinent erschien, an den man einfach nicht kommen kann, wenn ich sie alle nicht mehr sehen oder hören wollte. Wie weit ist man dann entfernt davon, den Kindern mal so richtig Angst einzujagen, wie mein Vater es immer gemacht hat, wenn er ratlos war? Damit einfach mal Ruhe ist?

Wie gesagt, ich hatte Glück. Wenn ich am Anschlag war, konnte mein Mann oder meine Schwiegermutter oder die gute Esther helfen, ich hatte auch immer die Arbeit, und meine erprobte Methode gegen Frust jeder Art ist ein gutes Buch und Tür zu. Und die meiste Zeit hatte ich die Geduld und auch viel Spaß an den Kindern, und durch meine viele Arbeit mit Kindern auch Verständnis für ihre Bedürfnisse und Krisen, schon vor meinem Pädagogikstudium.

So habe ich im Kibbuz-Kinderhaus gelernt, daß man nie zu einem Kind sagt: böses Kind!, nie seinen Charakter in Zweifel zieht oder es verbal demütigt oder angreift. Die Formel der Zurechtweisung im Kibbuz heißt: hitbalbalt(a), du hast einen Fehler gemacht, du hast dich vertan. Das bedeutet: wenn du Noam mit dem Bauklotz auf den Kopf geschlagen hast, war das nicht, weil du ein böses Kind warst, sondern weil du für einen Moment vergessen hast, daß wir uns nicht gegenseitig hauen. Aber wenn du es nicht wieder tust, ist alles in Ordnung. Als ich diese Regel begriffen hatte, war ich sehr begeistert, und ich wünschte, in meiner Kindheit hätte es sie auch gegeben. Dann würde ich vielleicht nicht die Stimmen in meinem Kopf hören, die mir böse Dinge über mich selbst erzählen und ganz wie mein Vater klingen.

Oh, noch eine Erinnerung. Vor ein paar Monaten in Nahariya. Ich quatschte in meinem Lieblingsgeschäft, dem Woll-Laden, mit der Verkäuferin, mit der ich mich angefreundet habe (auch eine alte Kunstlehrerin). Die Tür stand offen. Auf der Straße gegenüber sahen wir eine Familie. Der Vater trat nach einem der Söhne, der Sohn weinte und humpelte. Wir beide schossen wie Hornissen aus der offenen Ladentür und schrien den Vater an, der sich um nichts kümmerte. Die Familie ging weiter. Wir riefen dem Jungen zu: du bist in Ordnung, dein Vater hat kein Recht, dich zu treten! auch wenn er sich ärgert, das darf er nicht! und dem Vater drohten wir, die Polizei zu rufen. Dann sahen wir uns hilflos an, während die Familie verschwand.

Ich kann Reportagen über die Gewalt in Kindergärten nicht sehen, ohne mich zu fragen, wie viel Gewalt auch zuhause geschieht, im Sportverein, überall. Ich fühle unbändigen Zorn auf die Menschen, die Kindern solchen Schaden zufügen, Verletzungen, an denen die Kinder immer zu tragen haben werden. Diese Kindergärtnerinnen sind in ganz Israel so verhaßt, daß einer von ihnen das Haus angezündet wurde, und sie sind in aller Augen das Ganz Andere, Monster, Seelenmörder.

Aber ich fühle auch, wie nah ich selbst in Momenten des Ärgers dran war, wie schmal der Grat überhaupt ist, wie unmöglich es ist, die eigenen Standards als Eltern immer einzuhalten. War ich wirklich so geduldig, wie meine Mutter mich immer lobt? Wenn ich die Kinder frage, erinnern die sich an Ungerechtigkeiten (die sich im Rückblick relativieren, wie Primus zugibt, die aber damals lebenswichtig schienen), aber Angst hatten sie nicht vor uns.

War ich gemein zu meinen Kindern, wenn sie in der Pubertät mit Präzision meine Schwächen bloßlegten, mich auslachten? Wo ziehen wir die Grenze, was ist verständliche elterliche Reaktion in einer Auseinandersetzung, wo fängt das Unvertretbare, das Böse an? Ist das jetzt zu persönlich? Aber wer hat Kinder und kennt diese Momente nicht, wenn man dringend Hilfe braucht, weil man an die Grenze zur Überforderung stößt? Wer hat noch nie gehört, daß aus dem Nachbarhaus oder vom Nachbartisch die Stimme der elterlichen Frustration klingt? Was tun wir dann, wie helfen wir? Wie nehmen wir auch Druck von den Eltern, die in der Öffentlichkeit die Kinder ruhig und brav halten wollen, was die Kinder natürlich spüren?

Das ganz große Tabu, Gewalt gegen Schwächere, Schutzbefohlene.

Kommentare»

1. CK - August 28, 2019, 18:12

Ich hatte in der dritten und vierten Klasse einen Lehrer, der hat noch „geprügelt“. Zwar jetzt nicht mit einem Stock oder Lineal wie zu Grossvaters Zeiten, aber wenn jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, konnte es sein, dass er nach vorne gerufen wurde und vor versammelter Klasse Hefte um die Ohren geschlagen bekam.

Ich wurde auch zweimal zu ihm gerufen weil ich was angestellt hatte. Ich musste meine Brille auf Kommando ausziehen, bekam links und rechts eine gescheuert und durfte mich mit dann mit roten Backen wieder hinsetzen.

Ein Mädchen hat es besonders schlimm erwischt. Sie wurde regelmässig mit den Heften verprügelt und sollte dann vor die Tür. Sie hat sich aber immer auf den Boden geworfen und wurde dann über denselben nach draussen gezogen. Wir anderen Kinder kommentierten das immer nur mit „S. putzt mal wieder den Boden“.

Was heute undenkbar erscheint, erschien uns damals echt normal. Und das war schon in den 80er Jahren, als es theoretisch schon lange Prügelverbot an Schulen gab. Die Eltern sagten nichts, beschwerten sich nicht, selbst die Mutter von S. nicht.

Dieser Lehrer hatte zudem einen komischen Tick. Damals haben wir drüber gelacht, aber heute erscheint es mir erst recht absurd. Er hat regelmässig, meistens beim Schreiben einer Klassenarbeit, an unseren Ohrläppchen herumgespielt. Immer wieder mit zwei Fingern dran gezogen/gekniffen und am Ende pickste er mit den Fingernägeln rein und ging zum nächsten Kind weiter. Verrückt… K.A. was das sollte.

Dieser Lehrer ist natürlich längst in Rente. Aber der konnte richtig laut brüllen und einem Angst machen.

Manchmal sehe ihn noch auf Dorffesten. Ich habe keinen Groll gehen ihn. Es war falsch, aber es ist eben auch weit zurückliegende Vergangenheit.

In der Theorie bin ich natürlich auch für totale Gewaltfreiheit, aber in der Praxis kann einem schonmal die Hand ausrutschen. Je nach Situation quasi jedem Menschen, denke ich. Wie dem französischen Busfahrer letztes Jahr (?), dem ein Jugendlicher erst vor den Bus lief und ihn zu einer Vollbremsung zwang und der sich dann nach einer völlig berechtigten Zurechtweisung desselben noch übelst beschimpfen lassen musste. Dass der ausstieg und dem undankbaren Jungen- dem er ja gerade erst das Leben gerettet hatte- eine knallte, konnte ich damals sehr gut nachvollziehen und wäre vermutlich auch meine erste Affektreaktion gewesen. Auf jeden Fall hätte ich mich da schon sehr zusammenreissen müssen um so ein Benehmen hinzunehmen. Ich hab daher damals den Busfahrer verteidigt und jüngere Menschen haben mich dafür auf Facebook ziemlich angegriffen, dass ich Gewalt gegen Minderjährige verteidigen würde.

Vielleicht bin ich bei dem Thema ja wirklich noch sehr konservativ/altmodisch, womit es also die richtige Entscheidung war, keine eigenen Kinder zu bekommen 😉

Ich weiss nicht was die Kindergärtnerinnen genau angestellt haben. Aber ich denke jedenfalls nicht dass sie unbedingt böse Menschen sind. Wohl einfach überfordert und im falschen Job. Wieso man sie auch entlassen sollte.

2. Lila - August 28, 2019, 18:21

Das ist schlimm.

Vorsicht, nichts für Weichherzige.

Carmel Ma´uda ging so mit den Kindern um:

Es war ihr eigener privater Kindergarten, darum war ja kein Träger o.ä. da, der sie hätte entlassen können. Die Eltern haben ihr vertraut, teilweise kannten sie sie sehr gut privat.

3. CK - August 28, 2019, 23:30

Echt heftiges Video. Dieser Kindergarten muss unverzüglich geschlossen werden.

Hier das Video vom Pariser Busfahrer:
https://edition.cnn.com/2018/09/20/europe/paris-bus-driver-slap-teen-intl/index.html

290 000 Leute haben eine Petition gegen seine Entlassung unterschrieben.

Aber natürlich kann man diese Fälle gar nicht miteinander vergleichen. Im Falle des Kindergartens wurden unschuldige Kinder misshandelt, hier gibt es eine Ohrfeige für einen frechen Jugendlichen, der einfach total im Unrecht war. Und der Fahrer stand wohl auch noch unter Schock dass er ihn beinahe totgefahren hatte. Daher muss man m.E. in der Praxis immer differenzieren, auch wenn das theoretische Ideal sicherlich „Gewaltfreiheit“ heissen sollte.

Hier noch ein- wie ich finde, lustiges- Video von Gavin McInness (wenngleich auch das von Einigen sehr kritisiert wurde):

Raufe auch manchmal mit meinen Neffen (die natürlich schon um einiges älter sind als dieses Baby) 😀

4. arabrabenna - September 1, 2019, 18:45

Ich mußte nie einen Kindergarten besuchen, was für ein Glück! Ich hatte drei Geschwister um mich, eine viel zu liebe Mutter und einen strengen, aber uns liebenden Vater. Und viel Natur! An anderen Spielkameraden mangelte es auf dem Dorf auch nicht. Für mich war es dann ein Schock, als ich meine Ausbildung zur „Krippenerzieherin“ (damals Studium an der Medizinischen Fachschule ;)) anfing. Schreiende Babys, die sich gegenweitig im Gesicht rumgrabschten und an den Haaren zogen, sich selbst überlassen. Gruppenräume mit 18 Kleinkindern und max. 2 Mitarbeitern. In der Schule lernten wir mehr über Marxismus Leninismus als über Pädagogik und Psychologie. Das Fach Psychologie war ohnehin ein Witz, da unsere Lehrerin uns als erstes mitteilte, daß der Mensch keine Seele hat, das wäre ein veraltetes Wort. In Pädagogik erfuhren wir dann, daß der Mensch nicht als Persönlichkeit geboren wird, sondern erst dazu gebildet! Wir haben im Unterricht auch ständig die sozialistischen Erziehungsziele analysiert! Für jemanden wie mich, der die Gewißheit hatte, geliebt, gewollt und einzigartig zu sein, ein Trauma!
Ich bin dann mit meinen Kindern zu Hause geblieben. Das wollte ich ihnen nicht antun! Habe sie später nur stundenweise in einen netten Kindergarten geschafft. Und zu DDR-Zeiten galt man als faul, wenn man nicht spätestens nach einem Jahr wieder arbeiten ging! Und mit wenig Geld auszukommen hatten mein man und ich gelernt. Wir haben den gleichen „Stallgeruch“.


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