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Andere Welten, September 30, 2007, 0:44

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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wieder mal. Wir waren heute bei meiner liebsten Freundin in Rishon. Die Mädchen hatten vorher in der Zeitung gesehen, daß in Rishon eine Katzenausstellung stattfindet – „chatuliada“ genannt. Oh, Mama, Aba, wir wollen Katzen sehen! Also sind wir hingegangen. Ich war ewig nicht mehr auf einer Katzenausstellung, habe mit Verblüffung den Boom der Nacktkatzen zur Kenntnis genommen. Aliens!, meinte mein Mann. Embryos!, meinte ich. Arme nackige Katzen!, meinten die Mädchen.

Die traumhaft schönsten Katzen von allen waren für mich die Abessinier. Seit meiner Kindheit träume ich davon, so eine Katze zu haben. Aber wer legt 5000 Shekel für eine Katze hin, wenn überall wilde Katzen rumlaufen? Auch Burmesen finde ich sehr schön, ein Kartäuser mit seinem dicken Kopf gefiel mir ebenfalls.

Doch wir kaufen keine Rassenkatzen, wir gucken sie nur an, sammeln Pröbchen von Katzenfutter ein, und bestaunen, daß fast alle Produkte aus Deutschland kommen – ha-bürste! ha-kratzbaum! ha-katzengras!. Eine Züchterin nennt ihre Zucht sogar Katzele.

Doch wir waren die einzigen, die Hebräisch sprachen. Um uns herum: ein Meer von Russisch. Also was hier so barbarisch ha-russim genannt wird – es sind natürlich jüdische Einwanderer aus allen Ländern der früheren Sowjetunion dabei. Sie kleiden sich anders als „eingeborene“ Israelis, besonders das Schuhwerk. Ich kann nicht genau sagen wie – aber anders. Ich meine auch, man sieht den Gesichtern die osteuropäische Herkunft an, ja man sieht ihnen irgendwie an, daß sie Russisch sprechen. Und außer uns sprachen wirklich alle, alle Russisch.

Verrückt, ich habe noch nicht rausgefunden, wieso bestimmte Freizeitvergnügen fest in russischer Hand sind. Salontanz, Schach, meinetwegen, das ist erklärlich. Aber Rassekatzenzucht?

Die junge Frau mit den Abessiniern erzählte jedenfalls, ihre Stammkatze streichelnd, daß der Vater ihres Wurfs in München lebt. Ein bayrischer Kater, dessen Nachwuchs wir heute in Rishon leZion betrachtet haben.  Das war schön. Ich hoffe doch, diese kleinen, halb bayrischen Abessinier haben einen Preis gewonnen…

News-Bloggen September 25, 2007, 21:32

Posted by Lila in Kunst, Land und Leute.
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Hier wird gerade der Besuch Ahmedinijads in New York breitgetreten. Ich halte es für einen kompletten Fehler, diesen Besuch zu einer Kraftprobe zwischen „uns“ und „IHM“ hochzuspielen.

A. (entschuldigt, wenn ich diesen Namen abkürze, Challas!) ist nicht Staatsgast der Amerikaner, sondern der UNO, die dort extraterritorial sitzt und noch nie Probleme damit hatte, Leute einzuladen, die ich nicht im Wohnzimmer würde haben wollen. Aber das ist Sache der UNO.

Daß ein demokratisches Land wie die USA ihn außerdem wie ein Kurisoum an eine Uni und ins Fernsehen einlädt und ihm die Möglichkeit gibt, seine Meinungen darzulegen, ist doch selbstverständlich. Ich bin gegen Boykotts, und ich finde auch, es ist doch nur gut, wenn die Leute selbst hören, wie dieser Mensch tickt. Auf die Gefahr hin, daß manche ihn eben gut finden. Diese Gefahr würde ich in Kauf nehmen. Es ist ja keine echte Gefahr für die Demokratie, wenn ein durchgedrehter Regierungschef eines anderen Lands seine merkwürdigen Theorien publik macht. Man beantwortet das besser mit Fakten und sachlicher Diskussion als mit Redeverbot, besonders, wenn es um ein einmaliges Ereignis geht.

Außerdem halte ich es für absolut kontraproduktiv, A.s eigenen Ansatz, er gegen die Juden, auch noch mitzutragen. A. ist das Problem der internationalen Gemeinschaft, wenn es sowas gibt, aber doch nicht nur unseres. Es ist wieder mal typisch, daß, während die Juden laut protestieren, die anderen, die vielleicht auch was zu sagen hätten, dann passiv und still werden. Dieses Muster sehe ich auch oft genug in Deutschland. Sobald der Zentralrat der Deutschen Juden pflichtgemäß gemahnt hat, finden alle anderen, nun ist es aber genug und man muß nicht ins selbe Horn tuten.

Wäre mal interessant zu sehen, was passiert, wenn die Juden mal einfach gar nichts sagen. Würden die Goyim dem A. dann zujubeln oder antisemitische Vorfälle unkommentiert lassen? Das wäre doch mal ein Experiment…

Jedenfalls finde ich, man muß in einer Demokratie mit einem stabilen Bildungssystem, kritischen Medien und intelligentem öffentlichen Diskurs darauf vertrauen können, daß die Fernsehzuschauer und Studenten sich ihre eigene Meinung zu A. bilden können. Wenn man darauf nicht vertrauen kann, dann würde ich eher Bildungssystem, Medien und öffentlichen Diskurs fitmachen statt von den Menschen jeden Irren sorgsam fernzuhalten.

Nebenbei: Ich fand es übrigens immer idiotisch, daß NS-Kunst in Deutschland nicht gezeigt werden darf. Als wären Deutsche arme, hirnlose Pavlovsche Hunde, die beim Anblick von Zieglers hageren Nackten, Brekers muskelschwellenden Jünglingen oder Elk Ebers stereotyp-edlen SA-Männern und Soldaten sofort anfangen zu sabbern und ihren Führer wiederhaben wollen. Wer gute Kunst kennt, wird sich nur mit Schaudern abwenden. Und wenn ein NS-Künstler technisch ein Könner ist, wie Wilhelm Petersen, aber inhaltlich heimattümelnd bis offen rassistisch ist, dann muß man das eben erklären, wie es sich von Nicht-NS-Heimatkunst unterscheidet.

Mit diesem Vergleich, der mir gerade einfiel, will ich aber nicht in den Chor derer einstimmen, die Mahmud A. und Adolf H. in eine Schublade stecken. Differenzieren ist immer wichtig, nie wichtiger als in solchen Fragen. Es fiel mir nur gerade ein beim Thema „gefährliches Gedankengut“. Gedanken sind keine Viren, und ein intellektuelles Immunsystem kann man trainieren.

Und noch ein Nachtrag: ein Kommentator hier, Ehud Yaari, erinnerte daran, daß im Iran Mahnwachen zur Ehrung der Toten vom 9-11 gehalten wurden. Im Gegensatz zur arabischen Welt, wie zB den palästinensischen Gebieten, wo Jubel und offene Schadenfreude herrschten, waren die Iraner mitfühlend und respektvoll. Yaari meinte, er hätte es A. erlaubt, einen Kranz an Ground niederzulegen – im Namen seines Volks, das damals dem amerikanischen Volk kondoliert hat.)

Verrückte Sache, September 25, 2007, 18:08

Posted by Lila in Bloggen.
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so ein Chat. Die Zeit vergeht im Nu. Ich verstehe jetzt besser, wieso mein Sohn einen ganzen Abend chattenderweise verbringen kann, ohne es zu merken.

Fragen sind willkommen! Es ist nämlich gemütlicher, sie im Blog zu beantworten.

Sonnige Kindheit September 23, 2007, 18:11

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute, Uncategorized.
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Wenn Y. sich auszieht, sieht man ganz viele sternförmige, braune Zeichen auf seinen Schultern und Oberarmen. Das ist eine Erinnerung an seine sonnige Kindheit. Damals glaubte man nämlich noch, daß die Sonne gesund ist, je mehr Sonne, desto besser – man schmierte die Kinder mit Velveta-Creme ein und ließ sie draußen rumlaufen. Y. mit seinen europäischen Genen und seiner hellen Haut reagierte natürlich mit Bläschen. Wo die platzten, bildeten sich später die braunen Sternchen. Das war in den 60er, 70er Jahren.

Ich erinnere mich, daß bei uns in Deutschland damals Sonnencreme aufkam, die man in die Ferien mitnahm – aber nicht um vor der Sonne zu schützen, sondern um brauner zu werden. (Was bei mir nichts half).

Y.s Vater, mein Schwiegervater, hatte eine noch sonnigere Kindheit. Damals glaubte man noch viel stärker als in den 60er, 70er Jahren an die Kraft der Sonne und frischen Luft. Als drittes Kind des Kibbuz und damit Mitglied der ersten Kindergruppe gehörte er zu den Kindern, die diese geballte Kraft genießen sollten. Sommers wie winters wurden die Bettchen – die eigentlich Tnuva-Kisten waren, also von der Molkerei – an die Luft gestellt. Die Kinder liefen so viel wie möglich pudelnackt herum – oder in kurzen Kittelchen. Sie waren sonnenverbrannt, abgehärtet, immer barfuß. Die Eltern, die selbst körperlich schwer arbeiteten, freuten sich an der Kindergruppe, die ohne Spielsachen, ohne Verwöhnung, ohne mehr als wenige Stunden pro Tag in der Familie, und immer in der frischen Luft aufwuchs.

Mein Schwiegervater hat heute ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu seiner Kindheit. Einerseits ist er stolz darauf, zu einer Pionierfamilie gehört zu haben, stolz auf den unendlichen Fleiß und die Hingabe und den Idealismus seiner Eltern. Er ist stolz auf die unerbittlich hohen Ansprüche, denen er stets unterworfen wurde und die er erfüllt hat. Er ist selbst fleißig, erfolgreich, zuverlässig wie ein Fels und bedürfnislos für sich selbst. Er weiß, daß er das seiner Erziehung verdankt.

Er erinnert sich auch an die liebevolle Betreuerin Shulamit, die heute schon sehr alt ist und die er „einen Engel in Menschengestalt“ nennt(wie er seine Mutter nie nennen würde). Er erinnert sich an seinen ersten Lehrer, der alle Bücher und Lehrmaterialien für die Kinder selbst schrieb und sich keine Pause gönnte – auch er heute uralt, taub, aber hellwach und klar.

Wenn mein Schwiegervater davon erzählt, sehe ich die alten Bilder vor mir – die Truppe Kinder, die statt zu spielen im Schafhaus oder auf dem Feld helfen ging, immer in der Gruppe, immer in Gefahr, den Respekt der Gruppe zu verlieren. Die Gruppe – das war sehr, sehr wichtig. Man mußte gut in der Schule, bei der Arbeit und auf keinen Fall wehleidig sein, um in der Gruppe angesehen zu sein. Die Erwachsenen mischten sich nicht in die Hackordnung der Gruppe, sie glaubten daran, daß die Kinder Konflikte allein abmachen sollten. Ich glaube meinem Schwiegervater, wenn er sagt, daß das manchmal sehr, sehr schwierig war.

Ein paar Jahre nach der Geburt meines Schwiegervaters, der ja das älteste Kind seiner Eltern war und von ihnen mit ideologisch-konsequenter, wohlmeinender Zurückhaltung behandelt wurde (nur kein Freudsches Gestrüpp von Gefühlen!), kam ein kleines Mädchen, eine kleine Schwester zur Welt. Sie hatte einen Herzfehler und starb nach drei Monaten. Das muß ihren ideologisch firmen Eltern das Herz wenn nicht gebrochen, so doch erheblich erweicht haben. Sie haben die Kleine nie vergessen – besonders, weil kurz nach ihrem Tod ein medizinischer Durchbruch solche Probleme heilbar machte und ein anderes Kind des Kibbuz, mit demselben Fehler geboren, überlebte.

Die beiden darauf folgenden Töchter, die wesentlich später als mein Schwiegervater geboren wurden und heute Y.s junge, sehr geliebte Tanten sind, wurden schon nicht mehr mit sozialistisch-korrekter Strenge und Distanz behandelt wie der Älteste, sondern mit liebevoller Sorge umgeben und für Kibbuz-Verhältnisse schon fast verwöhnt. Dem Ältesten, meinem Schwiegervater, nützte das nichts mehr – er war schon in der Rolle des verantwortungsvollen großen Bruders fest etabliert und füllt sie bis heute aus. Ihn hat niemand verwöhnt, weswegen für ihn „verwöhnt“, mefunak, so ziemlich das Schlimmste ist, was man über einen Menschen sagen kann.

Er nannte seine Eltern beim Vornamen, die Schwestern sagten Ima und Aba. Schon in diesen paar Jahren zwischen den Geschwistern änderte sich die Kindheit im Kibbuz ganz deutlich. Doch noch immer war klar, daß die Kinder im Kinderhaus schlafen, daß die Gruppe wichtig ist und die Familie zwar emotional eine Rolle spielte, doch nicht im Alltagsleben.

Wenn sich Kibbuzniks dieser Kinderhaus-Generation treffen, tauschen sie meist den Namen ihres Kibbuz aus und fragen dann nach, „wenn du aus Bet ha Emek bist, dann kennst du vielleicht den Motti?“ „Motti? der war in der Gruppe meiner Schwester“, und so bildet sich ein kompliziertes Netz von Beziehungen. Denn Gruppen-Kinder sind oft genauso wichtig wie biologische Geschwister. So wird mein Schwiegervater den Mädchen aus Y.s Gruppe nie vergessen, wie sie im Krieg um Y. bangten, ihm Päckchen und Briefe schickten, als wäre er ihr Bruder.

Absurde Formen nimmt dieses Gruppen-Bewußtsein schon manchmal an, selbst bei Erwachsenen. Wenn ich von jemandem erzähle, daß er mit Y. seit der Kindheit in einer Gruppe ist, weist er mich schon manchmal zurecht und sagt, „ma pitom, der ist doch erst dazugekommen, als wir schon drei Jahre alt waren“, oder „ach was, die war in der anderen Sechsergruppe im Babyhaus, wir waren erst seit der Kleinkindergartenzeit zusammen“. Das weiß hier jeder, wer mit wem wo und wann in einer Gruppe war.

Als ich hier neu war und zu Y.s Geburtstag die Kumpel aus seiner Gruppe einlud (die damals noch alle hier lebten, das war schön!), beging ich den Fauxpas und lud auch einen etwas jüngeren guten Freund ein, mit dem Y. damals arbeitete. Nachher nahm mich eine aus Y.s Gruppe beiseite und meinte, „wieso hast du den Yoram denn eingeladen? der ist doch aus Sait (hebr. Olive), der gehört doch gar nicht dazu“. Ich so: „hä? Olive? *nix versteh* „… woraufhin sie mir erklärte, daß Y. und sie aus Gruppe Sanddorn sind, Olive zwei Jahre jünger sind und nicht dazugehören. Heute würde sie vermutlich selbst darüber lachen – sie hat einen Siedler geheiratet und lebt in den besetzten Gebieten und findet heute vermutlich Kibbuz und Gruppe Sanddorn gleich entsetzlich….. Aber das war ein Aha-Erlebnis.

Ich hab glaub ich schon erzählt, wie verwundert Y. jedesmal ist, wenn er von Gruppentreffen wiederkommt. Die Mädchen der Gruppe, heute bis auf eine Ausnahme alles selbst Mütter von Großfamilien, erinnern sich an die fiese Metapelet, die ihnen abends Antihistamine gab, damit sie besser schlafen, die ihnen an den Haaren riß, wenn sie gewaschen wurden, und die sehr streng war. Die Jungens erinnern sich dagegen an den Schrecken, den diese fiese Metapelet kriegte, als Shachar, der Unglücksrabe, vom Klettergestell fiel und Gilla schreiend ins Kinderhaus lief: Shachar ist tot! Shachar ist tot!

Die Mädchen erinnern sich an Ängste, Einsamkeit, verborgenen Zorn auf die Eltern, die sich dem Diktat der Kindergärtnerin oder Metapelet fraglos unterwarfen. Die Jungens erinnern sich an Streiche, die sie den Erwachsenen spielten, an die gemeinsamen Shabat-Frühstücke, die ihnen ein jeweils anderer Elternteil im Kinderhaus bereitete, bevor sie dann ins Elternhaus gingen – daran, wie einer der Väter die Kinder in die Luft schmiß und eine Mutter immer phantastische Kuchen mitbrachte. „Yiffis Mutter, die konnte backen! Da waren wir alle neidisch!!“

Ja, und bei den Eltern des besten Freunds gab es eine Schublade, die war bis oben hin voll Schokolade. Y., in einem süßigkeitenfreien Haus aufgewachsen (bis heute kaufen seine Eltern kaum Süßigkeiten, sie mögen sie einfach nicht), war vollkommen fasziniert davon, daß jeder sich aus dieser Schublade bediente und die Schokolade tafelweise verputzte. Die Häuser der anderen Kinder aus der Gruppe waren Erweiterungen des Kinderhauses und des Elternhauses.

Y. erinnert sich nicht an Angst oder Schrecken. Er war ein stiller Junge, der alles sah und wenig sagte, aber er war in der Gruppe immer akzeptiert und hatte Freunde. Seine Eltern, Großeltern und Tanten waren im Kibbuz hochangesehen, hatten immer wichtige Stellen inne und der Status der Familie gab den Kindern Sicherheit. Y.s Eltern liebten ihn, er hatte immer Rückhalt zuhause, auch wenn er nie dort schlief.

Gestern, als mein Schwager hier war, ärgerten die beiden Brüder ihren Vater ein bißchen, wie sie es gern tun. „Weißt du noch“, meinte mein Schwager, „wie Aba immer mit den Ohropax seinen Mittagsschlaf gehalten hat, damit wir ihn nicht stören, wenn wir um vier kamen?“ Mein Schwiegervater meinte, „ja, und Y. war auch immer schön still, aber wie du die Türen geknallt hast!“ „Ja klar, du solltest doch merken, daß du Kinder hast“…

Von vier bis sechs waren Y., seine Schwester und der kleine Bruder bei den Eltern, spielten mit der Mutter (die genial im Spiele-Erfinden war) und wurden dann zurück ins Kinderhaus gebracht. Die Mutter war selbst Metapelet und mußte in ihr Kinderhaus, andere Kinder betreuen.

Der Vater brachte die Kinder eines nach dem anderen in die einzelnen Kinderhäuser, blieb bei ihnen, bis sie im Bett waren, las ihnen Geschichten vor. Er ist sehr stolz auf seine Rolle als Vater und hört es gar nicht gern, wenn seine Söhne das reichlich wenig finden. Wenn er zum Beispiel Erziehungstips gibt und seine Söhne sie nicht annehmen und er sagt, „immerhin habe ich selbst drei Kinder aufgezogen!“, dann gucken die Söhne sich grinsend an und sagen, „ja, aber mit Ohropax war das auch nicht so schwierig!“ Mein Schwiegervater lacht dann nicht mit.

Manchmal erzählt er Geschichten: wie die Mutter eines Kindes und der Vater eines anderen sich ineinander verliebten, ihre Ehepartner verließen und eine neue Familie gründeten (natürlich auch mit vielen Kindern). Oder wie sich ein Vater in die Metapelet verliebte – sowas habe ich auch selbst noch miterlebt. Man lebte eben sehr nah beisammen und Komplikationen gab es immer.

Anfangs, als wir die Kinder hatten, waren Y.s Eltern erstaunt, wie viel Arbeit das ist, und daß uns das so wichtig war. „Zu meiner Zeit hatten alle Leute die Kinder im Kinderhaus, das war eben so“, meinte meine Schwiegermutter. Alle?? Na ja, alle Kibbuzniks eben. Und meine Schwiegereltern kannten auch fast nur Kibbuzniks.

Ein Kibbuznik lernte damals die Welt „bachutz“, draußen, nur selten kennen – vielleicht in der Armee. Die Erziehung im Kibbuz, mit der Betonung der Werte Verantwortung, Selbständigkeit, Teamarbeit, Unterdrückung eigener Wünsche, gab den meisten jungen Kibbuzniks in der Armee einen Vorsprung vor Stadtkindern, und viele wurden Offiziere. Mein Schwiegervater ist das beste Beispiel für einen Mann, der den Kibbuz lang verlassen hat, viele Rechnungen mit dem Kibbuz offen hat, und doch davon überzeugt ist, daß Kibbuzniks allen anderen Spezies überlegen sind.

Kibbuznik zu sein – das ist noch immer ein so bedeutender Teil der Identität, daß sich Kibbuzniks am Telefon nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit dem Namen ihres Kibbuz melden. „Ran aus Kibbuz Dan“, „Juval aus Shoval“ und „Mussa aus Usha“ – zu Anfang hat mich das höchlich amüsiert. Wenn Y. zum Beispiel ein Reisebüro angerufen hat, um einen Flug zu buchen, hat er sich auch so gemeldet, „hier spricht Y. aus Ramat Chaim….“, und ich habe gelacht.

„Ja meinst du denn, der am anderen Ende weiß, wer du bist? wieso sagst du nicht gleich, Y. aus Ramat Chaim, Gruppe Sanddorn…“. Er verstand gar nicht, was daran so witzig ist. Inzwischen… es ist dem Leser gänzlich klar… melde ich mich selbst so. Denn viele Kibbuzim sind bekannt, und wenn man den Namen sagt, hat der andere sofort einen Anknüpfungspunkt.

Autos des Kibbuz haben auch einen Aufkleber mit dem Logo des Kibbuz vorne drauf, so daß sich Kibbuzniks untereinander sofort erkennen. Einmal hielt uns an einer Ampel in Tel Aviv eine alte Dame an, die unser Logo erkannte. „Kommt ihr aus Ramat Chaim?“, fragte sie. Ja. „Also dann könnt ihr mir doch bestimmt sagen, ob bei euch in der Fabrik noch Wäschestärke hergestellt wird. Die war immer so gut. Sonst kriegt man sowas ja in Israel nicht“. Leider mußte Y. sie enttäuschen, nein, die Wäschestärke wird nicht mehr produziert, leider. Die alte Dame war natürlich Yekke, wer würde sonst in Israel Wäsche stärken wollen?

Oder vor ein paar Tagen, als wir mit Tertia Perlen von ihrem Geburtstagsegeld kaufen gingen. Ich hatte einen Gutschein für Steimatzky geschenkt bekommen, die große Buchladen-Kette, und da ich weiß, daß der beste Steimatzky in Em HaDerech auf dem Weg nach Tel Aviv ist, fuhren wir dort hin. Als ich voll beladen zur Kasse ging, fragte die Filialleiterin: seid ihr Kibbuzniks? Es stellte sich heraus, daß es für Kibbuzniks Prozente gibt – vermutlich, weil in unserem Kibbuz eine kleine Steimatzky-Filiale existiert. Aber wie hat sie uns das angesehen? Ja, das sieht man eben, meinte sie. Tatsächlich passiert es mir immer wieder, daß Leute uns die Kibbuzniks ansehen. Kibbuzniks sind schlampig-lässig und tragen wohl unsichtbare die sichere Hülle ihrer geborgenen Existenz mit sich – ist meine Theorie.

Ich glaube , Kibbuzniks werden von anderen Israelis als arrogant wahrgenommen. Das liegt auch daran, daß wir links denken, wählen und uns engagieren – wir werden als naiv, verblendet, gefährlich idealistisch angesehen. Daß Kibbuzniks ihre Hilfe ohne Ansehen der Personen anbieten – daß in Kibbuzim während der Kriege Leute aus Gebieten unter Beschuß aufgenommen worden, nach der Räumung des Gazastreifens Siedler und heutzutage Flüchtlinge aus Darfur – daß Kibbuzniks im Bewußtsein ihrer eigenen Perfektion mit allen anderen gut auskommen… das stört viele, wirkt abgehoben, moralapostelnd.
Da ist auch was dran, an diesem Ruf der „snobbiut“, auch wenn jüngere Kibbuzniks ihr Gottesgnadentum nicht mehr so deutlich spüren oder zeigen. Der Unterschied zwischen der Kindheit meiner Kinder und der Kindheit ihrer Freunde aus der Stadt ist eben nicht mehr so eklatant, und darum vielleicht ist die Absonderung nicht mehr so groß. Ohne Zweifel eine positive Entwicklung.

In der Armee, an den Hochschulen, auch in den oberen Etagen in der Industrie sitzen aber immer noch viel mehr Kibbuzniks, als es unserem Bevölkerungsanteil entspricht. Der Rektor einer Hochschule erzählt als erstes, daß er alle vier Wochen in seinem Kibbuz im Kuhstall arbeitet. Er trägt keine Krawatte, statt dessen sommers wie winters Sandalen. Das wirkt wie eine Form der Arroganz in Shorts und Gesundheitssandalen – wir haben es nicht nötig, uns wie Städter in Schale zu werfen (obwohl auch der israelische Städter das nur sehr bedingt tut).

Im Dining Room laufen alle in Arbeitsklamotten rum, so Blaumännern und Latzhose und den berühmten Klempnerhosen (die so ins Rutschen kommen, wenn sie sich hinknien – Ihr wißt schon…). Alles blue collar. Aber die meisten dieser blue collars haben studiert und sind Ingenieure oder sonstwas. Auch in der Fabrik sieht man wenig Business-Chic, obwohl der neue Manager Hemden eingeführt hat, mit dem Logo der Fabrik. Vorher hat auch Y. immer nur Arbeitsoveralls getragen, in denen er genauso aussah wie die ungelernten Arbeiter.

Ein Teil dieses Selbstbewußtseins der Kibbuzniks liegt in der sonnigen Kindheit begründet, darin, daß die Kinder nach wie vor mit dem Bewußtsein aufwachsen, daß es nichts Besseres gibt als eine Kindheit im Kibbuz. Das stimmt zwar nicht, wenn die Eltern schwachen Status haben und das Kind von der Gruppe ausgestoßen wird – wenn die Familie unglücklich ist oder den Kibbuz gar nicht mag – wenn die ErzieherInnen, der Erziehungsausschuß oder sonst jemand der Familie das Leben schwermacht – alles das macht eine Kindheit alles andere als sonnig, und das Bestehen der Umgebung auf der Überlegenheit ihrer Lebensweise kann das Unglück noch verstärken.

Heutzutage hat die Familie eindeutig die wichtigste Rolle im Leben der Kinder, mit allen Vor- und Nachteilen. Der Gruppendruck ist nicht mehr so stark – meine individualistischen Kinder, Primus und Tertia, ziehen sich lieber zuhause zurück als mit der Gruppe was zu unternehmen. Meine gruppenorientierten Kinder, Secundus und Quarta, haben alle Möglichkeiten, sich pausenlos mit Freunden zu umgeben. Aber die Schutzräume sind gewachsen.

Man stelle sich vor, als Y. aufwuchs, hatte er nur seine Ecke im Kinderhaus mit Bett und Nachttisch, bei der Metapelet zwei Regale für „feine“ und „Arbeits“-Kleidung, bei seinen Eltern vielleicht eine Schublade, und das war´s. In der High School teilte er sich sein Zimmer mit zwei Mädchen, erst als Soldat bekam er ein eigenes Zimmer – aber natürlich in einem Gebäude, das er mit seinen Freunden teilte. Niemand klopfte da an eine Zimmertür, Privatleben gab es eigentlich nicht. Als ich ihn kennenlernte, war er gerade in seine erste „erwachsene“ Wohnung gezogen, ein kleines, idyllisches Häuschen mit Küche, Wohnzimmer, Terrasse, Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Ich habe dieses Häuschen sehr geliebt und es erst verlassen, als wir Secundus erwarteten.

Alles das ging mir durch den Kopf, als ich diese Besprechung eines Films las, den ich sehr gern sehen würde. Er heißt „Kinder der Sonne“, daher mein Titel.

Auch Sweet Mud hab ich verpaßt, was wirklich schade ist. Als Ergänzung zu diesen Erinnerungen und Gedanken aus meinem privaten Kosmos können auch die Bilder bei Flickr dienen. Schade, daß mein alter Blog nicht mehr erreichbar ist, da habe ich ja mal sehr viel über Erziehung im Kibbuz geschrieben. Es ist ein längerer Eintrag geworden als geplant, aber hm, so ist er nun mal. Ich persönlich glaube, die Journalistin hat recht, wenn sie schreibt,

For better or for worse, the kibbutz movement is an inextricable, if not a central, component of Israeli identity. The debates, passion and despair on the screen mirror the changes that Israeli society has undergone during the period the film covers – and is still undergoing.

Und noch etwas habe ich dazu heute gelesen, das dazu paßte… wo war das noch? Richtig, in einer Buchbesprechung.

In Israel, the great majority of the elite that calls itself secular is an Ashkenazi-European elite, and it is in possession of a distinctly Eurocentric thesis. „Secularism“ is really a synonym for the ideology of the liberal left […]

Here it is important to note the fascinating reversal that exists between Europe and Israel. In Europe, Christian religion serves as a cultural barrier protecting the Europeans from the „invasion“ of „Third World“ immigrants; Christianity gives Europe back to the „Europeans,“ and it helps them to formulate their new identity. In Israel, by contrast, it is „secularism“ that performs a similar function, playing a central role in the attempt to imagine Israel as „the Europe of the Middle East,“ which is explicitly contrasted with the Arab world around it, perceived as traditional and fundamentalist, never as secular.

Ganz interessant, führt vielleicht zu weit. Aber die Idee des Kibbuz ist europäisch geprägt und säkular – und die säkulare, also nicht primär am Judentum ausgerichtete Identität heutiger Israelis trägt die Spuren dieser sonnenverbrannten, bekittelten Kinder, die ich hier hier geschildert habe.

Kleine Geschichte, September 23, 2007, 0:24

Posted by Lila in Land und Leute.
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mal wieder typisch Israel. So erzählt von meiner allerliebsten Freundin, nennen wir sie Carmit, die ich im Studium kennengelernt habe und mit der ich mich wunderbar verstehe.

Sie hat einen neuen Job angefangen, an einer Schule. Die Rektorin ist noch recht jung und hat gerade ein Baby bekommen. Das ganze Kollegium ist weiblich. Beim ersten Gespräch zu Beginn des Schuljahrs fragt sie Carmit, „nu, und was ist im Privatleben – verheiratet, Kinder?“ Carmit verneint, sie ist Single. (Sie ist 37) Die Rektorin lacht und meint, „da bist du hier richtig, hier heiraten nämlich alle – wirst schon sehen, du auch“.

Die erste Sitzung des Lehrerkollegiums. Die Rektorin stellt Carmit vor und sagt dann vor versammelter Runde, „übrigens ist Carmit noch Single. Wenn ihr also jemand kennt, der zu ihr passen könnte, nur zu, meldet euch…“

Ich weiß nicht, ob sich diese Szene auch in Deutschland abspielen könnte. Irgendwie bezweifle ich es.

Und nun bin ich mal gespannt, mit was für Männern Carmit in der nächsten Zeit aufschlagen wird.

Anläßlich der Sprechstunde… September 22, 2007, 15:58

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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….bei Frau Lila klärende Worte zu einem brenzligen Thema.

Nächsten Dienstagnachmittag lerne ich einen bisher unbekannten Aspekt des Lebens online kennen – ich bin zu einer Chatrunde eingeladen.

Am Dienstag, 25. September, ist Lila vom Blog „Letters from Rungholt“ von 16.00 bis 17.00 Uhr zu Gast in der Blogsprechstunde, dem Chat von politik-digital.de und den Blogpiloten.

Eine Deutsche in Israel – Lila nennt sie sich im Internet und sie lebt seit vielen Jahren mit Mann und Kindern in einem Kibbuz, einer ländlichen Siedlung mit gemeinsamen Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Seit 2004 berichtet sie über ihre Erfahrungen auf dem Weblog „Letters from Rungholt„.

Wie sieht das tagtägliche Leben in einem Kibbuz aus? Hat Lila manchmal Heimweh nach Deutschland? Und welche Rolle spielt die israelische Politik für ihr Leben? Fragen Sie Lila in der Blogsprechstunde.

Wenn Sie eine Frage stellen möchten, dann klicken Sie auf eines der angezeigten Themen. Sie können auch eigene Themenvorschläge machen, indem Sie auf den Link „Selber Thema vorschlagen“ klicken. Die bereits gestellten Fragen werden in der Liste angezeigt. Geben Sie auch Ihre Stimme ab – die drei beliebtesten Fragen werden gleich am Anfang im Chat veröffentlicht – Weitere Fragen je nach Zeitlimit!

Natürlich ist mir sofort der Ausdruck „Siedlung“ als mißverständlich aufgefallen, und ich habe die Veranstalter gebeten, das zu ändern.

Es stimmt nämlich nicht, wir leben in Israel, aber nicht in einer Siedlung. Auch wenn Ignoranten immer wieder Siedlung und Kibbuz verwechseln und mich als Siedlerin angreifen…… Ich nutze die Zeit, bis dieser Fehler hoffentlich behoben wird, um ein paar grundsätzliche Dinge zum Thema Siedlungen zu sagen. (Dann muß ich das vielleicht am Dienstag nicht mehr!)

Das Wort Siedlung hat ja mehrere Bedeutungen. Es bedeutet neighborhood – meistens eine neu gebaute, in der sich die Häuser oft ähneln. Dafür wäre das hebräische Äquivalent shchuna – auch im Kibbuz benutzen wir dieses Wort. Wir zählen die shchunot nach dem Alef-bet – die ersten Häuser waren shchunat alef, davon steht keines mehr. Die soeben erst bezogenen neuen Häuser am äußersten Rand des Kibbuz heißen shchunat kaf-gimmel, also 23.

Siedlung bedeutet aber auch settlement, und darunter fallen sowohl Neuansiedlungen im Wilden Westen als auch die Wohnorte jüdischer Siedler in den besetzten Gebieten. Dabei vermischen sich die israelische Pionier-Mentalität, die auch Y.s sozialistische, pro-arabische Großeltern hatten, mit anderen politischen Erwägungen.

„Pionier“ heißt hier chalutz, jemand, der wirkliches Neuland bebaut. Für die alten Chalutzim gelten die heutigen Siedler nicht als echte Chalutzim. Kibbuzniks der alten Generation habe ich mit ziemlicher Herablassung über die „Pioniere“ in Westbank und Gazastreifen sprechen hören. „Was leisten die schon? Wo die Infrastrukturen ihnen vom Staat nachgeworfen werden und sie billige arabische Arbeitskräfte nutzen – wo bleibt denn da der Pioniergeist? Wir haben mit unseren eigenen Händen Steine weggeschafft und bis zur Entdeckung von Wasser in den 50ern waren wir bitterarm! Man konnte sich aussuchen, ob man ein Ei oder zwei Oliven zum Abendessen will – beides zusammen gab es nicht“, erzählte mir eine alte Freundin von Y.s Oma. „Das war Chalutziut!“

Aber die Siedler selbst nennen sich nicht Chalutzim, sondern Mitnachlim. Das Wort kommt von der Wurzel n-ch-l, es kommt schon in der Bibel vor als Ausdruck für Familienbesitz, angestammten Besitz (nachalah).

Die Verbform „le-hit-nachel“ ist Hebräischlernern sofort als Hitpael erkenntlich. Das sind Verben, die im Deutschen meist eine Konstruktion mit „sich“ erfordern: li-rchotz: waschen, le-hitrachetz: sich waschen, oder auch le-galgel: rollen, le-hit-galgel: sich rollen.

Lehitnachel heißt also so viel wie „sich im angestammten Besitz niederlassen“ und hat damit eine eindeutige politische Aussage. (Mitnachel ist damit „einer, der sich im angestammten Besitz niederläßt“, und Hitnachlut die „Niederlassung im angestammten Besitz“). Im Englischen und Deutschen gibt es keine einfache Wortwurzel, die so viel Bedeutung mit sich tragen würde. Darum wird aus Mitnachel Settler oder Siedler, aus Hitnachlut Settlement oder Siedlung.

Das Wort Mitnachlim, also die Pluralform von Mitnachel, ist im inner-israelischen politischen Streit mit größerer Spannung aufgeladen als das Wort Kinderkrippe in Deutschland. Es gibt Mitnachlim, die das Wort selbst für sich in Anspruch nehmen und es benutzen, dagegen andere, die meinen, es ist eine Erfindung der „linken Medien“, die ihnen damit viel deutlichere Absichten unterstellen, als sie haben. Gewissermaßen eine Polarisierung. Mitnachlim ist ein Kampfname und vielen „Siedlern“ zu unsachlich. Sie bezeichnen sich dann lieber als Mityashvim.

Mityashvim, ein weiterer Hitpael, kommt von der Wurzel y-sh-v, und das bedeutet sitzen, sich niederlassen (to sit, to settle). Es klingt neutraler, Niederlassung und Niederlasser, und Kenner der israelischen Geschichte wissen, daß die jüdische Ansiedlung im britischen Mandatsgebiet vor der Staatsgründung „der Yishuv“ hieß. Wenn Siedler sich so nennen, möchten sie damit das ganz natürliche ihrer Niederlassung unterstreichen – schließlich lassen sich Leute auf der ganzen Welt irgendwo nieder, oft auch in Gebieten, wo vorher niemand gewohnt hat.

Aus dieser Erklärung wird klar, daß im Gegensatz zum weitverbreiteten Vorurteil die israelische Gesellschaft nicht ein monolithischer Block fanatischer Siedler und Landdiebe ist, sondern eine kleine, aber in viele Gruppen geteilte Gesellschaft, in der sich alle ununterbrochen miteinander auseinandersetzen. Die Siedler selbst, um diese Kurzform zu benutzen, sind ja auch kein einheitlicher Haufen. Sie sind aus den unterschiedlichsten Motiven in die besetzten Gebiete gezogen, fühlen sich den verschiedensten religiösen und weltanschaulichen und politischen Richtungen zugehörig. Die Israelis, die nicht in den besetzten Gebieten leben, haben ebenfalls keine einheitliche Einstellung zu den Siedlungen.

Manche, wie die Kibbuzbewegung und die Linke, waren von Anfang an gegen jede Art der Niederlassung in den besetzten Gebieten, auch wenn es manche Siedler gab, die sich dort niederließen, um mit den arabischen Einwohnern zusammen in friedlicher Symbiose zu leben und ihnen nichts wegnehmen wollten. Sie träumten mehr davon, die Segnungen der israelischen-westlichen Welt in die BG zu tragen – Flüchtlingslager abzuschaffen, die dort noch bestanden (zwecklos, sie bestehen bis heute noch) und Krankenhäuser zu bauen, die Säuglingssterblichkeit zu senken und so weiter. Das war die Idee der „aufgeklärten Besatzung„, der in den ersten Jahren nach dem Krieg und nach den Erklärungen von Khartoum* viele Israelis anhingen. (*Wegen der Khartoumer Beschlüsse schien es unmöglich, auf irgendwelche Verhandlungen zu hoffen, da die Araber sich explizit dagegen aussprachen.)

Im Laufe der Jahre hat sich das aber geändert. Die aufgeklärte Besatzung ist eine Illusion, die BG eine Last. Viele Israelis sehen gar nicht ein, wieso sie Gebiete mit Leib und Leben schützen sollen, die ihnen nichts bedeuten. Viele Israelis stören die Subventionen, die Siedler genießen, denn das Leben ist hier teuer und schwierig. Sie sehen die Siedler als Opportunisten, Hindernisse auf dem Weg zum Frieden, ärgern sich, daß viele religiöse Siedler so arrogant sind und sich als einzig wahre Juden sehen… da vermischt sich vieles. Ich selbst ärgere mich ja auch, wenn Siedler oder Rechte mir was davon erzählen, daß im Rest Israels der reine Hedonismus und Materialismus herrschen und nur sie die Ideale von gegenseitiger Hilfe und Loyalität leben.

Ich gestehe gern zu, daß in vielen kleinen Siedlungen die Menschen füreinander einstehen und sich gegenseitig helfen, aber ich weiß auch, daß die Jugendbewegungen der Kibbuzim und der linken Parteien nicht weniger freiwillige Arbeit leisten, sich nicht weniger idealistisch einsetzen als die Siedlerjugend. Ich sehe doch meine Kinder und ihre Freunde. Ich sehe den Einsatz der Menschen um mich herum, ich kenne so viele Leute, die sich für soziale Projekte aller Art engagieren. Manche Siedler reden, als würden die Israelis außerhalb der Siedlungen ihre Zeit nur mit Drogenkosum, wilden Parties und endlosen Shopping-Orgien verbringen. Kompletter Blödsinn und doch immer wieder als Waffe im inner-israelischen Konflikt eingesetzt.

Die Linken dagegen sehen in jedem Siedler sofort den Ausbeuter und Steinewerfer, der Soldaten als Goyim bespuckt (während die Soldaten seine Siedlung unter Lebensgefahr bewachen) und Araber für Untermenschen hält. Chaim Yavins Film über die Siedler hat diese häßliche Seite gezeigt. Deswegen hat der Streit vor der Räumung des Gazastreifens vor zwei Jahren die Israelis in zwei Lager gespalten, das orange der Siedler und das blaue der Unterstützer der Räumung. Und deswegen bedeutete der Wahlsieg Olmerts als Nachfolger Sharons das eindeutige Votum der Israelis für eine Räumung weiterer Siedlungen in der Westbank. Bekanntlich haben ja die klugen, besonnenen Freunde mit der Qassam-Rakete diese Pläne durchkreuzt – aus ihren ganz eigenen Gründen.

Man kann also wirklich nicht sagen, daß ich mit der Siedlerbewegung sympathisiere. Trotzdem habe ich, wenn ich, wie so oft, von deutschen Lesern die Rundumverdammung der Siedlungen hörte und die stereotypen Sprüche und Forderungen, immer ein paar Punkte zu bedenken gegeben. Denn im Diskurs über die israelischen Siedlungen wird, wie bei fast jedem Thema, das mit Israel zu tun hat, mit andren Maßstäben gemessen als bei anderen Themen.

Überall auf der Welt lassen sich Menschen in Gebieten nieder, die nicht in ihrem Staatsgebiet liegen. Oft sind ökonomische oder lebenspraktische Gründe dafür ausschlaggebend – so kenne ich mehrere Familien aus dem Grenzgebiet zu Belgien, die nach Belgien gezogen sind, wegen der niedrigen Miete und der Kinderbetreuung. (Die Verschwörungstheorie in diesem Fall besagt, daß es wegen der Fritten geschah!) Auch daraus ergeben sich Spannungen, von den deutschen Siedlungen in Mallorca ganz zu schweigen. Unterbinden kann man es aber nicht, daß Menschen sich aus unterschiedlichsten Gründen irgendwo niederlassen, wo die „Eingeborenen“ das Gefühl haben, sie haben nichts zu suchen.

Und es gibt Grenzgebiete, in denen von jeher verschiedene Bevölkerungen miteinander leben, weil sie mal hüben, mal drüben hingehörten. Die nördlichen Gebiete Deutschlands sind so ein Beispiel. Wir haben heute schon vergessen, wie bitter die Feindschaft zwischen Dänen und Deutschen mal war, in den Briefen von Meta Klopstock kommt es manchmal zum Vorschein. In Süddänemark leben Deutsche, in Norddeutschland Dänen. Sie werden nicht umgesiedelt, sie haben ihre Rechte als Minderheit (wie die berühmte Nordschlesische Wählergemeinschaft, für die die 5%-Hürde außer Kraft gesetzt wurde). Ich sage immer, daß der Umgang mit Minderheiten Prüfstein eines Staats ist – wobei der iranische besser abschneidet als der saudi-arabische, so wenig es zu ihrer sonstigen Politik passen mag. Na ja, es ist alles relativ…

Die Forderung nach einer umfassenden Räumung der BG von jeder jüdischen Anwesenheit ist gar nicht selbstverständlich. Es ist Land, auf dem seit biblischen Zeiten Juden gelebt haben – schon der Name Judäa sagt das ja. Es ist das jüdische Kernland. Daß Juden dort gern leben möchten, ist verständlich – die Frage ist nur, ob sie dabei politische Ambitionen haben. So wie die deutschen Rentner und Ferienhäusler auf Mallorca dort nicht die Herrschaft ergreifen wollen, so gibt es auch durchaus die Möglichkeit, daß jüdische Siedler als geschützte Minderheit in einem palästinensischen Staat leben bleiben.

Diese Möglichkeit ist zwar im Moment rein theoretisch, weil sie ohne Schutz der Armee vermutlich noch am selben Tag gelyncht wurden – trotzdem sollte man die Palästinenser durchaus mal fragen, wie sich ihr zukünftiger Staat zu dieser Frage stellt. So wie man sie auch mal fragen sollte, was den eigentlich mit den palästinensischen Christen geschehen soll, die, von der europäischen Christenheit unbeachtet, in Massen abgewandert sind.

(Es hat mich wie nichts anderes verblüfft, daß die katholischen Bischöfe neulich tatsächlich so beschäftigt damit waren, die Israelis zu Nazis zu erklären, daß sie gar nicht dazu kamen, sich mal um das Schicksal ihrer palästinensischen Brüder zu kümmern. Alles eine Frage der Priorität!)

Also, prinzipiell kommt es mir seltsam vor, daß gerade deutsche Linke, die gegen jede Art ethnischer Säuberung und Umsiedlung sind, bei jüdischen Bewohnern der Westbank eine Ausnahmen machen, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen. Natürlich kann man, alle Faktoren bedacht, zum Schluß kommen, daß es die sicherste Art ist, hier eine Art Frieden herzustellen – zu diesem Schluß kamen, wie gesagt, Olmert und seine Wähler. Aber die naive Vorstelllung, die Siedler müßten nur ihre Siedlungen verlassen, damit hier Friede, Freude, Harmonie herrschen die Illusion, daß „die Besatzung“ Wurzel allen Übels im Nahen Osten ist – die ist wohl auch durch täglichen QassamBeschuß aus dem Gazastreifen nicht zu zerstören.

Dabei ist die PLO vor 1967, also vor der Besatzung und vor den ersten Siedlungen, gegründet worden. Das Nein der Araber zum jüdischen Staat hat in den 20er Jahren zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden geführt, es hat die Araber bewogen, den Teilungsplan abzulehnen, es hat sie dazu verführt, nach der Staatsgründung einen Krieg anzuzetteln, und dasselbe Nein ist auch Grundstein der Hamas und der Fatach.

Man mag also zu den Siedlern stehen wie man will – sie als einziges Hindernis auf dem Weg zu einem wunderbaren Frieden anzusehen ist eine bequeme, monokausale, unhistorische Verblendung. Es ist nur dann stimmig, wenn man den gesamten Staat Israel als eine einzige Siedlung ansieht, ihm die Legitmitation abspricht und mit einem „befreiten Palästina“ auch Haifa und unseren Kibbuz meint (wie Hamas das zB tut). Ich weiß, daß es in Deutschland recht viele Leute gibt, die so denken.

Ich wüßte nur mal gern, warum sie nicht ebenso vehement gegen den Staat Jordanien sind. Auch Jordanien ist Produkt des aufgelösten britischen Mandats, auch Jordanien hielt die Westbank besetzt, und auch in Jordanien leben die Palästinenser als Minderheit (nur daß sie dort noch in Flüchtlingslagern leben). Wirklich, von den vielen Israel-Hassern, die hier im Laufe der Jahre schon aufgetaucht sind, hat mir das noch keiner überzeugend darstellen können, wieso nun ausgerechnet Israel ein Sonderfall ist und kein Existenzrecht hat, Jordanien dagegen schon.

Tja, aber es geht eben nicht immer logisch zu…

Hilfe in der Not September 22, 2007, 12:24

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich vermute, diese Geschichte kennen meine deutschen Leser noch nicht.

Nach dem Absturz der Touristenmaschine in Phuket war sofort klar, daß Israelis an Bord waren. In Israel gibt es für solche Fälle Pläne, die sofort umgesetzt werden. Im Nu war ein Team von Ärzten, Zaka-Mitarbeitern (religiöse Juden, die Opfer von Katastrophen bergen und identifizieren), forensischen Medizinern unterwegs, mit Ausrüstung und allem Drum und Dran. Die israelischen Rettungskräfte haben sich ja auch schon bei Auslandseinsätzen bewährt – das große Erdbeben in der Türkei, der Tsunami in Südostasien. Israelische Rettungskräfte gehören zu den ersten am Einsatzort und sind sehr gut organisiert.

Wir haben im Laufe der Jahre genügend Gelegenheit gehabt, an diesen Fähigkeiten zu feilen, und stellen sie gern auch anderen zur Verfügung. So erinnere ich hier öfter an das Erdbeben im Iran, und daß unsere Regierung den Iranern Hilfe angeboten haben – die leider abgelehnt wurde. Diese Hilfe hätte Leben retten können. Ich kann die Borniertheit nicht verstehen, die die eigenen Bürger zum Tode verurteilt, weil nur Hilfe des „Feinds“ sie hätte retten können.

Auch die Regierung von Sri Lanka hat eine israelische Rettungsmannschaft schon zurückgewiesen. Das muß man sich vorstellen: die Israelis bieten Hilfe an, die vielleicht am besten organisierte Rettungstruppe der Welt, aus dem Wunsch und Willen zu helfen, egal wer in Not ist. Die Regierung Sri Lankas dagegen lehnt ab. Auch in Kenia waren Israelis schon im Einsatz.

Nun, nicht alle sind so borniert. In Phuket kamen auch iranische Touristen ums Leben. Ich weiß nicht, wie gut organisiert die iranischen Behörden waren, und wen sie nach Thailand schickten. Jedenfalls unterhielten sich am Unglücksort der iranische Botschafter in Bangkok mit dem Leiter des israelischen Bergungsteams. Die Israelis boten ihre Hilfe an, und der iranische Botschafter nahm sie an. So wurden die iranischen Opfer des Flugzeugabsturzes von israelischen Forensikern identifiziert.

„He told our delegation how they were worried about their missing. I told him we can help him,“ Oved said, referring to an Israeli forensics team that came to Thailand.

Shafiee, the Iranian official, said it was natural for people to work together after a humanitarian disaster. „I think there is no difference between the humans. All of them are humans and every nation can give any help that they can,“ he said.

Das finde ich auch, und darum freut es mich, daß diesmal die iranischen Behörden den israelischen Helfern keine Hindernisse in den Weg gelegt haben. Vielleicht, weil es in Thailand war – auf neutralem Boden. Ob die Iraner uns helfen würden, wenn wir in ähnlicher Notlage wären? Die einzelnen Menschen vermutlich ja. Aber die Regierung? Vor der Revolution der Mullahs war das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ja gut.

(PS: Ich finde gerade eine deutsche AP-Meldung, offensichtlich aus dem Englischen übersetzt, in der die israelisch-iranische Zusammenarbeit erwähnt wird, ohne ausdrücklich zu erwähnen, wer hier wem Hilfe angeboten hat.)

Es ist vielleicht Quatsch, September 18, 2007, 22:28

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aber ich genieße es noch immer, eine professionelle Identität zu haben, und sei sie auch noch so schlicht. Nicht, als ob ich in den Jahren zwischen Kindern und Neuaufnahme meines Studiums gelitten hätte – ich habe gearbeitet und vergnügt. Außer den Kindern und ihrem Piepsen und Pupsen war mir in den Jahren die Welt sowieso eher egal. Es dauerte eben ein bißchen und dauert auch noch an, meine berufliche Entwicklung.

Aber wer ohne Stolpern in einen Beruf geglitten ist, kann vielleicht gar nicht nachvollziehen, wie großen Spaß es macht, aus einer beruflosen Existenz in eine kompetente professionelle Identitä zu krabbeln. Ich hatte in den letzten Tagen einen Semester-Vorbereitungs-Marathon, bei dem ich meine Ideen und Vorstellungen erklären mußte bzw durfte – hat mir großen Spaß gemacht, die Konzepte vorzustellen, die mir so im Kopf herumschwirren. Noch netter, daß sich nicht etwa schallendes Gelächter oder Kopfschütteln im Raum breitmachen, wat will die denn hier?, sondern alle mich total ernstnehmen – ernster, als ich mich selber nehme. Ich habe es ja durchaus gern, wenn ich aufgefordert werde, meine Konzepte zu begründen – dabei lerne ich immer mehr über meine Motive.
Aber irgendwie entwickele ich im Laufe der Jahre dieses wunderbare Gefühl, daß es vielleicht doch ein paar Dinge gibt, bei denen ich mir sicher bin. Im Treibsand der Meinungen, Erfahrungen, Zweifel und verwirrenden Standpunkte gibt es ein paar Aussagen, hinter denen ich bombenfest stehe und weiß warum. Sie haben alle mit meinem Beruf zu tun. Ich habe Argumente, um sie zu vertreten. Ja ich habe inzwischen sogar eine gewisse Eloquenz im Hebräischen erreicht, so daß ich Nachfragen elegant parieren kann – auch mal mit einem Sprichwort oder Wortspiel.

Ich weiß, ich weiß, das sind alles ganz normale Sachen. Aber auch ein Sonnenuntergang ist eine alltägliche Sache, und trotzdem freue ich mich jeden Tag daran. Und ohne diese Jahre, als alle meine Freundinnen ihre berufliche Laufbahnen einschlugen und ich fröhlich im Kibbuz  arbeitete, wo man mich gerade brauchte  – aber auf die Frage, „und was machst du?“ keine konkrete Antwort geben konnte – also ohne diese Jahre könnte ich vermutlich nicht so ein Späßchen haben. In der Richtung bin ich vielleicht Spätblüherin – obwohl mir mehrere Geisteswissenschaftler versichert haben, daß sie auch erst nach 40 kapiert haben, was sie eigentlich treiben. Denn es geht um Einsichten, die nicht durch Lesen von Texten und kognitives Hopplahopp kommen. Sondern sie reifen so langsam heran, schlängeln sich durch schlammige Tiefen, bis sie eines Tages wie Monets Seerosen an der Wasseroberfläche erscheinen…

Ich hatte ein paar unendlich stressige Tage, und habe noch immer nicht die lange, lange Liste abgearbeitet – im Gegenteil, jedes Treffen, jede Besprechung verlängern die Liste. Aber ich hatte gute Tage, habe vielversprechend nette neue Kollegen kennengelernt und werde im nächsten Jahr wirklich interdisziplinär arbeiten. Ist das nicht toll?  Ich liebe meinen Job, wirklich. Ich kann die verrücktesten Sachen machen und keiner quasselt mir rein, solange ich nur mein Publikum unterhalte.  Fast wie beim Bloggen.

Blogger-Frage September 16, 2007, 21:54

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Fiel mir gerade ein, als ich einen Backlink sah – eine Frage an die Blogger unter meinen Lesern („die Gebildeten unter den Verächtern“). Wie seid Ihr eigentlich auf die Blog-Namen gekommen, die Eure Seiten heute zieren? Wie auf die Nicks? An die Schreiberin von „Schreiben-Lesen-Bloggen“ natürlich zuerst gerichtet! (Wie wär es mit Schlafen-Essen-Bloggen?)

Ich habe ja schon oft genug erzählt, wie ich auf Rungholt gekommen bin. Ich wußte ja nicht, wie sich das Dingen auswachsen würde, sonst hätte ich es bestimmt „Letters from“ genannt, sondern einfach nur „Rungholt“. Ich dachte ja auch, wenn deutsche Leser zu fürchterlich sind, schreibe ich eben auf Englisch. Das habe ich ja schnell wieder gelassen.

Ich änder das vielleicht irgendwann mal – hab einfach Angst, das ganze pummelige Blögchen verschwindet, wenn ich das mache. So wie mein erstes Rungholt eigentlich nur noch auf CD existiert und auf das Internet-Genie wartet, der es hier mal reinschleusen kann.

Aber Rungholt ist meine Metapher für das Vergangene, Versunkene, wo man nicht wieder hin kann. Ich habe da Heimatgefühle, in dieser versunkenen Stadt. Erfreulicherweise bedenken mich nette Leser immer wieder mit Links zu Büchern, Websites, Hotels und Booten mit dem schönen Namen Rungholt. Ja, es scheint, der Name Rungholt wird von vielen mit mir assoziiert. Das freut mich sehr. Vielleicht werde ich ja mal Rungholter Ehrenbürgerin?

Und Lila, auch wenn manche Leser schon gerätselt haben, ob es meine Lieblingsfarbe ist oder einen feministisch-latzbehosten Hintergrund hat…, ist einfach einer meiner zahlreichen Spitznamen, die sich aus einem seltsamen Vornamen ergeben haben. Mein Mann nannte mich als erster so, noch bevor wir uns näher kannten, und von ihm haben es viele Leute übernommen. Meine besten Freundinnen in Israel nennen mich sogar Lilush, die Israelis müssen ja jeden Namen verhunzen und ein -ke,  -le, -push oder -lush anhängen.  (Ruvke für Reuven, Rivkele für Rivka, Papirush für Ophir, Lilush für Lila…. gräßlich, gräßlich). Ich habe da auch nicht drüber nachgedacht – sonst hätte ich bestimmt einen etwas weniger kindischen Namen gewählt.

Ich wiederhole meine Aufforderung zum Erzählen lieber nicht – ich habe nach meiner langen Schweigepause so herrlich niedrige Zugriffszahlen, daß gähnende Stille ausbrechen könnte…  und Stöckchenwerfen werde ich nicht initiieren, da steh ich unter Eid.

Neues von den Kindern September 16, 2007, 21:41

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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Kontroverses und Politisches kann ich gerade nicht ab, aber bestimmt brennt die Welt auf Neuigkeiten von meinen genialen Kindern. Ich habe gerade Lust, ein bißchen von ihnen zu erzählen. Wer sie nicht kennt, armes Leben!, kann ja einfach drüberweglesen…

Primus kam heute schweißüberströmt und strahlend wieder, am späten Nachmittag. „Ich vermisse mein navivas„, grinste er. Navivas? Oh. „Na, wie war´s?“ Er mag es gern, wenn ich ihn das frage, denn dann kann er sich aussuchen, was er mir erzählt. Also, wie war´s?

Er war wieder bei „Acharai“. Das ist so eine Art freiwilliger sportlich-kerniger Vorbereitungskurs auf die Armee. Ich weiß, ich weiß, meinen Lesern stehen die Härchen auf den Armen jetzt im rechten Winkel ab, mir auch Leute, aber was soll ich machen, der Kerl wird nächsten Sommer eingezogen und er möchte gern fit sein! Und ich möchte gern, daß er so gut vorbereitet wie nur möglich ist, damit er es leichter hat.

Primus hat seine bewegungsscheue Phase längst hinter sich – das war eine Folge der Brille, die ihn jahrelang hemmte. Y. meinte, das war bei ihm genauso. Jedenfalls ist er schon lange begeisterter Sportler, alle meine Kinder haben in Sport immer eine Eins. Er hat es genossen, so richtig gezwiebelt zu werden, mit Liegestütz und Sprints und weiß der Himmel. Jungens messen sich ja gern aneinander, und er konnte mir genau sagen, wie schnell seine Freunde gerannt sind und wie fit sie sind.

Er ist auch groß und kräftig, auf die 1,90 wird er wohl kommen, hat jetzt die Haare lang und sieht aus wie ein wilder Küstenräuber. Neulich hat er mich gefragt, ob ich was dagegen hätte, wenn er sich einen Ohrring machen läßt. Ich fand die Idee gut, denn mit seinen Hochwasserhosen und langen Haaren fehlt ihm dann nur noch das Tuch um den Kopf und der Dolch zwischen den Zähnen für den perfekten Piratenlook. Er hat gelacht, aber vielleicht macht er es trotzdem.

Wie alle israelischen Eltern bin ich bereit, ihm in diesem letzten Jahr der Kindheit jede Freiheit zuzugestehen. Mitte Juni 2008 ist der Termin. Er überlegt, ob er nicht noch vorher ein Jahr Freiwilligen Sozialdienst einlegt. Das würde zwar bedeuten, daß sich auch das Ende des Militärdiensts nach hinten verschiebt, aber er hätte ein Jahr Übergang – Verantwortung und Selbständigkeit einerseits, aber noch nicht in Uniform. Mal sehen.

Secundus ist nach wie vor verbissen fleißig im Bauernhof, stellt Käse und Joghurt her, die er nicht ißt, und zieht organisches Gemüse, das er nicht ißt. Er verkauft es mit viel Erfolg. Nachts zieht er mit seinen feinen Freunden durch den Kibbuz. Die Jungens machen Quatsch, ich bin mir sicher. Secundus weiß, daß er nur bis elf Ausgang hat und am Wochenende bis eins. Er hält sich auch dran. Also fast immer. Wenn er es nicht schafft, ruft er an. Er weiß, daß ich nicht schlafe, bis ich nicht alle vier Köpfchen auf den Kissen weiß…
Neulich rief Y.s Kollege Ari ihn entnervt an. „Wo sind unsere Söhne?“ Sein Dritter und unser Secundus sind seit dem Babyhaus allerbeste Freunde. Y.s Herz sank schon, „wieso, hast du einen Verdacht?“. Immerhin hat die Gruppe unserer Söhne in den letzten Monaten eine Glastür kaputtgemacht, einen Getränkeautomaten geknackt (noch in derselben Nacht haben sie aber ihren Gruppenleiter angerufen, um es zu bekennen) und im Schwimmbad eine Duschkabine mit Klopapier ausgekleidet (danach hatten sie dort einen Monat lang Putzdienst). Gut, daß Secundus bei keiner dieser Aktionen beteiligt war – eigentlich ein kleines Wunder, aber er war immer gerade woanders. Aber Ari fragt Y. schon mal öfter beim Frühstück düster, „na, habt ihr auch einen Brief vom Erziehungsausschuß gekriegt?“ Öh, also bisher noch nicht…

Als Ari also fragte, wo unsere Söhne sich rumtreiben, klang das eher dräuend. Doch dann meinte Ari, „wenn ich weiß, daß mein Lump von Sohn mit deinem Secundus zusammen ist, dann bin ich beruhigt“. Er meint, Secundus hat einen guten Einfluß auf seinen Sohn! Ich habe diesen Ari noch nie sehr gut leiden können, den Sohn auch nicht sehr, aber dafür hätte ich ihn küssen können. (Hab es aber nicht getan).

Tertia hatte Geburtstag, ich habe das Wochenende kuchenbackenderweise verbracht. Den eigentlichen Termin haben wir in Deutschland gefeiert. Da das Kind neue Ohrlöcher hat, nachdem die ersten ihr vor zwei Jahren wieder zugewachsen waren, bin ich mit meiner Schwester Ohrringe kaufen gegangen. Meine Schwester weiß natürlich, wo man schöne Ohrringe kriegt. Eine fast vergessene Obesession meiner Jugendzeit stieg in mir auf, und vollkommen enthemmt kaufte ich: ein Paar  für Tertia, eins für mich! und wieder eins für Tertia…. war ein schöner Geburtstag.

Tertia und ich leihen uns ja sowieso gegenseitig Ohrringe und neuerdings auch Nagellack und Lipgloss. Ich hab mir die Nägel ewig nicht lackiert, eigentlich nie regelmäßig, aber diese neumodischen Pastelltöne sehen dezent genug aus. Tertia und ich verstehen uns in letzter Zeit richtig gut, es ist schön, eine heranwachsende Frau im Haus zu haben. Mancher vielsagende Blick wird gewechselt… manchmal glaube ich, sie ist die einzige im Haus, die mich sofort versteht. Sie meint dasselbe. Es ist schön, wie sich nun das Mutter-Tochter-Verhältnis langsam und sacht ins Erwachsen-Freundschaftliche wandelt.

Außerdem hat sie ein neues Hobby, sie macht Schmuck. Natürlich hat sie zum Geburtstag mehr Perlchen geschenkt gekriegt, als China Einwohner hat – alle winzigklein. Außerdem Bücher, Draht, Zange, Schließen und alles, was dazugehört. Sie sitzt stundenlang mit meiner Sticklupe und frickelt sehr hübsche kleine Ketten, Halsbänder, Armbänder und Ohrringe zusammen. Im Moment meint sie, sie will Goldschmiedin werden und Schmuck entwerfen und machen. Geschickt genug dafür ist sie, auch geduldig.

Und Quarta, meine Motte? Ihre Ohrlöcher, ebenfalls die zweite Runde, sind schon zugewachsen, sie hat es nicht durchgehalten, die Knöpfe länger drinzubehalten. Trotzdem sammelt sie ebenso eifrig Ohrringe wie Tertia. Sie ist nach wie vor eine kleine Elster, und alles findet seinen Weg in ihre verschiedenen Schatztruhen und -kisten. Ich staune, wie viele kleine, glitzernde, rosa Dinge dieses Kind besitzt. Heutzutage gibt es aber auch SO niedliche Sachen für Mädchen, das hätte ich auch toll gefunden. Sie hat ihr Feriengeld in Deutschland natürlich in Schleichtiere und Prinzessin Lillifee umgesetzt… und sammelt weiterhin schöne Steine, Schäfchen und alles, was damit zu tun hat, Einhörner und Delphine und Schlüsselanhänger und alles was mit Pferden zu tun hat und… alles was ihr gefällt.

Quarta ist das einzige Kind, das meine Neigung zum Trödeln geerbt hat. Ach, wie gut kann ich sie verstehen, wenn sie jede Minute langsam vertändelt, nur um den unangenehmen Anfang des Tags rauszuzögern! Wie muß ich selbst mich morgens dazu zwingen, überhaupt aus den Augen zu gucken. Während ihre Geschwister und ihr Vater den Tag forsch anfangen, träumt sie, mit der Haar- oder Zahnbürste in der Hand.

Dabei ist ihr Schulbus als erster dran. Sie mußte seit Schulbeginn schon zweimal mit ihren großen Geschwistern im Bus der Großen mitfahren und dann über die Brücke in ihre Grundschule laufen. Jedesmal hat sie es knapp geschafft. Wir haben ihr das mit Absicht nicht erspart, denn vielleicht lernt sie ja nun im 3. Schuljahr endlich, daß es eine Bedeutung hat, wenn Mama sagt, „mach voran, der Bus wartet nicht“. Denn auch sie wird ja größer, auch wenn wir es kaum glauben. (Da sie es aber genau auf den Glockenschlag geschafft hat, mußte sie nicht mal die Peinlichkeit des Zuspätkommens erleiden…)

So, ich habe ein paar Tage diesen Eintrag nicht gepostet, aber nun mach ich es doch. Und zwar bevor ich noch anfange, Dönekens von den Katzen zu erzählen…

Sag ich halt mal was dazu… September 16, 2007, 0:09

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
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„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet“ diese Worte soll der Kardinal Meisner gesagt haben. Er kann sich getrost beschweren, daß seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden, denn den Rest der Predigt kenne ich nicht und wenn ich sie irgendwo verlinkt bekäme, fände ich das sehr cool😉

Und da er das Wort „entartet“ verwendet hat, noch dazu in Zusammenhang mit „Kultur“, schäumt, zischt und brodelt es ganz fürchterlich. Der Mann muß doch wissen, daß die Nationalsozialisten immer wieder von „entarteter Kunst“ gesprochen haben, sogar eine Schimpf-und-Schande-Ausstellung in München so genannt haben, daß diese ganze Ideologie vom Gegensatz zwischen völkischer, organisch-gewachsener Kunst und intellektuell-individueller-internationaler Kunst in eine ganz bestimmte, miefige Rumpelkammer der deutschen Geschichte gehört! Den Begriff kann doch ein Bischof nicht so naiv benutzen! Und so weiter.

Ach Gott. Mir scheint, das kann er sehr wohl. Ich habe den Verdacht, nach diesem verquast-vagen Ausspruch Meisners zu urteilen, weiß er gar nicht, wovon er redet. Er weiß, daß das Wort Kultur mit Kultus zu tun hat, denn Latein kann er garantiert besser als ich. Und es gibt in der Tat die Theorie, daß das, was wir heute kulturelles Leben nennen, seinen Ursprung in religiösen Ritualen hat. Künstler-Priester und so weiter. Es stimmt auch, daß wir heute mit einer Andacht in Museen, Aufführungen oder Ausstellungen gehen, die früher religiösen Orten vorbehalten waren – Mircea Eliades „heilige Orte“ sind in säkularisierter Form zu Museen mutiert.

Wer nach Delphi geht, fühlt nicht mehr heiligen Schauer vor der Weisheit der Pythia. Der besondere atmosphärische Zauber des Orts ist auch Touristen erkennbar, die wegen der Baedeker-Punkte kommen und sich an den Säulen ergötzen. Aber es ist kein religiöses Gefühl mehr. Meisnern mag es ärgern, wenn dieselben ästhetischen Touristen ihm durch seinen Dom poltern, ohne Respekt vor Betenden oder Gottesdienst, nur um zu gucken, ob er wirklich Amiens so ähnelt.

In der westlichen Welt ist der Kultus vielen Menschen fremd geworden, weniger Leute gehen regelmäßig in die Kirche oder begehen sämtliche Fastenzeiten oder Heiligen-Feiertage als noch zwei Generationen. Es mag sein, daß das einen Bischof ärgert, und daß er meint, eine Kultur, die sich vom Kultus losgesagt hat, ist nicht mehr viel wert.

Das ist natürlich als Aussage über Kultur banausisch. Es bedeutet nichts anderes, als daß auch Meisner Sokrates den Schierlingsbecher reichen würde, wenn er ihn im Verdacht hätte, Gottlosigkeit zu verbreiten. Na ja, vielleicht nicht den realen Schierlingsbecher, aber den rhetorischen. Meisner gehört damit zu einer langen Reihe Geistlicher aller Traditionen, die kulturelle Praktiken ablehnen, die mit ihrem Glauben nicht vereinbar sind – ob es das Bilderverbot in Islam und Judentum ist oder die tridentinischen Vorschriften zur Darstellung religiöser Inhalte. Die innere Renitenz der Kunst, beispielsweise Max Ernst in seiner Madonna, die den Jesusknaben übers Knie legt, muß einem Kirchenmann gegen den Strich gehen. Ich verstehe das, auch wenn ich es für banausisch halte.

Auch die zweite Aussage, daß Kultus Kultur braucht, ist ja nicht völliger Blödsinn. Denn den Kultus kann man auch als äußere Schale sehen, die übrigbleibt, wenn der innere Gehalt schon nicht mehr da ist. Das heißt, auch wer an nichts mehr glaubt als an seinen neusten elektronischen Gimmick und seine Börsenkurse oder seine Oberweite, wird doch noch kirchlich heiraten wollen. Der Kultus ist gewissermaßen der folkloristische Rest, der beibehalten wird, wenn die Religion eigentlich schon tot ist – auf diese Art und Weise haben sich heidnische Überreste in die christliche Kultur geschmuggelt. Das meint er wohl mit „Ritualismus“.

Kurz, Meisners Aussage lese ich als Klage über den Rückgang der Gläubigen, die in seinen Bankreihen sitzen. Die Kunst, die Kultur – die sind in diesem Zusammenhang gar nicht wichtig, sie sind nur Hintergrund. Er ist ja kein Kunstkritiker, der sich um die Zukunft der Kultur sorgt und mehr Kultus einfordert. Wie das zum Beispiel die Nazarener gemacht haben, die als Künstler gegen die Entleerung der Kunst von religiösen Inhalten protestierten. Wie gut das ihrer Kunst getan hat, ist eine andere Sache.
Es geht Meisnern um den Kultus. Deswegen kam ihm auch das „entartet“ vermutlich einfach so daher. Es ist ja nicht so, als wäre das Wort „entartet“ nun so mausetot wie „Aufnordung“ oder „rassisch wertvoll“. Zwar führt Google bei der Suche nach dem Wort schon an zweiter Stelle Wikipedias Eintrag über Entartete Kunst, aber ich denke, Meisner wird da nicht lange gegoogelt haben. Entartete Zellen, das ist ja noch gebräuchlich. Er wollte ja nicht „pervers“ sagen. Hat er halt“entartet“ gesagt. Das Wort ist vermutlich nicht auf seinem Radar.

Ich weiß nicht, wie viel Meisner über NS-Kunst weiß. Ich würde mal annehmen, wie die meisten Leute, recht wenig. Ich bin mir auch sicher, daß sie ihm auf den ersten Blick gefallen könnte. Viele Leute seiner Generation sind einfach von einem naiven Glauben an Realismus und seine Überlegenheit geprägt und würden lieber eine nette Landschaft aus dem „inneren Exil“ von Otto Dix sehen als seine neusachlichen Anklagen – oder gar seine Erinnerungen an die Schlachtfelder Flanderns.

Aber auf den zweiten Blick würde es ihn vermutlich höchlich stören, daß die NS-Künstler jede religiöse Aussage konsequent zu einer völkischen umgemünzt haben und aus Dürers Madonna auf der Mondsichel eine dralle Mutti gemacht haben, die für das NS-Hilfswerk Mutter und Kind wirbt. Das kann er also nicht ernstlich gemeint haben.

Man sollte einem Kirchenmann schon zugute halten, daß er nicht gemeint hat, wir sollten nun wieder Kultur treiben wie zu Adolfs Zeiten. Also. Er würde vielleicht ungern zwischen Max Ernst und dem unten gezeigten Plakat aus den 40er Jahren wählen, doch ich denke, wir sollten ihm nicht unterstellen, daß er wirklich diese Art von Säkularisierung für wünschenswerter hält als die von Max Ernst.

hilfswerk-mutter-u-kind.jpg

Ich halte die Diskussion ehrlich gesagt für eine typische Ausweich-Diskussion. Kommt, regen wir uns mal ein bißchen auf. Das ist ja viel bequemer als zu sagen, na, da hat er sich im Ausdruck vergriffen, das dürfte einem so wichtigen Mann nicht passieren – und ich bin recht sicher, daß das nicht Meisners Absicht war. Aber differenzieren? mal zuhören? nein, lieber gleich empört sein. Die Kirche ist nicht besser in ihrer Reaktion. Statt zu sagen, na gut, die Wortwahl war daneben, wir sehen es ein, reagiert sie ebenfalls empört. Wie schön, da kann man ja wieder einen wunderbaren, vollkommen bedeutungslosen verbalen Schlagabtausch leisten. Wieso auch zuhören, was der jeweils andere eigentlich meint?

Meisner meint jedenfalls, „Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden“, sagte der Kardinal im Kölner „Domradio“ (Er wird wohl „Kunst und Kultus“ gemeint haben). Ja Jong, dann hätteste dat doch mal so jesacht, dann hätte mer dat auch jleich rischtig verstonge, ne.

Schaf im Schafspelz September 9, 2007, 20:22

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Ich habe im Laufe der letzten Monate so viele Jobs oder Jöbchen angeboten bekommen, daß ich nicht alle annehmen kann. Natürlich ist dabei beileibe kein richtig festes, vollangestelltes, wohldotiertes Arbeitsverhältnis, sowas gibt es für Leute meiner Profession in Israel gar nicht mehr. Es handelt sich um einen Kurs hier, zwei Lehrstunden dort, eine Vortragsreihe in Puse und eine in Muckel. Ich sage natürlich erstmal zu, dann bibbere ich, ob ich das auch wirklich alles machen muß. Mein Lebenslauf sieht inzwischen reichlich gescheckt aus, weil ich manches nur ein Jahr lang mache.

Ich habe ein tolles Angebot angenommen, an einem Weiterbildungszentrum für KindergärtnerInnen. In Israel gibt man ja bekanntlich seinen Nachwuchs „in fremde Hände“, d.h., man glaubt, daß eine kompetente Kindergärtnerin, ein gut ausgestatteter Kindergarten und eine Gruppe in etwa Gleichaltriger für Kinder wichtig sind. Darum verlangt man von zukünftigen KindergärtnerInnen Abitur, ein vierjähriges Studium an einer Pädagogischen Hochschule und einen akademischen Abschluß, B.Ed. genannt – genau wie von Lehrern für alle Altersstufen. Oberstufenlehrer machen vielleicht einen B.A. oder B.Sc. statt B.Ed., kommt auf den Studiengang an.

Genau wie Lehrer haben Kindergärtner ein Anrecht auf ein bezahltes Sabbatical alle sieben Jahre, das sie zu einer vom Staat bezahlten Weiterbildung nützen. Sie können statt Sabbatical auch einen Tag pro Woche zur Fortbildung wählen. Ein abgeschlossener Kurs gibt ihnen Punkte, und je mehr Punkte, desto höher das Einkommen. (Immer noch lächerlich niedrig, unsere Gehälter für Lehrkräfte sind einfach nur ein Witz und liegen unter dem Minimum…. das sei fairerweise dazu gesagt).

Außerdem stehen allen Lehrern und Kindergärtnern Lernzentren mit wohlausgerüsteten Bibliotheken für didaktisches Material zur Verfügung, mit kompetenten Beratern und Werkstätten, in denen man eigene Ideen umsetzen kann. Ich hab da schon öfter von erzählt, denn an der PH, an der ich ein paar gute Jahre lang arbeiten konnte, waren solche Zentren mit Schwerpunkt Mathe (uff), Natur und Biologie, Frühe Kindheit, Englisch und Ivrit.

Dieses Jahr haben diese Zentren, die ebenfalls Fortbildungen anbieten, beschlossen, sich auf mehrere Themen zu konzentrieren: Schulvorbereitung, mathematische Erziehung (uff) und – Kunst. Auf geheimnisvollen Wegen hat mein Name sich durch die Institutionen geschlängelt, und ich bin von zwei solcher Zentren angeworben worden. Ich fühle mich in diesem Grenzgebiet zwischen Kunst und Erziehung sehr wohl (interessanterweise gibt es in Israel kein Studienfach Kunstpägdagogik für weiterführende akademische Grade – ich habe ein komplettes Programm für einen solchen Studiengang in der Schublade, und daß ich ihn nicht längst an der Uni vorgelegt habe, dafür gibt es keine rationale Begründung!). Ich hatte sofort den Kopf voller Ideen. Und so habe ich zugesagt, obwohl einer der Kurse auf einen Wochentag fällt, an dem ich schon eher halbherzig was anderes zugesagt habe.

Bei der anderen Stelle habe ich heute angerufen und gefragt, wie viele Leute sich eingeschrieben haben. Bedauernd meinte die Leiterin, „nur vier Leute“, und ich bemühte mich, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Ich meinte, wenn es bis nächste Woche nicht mindestens 10 oder 12 Leute sind, kann ich den Kurs nicht geben – wie gut, daß ich nun ein viel besseres Angebot habe! Das habe ich natürlich nicht gesagt. Die Leiterin hat sehr viel Verständnis gezeigt, aber ja. Also ich hoffe, das geht gut.

Dann war ich heute in der großen, feinen Stadt, in der einer der Kurse stattfinden soll. Alle waren begeistert von mir, auch die Große Chefin, die mir manche Tür öffnen könnte… und ich bin auch lange genug in Israel, um sofort gemeinsame Bekannte aufweisen zu können. Ah, du bist aus Kibbuz Ramat Chaim, da kennst du doch bestimmt Arale und Berale? Kenn ich, aber wenn du Arale und Berale kennst, dann kennst du bestimmt auch Moshik und Rafik? Kannte sie. Dann zeigte sie mir die Arbeitshefte, mit denen bisher die Kunstkurse für Kindergärtnerinnen abgehalten wurden, und vor meinen professionellen Augen taten sich Abgründe auf.

Nicht nur, daß diese Arbeitshefte von einer mir aus der PH bekannten Frau geschrieben wurden, die mich im Lehrerzimmer anno dazumal als „junge Nichtskönnerin“ abtat (das könnte sie heute nicht mehr, ich bin sichtbar gealtert, weiß aber immer noch nicht viel). Sie enthalten genau DIE Art Arbeitsanweisungen, die ich wie nichts anderes auf dem Kieker habe. Auf dem Titelbild: ein Selbstporträt von van Gogh, düster und pessimistisch. Daneben: eine von einem kleinen Mädchen sorgsam abgemalte Kopie dieses Selbstporträts, darüber in großen Buchstaben ihr Name.

Was soll das, Kinder einfach van Gogh nachmalen zu lassen? Seit wann wird kindliche Kreativität durch Nachmalen befördert? (Kunststudenten, die ihre Technik perfektionieren wollen oder in Stilen experimentieren – das ist was anderes, die müssen Meister kopieren – aber Kinder???) Was versteht ein Kindergartenkind von van Goghs innerer Welt? Ich will doch hoffen, nichts. Außerdem entsteht ein Selbstporträt, wenn jemand sich im Spiegel betrachtet und malt, was er sieht. Wenn ich das platt abmalen lassen, verliere ich gerade den Kick eines Selbstporträts, der ja daraus besteht, daß der Maler sich soeben selbst in die Augen sieht. Daß das kleine Mädchen ihren eigenen Namen groß schreibt, ist das einzige Zeichen einer selbständigen Äußerung an diesem gräßlichen Beispiel komplett fehlgeleiteter Arbeit mit Kunst.

Ein weiteres Beispiel: der Sonnenaufgang von Roy Lichtenstein, bekanntlich „mit Absicht“ in Comicmanier, als Antwort auf die ekstatischen Lichtspiele von Lorrain oder Monet. Also recht sophisticated, auch wenn er das natürlich als Manier ziemlich strapaziert hat, wenn ihr mich fragt. Ein Kind kann den kulturellen Hintergrund für die Entscheidung der Pop-Art-Künstler, die Welt zu Comics gerinnen zu lassen, nicht nachvollziehen. Soll es auch nicht. Aber ein Kind mit Wachsmalstiften dransetzen, daß es diesen Sonnenaufgang nun nachmalt??? Häää??? Wat soll dat denn????

Mit Wachsmalstiften kommen natürlich nur krumme, bunte, farblich vibrierende Sonnenuntergänge raus. (Schöner als der Lichtenstein, wenn ihr mich fragt, aber was weiß ich schon?) Das Kind kann sich dann mit der glatten, künstlichen Perfektion des Originals vergleichen und denken, „blöd, ich kann wirklich nicht malen, ich wußte es doch“. Und da haben wir dann wirklich was erreicht!

Was statt dessen? Künstlerische Betätigung und Kunstbetrachtung TRENNEN. Den Kindern viele interessante Materialien geben. Sie experimentieren lassen: Handabdruck mit Farbe, Handabdruck in Gips, Handabdruck in Sand mit Gips ausgießen – dann alle drei vergleichen. Selbstporträts (aber glücklichere) vergleichen, vielleicht selbst mal in den Spiegel gucken, aber noch keine selbst malen. (Finde ich zu früh dazu, Kindergarten). Die Sterne von van Gogh angucken, sich überlegen, wieso er die wohl so gemalt hat. Kindern dann ein Bild von Hubble zeigen: der Maler wußte mehr als seine Zeitgenossen, und man sollte niemals sagen „das sieht doch gar nicht so aus, das ist aber falsch gemalt“. Falsch gibt es nämlich nicht.

Und so weiter.

Natürlich habe ich kein Wörtchen gesagt sondern nur gemeint, hm hm hm, interessant. Ich werde die Fortbildung mit einer Frau zusammen machen, sie ein Drittel, ich zwei Drittel, die praktische Erfahrung hat, eine erfahrene Kindergärtnerin. Und ich werde still und heimlich dieses fiese, dumme Lehrbuch untergraben. Nicht offen, aber so, daß die Kindergärtnerinnen selbst es nicht mehr zufriedenstellend finden. Jawohl. Ein Schaf im Schafspelz, so werde ich Kunstbetrachtung und Kunst im Kindergarten sanft blökend umstürzen!

Und darauf, ihr Lieben, darauf freue ich mich, und daran arbeite ich gerade. Obwohl es noch mindestens zehn dringlichere Projekte mit SEHR enger Deadline gibt, die mich beißen wollen.

Morgen unterrichte ich. Danach bin ich als festlicher Teil einer Rosh-haShana-Feier für ein therapeutisches Zentrum geladen, mit einem Vortrag, „Kind, Familie, Liebe im Bild“. Am Tag danach bin ich an der Uni, muß einen endlosen Berg Papier bewältigen. Dann ist Fest, Rosh haShana, wir sind eingeladen und haben Gäste. Dann ist wieder eine große Kampfabstimmung im Kibbuz, Privatisierung in kleinen Schritten – ich muß Stunden um Stunden an der Wahlurne sitzen. Und zwischendurch noch tausend kleine Dinge machen… und weniger bloggen.

Ja, ja, ja, September 1, 2007, 23:36

Posted by Lila in Persönliches.
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da bin ich wieder, und ich sehe, daß Rungholt prima ohne mich auskommt. Ich glaube, 113 Kommentare sind noch nie zustande gekommen, wenn ich meinen Senf dazugegeben habe… was kann ich daraus lernen? Niemand ist unersetzlich.

Ich bin, wie jedesmal nach der Rückkehr, einigermaßen matschig im Kopf und weiß nicht genau, wo ich bin, wenn ich aufwache. Als wir vor ein paar Nächten um ein Uhr nachts aus dem Flieger kletterten, überfiel uns die feuchte Hitze wie ein müdes wildes Tier, und Quarta meinte entsetzt, „Mama, ist das immer so heiß in Israel?“ Ja, wir hatten es vergessen, und pellten uns aus Strickjacken und Socken. Der schöne, kühle, grüne Herbst, der in der deutschen Luft hing, hatte mir so gutgetan. Na ja, ich muß mich eben wieder dran gewöhnen, jeden Schritt vor die Tür gut zu timen, nur ja nicht zweimal zur Mülltonne tapern! sonst droht der Hitzschlag! Den Kindern macht der Übergang weniger aus.

Wir waren, was ich gar nicht mag, diesen Sommer nicht alle zusammen. Y. konnte sein neues Wichtig-Sesselchen in der Fabrik nur für eine Woche verlassen, Primus war auf Abschlußfahrt (wie alle israelischen Oberstufenschüler in Polen, sprich Auschwitz – dieses Faß Würmer mach ich heute aber nicht auf, vielleicht nie). Als mich dann noch mein lieber Bruder nach München einlud, konnte ich nicht annehmen: die Vorstellung, daß Y. in Israel, Primus in Polen, die drei jüngeren Kinder im Rheinland sind und ich allein in München, war schlimmer als Höhenangst. Verrückt, aber mein Bruder hat sich auf nächstes Mal vertrösten lassen.

Eine kurze Stippvisite in Berlin bzw Potsdam war aber drin, natürlich nur, um die Franzosen in der Nationalgalerie zu besuchen. Ich war nicht die einzige, die davon angelockt wurde… ein fürchterliches Gedränge. Wäre ich in Ohnmacht gefallen, hätte es keiner gemerkt, die Massen hätten mich einfach weitergeschoben. Oder niedergetrampelt. Also, auch das wunderbarste Kunstwerk verliert, wenn man über Dutzende Schultern spinxen muß, um es zu sehen. Aber ich will nicht meckern, ich habe mich beharrlich nach vorne geschoben und dann doch genossen.

Pissarro

Corot

Allerdings berührt es mich peinlich, wenn ich dann Kolleginnen vor den Bildern dozieren höre, „wie schon die flämischen Madonnen, die gern lesend dargestellt wurden, ist auch hier…“. Wenn ich das höre, verdrücke ich mich schnell. Und dann sage ich zu meinen Begleitern gar nichts mehr, auch nicht auf Anfrage. Oder brumme höchstens mal, „das gefällt mir“, wie ein Laie. Es ist doch schrecklich, wenn man ein Kunstwerk gar nicht mehr unbefangen sehen kann, sondern sofort den Kontext mitgeliefert kriegt. Das will ich meinen Leuten nicht antun. Müßte ich eine Gruppe führen oder einen Vortrag über die Bilder halten, nicha (meinetwegen), aber ich war strikt „prifat“ da…

Es wird eine Weile dauern, bis ich wieder ins Bloggen reinkomme. Ich habe eine riesige Menge Emails, Pflichten, Telefonate, Briefe abzuarbeiten – muß mich auf das nächste Semester vorbereiten, das mit einer wahren Bugwelle von Vorbereitungen näherrollt, und mich durch meine vielen neuen Bücher pflügen, die in Deutschland treu auf mich gewartet haben.

Ich bestelle ja gern per ZVAB ganz vergessene Schätzchen, und da das Porto nach Israel fast teurer ist als das Buch selbst, lasse ich es zu meiner Mutter liefern. Dort sammeln sich dann im Laufe eines halben Jahres Stapel von Büchern. Wenn ich sie auspacke, ist das fast so wie Weihnachten mit einem Christkind, das einem die geheimsten Wünsche aus dem Hinterkopf gefischt hat – denn natürlich erinnere ich mich nicht mehr genau, was ich im Februar bestellt habe. Da mich im Moment Embleme interessieren (auch wenn ich leider kein Plätzchen gefunden habe, das verrückt genug wäre, mich darüber auch unterrichten zu lassen… zu speziell), habe ich reich bebildertes Material, das ich jetzt Bild für Bild, Spruch für Spruch durchsehe.

Eines der Rituale der Heimkehr ist die sorgfältige Inbesitznahme aller Bücher durch Eintragen meines Namens, des Datums und Anbringen eines Aufklebers. Ich verleihe nämlich meine Bücher oft, und da ist ein Aufkleber mit meiner Telefonnummer und Email-Adresse ganz nützlich. Eines Tages wird jemand einen elektronischen Piepser an Bücher kleben, der Alarm gibt, wenn das Buch länger als einen Monat in fremder Hand ist. Oh, da habe ich ja einen genialen Einfall gehabt, Bibliotheken sollten sich darauf stürzen! Aber nein, wo kämen sie denn hin, wenn keiner mehr Bußgelder bezahlen müßte…?

Die Kinder sind traurig, sich von ihrem Paradies bei der deutschen Oma verabschieden zu müssen, aber auch froh, wieder mit Idan und Ilan und Yoad und Yotam um die Häuser ziehen zu können. Morgen fängt die Schule wieder an. Wie alle Eltern bin ich einerseits betrübt, daß die Zeit der morgendlichen „bis-alle-aus-dem-Haus-sind“-Manöver wieder anfängt, aber auch erleichtert, daß wieder eine Art Ordnung und Struktur ins Leben kommt…

Ich habe übrigens während meiner Ferien jede Art von Zeitung und Nachrichtensendung so konsequent ignoriert, daß ich meinen Schwiegervater heute fragen mußte, ob Gilad Shalit noch nicht wieder zuhause ist. Leider nicht. Aber auch wenn – ich hätte es nicht mitgekriegt. Also, mal gucken, wann ich wieder die harten Tatsachen des Nahen Ostens zur Kenntnis nehmen muß – so ist es eigentlich viel schöner.

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