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Heinrich, der Wagen bricht Juni 27, 2013, 15:35

Posted by Lila in Kinder, Persönliches, Uncategorized.
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Gestern saß ich mit einer lieben Freundin auf der Terrasse. Es war gemütlich, wir tranken Wasser mit Minz- und Verbene-Blättern kannenweise, und wir genossen die federleichte Brise. Überraschend ging die Terrassentür auf, und Secundus stand neben uns. Er begrüßte meine Freundin höflich und grinste mich an. „Mama, heute fängt mein Entlassungs-Urlaub an, und in drei Wochen ist meine Armeezeit vorbei,“ sagte er, und ich hatte auf einmal ganz verdammt feuchte Augen. Secundus haßt Gefühlsausbrüche, erst recht vor Zeugen, also sagte ich wie zum Scherz, „na, darf ich bei diesem freudigen Anlaß um eine Umarmung bitten?“, und er legte seine Arme um mich. Ich drückte ihn ganz fest, und er strich mir ganz leicht ein paarmal über den Rücken. Keine Ahnung, ob er gespürt hat, daß die eisernen Bänder um mein Herz sprangen und zerbrachen.

Das Leben ist immer lebensgefährlich, mütterliche Sorgen hören nicht auf, und ich finde ja immer was, womit ich mich verrücktmachen kann. Secundus wird nun von zuhause ausziehen und sein eigenes Leben anfangen, ich werde ihn seltener sehen, und wie bei Primus akzeptieren müssen, daß unser Nest für die Kinder nur der Abflughafen ist. Was ja gut und richtig ist. Meine Erleichterung gilt also nicht einer Illusion, daß ich ihn nun zurück unter meinen Flügel stopfen kann. Nein nein, er ist erwachsen und frei.

Nach wie vor besteht die Armee mit ihren Gefahren, unter anderem auch der Gefahr, Unrecht zu tun oder Macht zu mißbrauchen. Ich habe fünf Jahre damit gelebt, daß mindestens einer meiner Söhne Uniform trägt und andere schützt, statt selbst geschützt zu werden, und für die Zwecke des Lande Gesundheit und Leben einsetzt. Ich habe damit gelebt, daß sie an der vordersten Front eines häßlichen (und in meinen Augen gänzlich überflüssigen) Konflikts stehen, daß sie irrationalem Haß ausgesetzt sind und auch in Gefahr sind, selbst irrationalen Haß zu empfinden. Tertia hat noch ein Jahr vor sich, aber sie dient in einer Position ohne „Feindberührung“ und hat mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber nicht mit Felsbrocken und Molotov-Cocktails, die nach ihr geschleudert werden. Die Jungen werden Reservedienst leisten und falls es, chalila, zu einem Krieg kommen sollte, werden sie natürlich dabeisein. Ich habe keine Illusionen. Aber fünf schwere Jahre, seit Primus 18 war und eingezogen wurde, können wir jetzt abhaken.

Schwierige Momente waren dabei. Wie wir Primus in Bisnam, wo er seine Grundausbildung gemacht hat, nach einem Familienbesuch zurücklassen – wie er mich umarmt und wir beide lächeln und optimistisches Zeug reden, obwohl wir beide wissen, daß er am liebsten mit nach Hause kommen würde, und wie ich ihn dann beim Wegfahren dastehen sehe – wie seine Schulter nach vorne sacken. Dann habe ich bis Beersheva meine Tränen  nicht stoppen können.

Wie letzten November Secundus mich anrief und informierte, daß er sein Telefon abgeben muß, weil sie in den Gazastreifen rein müssen, und ich auf dem Sofa vor dem Telefon campiert habe, bloggenderweise. „Aktion Wolkensäule“ hat mich um Jahre altern lassen.

Auch gute Momente gab es. Die Besuche in der Grundausbildung, Picknick auf dem Eltern-Parkplatz, Begrüßungen und Vorstellungen, „das ist mein Freund Segal,“ und man bietet sich gegenseitig Kuchen an. Die Zeremonie am Ende der Grundausbildung, vor der Klagemauer in Israel, als alle zusammen Ha-tikva sangen. Die Zeremonie am Ende der Sani-Ausbildung, bei beiden Söhnen, die stolzen Gesichter. Autofahrten, wenn die Jungens auf einmal viel erzählten, was sie zuhause nicht erzählen würden. Die Diskussionen mit ihrem Vater, wenn Desillusionierung über die Armee und tieferes Verständnis für moralische Dilemmata sich abwechselten.

Viele gute Erinnerungen haben damit zu tun, daß beide combat medics sind. Wie sie mir beide gleichzeitig Blut abnahmen, aus beiden Ellbogen, ich mit geschlossenen Augen, und mußte hinterher sagen, welcher Pieks weniger geschmerzt hat. (Das war einfach: beide legen einen venösen Zugang butterweich und vollkommen schmerzfrei, und beide können das auch mit einer Hand oder im Dunkeln.) Secundus, als er anerkennend über einen der verletzten Syrer sagte: „das war ein richtiger Kerl, wie der Schmerzen ausgehalten hat – da hatten wir großen Respekt“. Primus nach seinem ersten Einsatz, als er ein schwerverletztes kleines Mädchen nach einem Minen-Unfall behandelte und hinterher in den Medien verfolgte, wie sie sich erholte.

Ich bin froh, daß beide eine Aufgabe gewählt haben, in der sie Leben retten und nicht vernichten. Beide Söhne haben arabische Verletzte ebenso behandelt wie jüdische, und dafür bin ich dankbar. Sie haben viel gelernt, viel mitgemacht und viel erlebt, mir natürlich nur einen Bruchteil davon erzählt.

Nein, weder Secundus noch meine Freundin haben bemerkt, was das für ein Moment war, gestern auf der Terrasse.

יותר מזה אנחנו לא צריכים

Kommentare»

1. Marlies - Juni 27, 2013, 16:09

dein Kommentar bringt mich dazu, vor meinem Rechner ein paar Tränen zu vergiessen.
Ich bete für deine Kinder, die mir im Laufe deines blogs ans Herz gewachsen sind.

2. Stefanie - Juni 27, 2013, 16:26

Liebe Lila,

ich freue mich mit Dir, dass nun auch Dein Zweiter den Militärdienst hinter sich hat und bange weiterhin mit Dir bei jeder Zuspitzung.

Leider, unrealistisch, aber man wünscht es sich so sehr, dass Israel nie wieder seine Kinder in einen Krieg schicken muss.

Genieße weiter die Abende auf Eurer Terrasse und vielleicht sitzen wir ja bald mal wieder beisammen und dann auch auf Eurer Terrasse – obwohl ich, glaube ich, den Balkon mit dem herrlichen Weitblick dann noch schöner fände.

Genieße jetzt erst einmal, dass Dein Sohn wieder in sein rein ziviles Leben kann und wenn alles einigermaßen läuft, erst bei seinem Reservedienst in einem Jahr wieder in die Uniform muss.

Grüße an Alle!

3. Margot - Juni 27, 2013, 17:59

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

– J. W. von Goethe

Liebe Lila,
ich weiß aus Erfahrung, wie wichtig diese „Flügel“ sind, wie schwer es ist, seine Kinder darin – ohne sich seine Sorgen anmerken zu lassen – zu unterstützen, ihr eigenes Leben leben zu lassen. Aber es zahlt sich aus. Denn die „Wurzeln“ werden ewig bleiben.
Margot

4. Marlin - Juni 27, 2013, 19:47

Schon wieder einer der vielen Gründe, warum ich an diesem Blog klebengeblieben bin. Vielen Dank.

5. Jack - Juni 27, 2013, 20:01

Wäre ein schöner Text, wenn Du am Anfang nicht mit dem Wetter angefangen hättest. „Federleichte Brise“ klingt fast wie Kerouacs „blühende Luft die man küssen kann“.
Hier sind 13° und gestern 11° und der Himmel sieht so grau aus wie im November. Schön ist das (so) nicht, was Du da schreibst, wenn man ehrlich ist oder auch nicht.

Aber „Nest“ und „Abflughafen“, echt, da würde ich an Secundus Stelle auch ausziehen. Sonst würd‘ ich ihn hänseln. 🙂

Aber nun wieder zurück zu den Müttern …

… Hey Jack Kerouac
I think of your mother
And the tears she cried
They would cry for none other
And her little boy lost in a little world that hated
And that dared to drag him down
Her little boy courageous

6. Carina - Juni 27, 2013, 23:33

Liebe Lila,
ich war lange die letzten Monate im Krankenhaus und habe gestern sofort in deinen Blog gesehen. Dabei konnte ich leider nur deine letzten Blogs lesen, ich bin noch nicht einmal zu meinem eigenen Blog genommen weil ich so gerne deinen lese.
Du hast echt ein Glück und hast mit deinen Kindern alles richtig gemacht.
Ich lese deinen Blog immer gerne und muß zugeben wenn ich z.B. lese wie ihr alle an einem Tisch sitzt versuche ich mir das immer vorzustellen.
Es ist nicht selbstverständlich das eine Familie noch eine Familie ist. Ich meine euren Zusammenhalt und wie ihr miteinander umgeht. Ich finde es schön daß du uns so an deinem Familienleben teilhaben läßt. Danke für deinen Blog.
Alles liebe Carina

7. Malte S. Sembten - Juni 28, 2013, 14:08

Zwar bin ich keine Mutter, aber ich habe eine. Daher kann ich das nachvollziehen. Dir und den Deinen, Lila, wünsche ich weiterhin alles erdenkbar Gute!

8. lalibertine - Juli 3, 2013, 22:50

Ich weiß nicht ob Primus und Secundus bewusst ist, dass viele Leser hier fünf Jahre lang mitgezittert haben 😉 Gut, dass es ausgestanden ist, zumindest vorerst.

9. Lila - Juli 4, 2013, 2:04

Irgendwo habe ich mal gelesen, daß das menschliche Gehirn erst Mitte 20 kognitiv erwachsen wird und reif, Gefahren zu begreifen und sie auch auf sich selbst zu beziehen. Also kein Zufall, daß die meisten Armeen 18jährige einziehen, die sich für unbesiegbar und unverletzlich halten.

Von sehr vielen Israelis um die 30 höre ich, daß sie ihren Wehrdiest auf einmal anders sehen – mehr so wie ihre Eltern. Meine Söhne schätzen glaube ich überhaupt noch nicht ein, daß man sich evt. zu Recht um sie gesorgt hätte… sie halten das für eine Mama-Marotte.

Aber ich weiß nicht, wie ich diese Zeit ohne zu bloggen durchgehalten hätte. Ich denke auch immer an die Eltern anderer Soldaten, auch die deutscher Soldaten. Die Gefahren sind ja nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, charakterlich und überhaupt. Ein Mensch in Uniform, erstmal egal welche Uniform, verhält sich subtil anders als ein Mensch in Sportklamotten oder Blaumann oder Jeans. Mir war die ganze Zeit über wichtig, daß dieser Unterschied kein Vergessen der eigenen Persönlichkeit oder Identität bedeutet, sondern eine Weiterentwicklung – mehr Verantwortung übernehmen zB.

Also danke an meine über alles geschätzten Leser, die mich in dieser Zeit ausgehalten haben. Ich habe das Gefühl, daß ich Aspekte meines eigenen Lebens und meiner Identität irgendwo abgestellt habe, sie jetzt wieder abholen muß und erstmal gucken muß, wie brauchbar sie noch sind….


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