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עכשיו טוב Dezember 27, 2009, 11:01

Posted by Lila in Uncategorized.
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Jetzt ist es gut, zumindest besser. Wir sind aber noch mittendrin. Es ist sehr schwierig, jahrzehntealte Wurzeln aus dem Boden zu ziehen. Der Kibbuz läßt uns nur unwillig ziehen, wir aber streben eilig davon. Weder Y. noch ich sind imstande, eine Lebenssituation beizubehalten, mit der wir innerlich nicht mehr übereinstimmen. Es ist ein bißchen wie eine Scheidung, nur daß wir uns vom Kibbuz scheiden lassen und nicht, chas-ve-chalila, voneinander. Aber einen Kibbuz verlassen – das ist mehr als ein Umzug.

Y., ich und die Mädchen wohnen schon im neuen Haus. Primus wird seinen Kram in zwei Wochen erst bewegen können (bis dahin hängt er bei der Armee fest, und er will sein Zimmer selbst räumen).  Secundus wird erst nach dem Abi nachkommen (in einem halben Jahr – bis dahin wird er ein Zimmer im Kibbuz bekommen, wie seine Klassenkameraden). Wir sind also, was ich ja gar nicht schätze, geteilt.  Secundus ist hochzufrieden mit seiner Unabhängigkeit, ich weniger. Die alte Wohnung ist noch längst nicht leergeräumt, Secundus´ neues Zimmer noch nicht eingeräumt.

Die Bürokratie, die Unmengen Kram, die Reaktionen der Umgebung – alles schwierig. Wir teilen uns die Arbeit. Y. hat dafür seinen ersten Urlaub seit Ewigkeiten genommen. Meine Güte, die Bücher, die Bücher. Ich weiß wieder, warum ich mir nach dem letzten Umzug geschworen habe, nie wieder umzuziehen… aber zum ersten Mal seit zwanzig Jahren haben wir Platz. Und wenn man sie erstmal geschleppt hat, macht es Spaß, die Bücher wieder einzusortieren. Viele von ihnen haben mich aus dem Rheinland nach Berlin begleitet, dort von Bleibe zu Bleibe, und sind mit mir im Kibbuz ebenfalls mehrmals umgezogen. Sie sehen schon teilweise richtig schäbig aus, aber gerade darum sind sie mir lieb.

Die vielen besonders älteren Leute im Kibbuz, die gar nicht glauben wollen, daß wir gehen – auch schwierig. Ich verabschiede mich ungern, aber da wir ja noch so oft in den Kibbuz kommen werden, brauche ich das auch nicht. Ich möchte mich gern abschiedlos verkrümeln, einfach so verschwinden. Abschiede kann ich nicht leiden, ich hab in meinem Leben einfach zu viele davon gehabt.

Das neue Haus (gemietet, Neubau, äußerst nette Hausbesitzer) fühlt sich noch an wie Urlaub. Wir haben wieder eine spektakuläre Aussicht, diesmal auf Hügel und Wälder und die Bucht und die Lichter von Haifa (in der fernen Ferne). Wir sehen den Gebirgszug des Carmel, den wir vorher von Süden gesehen haben, jetzt von Norden.  Ich sehe vom Wohnzimmer aus die Uni Haifa und dicke Schiffe, die langsam auf die Küste zukommen. Weil die Gegend hier dünn besiedelt ist, hält sich die Lichtverschmutzung in Grenzen. Nachts scheinen die Sterne hell in unsere Fenster.  Sobald wir einen Moment nach Luft schnappen können, setzen wir uns nach draußen, genießen die Stille. Unter unserem Haus führt ein kleiner Fahrradweg nach Mitzpe Hila (wo die Familie Shalit wohnt) und zum Montfort, einer alten Kreuzritterburg.

Der Ärger und Streß, den wir mit bestimmten Dicketuern im Kibbuz hatten, ist unbeschreiblich und für Nicht-Kibbuzniks nicht nachvollziehbar. Unser Mißtrauen der wunderbaren Privatisierung gegenüber hat sich als berechtigt erwiesen, der Kibbuz hat seinen Charakter vollkommen verändert. Das alte Regelwerk gilt nicht mehr, das neue ist unvollkommen, besteht größtenteils aus hohlen Phrasen und wird vollkommen willkürlich ausgelegt. Ich will nicht mehr daran denken. Noch ist der Vertrag mit dem Kibbuz nicht unterschrieben, ich will also nichts beschreien.

Obwohl wir wieder abgeschieden leben, vielleicht noch abgeschiedener als im Kibbuz, ist es nicht weit bis zur nächsten Stadt. Nahariya ist eine wirklich hübsche kleine Stadt. Der Bürgermeister hat bewußt keine gigantischen Malls zugelassen, so daß die Innenstadt lebendig und freundlich ist. Viele kleine Cafes, Restaurants und Geschäfte. Wir haben im Pinguin gegessen, einem 1940 von deutschen Juden gegründeten Restaurant. In Nahariya sehe ich viele deutsche Namen, es ist eine Yeckes-Stadt. Die ganzen Jahre war unsere nächstgrößere Stadt das vollkommen reizlose Yokneam, und wir genießen es, jetzt in der Nähe einer richtig hübschen kleinen Stadt zu leben. So gesehen hat unser Umzug sogar etwas von „Landmaus – Stadtmaus“.

Und wir leben jetzt in einem Moshav, und wir stellen fest, daß die Kibbuz-weiten Vorurteile gegen mufflige Moshavniks unbegründet sind. (Moshavniks und Kibbuzniks beäugen sichnämlich  mit tiefstem Mißtrauen.) Es ist aber kein klassischer landwirtschaftlicher Moshav, sondern ein Moshav Ovdim. Die meisten Moshavniks arbeiten außerhalb vom Moshav und viele haben tzimmerim, also Ferienhäuser für gestreßte Städter, ähnlich wie der Kibbuz.

Wenn ich über meine Schulter gucke, sehe ich das Meer – ich muß meinen Header erneuern, ich muß Bilder machen, wir wollen uns die Gegend hier erwandern und er-radeln. Aber Rungholt bleibt Rungholt – denn wo ich bin, da ist Rungholt.

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