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We cease, they fire Juli 15, 2014, 12:33

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Immerhin hat die Hamas diesmal ehrlich gesagt, daß sie an einer Feuerpause nicht interessiert ist.

Israel hat das Feuer eingestellt, die Hamas feuert weiter.

Ob das manchen zum Nachdenken bewegen kann, der bisher immer geglaubt hat, daß Israel der Angreifer ist – oder zumindest genauso aggressiv wie die Hamas? Ich muß sagen, daß ich in den letzten Tagen mehr und mehr Artikel in deutschen Medien gelesen habe, die tatsächlich erkannt haben, wie groß der Unterschied ist.

Die Hamas feuert bewußt ihre größeren Raketen ab, die bis in die Nähe von Haifa kommen.

Diesmal gab es also auch in unserem alten Kibbuz Alarm…. wo Secundus lebt, meine Schwiegermutter und meine beste Freundin. Kein Fleckchen mehr, außer vielleicht der Gegend um Tiberias, wo es noch keinen Alarm gab.

Y.s Mutter lebt seit vielen Jahren mit einem sehr netten, aber auch ziemlich kranken Mann zusammen. Einen mamad haben sie nicht, darum haben sie sich in das kleine Zimmer mit den wenigsten Fenstern begeben, über ihnen eine Gipsdecke, ein paar Balken und Ziegel. Nicht sehr solide. Sie haben die zehn Minuten damit verbracht, sich zu streiten: er wollte, daß meine fitte Schwiegermutter zum Luftschutzbunker sprintet, der für ihn nicht erreichbar war – sie hat das weit von sich gewiesen und gemeint, sie bleibt bei ihm. Nein, das war ihm nicht recht. So gingen die zehn Minuten vorbei.

Meine Freundin war in dem Bunker, den meine liebe Schwiegermutter verschmäht hat. Er liegt bei den Kinderhäusern (die eigene Bunker haben), und sie hat unterwegs viel Kinderweinen gehört. Die Kinder hatten Angst.

Secundus war mit seinen Kollegen in einem anderen Bunker, mit denen der Kibbuz ja gesegnet ist. Normalerweise probt dort eine Band. Zwischen Gitarren, Schlagzeug und Mikrofonen haben sie abgewartet, bis der Alarm vorbei war.

Ich erzähle Secundus, daß ich den Livestream vom WM-Triumphzug in Berlin gucke. Im Hintergrund höre ich die Freudengesänge. Secundus ist natürlich sehr stolz auf den großen Erfolg, er war ja schon ein Schweinsteiger-Fan, als der noch in der Jugendmannschaft spielte. Wir unterhalten uns kurz, dann muß er weiterarbeiten.

Nie, nie, nie ist mir der Abgrund größer vorgekommen zwischen meiner alten Heimat und meiner neuen. Ich freue mich über den Jubel auf den Straßen von Berlin und freue mich über den sportlichen Erfolg und darüber, daß die sympathische Mannschaft überall nicht nur mit Toren, sondern auch mit Charakter gewonnen hat. Ich gönne es allen, die dort jubeln. Freu mich ja mit und bin wie eine Verrückte vom Sofa gesprungen, als Götze das Tor geschossen hat.

Wir leben so anders, so anders. Wie würde ich so einen leichtherzigen, frohen, stolzen Jubel mal den Israelis gönnen. Was uns verbindet, sind Momente der überwältigenden Trauer oder Sorge oder der Bewährung in schweren Stunden. Das schweißt auch zusammen, wenn man in Trauer zusammen singt. Aber vor lauter Freude – das muß schön sein.

Eine Geschichte aus dem Kibbuz Dezember 7, 2013, 22:53

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die wir in der kleinen Kibbuz-Zeitung gelesen haben.

Neulich frühmorgens am Shabat in unserem alten Kibbuz. Ein Kibbuznik, um die 80, aber sehr fit, macht seine Morgenrunde um den Kibbuz. Vor dem Schafstall sieht er einen winzig kleinen Jungen – vielleicht anderthalb Jahre. Das Kind ist ihm unbekannt, und es ist allein. Der alte Mann geht zu dem Kleinen und fragt ihn freundlich: na, was machst du denn hier? Der Kleine antwortet nicht, aber er legt den Kopf in den Nacken und zeigt in den Himmel.

Dort brummt ein Ultra-Leicht-Flugzeug, so ein fliegender Sessel, über den Kibbuz. Der Kleine folgt ihm mit den Augen und versucht, ihm hinterherzulaufen.

Der alte Mann versteht. Der Kleine hat das Geräusch gehört und ist dem Flieger gefolgt.

Er sagt freundlich zu ihm: komm, wir sagen dem Flugzeug shalom. Und jetzt zeig mir, wo du hergekommen bist.

Der Kleine gibt ihm die Hand und geht mit ihm zu den Ferienhäuschen, wo seine Eltern noch schlafen. Keiner hat ihn vermißt. Er ist allein rausgelaufen, dem Flieger hinterher. Hätte der alte Mann ihn nicht gefunden – wer weiß, wie weit er gekommen wäre und was ihm passiert wäre…

Sehr traurige Nachricht November 10, 2013, 12:51

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Y. rief soeben an, er hat es in der Zeitung gelesen. Imri Ron ist tot, und ich kann gar nicht beschreiben, was das für ein Mann war. Ich kannte ihn nicht sehr gut – aber seine Frau (die man auf dem Bild neben ihm sieht).

imri und ora chadar ochel

Das ist im Dining Room von Kibbuz Mishmar Haemek, und so habe ich mehrmals die Ehre und Freude gehabt, mit ihnen zu sitzen und zu essen. Imris Frau Ora  ist für das Kulturprogramm von Mishmar Hamemek zuständig, sie ist selbst Künstlerin (Imri hat eine ihrer Arbeiten hier photographiert), Kuratorin und lädt mich seit Jahren regelmäßig zu Vorträgen ein. Sie ist eine schöne, elegante, schlanke Frau, der man ihr Alter überhaupt nicht ansieht.

Ihr Vater war Chaver Knesset und hat die Menora als Emblem des Staats vorgeschlagen – dazu habe ich neulich schon was geschrieben. Er war einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung Israels.

Auch Imri war in der Knesset, und in der Kibbuzbewegung lange Jahre aktiv. Er war ein Mythos. Als Y. und ich das erste Mal mit ihm zusammengesessen hatten, war Y. sehr andächtig und ehrfürchtig, was sonst gar nicht seine Art ist. Hinterher sagte er mir: der Mann ist ein lebendes Denkmal der Kibbuzbewegung.

Dabei war Imri aber sehr witzig, lebbaft, interessierte sich für die Lebenswelten seiner Enkel, und unter seiner Ägide engagierten sich viele Jugendliche freiwillig. In Mishmar Haemek ist noch nichts privatisiert. Als ich Ora vor einiger Zeit mal fragte, ob es bei ihnen nicht auch losginge, sagte sie etwas spöttisch: „neulich hat mal jemand beantragt, daß die Zeitungen privatisiert werden sollen – aber das ist niedergestimmt worden“. (Privatisieren würde bedeutet haben: jeder zahlt seine Zeitung selbst, sucht sich dafür aus, welche er will – statt daß der Kibbuz die Zeitungen bestellt und jeder sich nimmt, was er will. Privatisierung im Kibbuz bedeutet einfach nur: selbst zahlen.)

Wir haben uns, als die Pseudo-Privatisierung unseres Kibbuz in einen einzigen Wettlauf aufs Haben-Haben-Haben ausartete, überlegt, ob wir nicht in einen Kibbuz umziehen sollten, der von diesem Virus noch nicht befallen ist, haben es dann aber aus vielerlei Gründen gelassen.

Für mich ist Mishmar Haemek eine Bastion der Kibbuzbewegung und Kibbuz-Werte. Imri war die Inkarnation der Kibbuz-Werte. Außerdem waren Imri und Ora ein wunderbar verbundenes Paar. Jeder von ihnen hatte seine eigene Welt der Interessen, und jeder war stolz auf die Welt des anderen und interessiert an ihr. Imri kam zu den Vorträgen und Ausstellungen, die seine Frau organisierte, und ich habe den Verdacht, er achtete nur darauf, daß seine Ora glücklich und zufrieden war. Man sah an ihrer Körpersprache, wie glücklich und eins sie waren. Es tut mir weh, an Ora ohne ihren Mann zu denken.

Sie hatte lange Angst, daß dieser Tag kommen würde. Er war schon länger nicht ganz gesund. Man sah ihm aber nichts an. Er war schlank, hatte eine gesunde Gesichtsfarbe und immer ganz blanke Augen.

Wir werden natürlich zur Beerdigung gehen. Vorhin habe ich in Mishmar Haemek angerufen, um zu fragen, wann die Beerdigung stattfindet. Zuerst habe ich bei Freunden angerufen. Da lief das folgende Band: „Liebe Freunde, bitte hinterlaßt uns keine Nachrichten, wir hören dieses Band nie ab.“ Damit sich keiner falsche Hoffnungen macht. Alle Welt ist rund um die Uhr erreichbar – aber nicht diese gemütlichen Kibbuzniks (die übrigens beruflich äußerst erfolgreich sind – nur eben zwischen Arbeit und Freizeit zu trennen wissen.)

Dann rief ich bei der Auskunft des Kibbuz an, da kam vom Band diese Ansage (nach den üblichen Ansagen von Weiterwahl-Nummern): „Wir möchten von vornherein klarstellen, daß es in Mishmar Haemek weder Wochenendhäuser (zimmerim) noch Wohnungen zu vermieten oder Häuser zu verkaufen gibt“.

Damit sich auch dort keiner falsche Hoffnungen macht. Fast alle Kibbuzim vermieten oder verkaufen ihre Besitztümer – aber nicht Mishmar Haemek. Mishmar Haemek, der Wächter des Tals – und einer der Wächter des Wächters ist gestern gestorben.

Nicht lästern, nicht stänkern… Juli 30, 2012, 10:06

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… gegen unseren alten Kibbuz, das will ich nicht, denn wir hatten doch gute Jahre dort und einige der mir liebsten Menschen leben dort. Trotzdem konnten Y. und ich uns einen vielsagenden Blickwechsel nicht versagen, als uns neulich Freunde aus dem Kibbuz ihr Leid klagten.

Sie sind in unserem Alter und warten seit Jahren darauf, daß die neue Nachbarschaft endlich, endlich gebaut wird, weil sie in drangvoller Enge wohnen, mit heranwachsenden Kindern. Die Grundstücke sind weder verteilt noch erschlossen, es gibt noch keine Pläne, weder für die Finanzierung noch die möglichen Grundrisse oder Haustypen sind irgendwelche genaueren Informationen erhältlich. Es gibt einen Ausschuß, aber von dem ist außer vagen Versprechungen und Ankündigungen wenig zu hören, klagen die Freunde.

Y. und ich haben uns daran erinnert, wie der Sekretär des Kibbuz bedauernd zu uns sagte, als wir ihm unseren Abschied vom Kibbuz mitteilten: „das ist aber schlechtes Timing, in vier Monaten fangen wir doch an, die neue Nachbarschaft zu bauen, wo ihr auch das Anrecht auf ein Grundstück habt…“ Wir haben damals an die vier Monate nicht geglaubt, und das mit gutem Grund. Denn dieses Projekt war schon damals nicht taufrisch.

Nun, das Gespräch ist zweieinhalb Jahre her.

Er rückt näher… Februar 24, 2012, 1:14

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… der Tag im März, an dem meine Tertia eingezogen wird. Ich habe ja schon öfter von dem Prozeß der Vorbereitung berichtet, und wie verschieden er ist von denen, die die Jungens durchlaufen sind. Was auch daran liegt, daß Tertia von Anfang an gesagt hat: kämpfende Einheit, das will sie nicht. Mädchen, die diesen Ehrgeiz haben, und davon gibt es einige, machen wohl ähnliche Erfahrungen wie die Jungens, aber meine Tochter hat sich von Anfang an auf die professionellen Möglichkeiten gestürzt, die die Armee bietet. Sie war auf x Auswahltagen, und am Ende hat sie ja wirklich die SMS gekriegt, daß sie zu einer ganz besonderen Funktion ausgebildet wird. Die ist so besonders, daß ich sie nicht mal übersetzen kann! Hier steht ein bißchen mehr drüber, natürlich auf Hebräisch – aber Google translate, diese geniale Erfindung, hilft ein bißchen weiter.

Die Funktion gehört zum psychologischen Dienst, und die Mädchen durchlaufen eine Ausbildung. Dabei lernen sie, die Soldaten, deren Einheit sie zugeteilt werden, zu testen – sie machen Eignungsprüfungen für verschiedene Funktionen und Aufstieg, Einlaßprüfungen für bestimmte Einheiten, allgemeine und spezielle Einstufungen, überprüfen auch seelischen Zustand, zB vor und nach Einsätzen… Dabei benutzen sie sowohl Instrumente (psychologische Tests), die von den Psychologen der Armee entwickelt wurden, als auch im Laufe der Zeit selbst entwickelte. Natürlich müssen sie dafür lernen, wie man Test statistisch auswertet, und welche verschiedenen Arten von Tests es gibt.

Tertia, die an ihrer alten Schule mit Begeisterung im Leistungskurs Sozialwissenschaften war, hat von so einer Zusage geträumt. Heute also war das Vorbereitungstreffen. Sie ist voller Spannung heute früh losgefahren nach Tel Aviv, und kam gegen Abend strahlend wieder. (Ach, und wie hübsch sieht sie aus! ich kann kaum glauben, daß ich so eine hübsche Tochter habe!!! ich darf das natürlich nicht sagen, ich sage statt dessen: schicke Jacke, oder: hübsche Handtasche. Das darf ich. Sobald ich sage: hübsches Mädchen, da krieg ich aber einen strafenden Blick zugeworfen… doch zurück zum Thema).

Also, aus ihrem ganzen Jahrgang sind überhaupt nur 27 Mädchen für diesen Kurs ausgewählt worden. Die Offizierin hat gesagt: „ihr seid mit der Pinzette ausgewählt worden, aus Hunderten von Bewerbungen – ihr müßt euch bewähren. Wer nicht gut ist und sich anstrengt und die Arbeit ernstnimmt, den sortieren wir aus.“ Tertia meinte, das könne ja wohl nicht ernstgemeint sein, aber Primus und Vater versicherten ihr sofort, daß sie da aber Gift drauf nehmen kann.

Die Armee kann sich nicht leisten, auf so einem Posten (in jeder Brigade gibt es nur eine davon) eine Soldatin zu belassen, die ihre Arbeit nicht tut, die ungeeignete Leute auf Posten losläßt oder geeignete fernhält. Das kann fatale Folgen haben. Jede Entscheidung betrifft ja nicht nur die Laufbahn des Soldaten, den sie beurteilt, sondern auch das Schicksal der anderen Soldaten und letztendlich auch das der Menschen auf der anderen Seite.

Da nach wie vor die am meisten vorkommende Todesursache israelischer Soldaten der Selbstmord ist (zumindest in „Friedens“zeiten), verwendet die Armee große Sorgfalt darauf, für jeden Soldaten den passenden Posten zu finden, sie weder zu über- noch zu unterfordern. Ich habe ja nicht nur an meinen eigenen Kindern gesehen, wie viel Mühe darauf verwandt wird, schon vor der Einberufung zu klären, wo ein Soldat mit seiner spezifischen Begabung und seinem Charakterprofil am besten hinpaßt. Wo er sich weder überflüssig und gelangweilt noch überfordert und unter Druck fühlt. Die Funktion, die Tertia übernehmen wird, ist ein Teil des Versuchs, diesen Prozeß der Einteilung zu optimieren.

Natürlich spart es der Armee auch Mühe und Geld, wenn eben nicht am Ende eines teuren Kursus sich herausstellt, daß zwei Drittel der Ausgebildeten überhaupt nicht fähig sind, die Aufgaben auch zu erfüllen, für die man sie ausgebildet hat.

Außerdem bedeutet so ein Posten auch einen Blick hinter die Kulissen der Armee. Der Schulfreund, der aus dem prestigeträchtigen Pilotenkurs ausgesiebt wurde – der Nachbarssohn, der aus dem fast ebenso begehrten Kommandokurs der Marine ausscheiden mußte – sie wissen nicht warum. Die Soldatin aber, die ihn getestet hat und zum Auswahlkomittee gehört – die weiß es.

Tertia war auch beeindruckt von den Soldatinnen, die eingeladen waren, um von ihrem Alltag, ihrer Ausbildung, den Fortbildungsmöglichkeiten (in der Armee und im zivilen Leben) zu erzählen. Sie war, wie sie es nun mal meist ist, auch ein bißchen skeptisch. „Kann es denn sein, daß die uns diese Arbeit nur schönreden, und sie in Wirklichkeit gar nicht so zufrieden sind? ich muß da auch im Büro sitzen… einen Bürojob wollte ich ja eigentlich nie…“

Wir haben ihr dann mit vereinten Kräften klargemacht, daß es ein Riesen-Unterschied ist, ob sie in einem Büro sitzt, um für andere Leute Papiere zu kopieren oder Vorgänge abzulegen – oder ob sie im Büro sitzt, um dort ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, zu dokumentieren und mit anderen abzugleichen. Und daß ein Posten mit so viel Verantwortung, von der es in der ganzen Armee nur wenige gibt, ein Posten mit so vielen Möglichkeiten für Aufstieg, Weiterbildung und persönliche Entwicklung, den Mädchen auch Spaß macht und daß sie da stolz drauf sind – das kann man sich schon vorstellen.

Die Ausbildung wird in einer der Ausbildungsbasen in Zrifin stattfinden, wo die Jungens ja ihre Sani-Kurse gemacht haben. Zrifin ist eine richtige Soldatenstadt, in der sehr viele Ausbildungsbasen sind. Die Grundausbildung wird von allen Varianten, die die Armee anbietet, die leichteste – nicht mal Wache schieben müssen diese Mädchen, so gesehen ist es Armee light. Von der Verantwortung und Professionalität her natürlich nicht. Die Soldatinnen werden nach der Ausbildung einer Einheit zugeteilt, wo sie ein halbes Jahr lang eingearbeitet werden, und diese Einheit begleiten sie auch überallhin – ins Feld auch, wenn´s sein muß.

Tertia meinte auch, alle anderen Mädchen machten einen sehr, sehr netten Eindruck, obwohl sie alle ernsthaft und brav wirkten (wie Tertia selbst ja auch). Als die Offizierin dicke Notizblöcke austeilte, guckte das Mädchen neben Tertia entsetzt und flüsterte dann: „die meint doch hoffentlich nicht, daß wir diesen ganzen Block vollkriegen?“, und Tertia meinte, „zumindest nicht gleich heute“, und beide kicherten.

Ich glaube, Tertia freut sich fast ein bißchen auf diese neue Welt. Hoffen wir, daß sie nicht enttäuscht wird. Ich drück ihr so feste die Daumen – ich weiß nicht, was ich fühlen werde, wenn ich mein Frühchen, mein so oft schwer krankes Sorgenkind in Uniform sehe. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aber es ist schon ganz nah.

Enthüllungen des Ehebetts Februar 23, 2012, 22:37

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Nein nein, keine Bange. Aber ich plaudere gerade zum Abschluß des Tages mit meinem lieben Mann, von dem ich doch alles zu wissen glaubte. Dem ist jedoch nicht so.

Ich erzähle ihm vom Präsidenten-Kandidaten-Drama in Deutschland, und frage ihn: „dir sagt doch bestimmt der Name Beate Klarsfeld was?“

Er: „Na klar, die kenne ich“

Ich: „So, du weißt also, was sie in ihrem Leben..“

Er: „Nö, die Beate, die kenne ich natürlich. Den Arno auch. Die waren doch mal einen Sommer bei uns im Kibbuz. Hab ich dir das nicht erzählt? Der Arno ist im Alter meiner Schwester, der war bei uns in der chevrat yeladim (der Gemeinschaft der Kinder). Aber überhaupt, die Klarsfelds kennt doch wohl jeder hier in Israel…“

Ich: „Und davon hast du mir nie was erzählt? die ist doch eine ganz berühmte Frau!

Er: „Och, ich dachte, du weißt das… aber eine originelle Idee, eine Nazijägerin als Präsidentin Deutschlands… wüßte mal gern, was sie selbst dazu sagt…“

In der Tat. Ich glaube auch nicht, daß die Linke das durchzieht. Aber so wie ich damals Köhlers Begleitung durch den Kibbuz geführt habe – das wäre bei einer Präsidentin Klarsfeld natürlich nicht nötig. Die fände sich wohl allein zurecht.  Na ja, vielleicht kriegt sie jetzt nach all der Beschäftigung mit ihrem Leben doch noch das Bundesverdienstkreuz, schön wär es ja.

Und ich werde doch mal die alten Photoalben durchkämmen, am Ende finde ich da noch irgendwo die Klarsfelds im Badeanzug im Schwimmbad des Kibbuz.

Wette gegen mich selbst – gewonnen Februar 15, 2012, 13:59

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Als ich in Nahariya in den Bus nach Hause kletterte, setzten sich hinter mir zwei Frauen hin – etwa zehn Jahre älter als ich. Ich konnte sie nicht sehen, nur hören. Sie tauschten sich kurz über ihre ersten Enkelchen aus, klagten über faule, egoistische Schwiegertöchter („die tut aber auch NICHTS zuhause!“) und strunzten mit tüchtigen, hilfreichen Schwiegersöhnen („er nimmt meiner Tochter ALLES ab!“). Und dann tauchten sie tief, tief in die Welt des Klatschs ein.

Den Auftakt bildete: „hast du schon gehört, was Ruthie mir gestern im Vertrauen erzählt hat?“ „nein, laß hören“, und so ging es weiter. Fehlgeburten, Ehebrüche, Lug und Trug und lange Finger in die Kasse, die Nachbarin dicker geworden und der Nachbar dünner  – alles gut hörbar in satt-selbstzufriedenem, leicht quäkendem Ton vorgetragen. Mit Namen und Einzelheiten. Wir waren noch nicht aus Nahariya raus, da hatte ich schon eine Wette mit mir selbst abgeschlossen, wo diese Damen wohl aussteigen werden.

Und in der Tat, ich hatte recht. Zwei Kibbuzim liegen an der Busstrecke – und in einem von ihnen stiegen sie aus. Na ja, das war wirklich nicht weiter schwierig.

Zwei Jahre und 21 Tage Januar 21, 2012, 21:53

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ist es nun her, daß wir den Kibbuz verlassen haben. So lange haben sich auch die Verhandlungen hingezogen – was schulden wir dem Kibbuz, was schuldet der Kibbuz uns. Wir haben uns sporadisch mit dem Sekretär (der viele Jahre ein persönlicher Freund von mir war) getroffen, sind zu keinem Ergebnis gekommen und haben die Sache ruhen lassen, bis sich vielleicht eine neue Perspektive ergibt. Die hat sich auch ergeben – der Kibbuz hat einen neuen Berater genommen, der im Gegensatz zu den netten Laien auf ihren Kibbuz-Pöstchen weiß, was er tut, und auf einmal ging alles ganz flüssig.

Das letzte Treffen war Donnerstag. Auch die kleinsten Punkte auf der Liste, die noch lange abgebuchte Gebühr fürs Kabelfernsehen im Kibbuz und ähnliche Dinge, sind alle besprochen und beidseitig zufriedenstellend geregelt. Die letzte Unterredung, als es um einen von Anfang an strittigen Punkt ging, war unerfreulich, zumindest bis zu einem gewissen Moment. Der Kibbuz war uns in vielem entgegengekommen, in anderem nicht. Y., der sich in der Materie auskennt und von Natur aus viel kämpferischer ist als ich Weichei, sah mich fragend an. „Was sagst du, können wir das so stehenlassen?“ Und ich habe ihn angeguckt und es war klar, wir machen das jetzt so und gehen nicht vor Gericht oder so. Auf einmal entspannte sich die Atmosphäre um uns herum.

Und damit war alles abgeschlossen. Wir werden den Vertrag in der Post kriegen, unterzeichnen ihn und verzichten damit auf alle Ansprüche dem Kibbuz gegenüber. Es ist ein bißchen wie eine Scheidung. Solange die Scheidung noch nicht vollzogen ist, gehört man doch noch ein bißchen zusammen. Theoretisch zumindest. Auch wenn man gar nicht will.

Und jetzt, wenn wir die Unterschrift leisten, ist es vollzogen.

Ich habe das Leben im Kibbuz wirklich geliebt. Ich mag die Menschen im Kibbuz. Ich mag die Kinderhäuser, die Gärten, unsere alten Wohnungen und Häuser und die Pfade, die wir mit unserem Glück und unseren Erinnerungen imprägniert haben, ich mag den Friedhof mit den vielen bekannten Namen. Der Kibbuz war der Grund für mich, nach Israel zu gehen, und nicht mit Y. ein Leben in Deutschland anzufangen. Ich empfand diese Lebensform als für mich gemacht und faszinierend, so wollte ich leben, und ich habe es getan. Zwanzig Jahre lang.

Als der Berater von außen, der Sekretär und der Finanzfritze des Kibbuz uns hinterher im Flur die Hand drückten, war ich wie benommen. Das Kapitel ist jetzt wirklich endgültig abgeschlossen. Endlich. Es hat mich die ganze Zeit bedrückt.

Anfangs hat es mich bedrückt, daß wir so relativ schnell aus dem Kibbuz weggegangen sind und viele Leute gekränkt waren oder ohne Verständnis. Es hat mich bedrückt, daß Secundus noch bis zum Abi im Internat blieb und ich dafür viel Kritik von Leuten einstecken mußte, die doch das Internatssystem entwickelt und unterstützt hatten, das mir anfangs so fremd vorkam. (Obwohl Secundus vergnügt war wie ein Fink und keineswegs darauf brannte, wieder unter meine Fittiche zurückzukehren).

Es hat mich bedrückt, daß es sich so lange hinzog, bis wir die alte Wohnung, Secundus´und Primus´ Zimmer ausräumen konnten, auch wenn der Kibbuz sehr kulant war und geduldig wartete, bis wir endlich Ladung für Ladung unser Leben von A nach B verfrachtet hatten. Es hat mich bedrückt, daß wir in Manot nicht genug Platz hatten für die Jungens, auch wenn die sich in der großen, hellen Nachbarswohnung wohlfühlten. Und es hat mich manche nächtliche Stunde wachgehalten, daß die Verhandlungen mit dem Kibbuz so stockend vorangingen, so widersprüchlich und so verwirrend.

Das alles hat sich nun aufgelöst. Wir sind wieder alle zusammen.

Primus sucht nach Arbeit – er muß unter den vielen verlockenden Angeboten (Schlüsseldienst in London, Sichereits-Gorilla im Ausland, Kosmetika vom Toten Meer in Australien verhökern, auf einer Farm in Neuseeland schuften, oder in einem Kibbuz in der Fabrik arbeiten… sind nur einige der Optionen) entscheiden, aber bis dahin habe ich ihn hier. Er ist fast immer guter Laune, hilft mir im Haus, wir unterhalten uns so gut. Secundus hat die halbe Zeit fast um und obwohl sein Dienst sehr hart ist, steht er dazu – er hat sich entschieden, Mem-kaf zu werden, und er ist es gern. Tertia wird in den Psychologischen Dienst gehen, wie sie es wollte – die optimale Lösung. Quarta hab ich noch zuhause.

Ich sage mir das auf, um zu begreifen, daß ich nicht mehr bedrückt sein muß. Es hat sich alles aufgelöst. Es ist viel einfacher, „draußen“ zu leben als im Kibbuz, auch wenn mir das früher nie aufgefallen ist, weil ich es eben so gewöhnt war und grundsätzlich die Dinge so akzeptiere, wie sie sind. Das ist ja der Witz, daß unsere Freunde im Kibbuz uns skeptisch fragen: „und wie kommt ihr draußen zurecht? ist doch alles sehr schwierig, oder?“, und wir sagen: „nein, ist alles viel einfacher als im Kibbuz“, aber das glauben sie natürlich nicht.

Als ich mit meiner Schwägerin, die auch schon viele Jahre im Kibbuz lebt und in Israel nur den Kibbuz kennt, durch den Moshav wanderte, war sie geradezu erschrocken, wie anders das ist als der Kibbuz. „Das ist ein anderes Israel“, meinte sie, und das stimmt. Aber deswegen ist es nicht unbedingt besser oder schlechter. Und auch der Kibbuz hat sich drastisch verändert in den letzten zehn Jahren. Ich bin froh, daß ich diese Verwandlung gebloggt habe, denn so erinnere ich mich daran, wie der Kibbuz VOR der Abstimmung über den „Wandel“ war. Als ich mich dort noch so wohlfühlte, so mit dem Kibbuz identifizieren konnte. Wie schön war das.

Ich dachte immer, ich bin mit Leib und Seele Kibbuznikit und bleibe es auch. Das war ich auch, solange ich da war. Aber es ist von mir abgefallen. Y. ist Kibbuznik, sein Habitus wird immer Kibbuznik bleiben. Meiner nicht. Ich genieße es, daß ich dem kritischen Auge der Kibbuz-Öffentlichkeit entrückt bin. Y. genießt, daß wir Entscheidungen über unser Ein- und Auskommen treffen können, ohne daß jemand reinredet. Und wir sind beide erleichtert, daß dieses Kapitel jetzt im Guten abgeschlossen ist. Nach so langer Zeit.

Sendung über Kibbutzim, donnerstags Arutz 1 Dezember 16, 2011, 20:10

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Wer sich dafür interessiert und in Israel lebt, dem kann ich die Doku-Serie im Channel 1 über Kibbuzim empfehlen. Wer Modi Baron, wie ich, nur als Fußballreporter kennt, wird vielleicht nicht erwarten, wie interessant die Interviews mit Zeitzeugen ausfallen. Baron fischt nicht nach Zitaten, Schlagworten und Überschriften, sondern dringt tatsächlich in das Lebensgefühl der Pioniere ein.

Außerdem hat er hochkarätige Forscher zum Thema befragt – von denen alle selbst Kibbuzniks sind und teilweise führende Positionen im Kibbuz eingenommen haben. So hat eine von mir heillos bewunderte Historikerin (mit der ich in Berlin war – ich glaube, sie ist die eindrucksvollste Persönlichkeit, die ich je kennenlernen durfte) in ihrem Kibbuz die Privatisierung so klug und behutsam durchgeführt, daß er seitdem einen großen Aufschwung genommen hat. Sie weiß also wirklich, wovon sie spricht, wenn sie vom Kibbuz redet. Außerdem ist sie oh so eine wunderbare Frau.

Nicht nur kenne ich einen Teil der dort Interviewten – der Inhalt ist einfach hochinteressante Kulturgeschichte. Ich empfinde es als Privileg, daß ich das aufscheinende Abendrot beim Untergang dieser Lebensform, die Israel sehr geprägt hat, noch miterleben durfte.

Mein Mann, als Produkt dieser Lebensform, sieht die Erziehung, die er bekommen hat, mit zwiespältigen Gefühlen. So gut viele der Werte waren, auf denen die Kibbuz-Erziehung aufbaut (Fleiß, Ehrlichkeit, Mut, Bescheidenheit…), so fröhlich die Feste waren und so solide die Bildung und Ausbildung in viele verschiedene Richtungen… so groß war auch der ständige Druck der Gemeinschaft. Was Amos Oz mal den Kieselstein-Effekt genannt hat – die reiben sich ja auch aneinander, bis sie glatt sind. Nur daß Menschen eben doch keine Kieselsteine sind und ihren Charakter gerade den Ecken verdanken, an denen sich dann die anderen reiben. Außerdem hoffe ich für die Kieselsteine, daß sie weniger empfindlich sind gegen Reibungsschmerzen als wir Menschen.

Die Erziehung zur Gemeinschaftlichkeit jedenfalls hat aus meinem Mann den eigenwilligsten Individualisten gemacht, den ich kenne. Er hat positive Erinnerungen an Freundschaften und gemeinsame Aktivitäten und Arbeit und das selbstverständliche Bewußtsein, dazuzugehören – aber auch schwierige Erinnerungen. Er muß seine Eltern und Geschwister sehr vermißt haben, die er nur selten sah und die an seinem Alltag keinen direkten Anteil hatten. Er hatte keine private Ecke für sich, keine Rückzugszonen. Und er mochte noch nie, wenn andere ihm erzählten, was er zu denken hat. Die Shomer-haZair-Vorträge fand er langweilig und vorhersehbar.

Trotzdem berühren die Bilder, Töne und Lieder auch ihn. Quarta hat mit uns geguckt – ich finde es wichtig, daß sie außer den Erinnerungen an den Kibbuz, so wie sie ihn erlebt hat, auch ein bißchen Hintergrund kennenlernt. Die Rolle der Kibbuzim in der Geschichte Israels ist ein spannendes Kapitel. Rahel Rabins Geschichten von der extrem schwierigen Anfangszeit in Kibbuz Manara, die Berichte von Holocaust-Überlebenden, die mit Arroganz empfangen wurden, bis sie sich anpaßten – man schwankt beim Zusehen zwischen Bewunderung und Zorn. Und der Holocaust hat den potentiellen Nachwuchs-Kibbuzniks in Europa vernichtet – der Strom der Neueinwanderer, die nach entsprechender Vorbereitung (hachshara) in Kibbuzim landete, versiegte.

Kibbuzniks haben mit Selbstverständlichkeit viele Aufgaben erfüllt – den jüdischen Yishuv in den Araberaufständen 1936 verteidigt, dabei aber oft ausgezeichnete Beziehungen zu arabischen Nachbarn aufgebaut, die Grenzen besiedelt, die Wüste grün gemacht, Neueinwanderer aufgenommen, neue Technologien entwickelt, in britischen Brigaden gegen NS-Deutschland gekämpft, bei der illegalen Einwanderung tatkräftig mitgeholfen… Auch heute noch nehmen Kibbuzim Jugendliche aus problematischen Verhältnissen auf, adoptieren „einsame Soldaten“ und integrieren Gruppen von Behinderten oder anderen Außenseitern.

Also, gucken. Auch die Musik war interessant. Besonders der Abspann:

Ich kannte das Lied nicht, aber Y. hat es natürlich als Kind gesungen. Ich sage ja immer, es gibt kein hebräisches Lied, das er nicht im Kopf hat. Trotzdem hab ich ein bißchen nachrecherchiert, was das für ein Lied ist und woher es kommt. Das war ganz interessant.

Auf dieser Seite kann den Komponisten, Daniel Sambursky, hören, wie er es vorsingt – und zwar mit deutschem Text. Ob es auf Deutsch je irgendwo gesungen wurde, weiß ich nicht. Aber Sambursky war Königsberger Jude (bestimmt kannte er Max Fürst und andere Königsberger Zionisten, mit denen Y.s Oma befreundet war), studierte Musik und wanderte als junger Mann ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. Dort schrieb er Musik im Stil der Lieder der Jugendbewegung, auch geschult an Arbeiterliedern im Stil Hanns Eislers. Darum kam es mir gleich so bekannt vor. Ob außerhalb von Kibbuzim solche Lieder gesungen wurden, weiß ich nicht – in Jugendbewegungen vielleicht.

Beim Rumgoogeln (Recherche mag man das kaum nennen) fand ich übrigens heraus, daß der Text von Yizhak Shenhar geschrieben wurde, dessen Stiefsohn mein ehemaliger Chef war – dem ich die Privatbriefe seiner Familie übersetzt habe.

Durch die moderne Interpretation, die aus diesem energischen Ruf nach Freiheit (in einer Gruppe, in der es wenig individuelle Freiheit gab…) und Fortschritt ein melancholisches, aus Pionierzeiten herüberwehendes Echo macht, fand ich dieses Lied einen sehr passenden Abschluß für die Sendung. Ich bin sonst nicht sehr für Echo-Effekte, aber hier paßt er.

Party-Tiere März 26, 2011, 19:26

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In vorsintflutlichen Zeiten waren Y. und ich echte Party-Tiere. Y. war der DJ des Kibbuz, Herrscher über Soundanlage, Platten und Cassetten, Herrscher über die Stimmung des Abends – mit dem angenehmen Nebeneffekt, von vielen Mädchen angehimmelt zu werden. Ich habe mir Nächte in Clubs und Diskotheken um die Ohren geschlagen – in manchen schlaflosen Nächten mit einem schluchzenden Baby habe ich mich daran erinnert und gedacht, irgendwo im Himmel grinst jetzt jemand boshaft. Touche!

Y. hat mich zwar zuerst wahrgenommen, als er mir im Dining Room Essen servierte, aber ich habe ihn ehrlich gesagt erst richtig auf der Purim-Party des Kibbuz wahrgenommen. Da war ich Teil einer Horde von Volunteers, wofür ich eigentlich schon zu alt war und wo ich mich sehr unwohl fühlte. Etwas später kam eine sehr nette Gruppe Volunteers aus der Schweiz und eine andere Gruppe fuhr ab, da wurde es besser – aber da war ich schon mit Y. zusammen und wohnte ja auch bald bei ihm.

Wir sind dann ja sehr schnell unglaublich solide geworden, ich weiß heute gar nicht mehr warum. Vermutlich, weil so viele ernste Entscheidungen an unserer Beziehung hingen – wo leben, wovon leben, wie leben. Da ich mich in den Kibbuz gleich mit verliebt hatte, blieben wir eben da – und um der Welt und uns gleich mit klarzumachen, daß das keine kleine, flüchtige Geschichte ist, haben wir gleich Wappen und Siegel draufgetan und geheiratet und schwuppdiwupp waren wir eine Familie, erst eine kleine und dann eine größere. Ich war 24, als ich Y. kennenlernte, und mit Dreißig hatte ich drei Kinder. Wir waren halt irgendwie im Schwung.

In den Jahren, als die Kinder klein waren, war es praktisch unmöglich, mich von zuhause wegzueisen. Ich wollte nirgendwo hin. Manchmal sind wir ins Konzert gegangen oder ins Ballett – wir hatten mal ein Abo für beides, aber wir waren zu erschöpft, um es wirklich zu genießen, und meine Schwiegermutter konnte nicht immer auf die Kinder aufpassen. Als wir einen Babysitter gefunden hatten, ging es einfacher, aber auch dann war es unmöglich, mich dazu zu bewegen, die Kinder allein zu lassen. Die einzigen Gelegenheiten, mich aus dem Haus zu zerren und auf die Tanzfläche, waren Hochzeiten (die ganzen Jahre über war ein regelmäßiger Strom von Hochzeiten, und die sind hier ja immer abends und immer mit Tanz) und eben Purim.

Wir haben kaum eine Purim-Party ausgelassen. Manchmal war Y. an der Planung beteiligt, oder ich bin aufgetreten – er ist lieber hinter den Kulissen, aber ich habe keine Probleme damit, mich öffentlich zum Narren zu machen (würde ich sonst bloggen?). Wir haben uns manchmal verkleidet bzw von meiner Schwiegermutter verkleiden lassen, manchmal sind wir praktisch in Schluppen gekommen, einfach nur um ein paar Stunden zu tanzen. Manchmal hatten wir keinen Baysitter, denn meine Schwiegermutter ist zu Purim immer mit der Kamera unterwegs, die Früchte ihrer Arbeit an den Kostümen festhalten. Dann haben wir uns abgewechselt und konnten nicht zusammen tanzen.

Als Primus groß genug war, um die Stellung zuhause zu halten, und wir so nah am Dining Room wohnten, daß es kein Problem war, zwischendurch mal nach Hause zu springen und zu gucken, daß alles ruhig ist, konnten wir Purim richtig nutzen. Ich habe immer Freundinnen von „draußen“ eingeladen, die sich freuten, umsonst tanzen und trinken zu können, was das Zeug hält – die Bar ist umsonst, immer noch (inzwischen muß man allerdings Eintritt bezahlen, wir aber nicht). Sie haben gestaunt, wie ernst die Kibbuzniks Purim nehmen – viele sind verkleidet, teilweise sehr aufwendig, und alle Altersstufen von 18 bis 80 sind vertreten, tanzen und gucken den traditionellen Purim-Film und sehen die Vorführung. Der Kibbuz feiert sich selbst, zu Purim genau wie zu anderen Festen, aber zu Purim mit Humor, und das ist eben schön.

Meine Freundinnen aus der Stadt haben sich schon daran gewöhnt, daß irgendwann immer ein Loblied auf den Kibbuz gegrölt wird – und daß alle Witze Insider-Witze sind, die bei Tageslicht betrachtet gar nicht mehr sooo lustig sind.

Letztes Jahr war unser Abschied vom Kibbuz noch zu frisch, und wir hatten keine Lust auf die Purim-Party. Aber dieses Jahr haben wir uns gesagt, wir haben ewig nicht mehr einfach nur getanzt, und wir gehen. Da das Thema dieses Jahr Rom war, wollten wir uns sogar verkleiden – aber da haben die Söhne, die natürlich ebenfalls auf diese Party gehen wollten, ein Veto eingelegt. Sie fanden es so schon doof genug, daß wir Alten da überhaupt aufschlagen wollten – aber uns dann noch verkleiden? Wie peinlich.

Wir haben dann nicht darauf bestanden, denn wir sind oft genug schon unverkleidet hingegangen. Wir haben den Söhnen auch versprochen, uns in keiner Weise auffällig zu benehmen, ihre etwaigen Begleitungen nicht auszufragen („… und was machen deine Eltern beruflich?😀 ) und es den Söhnen selbst zu überlassen, wie viel oder wenig Kontakt sie wünschen. Sie sind ohne uns hingefahren und über Nacht dort bei Freunden geblieben. Wir halten uns da raus, haben wir ihnen versprochen und auch gehalten. (Hier bitte brandet der Applaus auf – heldische Mutter verzichtet auf Kümmerpose!)

Wir waren gegen elf da und mußten keinen Eintritt bezahlen. Primus und seine Freunde waren als Surfer verkleidet, mit albernen Perücken und Hawaii-Hemden und seltsamen Hosen. Secundus und seine Freunde hatten Primus die Tüte mit Breslav-Verkleidungen abgenommen und sprangen mit Tallit, Kippa, Schläfenlocken und Kniehosen durch den Dining-Room.

Andere Jahrgangsstufen kamen als Piraten, Römer oder Ninja Turtles. Es ist jedes Jahr wieder auffällig, wie nahe sich die gemeinsam aufgewachsenen Jahrgangsgruppen stehen, wie eng sie zusammenhalten und wie viel Spaß sie haben. Meine Söhne sind noch voll integriert, und Tertias Freunde (die zum ersten Mal bei den Erwachsenen mitfeiern dürfen) fragten nach ihr und waren enttäuscht, daß sie nicht mitgekommen war.

Für mich ist es immer sehr seltsam, wieder im Kibbuz zu sein. Jede Bodenfliese guckt mich freundlich an, ich kenne den Kibbuz so gut. Und jetzt ist es nicht mehr Zuhause. Und ich bin nicht mal traurig darum. Ich trauere dem Kibbuz hinterher, wie er mal war – aber nicht dem, den wir verlassen haben.

Y. wurde mit großem Jubel begrüßt, ich eindeutig kühler. (Y. sagt, ich bilde mir das nur ein). Die Musik war so laut, daß man nichts weiter sagen konnte, nur gestikulieren. Meine Schwiegermutter nahm uns erfreut in den Arm und zeigte uns stolz ihre besten Werke – die Ninja Turtles, Römer und Piraten hatten ihre Schätze geplündert, ebenso mehrere Paare unseres Alters, die als Cleopatra und Marcus Antonius, Flintstones und anderen Paar-Kostümen erschienen waren.

Einiges hat sich verändert. Mehrere Paare haben sich getrennt und erschienen nun mit neuen Partnern. Ein geschiedener Mann kam mit Partner und einer ganzen Gruppe turtelnder junger Männer. Ein Junge aus Secundus´s Jahrgangsstufe hat sein Coming out hinter sich und erschien in Minirock mit Strapse, mit Freund im Schlepptau. Sie tanzten auf der Bühne und hatten Spaß. Die Eltern des Jungen tanzten mit.

Mein Schwager war allein da. Er war als Harlekin verkleidet und ohne seine Frau ein bißchen verloren, tanzte mit uns und trank mit seinen Neffen an der Bar. Ich versagte mir jeden mahnenden Blick, denn nächstes Jahr ist wieder Purim und ich will mich nicht gefesselt und geknebelt im Kleiderschrank wiederfinden, während Schwager und Söhne ohne mich feiern gehen.

Vom mörderischen Punsch jedenfalls, der jedes Jahr in Strömen fließt und der jedes Jahr von Uri gemischt wird, habe ich nur zwei Finger getrunken – und das reichte mir für den ganzen Abend. Ein junger Mann, den ich als Volunteer im Kindergarten hatte, lief mit Breezer auf der Tanzfläche herum und schenkte aus. An der Bar gab es alles weitere, wie gesagt umsonst.

Es war ziemlich voll, und alt und jung wartete erstmal auf die Aufführung. Es war diesmal lustiger als in früheren Jahren. Der Film, angekündigt durch den unermüdlichen Yossi als römischer Stadtausrufer, zeigte den göttlichen Hundeboten Snoopy, der Einladungen zum großen Wettkampf der einzelnen Erwerbszweige des Kibbuz verteilte. Jeder Empfänger bewaffnete sich dann mit den Insignien seines Stands – D. von der Wäschere mit Fleckentferner und Sprühflasche, Y. vom Schafstall mit Melkmaschine, M. von der Gärtnerei mit Heckenscheren, die Zwillinge aus der Kneipe stärkten sich unterm Bierhahn, A. aus der Autowerkstatt legte eine Kriegsbemalung aus Schmieröl auf  und N. vom therapeutischen Reiterhof ritt auf Rosie, dem Pony, zu Morricone-Klängen in Richtung Dining Room. Jede Szene wurde mit Jubel begrüßt. Es war ein bißchen wie bei Don´t mess with Zohan.

Der Wettkampf zwischen den einzelnen Zweigen war dann live und weniger witzig, am Ende gewannen die Zwillinge (als Asterix und Obelix verkleidet). Und dann legte der DJ los.

Traditionell wurde bei der Purimparty die Musik gestaffelt: erstmal gab es Volksmusik und Hora, damit meine Schwiegermutter und ihre Freunde im Kreis tanzen können. Dann lateinamerikanische Musik für die tanzfreudigen Südamerikaner und ihre Freunde. Dann irgendwann Eighties, Pop und normale Disco-Kost, dann viel orientalische und israelische Musik, und ab drei Uhr Trance, wenn nur die Leute unter 30 und natürlich Lila und Y. noch übrig sind. (Nein nein, in unserer Altersklasse gibt es gar nicht so wenige unermüdliche Elternpaare von vier Kindern, die aushalten, bis der Morgen graut, weil es auch für sie das einzige Mal im Jahr ist, daß sie tanzen können bis zum Umfallen).

In den letzten Jahren hat sich diese Staffelung nicht mehr durchsetzen können, weil immer weniger Bedarf nach Hora und Salsa bestand und DJs von draußen angeheuert wurden. Ich habe den DJ von letzter Nacht sogar bei Youtube gefunden – wer neugierig ist, kann hier sehen, daß bei manchen israelischen Hochzeiten der Rave wichtiger ist als der Rav…

Er hat eigentlich von halb zwölf einen einzigen Dance mix gespielt, eine Art Tanz-Wurst. Alle erkennbaren Einzelstücke waren so bearbeitet, daß sie tanzbar waren – darunter auch Dudus altes Lied über den Kibbuz (wo dann alle mitgebrüllt haben, wir natürlich auch). Eine Menge Infected Mushroom war auch dabei, überhaupt viel israelische Musik – Mashina, Mosh Ben Ari, Balkan Beat Box, HaDag Nahash.

Die Klotüren auf der anderen Seite des ziemlich großen Dining-Room-Gebäudes brummten und zitterten, die Fensterscheiben klirrten. Keine Ahnung, wie irgend jemand im Kibbuz letzte Nacht Schlaf gefunden hat.

Es muß so gegen drei gewesen sein, als meine Schuhe drückten und wir uns geschlagen gaben. Der Dining Room war noch voll, und es waren noch Leute dabei, die älter waren als wir. Die Söhne waren auch noch wach. (Secundus gab später knurrend zu, daß wir uns „okay“ aufgeführt hätten.)

Komisch war es schon, daß wir nicht die paar Schritte nach Hause wankten, sondern nüchtern ins Auto stiegen und 45 Minuten durch die klare Sternennacht in unsere nördlichen Gefilde fahren mußten. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß wir Purim-Kibbuzniks sind (so wie es Weihnachtschristen und Yom-Kippur-Juden gibt). Aber die sind wir für immer und ewig.

(Alle Clips, die ich hier im Eintrag verstreut habe, sind von israelischen Gruppen und gestern gespielt worden. Was Tanzmusik angeht, ist Israel autark.)

Juhu, Mama!!! März 22, 2011, 13:18

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Gerade bekam ich einen jubelnden, überglücklichen Anruf meiner Tochter. Sport fällt heute aus, und sie kommt nach Hause. Die Abiprüfung in Sport ist auf Sonntag verlegt, es regnet nämlich (oh ja!). Und dann noch Abiprüfung in Englisch. Dann hat sie auch Sport und Englisch nicht mehr. Ja, und Mathe ist ja schon vorbei. Und Bibel und Literatur ja auch. Und Geographie die Woche drauf.

Und eigentlich ist die Schule schon vorbei! Nur noch Arbeiten einreichen und Prüfungen, und das war´s! Kein Lehrer bringt mehr neuen Stoff mit! Die Schulzeit ist vorbei! Juhu, Mama!!!

Ich höre ihr zu und freue mich. Wer erinnert sich nicht an das Verläppern der Schulzeit um die Abiprüfungen herum, an das plötzlich veränderte Verhältnis zur Schule, die vom Zentrum des Universums, fix und unverrückbar, auf einmal verschwindet und gewissermaßen untergeht. Wo die Planungen für die Zeit danach auf einmal konkret werden.

Aber natürlich denke ich auch an ihren ersten Schultag.

Ihre große Cousine (die jetzt schon längst die Armee hinter sich hat) war damals im 6. Schuljahr und hielt Tertia bei der Schulfeier an der Hand, als sie ihre Schullaufbahn begann. Die Cousine ist das große Mädchen in Sportsachen und Pferdeschwanz, Tertia das Pünktchen im hübschen Rock.

Von all meinen Kindern hat Tertia in ihrer Schullaufbahn, pardon, die Arschkarte gezogen. Ihre erste Lehrerin (mit Sonnenbrille hinter ihr) was sehr nett, es war ihre erste Klasse überhaupt und sie tat ihre Arbeit gern und mit Schwung und viel Liebe und Wärme (sie ist jetzt die Klassenlehrerin meiner kleinen Nichte).

Danach aber hatte Tertia eine nicht abreißende Kette von problematischen Lehrern und Lehrerinnen. Tertia, die immer so brav war, hatte nie Ruhe während der Schulzeit. Alles passierte in ihrer Klasse. Intrigen zwischen Lehrern, hochproblematische Mitschüler, deren Eltern Remmidemmi auf Kosten anderer Kinder machten, und ständigen Wechsel der Klassenlehrerinnen.

So zufrieden wir mit der Kibbuz-Grundschule bei allen Kindern waren – bei Tertia ging irgendwie einiges schief. So wurde ihr mal von einem der Rabauken der Klasse das Englischbuch gestohlen. Die Englischlehrerin glaubte Tertias Beteuerungen nicht und verlangte, daß wir das Buch bezahlen. Tertia sagte uns nichts davon, weil sie sich so schämte. Als sie schließlich damit rausrückte, sah sie ihren Vater in seinem Zorn – er loderte geradezu.

Am nächsten Tag kreuzte er in der Pause in ihrer Klasse auf, wo die Lehrerin auch gerade war. Schäumend vor Wut ging er zu dem Klassenschrank mit Schubladen, zog Benjamins Schublade auf, kramte darin ein bißchen herum, fand tatsächlich Tertias Buch ganz hinten versteckt, knallte es der Lehrerin vor die Nase und sagte ihr die Meinung. Ich bin normalerweise nicht dafür, Lehrer vor den Augen von Kindern anzugreifen, aber diese Lehrerin hatte es verdient. Statt gegen einen Bully vorzugehen, hatte sie selbst sich auf das schwächere Kind eingeschossen.

Tertia war ihrem Papa so dankbar dafür, daß sie immer noch glänzende Augen bekommt, wenn sie ihn daran erinnert. (Mein eigener Vater hat mir in einer ähnlichen Lage mit einer Lehrerin mal so tatkräftig beigestanden, daß es heute noch gern gehört wird, wenn ich den Kindern davon erzähle.)

Tertia war nie Klassenkönigin wie ihre extrovertierte Schwester, die mit starker Hand jede Klasse regiert, in der sie lernt. Sie hatte immer ihren sicheren, respektierten Platz in der Klasse, umgeben von ihren Freundinnen, mit denen sie treu zusammenhält.

Am Ende der Grundschulzeit dann kam die traditionelle Fahrt der Kibbuz-Eltern und Kinder nach Massada, mit Schlafen im Beduinenzelt, der genialen Selbstversorgung der durchorganisierten Kibbuzniks, und Aufstieg nach Massada vor Sonnenaufgang. Den sieht man von oben.

Tertia hatte auch auf der weiterführenden Schule, die wir ja so geschätzt und geliebt haben, das seltene Pech, eine der wenigen Nieten als Klassenlehrerin zu bekommen – eine schnippische, ordinäre Russin, mit der ich (einzigartig in meiner Karriere als Mutter) einmal episch zusammengerasselt bin. Ich bin sonst, glaube ich, für Lehrer eine sehr bequeme Mutter, weil ich die Position der Lehrer verstehe und sie nicht noch mehr schwächen möchte, als sie so schon geschwächt wird. Aber diese Galina… oha…

Tertia kam aber bis auf diese zwei Zwischenfälle immer ganz gut allein zurecht. Dann kam unser Umzug ihr in die Quere. Während Primus ja schon Soldat war, als wir umzogen, und Secundus noch im Kibbuz blieb, bei seiner Oma und in einer kleinen für ihn gemieteten Wohnung, mußten die Mädchen die Schule wechseln. Erstaunlicherweise ging das bei Tertia ganz leicht, obwohl ihre neue Schule keinen Vergleich mit der alten aushält – da muß ich eigentlich mal drüber schreiben, WIE unterschiedlich Schulen sein können! Aber die Leute in ihrer Klasse sind nett, haben sie sofort gut aufgenommen, und Tertia hat sich damit abgefunden, daß sie ihre alten Leistungskurse nicht weiterführen konnte. Statt dessen arbeitete sie sich so schnell in die neuen ein, daß sie eine der besten Schülerinnen wurde.

Ja, und nach 15 Monaten ist das nun auch vorbei. Im Gegensatz zu ihren Brüdern wird sie ein gutes Abizeugnis haben, so sieht es wenigstens im Moment aus. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm – sie kann es nachholen.

Quarta wird nach den Sommerferien auf eigenen Wunsch in die höhere Schule, die Tertia gerade beendet, aufgenommen. Wir wollten sie ja in die ausgezeichnete Kibbuz-Schule schicken, die es hier in der Nähe gibt, aber alle Freundinnen aus der Grundschulklasse gehen in die „normale“ staatliche Schule. Mir gefällt sie nicht besonders, eine Schule, die allein aufs Nützliche gerichtet ist und in der so viele schwache Schüler lernen, daß das Niveau dauernd  abgesenkt wird. Nun, seit neustem gibt es dort Klassen für Begabte, und in so eine soll Quarta gehen.

Ich habe beim Abschied vom Babyhaus geschluckt, beim Abschied vom Kindergarten und jetzt beim Abschied von dieser Phase in meinem Leben, wo ich ein Haus voll Schulkinder habe. Vor ein paar Jahren war meine Küchenkladde proppenvoll mit Stundenplänen. Bald habe ich nur noch ein Schulkind. Y. ist froh darüber, er hat die Nase voll von Elternversammlungen, Ausflügen, Mazzebacken, Sukka-Bauen und ähnlichen Scherzen. Er hat sich in der Schule aber immer unwohler gefühlt als ich. Für mich ist eine Schule eine sehr anheimelnde Umgebung. Ich habe den Lehrerslang drauf. Ich habe die Schulzeit der Großen immer gern begleitet, ohne zu viel einzugreifen, aber ich war schon eine „engagierte Mutter“, soweit es ging.

Also, Tertia ist rappelig vor Freude, als ihr heute aufging, daß das Kapitel Schule bald vorbei ist. Ich bin, wie immer, vorsichtig optimistisch und gleichzeitig wehmütig. Ach, wieso werden sie nur so schnell groß, die Kinder?

Generationen kommen, Generationen vergehen… Januar 29, 2011, 22:22

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… manche Bücher bleiben bestehen.

 

Ich habe einen genüßlichen Shabat-Nachmittag damit verbracht, meinen Töchtern den ersten Band der unsterblichen Serie über die Krankenschwester Susanne Barden (ja, so wurde die Sue-Barton-Serie verdeutscht) vorzulesen. Beim Aufräumen habe ich die alten Bücher gefunden und den Mädchen davon erzählt, und Tertia hat sich sogar drangegeben und angefangen zu lesen. Aber ein ganzes Buch auf Deutsch lesen… ach Mama, willst du nicht wenigstens mal den Anfang… und eh ich mich´s versah, steckte ich schon wieder ganz tief drin in der Geschichte. Die Mädchen, die sich nicht viel versprochen hatten von dem alten Buch, waren genauso begeistert wie ich.

 

Tatsächlich, diese Bücher bestehen die Prüfung der Zeit. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem meine Mutter mit mir in der Buchhandlung Fischer stand und begeistert sagte: die Bücher kauf ich dir, die habe ich als Mädchen geliebt! Und ohne mich auch nur zu fragen, kaufte sie die ersten zwei Bände. Ich zog ein langes Gesicht und war überzeugt davon, daß ich jetzt was ganz Doofes in der Hand hatte. Und ich hätte meine Mutter am liebsten geärgert und die Bücher ignoriert. Eine Serie über eine Krankenschwester! Aber das ging dann doch nicht. Nachdem ich die ersten beiden Bücher in Windeseile eingeatmet hatte, mußten alle anderen Bände auch her, und dann die Carol-Page-Serie derselben Autorin, über den Werdegang einer Schauspielerin.

 

Das muß 1976 gewesen sein oder 1977. Ich habe die Serie so oft gelesen, daß ich sie fast auswendig kann. Und ich freue mich, daß sie nicht enttäuscht. Meine Töchter haben genauso über die Wortwechsel zwischen Susy und ihren Freundinnen gekichert, mitgebibbert, ob sie ihre Hauben kriegen oder nicht, und spekuliert, ob das gestrenge Fräulein Cameron ein Drache oder eine strenge, aber faire Lehrerin ist. Sie haben mir das heilige Versprechen abgeknöpft, morgen weiter vorzulesen. Ich muß nun schwer an mich halten, um nicht allein weiterzulesen.

 

Keiner hat behauptet, daß das Dasein als Eltern ein reines Vergnügen ist, und das ist es nicht. Sorgen, Ausgaben und ständiger Geschwisterstreit (gibt es ein schönes Wort wie bickering auch im Deutschen?) lassen die Nerven dauerhaft zerfransen. Aber das Schicksal entschädigt einen auch, und eine Entschädigung für die Beschwerlichkeiten des Elterndaseins ist das Glück, ein schönes Erlebnis eine Generation weitertragen zu dürfen. Gerade mit Büchern ist mir das ja oft nicht ganz vergönnt (obwohl ich den Kindern viele hebräische Übersetzungen meiner Lieblingsbücher geschenkt habe und mich auch freue, daß sie sowohl eigene Entdeckungen machen als auch in Y.s lesenden Spuren wandeln).

 

Aber heute war es richtig schön. Morgen werden die Mädchen Connies Geheimnis erfahren. Mal sehen, wie ihnen das gefällt…

Angucken! Januar 14, 2011, 18:24

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Ich habe mit Neugier die Video-Serie im SPon über Israel angeklickt, aber schnell (beim 3. Teil…) wurde mir klar: die Autoren sind mit vorgefaßten Meinungen nach Israel gefahren und haben dieselben natürlich bestätigt bekommen.

Wenn zB eine palästinensische Familie in Ost-Jerusalem aus ihrem Haus geklagt wird und Juden einziehen, könnte man ja mal angesichts der Rechtstaatlichkeit des Staats Israel auf die Idee kommen, daß es sich vielleicht tatsächlich um einen rechtlichen Anspruch handelt. Bekanntlich war Ost-Jerusalem jahrzehntelang von den Jordaniern besetzt, und auch zu anderen Zeiten sind Juden aus Häusern vertrieben worden. Ist es nicht wenigstens der Erwähnung wert, daß sich oft komplizierte Besitzverhältnisse ergeben? Und daß es in Israel ein funktionierendes legales System gibt? Okay, Trickser gibt es immer wieder, aaaber…. Und warum sind jüdische Bewohner von Ost-Jerusalem automatisch Siedler? Die Sprachregelung allein schon zeigt, daß die beiden Journalisten mit beiden Beinen auf dem Boden des „palästinensischen Narrativs“ stehen.

Die weiteren Filmchen zeigen mir schon an den Titeln, daß kein Interesse an einer fairen Präsentation besteht: „Siedler-Wahn“ – es kann also nichts anderes als Wahn sein, wenn Juden in Judäa leben wollen? Könnte man dann nicht auch ein Kapitel „Palästinenser-Wahn“ nennen und dezent darauf hinweisen, wie künstlich und neu diese ganze palästinensische Identität ist, daß Palästina kein arabisches Wort ist und kein Volk bezeichnet (Araber können das P ja nicht mal aussprechen und sagen deswegen Falestin – oder Balestine, wenn sie Englisch sprechen), und daß manche Ansprüche der Palästinenser eindeutig wahnhafte Züge zeigen (zB, daß die Klagemauer moslemisch ist). Aber nein, nur das schöne Narrativ in seiner Geschlossenheit nicht angreifen. Am Ende käme noch jemand auf den Gedanken, daß Israel auch Rechte verteidigt.

Jedoch ein Film sticht hervor, und das verdanken wir nicht den beiden Jungspunden mit dem Mikrophon und der Kamera, sondern einer bezaubernden Frau, die zu kennen ich mich rühmen kann. Selbstverständlich Hannah aus Hazorea, die in den Jahren, als ich in der VHS der Kibbuzim unterrichtet habe, treu in meinen Stunden saß. Hazorea ist ein wunderbarer Kibbuz – noch ein richtiger Kibbuz, wo das Essen im Speisesaal umsonst ist und noch Voluntäre arbeiten. Hazorea – dort ist die Lebensgefährtin meines Schwiegervaters großgeworden, vor vielen Jahren. Hazorea ist von seinen Jeckes geprägt und wahrlich sehenswert.

 

Hannah und ihre Altersgenossen in anderen Kibbuzim sind Menschen, wie man sie sonst nirgends findet. Für sich selbst ganz anspruchslos, hochgebildet und intelligent, mit einer gesunden Mischung aus bodenständigem Pragmatismus und idealistischem Trotz-allem-Glauben an das Gute im Menschen, sehr fleißig und mit riesiger Neugier auf andere – es ist einfach ein Privileg, diese „Vatikim“ (Kibbuzniks der Gründergeneration) kennen zu dürfen.

Die Autoren scheinen sich nicht gefragt zu haben, ob die Nachkommen dieser klugen und herzlichen Frau tatsächlich zu Monstern mutiert sind, die mit Wonne Palästinenser vertreiben, unterdrücken und knechten. Oder ob das Nahost-Narrativ nicht doch ein paar Facetten mehr aufweist als ihre Videoserie: „Hebron: Ex-Soldaten prangern Apartheid an“ und „Palästinensische Dörfer: gewaltfreier Widerstand mit Todesfolge“. Da sind die Rollen fest verteilt, nur keine Überraschungen. Man hätte ja auch titeln können: „Jenin: Soldaten im Kampf gegen Terrororganisationen“ oder „Palästinensische Dörfer: Hetze schon im Kindergarten“, aber bitte, das wäre ja grauenhaft, wenn jede Münze zwei Seite hätte! Nein nein.

(Mit Entsetzen nehme ich außerdem zur Kenntnis, daß diese Deutschen der Meinung sind, zehn Monate Sommer im Jahr sind ein Vergnügen!)

Na gut, der Clip über Tel Aviv zeigt menschliche Israelis… und erwähnt nebenher, daß „die Bedrohung durch Terroranschläge zurückgegangen ist“, als wäre das ein Naturphänomen. Jungs, fragt doch mal, WIESO die zurückgegangen ist … aber auf diese Idee kommen sie gar nicht.

Tja, wie gesagt, der Deutsche fühlt sich von seinen Medien umfassend und ausgewogen informiert *hüstel*…

Jedoch – die Bilder sind schön, und Hannah und Hazorea wirklich wirklich wirklich wunderbar. Angucken und Sehnsucht kriegen!

Am um am räumen…. Kuh für Kuh Januar 1, 2011, 13:10

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Genau am Heiligabend vor einem Jahr sind wir hier eingezogen, und genau am Heiligabend vor ein paar Tagen haben wir für die Jungen beim Nachbarn eine Einliegerwohnung dazugemietet. Die in unserem Haus theoretisch geplante extra Wohnung wird nämlich noch eine Weile brauchen, und die Söhne streben nach Privatheit und einer Tür, die nur sie abschließen können. Unser sehr netter Nachbar vermietet eine schöne große Wohnung, die für zwei Soldaten eigentlich viel zu komfortabel ist, mit schicker neuer Küche samt riesigem Kühlschrank  (Secundus: „endlich Platz für unser Bier“)  und Jacuzzi-Bad (Primus: „die macht mehr Lärm als Blasen“).  Das alles im Haus nebenan, so daß die Jungens nur durch den Garten gehen müssen, ein paar Stufen hoch und sie sind bei uns.

 

Dafür haben wir die kleine Wohnung im Kibbuz aufgegeben, die dasselbe kostete, elend schäbig war (schon als Y. dort zu seinen Soldatenzeiten wohnte, waren die Häuser alt) und die eigentlich nur Secundus nutzte. Sie können bei Freunden schlafen, meine Schwiegermutter hat ihnen ebenfalls einen Schlüssel für ihr Gästezimmer gegeben. Denn ihre besten Freunde sind nun mal im Kibbuz und der alten Umgebung – obwohl sie dank Armee nun auch Freunde in Shlomi und Maalot haben. Mit einer eigenen Wohnung können sie diese Freunde auch einladen. Sogar eine Terrasse mit Grillplatz hat der Nachbar für seine Untermieter eingerichtet.  Da sitzt der Klippschliefer gern, der gar nicht mehr scheu ist, unserem Nachbarn die Gemüsebeete leerfrißt und unseren Katzen bräsig vor der Nase rumspaziert.

 

Das bedeutet auch, daß wir nun mehr Platz im Haus haben. Quarta ist in das Zimmer gezogen, das vorher Primus´ war, und wir erledigen die Räumerei der Reihe nach, in kleinen Abschnitten.

 

(Auf Hebräisch nennt man das übrigens para-para, Kuh-Kuh – nach einem alten Histörchen über den neuen Arbeiter im Kuhstall, der entsetzt auf die vielen, vielen Kühe starrt und stammelt: wie soll ich die bloß alle melken? Und der alte Arbeiter sagt trocken, „para-para“, also „Kuh nach Kuh“. Und einer dieser Kühe verdanke ich auch meine Überschrift, nämlich der, die unser Lateinlehrer immer am Schwanz am Stall am raus am ziehen war… )

 

Ein Jahr wohnen wir hier nun, das Haus kommt uns schon nicht mehr so unwahrscheinlich groß vor, aber ich genieße es jeden Tag, Platz zu haben. Nicht nur Platz, um alles unterzubringen, sondern einfach so – ein bißchen Luft im Haus.  Und dann das große Sonnendeck und die schöne Aussicht. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich jeden Tag rauslaufe, um sie zu bestaunen.

Neulich, in einem anderen Land… Dezember 14, 2010, 15:30

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Seit Jahren halte ich in einem Kibbuz Vorträge, ganz in der Nähe unseres alten Kibbuz. Dort existiert seit vielen Jahren, wie in den meisten Kibbuzim, ein Club (moadon) für die älteren Mitglieder, der jede Woche Vorträge über verschiedene Themen anbietet. Ältere Kibbuzniks sind die bildungshungrigsten Menschen, die ich kenne – bekanntlich kommt bei der Bildung der Appetit beim Essen, d.h., sie sind hochgebildet, aber stets hungrig auf mehr.

 

In diesem speziellen Kibbuz wird der moadon seit langem von einer besonders engagierten und klugen Frau geleitet (die außerdem noch phantastisch aussieht – sie behauptet, über 70 zu sein, wirkt aber mehr wie eine sehr gepflegte und elegante 50erin), die das Angebot immer um ein Thema herum gruppiert. Mal ging es um Mensch und Natur, mal um Religion und Glauben, mal um den menschlichen Körper, mal um Mann und Frau – dieses Jahr ist jüdische und israelische Identität dran.

 

Mich hat sie wieder für drei Vorträge verpflichtet: jüdische Symbole, Holocaust in der Kunst und Holocaust-Gedenken – Themen, bei denen ich mich ganz gut auskenne und die ich seit Jahren beackere. Neulich war also das erste Treffen. Anderthalb Jahre war ich in diesem Kibbuz nicht mehr gewesen, und da wir dort viele Freunde und Bekannte haben, ist Y. mitgekommen. Wir waren zu früh dran und liefen ein bißchen herum.

 

Der Dining Room war hell erleuchtet und offen. Familien gingen ein und aus. Wir sahen uns an: oh Mann, so war das bei uns im Kibbuz früher auch, bevor alles bezahlt werden mußte und nach den Mahlzeiten alles abgesperrt wurde. Im Kibbuz von früher stehen die Brotschneidemaschinen frei zugänglich, das Brot liegt in einem vergitterten Schrank, und wer will, kommt vorbei und holt sich Brot. Oder sucht einfach noch ein paar Knäppchen für die Kinder.

 

Die Kinder und Jugendlichen liefen in Gruppen herum, in T-shirts und Sweatshirts mit dem Logo der Schule – der Schule, auf die meine Kinder auch gegangen sind. Tertia hat dieses Rumhängen in Gruppen nie gemocht und ist heilfroh, daß sie nicht mehr zwischen ihrem Alleinsein-Bedürfnis und den Ansprüchen der Gruppe lavieren muß, aber Quarta vermißt die Möglichkeit, einfach vors Haus zu gehen und gleich alle Freunde und Freundinnen in der Nähe zu haben. Ja, auch im Moshav hat sie Freundinnen, zu denen sie geht, aber hier sind doch viel weniger Kinder als im Kibbuz, der Moshav ist winzig im Vergleich zum Kibbuz.  Und die Kinder und Jugendlichen waren wunderbar schlampig angezogen, die Mädchen nicht aufgetakelt, die Jungens teilweise in karierten Pantoffeln, eben richtige Kibbuz-Jugend.

 

Die alten Leute kamen langsam in Richtung moadon, mit ihren Elektro-Autos mit Regenschutz, und es herrschte die typische Kibbuz-Betriebsamkeit. Familien strömten in den Laden und wieder raus, junge Väter guckten mit ihren Dötzchen nach Schnecken und Regenwürmern, Großeltern nahmen die Enkel auf dem Elektrokarren mit, und wir schlenderten einfach ein bißchen herum und trafen Leute.

 

Ich bin mehr als „die was über Kunst erzählt“ bekannt, Y. natürlich als Enkel von … und Schulfreund vieler Kibbuzniks dort kennt viel mehr Leute. „So, ihr seid also weg aus eurem Kibbuz? das ist aber schade“, meinten natürlich alle, die wir trafen – sowas spricht sich eben rum.  Y. kriegte ein paar Küßchen – von einer Jugendfreundin meines Schwiegervaters, von der Mutter seines Schulfreunds Ronen.

 

Die Türen des moadon gingen auf, die elegante Leiterin kam auch, und wir tranken eine Tasse Tee vor Beginn des Vortrags. „Bei euch im Kibbuz ist also noch alles unverändert? kein shinui, kein Wandel, keine Privatisierung? habt ihr es gut!“ „Ja, bei uns gibt es auch Leute, die das Modell von eurem Kibbuz durchdrücken wollen. Neulich war eine Abstimmung. Aber alles ist durchgefallen – keiner wollte die Privatisierung des Dining Room einführen, von anderen Sachen ganz zu schweigen. Ja, das Essen ist noch umsonst, und die meisten Sachen im Laden auch, Mehl und Milch und Gurken und Tomaten. Bei uns wollen die meisten Leute, daß es Kibbuz bleibt. Ach ja, eine einzige  Privatisierung ist durchgekommen: Zeitungen. Ab jetzt muß jeder sich entscheiden, welche Zeitung er abonniert, und das Abo bezahlen. Aber ansonsten – wir sind und bleiben Kibbuz. Wieso seid ihr nicht zu uns gezogen?“

 

Gute Frage. Mit unserem angesammelten „vetek“ hätten wir dort einen guten Start machen können. Wir haben das nicht mal ernsthaft erwogen, in einen anderen Kibbuz zu gehen – es ist notorisch schwierig, nachdem man sich an alle Macken des einen Kibbuz gewöhnt hat, dann in einem anderen heimisch zu werden. Natürlich wollten wir auch vermeiden, daß wir mit großem Ach und Krach umziehen, um dem „Wandel“ zu entgehen, und er uns dann in einen anderen Kibbuz folgt, mit dem Sirenenruf des unbegrenzten Reichtums. (Ich weiß, daß es in vielen Kibbuzim sehr gut geklappt hat – die haben aber auch andere Modelle der Privatisierung eingeführt als in unserem alten Kibbuz, der so ein nichts-Halbes-nichts-Ganzes-Modell gebastelt hat.)

 

Und wir wollten die Lebensform wechseln. Es gefällt uns ja auch sehr gut, wir kommen gut „draußen“ zurecht und leben gern hier oben im Norden. Ich weiß nicht, ob wir das jetzt noch könnten – in einen Kibbuz zurückgehen und uns wieder den Entscheidungen anderer unterwerfen, auch wenn wir selbst natürlich genausogut Entscheidungsträger werden könnten, so wir nur wollten. Ein Kibbuz gibt viele Entfaltungsmöglichkeiten. Aber er ist auch voll Klatsch und man steht ewig unter Beobachtung. Ich fühle mich sehr befreit, seit ich das kritische Auge der Allgemeinheit nicht mehr ständig spüre.

 

Als ich die ganzen zufriedenen Gesichter um mich herum sah, fühlte ich einen richtigen Schwall Liebe für diese Lebensform – Kibbuz.  Ich freue mich, daß es noch Orte gibt, an denen es funktioniert, und wünsche mir, daß es auch für diesen Kibbuz so bleibt. Auch wenn die Privatisierung der Zeitungsabos natürlich ein seeehr drastischer Schritt ist…

Secundus und ich Dezember 5, 2010, 19:44

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I. Am Wochenende, vor dem Fernseher

 

Secundus (stülpt sich seinen Sonnenhut auf den Finger):  Mama, warum machst du dir eigentlich immer Sorgen und fühlst mit diesen ganzen Menschen mit?

Ich:  In all diesen Orten, da kenne ich doch überall Leute, und dann stelle ich mir vor…

Secundus (läßt den Hut auf seinem Finger tanzen): Nein, ich meine wirklich, wozu regst du dich über anderleuts Probleme so auf?

Ich: Wenn ich sehe, daß…

Secundus (läßt den Hut von seinem Finger auf seinen Kopf springen und feixt mich an): Die Leute haben nichts davon, und du hast nichts davon. Laß es sein.

Ich:😯

 

Er hat aber Recht. Ich befinde mich schon seit mehreren Jahren im Stadium meines Lebens, in dem ich von den Kindern mehr lerne als sie von mir.  Und der Trick mit dem Hut war cool.

 

II. Vorhin, am Telefon

 

Secundus (mit vor Freude jubelnder Stimme): Mama, nur daß du´s weißt: wir sind angefordert worden, um im Carmel zu helfen. Ich weiß noch nicht genau, was wir machen sollen, aber wir helfen der Feuerwehr.

 

Ich: Das freut mich für dich, das ist schön, daß ihr helfen könnt. Du wolltest ja früher immer Feuerwehrmann werden.

 

Secundus (eine Sekunde Stille, dann entschlossen): Das will ich immer noch.  Ich muß los, wollte nur Bescheid sagen.

 

Ich: Viel Erfolg, ich bin sicher, ihr kriegt eine sinnvolle Aufgabe.

 

Vorhin habe ich im Fernsehen gehört, daß die Armee Busse voll Soldaten schickt, um die ganze Nacht durch den Carmel zu patrouillieren, um ein erneutes Aufflackern des fast gänzlich gelöschten Brands zu verhindern.

 

 

 

 

Rückblick, Rückkehr Dezember 2, 2010, 13:54

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Gestern war die Beerdigung des Mannes, von dem ich neulich erzählt habe. Es war sehr traurig – die Mutter und die Tochter gebrochen, die Söhne eher erleichtert, daß der Vater vom schweren Leiden erlöst ist.

Ein Begräbnis im Kibbuz läuft ohne Rav ab. Im ganzen Kibbuz stehen die Chaverim am Straßenrand und warten, bis das schwarze Auto mit dem Sarg (ja, im Kibbuz wird mit Sarg begraben) kommt. Dann schließen sich alle an. Auch vor dem Friedhof warten Menschen.  Dort stehen auch Eimer mit Rosen, die die Wartenden mitnehmen können und hinterher aufs Grab legen.

Der Friedhof im Kibbuz ist der schönste, den ich kenne – und ich kenne und liebe viele Friedhöfe. Ich bin Friedhofsfreundin und habe es genossen, als wir noch im Kibbuz gelebt haben, daß wir so nah am Friedhof wohnen. Oft bin ich einfach hingegangen, um nur dazusitzen und zu fühlen, was für ein friedlicher Ort das ist. Sowohl Y. als auch ich möchten dort beerdigt werden, das ist schon abgemacht.

Am Grab werden Reden gehalten – Erinnerungen, Grabreden, Nachrufe, Briefe. Meine Freundin sprach selbst, mit fester Stimme. Ein alter Jugendfreund aus Budapest erinnerte an das gemeisam verlebte Leben – vom HaShomer Hazair-Nest in Budapest über die Shoah und die Einwanderung nach Israel, die Aufnahme im Kibbuz, und die gemeinsam erzogenen Kinder.

Wenn alle Reden gehalten sind, wird der Sarg ins Grab gelassen und mit Erde bedeckt. Dieses schreckliche Geräusch der polternden Steine – Erdschollen gibt es hier ja nicht, die Erde ist nicht saftig und fest, sondern trocken und von Steinen durchsetzt. Das macht der Sekretär, ein bulliger Mann in knappen Shorts, und die Truppe der Gärtner, sie kippen Erde und Steine auf den Sarg. Alles in Arbeitklamotten. Auch von den Trauergästen kommt keiner in Trauerkleidung. Diese Konventionen gibt es im Kibbuz nicht, die Leute kommen von der Arbeit und gehen zur Arbeit zurück.

Dann legen alle ihre Blumen aufs Grab und gehen zur Familie. Von ähnlichen Gelegenheiten in Israel und Deutschland weiß ich, wie entsetzlich das Gefühl der Unwirklichkeit ist und wie qualvoll die vielen Gesichter, die einen angucken, wenn man am liebsten unter dem Bett liegen würde und weinen. Aber auch tröstlich, daß diese Stunde dem Toten gewidmet ist, den die anderen Menschen so schnell wie möglich vergessen wollen.

Um mich herum standen mehrere Witwen, deren Männer ich noch gekannt habe, und die seitdem tapfer allein leben. Für sie ist so ein Tag sehr schwer. Sie gehen danach zu ihrem Grab und fegen die Blätter von der Grabplatte, wie wir zu den Gräbern von Y.s geliebten Großeltern gehen.

Auch mehrere Ehepaare standen in unserer Nähe. Wir sind alt genug um zu wissen und zu spüren, daß vermutlich einer von uns eines Tages ebenso allein dastehen wird wie die Witwen, und so bitterlich weinen wie die Mutter meiner Freundin. Für so viele Jahre der Treue und des Zusammenstehens wird dann der Preis fällig – der Abschiedsschmerz. Da rückt man dann mit den Schultern enger zusammen und nimmt sich vor: ich will auch nie wieder zickig sein, ich bin ja so froh, daß wir uns noch haben…

Wir standen noch lange ums Grab herum und sprachen mit den vielen Freunden, die sich eingefunden hatten, alles Freunde der Söhne des Verstorbenen. Wie gesagt, meine Freundin hat vier große Brüder, alles besonders nette Kerle, und Y. steht jedem von ihnen auf irgendeine Art nahe. Wieder waren Leute dabei, die ich noch nicht kannte.

Langsam schlendern dann alle zum Clubhaus. Das Clubhaus! Als ich Volunteer war, war es noch jeden Abend geöffnet, die Chaverim saßen dann zusammen, lasen Zeitungen und tratschten über die, die noch nicht da waren oder schon gegangen waren. Im Clubhaus haben wir Primus´ Geburt gefeiert, den 75. Geburtstag von Y.s Oma (als ich rausgehen mußte, weil mir das Fehlen der vielen der Shoah ermordeten Onkel und Tanten die Luft abschnürte und ich ihre stumme Gegenwart spürte), und im Clubhaus habe ich den ersten Vortrag meines Lebens gehalten – noch mit Dias, über Selbstporträts. Das war mein Versuchsballon und die Besucher des Clubhaus mein liebstes und treustes Publikum (sie laden mich ja immer noch regelmäßig ein).

Wir waren schon oft seit unserem Verlassen im Kibbuz, auch zu anderen Beerdigungen und natürlich bei meiner Schwiegermutter, aber heute haben wir uns Zeit genommen und mit allen gesprochen, die wir getroffen haben. Letztes Jahr zu Heiligabend haben wir den Kibbuz verlassen, gestern war der 1. Dezember und das erste Chanukka-Licht. Der Jahreskreis hat sich fast geschlossen, alle haben sich daran gewöhnt, daß wir weg sind, und die Überraschung und Empörung („wie Diebe in der Nacht seid ihr weg!“ – weil wir uns nicht einzeln bei allen verabschiedet haben…) haben sich wohl gelegt. Und da haben wir doch gespürt, daß die Leute uns gern haben.

Y. hat das immer schon behauptet, aber ich habe immer gedacht: na ja, IHN haben sie gern, weil sie ihn doch alle von Kindesbeinen an kennen. Aber heute mußte ich unausweichlich feststellen, daß auch ich dort gemocht werde und wohl auch wurde, obwohl ich es nie so empfunden habe. Das war ein schönes Gefühl und auch ein wehmütiges. Selbst Rochkele von der Post schoß aus ihrem Garten, als wir vorbeikamen, und küßte uns ab – „kommt ihr wirklich nicht wieder? ihr fehlt!“

Die alte Meira (Meira-ha-gingit, die Rothaarige), die meinen Schwiegervater im Babyhaus betreut hat,  freute sich sehr, uns zu sehen. „Ach, neulich habe ich eure Tertia getroffen. Nein, wie ist das Mädchen hübsch! Ich habe sie erst nicht erkannt, weil sie eine Sonnenbrille aufhatte, und als sie mir Shalom gesagt hat, habe ich erstmal gesagt: nimm die Sonnenbrille ab, damit ich dich erkenne. Also, ich muß euch sagen, eure Kinder fehlen mir wirklich, das sind doch die einzigen Kinder im Kibbuz, die einem immer schön Shalom sagen… “ Ja, darauf habe ich immer geachtet, und nicht nur Meira hat es wieder betont. Der Ruf wird mir bleiben: die Mutter der freundlichen Kinder. Wenn nur das von mir bleibt, das reicht mir.

Aber die meisten Gespräche waren bedrückend. Viele Leute im Kibbuz sind jetzt von dem vielbeschworenen „Wandel“ enttäuscht. Eine ältere Dame, mit der ich vor 20 Jahren im Altersheim zusammengearbeitet habe, deren Mutter eine scharfzüngige Berlinerin war, deren Sohn einer von Y.s besten Freunden und deren Enkelin jahrelang Quartas beste Freundin war – sie fragte mich: na, wie geht es euch?, und als ich sagte: danke, wir sind sehr glücklich, da guckte sie sich kurz um, und dann zischte sie mir zu: seid froh, daß ihr diesen Mist hier noch rechtzeitig hinter euch gelassen habt!

Und ähnliche Worte haben wir immer wieder gehört. So pessimistisch und trübselig habe ich die Kibbuzniks selten erlebt. Irgendwie haben sich die großen Erwartungen nicht erfüllt, jeder hat seine eigenen Probleme, und die Gemeinschaft, die einen auffängt, die gibt es nicht mehr. Vielleicht war gestern auch einfach nur ein mieser Tag, alle waren deprimiert und sahen nur die schwarzen Seiten.

Eine Freundin um die 40, Single und kinderlos: „Heutzutage kriegen nur noch Leute mit Kindern eine größere Wohnung. Der vetek (Länge der Zugehörigkeit) spielt keine Rolle mehr. Ich wohne seit 15 Jahren in einer winzigen Wohnung, weil ich früher nicht genügend vetek hatte, um in eine größere umziehen zu dürfen.  Und jetzt kriegen nur noch Leute „mit Bedarf“ größere Wohnungen. Und wer Kinder hat, der hat automatisch mehr Bedarf als ich. Keiner geht davon aus, daß ich in meinem Alter mehr Platz und eine vernünftige Küche brauche.“

Eine andere Freundin, pensionierte Lehrerin: „Diese ganze Angleichung der Rente ist so unfair. Alles ist privatisiert, aber die Renten nicht. Ich kriege eine gute Rente, für die ich hart gearbeitet habe, aber sie geht an den Kibbuz, der sie den anderen Renten angleicht, also alles abzieht, was über dem vom Kibbuz festgelegten Satz liegt. Früher hätte mich das nicht gestört, da ging ja alles an den Kibbuz. Aber jetzt? Wir haben doch privatisiert und ich muß für alles zahlen. Wieso kriege ich dann nicht die volle Rente ausgezahlt?“

Eine Selbständige: „Dauernd erhöht der Kibbuz unsere Kosten. Ich habe keinerlei Kontrolle über meine Ausgaben. Alle paar Monate werden entweder die Steuern oder die Miete für mein Büro oder die Kosten fürs Kinderhaus erhöht. Ich habe das Gefühl, wenn jemand von der Verwaltung eine Gehaltserhöhung braucht oder der Kibbuz finanziell in die Bredouille kommt, werden die Kosten auf uns abgewälzt.  Ich rackere mich ab, aber ich sehe dafür nichts.“

Eine Angestellte: „Die Abgaben hier sind unheimlich hoch, und sie werden immer höher. Sie werden mir vom Bruttogehalt abgezogen. Mein Brutto ist okay, aber weil ich mehrere Jobs habe, zieht mir das Finanzamt unheimlich viel Einkommenssteuer ab. Das heißt, mein Netto tendiert gegen Null, nachdem sich Kibbuz und Staat bedient haben. Natürlich kriege ich am Ende des Jahres die Einkommenssteuer auf den kleineren Job zurück – aber das Geld geht an den Kibbuz. Ich arbeite praktisch für lau“.

Eine zahlende Anwohnerin: „Der Kibbuz sieht uns Leute von draußen nur als Kühe, die man melken kann. Wir zahlen für die winzige Hütte viel Geld. Gut, die Kinderbetreuung ist toll und das soziale Leben auch, die Kinder fühlen sich sehr wohl. Aber dauernd werden die Abgaben erhöht. Im Haus ist kein Platz für eine Waschmaschine, also nutzen wir die Wäscherei. Anfangs kostete das Kilo Wäsche 3 Shekel, inzwischen sind die Kosten auf 5 Shekel gestiegen. Wir zahlen uns dumm und dämlich an der Wäsche! Und wozu werden uns Gemeinschaftssteuern abgezogen, wenn wir doch gar nichts in Anspruch nehmen, das davon bezahlt wird?“

Ein Rückkehrer: „Wir dachten, die neue Wohnsiedlung wird 2011 fertig, und haben alle Bedingungen erfüllt. Aber jetzt stellt sich raus, daß nicht mal die Baugenehmigung erteilt ist. Und das Gebiet für die Siedlung grenzt an die Straße Nr. 6, der Lärm ist doch spürbar. Jetzt wohnen wir hier in einer kleinen Wohnung und warten, wann der Kibbuz anfängt zu bauen. Das haben wir uns irgendwie anders vorgestellt…“

Ein Arbeiter (Druse): „Ich arbeite hier seit 35 Jahren, Y., du kennst mich, seit du Schulkind warst.  Und ich arbeite schwer. Und ich habe immer gern im Kibbuz gearbeitet, weil ich mit Respekt behandelt wurde. Aber in den letzten Jahren, das ist schon nicht mehr schön. Erst wurde das Gehalt gekürzt, dann die Zulagen zu Pessach und Rosh ha Shana. Dann mußten wir für das Frühstück im Dining Room zuzahlen, und dann fürs Mittagessen. Das ist mir zu teuer, ich bringe mir Butterbrote von zuhause mit. Aber wie soll ein Mann wie ich, der den ganzen Tag körperlich arbeitet, ohne warme Mahlzeit, ohne Mittagessen durchhalten? Der neue Schatzmeister ist von draußen. Der hat uns alle zu einer Versammlung einberufen und gesagt: es tut mir selbst ja leid…. Aber der verliert keine Minute Schlaf über unsere Probleme. Ich arbeite schwer und verdiene nur knapp über 5000 Shekel. Ich fühle mich ausgebeutet und respektlos behandelt. Und das im Kibbuz, den ich immer so gern hatte! Die Leute sind immer noch nett. So Leute wie du, Y. Aber die Verwaltung? Pfui Teufel. Ich sag mir immer, noch sieben Jahre halte ich durch, dann werd ich pensioniert….“

Jeder klagt über materielle Dinge, die früher niemanden von uns interessiert haben.  Jeder spürt, daß der Kibbuz sein Wertesystem ausgetauscht hat. Von einer auf Fairneß, Bescheidenheit und Gleichheit basierten Gesellschaft hat er sich in eine Gruppe von Einzelkämpfern verwandelt. Und das Überleben in Israel ist schwierig – man braucht jeden Shekel.

Die Verwaltung, die früher Teil des Kibbuz war, wird jetzt als Fremdkörper empfunden – ein undurchsichtiges Gestrüpp von Leuten „von draußen“, die den Menschen vorschreiben, wieviel Geld sie jeweils übrig haben. Viele Beschlüsse gehen nicht mehr durch die VV. Besonders bitter ist die miserable Behandlung der treuen Arbeiter. Wir haben dem Drusen lange die Hand geschüttelt und wußten nicht, was wir sagen sollten. DAS ist unser Kibbuz???

Jeder hat das Gefühl, betuppt zu werden. Früher hatte man genau das umgekehrte Gefühl: auf einer Insel zu leben, auf der man nicht betuppt wird wie alle anderen. Wenn mich Leute „von draußen“ fragten, ob es mich nicht stört, mein Gehalt an den Kibbuz abzuliefern und „nur“ ein Budget zu bekommen, dann konnte ich immer ehrlich sagen: nein, es stört mich nicht. Ich bekomme so viel vom Kibbuz, da ist es nur fair, daß ich mein Gehalt in die gemeinsame Kasse stecke. Das ist alles vorbei. Keiner denkt mehr so.

Wir gingen durch den Kibbuz, dieses wunderschöne Fleckchen Erde, der Himmel glühte in der Abenddämmerung – wir haben wegen des vielen Staubs in der Atmosphäre traumhafte Sonnenuntergänge. Wir trafen die Menschen, die Y. und seine Eltern und Geschwister von Kind auf kennen. Wir gingen zwischen den Gräbern von Menschen, die wir gekannt haben und die wir nie vergessen werden. Wir waren in unserer alten Wohnung, wo die neue Bewohnerin nichts verändert hat – sie sagt, unser Geschmack ist makellos, und sie hat alles übernommen, Küche, Bad, Fußboden, nichts ist verändert. Und wir dachten an die vielen glücklichen Stunden. Wir waren im Garten unseres allerersten Hauses, wo Primus krabbeln gelernt hat. Wir haben Esther getroffen, die alle unsere Kinder im Babyhaus hatte. Wir hatten einen richtig nostalgischen Tag.

Und doch kann der Kibbuz von heute die Sehnsucht in meinem Herzen nicht stillen. Wir waren jung – wir sind es nicht mehr. Wir haben uns gern angepaßt – das würde uns jetzt sehr schwerfallen. Wir haben uns gut aufgehoben gefühlt – doch niemand fühlt sich mehr so. Ich denke mit Sehnsucht an die Zeiten , als die Kinder klein waren – als ich jede Nacht von Bett zu Bett gehen konnte und vor der Tür die vielen kleinen Gummistiefel standen. Die Zeit kommt nicht wieder, und der Kibbuz, so wie er war, auch nicht. Wieder einmal bin ich dankbar, daß wir dabei waren, daß ich Y.s Welt erlebt habe und darin lange Jahre gelebt habe. Aber es führt kein Weg zurück.

Als es richtig dunkel geworden war, fuhren wir nach Hause – in Richtung Norden. So in der Gegend von Tamra, da ist für mich der Übergang, da fühle ich mich „im Norden“. Wir redeten den ganzen Weg und tauschten unsere Eindrücke aus, denn wir hatten uns mit verschiedenen Leuten unterhalten. Und wir genossen, daß wir zu ganz ähnlichen Schlüssen kamen.  Und daß es richtig war, wegzugehen. Und daß wir immer Kibbuzniks bleiben werden. Auch wenn es den Kibbuz so nicht mehr gibt. Noch ein inneres Rungholt für mich, eine versunkene Welt, die ich mit mir herumtrage.

Trauriger Abschied August 29, 2010, 9:27

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Vor ein paar Tagen war im Kibbuz eine traurige Beerdigung. Eine sehr nette Frau, mit der ich durch ihre Eltern und Söhne und gemeinsame Freundinnen vielfach verbunden war und die ich immer sehr mochte, ist gestorben. Sie war alleinerziehende Mutter, ihre Söhne stehen nun ganz allein da. Der Ältere ist in Primus´ Alter (ich habe ihn im Babyhaus betreut, war ein süßes Kerlchen), der Jüngere ist einer von Secundus´ besten Freunden. Die Mutter war schon seit vielen Jahren sehr krank, und wegen der schweren Grunderkrankung wurde wohl eine akute schwere andere Erkrankung übersehen. Als die Zweiterkrankung entdeckt wurde, war es schon zu spät. Innerhalb weniger Wochen starb sie.

Ich habe sie im März das letzte Mal gesehen, als sie zu meinem Vortrag im Kibbuz kam. Hätte ich nur gewußt, wie krank sie ist! Wir haben uns immer gefreut, wenn wir uns gesehen haben. Sie hat nie geklagt, obwohl sie seit vielen Jahren im Rollstuhl saß, auf fremde Hilfe angewiesen war, oft Schmerzen hatte und wußte, daß keine Heilung in Sicht ist. Wenn man sie gefragt hat: wie geht es dir?, hat sie immer gelächelt und gesagt: prima, danke, und dir? Sie war sehr stolz auf ihre Söhne. Ihre Eltern, auch nicht mehr jung, werden sich weiter um die Jungen kümmern.

Es war eine der traurigsten Beerdigungen seit langem. Der jüngere Sohn hatte sich schwarze Wintersachen angezogen – in der brütenden Hitze, die selbst auf dem schattig-kühlen Friedhof herrschte, stand er in Sweatshirt und langen Hosen. Es ist nicht üblich, sich bei Kibbuz-Beerdigungen schwarz zu kleiden – der Sekretär, der eine Grabrede hielt, kam in Shorts und einem ausgeleierten T-shirt, dazu Sandalen. Ich weiß nicht, ob der Sohn die schwarzen Sachen aus Trauer gewählt hat. Secundus erzählte mir hinterher, daß sein Freund sich so warm angezogen hatte, weil ihm bitterkalt war. Der arme Junge bibberte vor Kälte und zog sich mehrere Schichten Kleidung an, weil ihm so kalt war. Es war so traurig, ihn so zu sehen.

In solchen Situationen bewährt sich aber der Kibbuz, so wenig ich ihn auch vermisse (gefühlte hundertmal wurde ich gefragt, ob ich den Kibbuz vermisse, und die Antwort ist immer: NEIN, so seltsam das ist!). Die Familie wird von der Gemeinschaft aufgefangen, und die Mutter wird nicht vergessen werden. Aber ersetzen kann sie niemand.

Einleben, nachdenken Januar 5, 2010, 23:46

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Ich hätte nie gedacht, daß es mir so wenig schwerfällt, den Kibbuz zu verlassen. Wir sind jetzt schon zehn Tage im neuen Haus, genießen jeden Augenblick. Noch immer sind die formalen Seiten nicht geregelt, wir sind noch Mitglieder des Kibbuz, weil sich das Verlassen des Kibbuz als erste Familie nach dem Tag X (Privatisierung, 1.1.2008) als sehr schwierig herausstellt. Keiner weiß, wie die Abfindung berechnet werden soll, und vermutlich wird es eine Weile dauern, bis der Formalkram über die Bühne geht. Wir haben auch noch nicht alle Sachen transportiert – da wir beide voll arbeiten, können wir uns nicht viel Zeit dafür abknapsen. Aber der Sekretär ist verständnisvoll, und wir müssen die alte Wohnung nicht auf der Stelle räumen.

Am Wochenende hatten wir die ganze Familie hier, und alle haben uns gelobt, wie schnell wir uns hier eingerichtet haben. Nächstes Wochenende kommen Freunde zu Besuch. Alle sind neugierig und wollen sehen, wohin es uns verschlagen hat.

Tertias Aufnahme in die neue Schule ist noch nicht abgeschlossen, aber Quarta hat in ihrer neuen Schule schon Freundschaften geschlossen. Ein Junge in ihrer Klasse ist der Sohn einer guten Freundin meines Schwagers, mit ihm seit dem Babyhaus aufgewachsen. Ihr großer Bruder ist einer von Y.s Freunden (die ja neulich alle bei uns waren), und ihre Mutter (die Großmutter des Klassenkameraden also) habe ich bis zum Tod gepflegt, vor vielen Jahren. Auch hier ist die Welt also …. – na ja, Israel ist nun mal klein.

Den meisten Leuten fällt beim Namen des Moshavs, in dem wir jetzt leben, Urlaub ein. „Oh, da haben wir mal einen Kurzurlaub gemacht“, „da haben wir uns mal ein Ferienhaus gemietet“ ist die typische Reaktion. Vielleicht haben wir darum noch das Feriengefühl. Adler und auch Falken fliegen hier rum, und nach wie vor freue ich mich jedesmal, wenn ich ein Schiff sehe. Besonders nachts – die Lichter. Da kriege ich immer Fernweh, wozu ich sonst nicht neige. Weder Eisenbahn noch Flugzeug lösen das in mir aus, diese Sehnsucht, mitzufahren „in der prächtigen Sommernacht“. Aber wenn ich nächtliche Lichter eines Schiffs sehe, entbrennt mir nun mal das Herz.

Ich kann es nicht genau erklären, diese innere Freude am Neuen,  denn ich habe mich im Kibbuz doch immer wohlgefühlt…. woher kommt es also, daß ich mich so erleichtert fühle, so friedlich? Der Alltagsstreß ist nicht weniger geworden, das Semester läuft weiter, Y. arbeitet fast rund um die Uhr und der Haushalt samt umzugsbedingter Mehrarbeit hält mich auch auf Trab. Aber ich mach es alles gern, eigentlich, bis auf die bürokratischen Sachen, die kann ich nicht leiden und auf Ivrit fallen sie mir noch schwerer. Formulare ausfüllen, uäh…

A propos Haushalt. Vor ein paar Tagen waren wir bei guten Bekannten, die vor fast 20 Jahren einen Kibbuz verlassen haben – also zu einer Zeit, als ein Kibbuz noch viel kibbuziger war. Die Frau, geborene Kibbuznikit und ihr Leben lang nur im Kibbuz, erlitt wohl eine Art Kulturschock, als sie auf einmal mehrere Mahlzeiten am Tag auf den Tisch bringen mußte, spülen, Betten machen und alles, was ihr vorher von Küche, Speisesaal, Kinderhaus abgenommen worden war.  Wir kamen gerade nach dem Abendessen, als sie den Tisch abdeckte und die Spülmaschine einräumte. Sie meinte in ziemlich zickigem Ton zu mir: „na meine Süße, da wirst du dich auch dran gewöhnen müssen – Hausarbeit!“

Ich war etwas erschüttert, sowohl von dem passiv-aggressiven Ton als auch von der Unterstellung, ich wüßte nicht, was Hausarbeit ist. Denn in den letzten Jahren, ach eigentlich in unserer Familie schon seit vielen Jahren, gab es überhaupt keinen Unterschied zum „städtischen“ Lebensstil. Klar, als Primus klein war, bin ich jeden Abend mit Schwiegermutter und Schwiegergroßmutter zum Dining Room gepilgert, weil es nett war, mit den beiden zu Abend zu essen, und weil es einfach dazugehörte. Schon mit Secundus war mir das zu viel, und dann wurde das Dining-Room-Abendessen sowieso abgeschafft. Die Wäsche mach ich seit fast zehn Jahren zuhause, und in den letzten Jahren wurde auch das Frühstück im Dining Room abgestellt und das Mittagessen so früh ausgegeben, daß die Oberschüler nur noch vor verschlossenen Türen stehen.

Ich habe also schon seit Jahren meine Bande abgefüttert – mein Essen ist außerdem auch leckerer als der Fraß, der in den letzten Jahren im Dining Room überhand genommen hat. Ja, vor 20 Jahren, als der irre Roger noch Koch war, da war das Essen lecker. Aber seit vielen Jahren heißt die Devise im Dining Room: starres Wochenmenü aus billigen Zutaten.  Meine Kinder haben sich höchstens, wenn der Dining Room denn mal offen war, mit Salat oder Brot versorgt, Secundus mag auch gern Pasta. Aber die Hauptmahlzeit war seit Jahren schon zuhause. Außerdem gibt es doch wirklich nichts Schöneres, als zuzugucken, wie hungrige Halbwüchsige mit strahlendem Gesicht aufs Futter losgehen, das man selbst gekocht hat. Ich habe ja das Privileg, einen Großteil meiner Arbeit zuhause zu erledigen und somit mehrmals pro Woche mit den Kindern um einen Tisch zu sitzen.

Im Gegensatz zu dieser Bekannten also, für die die große Umstellung mit dem Schritt nach draußen kam, war für mich die große Veränderung der Eintritt in den Kibbuz. Das war gar nicht so einfach, auch wenn ich an diese Zeit ganz gern zurückdenke. Ich war fest entschlossen, mich anzupassen und Kibbuznikit durch und durch zu werden. Manches war sehr einfach, weil ich mich immer schon nach so einem Ort gesehnt hatte – anderes fiel mir doch sehr schwer. Durch die etwas kiebige Bemerkung der Bekannten wurde mir aber klar, wie „bürgerlich“ und „städtisch“ das Leben im Kibbuz schon geworden ist. Ich bemerke auch tatsächlich nicht den geringsten Unterschied zu meinem Leben vor zehn Tagen – außer natürlich der großen Erleichterung, die es bedeutet, wenn man einen Wirtschaftsraum und eine große Spülmaschine hatte…  was ich im Kibbuz natürlich nicht hatte. (Ich lasse den Faktor Mann und andere zupackende Hände im Haushalt   mal außen vor bei dieser Betrachtung.)

Ich habe also dieser Bekannten geantwortet, daß ich mich erstmal an den Luxus gewöhnen muß, eine große Spülmaschine zu haben, und ich ansonsten keine Veränderung spüre. Und habe mir gedacht, was für ein Glück, daß ich aus einer Dynastie von Hausfrauen stamme und tatsächlich Hausarbeit gern mache. Für die Kibbuz-geborene Bekannte, deren Mutter in ihrem ganzen Leben keine vollständige Mahlzeit zubereitet hat und keine Waschmaschine bedienen konnte, und die den Kibbuz verließ, als bei ihnen noch das Kinderhaus-System funktionierte, muß die Umstellung wirklich traumatisch gewesen sein. Für uns ist es eigentlich nur ein konsequenter letzter Schritt. Und ich glaube nicht, daß in unserem Kibbuz irgendjemand noch so lebt wie der klassische Kibbuznik. In anderen Kibbuzim gibt es sie noch, die gemeinsamen Abendessen und einen Dining Room ohne Kassen. Aber wie lange noch?

Secundus freut sich November 25, 2009, 23:13

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Es ist einfach zu nett, mit Secundus Fußball zu gucken. Ich sitze dabei und arbeite, er fiebert, wenn Bayern spielt. Auch wenn es gegen Haifa geht – er hält Daumen für seine Mannschaft. Er ist ein treuer Fan und ärgert sich über seine Freunde, die immer zum jeweiligen Champion halten. Er schreibt sogar eine kleine Forschungsarbeit in Psychologie über Fanverhalten, Loyalität oder Wankelmütigkeit bei Mißerfolg und die jeweilige Motivation und kann sich schön darüber ärgern. Gutwetter-Fans sind für ihn keine Fans. Er würde seinen Bayern treu bleiben, egal wie tief sie in der Krise stecken.

Ich bin ja eigentlich immer für Underdogs, und deswegen mehr auf Haifas Seite. Allerdings bin ich auch in Deutschland aufgewachsen und kenne die Bayern nur als die arroganten Sieger – für Secundus war es immer eine harte Option, Bayernfan zu sein. Außer ihm ist nur noch ein Schüler an seiner Schule für die Bayern.  Wir reagieren also genau umgekehrt – wenn die Bayern stürmen, freut sich Secundus und ich seufze, wenn Haifa, dann brummt er und ich rufe: nu, kadima! Immerhin, nach dem Tor der Bayern konnte man sehen, daß ihnen ein ziemlicher Stein vom Herzen fiel. Das Ausmaß dieses Steins nehme ich jetzt als Kompliment für Haifa, auch wenn die Aufstiegschancen vielleicht eine größere Rolle gespielt haben.

Na, das Spiel ist noch nicht zu Ende. Secundus hofft auf einen Treffer Schweinsteigers, ich auf einen von Haifa. Dann darf ich aber nicht triumphieren… Diskretion, Diskretion.

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