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Leserin fragt, Mai 31, 2007, 21:01

Posted by Lila in Bloggen, Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Tante Lila antwortet.

Neulich durften deine Leser mal Wünsche äußern – heute habe ich einen. Vielleicht ist er nicht „gewichtig“ genug für einen Blogeintrag, aber trotzdem: Gibt es ein Lied oder ein Gedicht, mit dem die israelischen Kinder das Alefbet lernen? So was wie „A,B,C, die Katze lief im Schnee“ oder „Als Bauer Christoph Düwelseck fünf Gulden hatte im Jacket …“? Bestimmt gibt es das, aber ich kann keines finden von hier aus.

Also, den Bauern Christoph Düwelseck kenne ich nicht, den will ich aber jetzt mal vorgesungen hören! Aber ich habe schon oft gehört, wie beim Abschiedsfest im Kindergarten die Kinder das Lied Alef-Bet von Noemi Shemer (ja, DER Noemi Shemer, die Yerushalaim shel zahav geschrieben hat) gesungen haben. Leider finde ich bei Youtube nur eine jiddische Parodie, in der die harmlosen Kinderverse fuer Erwachsene umgesungen werden. Aber die Melodie ist original, so singen Generationen von Schulkindern, alef, alef beit!

Wer das sing, ist übrigens ein „doss“, also ein Religiöser, der sich zu Purim selbst auf die Schippe nimmt, sehr zur Freude seiner säkularen Kollegen.

Außerdem gibt es noch ein einfacheres Lied, das finde ich aber bestimmt nicht. Es besteht nur aus den Buchstaben nach einer etwas langweiligen Melodie.

Quarta singt Alef-Beit beim Abschied vom Kindergarten….

…und später in der Schule, bei der Alef-Beit-Feier. Die wird immer gefeiert, wenn die Kinder ihr Alefbeit können, so gegen Chanukka.

Es ist jedes ein Jahr wieder toll, daß die Kinder pünktlich zu Chanukka lesen!  Nur ein gutes halbes Jahr nach dem Abschied vom Kindergarten. Übrigens hat Naomi Shemer auch ein sehr nützliches Lied geschrieben, mit dem man sich schmerzlos die hebräischen Monate merken kann.

Perfide oder geliebt? Mai 30, 2007, 23:34

Posted by Lila in Land und Leute.
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Zweifellos, ich bin anglophil. Als Tochter einer Englischlehrerin bin ich mit der englischen Sprache im Ohr aufgewachsen, meine Eltern hatten immer englische Freunde, ich liebe Mrs. Hamley und Caleb Garth und der Buhmann meiner Kindheit war Uriah Heep, der Fiese. Mein Traum wäre eine gemächliche Reise von stately home zu stately home, und ich sammle mit dem Eifer einer Ameise BBC-Classics. Nichts kann mich besser erden als ein englischer Roman. Ich benutze englisches Parfum (Cayman Winds), habe eine irische Freundin, eine schottische Schwägerin und kann mich für insulare Buchmalerei begeistern. Wirklich, wenn ich Großbritannien höre, habe ich nur positive Assoziationen.

Wie soll ich es damit verbinden, daß jede Woche, aber jede Woche ein neuer Boykottaufruf gegen Israel von diesem selben Großbritannien ausgeht? Mal wollen sie nur Bar Ilan und Haifa boykottieren (wie lächerlich das ist, will ich erst gar nicht hinschreiben), dann wieder boykottieren britische Journalisten israelische Produkte (wie nett, daß Journalisten ja SO objektiv sind!), dann sollen israelische Architekten boykottiert werden, und nun sind noch mal die berühmten Elfenbeintürme der „akademia“ dran. Und diesmal ist die Abstimmung durchgekommen, wir sind nun offiziell boykottiert.

Nicht China, nicht Rußland, nicht Sudan – nein, von allen Ländern der Welt müssen WIR boykottiert werden. Es ist auch nicht so, daß diese Boykotteure konsequent auf alle Waren oder Erfindungen verzichten, die aus Israel kommen. Nun bin ich normalerweise meinem lieben Israel gegenüber kritisch in vieler Hinsicht, kann über Chaos und Unfähigkeit stöhnen (wie gut das tut!), bis Leser sich an die DDR erinnert fühlen (!!!) und neige nicht dazu, unseren Platz in der Welt an HiTech und medizinischer Technologie abzuzählen. Aber trotzdem sollte man ja mal daran erinnern, daß ein Mensch, der Israel wirklich boykottieren will, auf einiges verzichten müßte. Ob sie das wirklich tun? Aber nein, billige Erklärungen abgeben und israelische Akademiker boykottieren, das reicht.

Ironie des Schicksals, ein großer Teil der israelischen Akademiker ist links bis linksliberal, ein großer Teil der Studenten arabisch und ein großer Teil der akademischen Bemühung zielt auf Austausch mit arabischen Ländern, Hilfe für Minderheiten und Bekämpfung von Vorurteilen und Diskriminierung. Ha ha, genau die richtigen Kandidaten für eine Sippenhaft! Denen muß man es mal so richtig zeigen.

Ebenfalls Ironie des Schicksals, daß wir unser Schlamassel hier im Nahen Osten zu großen Teilen den Briten verdanken, ihrem kolonialen Wettstreit mit den Franzosen, ihrer willkürlichen Grenzziehung, ihren halb ausgesprochenen und halb gebrochenen Versprechungen und anderen schönen Dingen, an die heutige Briten sich ungern erinnern lassen.

Auch könnte man ja mal kritisch nachfragen, ob wohl der Anteil der britischen Pakistanis an den Universitäten dem Anteil der Minderheiten bei uns an den Unis entspricht, ob es nicht leichter für einen arabischen Israeli als für einen arabischen Briten ist, Forschungsdekan an der Uni, Minister im Kabinett oder Chefarzt zu werden, und woher die Briten eigentlich ihr Commonwealth geschenkt bekommen haben. Von Irland gar nicht zu reden. Angesichts der Mauern dort klingen die Klagen über unseren Zaun etwas hohl. Haben die Briten es gut, daß sie nicht so unter die Lupe genommen werden!

Aus reinem Taktgefühl frage ich auch nicht weiter nach, was eigentlich britische Soldaten in Irak machen. Und wie sie sich dort aufführen. Und auch nicht, woher der Wunsch kommt, den arabischen Standpunkt mit Sinker und Blinker oder wie das heißt zu schlucken. Stockholm-Syndrom oder Angst vor den eigenen Minderheiten? Schweigen wir davon!

Neulich hörte ich zu, als ein deutscher Journalist den geradezu wonnevoll struppigen Dan Shiftan interviewte. Der deutsche Journalist, der es nicht verdient hatte, so abgebürstet zu werden, wie Shiftan wohl europäische Journalisten gern abbürstet, fragte ihn schließlich, ob er seine Ansichten denn auch äußern würde, wenn er arabische Studenten hätte. „Aber ich HABE arabische Studenten“, erklärte ihm Shiftan, „und nicht nur das – auch mein Chef, der zwei Türen weiter sein Büro hat, ist Araber“. Das ist akademische Freiheit, das ist Demokratie, und auch wenn man sonst mit Shiftan nicht übereinstimmt – das ist nicht Apartheid. Die britische Weigerung, israelische Studenten und Dozenten in ihre Hallen zu lassen, schmeckt schon viel mehr nach Apartheid.

Ich muß ehrlich zugeben, daß mir außerdem die stereotype Deutschen-Wahrnehmung der Briten auf den Nerv geht. In Gesprächen mit britischen Volunteers (die liegen allerdings schon ein paar Jahre zurück) habe ich mehr als einmal eine gröhlende, unwissende Abneigung gegen Deutsche zu fühlen bekommen, die ich in Medienberichten bestätigt fand. Mir scheint, daß vor lauter Stolz auf ihre eigene Überlegenheit (und auch das haben mir Briten gesprächsweise stolz bescheinigt, daß sie ihr Land und ihr Volk wirklich für auserwählt halten – na ja, Anekdoten sind noch kein Beweis, zugegeben!) manchen Briten die realistische Einschätzung anderer Länder und Völker manchmal abhanden kommt, und sie sich statt dessen auf Ressentiments, Vorurteile und Mischmasch-Ignoranz verlassen. Ich sehe jedenfalls keinen Zusammenhang zwischen den derben Vorstellungen über Deutsche, die dort kreisen, und der Wirklichkeit, die ich na ja, nicht mehr SEHR gut aber noch etwas kenne. Aber wirklich keinen. So gar keinen, daß die Witze nicht witzig sind, denn um witzig zu sein, müßten sie einen wahren Kern haben. Aber sie sind einfach nur – äh, peinlich. (Mir ist Unwissenheit bei anderen peinlicher als bei mir.)

Kein Mensch, der die historische Lage unbestechlich, mit kühler Objektivität und mit Wissen sämtlicher Vorfälle, Irrtümer, Entscheidungen, Wagnisse und Unwägbarkeiten analysiert, kann zum Urteil kommen, daß von allen Ländern der Welt allein Israel boykottiert werden muß. Um zu diesem Urteil zu kommen, muß man bestimmte Tatsachen verzerren, aufpusten, weglügen, verdrehen oder relativieren. Und anderen Ländern, auch der eigenen Geschichte gegenüber, flugs und fest die Augen schließen. Alles Dinge, die für anständige Akademiker eigentlich außerhalb ihres Verhaltens-Kanons liegen sollten. Echte Akademiker verweigern niemandem den Dialog, sondern verbinden die Leidenschaft am Dialog eines Paganel mit der gelassenen Aufnahmefähigkeit dem Unerhörten gegenüber, die ein McNabb an den Tag legt. Und doch haben britische Akademiker beschlossen, daß allein Israel boykottiert gehört.

Was für ein Glück, daß ich meiner Liebe zu van Dyck und besonders Jan Mijtens nicht so weit nachgegeben habe, daß ich nun beruflich auf britische Museen und Unis angewiesen wäre. Dann sähe ich aber wirklich alt aus.

Und ich frage mich, wie Akademiker anderer Länder nun reagieren. Sind es wieder mal nur Juden, die für Juden einstehen? Oder werden britische Akademiker, wenn ihre un-akademische und eigentlich un-britische Haltung von Intoleranz und Haß bekannt wird, ihrerseits auf Probleme stoßen?

Ich wünschte, die Welt wäre edel und gerecht und den britischen Akademikern würde nun eine internationale Welle der kritischen Nachfrage entgegenschwappen. Statt dessen bin ich mir sicher, die Welt kümmert sich nicht drum, macht einfach weiter, wen interessiert das schon? Und wir werden eben boykottiert. Wer keine israelischen Blogs oder Zeitungen liest, weiß nicht mal davon.

Es tut mir leid, daß die britischen Journalisten, Architekten und Akademiker mich und meine KollegInnen und StudentInnen nun zum Paria erklären, denn ich werde nicht aufhören, Mary Garth die Daumen zu halten und englische Gärten zu lieben und Orangenmarmelade auch. Und die Herzoginwitwe von Denver erst recht, und Bunter!!! Ich kriege es wirklich in meinem Kopf nicht auf die Reihe, daß für mich nun Großbritannien einen doppelten Kopf hat: einen geliebten und einen als perfides Albion. Es schmerzt mich. Wie ein Riß in einer schönen Vase, der mir vorher nicht aufgefallen ist.

Das einzige, was mich dafür schadlos hält, ist der Gedanke, wie verhaßt ich so einem Briten sein muß! Nicht nur Deutsche, nicht nur Israelin, sondern beides! Ich bin gewissermaßen der Abschaum der Menschheit, Inbegriff dessen, was man wirklich nur noch mit Verachtung und Boykott strafen kann. Und das ist schon wieder hilarious. Vielleicht sollte ich mich spaßeshalber mal um irgendwas in den UK bewerben???

Zwei Tage später: Bradley Burston sagt es mal wieder deutlich.

Just for the sake of argument, let’s suppose that you’re a British academic. You believe strongly that the occupation must end, that the Palestinians should have an independent state, that Israel’s military and diplomatic policies are wrongheaded to the point of immorality.

What to do? Simple. Find the one group within Israeli society which has consistently, vigorously and courageously campaigned against the occupation since its inception. Then attack them.

Single them out for professional ruin. Do your best to get as many of their colleagues around the world to shun them.

Select the one group which has, from the very beginning, spoken out eloquently for the rights of the Palestinians to self-determination, to freedom from Israeli domination, to freedom from disproportionate and often indiscriminate use of force, to freedom from social injustice.

Then denounce them.

You really must envy the U.K. far-left for its blindness. Its consummate inability to see more than one side, which is to say, its demonstrated refusal to see Jews as fellow human beings, is only exceeded by its exquisite sense of timing.

No matter that in the whole of the 1991 Gulf war, Saddam Hussein managed to hit all of Israel with a total of 39 missiles, and that two weeks ago, Hamas sent 40 rockets into the Sderot area in the space of a single day.

No matter that Sapir College, Israel’s largest public college, has for years been a primary target of Qassam crews.

No matter that in boycotting all Israeli academics on the basis of their being Israelis, the measure is patently racist, a grotesque reprise of the history of curbing academic freedom.

Leftists abroad would do well to respect their Israeli counterparts for defying societal norms to work for the rights of people with whom their nation is at war. Perhaps the Israeli left deserves respect, as well, for having to do this while enduring the racist abuse of leftists abroad.

Die Kommentare dazu sind teilweise haarsträubend.

The occupation is kept going thanks to the hard work of ordinary Jews spread across Israeli society. Including the academic community. If you don`t have the balls to destroy Yesha we will have to push you.

The only way to end the Occupation is to start boycotting israel. You have had 40 years to get the point. You prefer the ease of the status quo to the hard choices of pulling out. Fine. Just quit whining.

Die machen es sich wirklich leicht. Wir haben ja mehrmals versucht, die Besatzung beendet – per Verträge, die die Palästinenser gebrochen haben oder von Anfang an abgelehnt haben. Per einseitigem Abzug, die die Palästinenser bzw ihre Verbündeten zu physischen Angriffen genutzt haben. Sagt mir doch mal konkret, wie wir diese Besatzung, die uns aufgezwungen wurde, beenden können, ohne dabei Selbstmord zu begehen?

Und wieso sind die Briten noch in Irland? Die Iren schießen keine Katyushas oder Qassams…  und die Bewohner von Gibraltar auch nicht.

Oder der Moralist hier:

If you care to read the text of the boycott this has nothing to do with racism or for that matter antisemitism. You are not party to the UK press and news reports of the pain felt by academics who supported this boycott.

But they felt they have been driven to this point by the moral imperative, of seeing Israel time and again stick its middle finger up at the world`s calls to honour UN, EU, US and Quartet calls to end the Occupation and cease expanding the illegal settlements, whilst it gets on with ensuring it is municipally and demographically impossible for the Palestinians ever to have a contiguous State, ripping up olive trees, assaulting foreigners whilst its Police encourage such attacks or look the other way.

Of course, none of this would happen if Israelsimply does what has been asked of it for 40 years – withdraw from the non-Israeli territories it occupies and give peace a chance.

Your partiality does your profession a discredit.

Er selbst fühlt sich aber keineswegs parteiisch. NUR Israel und immer wieder Israel ist unmoralisch. Aber der Moralist leidet selbst am meisten unter dem Boykott. Erinnert mich an prügelnde Väter, die auch behaupten, die Notwendigkeit, das böse Kind zu prügeln, sei schmerzhafter als die Prügel selbst. Ach, mir kommen die Tränen vor Mitleid! So weit hat das böse, böse Israel die armen Moralisten getrieben. I feel your pain.

Es ist wirklich unglaublich.

Abendliche Runde Mai 27, 2007, 22:21

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Schon seit Jahren drehen Y. und ich abends gern eine Runde um den Kibbuz, manchmal auch anderthalb. Zwischendurch mußten wir mal aufhören, weil ich gesundheitliche Probleme hatte, aber inzwischen geht es wieder, und wir nehmen uns fast jeden Abend, wenn er aus der Fabrik kommt, eine gute Dreiviertelstunde frei und gehen raus. Die Kinder kommen gut ohne uns zurecht – ist doch schön, große Kinder zu haben. Wir sehen das nicht als sportliche Betätigung, setzen keine Stöcke ein und geraten nicht aus der Puste. Ich würde es einen angenehm flotten Spaziergang nennen, meist um die Zeit des Sonnenuntergangs.

So umkreisen wir den Kibbuz mindestens einmal, auf immer verschiedenen Wegen. Dabei treffen wir jedesmal jede Menge anderer Paare, die auch zusammen unterwegs sind. Heute fiel mir wieder auf, daß diese Paare, genau wie wir, diese Runde zur Kommunikation nutzen. Sie laufen nicht stumm nebeneinander her, sondern sind richtig intensiv in ihr Gespräch versunken. So wie wir auch. Wir holen den Tag nach, den wir getrennt verbringen. Meist reden wir von der Arbeit, manchmal von den Kindern. Wenn wir Ärger hatten, reden wir uns den von der Seele. Wenn wir Erfolg hatten, teilen wir ihn. Wenn uns eine Idee durch den Kopf geht, entwickeln wir sie im wandelnden Gespräch.

Und da dachte ich mir so, also, es stimmt wirklich, Verheiratetsein ist doch schön. Na ja, jede Art von Partnerschaft. Man freut sich miteinander, bibbert umeinander, feuert einander an, bemängelt auch ohne Angst vor Kränkung, und hat ein wunderbares Wir-Gefühl. Ich genieße jeden Tag. Nicht, als ob es ohne Mann kein Glück gäbe oder ein Mensch ohne Partner ein armseliges Würstchen wäre. Das ist Quatsch und das wollte ich nicht sagen. Aber als ich heute diese Parade der gesetzten, ins Gespräch versunkenen Ehepaare sah, die durch die Abendluft laufen und sich austauschen, und das fast jeden Tag, da habe ich deutlich empfunden, daß eine gute Beziehung das Leben unendlich bereichert.

Und eigentlich müßte ich die schöne Landschaft mal photographieren, durch die wir da abends gehen. Aber nee, eine Kamera nehme ich nicht mit, und es ist auch nicht mehr hell genug.

Ach ja, und dann haben wir heute endlich die Schleiereule (tinshemet) gesehen, auf die wir seit Jahren lauern, hinten am Schafstall in der alten Scheune. Es war noch Licht, sie kam rausgeflogen, die Eichelhäher (urvani) kamen empört angeflogen und hetzten sie wie den Uhu Schuhu durch die Bäume, es war ein Riesenspektakel. Wir haben sie schon so oft gehört, und jetzt habe ich sie gesehen. Ein Glückstag.

Das Mädchen mit der Magersucht Mai 27, 2007, 0:20

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Ich sehe nicht oft in meine Statistik rein, aber immer wenn ich sie angucke, sehe ich, daß der Eintrag über die Magersucht und die junge Frau aus dem Kibbuz, die darunter leidet, immer wieder gelesen wird. Ich weiß nicht, wie Leser hierher gelangen, aber wer wissen möchte, wie es ihr jetzt geht, für den ein Update.

Sie hat überlebt, wie, weiß keiner. Es ging auf und ab und auf und ab, die Eltern wurden grau dabei und die Brüder fingen an zu weinen, wenn man sie fragte, wie es ihr geht. Ein Teil ihres Darms ist abgestorben und mußte entfernt werden. Weitere OPs warten auf sie. Sie ist mal im Krankenhaus, mal zuhause. Wenn sie zuhause ist, wankt sie nach wie vor in besessenem Lauf um den Kibbuz. Sie kann sich kaum auf den stöckerigen Beinchen halten, aber sie muß laufen. Ich weiß nicht, ob jemand sie davon abhalten könnte, wenn ihre eigene Schwäche es nicht kann. Weit kommt sie nie, und oft ist es nicht, aber ich sehe sie aus der Ferne, wenn sie den Feldweg entlangmarschiert.

Zu Shavuot habe ich sie das erste Mal seit langem aus der Nähe gesehen. Ihre Eltern und Brüder haben sie mitgebracht. Ich mußte mich abwenden und heulen, als ich sie sah. Mein Gott, was ist aus dem kleinen Mädchen geworden, das ich früher kannte. Ihre Haut ist wie Leder, ihr Gesicht wie in Teile geschnitten. Unter den Wangenknochen geht ein scharfer Schnitt. Ihre Augen sind hohl, der Hals so mager, daß man nicht weiß, wie er den Kopf hält. So magere Gesichtchen habe ich nicht mal in der Frühgeborenen-Abteilung gesehen. Und die Beine, das Becken. Die Hosen schlottern. Wahrhaftig, sie ist zum Skelett abgemagert. Und doch: sie sprach mit alten Freunden, sie lächelte sogar etwas. Ihre Haare sind nach wie vor wunderschön, dick und rotblond. Fangen das Licht. Ein Lichtblick.

Ich hoffe so sehr, sie schafft es, sie übersteht alle OPs und kommt irgendwie aus dieser teuflischen Krankheit heraus. Oh, ich möchte sie wie ihre Altersgenossinnen sehen, arbeitend, studierend, mit Freund oder einfach nur in einer Freundinnengruppe auf der Wiese sitzend. Als ich sie sah, mußte ich an die vielen, vielen Mädchen und zunehmend auch Jungen, an die Frauen denken, all die Menschen, die mit Eßstörungen aller Art leben. Und ich wünsche uns allen, daß wir diesem Irrsinn nicht weiter Vorschub leisten durch gedankenlose Bemerkungen und sinnloses Bejubeln brutaler Diäten. Wir haben nicht alle eine Schuhgröße oder Haarfarbe, wieso sollten wir also alle eine Taillenweite haben?

Netzkarte Mai 27, 2007, 0:05

Posted by Lila in Bloggen.
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Hab ich hier gefunden, wo es überhaupt immer interessante Karten gibt. (Als Frau eines Karten-Fans habe ich Sinn für Karten aller Arten.)

Die Web-Gemeinschaften sind nach Größe und ihrer Lage auf der Windrose eingezeichnet, also nicht so willkürlich, wie es auf den ersten Blick aussieht. Praktiker im Norden, Intellektuelle im Süden. RL (real life)-Orientierung im Westen, Web-Inhalte im Osten. Da bin ich vermutlich irgendwo süd-süd-westlich angesiedelt. Rungholt ist ja versunken und nur noch auf alten Karten zu finden.

In zwei Tagen, in Tel Aviv Mai 25, 2007, 23:14

Posted by Lila in Land und Leute.
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27. Mai, abends, 100 NIS pro Karte: ein Konzert zugunsten der Menschen im Kongo, die die Hölle durchmachen. Ehud Banai, Aviv Gefen, Idan Raichel, Achinoam Nini, Barry Sacharov und noch andere, einige der bekanntesten Künstler Israels, geben ein Konzert, dessen gesamte Einfkünft an den Kongo gehen.

Ein Journalist hat eine Sendung über das Leiden im Kongo gemacht.

After visiting Congo in 2006, Itai Engel, an Israeli journalist, wrote:

On the whole planet, there is no place more terrible at the moment than eastern Congo. In a six-year war, close to four million people have died. This fact is so terrifying that the phenomenon of women being raped seems insignificant. If I chose to be a journalist, and I try to tell the stories most important for the world to hear, then Bukavu in east Congo is a place I have sworn to come to for years.

Was er dort gesehen und gehört hat, läßt ihn nicht mehr los. Gemeinsam mit ein paar jüdischen Organisationen beschließt er zu helfen. Es gibt jede Menge jüdischer Wohlfahrtsorganisationen, und wer glaubt, die helfen nur Juden, der irrt.

But Engel’s mission did not end once he returned to Israel. Together with Brit Olam, the International Israeli-Jewish Volunteer Movement, the Israeli Humanitarian Aid organization, Latet, and the World Union of Jewish Students (WUJS), he is intent on bringing crucial aid to the Congolese population victimized by the most fatal war in the world, far away from any medical facilities.

To sponsor aid, leading Israeli artists including Aviv Gefen, Ehud Banai, Ahinoam Nini (Noa), and Idan Reichel, will perform in a joint rock concert on Friday, May 27, in Hangar 11 in Tel Aviv. Revenue from the concert will be donated for the building of medical clinics, medical equipment, and training professionals to help rehabilitate the rape victims and their children.

Ich muß sagen, das Verhalten des Journalisten imponiert mir.  Wie leicht wäre es doch für ihn, die professionelle Schutzhaut anzulegen oder es zumindest zu versuchen. Doch das Leid der Menschen dort ist wohl so entsetzlich, daß er das nicht fertigbringt. Er ist entschlossen, ihnen zu helfen. Ich hoffe, es kommen viele Menschen.  (Oh, ich finde gerade eine Meldung darüber auf Deutsch. Nummer 6).

Verborgen vor den Augen der Welt und unbeachtet machen dort Menschen Entsetzliches durch. Wenn ich daran denke, kommen mir Dorothea Brookes Worte in den Sinn, „a muffled cry on the other side of silence“. Wie gut für uns, daß wir so stumpf sind und das stumme Leid nicht immer hören. Wir müßten daran zugrunde gehen. So schließen wir Augen und Ohren und ameiseln weiter, während anderswo die Hölle über den Menschen zusammenschlägt. Grausame Gedanken, und grausame Wesen sind wir Menschen.

Mit aufrichtiger Bewunderung Mai 25, 2007, 20:56

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nehme ich zur Kenntnis, daß die Palästinenser sich beim Sicherheitsrat der UN beschwert hat über die israelische Aggression. Die Stirn muß man erst mal haben!

Der Vertreter der Palästinenser bei den Vereinten Nationen, Riyad Mansour, forderte den Sicherheitsrat auf, einen sofortigen Waffenstillstand zu verlangen. Das höchste UN-Gremium solle außerdem internationale Beobachter in das Gebiet entsenden. Hinsichtlich der Verhaftung von 33 hochrangigen Hamas-Mitgliedern am Donnerstag verlangte Mansour außerdem die Verurteilung von Israels „skandalöser und illegaler Aktion“.

Wow, die Jungens haben uns einfach was voraus. Wir lassen uns wie die Deppen jahrelang, monatelang beschießen und beschweren uns nicht. Wieso eigentlich nicht? Ist doch wirklich einfach pure Dummheit. Wir müßten viel mehr Lärm schlagen.

Die Festnahmen folgten auf den mehr als einwöchigen Beschuss des israelischen Grenzgebiets mit mehr als 200 Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen.

Mehr als einwöchig? Belassen wir es dabei… ich will ja nicht schon wieder pingelig werden.

Solana betonte, die Gewalt von palästinensischer und von israelischer Seite müsse beendet werden. „Es ist an der Zeit, die Lage zu beruhigen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte am Donnerstag ein Ende der Angriffe von palästinensischer Seite auf Israel.

Aber seht Ihr den Unterschied? Solanas Pseudo-Ausgewogenheit, auch wenn sie in diesem Falle wirklich unangebracht ist. Merkel, die den Finger in die Wunde legt. Sagt was Ihr wollt, ich habe Respekt vor der Frau. Sie hat mehr beizimle als die meisten Männer, scheint mir.

Doch die meisten beizimle der Region haben die Palästinenser. Das muß man erst mal bringen. Respekt. Da können wir uns eine Scheibe von abschneiden. Chutzpa menazachat, Frechheit siegt.

(Und für Yiddisch-Puristen: das Wort beizimle habe ich aus einer Reportage im Diaspora-Museum. Irgendwo in Süddeutschland gibt es ein Dorf, in dem die Bauern, ohne es zu wissen, jiddische Worte übernommen haben und sie süddeutsch aussprechen, zB Pore für Kuh.)

PS: Wetten auf den Zeitpunkt der UN-Resolution zur Verurteilung Israels werden angenommen!

Verzerrte Sicht und Verkürzung Mai 25, 2007, 20:45

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muß ich auch zugeben. Y. hat mich drauf hingewiesen. Im Süden fallen Qassams nicht nur auf Sderot, das zu einer Art Metapher geworden ist – unter anderem wieder aus dem Wunsch heraus, komplizierte Realität in Schlagworte zu fassen. Alle umliegenden kleinen Orte, auch die Kibbuzim der Gegend, werden beschossen. Aber die Kibbuzniks und Moshavniks machen keinen Lärm. Sie sind still und ein bißchen stoisch. Sie reparieren ihre Dächer und machen weiter. Deswegen eignen sie sich nicht so gut zur Berichterstattung. Auch ich habe sie die ganze Zeit übersehen, ich glaube, nur einmal habe ich einen Artikel aus Haaretz über die alten Leute in Nir Am verlinkt, nicht diesen hier, aber das Problem ist klar. Medbrain hat Recht, es ist so schwer und eigentlich unmöglich, mit jeder Information nicht auch gleichzeitig zu desinformieren.

Abendessen bei Nudniks Mai 25, 2007, 20:36

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Heute abend hat Y. das Abendessen vorbereitet. Nur für vier Personen: Primus läßt sich von seinen Freunden feiern, Secundus ist mit seinen Freunden in den Dining Room gegangen. Das Essen ist da zwar langweilig (der neue Ökonom hält nichts von Abwechslung im Menü), aber er mag seine Freunde. Wir essen im Sommer schlicht: Y.s weithin gerühmter Salat aus Tomaten, Gurken, Paprika, Möhren, Eisbergsalat (Gemüse aus Secundus´organischer Landwirtschaft) mit frischem Zitronensaft (aus dem Garten, s. Schüssel) und Olivenöl (aus drusischem Dorf). Dazu Ei und Pilze („pitriat ha choresh“ – „Waldpilz“). Außerdem Brötchen, Pitabrot, Chumus und eingemachter Tomatensalat („salat turki“). Auch diese Sachen kaufen wir bei den Drusen. Eigentlich ist das so ziemlich unser Lieblingsessen.

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Rettung Mai 25, 2007, 16:09

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für mein Blog, das zwischen zähneknirschendem Medienkonsum, Schweigen und Dönekens aus dem Familienkreise dahinplätschert. Kaltmamsell weiß wie! Bloggen auf Anfrage! Croco macht zwar ein „on demand“ draus, was ich ihr dies eine Mal noch verzeihen will – und ich weiß auch sofort, was ich von Croco sehen will.

Her mit den Anfragen (per Mail, um die Spannung der Leserscharen in schwindelnde Höhen zu treiben!). Oh, und lieber Wort- als Bildbeiträge. Ich habe nun gerade mit Müh und Not meine Flickr-Bilder aktualisiert, ich äscher mich damit nicht noch mal ab!!! Zumindest nicht so bald.

Blogger zum Thema Sderot Mai 25, 2007, 12:00

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
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Rinat war dabei, als Schüler in Sderot Abiturklausuren schreiben sollten, während die Stadt beschossen wurde. Liza ärgert sich über Kommentare in den deutschen Medien und demontiert die unterschwelligen Anschuldigungen gegen Israel. Beide Einträge nicht taufrisch, aber ich bin vorher nicht zum Verlinken gekommen.

Man wundert sich nicht, daß harmlose Gemüter in Deutschland schwere Bedenken Israel gegenüber haben, wenn man sich die von Liza verlinkten Artikel anguckt. Ach, und was nervt mich am meisten? Daß ich etwa ein dutzendmal auf die Qassams hingewiesen habe im Laufe der letzten Monate und dumpf prophezeit habe: sobald wir reagieren, wird das ein Thema! Und daß es genauso gekommen ist. (Mal nachgeguckt: 29. Januar. 4. Februar. 6. Februar. 22. Februar. Da hat eine Leserin den Hinweis auf die Jungle-World gegeben, fast die einzige Zeitung, die zu diesem Zeitpunkt Notiz von den Qassams genommen hat. 6. März. Und so weiter.)

2. März.

Gestern: zwei Qassams, drei Mörsergranaten. Heute: bisher fünf Qassam-Raketen. Für einen Waffenstillstand keine schlechte Bilanz, würde ich sagen. (Pardon wenn ich zynisch werde).

Also, vermutlich informiert man sich mit den „traditionellen“ Medien doch nicht immer zum besten. Denn was Liza da aufzählt, ist schon nicht mehr Huddeligkeit, sondern gezielte Disinformation. (Liza ist übrigens kein Eigenname, sondern bezieht sich auf den Fußballer Lizarazou oder wie de Jong heißt.) Wer hier mitgelesen hat, dem wäre das nicht passiert.

Es tut mir leid, wenn genervte Leser sich von mir abwenden und sagen, „nu, wir haben es kapiert, vielleicht erzähl uns mal was Neues! Du wirst ja zum Anti-Defamations-Blog!“ Es tut mir ja auch leid, aber ehrlich, es ist ein ekelhaftes Gefühl, wenn man sich gleichzeitig bedroht und verleumdet fühlt. Eins von beiden ginge noch – meinetwegen bedroht, wenn die Welt sich schützend und unterstützend um uns stellte. Meinetwegen verleumdet, wenn wir wenigstens in Ruhe und Sicherheit unser tägliches Leben führen könnten.

Aber die Kombination aus echter Sorge um die nächste Runde im Krieg und das bittere Gefühl, immer die imagemäßige Barschkarte zu ziehen und als Aggressor verachtet zu werden – das ist fast unerträglich für moralinsaure Besserwisser wie mich. Ein Bad in kochender Milch. Wenn ich aus dieser kochenden Milch wenigstens verjüngt und verschönt hervorginge – aber nichts da, Falten und graue Haare sind der Preis für Gram und Unruhe.

Und nervige Blogeinträge. Ehrlich, es tut mir leid. Ich hoffe, es kommen wieder ruhigere Tage. Und wenn Ihr ausgewogenere, kompetentere Artikel findet, verlinkt sie hier, bitte. Es ist ja so gut für meine Nerven!

Alle drei Monate Mai 25, 2007, 10:08

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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ist hier ein Kindergeburtstag fällig. Primus wird heute 17 und Häschen in der Grube spielen wir nicht mehr mit ihm. Er hat sich eine Käsesahnetorte gewünscht und sie bekommen. Außerdem Klamotten und eine coole, unglaublich teure Sonnenbrille. Bücher sucht er sich besser selbst aus, auch Musik. Ist das komisch, einen so großen Sohn zu haben. Er ist erwachsen. Er übernimmt Verantwortung.

Ich brauche ihn nicht zu erziehen oder zu ermahnen, er hat ein ausgeprägtes Gewissen und es war nie schwierig mit ihm. Manchmal brummt er seine kleinen Geschwister an, wenn sie ihn nerven. Was kann man schon über einen Jungen sagen, der so brav ist, daß ich glauben würde, da stimmt was nicht, wenn er nicht meiner wäre? Er ist stolz auf seinen Vater und auch auf mich, er trifft seine eigenen Entscheidungen, aber nie aus Trotz. Manchmal schludert er etwas in der Schule, aber er ist nie richtig in Probleme geraten. Die Lehrer lieben ihn, die Lehrerinnen noch mehr.

Er hat nette Freunde, solche, die Mütter gern haben: Jungens, die aus sich herausgehen und auch mal was erzählen. Keiner von ihnen raucht, rauft oder trinkt. Sie machen viel Sport, gehen Filme gucken, tauschen Bücher  und sind alle gut in der Schule.  Sie haben alle nette Eltern, mit denen ich sofort ins Gespräch komme. Besonders mit den Müttern.

Primus´ erster Geburtstag, 25. Mai 1991

Wirklich, es ist überhaupt kein Problem, mit so einem Sohn zu fühlen, daß wir genial begabte Erzieher sind. Aber ich weiß sehr gut, daß wir nicht viel dazugetan haben. Er ist irgendwie so ausgeglichen geboren worden. Stimmt nicht: als Baby hat er viel, viel, viel geweint. Das hat mich zur Verzweiflung gebracht, weil ich doch wollte, daß MEIN Baby immer glücklich ist. Aber er hat erst mit vier Jahren richtig durchgeschlafen. Also kein Erfolg von Erziehung oder irgendwelchen Tricks unsererseits. Wir haben ihm nur Zeit gelassen, sein Gleichgewicht zu finden.

Dann gab es die Zeit, als das mit der Brille anfing und andere Kinder ihn neckten. Das hat er sich zu Herzen genommen. Die Grundschulzeit war schwer für ihn, weil er in der Klasse keine Freunde hatte, keine richtigen. Aber sobald er auf die höhere Schule kam, war das vorbei und er fand seine Freunde.

Also, herzlichen Glückwunsch, mein Großer. Genieß das letzte Schuljahr und bleib, wie du bist.

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Ah, die Erbse Mai 24, 2007, 16:09

Posted by Lila in Persönliches.
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Meine Eltern hatten Recht, ich bin’s. Im Nebenbuero (wo niemand sitzt, weil ausser ein paar Irren in dieser Abteilung noch Feiertag ist und niemand arbeitet) piepst irgendein elektronisches Geraet. Ich hoere es mir nun schon acht geschlagene Stunden an. Es dringt durch den Ventilator, den ich angestellt habe. (Weisses Rauschen! Ich stell mir beim Laerm der Klimaanlage immer vor, ich dampfe uebers Meer, ueber mir Moeven, unter mir Fische und Quallen….)

Nein, es nuetzt nichts. Es ist nicht im Maschinenraum des Dampfers, es ist ein Buerogeraet. Ich winde mich. Die Kollegin hoert es nicht!

Auch durch hundert Decken spuere ich die Erbse, es reicht zu wissen, dass sie da ist, und ich wache mit blauen Flecken auf.

Chag ha bikurim Mai 23, 2007, 22:33

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Es war schön wie immer. Y. meint zwar, womit er ja nicht allein ist😉, die Zeremonie auf dem Feld ist langweilig. In der Tat zieht es sich ziemlich, es herrschte Chaos, keiner wußte, wann er dran ist. Zuerst wurde getanzt und gesungen, dann die Pferde mit den Flaggen, dann die neuen Babies (14 an der Zahl, nicht schlecht, wenn auch nicht so gut wie in anderen Jahren), danach kam die Traktor-Parade, ich zog mit zwei anderen „Draußen-Arbeitern“ vorbei, einen riesigen Scheck in der Hand… und so zog ein „Zweig“ nach dem anderen am Kibbuz vorbei. Ein paar alte Traktoren stockten, das Pferd der Reittherapie-Lehrerin wollte nicht, der Organisator verwechselte die Reihenfolge der Wagen, und der Redner vom landwirtschaftlichen Zweig wollte gar nicht mehr aufhören. Außerdem war unsere Batterie in der Kamera gerade alle.
Aber trotzdem, mir hats gefallen. Inzwischen  sind so viele Bilder in der Kamera, die ich eigentlich hochladen müßte, aber das tu ich dann doch nicht…. dabei war es heute so malerisch, das Fest im Feld, im Hintergrund ein arbeitender Mähdrescher, vor dem die Kibbuzniks mit ihren Kindern standen, erklärend…. gebt mir mal einen Tritt, daß ich diese Karte aus der Kamera fische!

Die Kinder sind morgen zuhause, sie haben noch Ferien, aber wir armen Erwachsenen müssen wieder zurück ins Joch. Mir steht morgen ein so stressiger Tag bevor, daß ich am liebsten gar nicht aufstehen würde. Ich merke, daß ich alt werde – ich scheue Streß. Diese Adrenalinsuppe, die vom ständigen Fechten gegen hundert angreifende Feinde kommt, die wünsche ich Douglas Fairbanks oder Errol Flynn an den Hals. Aber nicht mir.  Na ja, ich mache dann eben etwas langsamer und gründlicher. Und dann macht es doch wieder Spaß.

Seit man per Handy, Email und Fax jederzeit und überall erreichbar sein muß, jeder sofort Antwort erwartet und überall Mail- und Voiceboxen wimmern, träume ich von einem Schlupfloch, irgendwo. Aber alle Wälder, auch die wildesten, und alle Inseln, auch die fernsten, sind vermessen, satellitenphotographiert und bieten keinen Schutz mehr. Ich lese im Moment wieder mal „Die Kinder des Kapitäns Grant“, wie wunderbar muß das Gefühl gewesen sein, wirklich weit weit weg zu sein und sich so zu fühlen.

(Ich hatte Tertia einen Verne in die Hand gedrückt, als sie über Lesehunger klagte, und während ich ihr erklärte, warum ich als Kind die Kinder des Kapitäns Grant so gern gelesen habe, überkam mich selbst der Appetit. Und so lese ich das alte Buch wieder. Bücher, die ich als Kind gern mochte, haben einen besonderen Schimmer. Hätte ich es als Erwachsene entdeckt, würden mich vermutlich die hohlen Charaktere und der schwere didaktische Einschlag stören. So aber genieße ich die Geschichte, und die Figuren hat mein kindliches Ich damals mit genügend Leben gefüllt, das sie bis heute deutlich sprechen, denken und fühlen.)

Aber für mich gibt es keine einsame Insel mehr, Tristan da Cunha oder die Amsterdam-Inseln. Für uns alle nicht. Deswegen sind Feste so kostbar, weil sie eine kleine Insel sind, auf der man mal sagen kann: liebe Freunde, sprecht mich Donnerstag drauf an, heute ist chag, heute ist Fest.

Und oh ja, ich liebe Shavuot, diese Fest mit den vielen Bedeutungsschichten. Komisch, eigentlich denke ich bei jedem Fest, wenn es kommt: das liebe ich besonders…

Wortwahl Mai 22, 2007, 13:46

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Ja, ja, ich bin in Schwung – Feiertage, Aufholen beim Nachrichtenlesen und etwas geplagte Närwen sind dafür verantwortlich.

Ein Wort, das mir schon öfter aufgestoßen ist: Abriegelung.

Die israelische Armee riegelt unterdessen die Palästinensergebiete ab. Damit sollen während eines jüdischen Feiertags Selbstmordanschläge verhindert werden, teilte die Armee mit. Palästinenser aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland dürfen damit nicht nach Israel einreisen.

Also: Abriegelung = keine Einreise der Palästinenser nach Israel. Gucken wir uns mal die Karte an.

Wenn wir die Grenzübergänge von den palästinensischen Gebieten nach Israel sperren, riegeln wir damit nur ein Land ab – nämlich Israel. Wir lkönnen nicht nach Syrien oder in den Libanon, höchstens nach Jordanien und Ägypten, aber auch das sind im Moment für Israelis keine lockenden Ziele. Ansonsten haben wir das Meer.

Ich würde sagen, „abriegeln“ ist eine ziemlich drastische Wortwahl für ein Schließen der Grenzen. Die Palästinenser hassen uns so, wozu sollen sie nach Israel einreisen wollen? Wie oft hat es blutige Anschläge zu Feiertagen gegeben. Ist es da nicht verständlich, daß die Armee die Grenzübergänge schließt?

Aber wir haben keine Kontrolle über Jordanien und Ägypten. Die könnten ihre Grenzen doch aufmachen. Da hat es viel weniger Anschläge gegeben als bei uns. Wir können die palästinensischen Gebiete gar nicht abriegeln, wir haben den Schlüssel zu den anderen Türen nicht. Nur zu uns. Man könnte auch sagen, per Terror riegeln die Palästinenser UNS ein. Wir sind Gefangenge der Terrordrohungen.

Dasse Gleichsetzung von Grenzenschließen und Abriegeln erinnert mich immer etwas an den alten Witz aus dem Englischunterricht: „Fog over Channel, continent isolated“.

Spätes Erwachen Mai 22, 2007, 13:00

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Ich habe es nicht anders erwartet. Solange Israel stillhielt – keine Reaktion der UN auf den Beschuß mit Qassams. Sobald sich Israel wehrt – Besorgnis und Ermahnungen. Da läuft irgendwas komplett schief. Wie man so oft versagen kann und gleichzeitig ein Image als Heilige Johanna in einer ungerechten Welt aufrechterhalten kann – oh, das sollten mir die UN mal verraten. Es ist vermutlich der beste PR-Coup aller Zeiten.

Oh, und noch etwas: daß die Libanesen palästinensische Flüchtlingslager beschießen, muß dem UN-Generalsekretär entgangen sein. Tja, man kann ja nicht alles im Auge behalten. Es reicht, wenn man Israel im Auge behält.

Ein kleines Item in unseren Nachrichten, vor ein paar Tagen Mai 22, 2007, 12:28

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Es muß vorgestern oder vorvorgestern gewesen sein. Ein kleines Mädchen, Flüchtlingskind aus dem Sudan, wurde mit seinen Eltern wiedervereinigt. Bei der Flucht über die Grenze von Ägypten nach Israel wurde die Großfamilie von ägyptischen Grenzsoldaten beschossen. Das kleine Mädchen blieb zurück, wurde von ägyptischen Soldaten festgehalten. Die Eltern dachten, ihr Kind ist tot. Doch dem Mädchen war nichts passiert.

Die Ägypter weigerten sich, die Kleine nach Israel zu übergeben. Schließlich schrieb Aliza Olmert einen persönlichen Brief an Susan Mubarak. Das half. Wenige Tage später wurde das Kind den Eltern übergeben. Alle Umstehenden weinten, die Eltern, ganz junge Menschen, waren am gefaßtesten.

Die sudanesischen Flüchtlingen wollen von Ägypten nach Israel? Warum ausgerechnet in den Judenstaat? Sie sind doch Moslems. Wären sie nicht in Ägypten besser aufgehoben? Vielleicht doch nicht.

31.12.05: Ägypten: Polizei-Einsatz gegen sudanesische Flüchtlinge. In Kairo sind am Morgen des 30. Dezember bei einer Polizei-Aktion gegen sudanesische Flüchtlinge mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen. Zuvor seien Versuche, die etwa 3.000 Menschen zum Verlassen des Geländes vor einem Bürogebäude der Vereinten Nationen zu bewegen, gescheitert, erklärte ein Sprecher des ägyptischen Innenministeriums. Viele der Sudanesen sind vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Ägypten geflohen. Die Anführer der Flüchtlinge hätten zu Angriffen gegen die Sicherheitskräfte angefordert. Das Ministerium bestätigte inzwischen 26 Todesopfer und über 30 Verletzte unter den Sudanesen. 23 Polizisten seien verletzt worden, hieß es weiter.

Ich weiß nicht, was in den Herzen dieser Menschen, die das Schlimmste miterlebt haben, vorgeht, wenn sie sich auf den Weg nach Israel machen. Aber wir scheinen eine Hoffnung in ihnen zu erwecken. Ich weiß nicht, ob unsere elende Bürokratie diese Hoffnungen nicht zunichte macht. Es ist eine große moralische Verpflichtung, diese Flüchtlinge so zu behandeln, daß sie den Glauben an die Menschlichkeit im Menschen wiederfinden können.

Übrigens hat der Vorsitzende von Yad vaShem in seiner zentralen Rede am Holocaust-Gedenktag auf die Flüchtlinge aus dem Sudan hingewiesen.

We have to raise an outcry against the genocide now being perpetrated in Darfur, Sudan. Meanwhile, the world sits with its arms folded, sending a few sacks of flour – not so much to feed the hungry as to salve its consciences.

Ich wünsche den sudanesischen Flüchtlingen ein gutes Leben in Eilat, und ich wünsche mir, daß unsere Behörden das nächste Mal intelligenter und flexibler reagieren und nicht so lange nach einer Lösung suchen, wie sie nun gefunden ist. Und ich wünsche den Israel-Kritikern, daß sie mal versuchen, sich in die sudanesischen Flüchtlinge zu versetzen, die ausgerechnet Israel ansteuern. Vielleicht sehen sie ein anderes Bild als sonst.

“I don’t think that the Jewish people can look the other way when such a horrible genocide is being conducted. It is our obligation to be as of much help as we can,” said Mr. Lapid, a Holocaust survivor.

A group of Sudanese recently were taken on a tour of the museum at Yad Vashem, Israel’s Holocaust memorial. They stood silently, some wiping away tears as they looked at photographs of corpses and cases displaying children’s dolls and a mother’s final postcard. “It was very hard to see this, really shocking,” said a 24-year-old man who fled Darfur last year. “It reminded me of my own people. I hope one day we can have a museum like this in Darfur.”

Theo Kaminer, who is coordinating the kibbutz movement’s efforts to take in the Sudanese, said the farms felt a moral obligation.

“If not us, who will help them?” he said. “No one else is lifting a hand. These people are refugees from a Holocaust.”

Die Logik des Irrsinns Mai 22, 2007, 11:04

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Als Netanyahu den Vorschlag machte, nicht mehr weiter Strom und Wasser an die Palästinenser im Gazastreifen zu liefern, hat die israelische Regierung das abgelehnt. Anderswo ist man nicht so zimperlich. Die Libanesen haben dem palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared Strom und Wasser abgestellt. (Die internationale Empörung bleibt natürlich aus.)

Einwohner von Nahr al-Bared berichteten, dass Wasser und Elektrizität abgeschaltet wurden. Das Internationale Rote Kreuz hat seine Besorgnis über die Lage der 40.000 Palästinenser in dem Lager ausgesprochen. Die Sprecherin des IRK, Virginia de la Guardia, forderte alle Konfliktparteien auf, zumindest Krankenwagen in das Lager zu lassen.

Ich mag mir nicht ausmalen, was das IRK zu sagen hätte, wenn Israel dem Gazastreifen Strom und Wasser sperrte!
Übrigens steht das in einem Artikel, der den Irrsinn des Nahostkonflikts beleuchtet. Auch hier war wieder der Untertitel-Attentäter am Werk:

Geisel eines Konflikts

Von Wiebke Fleig

Seit jeher ist das Schicksal des Libanon eng verbunden mit der Situation der gesamten Region. Nach den jüngsten Kämpfen könnte das Land wieder einmal ins Kreuzfeuer des israelisch-palästinensischen Konflikts geraten.

 

Doch im ganzen Artikel kommt Israel erst am Ende vor, und auch da nur als Objekt des Hasses, nicht als irgendwie beteiligte Seite. (Wobei die Metapher vom „Kreuzfeuer“ wieder eine Symmetrie des Gewalteinsatzes suggeriert, über die ich nur seufzen kann. Wären die zur Verfügung stehenden Mittel symmetrisch – die Palästinenser hätten uns längst schon ausgerottet.)

 

Was sich im Moment zwischen Libanesen und Palästinensern abspielt, ist nur ein Kapitel in einer Oper des Hasses, und wir haben damit gar nichts zu tun. So wie wir nichts damit zu tun haben, daß die Palästinenser nach wie vor in Flüchtlingslagern darben (der einzige Staat im Nahen Osten, in dem es keine Flüchtlingslager gibt, ich wiederhole es, ist – Israel).
Wenn man sich den Artikel durchliest, wird klar, wie große Angst die Libanesen vor dem Gewaltpotential der Palästinenser haben, und wie große Vorsorge sie dagegen treffen.

Augenzeugen berichten, dass im Laufe des Sonntags immer mehr Truppen und schweres Geschütz in den Nordlibanon verlegt wurden. Die Armee errichtete zahlreiche zusätzlicher Checkpoints entlang der Hauptstraßen nach Nahr al-Bared. Die nahe gelegene Stadt Tripoli wurde aus Angst, die Gewalt könnte weitere Kreise ziehen, abgeriegelt. Nach Medienberichten setzen sich die Kämpfe am Montag fort.

Obwohl der suggestive Titel, „Geisel eines Konflikts“, und der Untertitel den jetzigen Ausbruch der Gewalt als Teil des israelisch-palästinensischen Konflikts deuten, fehlen dafür alle Indizien. Wenn der Libabon die Geisel ist, wer sind die Geiselnehmer? Israelis und Palästinensern. Aber wie nehmen wir den Libanon als Geisel? Der kausale Zusammenhang ist nicht klar.

Eigentlich darf die libanesische Armee aufgrund eines Abkommens mit der palästinensischen Führung und anderen arabischen Staaten die Flüchtlingslager nicht betreten. Nun aber hat sie es getan und dabei die Zustimmung vieler Libanesen gefunden. Denn es gibt ein Präzedenzfall: 1975 haben Zusammenstöße zwischen Libanesen und Palästinensern den Anstoß für den 17 Jahre währenden Bürgerkrieg gegeben.

Sie konnten damals ohne uns einen Bürgerkrieg anfangen, und sie können es auch heute. Die Verbindung zu Israel wird im letzten Absatz klar:

Zu der Gewaltbereitschaft in den Flüchtlingslagern trägt auch die katastrophale soziale Lage der rund 400.000 Palästinenser bei, die nach offizieller Zählung im Libanon leben. Im Vergleich zu den Flüchtlingen in den anderen arabischen Ländern geht es ihnen am schlechtesten. Sie haben kaum Rechte und sehen sich einer strikten staatlichen Reglementierung gegenüber, die festlegt, ob und welche Art Arbeit sie überhaupt annehmen dürfen. Die meisten üben niedrige, äußerst schlecht bezahlte Arbeiten aus und müssen sich täglich gegen erhebliche Vorurteile wehren. Eine Folge ist, dass die Flüchtlingslager in den letzten Jahren ein fruchtbarer Boden für die wachsende Militanz geworden ist, die sich hauptsächlich gegen Israel richtet.

Die wachsende Militanz richtet sich gegen Israel – obwohl Israel mit den elenden Lebensbedingungen der Palästinenser im Libanon nicht das Geringste zu tun hat! Es ist aber einfacher, Israel zu hassen. Es ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Todfeinden: der Haß auf Israel. Und egal was passiert: man kann immer Israel die Schuld geben. Um so absurder der letzte Satz:

Kein Zufall, dass die libanesische Öffentlichkeit das Schlimmste befürchtet. Sie wurde durch die Ereignisse von Nahr al-Bared einmal mehr daran erinnert, wie real die Möglichkeit ist, dass der Libanon wieder einmal in den Sog des Nahost-Konflikts gerät.

Der Nahost-Konflikt? Und sein Sog? Flieg hat anscheinend nicht verstanden, daß der gesamte Nahe Osten von Konflikten nur so brummt. Iran-Irak ist nur ein Beispiel. Syrien-Libanon ein anderes. Sunniten – Shiiten ein anderes. Viele dieser Konflikte, die meisten!, haben nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun. Die Palästinenser sind mit den meisten ihrer Nachbarn verkracht und untereinander ebenfalls. Die Libanesen haben guten Grund, das Gewaltpotential der Palästinenser zu fürchten. Noch dazu, wo sie im eigenen Haus nicht viel zu sagen haben.

Der einzige Sog, den ich im Nahen Osten erkennen kann, ist der Sog der Interpretierer, die jeden Konflikt partout in das Israel-Palästina-Förmchen quetschen wollen. Die Besessenheit mit Israel und der Zwang, jeden fallenden Sack Houmous in dieser Gegend irgendwie mit uns in Verbindung zu bringen, sind erstaunlich.

Gewöhnt euch an den Gedanken: auch wenn es Israel nicht mehr gibt, wird der Nahe Osten noch lange nicht befriedet sein, und der israelisch-palästinensische Konflikt ist vielleicht in Augen der Medien der wichtigste der Welt. Aber in Wirklichkeit ist er nur ein kleines Teilchen einer schwierigen Weltgegend. Dadurch, daß auch Flieg dieser Logik „cherchez Israel“ folgt, ist sie selbst Opfer dieses Sogs. Und ihre Leser mit ihr.

(Ebenfalls in der ZEIT: detailliertere Informationen.)

(Und noch ein PS: Kühntopp, dem ich trotz seines Namens schon öfter gram war, hat eine m.E. interessante Analyse des Konflikts geschrieben. Bemerkenswert: er verortet, wie wir in Israel, die Drahtzieher in Syrien. Keine Spur israelischer Beteiligung. Zionistische Weltverschwörung also fürs Erste vertagt.)

Ja ja, die Jugend von heute Mai 20, 2007, 22:23

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Secundus ist früh schlafen gegangen, „morgen früh wird gemolken, ich muß um fünf raus“. Das klingt doch ganz wie der klassiche Kibbuznik, nicht wahr? Während ich die Abendrunde in der Küche drehe, höre ich ohrenbetäubenden, irgendwie rhythmischen Lärm aus dem Zimmer der Jungens.

Ich fege sofort ins Zimmer, was ist los? Der Junge schläft wie ein Bär, sein Handy vollführt zuckende, ruckende, blaublitzende Tänze. Ausmachen darf ichs nicht, es soll Secundus ja morgen früh wecken. Endlich ist der Krach vorbei, ich will mich gerade zurückziehen. Da höre ich noch einen gedämpften Lärm aus Richtung Bett. Ja da soll doch! Der Kerl ist mit MP3-Spieler und Ohrknöpfen schlafen gegangen! Kein Wunder, daß er sein Handy überhört hat. Das kann nicht gut für ihn  sein. Ich fische ihm das Gerät vom Kopf und stelle es aus. (Ha, das kann ich sogar, ich hab ja zum Geburtstag dasselbe Modell geschenkt gekriegt, auch wenn die Kinder finden, es ist Verschwendung, weil ich Bach und Chopin und Satie drauf höre).

Als es endlich still ist, hebt Secundus verwirrt den Kopf.  „Häää? Is was los, Mama?“

Ach Junge, schlaf nur. Ist noch gar nicht so lange her, daß ich die Kinder mit dem dicken, fetten Pfannekuchen und den schönsten Schäfchen, die hat der gute Mond, zur Ruhe gebettet habe…. da rappelt das Ding schon wieder!!!! Na warte, elender Anrufer, ich werd dich!!!

Äh, gute Nacht.

Nur ein kurzer Blick Mai 20, 2007, 13:47

Posted by Lila in Land und Leute.
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auf die Überschriften der Zeitungen, ach je. Ich prophezeie es seit Monaten, und doch macht mich das Eintreffen meiner Vorhersage nicht glücklich. Habe ich nicht immer wieder auf die fallenden Qassams hingewiesen, habe ich nicht immer wieder erwartet, daß sie mal irgendwo außer bei uns erwähnt werden? Nun, jetzt, wo Israel reagiert, macht diese Reaktion die Schlagzeilen, die der monatelange Beschuß nicht gemacht hat, und jeden Tag kann ich mir angucken, wie das aussieht. Detaillierte Schilderungen auf der ARD-Website. Sie zählen die Toten genau auf, die Israel zu verantworten hat – Dutzende Tote der vergangenen Monate am selben Ort waren egal, keiner hat sie erwähnt. Ja, es ist wahr, nur wenn die Kugel, die einen Menschen trifft, aus einer israelischen Waffen kommt, ist der Mensch erwähnenswert. Wäre ich Palästinenser, würde mich das treffen.

Der Blurb auf der Hauptseite sieht übrigens so aus:

Die israelische Luftwaffe hat in der Nacht die Angriffe im Gaza-Streifen fortgesetzt. Israels Premier Olmert drohte mit einer Ausweitung des Einsatzes, sollte der Beschuss israelischer Siedlungen mit Kassam-Raketen weiter gehen. Militante Palästinenser drohten ihrerseits mit neuen Attentaten. [mehr]

Siedlungen. Auch der ARD-Redakteur, der hier die kurzen Antexte verbricht, hält Sderot für eine Siedlung. Wie sich die Bilder gleichen!  Israel – Beschuß – muß sich um Siedler halten, und gegen die ist es ja erlaubt, die haben ja Anlaß dazu gegeben.  Oder hat da jemand verpennt, daß es im Gazastreifen keine Siedlungen mehr gibt, weil wir sie vor fast zwei Jahren geräumt haben – netterweise, um den Palästinensern günstige Abschußrampen für ihre Raketen freizumachen. Sie mußten sich ja vorher so drängeln, schrecklich.

Auch im Libanon brechen Feindseligkeiten aus , an denen wir nicht beteiligt sind, das gibt es also auch.

Bei Kämpfen zwischen radikalen Islamisten und der libanesischen Armee sind im Nordlibanon nach Medienberichten zehn Menschen getötet worden. Der Nachrichtensender Al Arabija meldete weiter, mehrere Mitglieder der Gruppe Fatah al Islam seien während der Kämpfe in einem palästinensischen Flüchtlingslager nahe der Stadt Tripoli festgenommen worden. Nach ersten Berichten waren unter den Toten Soldaten und mindestens drei Palästinenser.

Und die Bildunterschrift unter diesem Bild lautet:

 Martialisch im Auftreten: Palästinenser in einem Flüchtlingslager im Norden Libanons. (Archivbild vom März 2007)

In der Tat. Was für einen Grund haben sie denn, im Libanon, sich so zu bewaffnen? Droht ihnen auch dort der zionistische Feind, oder ist es nicht vielleicht doch eine Pose, die sich verselbständigt hat? (Nicht, als ob wir den Palästinensern nicht geholfen hätten, diese Pose zu entwickeln – aber eine weniger martialische Haltung hätte ihnen besser gedient.)

Hat sich auch mal einer gefragt, wieso die Palästinenser denn im Libanon in Flüchtlingslagern leben, im Staat Israel dagegen in ganz normalen Orten, Städten und Dörfern? Das muß wohl der israelische Rassismus sein, der da mit uns durchgeht.
Ja ja, ich weiß, ich wiederhole mich, tut mir leid. Eigentlich wollte ich ja davon erzählen, daß alle meine Kinder den Sommererkältungsvirus haben, mit schmerzendem Hals, leichtem Fieber und elendem Schnupfen auf Sofa oder Sessel rumlungern und ich – glücklich bin, sie alle um mich herum zu haben. Y. kam kurz zu Besuch und sah mich grinsend an. „Na, da hast du sie ja alle beisammen“. Er weiß,wie gern ich das habe. Sie haben auch bisher kaum gezankt, sind zu verschdupft  und heiser dazu.

Aber wenn ich dann wieder diese oberflächliche, immer gleiche, bequeme „Israel greift an“-Berichterstattung sehe…. dann geht mir das Hütchen wieder hoch, und bloggen erleichtert nun mal so. Tut mir leid, liebe Leser. Übrigens gehe ich nicht so weit, in Foren oder Leserbriefen nachzulesen, wie die Volksseele sich mal wieder reflexartig gegen uns empört. Ich warte ja noch darauf, daß mir eine Elefantenhaut wächst, leider wird da vermutlich nichts mehr draus.

Wir haben wieder mal die Wahl, uns unbeachtet von aller Welt beschießen zu lassen, oder uns verurteilt von aller Welt zu wehren. Elende Lage.

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