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Neues Heim Januar 14, 2010, 7:32

Posted by Lila in Uncategorized.
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Meine Kinder haben im Laufe der Jahre ungeheure Mengen an Stofftieren gesammelt, geschenkt bekommen und geerbt. Beim Umzug haben sie und mein skrupelloser Mann beschlossen, diese Tiere einem guten Zweck zuzuführen. Einen Teil habe ich schon vor zwei Jahren meiner besten Freundin, der Kunsttherapeutin, geschenkt – für ihre Praxis. Sie arbeitet mit schwer traumatisierten Kindern. Und bis auf ein paar besonders geliebte Ausnahmen haben nun die vielen, vielen Tiere, die im obersten Schrankfach die letzten Jahre unbeachtet dahinvegetieren mußten, ein neues Heim gefunden. Einer von Y.s Kollegen ist mit einer Kinderheim-Erzieherin verheiratet. In diesem Kinderheim oder -dorf leben Waisen, aber auch Kinder, die zuhause mißhandelt oder vernachlässigt wurden oder dort unerwünscht waren. Y.s Kollege und seine Frau leben mit diesen Kindern zusammen und bemühen sich, ein funktionierendes Familienleben zu führen.

Wir geben die Kleider, die unseren Kindern zu klein geworden sind, schon längst nicht mehr an befreundete Familien weiter (tatsächlich kenne ich mehr und mehr verwöhnte Kinder und Eltern, die nur neu gekaufte Kleidung wollen…), sondern an dieses Kinderdorf.  Und nun haben auch die Koalabären, Hasen, Lämmer, Mäuse und Dinosaurier aus dem obersten Schrankfach ihren Weg dorthin gefunden. Y.s Kollege erzählte ihm von dem Jubel und der großen Freude. Es waren genug Tiere für das ganze Kinderdorf. Obwohl ich jedes dieser Tiere gut kenne und genau weiß, woher es kam und wer es wem wann geschenkt hat, trenne ich mich gern von ihnen. Und ich glaube, die Tiere freuen sich auch, daß sie nun wieder geliebt und beachtet werden und Kinder glücklich machen können.

Einleben, nachdenken Januar 5, 2010, 23:46

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Ich hätte nie gedacht, daß es mir so wenig schwerfällt, den Kibbuz zu verlassen. Wir sind jetzt schon zehn Tage im neuen Haus, genießen jeden Augenblick. Noch immer sind die formalen Seiten nicht geregelt, wir sind noch Mitglieder des Kibbuz, weil sich das Verlassen des Kibbuz als erste Familie nach dem Tag X (Privatisierung, 1.1.2008) als sehr schwierig herausstellt. Keiner weiß, wie die Abfindung berechnet werden soll, und vermutlich wird es eine Weile dauern, bis der Formalkram über die Bühne geht. Wir haben auch noch nicht alle Sachen transportiert – da wir beide voll arbeiten, können wir uns nicht viel Zeit dafür abknapsen. Aber der Sekretär ist verständnisvoll, und wir müssen die alte Wohnung nicht auf der Stelle räumen.

Am Wochenende hatten wir die ganze Familie hier, und alle haben uns gelobt, wie schnell wir uns hier eingerichtet haben. Nächstes Wochenende kommen Freunde zu Besuch. Alle sind neugierig und wollen sehen, wohin es uns verschlagen hat.

Tertias Aufnahme in die neue Schule ist noch nicht abgeschlossen, aber Quarta hat in ihrer neuen Schule schon Freundschaften geschlossen. Ein Junge in ihrer Klasse ist der Sohn einer guten Freundin meines Schwagers, mit ihm seit dem Babyhaus aufgewachsen. Ihr großer Bruder ist einer von Y.s Freunden (die ja neulich alle bei uns waren), und ihre Mutter (die Großmutter des Klassenkameraden also) habe ich bis zum Tod gepflegt, vor vielen Jahren. Auch hier ist die Welt also …. – na ja, Israel ist nun mal klein.

Den meisten Leuten fällt beim Namen des Moshavs, in dem wir jetzt leben, Urlaub ein. „Oh, da haben wir mal einen Kurzurlaub gemacht“, „da haben wir uns mal ein Ferienhaus gemietet“ ist die typische Reaktion. Vielleicht haben wir darum noch das Feriengefühl. Adler und auch Falken fliegen hier rum, und nach wie vor freue ich mich jedesmal, wenn ich ein Schiff sehe. Besonders nachts – die Lichter. Da kriege ich immer Fernweh, wozu ich sonst nicht neige. Weder Eisenbahn noch Flugzeug lösen das in mir aus, diese Sehnsucht, mitzufahren „in der prächtigen Sommernacht“. Aber wenn ich nächtliche Lichter eines Schiffs sehe, entbrennt mir nun mal das Herz.

Ich kann es nicht genau erklären, diese innere Freude am Neuen,  denn ich habe mich im Kibbuz doch immer wohlgefühlt…. woher kommt es also, daß ich mich so erleichtert fühle, so friedlich? Der Alltagsstreß ist nicht weniger geworden, das Semester läuft weiter, Y. arbeitet fast rund um die Uhr und der Haushalt samt umzugsbedingter Mehrarbeit hält mich auch auf Trab. Aber ich mach es alles gern, eigentlich, bis auf die bürokratischen Sachen, die kann ich nicht leiden und auf Ivrit fallen sie mir noch schwerer. Formulare ausfüllen, uäh…

A propos Haushalt. Vor ein paar Tagen waren wir bei guten Bekannten, die vor fast 20 Jahren einen Kibbuz verlassen haben – also zu einer Zeit, als ein Kibbuz noch viel kibbuziger war. Die Frau, geborene Kibbuznikit und ihr Leben lang nur im Kibbuz, erlitt wohl eine Art Kulturschock, als sie auf einmal mehrere Mahlzeiten am Tag auf den Tisch bringen mußte, spülen, Betten machen und alles, was ihr vorher von Küche, Speisesaal, Kinderhaus abgenommen worden war.  Wir kamen gerade nach dem Abendessen, als sie den Tisch abdeckte und die Spülmaschine einräumte. Sie meinte in ziemlich zickigem Ton zu mir: „na meine Süße, da wirst du dich auch dran gewöhnen müssen – Hausarbeit!“

Ich war etwas erschüttert, sowohl von dem passiv-aggressiven Ton als auch von der Unterstellung, ich wüßte nicht, was Hausarbeit ist. Denn in den letzten Jahren, ach eigentlich in unserer Familie schon seit vielen Jahren, gab es überhaupt keinen Unterschied zum „städtischen“ Lebensstil. Klar, als Primus klein war, bin ich jeden Abend mit Schwiegermutter und Schwiegergroßmutter zum Dining Room gepilgert, weil es nett war, mit den beiden zu Abend zu essen, und weil es einfach dazugehörte. Schon mit Secundus war mir das zu viel, und dann wurde das Dining-Room-Abendessen sowieso abgeschafft. Die Wäsche mach ich seit fast zehn Jahren zuhause, und in den letzten Jahren wurde auch das Frühstück im Dining Room abgestellt und das Mittagessen so früh ausgegeben, daß die Oberschüler nur noch vor verschlossenen Türen stehen.

Ich habe also schon seit Jahren meine Bande abgefüttert – mein Essen ist außerdem auch leckerer als der Fraß, der in den letzten Jahren im Dining Room überhand genommen hat. Ja, vor 20 Jahren, als der irre Roger noch Koch war, da war das Essen lecker. Aber seit vielen Jahren heißt die Devise im Dining Room: starres Wochenmenü aus billigen Zutaten.  Meine Kinder haben sich höchstens, wenn der Dining Room denn mal offen war, mit Salat oder Brot versorgt, Secundus mag auch gern Pasta. Aber die Hauptmahlzeit war seit Jahren schon zuhause. Außerdem gibt es doch wirklich nichts Schöneres, als zuzugucken, wie hungrige Halbwüchsige mit strahlendem Gesicht aufs Futter losgehen, das man selbst gekocht hat. Ich habe ja das Privileg, einen Großteil meiner Arbeit zuhause zu erledigen und somit mehrmals pro Woche mit den Kindern um einen Tisch zu sitzen.

Im Gegensatz zu dieser Bekannten also, für die die große Umstellung mit dem Schritt nach draußen kam, war für mich die große Veränderung der Eintritt in den Kibbuz. Das war gar nicht so einfach, auch wenn ich an diese Zeit ganz gern zurückdenke. Ich war fest entschlossen, mich anzupassen und Kibbuznikit durch und durch zu werden. Manches war sehr einfach, weil ich mich immer schon nach so einem Ort gesehnt hatte – anderes fiel mir doch sehr schwer. Durch die etwas kiebige Bemerkung der Bekannten wurde mir aber klar, wie „bürgerlich“ und „städtisch“ das Leben im Kibbuz schon geworden ist. Ich bemerke auch tatsächlich nicht den geringsten Unterschied zu meinem Leben vor zehn Tagen – außer natürlich der großen Erleichterung, die es bedeutet, wenn man einen Wirtschaftsraum und eine große Spülmaschine hatte…  was ich im Kibbuz natürlich nicht hatte. (Ich lasse den Faktor Mann und andere zupackende Hände im Haushalt   mal außen vor bei dieser Betrachtung.)

Ich habe also dieser Bekannten geantwortet, daß ich mich erstmal an den Luxus gewöhnen muß, eine große Spülmaschine zu haben, und ich ansonsten keine Veränderung spüre. Und habe mir gedacht, was für ein Glück, daß ich aus einer Dynastie von Hausfrauen stamme und tatsächlich Hausarbeit gern mache. Für die Kibbuz-geborene Bekannte, deren Mutter in ihrem ganzen Leben keine vollständige Mahlzeit zubereitet hat und keine Waschmaschine bedienen konnte, und die den Kibbuz verließ, als bei ihnen noch das Kinderhaus-System funktionierte, muß die Umstellung wirklich traumatisch gewesen sein. Für uns ist es eigentlich nur ein konsequenter letzter Schritt. Und ich glaube nicht, daß in unserem Kibbuz irgendjemand noch so lebt wie der klassische Kibbuznik. In anderen Kibbuzim gibt es sie noch, die gemeinsamen Abendessen und einen Dining Room ohne Kassen. Aber wie lange noch?

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