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Secundus freut sich November 25, 2009, 23:13

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Es ist einfach zu nett, mit Secundus Fußball zu gucken. Ich sitze dabei und arbeite, er fiebert, wenn Bayern spielt. Auch wenn es gegen Haifa geht – er hält Daumen für seine Mannschaft. Er ist ein treuer Fan und ärgert sich über seine Freunde, die immer zum jeweiligen Champion halten. Er schreibt sogar eine kleine Forschungsarbeit in Psychologie über Fanverhalten, Loyalität oder Wankelmütigkeit bei Mißerfolg und die jeweilige Motivation und kann sich schön darüber ärgern. Gutwetter-Fans sind für ihn keine Fans. Er würde seinen Bayern treu bleiben, egal wie tief sie in der Krise stecken.

Ich bin ja eigentlich immer für Underdogs, und deswegen mehr auf Haifas Seite. Allerdings bin ich auch in Deutschland aufgewachsen und kenne die Bayern nur als die arroganten Sieger – für Secundus war es immer eine harte Option, Bayernfan zu sein. Außer ihm ist nur noch ein Schüler an seiner Schule für die Bayern.  Wir reagieren also genau umgekehrt – wenn die Bayern stürmen, freut sich Secundus und ich seufze, wenn Haifa, dann brummt er und ich rufe: nu, kadima! Immerhin, nach dem Tor der Bayern konnte man sehen, daß ihnen ein ziemlicher Stein vom Herzen fiel. Das Ausmaß dieses Steins nehme ich jetzt als Kompliment für Haifa, auch wenn die Aufstiegschancen vielleicht eine größere Rolle gespielt haben.

Na, das Spiel ist noch nicht zu Ende. Secundus hofft auf einen Treffer Schweinsteigers, ich auf einen von Haifa. Dann darf ich aber nicht triumphieren… Diskretion, Diskretion.

Meine Theorie zum Shalit-Deal November 24, 2009, 17:26

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Tatsächlich hakt es an Marwan Bargouti. Israel will ihn freilassen, die Hamas ist dagegen.

 

Ich hab schon unwahrscheinlichere Thesen zum Thema Nahost gehört…

Hätt ich nur mehr Zeit! November 20, 2009, 21:36

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Dann würde ich gern in aller Ausführlichkeit von einem faszinierenden Studientag erzählen, an dem ich gestern teilgenommen habe. Ich  habe ja jahrelang hochbegabte Jugendliche unterrichtet, in verschiedenen Programmen, und das hab ich seit einem halben Jahr aufgegeben… aber ich unterrichte einen Kurs in einem in-service-Weiterbildungsprogramm für Lehrer, die sich auf Hochbegabung spezialisieren.

 

Zwei Drittel der Teilnehmer des Kurses sind Araber, weswegen der Studientag so spannend war – der eingeladene Referent ist ein Professor aus Jordanien, Vorreiter der Arbeit mit Hochbegabten in der arabischen Welt und nicht nur dort, und außerdem ein hochinteressanter Vortragender. Die Diskussion hinterher war mehr als faszinierend, ach, ich hätte das am liebsten alles gefilmt und direkt bei Youtube reingestellt! Da der ganze Tag auf Englisch ablief, wäre das auch gar kein Problem gewesen. Jedenfalls blubbert es in meinem Kopf noch von dem Vortrag, und ich werde meinen Kurs umstrukturieren… hab da ein paar Ideen… leider nicht genug Zeit.

 

Wir werden das neue Haus im Norden, das Übergangshaus für die nächsten anderthalb Jahre, vermutlich Mitte Dezember beziehen – Chanukka wollen wir schon dort feiern. Bis dahin liegen vor mir Gebirge von Aufgaben, die wir bewältigen müssen – Lösungen für die Kinder, der Umzug… Gott sei Dank, der bürokratische Kram mit dem Kibbuz ist friedlich und fair über die Bühne gegangen. Die Abfindungssumme ist nicht gigantisch, was wir auch nicht erwartet haben, aber angemessen und genug, um ein neues Leben solide zu beginnen.

 

Für Kibbuz-Nostalgie ist aber kein Anlaß. Nicht wir verlassen den Kibbuz, sondern der Kibbuz hat uns verlassen – mit der Abstimmung vor zwei Jahren und dem „shinui“. Außerdem bauen wir unser neues Haus auch in einem Kibbuz bzw an dessen Rand, und wir haben die Option, uns dort mehr oder weniger, ganz nach Gusto, zu integrieren. Die Mädchen werden auf Kibbuz-Schulen gehen, und Quarta wird ab Dezember in einem anderen Kibbuz die Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen, so wie bis jetzt hier. Die Leute, die uns dort umgeben, werden zu einem Großteil Kibbuz-Abwanderer sein – mit den typischen Kibbuznik-Eigenschaften, die ich ja sehr schätze.

 

Und Y., der 46 Jahre lang in diesem Kibbuz zugebracht hat, wo sein Vater geboren ist, seine Großeltern begraben liegen und jeder Baum und Strauch ihm eine Geschichte erzählt – der ist begierig auf mal was anderes. Seine Mutter und sein Bruder bleiben ja hier, wir werden oft zu Besuch kommen, und innere Landschaften und Erlebnisse verliert man nicht. Der Kibbuz, der mal war – den vermissen wir auch, wenn es um uns herum noch so aussieht wie vor 10 oder 20 Jahren.

 

Wir haben ernsthaft erwogen, in einen Kibbuz der alten Art umzusiedeln, aber mehrere Gründe haben uns davon abgehalten. Erstens würden wir dann vermutlich zu den typischen kutern der Sorte „bei uns im Kibbuz wird das aber sooo gehandhabt“ mutieren, wie so viele Menschen, die sich an minimalen Unterschieden reiben… während sie mit großen Umwälzungen gut zurechtkommen. Zweitens: wer garantiert uns, daß der Privatisierungs-Virus nicht auch den Kibbuz unserer Wahl befällt? Nur wären wir dann zu alt für einen weiteren Wechsel.

 

Wir fahren morgen erst unseren Primus besuchen, dann das Übergangshaus angucken, mit den Kindern. Jeder soll sich schon mal ein Zimmer aussuchen, damit wir die Zimmer nummerieren und die Kisten beschriften können… oh bibber. Haltet Ihr mir das Händchen, wenn es ans Packen geht? Ich guck mir die Plörren um mich herum an und will alles, alles wegschmeißen…

 

 

Der Vater, der Sohn und der Geist der Freiheit November 17, 2009, 10:38

Posted by Lila in Persönliches.
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So heißt ein neu erschienenes Buch (leider bisher nur auf Hebräisch), das ich gerade geschenkt bekommen habe – mit Widmung. Vielleicht erinnert sich noch jemand, daß ich manchmal geheimnisvolle Andeutungen gemacht habe über das Archiv einer Familie von Yeckes aus Jerusalem? Private Briefe, Notizen und Tagebücher hochinteressanter Menschen, deren Sohn nach dem Tod der Eltern ihren Spuren nachging. Dieser Sohn war jahrelang mein Chef, und anfangs hat er meine Hilfe nur für kleinere Übersetzungen in Anspruch genommen. Wir haben uns in meinem Büro getroffen, und ich habe ihm ein bißchen beigebracht, wie man deutsche Handschrift liest. (Er kann ganz gut Deutsch, weil seine Eltern zuhause meist deutsch gesprochen haben).

Als er von der Hochschule Abschied nahm, bat er mich zu einer Unterredung, „die nichts mit der Arbeit zu tun hat“. Er schlug mir vor, ihm bei der Entzifferung und Übersetzung der Familienbriefe zu helfen.

Und damit fing eine lange Zusammenarbeit an. Er gab mir große Stapel von handgeschriebenen Briefen, ich lieferte nach einer Weile Stapel von übersetzten, mit Anmerkungen versehenen Briefen ab. Es war eine faszinierende Arbeit – ich hielt handschrifliche Briefe von Veit Harlan, Hilde Körber, Joachim Prinz, Friedrich Strindberg in Händen. Nach einer Weile stellte sich heraus, daß seine Familie über viele Jahre Geheimnisse verborgen hatte. Mit meiner, aber nicht nur meiner Hilfe kam er ihnen auf die Spur. Er fuhr nach Berlin, nach Bayern, nach England, und traf Menschen, die sich an seine Eltern in ihrer Jugend erinnerten.

Irgendwann war ein Großteil der Briefe übersetzt, ein Großteil der Geheimnisse gelüftet. Der Sohn hatte Kontakt zu nie gekannten Verwandten aufgenommen, und sein Leben hatte sich verändert. Er setzte sich hin und machte aus den Stapeln von Briefen ein Buch. Nicht nur ein Buch über seine Eltern, ihren Weg von Berlin nach Jerusalem und (im Falle des Vaters) zurück nach Berlin, sondern auch über seine Suche nach den verborgenen Wurzeln.  Das nahm ungefähr zwei Jahre in Anspruch. Nun ist das Buch fertig – es liegt neben mir, mit einer schönen, herzlichen Widmung in der exakten, klaren Handschrift meines ehemaligen Vorgesetzten, dem ich während der Recherche respektvoll ein bißchen nähergekommen bin.

Viele schöne Bilder enthält das Buch, und ich werde es so schnell wie möglich lesen. Ich bin sicher, daß eine deutsche Ausgabe ein großer Erfolg wäre, nicht nur wegen der vielen berühmten Menschen, die mit der Geschichte der Familie verwoben sind.  Es ist ein Stück Zeitgeschichte, und auf meinen kleinen Anteil daran, so klein er auch ist, bin ich stolz.

 

 

Kurios, kurios November 15, 2009, 23:10

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Wir tragen uns ja schon seit über einem Jahr mit dem Gedanken, anderswo neu anzufangen, aber auf einmal geht alles ziemlich schnell. Wir haben die Verhandlungen über unsere Abfindung reibungslos überstanden – die Summe reicht für unsere Pläne aus, und wir hakeln nicht um einzelne Punkte, an denen wir mehr „rausholen“ könnten. Wenn das Haus für den Übergang rechtzeitig frei wird, ziehen wir Chanukka schon um – also in zwei, drei Wochen. Ich horte schon Zeitungspapier, wir suchen uns einen günstigen Spediteur, und Umzugstips aller Art sind uns hochwillkommen.

Nach unserem letzten Umzug vom winzigen Häuschen in unsere jetzige Wohnung habe ich mir geschworen: ich ziehe nie wieder um, ich hab die Schnauze voll. Die vielen Bücher! der ganze Familienkram! Aber diese Umzüge im Kibbuz haben wir natürlich allein gemacht, nur mithilfe von Freunden und Familie. Diesmal wird es ohne Spediteure nicht gehen, wir haben keine Zeit und Nerven, uns selbst mit den schweren Möbeln abzuäschern. Aber mir graust davor.

Wir gehen abends, wenn es geht, wie immer um den Kibbuz, Y. und ich – Tageserlebnisse austauschen, frische Luft schnappen und den Körper dran erinnern, daß der Schreibtischstuhl nicht notwendigerweise ein Teil von ihm ist. Jetzt gucken wir den Kibbuz mit ganz anderen Augen an. Einerseits wehmütig – wir kommen an unsren alten Häusern vorbei, an den Kindergärten der Kinder, am Fabrikeingang, wo ich früher auf Y. gewartet habe, Primus im Kinderwagen dabei. Wir gehen am Vordach vorbei, wo die vielen Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen stehen – wie viele Nachmittage habe ich damit verbracht, den Kindern zuzugucken, wie sie auf jeden Traktor klettern und stolz rufen: John Deere!

Aber wir kommen auch an den winzigen Häuschen vorbei, in denen sich die Familien mit vielen kleinen Kindern drängen, und an den wesentlich größeren Häusern, die die Chaverim ab 50 bekommen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das System des Wartens, bis man dran ist, hat ausgedient. Keiner kommt mehr dran, der Kibbuz baut nicht mehr, die Chaverim müssen Baudarlehen aufnehmen und können dann bauen – aber nicht jeder hat genügend Eigenkapital für so ein Darlehen.  Und es ist schon absurd, wenn wir die großen Häuser sehen – in denen wohnen jetzt Empty-nesters allein. Meist Paare, die ihre vier Kinder in denselben bedrängten Verhältnissen großgezogen haben wie wir. In anderen Kibbuzim ist das nicht so kraß wie bei uns, da wird Wohnraum für die jungen Familien gebaut, aber unser Kibbuz hat anders geplant. Absurd eigentlich, und alle wissen, daß es falsch geplant ist. Aber es ist schwer zu ändern. Der Kibbuz ist, wie der Sekretär sagt, ein schwerfälliger Körper – und jede Entscheidung hängt davon ab, welche Interessengruppe am aktivsten zur Versammlung und Abstimmung geht.

Die Aussicht ist so schön, das Fleckchen Erde bestimmt eines der schönsten im ganzen Nahen Osten – die Hügel, die Bäume, die hellen Steine, das Meer so nah und die schöne Linie der Carmelberge als Begrenzung. Heute war die Luft ganz klar, und wir gingen in der Abenddämmerung den Weg von Westen nach Osten. Fette Wolken über dem Meer, man sieht die Küstenlinie runter bis Hadera, wo die Schornsteine im Meer stehen. Und schon Dunkelheit über Um el Fachm, deren Lichter am Hügel gegenüber blinken. Ich höre die Frösche quaken, die Schakale jaulen, und im Gebüsch vor unserem Haus raschelt „unser“ Igel hektisch, als wir wiederkommen.

Es ist ein seltsames Gefühl, Abschied zu nehmen, wir wollten das nie. Y.  fällt es leichter, er möchte Veränderung, er hat darauf gedrängt, und ich kann den armen Mann nicht sein Leben lang an denselben Ort bannen, nur weil ich mich hier wohlfühle. Er hatte schon öfter den Drang, wegzugehen, und er geht mit Leichtigkeit, weil er seine Entscheidungen rational fällt, und rational gesehen dies die richtige Entscheidung ist. Außerdem ist er mit dem Kibbuz so verwurzelt, daß er ihn sowieso mit sich trägt, egal wo er ist.

 

Für mich ist es anders. Für mich ist dieser Kibbuz mein Zuhause in Israel und ein Teil von mir wie mein Name. Aber auch meinen schönen Nachnamen habe ich mir erheiratet – und den Kibbuz auch. Ich habe Angst, wegzugehen – daß mir dann keine Verbindung mehr bleibt.

Aber der neue Ort hat uns bezaubert. Selbst mein kritischer Schwiegervater, der am Wochenende extra hingefahren ist, um sich das Projekt mal anzugucken (und der auf dem Rückweg einen Autounfall hatte, Gott sei Dank ist ihm nichts passiert, auch wenn das Auto hin ist), mußte zugeben: das ist ein schönes Fleckchen, da kann man schon verstehen, daß ihr euch dort ansiedeln wollt. Auch meiner Mutter hat es ja gefallen, wenn sie es auch gar zu abgelegen fand.

Mit etwas Glück kriegen wir das aller-äußerste Grundstück, das wirklich nur wenige Meter vom Grenzzaun entfernt ist.  Noch sind die Verhandlungen weder im Kibbuz noch in Bezug aufs Übergangshaus noch auch am neuen Ort abgeschlossen. Falls Ihr also noch ein Däumchen freihabt…

Gedanken zum Thema Libanon November 10, 2009, 17:15

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Große Freude herrscht rundherum über die Regierungsbildung im Libanon.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich zufrieden über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit. Ban hoffe, dass die politischen Führer des Libanon weiter im Geiste der Einheit, des Dialogs und der Zusammenarbeit kooperieren werden, hieß es in einer Mitteilung der Vereinten Nationen vom Montag in New York.

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy übermittelte dem libanesischen Ministerpräsidenten Saad al-Hariri seine „herzlichen und freundschaftlichen Glückwünsche“. Die italienische Regierung bezeichnete die Einigung als „sehr positive und ermutigende Nachricht für die Zukunft des Libanon und des gesamten Nahen Osten“.

Ich meine mich zu erinnern, daß etwas gedämpftere Freudenjuchzer Netanyahus Wahl begleiteten. Was so erfreulich daran sein soll, daß die Hisbollah nun in der libanesischen Regierung sitzt, frage ich mich – aber der Rest der Welt scheint das herrlich zu finden. Na ja, vermutlich sind sie froh, daß die Hisbollah die Wahlen nicht gewonnen hat… und das bin ich auch. Ich kann mir auch denken, daß Hariri selbst nicht sehr begeistert ist.

Na, wollen wir das beste hoffen. Die Gerüchteküche zum Thema „Israel plant einen Angriff auf den Libanon“ blubbert  jedenfalls weiter. Was soll das bedeuten? Vielleicht, daß die Hisbollah selbst eine Aktion plant und davon ablenken will oder die Welt samt Presse darauf vorbereiten will, Israel wieder in der Rolle des bösen, bösen Aggressors zu zeigen. Wie das letzte Mal, ach ach ach!  Daß die Israelis sich so ungern beschießen lassen! Nach acht oder neun lächerlichen Jährchen Beschuß und Entführungen  schlagen sie dann brutal zurück! Schlimm, schlimm… da kann man sich schon mal wohlig warmschreiben im Ausmalen des israelischen Angriffs.

Ich hoffe, daß sich das Szenario von vor drei Jahren, Zarit-Shtula und so weiter,  nicht wiederholt. Die Theorie meines Mannes war ja damals, daß die nächste Eskalation erst kommt, wenn es sich für die Gegenseite lohnt, i.e., wenn der Iran dat Bömbschen hat.  Mal gucken, ob er Recht hat.

Eines aber muß man zugeben: Samir Kuntar ist frei. Die Hisbollah hat ihr Kriegsziel von damals erreicht. Wir haben aber auch was erreicht: relative Ruhe im Norden.  Bisher.

Geständnis November 8, 2009, 14:06

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Vor ungefähr einer Woche habe ich den Eintrag verfaßt, den ich jetzt erst veröffentliche – eigentlich alles noch nicht ganz spruchreif, aber ich kann doch nicht immer weiter schweigen… Und gerade beginnen die Gerüchteküchen wieder zu brodeln, diesmal aber präziser als letzte Woche beim Spiegel: es ist die Hisbollah, die aufrüstet, und nicht Israel. Ganz wie ich gesagt habe.  Die Hisbollah rüstet nicht nur mit Waffen auf, sondern auch mit Hetze gegen Israel und Ausstreuen einer ganz gehörigen Portion Hysterie. Das Ergebnis werden wir sehen, wenn die Hisbollah angreift und Israel sich wehrt. Dann werden wieder die Kommentare bei mir reinflattern: oh böses, unmenschliches Israel! Bis dahin wohnen wir schon an der Grenze, nehme ich mal an.

Und hier nun der Eintrag von letzter Woche:

Na gut, wenn es schon so weit ist und wieder geunkt wird, daß der nächste Schlagabtausch zwischen Israel und dem Libanon bevorsteht…. (was ich für kompletten Unfug halte, denn bisher hat Israel nichts getan, als klein-klein zurückzuschlagen, weil von Zeit zu Zeit Raketen auf dem Libanon auf israelisches Gebiet abgefeuert werden – muß sich eigentlich ein souveräner Staat sowas in anderen Weltgegenden gefallen lassen? Der ganze Artikel atmet förmlich die paranoide Angst vor Israel, das man mit zahllosen Nadelstichen piekst, um dann aufzuschreien, wenn der Bär erwacht…) … also da kann ich ja nun mein Geständnis loswerden.

Mich freuen diese Gerüchte eher, denn dadurch fallen die Grundstückpreise im Norden vielleicht noch ein bißchen. Wer mich kennt, weiß, wie fern mir solche Spekulationen eigentlich liegen. Es muß also ein guter Grund dafür vorliegen, wenn ich auf Grundstückpreise schiele. Und in der Tat gibt es einen guten Grund dafür: wir wollen den Kibbuz verlassen und uns ganz oben, an der libanesischen Grenze, am Rande der Welt ansiedeln.

Wir haben seit der halben Privatisierung des Kibbuz den Spaß am Leben hier verloren, und wir wollen uns dem Hauen und Stechen entziehen, mit dem die vollständige Privatisierung (Grund und Boden werden verteilt) einhergehen wird. Auch wenn wir dabei unsere Rechte auf Grundbesitz im Kibbuz verlieren und auf alle Ansprüche bei der Verteilung verzichten müssen – das ist es uns wert. Wir wollen in der Wildnis leben, auf eigene Rechnung. Die ganzen Jahre hat es uns nicht gestört, Kibbuzniks zu sein, im Gegenteil. Das System kam uns immer gerecht und fair vor, und wir haben gern einer des anderen Last mitgetragen. Doch der Kibbuz ist kein Kibbuz mehr, die Lasten rutschen und schwanken, und wir haben auf einmal große Lust, nach Jahrzehnten der Stabilität mal die Luft der Veränderung zu schnuppern.

Unsere Kinder, für die dieser Entschluß ebenfalls Konsequenzen haben wird, sind erstaunlicherweise begeistert. Die Aussicht, ein bißchen mehr Platz im Haus zu haben, und wirklich in der Wildnis zu leben, direkt am Grenzstreifen, in einem Paradies für wilde Tiere – das gefällt ihnen. Die Aussicht vom nördlichen Gebirgszug ist atemberaubend. Nach Norden ist das nächste Dorf schon im Libanon,  nach Süden streckt sich die Küstenlinie. Gegen Osten sieht man Berge mit Wald. Die ganze Gegend ist bewaldet. Und ich wollte doch immer schon im Wald leben.

Bisher war unsere nächste erreichbare Stadt Yokneam – auch mit nachsichtigen Augen betrachtet ein häßliches und langweiliges Örtchen mit spärlicher Anbindung an den Rest der Welt. Wenn wir umziehen, wird die nächste Stadt aber Nahariya sein – eine wunderhübsche Stadt am Meer, mit echter Innenstadt und einer sehr netten Atmosphäre. Noch dazu ist es Tertias Geburtsstadt. Bei der Aussicht, eine Stadt mit Bahnhof und großem Busbahnhof, Meer und Promenade in der Nähe zu haben, leuchteten alle Augen.

Unsere Gegend hier, die am Ende der Welt lag, als ich hier hin zog, hat in den letzten Jahren mehr und mehr ihren ländlichen Charakter verloren. Die Straße Nr. 6, die Pläne für ein neues industrielles Zentrum ganz in der Nähe, der enorme Zuzug nach Yokneam, jede Menge Neubauten von Einkaufszentren, einem Kraftwerk und neuen Wohnsiedlungen fast überall um uns herum – langsam wird aus dieser grünen, idyllischen und wunderschönen Gegend eine Art Vorgarten von Netanya und Hadera. Wir lieben diese Gegend, aber sie verändert sich. Und Y. lebt hier sein ganzes Leben. Er hat die Idee ausgebrütet, uns ebenfalls zu verändern. Er arbeitet ja jetzt im Norden und wird es näher zur Arbeit haben. Und für mich sind meine Arbeitsplätze auch erreichbar – ich arbeite ja sowieso die meiste Zeit  zuhause.

Secundus werden wir so kurz vor dem Abitur natürlich nicht verpflanzen. Er wird ein Zimmer im Kibbuz oder im Internat bekommen, bis er das Abi hat, und dann zu uns stoßen. Primus braucht uns sowieso nur alle paar Wochen am Wochenende, und obwohl er sein Zimmer im Kibbuz ungern aufgibt, hat es auch für ihn Vorteile. Die Mädchen sind erstaunlich bereit, die Schule zu wechseln – irgendwie fühlt es sich an, als hätten wir alle auf eine Veränderung gewartet.

Wir sind noch mitten in der Planung, und vieles kann noch schiefgehen. Aber in groben Zügen sieht unser Plan so aus: wir ziehen in etwa einem Monat (hoffentlich zu Chanukka, wenn die Kinder Ferien haben) in ein geräumiges Haus mit Seeblick. Sobald Secundus das Abi hinter sich hat (in einem halben Jahr), zieht er hinterher. Und wir sind nah an der Baustelle unseres neuen Hauses, das wir von A bis Z selbst planen können. Es wird ein ökologisches Haus, ein Niedrigenergie-Haus mit Sonnenenergie, Verwendung von „grauem“ Wasser, vernünftig gedämmt – was in Israel gar nicht selbstverständlich ist. In anderthalb Jahren soll es fertigwerden, und dann ziehen wir noch einmal um.

Wir sind noch mitten in den Verhandlungen mit dem Sekretär des Kibbuz, der ein guter persönlicher Freund von mir ist – Y. überläßt mir die Verhandlungen, weil er es mit diesem Mann „nicht so gut kann“. Der Sekretär rief mich vorgestern an und meinte: „ich hoffe, du glaubst mir, daß ich mit niemandem darüber gesprochen habe – aber der ganze Kibbuz weiß schon, daß ihr wegziehen wollt“. Ich konnte ihm versichern, daß ich ihn keinen Moment in Verdacht hatte. „Quarta hat es nur im Vertrauen ihrem besten Freund Eliran Weintraub erzählt“, und dann kichern wir beide. Elirans Mutter ist eine nette Frau, nur leider etwas, hm, gesprächig. Sie hat uns tatsächlich angerufen, um zu fragen, ob die Gerüchte stimmen und wir wirklich… Oh, Kibbuz. Danke, Elirans Mama, daß du mich daran erinnert hast, weswegen es ganz gut sein wird, auch mal andere Luft zu atmen.

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