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Sie sind fruchtbar und vermehren sich, Dezember 31, 2006, 23:49

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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sehr viele Menschen in meiner Umgebung. So uncool es auch sein mag, ich kann es nicht verbergen, als eingefleischter Babyjeck finde ich das wunderbar. Ich habe mehr Freude an einem zahnlosen, vertrauensvollen Lächeln, das ich einem Winzling entlocken kann, als an den meisten anderen Dingen im Leben. Und so habe ich mich sehr gefreut, daß zwei meiner jüngeren Freundinnen (deren älteste Kinder so etwa in Quartas Alter sind) nun das vierte erwarten. In Deutschland! Ist das nicht ein schönes Zeichen, daß Menschen genügend Vertrauen in die Zukunft haben, um eine Viererschar großzuziehen? Beide jungen Mütter sind übrigens beruflich erfolgreich, und die Väter sind voll im Einsatz. Und die bereits vorhandenen Kinder haben glückliche Gesichter. Ist das nicht schön?

Die Schattenseiten dieser Fruchtbarkeit allerdings trage ich ja nicht – was mancher mit Grimm vermerkt. So sah mich gestern mein junger Schwager entnervt an, während ich mich gemütlich auf dem Sofa fläzte und meinen Sekt trank. An ihm hingen seine unmündigen Kinder, engelhaft blond und lautstark quengelnd, „will keine Handschuhe! will keine Handschuhe! fieser Abba, weg!!“ … und auf einmal fiel es ihm ein. „Wer war das eigentlich, der uns damals so zu Kindern geraten hat? ja mich geradezu überzeugt hat? Lila, das warst du! Du bist es schuld, ganz allein du!“ Ehrlich: da ist was dran.

Ja ja, seid ihr mal fruchtbar und vermehret euch, Tante Lila läßt sich gern lieb drücken, aber Nasen und Popos muß ich nicht mehr abputzen.  Aber meinen Segen habt ihr.

Nichts beschreien, Dezember 31, 2006, 20:58

Posted by Lila in Land und Leute.
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nur nichts beschreien, so denke ich meistens, wenn ich Gilad Shalits Namen in der Zeitung lese. Seit dem Tag seiner Entführung findet hinter den Kulissen ein fieberhaftes Hin und Her der Verhandlungen statt. Vollmundige Ankündigungen aller Art werden ausgetauscht, der Preis für Shalit ist von vier- auf dreistellige Zahlen gesunken, und voreiliges Krähen der einen (meist der israelischen…) Seite wird mit durchdringendem Psssst!!! von der anderen quittiert.

Vermutlich wird Barghouti bei diesem Deal freikommen. Ich weiß schon, daß ich wieder den Zorn einiger geschätzter LeserInnen auf mich ziehen werde, aber ich habe die stille Hoffnung, daß Barghouti uns überraschen könnte. Barghouti hat nämlich auch mal durchaus mit Israel zusammenarbeiten wollen – vor langer Zeit, und Terrorist ist er auch, aber das ist gerade seine Trumpfkarte. Denn ein Mann, der eindeutig Terror unterstützt hat, hat bei den Palästinensern eine ganz andere Autorität als Abu Mazen, der dort als Weichei gilt. Barghouti hat genug israelisches Blut auf der Weste, so daß er niemandem mehr beweisen muß, was für ein tapferer Krieger er ist.

Außerdem ist Barghouti ein charismatischer Führer, dem sich auch Hamawähler anschließen könnten. Was man von Abu Mazen leider nicht sagen kann – der Mann strahlt den unwiderstehlichen Charme eines Buchhalters aus, was mir persönlich ja gefällt, aber die wogenden Massen wohl weniger in Ekstase versetzt.

Würde Barghouti ein Abkommen mit uns schließen, wäre vermutlich weniger heftiger Widerstand zu erwarten als bei jedem anderen, Hamasnik oder Fatah-Mann. Theoretisch könnte ein Präsident oder Regierungschef namens Marwan Barghouti mit uns ein solides, zukunftsträchtiges Abkommen schließen, ich würde es nicht allzu naiv Frieden nennen, was wir dann hätten – aber eine Ruhezeit, in der beide Völker sich erholen und ihre allzu kühnen Träume begraben (wobei wir einen Vorsprung haben, glaube ich). Wir könnten wirtschaftlich zusammenarbeiten, wie es zu Oslo-Zeiten angestrebt war, und ich sehe geradezu vor meinem inneren Auge vor mir, daß Zippi Livni und Barghouti beide imstande sind, einander ohne Begeisterung, aber mit trockenem Lächeln die Hand zu drücken.

Es ist gut möglich, daß ich diese rosenroten Worte in gar nicht allzu ferner Zukunft samt Hut fressen muß. Es täte mir leid. Wenn Barghouti so intelligent ist, wie behauptet wird, und wenn ihm wirklich was am Wohlergehen seiner Leute liegt, dann wird er seine Freilassung dazu nutzen, Nägel mit Köpfen zu machen. Ach, wäre das schön.

Abgesehen davon, daß Gilad Shalit dann wieder zuhause wäre – was ich seiner Familie sehr wünsche. Lisas Interview zeigt wieder ganz deutlich, was ich „eretz yisrael ha-yafa“ nenne, das schöne Israel – Noam Shalit ist einfach ein Repräsentant des Israels, das ich liebe, ein wirklich bewundernswerter Mensch. Übrigens gibt es nach wie vor den Zirkel israelischer und palästinensischer Eltern, die durch diesen Konflikt Kinder verloren haben und trotzdem an Frieden glauben und sich dafür einsetzen. Egal was die Realpolitiker aller Seiten darüber denken – ich bewundere sie auf einer rein persönlichen Ebene und kann nur hoffen, daß ihr Glaube an die Friedensfähigkeit aller sich bewahrheitet.

(Was Udi Goldwasser und Eldad Regev angeht: ich habe das ganz, ganz finstere Gefühl, daß sie nicht mehr am Leben sind – hatte es von Anfang an. Und es ist gut, wenn diese beiden Deals separat gemacht werden – die Vermischung der beiden Geschichten Tennenbaum und drei Soldatenleichen war von Anfang an nicht sehr glücklich. Es ist mir schrecklich, dieses Gefühl zu haben, und ich hoffe, ich irre mich. Es wäre ja nicht das erste Mal).

Tja, mal gucken. Wenn sich Zippi und Marwan mal auf einem Rasen die Hände schütteln sollten… dann könnt ihr sagen, bei Lila habt ihr´s zuerst gelesen. Wenn nicht – dann vergessen wir das ganz schnell!

Wieder da! Dezember 31, 2006, 7:03

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Vor ein paar Tagen geschrieben:

Gestern nacht (heute früh?) um drei sind wir wieder hier aufgeschlagen, müde vom Fliegen und ausgetrocknet – genialerweise darf man ja kein Wasser mehr mitnehmen, den Terroristen zeigen wir´s aber mal… m.E. rein reaktiv-technokratischen Maßnahme… und die trockene Luft im Flieger ist für mich besonders fies. Hab ganz rote Augen.

Weihnachten war aber schön, die Geschenkmenge war wirklich diesmal aufs Angemessen-Vernünftige reduziert und der Baum traumhaft schön. Von den Plätzchen meiner Tante ganz zu schweigen, in denen alle hemmungslos schwelgten – der allgemeine Favorit ist der sagenhafte Zitronenstern, ich bevorzuge dagegen das trügerisch schlichte Nußplätzchen und mein kleiner Bruder das geradezu schmelzend mürbe Vanillekipferl. Wenn ein neuer Teller auf den Tisch kommt, stürzen sich alle wie Geier auf das jeweils geliebte Plätzchen – und wehe, es gibt kein Spritzgebäck!

Der Alltag ist aber stets willkommen. Ich habe die Ferien krank verbracht, schwerst erkältet, und konnte zu meinem Kummer weder Caravaggio noch die Alten Holländer noch auch Guggenheim besuchen. Wenn je ein miserabel getimter Virus meinen Weg gekreuzt hat, dann dieser Husten-Heiserkeit-Knockout-Virus.

Im Rheinland war es kalt, neblig und windig – in Israel fielen Regen und Blitze, als wir kamen, aber in milder Luft. Die Veilchen blühen und ich habe noch keine Lust zum Bloggen.

Ja, das war am Tag unserer Ankunft. Wenige Stunden später stand ich schon wieder mit dem Laserpointer vor Publikum und erklärte den Unterschied zwischen dorischen, ionischen, korinthischen und äolischen Säulen (ganz klar, äolische sind meine Favoriten), einen Tag später saß ich wieder im Büro und ächzte unter der Email-Last, und zwei Tage später stand ich backenderweise in der Küche, um Secundi 15. Geburtstag gebührend feiern zu können (er hat sich Windbeutel und Plunderteilchen aller Arten gewünscht, die hat er auch gekriegt). Quarta ist traurig und verstört, weil ein Klassenkamerad seinen Vater bei einem Verkehrsunfall verloren hat – eine Tragödie, über die wir viel sprechen.

Nun, all diese Wellen der Aktivität sind nun zu einem leisen Plätschern abgeflacht, ich erobere mir den Alltag wieder und die Lust zum Bloggen kommt vielleicht auch demnächst wieder. Die Atmosphäre hier in Israel jedenfalls ist wie immer. Die Qassams fallen weiter, die schleichende Expansion der Siedlungen geht ebenfalls ungebremst weiter, und die Ideen von Zipi Livni finde ich prinzipiell gut, ich weiß nur nicht, ob und wie sie umsetzbar sind. Saddams Erhängung hat hier keine triumphierenden oder jubelnden Volksmengen auf die Straßen gelockt, ob irgendwo protestiert wurde, weiß ich nicht, nehme es aber nicht an – sonst hätte ich es in den Nachrichten gehört. Ich persönlich finde die Idee, einen Menschen zu hängen, ekelerregend und würde es vorgezogen haben, ihn im Knast sitzen zu sehen, wo er langsam vergessen wird, statt noch einmal eine Bühne zu finden („Palästina ist unser“ soll er gesagt haben….wen meint er mit WIR?). Außerdem wurde hier in den Medien betont, daß noch nicht mal alle Anklagepunkte gegen ihn verhandelt wurden. Komische, eklige Sache.

Ja, aber ich bin wieder da, danke für alle guten Wünsche, und heute abend wird Silvester gefeiert.

Heute mittag Dezember 17, 2006, 8:19

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begeben wir uns auf die Reise nach Deutschland, diesmal leider nur die drei jüngeren Kinder und ich. Ich vermisse Y. und Primus jetzt schon, was mach ich bloß ohne sie? Wenn man es so gewöhnt ist, Teil einer Sechserformation zu sein, kommt einem ein Vierertrupp so klein vor.

Bei meiner Mutter gibt es Probleme mit dem Internet, ich werde es gar nicht erst versuchen. Eine Blogpause ist eigentlich nur gut, denn jedesmal freut man sich, sich wiederzulesen, und bisher ist mein Blog noch nie in so einer Pause von Feindlichen Kräften übernommen worden… außerdem habe ich ja einen treuen Blogwächter, nicht wahr?

Frohe Weihnachten also, vielleicht sehen wir uns ja? Wer weiß.

Ich sehe mit Freuden, Dezember 17, 2006, 1:36

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daß meine Blogroll den Anschluß an die Neuzeit mehr oder weniger gefunden hat. Inzwischen kann ich auch schon eine ganze Reihe Israel-Blogs in deutscher Sprache vermelden, was mich ergötzet. Da trifft man auch immer Freunde… also, ich verlinke jetzt mal ganz hemmungslos. Leider komme ich, außer bei einem harten Kern besonders lieber Blogs, oft gar nicht dazu, öfter als alle zwei, drei Wochen reinzugucken – dann aber gründlich. Ich habe auch beschlossen, keine Blogs mehr aus der Blogroll rauszuwerfen, auch wenn ich lange nicht mehr da war – das habe ich nämlich früher, putzfimmelig wie ich manchmal bin, öfter getan, habe es aber immer bitter bereut.

Sollte ich meine Blogroll nicht thematisch irgendwie unterteilen? Muß ich mir erstmal durch den Kopf gehen lassen. Sooo viel Arbeit! Hab ich Zeit, meine Blogroll zu maniküren?

Ist es aber nicht seltsam, was man für ein persönliches Gefühl für Blogger entwickelt, die man doch gar nicht kennt? Irgendwann schreiben da mal junge Akademiker fette, mit Graphiken ausgestattete Arbeiten drüber.  Danke, liebe verlinkte Blogger. Und ich habe auch noch eine feine, fette Liste in meinem Bookmark-Folder, die heißt „Bloggroll-Kandidaten“, und die fädle ich hier auch der Reihe nach ein. Herrje, das hypertrophiert, aber es gibt eine erstaunliche Menge an interessanten Menschen und Standpunkten und Lebenswelten.

Also denn, man stürze sich ins Getümmel.

Mal was anderes.. Dezember 16, 2006, 21:42

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…äh… im Rahmen der diesjährigen Kampagne „Weihnachten ganz ohne Geschenke“ – lohnt es sich, für die weiblichen Teilnehmer der Kampagne Geschenke bei Lush zu bestellen, oder ist das Gedöns um diese Produkte nur Gedöns? Ich weiß, ich weiß, wieder mal eine Frage für Technikfreaks, Physiker, Autofans und sonstige rauhe Männer…

Wer hat´s gesagt? Dezember 16, 2006, 16:23

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„Gaza is free of occupation, but there are no investors and no prosperity. We dreamed that [Gaza] would prosper and dozens of investors from all over the world came to Gaza. Nothing has come to fruition.

„Israel left, said goodbye, and instead of [Gaza] remaining calm and flourishing, there are those that still prefer to fire rockets.“

War das die bekanntlich erbitterte Araberhasserin Lila, die da ihren Ressentiments freien Lauf läßt, zynisch wie stets und ohne Verständnis für ihre Lage? Aber nein, es war Abu Mazen (Mahmoud Abbas), in einem Teil seiner Rede, der es in die deutschen Medien nicht geschafft hat (zugegeben, ich habe nur fünf gecheckt und bin bereit, Korrekturen entgegenzunehmen!). In deutschen Medien wird lieber erwähnt, wie Israel so hämisch der Hamas-Regierung die Mittel gekappt hat – als hätten andere demokratische Länder nicht dasselbe getan, und als wäre das nicht aus gutem Grund geschehen. Überdies fließen nach wie vor Gelder in den Gazastreifen – doch wofür werden sie ausgegeben?

Derweil kündigte Israels Ministerpräsident Ehud Olmert seine „größtmögliche Unterstützung“ für Hamas in seinem Kampf gegen die Islamisten an. Er sei bereit, „sehr weit zu gehen, um Abbas Bedürfnissen entgegen zu kommen“, sagte Olmert in einem Gestern veröffentlichten Interview mit dem britischen Rundfunksender BBC. Israel werde sich „aus vielen, vielen Gebieten“ zurückziehen, um eine Zweistaatenlösung zu ermöglichen. „Ich werde meine Geduld bis zum Äußersten strapazieren, weil ich nicht den Extremisten in die Hände spielen will.“

Nun, von Olmerts Versprechungen halte ich nicht allzuviel, und ich weiß auch nicht, wie konkret seine Pläne sind – seit dem Krieg bestimmt noch weniger – und neulich erst hat er ja ebenso sonor versprochen, die Räumungen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Doch sollten Olmert und Abu Mazen zu Kooperation finden, würde zumindest hier ein kleiner, deutlicher Seufzer der Erleichterung hörbar.

Nicht, als ob das deutsche Kommentatoren daran hindern würde, Israel weiterhin zu verurteilen, ohne die Raketen auch nur zu erwähnen, die täglich auf uns abgefeuert werden (ja, auch heute!). Für die Dame von der Süddeutschen ist damit die Waffenruhe keineswegs gebrochen.

Der noch frische, stets gefährdete Waffenstillstand zwischen Israelis und Palästinensern wurde […] nicht gebrochen.

 

Vielleicht, weil in ihren Augen nur Israel sie brechen kann, die Palästinenser dagegen Narrenfreiheit haben? Was sind schon so ein paar kleine Raketen oder Terroranschläge? (Laut Schlötzer bauen wir Mauern und Checkpoints, „um das Chaos in Gaza nicht mehr sehen zu müssen“, also aus egoistischer Hartleibigkeit – nicht etwa, um uns vor Terror zu schützen.) Nun, Abu Mazen scheint anders zu denken. Immerhin.  In dieser Weltgegend bedeuten schon kleine Gesten etwas.: ein Palästinsnerpräsident, der gegen Qassam-Raketen ist. Wenn er jetzt noch etwas dagegen unternimmt, sind wir schon einen Schritt weiter.

Stimmungslos, chancenlos Dezember 14, 2006, 19:21

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Ich weiß auch nicht, was dieses Jahr los ist. Sonst (runterscrollen, genauer krieg ich den Link nicht fixiert…)  ziehe ich den Advent immer bombastisch auf und mit allem Drum und Dran… dieses Jahr fehlt mir, zum ersten Mal seit ich Kinder habe, der Schwung. Vielleicht liegt es am frühlingshaften, heiß-trockenen Wetter, das jeder Illusion von Winter Hohn lacht. Vielleicht liegt es auch daran, daß wir dieses Jahr wegen der frühen Chanukka-Ferien schon am 17. losfliegen (am Sonntag!!!! und mein Reisberg ist noch immer nicht abgetragen, bzw es ist schon eine neue Ernte hinzugekommen!!!), und deswegen sowieso bei meiner Mutter das unschlagbar authentische Adventsgefühl noch eine Woche mitbekommen werden.

Vielleicht liegt es daran, daß die gute alte Pyramide sich nicht mehr drehen wollte und ich, aus panisch-impulsiver Brandangt, sie kurzerhand aus dem Verkehr gezogen habe (doch keine Sorge, für eine neue ist schon gesorgt…. und pssst, verratet es den Kindern nicht, ich habe zu meiner übergroßen Freude bei Ebay ein Engelsgeläut aufgetrieben, genau so eins, wie Lieb-Bruder und ich als Kinder geliebt haben!).

Vielleicht liegt es daran,  daß die Kinder nun wirklich groß sind und mehr mitsingen, um Mama eine Freude zu machen – und daß selbst Quarta nicht mehr glaubt, der Nikolaus hinterläßt in seinem textilen Ebenbild die Süßigkeiten. Vor zwei Jahren hauchte sie noch eines Adventmorgens fasziniert, „Mama, guck mal, der Nikolaus hat Lollypapier liegengelassen!“, heute heißt es, „Papa, diese viereckigen Schokoladendinger mag ich nicht so gern, tut die nicht mehr in den Nikolaus“. Hm. Und schon letztes Jahr hat sie nicht mehr geglaubt, daß Maria und Josef nachts heimlich in Richtung Krippe ziehen.

Trotzdem halte ich natürlich die Tradition aufrecht, das wäre ja noch schöner, und alles sieht genauso aus wie vor einem Jahr.  Und als meine Mutter und ich beschlossen, den alljährlichen Schlachtruf „…und diesmal wirklich ohne Geschenke!“ endgültig wahrzumachen… kamen uns Quartas Tränen dazwischen. Wie mit meiner Mutter verabredet, erklärte ich ihr, daß dieses Jahr nichts mit Geschenken ist, schließlich geht es nicht darum. „Waas, das Christkind kommt gar nicht?“ heulte sie los, und meine Erklärungen, daß das Christkind nicht nur zum Geschenkeschleppen erschienen ist, gingen unter. Als ich das meiner Mutter am Telefon erzählte, hatte ich die Generation über mir auch gleich am Hals. „Ja bist du verrückt, das Kind weinen zu lassen? Gib sie mir mal“. Jaja, die Mama wollte Weihnachten abschaffen, aber gut, daß es die Oma gibt, die das Christkind schon mehrmals ums Haus hat fliegen sehen…

Ach, meine Mutter, ach, meine Tochter. Und das Christkind dazu. Ich kapituliere!

Ich kann nicht anders Dezember 13, 2006, 23:35

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Zu diesem Bild fällt mir einfach automatisch dieser politisch korrekte Ausdruck ein, den ich neulich gelernt habe:

a-kiss-is-just-a-kiss.jpg

Multi-Kulti-Schwuchteln.

Ah, zu schön. Wem das Appetit auf mehr gemacht hat, der wird bei Aussie Dave bedient.

(Schmeißt ruhig was nach mir, ich hab mich schon geduckt!)

Schuldienst Dezember 13, 2006, 15:01

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Heute war ich lehrende Mutter in Quartas Klasse. Die Lehrerin, jung und voller Ideen, hatte mich und eine arabische Mutter eingeladen, über Weihnachten und das Opferfest zu sprechen, in den letzten beiden Stunden. Zuerst also erklärten die arabischen Kinder (insgesamt fünf) und die Mutter die Herkunft des Fests, seine Symbole, Sitten, und kulinarischen Höhepunkte. Dann erzählte ich ein bißchen von Advent und Weihnachten, wie es in Deutschland Sitte ist – da die meisten nur amerikanische Weihnachtsfilme kennen, wenn überhaupt, oder irgendwelche News-Items über Motorrad-fahrende Santa Clowns… fanden sie es interessant. Ich hatte unseren Adventskranz und Adventskalender mitgebracht, und eine Auswahl unserer Weihnachtsbücher, die ich auf den Tischen verteilte. So kriegten die Kinder einen ersten Eindruck. Ein Mädchen, deren Mutter Schwedin ist, erzählte, wie sie feiern.

Dann wurde gebastelt: jedes Kind beklebte den unteren Teil einer durchgeschnittenen Mineralwasserflasche mit Buntpapier, Sand rein, Kerze rein, sah ganz prima aus als Kerzenhalter. Zum Schluß zündeten wir die Kerzen an, aßen die Opferfest-Plätzchen, die die andere Mutter mitgebracht hatte, und sangen ein Chanukka-Lied über Licht. Denn der Lichterschmuck ist das gemeinsame Element der drei Feste – außer dem familiären Aspekt natürlich und der allgemeinen Aufregung.

Ich muß doch lachen, wenn ich mir vorstelle, wie verblüfft die Einmal-Touristen, die hier manchmal durchziehen und mir ihre Meinung zum Rassismus in Israel vor die Füße schmeißen, geguckt hätten, wenn sie das gesehen hätten. So stellt man sich dann Israel doch nicht vor. Wie ärgerlich. (Und wie viele arabische Eltern liefen gestern an der High school rum!)

Rauschender Applaus, Lob und Respekt Dezember 13, 2006, 10:35

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für die Zurückhaltung Israels, wo sind sie? Seit dem sogenannten Waffenstillstand sind 20 weitere Raketen gelandet, und täglich versuchen Terroristen irgendwo, ihr blutiges Handwerk auszuüben, und irgendwie machen die Anstrengungen der Palästinenser, ebendiesen Terroristen ebendieses Handwerk zu legen, keinen sehr energischen Eindruck.

Wo sind sie denn nun, die schlauen Leitartikler, die immer so lauthals Zurückhaltung von uns fordern? Fällt ihnen auf, daßwir gerade ihrer Forderung nachkommen? Ach was. Die warten nur drauf, daß wir reagieren. Dann haben sie wieder was zu schreiben. Solange wir nichts tun, sind auch sie still. Und das führt dann irgendwann zu der Illusion vom pausenlos stampfenden Monster im Nahen Osten, dem wutschnaubenden, entfesselten Bullen Israel.

Ah, meine Metaphern geraten vollkommen aus den Fugen. Tut mir leid. Schiebt es auf den Frust der Hausfrau, die nie dafür gelobt wird, wenn es sauber ist und das Essen auf dem Tisch steht – aber sobald was schiefgeht mit der Kritik der Familie leben muß. Oder erwähnt irgendein deutsches Medium die Tatsache, daß eine einseitige Waffenruhe  ihrem Namen nicht gerecht wird – weil es keine richtige Ruhe ist?

Angriff in dreifacher Formation Dezember 13, 2006, 1:22

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Heute also — Elternsprechtag an der High school unserer drei Großen. Innerhalb von zwei Tagen werden sämtliche Eltern durchgeschleust! Wir haben uns einen genauen Plan erstellt, wie wir die Attacke am besten reiten, und haben Primus als Assistent angeheuert. Er hat mir beim Schlangestehen in einem Gebäude geholfen, während Y. im anderen Gebäude die LehrerInnen belagerte. Alle anderen Gebäude, ebenfalls voll mit Lehrkörper aller Arten, haben wir gestrichen. Eine effiziente Truppe konzentriert sich auf die Hauptlinien.

Nach zweieinhalb Stunden konnten wir die Listen vergleichen. Unentschieden: er sechs, wir sechs geschafft. Die Klassenlehrerinnen und Hauptfachlehrerinnen haben wir gesprochen. Als ich neben mir zwei Mütter reden hörte, „und zur Kunstlehrerin gehen wir gar nicht erst, was kann die schon erzählen“, wollte mein Puls schon steigen, als ich mir beschämt eingestand: auch wir lassen Kunst-, Musik- und Sportlehrer an diesem stressigen Tag links liegen. Wieso eigentlich? Ich nehme mir vor, das nächste Mal NUR die sogenannten Nebenfach-Lehrer zu beglücken.  Da ist nicht so viel los, denke ich mir mal.

Die Ausbeute? Wir haben, oh danke!, drei sehr nette Große. Primus und seine Geschichtslehrerin (die ich ebenfalls sehr schätze) haben sich richtig gern, und er ist auch gut in Mathe und Geschichte. Hausaufgaben? Fehlanzeige, verbale Brillanz hilft ihm durch. Ja nein, wo hab ich das bloß schon mal gehört…? Secundus ist zwischen seinem schulischen Ehrgeiz und dem Bedürfnis, bei seinen Kumpeln beliebt zu sein, hin- und hergerissen. Wie kann man ihm helfen, beliebt zu bleiben, ohne daß seine Leistungen leiden? Und Tertia ist die Fleißigste von allen, macht stets ihre Hausaufgaben (hört nur gut zu, ihr Söhne!), kichert nur manchmal mit ihren Freundinnen.

Der Schulleiter ist ein netter Kerl, er unterrichtet unsere Kinder und kennt Y. noch von früher, aus der Schulzeit. Überhaupt, wer kennt ihn nicht? Überall klingt sein Name, sobald er erscheint. Die Lehrer erinnern sich noch an ihn, entweder als Schüler oder als Mitschüler. Die Sekretärin hat mit meinem Schwiegervater in einer Klasse gelernt. Für Y. ist die Schule, in der er ja auch gewohnt hat, heimischer Boden. Ich dagegen bin ziemlich überfordert mit der komplexen Struktur der Gebäude und der Organisation. Was ist noch mal der Unterschied zwischen Chonchut (Erziehung) und Chinuch chevrati (Sozialerziehung)? Wieso wird Geschichte im Lernzentrum Eretz Israel unterrichtet? Was bedeutet „drei Einheiten Mathe im Abitur“?

Doch wenn wir erstmal mit den Lehrern zusammensitzen, kommt meine Stunde. Pädaogenjargon habe ich naturgemäß besser drauf und dementsprechend ergiebig sind die Gespräche. Y. stöhnte auf der Rückfahrt, „das ist der Unterschied zwischen Müttern und Vätern! Die Väter kommen rein, na, wie macht sich der Junge, irgendwelche Probleme, danke, tschö. Die Mütter quasseln erstmal mit der Lehrerin über die seelischen Zustände ihres Sprößlings, entdecken dann, daß sie gemeinsame Freunde haben, tauschen die Adresse vom Frisör aus… und vergessen, nach den Noten zu fragen!“ Der arme Mann, er hat immer hinter Müttern in der Schlange gestanden, ich dagegen hinter Vätern. Die Zeit aber, die ich dadurch gewonnen habe, habe ich durch intensiven Austausch mit den LehrerInnen wieder verloren. So kam es zum Gleichstand.

Übrigens fällt mir bei solchen Gelegenheiten wieder auf, wie mutter sich im Lauf der Jahre verändert. Als Primus im Kleinkindergarten war, habe ich jedem Gespräch mit seiner Erzieherin mit respektvollem Bangen entgegengesehen. Lobte sie ihn, so hatte ich die Prüfung bestanden. Gab es Probleme, glaubte ich ernstlich, die pädagogisch ausgebildete Frau könnte sie viel besser in den Griff bekommen als ich pfuschende Mutter. Auf Ratschläge hörte ich, und ich hatte das Gefühl, diese ganze Elternschaft und Erziehung ist ein schwieriges Geschäft. Man kann ja so viel verkehrt machen!

Heute bin ich selbst Pädagogin und lasse mich nicht mehr so leicht beeindrucken, was für meinen Seelenfrieden nicht immer gut ist. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Lehrer, aber ich erwarte keine Wunderlösungen von ihnen. Ja, die junge Lehrerin an der Grundschule, die in Quartas zweitem Schuljahr ihre Feuertaufe absolviert, sieht mich als absolute Respektsperson an – sie hat bei mir studiert.  Aber da ich ja nun weiß, daß auch Pädagogen nur mit Wasser kochen, lasse ich mich von mir selbst nicht mehr als von anderen beeindrucken.  Was weiß ich schon?

Machen keine Hausaufgaben, die Blagen. Wäre Karma nicht humorlos, würde es kichern.

Erlauscht Dezember 12, 2006, 4:15

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Manchmal sitze ich einfach nur da, vor einem Kaffee und mit dem Buch in der Hand, eigentlich auf dem Sprung – aber kann mich nicht losreißen von einem Gesprächsfetzen, den ich höre. Gestern: Studentin und Student unterhalten sich.

Sie: Übrigens hab ich gestern einen von deinen Soldaten kennengelernt

Er: Ach ja? Aus der regulären Dienstzeit oder vom Miluim?

Sie: Keine Ahnung. Ich stand in der Schlange vor der Studenten-Union, und er hörte, daß ich bei XX Diplom mache, und da fragte er mich nach dir.

Er: Verfahrenstechniker? Klein, schwarzes Haar?

Sie: Genau. Verfahrenstechnik.

Er: Klar kenn ich den. Ein netter Kerl. Ist der Sanitäter meiner Einheit. Achla gever. Kann ich mich voll drauf verlassen. Und ich mache dieses Semester eine Übung bei ihm, in Verfahrenstechnik.

Sie: Wie? Da haben sich im zivilen Leben die Hierarchien umgekehrt?

Er, achselzuckend: So ist das eben.

Nichts besonderes, so ein Gespräch, nur ein kleines Stückchen Leben. Die Armee ist überall, in der Armee gilt die eine Hierarchie, im zivilen Leben („ezrachut“) andere, und man wechselt so hin und her. Der Commander wird zum Studenten, der Sanitäter zum Lehrer. Da die Hierarchien überall flach sind, geht das ganz lässig. Trotzdem würde ich gern mal zwei Szenen filmen und die Körpersprache vergleichen: die beiden Männer in der Armee und an der Uni. Wäre interessant.

Allles ist besser, als über Nachrichten zu schreiben. Daß Olmert ein Laberfritze ist, habe ich ja schon länger geseufzt (auf Ivrit nennt man das „ratz lesapper la-chevre“, „rennt los und erzählt es allen seinen Kumpeln“). Na ja, daß es in der „politischen Sphäre Israels“ stürmt, hagelt und schneit, kommt viel häufiger vor als echter Sturm, Hagel und Schnee. Mir wäre umgekehrt natürlich viel lieber.

Daß einem Mann drei Kinder ermordet werden, ist zu entsetzlich, ich mußte aufstehen und weggehen, kann solche Nachrichten nicht mehr ertragen, egal wer der Täter, egal wer das Opfer ist. Mit hunderten von Kugeln durchsiebt. Racheakt am Vater. Nicht darüber nachdenken. Doch die Erinnerung an Tali Hatuel kommt wieder. Wer sie ermordet hat, hat auch keine Skrupel, arabische Kinder zu erschießen. Diese Mörder schrecken vor absolut nichts zurück, wenn ihnen jemand nicht paßt. Sie sind eine Geißel für ihr Volk und für ihre Nachbarn – es sind keine „normalen“ Feinde, mit denen man irgendwie klarkommen kann. Die Mörder von heute sind mit der palästinensischen Regierung affiliert.

Und die Holocaust-Konferenz in Berlin? Mich interessiert das Thema, und sie ist wohl hochkarätig besetzt – es ist auch wichtig, daß sie deutliche Worte zu den Tatsachen fand. Aber wie viele Leute, die latent antisemitisch eingestellt sind, lassen sich von akademischen Konferenzen beeindrucken? Nun, das ist kein Grund, KEINE Konferenz abzuhalten, eher einer, ihre Wirkung nüchtern zu beurteilen. Daß Antisemitismus überhaupt noch ein Thema, außer für Historiker, ist! Traurig. Und daß Haniya gerade heute in Teheran ist, paßt auch ins Bild.

Questions of meaning Dezember 9, 2006, 22:02

Posted by Lila in Kunst.
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heißt das Buch, das ich gerade lese. Wer sich mit dem 17. Jahrhundert beschäftigt, ja überhaupt mit Kunst der Vormoderne oder Frühmoderne, der kommt nicht drumherum, sich grundsätzlich die Frage zu stellen: wie halt ich´s mit den Symbolen? Seit Panofsky sieht man im Kunsthistoriker jemanden, der sich vor ein Bild stellt und sagt: die Kerze bedeutet Gott, das Brot verweist auf das Meßopfer, der Apfel auf den Sündenfall, der Hund bedeutet Treue, die Pappel den Übergang ins Reich des Todes… bis vom Bild selbst nichts mehr übrig ist als ein Haufen unzusammenhängender Dinge, die alle auf irgendetwas verweisen, aber keiner weiß mehr, worauf. (Oh ja, solche Interpretationen gibt es.)

Damit konkurriert nur das noch elendere Zerrbild des Kunsthistorikers seit Freud: jemand, der sich vor ein Bild stellt und sämtliche sichtbaren Gegenstände als Geschlechtsteile, Phantasien oder Komplexe interpretiert… womit man dann kein Stilleben mehr ohne Erröten betrachten kann. In jedem Fall kommen Interpretationen dabei raus, wo man sich vorstellen kann, wie sich der Künstler beim Zuhören baß erstaunt, amüsiert oder aber geärgert hätte. Und die Laien lachen sich kauptt und sagen: was ist denn das fürn Beruf?

Natürlich ist das nicht der Sinn der Sache, und Panofsky hat das auch nicht so gemeint. Aber jedesmal, wenn ich van Eycks Arnolfini-Porträt zeige, weiß irgendein Schlaufuchs, der Kunstgeschichte als Abifach hatte, daß die einzelne Kerze im Kronleuchter auf die Gegenwart Gottes verweist. Woher er das weiß? Ja, das hat er gelernt. Und wie kann er das belegen? (Ich frage aber nicht fies nach, sondern sehr nett, ehrlich!) Daß es irgendwo geschrieben steht, bedeutet gar nichts. Panofsky hatte Gründe für diese Interpretation, und die muß man erstmal nachvollziehen, um die Interpretation zu übernehmen. Oder eben nicht.

Ich habe ja neulich von den Emblembüchern erzählt, die ja alltägliche Gegenstände in einen symbolischen Zusammenhang verweisen, verbal und bildlich. Läusekamm und Besen werden dort als Waffen im Kampf gegen Unsauberkeit, im übertragenen Sinne gegen den Schmutz der Sünde gepriesen. Und so weiter. Es ist also nicht vollkommen abwegig, beim Betrachten eines Bilds aus dem 17. Jahrhundert, ob Niederlande oder Italien, auch diese symbolischen Konventionen im Kopf zu behalten. (Ja, manche von ihnen kennen wir ja selbst noch: stand nicht im Poesiealbum „Sei wie das Veilchen im Moose…“ – so daß wir sofort den Unterschied wahrnehmen, den ein Veilchen oder aber eine Rose in der Hand eines gemalten Mädchens bedeuten. Und daß ein Schädel auf einem Bild etwas bedeutet, hat wohl selten jemand bezweifelt…)

Doch wie weit geht man damit? De Jongh stellt sich die Frage immer wieder und beantwortet sie nach bestem Wissen und Gewissen. Seine Aufsätze, die ich schon länger kenne (und die ich mir in Buchform im Rijksmuseum gekauft habe, passenderweise!), sind gute Beispiele für eine Interpretation, die den symbolischen Bezug sucht, aber nicht zwanghaft. De Jongh kennt vermutlich jedes Emblembuch, jeden moralischen Kupferstich oder Holzschnitt, jeden in Bildform verbreiteten Sinnspruch, die damals in Umlauf waren – und kann so die Wandlungen eines Motivs verfolgen, das sich aus dem emblematischen Zusammenhang löst, selbstständig wird und dann in Stilleben oder Genrebildern auftaucht.

Sein Aufsatz über den Besen zum Beispiel – das klingt auf den ersten Blick wie ein lächerlich übertriebenes Suchen nach Bedeutung, und in der Tat hat Schama in den unendlich vielen Besen auf holländischen Interieurs nichts weiter gesehen als ein Symptom des Reinlichkeitszwangs der calvinistischen Bürgersleute. (Ich lese Schamas sämtliche Bücher sehr, sehr gern – ich glaube, sämtliche Bestseller über das 17. Jahrhundert haben sich ausgiebig bei ihm bedient!)

De Jongh macht es sich nicht so einfach, er treibt Bibelzitate mit der Besen-Metapher auf, religiöse Drucke, moralische Ermahnungen, beeindruckend viel Material. Der Besen, der das Herz säubert, ist in den meisten Fällen der Glaube. Doch wenn ich noch so viele Bilder vom Besen, der das Herz von Kröten und Schlangen reinigt, gesehen habe – heißt das dann, daß auch die Besen, die bei Vermeer, Hoogstraten, Elinga herumstehen oder -fegen, eine geistliche Bedeutung haben? (WebMuseum hat eine andere Interpretation für den Besen – ohne de Jongh damit zu widersprechen, denn der zur Seite gelegte Besen erfüllt ja seine Funktion nicht.) De Jongh treibt also so viele symbolisch-moralische Besen und kehrende Mägde auf, daß man ab sofort selbst den eigenen Besen mit anderen Augen sieht und sich beim Treppefegen sogleich tugendhaft vorkommt.

Jan Baptist Bedaux, dessen Arbeit ich bewundere, steht auf der anderen Seite und ist eher skeptisch. Für ihn sind die von de Jongh (oder auch Panofsky) zusammengetragenen Symbol-Vorfahren nicht relevant, wenn sich der Zusammenhang nicht aus dem Bild selbst ergibt. Hinter den mehrfachen Gegenseitig-Zitaten verbirgt sich eine akademische Auseinandersetzung, die mir nicht gleichgültig sein kann, auch wenn ich nicht aktiv in sie eingreife. Selbst wenn ich in der abgelegensten Ecke der Welt schreibe oder unterrichte, muß ich doch Verantwortung übernehmen für jede Interpretation, die ich wage. Ich persönlich neige eher dazu, symbolische Vorläufer oder Vorbilder mit einer Prise Salz zu genießen und meine Interpretation nicht daran aufzuhängen. So sehr ich die Emblembücher genieße und mit ihrer Hilfe versuche, das visuelle Bewußtsein des 17. Jahrhunderts zu entschlüsseln – so vorsichtig bin ich selbst bei Auslegungen. Aber das ist meine persönliche, nach Jahren der Arbeit noch immer eher zage Haltung. Es verdirbt mir nicht die Freude an de Jonghs bienenfleißig gesammelten Belege für die Bedeutung von Sphäre und Würfel, Frau Welt oder den Vogelsteller.

Mich persönlich interessieren formale Aspekte (ohne eine solide Formalanalyse kann man bei mir nicht landen, und ich habe schon manches hochgestochene theoretische Buch entnervt in die Ecke gefeuert, weil mir schien, die Autoren ließen sich bei ihrer schweifenden Theoriebildung vom Kunstwerk, über das sie doch was sagen wollten, nur marginal stören….), mich interessieren Licht und Schatten, Komposition, Format, Sichtachsen, Farben, all diese Dinge.

Dann interessiert mich sehr die Arbeitsweise des Künstlers, egal in welchem Medium – womit arbeitet er oder sie, und wie? Das alles ergibt sich einfach aus der Betrachtung des Bilds selbst. Aber irgendwann kommt dann die Stunde der Wahrheit – wie interpretiere ich nun inhaltlich? Ist ein Blumenstilleben nur ein sorgfältig arrangiertes Spiel von Formen und Farben, ist es ein Dokument der Tulipomania und der Zuchtgeschichte der einzelnen Blumen, ist es ein Zusammenklang der Blumensprachen-Bedeutung einer jeden einzelnen Blume, ist es ein einfacher Ausweg für weniger gute Maler oder schlecht ausgebildete Malerinnen, oder ist es ein Memento mori? Weil doch Blumen so schnell verwelken, und sie so oft mit eindeutigen Memento-mori-Motiven (Sanduhren, Totenschädeln) zusammen auftauchen? Kann ich die Informationen aus dem einen Medium ins andere übertragen?

Es bleibt einem nicht erspart, bei jedem einzelnen Bild oder anderen Kunstwerk die ganze Werkzeugkiste noch mal aufzumachen und sich an die Arbeit zu begeben. Aber das ist ja gerade der Spaß an der Sache.

Nach der Wahl Dezember 8, 2006, 17:14

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Puh, das war schwierig. Ich wußte es gleich. Der Vorsitzende des Wahlausschusses, der sonst nur die Wahlurne bringt, uns die Wahlzettel gibt und die Listen mit den Namen der Chaverim zum Ausstreichen, lief diesmal hektisch im ganzen Dining room rum, gab uns dann strikte Anweisungen: „vor dem Wahltisch wird nicht diskutiert und niemand darf beeinflußt werden! Wenn irgendjemand sich hier aufstellt und versucht, Chaverim zu beeinflussen, das ist verboten!“ Meine Kollegin und ich konnten uns nur grinsend angucken. Wir hatten uns schließlich durch diskutierende Grüppchen von Chaverim in den Dining room reingeschoben. Alle versuchten alle zu überzeugen. Die letzte Vollversammlung war bis ein Uhr nachts gelaufen, und hätte auch noch bis sieben Uhr morgens weitergehen können.

Wir eröffneten die Wahl pünktlich um 11:30, da warteten schon die ersten Wähler. Es war noch nie so ein Andrang, in all den Jahren nicht, in denen ich nun schon bei Wahlen sitze. Meine Kollegin war ebenfalls der Meinung, sowas hat sie noch nie gesehen.

Es kamen auch junge, sonst nie bei Wahlen erscheinende Leute, die gerade erst zu Mitgliedern gewählt worden sind – „meine Mutter schickt mich“, meinte die Tochter einer der großen Wortführerinnen der Schlacht und machte ihr Kreuzchen brav im Sinne ihrer Mutter. Ein steinalter Mann wurde von seiner Tochter hereingeschoben, er war selbst jahrzehntelang in der Fabrik und wollte nun persönlich mitstimmen, nicht per Vollmacht, die er der Tochter normalerweise ausstellen läßt. Der Koch, der noch nicht lange im Kibbuz ist, kam aus der Küche und wollte von mir wissen, wie er stimmen soll. Die arabischen Arbeiter aus der Fabrik kamen nach der Mahlzeit, mir Hallo sagen und scherzten, ob sie mitstimmen dürften.  Ehepaare nahmen ihre Wahlzettel, entfernten sich von uns und begannen zu diskutieren und in der Luft zu fuchteln. „Ich hab dir doch gesagt…“ „…aber ich glaube einfach nicht….“ Auch mein lieber junger Schwager, den Arm voll Kinder („auntie Lila!“ und Küßchen für die Tante! her damit!), fragte mich, „was meinst du denn?“

Ich wußte durch Y. ja schon, wo die Kampflinien, menschlich gesprochen, verlaufen, und war nicht überrascht von dem Aufruhr. Auf dem Wahlzettel waren zwei Möglichkeiten: für und gegen den Vertrag mit dem Investor. Ich hatte den Eindruck, die meisten hätten gern ein drittes Kästchen angekreuzt: schweren Herzens oder widerwillig. Da es das aber nicht gab, war das Zögern groß. Insgesamt, das stelle ich schon seit Jahren fest, ist die menschliche Neigung erst einmal, mitzustimmen – siehe Kanzlerbonus, ein Nein bedeutet auch immer das Fragezeichen, „und was statt dessen?“ Trotzdem waren eine Menge Leute glühend dagegen.

Am glühendsten einer meiner guten Freude im Kibbuz, ein älterer Mann, widerborstig, intellektuell, einer, der immer den Mund aufmacht, der sich immer unbeliebt macht, der zynisch und bitter klingt… aber dem ich immer gern zuhöre und eher glaube als den allzu Glatten. Ich glaube, ich gehöre zu den wenigen Leuten, die nicht sofort in die Defensive gehen, wenn sie ihn hören. Er kam also, stand eine Weile vor dem Anschlagbrett, auf dem die offizielle Verlautbarung des Kibbuz, die Wahlerklärung, hängt, und wo heute abend auch das Ergebnis angeschlagen wird, und verzog sich dann brummend. Wir waren so beschäftigt, daß wir kaum darauf achteten, was er da tat.

Bis nach etwa einer Stunde jemand fragte, „kann hier jeder seinen Kommentar einfach dazuhängen?“ Mein Freund hatte einfach ein flammendes Manifest aufgehängt. Meine Kollegin hängte es ab, ärgerlich, daß wir das nicht bemerkt hatten. Es kommt bei jeder wichtigen Entscheidung, besonders wenn sie ad hominem ist, vor, daß jemand Briefe in die Postfächer der Chaverim legt oder Emails schreibt. Aber ans Schwarze Brett, während einer Abstimmung – das war noch nicht da. Übrigens war der Brief sehr interessant und auch einleuchtend. Ich denke mir, er wird durchaus ein paar Leute beeinflußt haben.

Als wir den Ansturm besiegt hatten, der Dining Room sich leerte und wir die Wahlurne bis zum zweiten Wahlgang eingeschlossen hatten, ging es draußen weiter. Y., auf seinem Mofa sitzend, debattierte mit dem Manifestler. „Wenn du das alles gewußt hast, wäre es ja wohl besser gewesen, du hättest es eher schon veröffentlicht!“ Und so ging es hin und her. Mal sehen, wie das Ganze ausgegangen ist. Meine Einschätzung: ein knappes, sehr knappes Ergebnis, aber vermutlich eben doch dafür. Ob uns das nicht noch leid tun wird?

Und wie werden die Abstimmungen für oder gegen die Privatisierung verlaufen? Man darf gespannt sein.

Keine guten Aussichten Dezember 8, 2006, 10:54

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Vielleicht sollte ich ja wirklich dabei bleiben und Nachrichten aller Art ignorieren, nur noch persönliche Blogs lesen und mich in meine kleine Welt zurückziehen. Irgendwie addieren sich die verschiedenen Items zu so einem düsteren Bild, daß man wirklich nicht darüber nachdenken mag.

Deutschland. Daß der Antisemitismus von zwei Seiten die Juden in die Zange nimmt, dürfte nichts Neues sein. Wann werden nicht-betroffene Deutsche dagegen so heftig protestieren wie gegen manches andere? (mag hier keine Beispiele geben…. denkt euch was….doch die Nachrichten sind häßlich, und ich bin froh, daß wir damals nicht nach Deutschland gegangen sind! wie würde ich mich fühlen, wenn das mein Kind wäre!!).

Chajm und Jüdisches Berlin berichten davon, doch haben sich nicht-jüdische Blogs des Themas angenommen? Zumindest hier habe ich beim Recherchieren doch eins gefunden! und es gibt bestimmt noch mehr…. oh ja, danke JüBe, die gibt es durchaus. (Aber manchmal scheint die berüchtigte Antisemitismuskeule mehr Emotionen auszulösen als der Antisemitismus selbst…)

So einVorfall geht Deutsche etwas an, zumindest sofern sie vorhaben, ihr eigenes Gesicht außerhalb Deutschlands zu zeigen. Nicht nur bei uns wird auf rechtsradikale und antisemitische Vorfälle besonders empfindlich reagiert – wobei die Berichterstattung immer die Deutschen hervorhebt, die Zivilcourage und moralisches Rückgrat zeige. Kann es Deutschen wirklich egal sein, was man über sie denkt? (Wenn man schon keinen anderen Grund hat, sich über die Zunahme antisemitischer Gewalt zu entsetzen).

Doch das ist kein deutsches Problem allein. In Australien urinieren moslemische Schüler auf die Bibel (habe ich natürlich bei Aussie Dave zuerst drüber gelesen). Das Erschreckende daran ist, wie sich die Reaktionen der jeweiligen Schulleitungen gleichen: oh, das haben sie doch nicht so gemeint. So der australische Schulleiter: Mr Doutie said he did not believe that the boys realised the significance of their act. Und die deutsche Schulleiterin empört sich mehr über die Pressereaktion als über den Vorfall selbst:

Das Medieninteresse kam, nachdem der Konflikt schon lange bearbeitet und befriedet war – und zwar im Wesentlichen zwischen den beiden Mädchen, natürlich mit Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer, der Eltern, der Polizei und dem Jugendamt. Die Medien kamen erst zirka zwei Monate später. Durch Zufall. Und sie kamen überfallartig. Wir wurden mitten aus unserem Tagesablauf und aus dem Unterricht herausgerissen und sollten auf der Stelle mehreren Reportern bekannter Zeitungen Auskunft geben.

Welch dramatische Wortwah: aus dem Unterricht herausgerissen! Später sagt sie sogar „einbrechen“, also ein krimineller Akt. Und das wegen so einer Bagatelle!

Der Konflikt zwischen den beiden Mädchen – ursprünglich eine Eifersuchtsgeschichte – war längst in der Schule bearbeitet worden. Die „Täterin“ und die Schule waren dann jedoch auf Fotos in den Medien zu erkennen. Jeder wusste nun, wer beteiligt war. Das Mädchen musste in der Schule wegen der Berichterstattung Spießruten laufen. So wurde der Konflikt wieder aufgebrochen, personalisiert und zunehmend ideologisiert.

Das Herz blutet. Die Täterin ist keine Täterin, der Vorfall kein Vorfall, und natürlich hat inzwischen das Opfer die Konsequenzen zu tragen – sie hat die Schule gewechselt. Besonders interessant aber, wie auch Chajm sofort gesehen hat, diese Passage:

Natürlich hat der Konflikt eine antisemitistische Komponente. Aber der Auslöser war etwas anderes: Die Schülerin, die nun als Täterin dafür verantwortlich gemacht wird, hat mit Antisemitismus wenig zu tun. Das ist eine Vereinfachung der Medien. Man hat jemand, die ist namhaft und noch dazu Kopftuchträgerin. Das passt genau ins Bild – das ist dann sozusagen ein Stellvertreterkrieg. Genauso wie die jüdische Schülerin auch Stellvertreterin für jüdische Interessen ist. Das zeigt sich daran, dass sich die jüdische Gemeinde in vielerlei Hinsicht stark gemacht hat für diese Schülerin.

Die jüdische Lobby mal wieder, die sich einmischt. In den Augen der Schulleiterin sieht es so aus: auf der einen Seite die zu Unrecht beschuldigte „Täterin“ mit ihrem Kopftuch, auf der anderen Seite die sich stark machende jüdische Gemeinde, die einen Stellvertreterkrieg führt, und die aggressiv einbrechende, vereinfachende Presse. Puh. Ziemlich starker Tobak für eine Pädagogin, muß ich sagen. Wenigstens weiß sie, mit wem sie es sich nicht verderben darf. Denn: wie viele moslemische SchülerInnen hat sie, und wie viele jüdische? Wenn sich die Jüdin auf die jüdische Oberschule flüchtet, ist das Problem für die Schulleiterin gelöst. Donnerwetter.

Aber: das kann doch mit dem Islam nichts zu tun haben. Oh nein. Der Islam ist doch eine Religion des Friedens. Israel zieht nun mal wegen der ständigen, gänzlich unmotivierten Gewalt gegen die Palästinenser, die seit Jahrzehnten keinen dringenderen Wunsch haben als Frieden, Frieden, Frieden, den Zorn der Welt auf sich. Das sind die schon selbst schuld.

Und die explosive Wut der islamischen Welt auf den Westen? Das sind wir alles selbst schuld, warum sind wir ihnen auch technologisch und wirtschaftlich überlegen, warum haben wir eine säkulare Kultur entwickelt, warum leben wir nach der kapitalistischen Ethik der Bildung, des sozialen Aufstiegs und der sozialen Freizügigkeit? -Das provoziert sie nun mal, da gehen sie auch schon mal auf die Barrikaden für ein paar Karikaturen oder ein Papstzitat. Kann man aber mit dem Pinkeln auf die Bibel nicht vergleichen – das eine war eine perfide Provokation westlicher Medien, das andere die naive Zornesäußerung irregeleiteter Jugendlicher. Und Zusamnenhänge? Die gibt es überhaupt nicht. Außer man leidet unter Verfolgungswahn, Islamophobie oder sonstigen Störungen. (Ach, freue ich mich auf die Kommentare, die ich bekommen werde!)

Der westliche Wunsch, den aggressiveren Elementen des Islams mit unendlicher Einfühlung und Geduld zu begegnen, scheint stärker als jede Realitätswahrnehmung zu sein. Gute Zeiten für Juden, kann man da nur sagen.

Und was die Stellung des jüdischen Staates in der Welt angeht, sieht es nicht viel besser aus. James Baker schlägt eine Nahostkonferenz ohne Beteiligung Israels vor – ohne dieses lästige kleine Land kann man wirklich prima den Neuen Nahen Osten planen! (zuerst gelesen bei Yourish)

Baker says goal is to ‚reach agreement without Jewish pressure‘.

Danke, Baker, daß du so offen gesagt hast, was einer Befriedung der arabischen Welt gar so lästig im Wege steht. Auch James Baker weiß genau, mit wem er sich´s nicht verderben darf. (Fairerweise hier Yossi Sarids Ansicht zu Bakers Bericht, da ich Sarid schätze, werde ich mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen lassen – muß aber jetzt los).

Nein, das sind keine guten Aussichten. Kann einem glatt einen schönen, sonnigen Morgen vermasseln.

Eine wichtige Entscheidung Dezember 8, 2006, 9:03

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steht heute an. Ich habe mal wieder Dienst an der Wahlurne, ausgerechnet bei so einer heiklen, viel diskutierten, kontroversen Abstimmung. Vermutlich werden wieder die Chaverim in Trauben um unseren Tisch stehen und lauthals streiten, das war ja schon öfter so, aber ich kann mich an keine Entscheidung erinnern, die so umstritten gewesen wäre wie diese.

In einer unserer Fabriken steht eine Neustrukturierung an – d.h., ein Investor „von außen“ bietet uns an, in uns zu investieren. Damit würde das schon arg angenagte Mitspracherecht der Chaverim innerhalb der Fabrik endgültig vorbei sein – es ist auch heute schon nicht mehr das, was es mal war – als sich in der Cafeteria die Kibbuzmitglieder unter den Fabrikarbeitern trafen und abstimmten. Schon längst sind die einflußreichen Posten in der Fabrik mit „ßchirim“, also von außen kommenden und bezahlten Leuten, besetzt. Wir haben eine Partnerschaft mit einer internationalen Firma, die für uns die Materialien vertreibt. Und nun der Investor.

Die Entlassungswelle neulich, die nicht so hart traf wie gefürchtet, aber eben doch Entlassungen bedeutete, das war eine vorbereitende Maßnahme und gehörte wohl zu den Forderungen des Investors. Seitdem wird zweimal pro Woche in der Kibbuz-Vollversammlung über diesen Investor, seine Beteiligung, die Bedingungen, die Zukunftsperspektive und eventuelle Alternativen diskutiert. Und das,  während auch die Privatisierung des Kibbuz selbst noch ansteht! Alle sind leidenschaftlich bei der Sache. Y. meint, im Dining Room kam es zu stürmischen Szenen zwischen denen, die in der Beteiligung des Investors die letzte Rettung für eine seit Jahrzehnten falsch geführte Firma sehen, und denen, die darin den endgültigen Untergang sehen. Er versucht, so sachlich wie möglich an die Entscheidung heranzugehen. Ich habe natürlich keinerlei Bedenken, unsachlich zu urteilen – schließlich ist mein Urteil von keiner Sachkenntnis getrübt, ebensowenig wie das der meisten Stimmberechtigten.

Komischerweise ging es dem Kibbuz gut, solange ahnungslose Chaverim per Instinkt die Dinge steuerten – ich sehe noch die energische alte Frau mit der Alzheimerkrankheit vor mir, die zu allen Versammlungen ging, immer eifrig mitstimmte, ohne zu verstehen worum es ging, aber deren Stimme selbstverständlich immer mitgezählt wurde. Seitdem wir uns aber auf Außenstehende, auf Experten, auf Leute mit Hochschulabschlüssen in Management und BWL, auf teuer bezahlte Berater verlassen, geht die Kurve sacht doch unaufhaltsam abwärts. Was will mir das sagen?

Es sagt mir einerseits, daß der Markt zu Zeiten der vollkommenen Beteiligung der Chaverim an allen Entscheidungen anders aussah. Es war die Zeit des internationalen Boykotts,  der ja erst Mitte der 90er Jahre endete, und auch dann nicht mit einem Schlag. Bis dahin waren wir mit unseren Produkten der einäugige König. Seitdem hier auch die internationalen Marken, die uns vorher aus Furcht vor dem Boykott durch arabische Länder gemieden hatten, zu kaufen sind, ist es viel schwieriger geworden. Dann die schwierigen Jahre der Intifada, Schwächung des Shekel zwischendurch, als es furchtbar teuer war, Rohstoffe zu kaufen und hier zu produzieren, während importierte Konkurrenzware billiger war – und noch dazu mit dem Cachet „von draußen“, aus der großen Welt… das Israelis immer unwiderstehlich finden.  Jeder Streik der Hafenarbeiter, jedes Problem am Zoll… das merken wir.  Die guten Zeiten, in denen wir den Markt beherrschten, werden nicht wiederkommen. Was wird aber statt dessen kommen?

Wir leben so nah an der Fabrik – aus der Luft sieht der Kibbuz wie ein Anhängsel der Fabrik aus, nicht umgekehrt. Natürlich ist die Fabrik nicht die einzige, ja nicht einmal die hauptsächliche Einkommensquelle des Kibbuz – die Chaverim verdienen Geld, wir haben auch andere Unternehmen, und auch die Landwirtschaft bringt viel Geld, besonders die Zweige, auf die wir spezialisiert sind. Trotzdem wird den meisten beim Gedanken unbehaglich, daß in ein paar Jahren ein fremder Hausherr in der Fabrik dem Kibbuz den Geldhahn einfach zudrehen kann. Selbstverständlich ist die Alternative, daß die Fabrik pleite geht und der Geldhahn versiegt, keineswegs verlockender.

Kurz, es geht um Geld, um Einfluß, um die Zukunft des Kibbuz und seiner Mitglieder. Keiner weiß, wie es ausgehen wird. Aber wie immer haben alle eine Meinung. Ich wappne mich für die Abstimmung heute mittag. Es wird bestimmt eine Abstimmung mit Höchstbeteiligung.  Erst heute abend wird das Ergebnis ausgezählt und bekanntgegeben.

Wirklich zu langweilig, Dezember 6, 2006, 20:43

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mein Leben. Da planen wir mal endlich einen rein weiblichen Abend, irgendwo in Haifa in einer hübschen Kneipe, einfach nur so zusammensitzen – ha, da wird und wird nichts draus. Mal kann die nicht, dann die andere nicht. Ich glaube, das letzte Mal, daß ich in irgendeiner Form außerhalb der häuslichen vier Wände (oder der Mensa) ein Getränk zu mir genommen habe, war im Sommer letzten Jahres, mit Indica in Berlin.

Dabei bin ich früher eigentlich immer gern weggegangen, zu Konzerten, in Kneipen und Cafes, tanzen und was weiß ich. Es wundert mich gar nicht, daß einige Leser brummen, „wenn die in Deutschland wohnte, würde kein Mensch dieses Blog lesen, da ist ja wirklich nichts los“. Das stimmt. Stille Tage, die ich mir zwischen Computer und Spülbecken teile. (Meinte doch neulich Secundus, als ich die Wasserbehälter auf der Heizung mit Melissenöl aufgehübscht hatte: „Hier riecht es aber mal gut, sonst riecht es immer nach Essen oder Wäsche!“ Wem sagst du das, Bub!)

Und was hätte ich, wenn nun dieser mythologische Abend stattfände, zu erzählen? Wir werden unseren Streß-Index vergleichen, wie immer, wenn Frauen verschiedener Gattungen beisammen sitzen. Die jung-aktive Singlefrau, die Geschiedene mit der neuen Beziehung, ich Eheweib – keine von uns würde mit einer anderen tauschen wollen, aber wir anerkennen die anstrengende Seiten einer jeden Situation und geben uns gegenseitig etwas, das auf Hebräisch firgun heißt. Firgun ist kein Kompliment, denn es ist kein charmantes Wort, sondern eine umfassende Haltung. Firgun ist auch keine Bewunderung, denn firgun findet auf Augenhöhe statt. Firgun, walla, muß man nur nach googeln, und schon findet sich eine schöne Definition von einem Psychologen: being happy for the other’s success ( firgun ).

Auch in der J-Post finde ich eine hübsche Formulierung:

„Toda L’firgun‘ he said as the applause subsided. Firgun is one of those Hebrew words that defy exact translation. The closest interpretation of what he said was ’Thank you for not begrudging me“ but in point of fact firgun derives from a Yiddish word fargenigen that means enjoyment. The Yiddish word was in turn derived from German. Thus lefargen is to take pleasure in someone else’s achievement.

Damit ist firgun das genaue Gegenteil von Schadenfreude, einem Wort, das es auf Hebräisch als Zusammensetzung gibt, simcha la-ed (und das im Englischen ja bekanntlich als Lehnwort auftaucht). Interessant, daß Firgun per Jiddisch eine deutsche Wurzel hat – Vergönnigung, gewissermaßen. (Danke, Ruth!)

Die Verbform ist lefargen, also firgun geben – ein Firgun-Geber ist ein mefargen, oder eine mefargenet. Ach ja, so ein Firgun-Abend unter Frauen hätte mir mal ganz gutgetan. Nicht als ob es mir zuhause daran mangelte. Aber inter-weibliches Firgun, das hätte ich mir gern gegönnt.

Freundliche Gesichter Dezember 4, 2006, 1:26

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bei uns zu Besuch, das habe ich gern. Als ich nach Israel zog, stellte sich eine stetige Karawane geliebter Menschen bei mir ein: Freunde, Freundinnen, Bekannte, Familie, Kollegen meiner Eltern, Leute, die mich um drei Ecken kannten… irgendwie fanden alle den Weg zu mir. Viele Leute wollten gern nach Israel, und besonders in den Rabin-Jahren lebten wir ja alle in dem wunderbaren Gefuehl, dass die Nahostkrisenzeit bald schon wie ein boeser Traum hinter uns liegt. Hm ja, bis dann irgendwie das Erwachen in Form von Rabinmord, Intifada und Terrorwelle kam und sich jahrelang kein Mensch mehr in unsere Naehe wagte, ein paar besonders schaetzbare Unbeirrte ausgenommen.

Es macht mir Mut, dass sich die Lage wieder veraendert hat. Ich bin weder vom Statistischen Landesamt noch vom Tourismus-Ministerium und meine Messinstrumente sind subjektiv und damit wissenschaftlich wertlos – doch ich fuehle in den letzten Monaten, im letzten Jahr einen herzwaermenden Anstieg der Besucherzahlen. Die Runde durch den Kibbuz mit den vertrauten Ankerplaetzen mache ich wieder regelmaessig, mal mit Gruppen (Volunteers und deren Angehoerige, Leute, die irgendwie von mir gehoert haben, Gaeste aller Arten), StudentInnen aller Studienrichtungen (wie viele nette Leute kenne ich in Deutschland, die den Kibbuz erforschen – weitaus mehr als in Israel! da kenne ich genaugenommen nur einen), Freunde und Familie, und zunehmend auch Blogfreundschaften. Ist das nett, wenn Stimmen, die man bisher nur im virtuellen Raum gehoert hat, auf einmal durch unser Wohnzimmer klingen!

Allein im letzten Monat waren es, hm, mindestens sieben verschiedene Gaeste, Familien, Leser, Leute, die ich direkt oder auf Umwegen per Blog kennengelernt habe. Wieder ist meine Schlussfolgerung von garstiger Unwissenschaftlichkeit, da der Stichprobenumfang keiner Kritik standhielte. Aber wirklich, sie waren alle nett und ich hatte sie alle gern hier. Ja, Euch meine ich! Die Heldenfamilie mit den Ritterknappen, die mit einzigartigen Geschenken beladene Mischpoken-Mutter, ach, alle wie sie da waren. Jeder hat mich bereichert, mir was erzaehlt, das ich noch nicht wusste, und mich auf die eine oder andere Weise beeindruckt.

Dass sich ueberhaupt wieder Leute nach Israel trauen und so viele den Weg in unsere abgelegene Ecke finden, das freut mich doch. Ich nehme das als gutes Zeichen, bedanke mich und freue mich auf den naechsten Gast.

Zweideutigkeiten Dezember 2, 2006, 21:53

Posted by Lila in Persönliches.
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aller Art gehen glatt an mir vorbei, doch es freut mich immer, wenn ich auf eine hingewiesen werde, die ich selbst begangen habe, aber nie bemerkt hätte. So kenne ich zum Beispiel das Emblembuch Sinnepoppen von Visscher-Roemer schon viele Jahre und finde den niederländischen Titel, „Puppen für die Sinne“, genau richtig für ein Buch, das über den Gesichtssinn und spielerisch ernste Konzepte vorstellt. Das Wort poppen ist auch irgendwie nicht auf meinem Radarschirm, obwohl ich schon weiß, was es bedeutet. Sagen wir: es gehört zu meinem passiven, aber nicht aktiven Wortschatz.

Als ich also vorhin einem Backlink zum Kreuzberger folgte, der meine Tüttelei über die Emblemata verlinkt hat, hab ich erstmal garnicht kapiert, was er meint. Der Groschen, der dann fiel, hallte so richtig schön nach. Oh ja. Danke, Kreuzberger!

Auch gestern abend wurde mir eine Zweideutigkeit, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte, bewußt. In einer Blödelsendung lachte man sich über ein Nachrichten-Item kaputt, in dem ein Unterhaltungselektronik-Fritze der Anchordame den MP 3-Player Zune vorstellte. „Wenn ich einen Zune habe und du auch, dann können wir uns zusammenschließen und…“ Die Anchordame geriet sichtlich aus der Fassung und fragte, „Zune? spreche ich das richtig aus?“ Da errötete auch der junge Mann und es folgte ein Moment der Peinlichkeit.

Zune! spricht man aus wie zeee-une! und das ist genau das, was der Kreuzberger in den Sinnepoppen erkannt hat! (Ich finde keine bessere Erklärung als hier, oder hier eine Übersicht mit nützlichen Worten für alle Lebenslagen!) Das wäre mir nie aufgefallen. Und ich war anscheinend die Einzige!

(Es folgten natürlich gleich die Witze über den Ei-Pot, das erklär ich aber nicht, und der Homosexuelle vom Dienst bei dieser Blödelshow meinte, daß der Zune für ihn nutzlos ist, weil er nur mit Etui verkauft wird. Und so fort. ) Doch dieser Moment, als die Nachrichtendame schockiert innehielt, der war wirklich sehr komisch.

Wie der Zune sich wohl hier verkauft?

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