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Mal ganz was anderes, November 14, 2019, 15:31

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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aber jetzt mal ganz echt was anderes.

Während ich so vor mich hin brassele in allen möglichen Projekten, denke ich über Rituale des Alltags nach, und wie sie sich verändert haben. Aus irgendeinem Grund ist es besonders die deutsche Kaffeetafel, die mir im Sinn bleibt. Ich habe bei Twitter eine Mini-Anfrage gemacht, wie Leute ihren Kaffee heute trinken, und die Ergebnisse waren (für mich zumindest) sehr spannend.

Ich war glücklich über die Antworten! Und weil Twitter so ein kurzatmiges Medium ist, möchte ich hier gründlicher fragen. Wie trinkt Ihr Euren Kaffee heute – allein, zuhause, unterwegs, wenn Ihr Leute einladet? Spielt das Sonntags-Kaffeetafel-Ritual noch eine Rolle? Trinkt Ihr noch Filterkaffee? Wie steht Ihr zu Maschinen? Habt Ihr Tipps? Oder kommt Euch der Kult um Kaffee total übertrieben vor?

Fast noch mehr als der Kaffee selbst interessiert mich das Porzellan. Die gute alte Kaffeekanne, benutzt Ihr sie noch? Habt Ihr Erinnerungen an das Porzellan Eurer Kindheit? Habt Ihr Erbstücke, besondere Erwerbungen, ein Traum-Service, das Ihr Euch nie werdet leisten können?

Wenn Ihr mir Bilder schickt (weiß gerade nicht, ob man die in Kommentare mit einbauen kann, glaube eher, nein), dann können wir eine Galerie machen. Ich weiß nicht mal genau warum, aber mir kommt diese gepflegte Kaffeetafel vor wie DAS Sinnbild deutscher Bürgerlichkeit und Selbstvergewisserung. Ob ich je dazu kommen werde, eine Kulturgeschichte dieser Kaffeekultur zu schreiben, die ja auch Inbegriff der Spießigkeit für uns bedeutete, als wir rebellierende Jugendliche waren, weiß ich noch nicht, aber es ist auf meiner to-do-Liste (dieser Hydra). Auf jeden Fall bin ich von Neugierde zerfressen und möchte festhalten, woran sich meine Leserinnen und Freunde noch erinnern. In welcher Form ich das tun möchte, weiß ich ebenfalls noch nicht genau, vielleicht interessiert es ja niemanden, sich daran zu beteiligen oder es anzugucken. Aber ich habe den Eindruck, daß die Tasse Kaffe ebenso wie der Braten und das alkoholische Getränk zu den Grundpfeilern deutscher Rituale gehören.

Ich werde in einem extra Eintrag erzählen, wie ich auf das Kaffee-Thema gekommen bin und warum es mich interessiert. Aber seht das hier mal als Anregung, über den Kaffee in Eurer Kindheit, bei der Oma, damals und heute, nachzudenken. Wie zelebrieren wir den Alltag?

 

Ostern 1966, mit dem Thomas Medaillon Onyx

Von Schlußstrichen November 10, 2019, 23:21

Posted by Lila in Deutschland, Persönliches.
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In letzter Zeit lese ich zu viel über die NS-Zeit, die Regale entlang. Dabei bin ich auf die englische Ausgabe von Stephan Leberts „Denn du trägst meinen Namen“ gestoßen (ich meine, ich hätte vor Ewigkeiten mal die deutsche Fassung gelesen). Das Buch ist 20 Jahre alt, also beim heutigen Lesen eine dreifache Zeitreise. Der Autor interviewt Kinder von Nazi-„Größen“ in den späten 90er Jahren, die sein Vater kurz nach Kriegsende bereits interviewt und zu ihren Erinnerungen befragt hatte. Also von heute in die 90er, dann in die 50er, schließlich in die 30er Jahre.

Zu den Befragten selbst kann ich nicht viel sagen – außer Niklas Frank hat sich keiner von ihnen richtig freigeschwommen, und ich nehme an, daß auch ihm es noch schwerer gefallen wäre, wenn sein Vater ihm auch nur ein bißchen Liebe gezeigt hätte. Wir kommen so liebebedürftig zur Welt, daß es vermutlich zu viel verlangt wäre von einer Edda Göring, sich rational von ihrem Vater zu distanzieren. Ich bin keine Psychologin. Lebert und viele andere Autoren haben zu dem Thema alles gesagt. (Ich weiß von Freundinnen, wie hartnäckig das innere Bild der Guten Eltern ist – selbst Kinder mit Hämatomen und Brandwunden, die sie ihren Eltern verdanken, suchen noch nach Anerkennung und Liebe dieser Menschen und finden Erklärungen.)

Aber dem Autor fiel einiges auf, das man verallgemeinern kann. Auch die Kinder der größten Schurken konnten ihre Väter exkulpieren, indem sie die wahre Schuld auf andere schoben. Sprich – selbst wenn ihnen dämmerte, daß die Bilanz der Nazizeit eine lange Reihe unvorstellbarer Verbrechen war, dann fanden sie noch einen Weg, ihre Väter davon irgendwie zu distanzieren.

Im Kleinen taten sie damit, was wir Deutschen alle im Großen getan haben und noch tun. Es waren die Anderen, die Parteimitglieder, die höheren Funktionäre, die Fanatiker. Keiner fühlt sich betroffen. Es war „die schlimme Zeit“, man hatte Angst vor Bombenangriffen nachts und Tieffliegern tags, man war ja selbst Opfer. Die Erinnerung reicht bis dahin – nicht bis an die Momente vor der Wahlurne, als man entscheiden mußte, welcher Zettel reinkommt.

Wie bequem für uns alle, daß es die Franks, die Görings, die Himmlers und wie sie alle heißen gab. Die waren es, die waren schuld, aber unsere Oma und Opa doch nicht. Die Oma hatte eh keine Ahnung von Politik, der Opa war sowieso dagegen, und was hätten sie schon tun sollen? Sie haben doch alle mit innerem Widerwillen die Flaggen gehißt, die Lieder gesungen, die Sonnenwendfeiern mitgemacht und die jüdischen Geschäfte boykottiert. Ja, daß es dann hinterher die Möbel und Bücher von Nathans so billig gab, wer hätte denn ahnen können, wieso?

Ich möchte nicht selbstgefällig über Leute zu Gericht sitzen, die sich mitschuldig gemacht haben, denn wer weiß, ob ich selbst nicht auch eine begeisterte Marmeladenköchin im Dienst der Deutschen Frauenschaft geworden wäre? Aber es gibt ja noch Möglichkeiten außer blinder Exkulpierung oder arroganter Verurteilung, mit der Tatsache zu leben, daß es vermutlich keine Familie in Deutschland gab, die nicht als Opfer oder im weitesten Sinne als Täter Kenntnis von Zielen, Methoden und Taten der NS-Regierung hatte. (Ich spreche hier zu Nachkommen der Täter, nicht der Opfer.) Bekanntlich war der Zugriff total. Er war raffiniert und primitiv zugleich. Aber das macht unsere Vorfahren nicht zu armen Verführten, denn auch die, die ganze Propagandakacke anrührten, waren Deutsche.

Wo war, wo ist das Entsetzen? Lebert zitiert Schmidbauer, Lewitan, Reich-Ranicki – viele haben mit Entsetzen gesehen, daß den Tätern, ihren Kindern und Kindeskindern das Entsetzen fehlt. Ja, es ist Schulstoff, man sieht Filme und geht in Konzentrationslager und Museen und findet es alles ganz schrecklich. Vielleicht kommt für einen Moment das Grauen hoch, aber man schiebt es weg. Es waren ja Andere, ja, auch Deutsche, ja, auch in unserer Stadt, aber je näher man die Täter in der Umgebung hat, desto mehr Entschuldigungen hat man für sie.

Ich wünsche mir oft, ich hätte die Kaltblütigkeit, die ganzen harschen Kritiker Israels, die mir ungefragt ihre Meinungen um die Ohren schlagen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme – daß ich sie ganz schlicht fragen könnte: sag mal, was haben deine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht? Wie habt ihr das in der Familie thematisiert, verarbeitet, besprochen? Was habt ihr daraus für Lehren gezogen?

Vielleicht würde dann mal jemand auf den Trichter kommen, daß dieselbe Verächtlichkeit, mit der Juden als Giftpilze und Ratten beschimpft wurden, heute andere Termini benutzt, aber immer noch komplett unverändert sich durch die Zeit gerettet hat. Daß die eigenen Urteile über den Nahostkonflikt vielleicht doch nicht so „unparteiisch“ sind. Weil wir Partei sind. Auch wenn wir es vor uns selbst ableugnen.

Ja, auch die Journalisten, die sich gern als Hohepriester der Ausgewogenheit feiern, haben zuhause noch irgendwo Urgroßmutters Mutterkreuz und ein Bild vom Urgroßvater in Wehrmachtsuniform. Über die nie jemand gesprochen hat. Was das damit zu tun hat, daß sie ständig passiv-aggressive Urteile über Israel fällen, abwertende Begriffe verwerten, die Glaubwürdigkeit israelischer Quellen grammatikalisch anzweifeln? Oh, nichts natürlich, das muß Zufall sein.

Und beim Nachdenken in einer Lesepause dachte ich darüber nach, wie oft ich schon gehört habe, wir sollten aufhören, über die Kreuzzüge zu reden, über das Römische Reich, über den 30jährigen Krieg, die napoleonischen Kriege, die russische Revolution. Schlußstrich darunter, alles olle Kamellen, keiner kann mehr was davon lernen, und es dient ohnehin nur dazu, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden, sich moralisch über sie zu erheben und sie emotional zu erpressen!

Ach, erinnere ich mich falsch? Wird diese Aussage tatsächlich nur und ausschließlich über die NS-Zeit getan? Ist es möglich, daß jeder, der von Schlußstrichen faselt, das tut, weil die Einschläge zu nahe kommen, weil er oder sie nicht imstande oder willens ist, wie ein moralisch erwachsener Mensch vor dem Grauen der Geschichte zu stehen, ohne sich in Distanzierung, Relativierung, Schuldumkehr, Projektion und verlogenen Sündenstolz zu retten?

Einfach erstmal dastehen und fühlen, wie das schmerzt und drückt und unausweichlich ist. Dann daraus ehrliche Konsequenzen ziehen. Den eigenen Vorurteilen, Ressentiments, Verkürzungen und Heucheleien unerbittlich nachjagen. Und sie bei anderen erkennen.

Es ist nicht einfach. Heute traf ich, wie schon so oft, eine ältere Dame, die in alle meine Vorträge kommt. Sie erzählte mir hinterher von den Tagebüchern ihres Vaters, der aus Berlin kam, und daß ihr junge Deutsche beim Lesen und Übersetzen helfen. Sie selbst war nur einmal in Berlin. Vier Tage. Mehr konnte sie nicht.

Hätte ich ihr sagen sollen: ach, aber das hat doch mit dem heutigen Deutschland nichts mehr zu tun?

Das konnte ich nicht. Ich treffe oft Leute hier, die total begeistert sind von Berlin oder Köln oder dem Schwarzwald, und dann freue ich mich, bin erleichtert, daß sie keine negativen Erlebnisse hatten. Aber soll ich dieser Frau versichern, daß heute in Deutschland Juden willkommen sind, daß sie sich furchtlos bewegen können? Noch vor ein paar Jahren war das einfacher, vielleicht habe ich da noch die Augen verschlossen – aber ich habe mich auf die Urteile jüdischer und israelischer Freunde verlassen. Ich selbst bin ja schon länger weg aus Deutschland, als ich dort gelebt habe.

Aber wie bitter ist es, daß ich nur nicken kann, wenn eine alte Dame mir erzählt, daß sie Angst hat, in Deutschland als Israelin, als Jüdin erkannt zu werden, und ich kann nicht sagen: oh, ich bin sicher, daß diese Angst unbegründet ist!

Statt dessen sage ich, „es gibt so viele schöne Orte in der Welt – du hast das Haus gesehen, in dem dein Vater aufgewachsen ist, und wenn du nicht nochmal hinfahren willst, kann ich das gut verstehen“.

Und denke an den jungen Juden in Freiburg, dem niemand geholfen hat, als ihm im Fitneß-Center die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Der danach in einem Interview nichts über die Täter sagen wollte, aus Sorge, Ressentiments zu bestärken, unter denen dann Unschuldige leiden müßten.

Hätten die Studenten, die drumherum standen und nicht eingriffen, anders reagiert, wenn einem Flüchtling eine vergleichbare Aggression entgegengeschlagen wäre? Wäre sie dann alle betroffen gewesen und aktiv geworden? Vielleicht. Gut zu Flüchtlingen zu sein ist ein hoher Wert, weil man sich dann moralisch auf der Seite der Guten fühlen kann. (Was übrigens ein recht schäbiger Grund ist, gut zu Flüchtlingen zu sein, und ich fühle mich etwas garstig, daß mir dieser Verdacht so oft gekommen ist – als ich diesen Rausch der Begeisterung sah, vor ein paar Jahren, der nichts mit den Bedürfnissen der Flüchtlinge zu tun hatte, aber alles mit den Bedürfnissen mancher Helfer.)

Das Entsetzen kam nicht in den 50ern, sondern statt dessen Freßwelle, Reisewelle, Dauerwelle. Dann kamen die 60er, zuerst war man auf der Seite der Guten im Kalten Krieg und dann im Protest gegen Vietnam und Muff unter Talaren. Wie muffig man selbst war, mußte man nicht sehen – Prilblumen draufgeklebt, mit Optimismus weiter. Dann waren es schon nicht mehr die Eltern, sondern die Großeltern, und wer nimmt sich schon zu Herzen, was die Großeltern getan haben? Gut, wir benutzen gern Omas altes Indisch Blau, aber mit Omas geschönten Erinnerungen haben wir doch nichts zu tun!

Und so sind wir immer weiter mit kaltem Herzen, Fingerzeigen auf andere und selbstgerechten Urteilen von einem Jahrzehnt ins nächste gepoltert. Die Bindung an unsere Vergangenheit ist eine unsicher-vermeidende, die sich als Unabhängigkeit tarnt und sich wie ein moralisch unreifer Jugendlicher an Vorschriften klammert als ein Gewissen entwickelt. Daher kommt vielleicht das nach wie vor oft gehörte, „das ist nun mal so, da kann ich ihnen nicht helfen, das ist die Vorschrift“, das Festhalten an den heiligen Kühen – unsere Miele, unsere Mülltrennung, unser Mettigel.

Ja ja, alles Unsinn, wer kann schon ein Volk von 80 Millionen analysieren, ohne überhaupt nur dort mehr Zeit verbracht zu haben als ein paar Jugendjahre? Das hat doch alles mit euch, mit mir, mit uns, gar nichts zu tun. Es waren doch die Anderen, die wirklich Bösen.

Neuanfänge im Alten Oktober 28, 2019, 22:26

Posted by Lila in Kunst, Persönliches.
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Ein neues akademisches Jahr hat angefangen, ich habe weniger Arbeitslast als früher, dafür einige neue Projekte und Ideen. Die erste Woche ist immer wunderbar intensiv, und meine Arbeit macht mir nach wie vor riesigen Spaß. Eine Idee kommt immer zuerst – dann muß die Idee entwickelt werden, ich pflüge mich durch Berge von Gedanken anderer, immer froh, wenn ich sehe, daß meine Idee so noch nicht herumschwebt, aber viele andere, an denen ich mich reiben und von denen ich mich inspirieren lassen kann. Daraus einen Vortrag machen, den dann auch irgendwie rüberbringen, so daß andere mitvollziehen können, was ich mir gedacht habe – die Chemie mit dem Publikum ist nie berechenbar, immer überraschend. Inzwischen unterrichte ich seit über 20 Jahren und sitze wie ein sehr zufriedener Drache auf einer Schatzkiste von gespeicherten Vorträgen zu allen möglichen Themen.

Seit ich mich aus dem akademischen Gewächshaus in die freie Landschaft hinausbegeben habe, fröne ich meiner Lust am Fachübergreifenden, Epochenübergreifenden, und mache mehr oder weniger, was ich will. Ich habe meine Schwerpunkte, aber ich scheue mich nicht, über die Venus von Milo genauso selbstbewußt zu reden wie über Antonis Lick and Lather. Daß ich so verrückt kreuz und quer studiert habe, hilft mir heute. Daß ich geologische Schichten von Obsessionen zu den verschiedensten Themen im Gedächtnis trage, von römischen Familienstrukturen über den niederländischen Befreiungskrieg bis zum viktorianischen Umgang mit dem Tod, hilft mir noch viel mehr.

Ich arbeite immer aus dem Vollen, koche immer den ganzen Topf, auch wenn ich nur einen Löffel Suppe serviere, anders geht es nicht. Manchmal bedaure ich, wenn ich mal gerade eine meiner Meinung nach glääänzende Idee habe, daß die nur in meinen Unterricht, meine Vorträge einfließen wird, aber ich nicht das Zeug dazu habe, daraus etwas Bleibenderes zu bauen. Ich bin gewissermaßen eine Textilwerkerin, die aus vergänglichem Stoff etwas erschafft, das beim Erschaffen glücklicher macht als beim Ansehen, und daß längst zerfallen sein wird, wenn anderleuts Urenkel noch deren steinerne Arbeiten bewundern werden.

Die besten Einfälle kommen mir beim Sprechen, nie am Schreibtisch. Ich plane auch nie genau, was ich sagen werde. Ich habe den Kopf voll mit Ideen, meine Vorträge bestehen ganz klassisch nur aus Bildern, und ich verlasse mich ganz darauf, daß mir schon einfallen wird, was ich sagen will. Der Vortrag muß visuell stimmen, die Bilder müssen am rechten Platz sein, und ich muß meine Ideen dazu schön ordentlich im Kopf haben bzw in Stichpunkten unter den Dias (ich benutze immer noch Powerpoint, ohne Schnörkel, einfacher schwarzer Bildhintergrund, so wenig Text wie nur möglich, eigentlich so wie die klassischen Diavorträge, die ich als Studentin noch erlebt habe).

Erst habe ich viel zu viele Dias, und dann sortiere ich sie langsam aus, bis ich am Ende genau  habe, was ich brauche.

Am Ende dann – archivieren und zum nächsten Thema übergehen. Aber vorher gebe ich mir immer selbst ein Feedback und schreibe mir unter das erste Dia genau, was an dem Vortrag gut war, was nicht, wie das Publikum reagiert hat, wo ich kürzen muß, wo Fragen kamen, wo ich nicht gut genug vorbereitet war usw. Wenn ich dann das nächste Mal das Thema beackere, habe ich einen Ausgangspunkt und kann die Fehler ausbessern.

Da man als Lehrperson selten gründliches Feedback im Anschluß an einen Vortrag erhält („kommt das in der Prüfung vor?“ „und zu welcher Kunstrichtung gehört das nun?“ „wie du das alles im Kopf behältst!“ „was für ein Akzent ist das denn – bist du Holländerin?“ waren über die Jahre weg die häufigsten Reaktionen), muß ich es mir eben selbst geben. Das ist eine der besten Früchte aus meinem Lehramtsstudium, da haben wir das nämlich gelernt – Instrumente zur beruflichen Weiterentwicklung. Dazu dann noch das Feedback am Ende des Semesters, und eigentlich müßte man längst perfekt sein, ist es natürlich trotzdem nicht. Manchmal funktioniert es nicht mit einem Publikum, obwohl ich das Thema liebe und in meinen Vortrag gelockt habe wie einen scheuen Paradiesvogel, an dem mein Herz hängt.

Es ist nicht einfach, sich als frei arbeitende Kunsthistorikerin durchzuschlagen, aber trotzdem bin ich froh, daß sich mein Leben dahin entwickelt hat. Im Moment interessiert mich nichts anderes, als meine neuen Kurse in Gang zu kriegen und ein paar neue Ideen und die Stapel von Büchern um mich herum und die JStor-Artikel auf dem Computer gründlich zu lesen und zu verwursten, was verwurstbar ist. Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf. Ich träume oft von den Sachen, die ich gerade bearbeite, doch leider vergesse ich beim Aufstehen wieder die genialen Theorien, die mir im Schlaf so unvergesslich vorkamen.

Die Welt um mich herum ist unruhig, und wenn ich in die Zeitungen gucke, graust mir. Der Iran kann uns möglicherweise jederzeit angreifen, eine Regierung haben wir immer noch nicht, und Bibi scheint nicht willig oder fähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich aus dem politischen Leben zu verabschieden, bis er seine Prozesse  hinter sich hat. Welche Auswirkungen al Baghdadis Tod haben wird, wissen wir noch nicht, und die Wahlergebnisse aus Thüringen klingen für meine weit entfernten Ohren nicht gut – AfD und Linke als stärkste Parteien… ich möchte nicht aus der Ferne analysieren, und beide Parteien sind zugelassen. Wenn ich Vertrauen in die deutsche Demokratie habe, dann muß ich mich auch darauf verlassen können, daß die Zulassung dieser Parteien den Nachweis ihrer Demokratiefähigkeit bedeutet. Ich möchte sehr hoffen, daß deutsche Parlamente nicht von Anti-Demokraten besetzt werden. Aber daß ich solche Nachrichten mit heiterem Lächeln lese, kann ich nicht behaupten.

Trotzdem habe ich im Moment den Kopf woanders, und bis sich meine Woche ein bißchen „setzt“, wird das auch so bleiben.

Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Wahltag September 17, 2019, 20:57

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
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Wir sind im Deja-vu. Genau dieselben Phrasen, Versprechungen und gegenseitigen Vorwürfe haben wir im April schon gehört. In einer halben Stunde werden die Wahllokale geschlossen und die ersten Hochrechnungen (midgam) werden veröffentlicht. Nach der Peinlichkeit im April, als aufgrund von Hochrechnungen beide Kandidaten ihren Wahlsieg feierten, werden sie diesmal wohl vorsichtiger sein.

Von dem ganzen hektischen Irrsinn um die Wahlen haben wir heute wenig mitgekriegt, weil für die Familie ein Trauertag war. Wir standen traurig auf dem Friedhof im Kibbuz, um einen Jahrestag zu begehen. Heute genau vor einem Jahr haben wir auf tragische Art und Weise eine nahe und sehr geliebte Verwandte verloren. Und so war heute die ganze große Familie versammelt.

Nach dem Besuch des Grabs kam das gemeinsame Essen im Haus meines Schwagers, der noch im Kibbuz wohnt. Ich habe immer große Freude daran, wie der Tisch aussieht, auf dem wir alle mitgebrachten Sachen aufbauen. In Y.s Familie essen alle so wie ich – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Qinoa, Salate, Obst, alles frisch, alles leicht. Ein nicht geringer Anteil der Familie ißt wenig oder gar kein Fleisch, und ein Anteil der Jugend ißt vegan.

Alkohol wird bei diesen Treffen nie getrunken, anders als in der deutschen Familie, wo Wein, Sekt und Prosecco fließen, und zu Weihnachten auch die Feuerzangenbowle….

Nicht auszudenken, wenn ich in eine Familie eingeheiratet hätte, für die eine gute Mahlzeit aus Fleisch, Wurst und Sättigungsbeilage besteht! Gegen ein Gläschen Wein allerdings hätte ich nichts einzuwenden.

Die Familie, die nach der Shoah winzig war, hat sich inzwischen deutlich vergrößert. Alle Vettern, Cousinen, Nichten und Neffen im fortpflanzungsfähigen Alter sind glücklich verbandelt, und viele von ihnen haben energiegeladene Kinder aller Altersstufen, die froh sind, wenn sie im Kibbuz auf der Wiese toben können. Nichts hebt die Stimmung mehr als den Kindern zuzugucken. Tertia hat mit den Älteren Taki gespielt, ein Kartenspiel, und die Stimmung entspannte sich.

Irgendwann fingen dann alle an, von den Wahlen zu sprechen. Alle hatten gewählt. Die geborenen Kibbuzniks stellten fest, daß sie in den letzten Jahren sacht in Richtung Mitte abwanderten (obwohl es immer noch Meretz-Wähler in der Familie gibt ). Man erinnerte sich an die Mapam-Partei, der die Großeltern und eigentlich alle Kibbuzniks selbstverständlich angehörten. Aus Mapam wurde nach dem Zusammenschluß mit Ratz Meretz (alles Abkürzungen), und jetzt hat sich Meretz mit Baraks Partei zusammengeschlossen und das Ganze heißt „Demokratisches Lager“.

Die Eingeheirateten, die teilweise aus konservativeren Häusern kamen, hatten eine ähnliche Wanderung in Richtung Mitte hinter sich. Sonst diskutieren wir solche langsamen Wandlungen politischer Standpunkte eher selten, aber am Wahltag kam die Sprache ganz natürlich darauf. So haben also die meisten Blau-Weiß, einige auch Demokratisches Lager oder Arbeitspartei-Gesher gewählt. Es war eine sehr interessante Diskussion, die sich ähnlich bestimmt in vielen Familien abgespielt hat, egal was sie wählen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind heute nämlich umsonst und gearbeitet wird nicht, so daß viele Leute zusammen Ausflüge gemacht haben oder Familientreffen wie wir.

Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher und warten auf die Hochrechnungen der drei großen Fernsehsender. Es geht um viel. Netanyahu kämpft um mehr als seine politische Karriere. Ohne den Rang als Premierminister gibt es keine Möglichkeit, seinen Vorladungen und Anhörungen eventuell auszuweichen. Aber bei aller Anerkennung für sein Geschick im Eiertanz des Nahen Ostens, für seine Entschlossenheit bei der Verteidigung gegen den vom Iran inszenierten Schattenkrieg, für seinen Verdienst bei der Verbesserung von Israels internationalem Einfluß in vielen früher unerreichbaren Ländern (für die wir mit Verlust anderer Freundschaften zahlen….) – wir alle können und wollen ihn nicht mehr sehen.

Ich bin dafür, daß ein Premierminister nicht öfter als zweimal gewählt werden darf. Ein andermal schreibe ich mal mehr darüber, warum ich bei der Anerkennung seiner Verdienste Netanyahu trotzdem für destruktiv halte. Aber jetzt gucken wir die Hochrechnungen. Das wird eine lange Nacht. Immerhin haben wir gut gegessen. Haltet uns die Daumen.

Häusliches I August 30, 2019, 21:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
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Ja, die Wahlen, ja, die Lage im Süden, und ja, die Lage im Norden auch. Irgendwann setz ich mich hin und schreibe was darüber, aber heute lieber nicht.

Ich achte gern auf kleine Unterschiede zwischen Israel und Deutschland. Manches fällt einem ja erst auf, wenn man weg ist und es nicht mehr automatisch wahrnimmt. So sind Läden und Cafes in Deutschland meist viel polierter und ordentlicher als in Israel. Ja, in den letzten Jahren haben auch hier die vielen neuen Einkaufszentren dieselbe Ästhetik wie überall sonst, aber in kleinen und alten Geschäften sieht man noch die offen verlegten Kabel und nicht ganz zu Ende abgehängten Decken, diese ganze husch-husch-schon-fertig-Bauweise, die israelische Handwerker wohl für die beste halten.

Allerdings, ich muß zugeben, daß sie sich allgemein in den letzten 15 Jahren verbessert haben, und in neuen Häusern kommen die krumm verlegten Fliesen, unsauber verputzten Ecken und farbbekleckerten Fußleisten nicht mehr vor, die mir früher so oft auffielen. (Wobei, klar, Kibbuz – da bekam manchmal Moishele oder Ruvkele das Werkzeug in die Hand gedrückt, mach mal, und lernte im Laufe der Arbeit).

Früher waren fast überall Terrazzo-Fliesen verlegt. Sie waren so charakteristisch für Israel, daß der Künstler Tsibi Geva ihnen ganze Serien widmete. Ich erinnere mich, als ich in den Kibbuz kam und dort lernen mußte, wie man Terrazzo am besten putzt.

Die Technik heißt sponga machen, keine Ahnung warum, denn einen Schwamm benutzt man nicht. Es ging so: man nimmt einen Eimer Wasser und schüttet ihn auf dem Boden aus. (Da Kibbuzniks keine kostbaren Teakmöbel hatten und man vorher sowieso durchgefegt und alle Stühle hochgestellt hatte, ging das). Dann nimmt man so einen Abzieher, na so ein Ding mit Gummilippe – ja, ich weiß nicht mal, wie das Ding auf deutsch heißt, denn aus Deutschland kannte ich nur Schrubber und Aufnehmer. Aber einen Schrubber besitze ich bis heute nicht, und für israelische Böden braucht man ihn auch nicht.

Auf Hebräisch heißt so ein Bodenwisch-Gummidings magav, aber nur in unserem Kibbuz heißt er magrof.

Also, man legt den Aufnehmer (smartut – so nennt man auch feige, träge Menschen) um den magrof und wischt damit in der Wassermasse rum, am besten in Richtung Ausgang. Damit wird der Schmutz entfernt.

Als nächstes zieht man mit dem magrof den Boden schön ordentlich ab. Der letzte Arbeitsgang ist dann mit dem gut ausgewrungenen, sauberen Aufnehmer. Damit putzt man den Boden blank.

Für Kindergarten, Altersheim, Wäscherei und all die andren Arbeitsplätze, die ich im Laufe der Jahre geputzt habe, war das eine sehr gute Methode. Viel Bodenfläche, zweimal am Tag so geputzt, immer frisch und sauber. Terrazzo nimmt keinen Schmutz an – nur gegen Säure ist er empfindlich, und wo das Glas Limonade mal hinfiel, das sieht man gegen das Licht jahrelang.

Mir kam diese Methode seltsam vor. Einfach so einen Eimer Wasser ins Haus kippen? Aber Judith und Lili, die mich im Kindergarten anlernten, beharrten darauf. Doch dann das Dilemma: Judith sagte, je heißer das Wasser, desto hygienischer. Lili dagegen fand kaltes Wasser sinnvoller, weil der Boden sonst in Streifen antrocknet. Außerdem ist es so schon heiß genug.

Gut, daß die beiden selten am selben Tag arbeiteten. An Judith-Tagen wurde eben heiß geputzt, an Lili-Tagen kalt.

Alle Kibbuzniks putzten so auch ihr Haus (ja, viele Männer habe ich Boden putzen gesehen), und ich habe mir sagen lassen, auch in der Stadt wurde so sponga gemacht, und bestimmt machen viele es noch immer so.

Jetzt habe ich sponga für die Jeckerei mal gegoogelt, und tatsächlich, es ist DIE Methode, in Israel Boden zu wischen. Das Wort squeegee hatte ich schon fast vergessen!

Inzwischen ist Terrazzo aber aus der Mode gekommen. Die meisten neuen Häuser und Wohnungen haben entweder Keramikfliesen als Bodenbelag, oder hochglänzenden Marmor, oder granit porzellan, keine Ahnung, ist das Feinsteinzeug? weiß es jemand?

Wir haben naturfarbenes, rauhes granit porzellan, fühlt sich barfuß wunderbar an, sieht auch schön aus, ist aber so unregelmäßig, daß es schwer zu putzen ist. Bei der sponga-Methode würden überall Pfützen stehenbleiben, ich gehe also mehrmals mit Aufnehmer und Abzieher drüber, so mittelnaß bis trocken.

Vielleicht sollte ich sogar mal einen Schrubber in Betracht ziehen? Ich weiß nicht mal, wie der auf Ivrit  heißt, vielleicht Bodenbürste? Am Ende kehre ich dann zu Omas Methoden zurück und rutsche mit der Bürste auf den Knien hier rum, um dieses verflixte Material sauberzukriegen? Die sponga-Methode hatte ihre Vorteile, es geht nämlich ruckzuck und fühlt sich prima an, weil „was naß ist, gilt als sauber“, wie der Merkspruch der Armee beim Putzen lautet 😀

Ja, das war eine Umgewöhnung.

(Ich hab noch mehr, aber das war jetzt erstmal genug 🙂 )

Unerträgliche Gewalt, und ein Strom Erinnerungen August 28, 2019, 9:16

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kinder, Persönliches, Uncategorized.
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In den letzten Monaten wird Israel von immer neuen Fällen grauenhafter Gewalt gegen Kinder in Kindergärten erschüttert. Seit fast überall Kameras installiert sind (oder installiert wurden, nachdem Eltern das Verhalten ihrer Kinder seltsam vorkam), werden Vorfälle sichtbar, die früher nie aufgefallen wären.

Es fällt auf, daß es sich dabei überwiegend um schlecht oder gar nicht ausgebildete Frauen handelt, die private Einrichtungen betreiben. Obwohl es ein Gesetz gibt, das die regelmäßige Überwachung des Ministeriums für Bildung und Erziehung vorschreibt, gilt das nicht für Kleinkind-Aufbewahrungsanstalten unterhalb einer bestimmten Größe. Oft arbeitet dort eine Frau allein oder zwei, beide unausgebildet, überfordert, mit so viel Kindern, wie die Geldgier in die Einrichtung holt.

Ich habe jahrelang in Kinderhäusern des Kibbuz gearbeitet, und alle meine Kinder waren selbst im Kinderhaus. Zu meiner Zeit waren noch keine Besuche vom Amt üblich, die Kibbuz-Erziehung regulierte sich selbst. Erst als ich schon außerhalb arbeitete, änderte sich der Status der Kinderhäuser, und die Frau vom Amt kam regelmäßig. (Im Fall des Kibbuz-Kindergartens hatte das zur Folge, daß sie einen komplett überflüssigen, aber sehr teuren Metallzaun forderte, obwohl alle Kinderhäuser mitten im Kibbuz liegen – außerdem beförderte sie einige liebe alte Kibbuz-Traditionen in den Müll, und da die Kindergärtnerin zu der Zeit selbst von draußen kam, kämpfte sie auch nicht darum – bin ich heute noch sauer drüber, aber Schwamm drüber).

Wir waren immer zu viert, hatten oft noch eine Schülerin als Hilfe. Mindestens zwei im Team waren voll ausgebildet (vier Jahre Studium an der PH, Abschluß mindestens Dipl-Päd, oft dazu noch B.Ed. oder auch M.Ed. in Frühpädagogik), die anderen wurden oft zu kurzen Kursen geschickt (ich habe z.B, mal einen kurzen Kurs über musikalische Früherziehung gemacht, was ich später im Studium als zusätzlichen Kurs vertieft habe, obwohl es nicht zu meinem Fach gehörte, aber die Dozentin war DIE Koryphäe Israels zum Thema).

Im Kibbuz ist es auch so, daß ständig Leute in den Kindergarten zu Besuch kommen. Die Oma kommt vorbei, der Bruder, die Freundin der Kindergärtnerin, und es gibt die Situation mit dem hermetisch geschlossenen Raum nicht, in dem nur hilflose Kinder und eine überforderte Frau ohne Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder sind.

Der Kibbuz sah alle pädagogischen Berufe als besonders wertvoll an und nicht jeder Bewerber, der vom Kibbuz zum Studium geschickt werden wollte, wurde auch unterstützt. Daß ich mit der ersten Bewerbung vom Kibbuz als Studentin angenommen und zum Studium geschickt wurde, war eine echte Ehre und es hat mich enorm motiviert.

Kindergärtnerin (ich benutze das Wort übrigens bewußt, da das hebräische Wort tatsächlich Gärtnerin ist, ganenet) galt damals, ich weiß nicht, wie es heute ist, als hoch respektierte, verantwortungsvolle Arbeit. Über jemanden zu sagen, „sie ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin“ bedeutete Ehre.

Im Kibbuz gibt es einen Erziehungsausschuß, dem Männer und Frauen angehören, die regelmäßig alle Kinderhäuser besuchen und mit dem pädagogischen Team wichtige Entscheidung treffen. Zu meiner Zeit wußte jeder im Kibbuz, wer den Ausschuß gerade leitet, er galt als einer der wichtigsten überhaupt. (Mein Schwiegervater hat das eine Zeitlang gemacht). Für das „zarte Alter“ gibt es immer eine extra Verantwortliche, immer ausgebildete Pädagogin und meines Wissens bisher immer weiblich, die bei Problemen immer dabei ist.

Einmal alle sechs Wochen hatten wir Besuch von einer Kinderpsychologin „von draußen“, die auch in der pädagogischen Station der PH arbeitete. Eltern und Team konnten um die Beobachtung einzelner Kinder bitten, wenn sie das Gefühl hatten, sie brauchten Hilfe.

Regelmäßig kam die Tanzpädagogin und lud Kinder in ihr Zentrum ein (sie ist eine Kindheitsfreundin von Y.s jüngster Tante und war immer besonders nett zu unseren Kindern, die alle gerne in ihrem Zentrum war – das ich Kibbuzbesuchern immer noch gern zeige). Ebenso die Kunsttherapeutin, und, als er noch gesund war, der Logopäde des Kibbuz.

Mindestens einmal die Woche arbeiteten Eltern einen Tag lang mit, und oft kamen Großeltern, um mit den Kindern zu backen oder ihnen was vorzulesen.

Es ist kein Wunder, daß ich mich Hals über Kopf in diese Umgebung verliebt habe und mein Traum war, eigene Kinder dort aufwachsen zu sehen.

Und doch. Ich erinnere mich, daß eine der Kindergärtnerinnen, mit denen ich gearbeitet habe, zwar ausgebildete Pädagogin war, aber eigentlich keine Kinder mochte. Alles, was die Kinder taten, war ihr zum Tort. Das war kein großer Kindergarten (gan), sondern ein kleiner (ganon) mit 12 Kindern und einem Team von vier. Ich habe noch ihre nörgelnde Stimme im Ohr, die auch meiner Mutter sofort auffiel. Sie führte den Kindergarten ordentlich, die Kinder bekamen alle Aktivitäten geboten, die sie gern mochten, der Kibbuz-Kinderhaus-Tagesablauf wurde eingehalten, aber die Atmosphäre war mies, besonders im Vergleich zu anderen Kinderhäusern, wo Leute arbeiteten, die Spaß an der Arbeit und an den Kindern hatten. (Die erste Kindergärtnerin, mit der ich als Volunteer schon arbeitete, hat später Sonderpädagogik studiert und war eine der besten Pädagoginnen, die ich je getroffen habe).

Hat diese mißmutige Frau den Kindern Schaden zufügt? Ich weiß es nicht. Sie müssen gespürt haben, daß sie für Tränen, Wutanfälle oder Kinderstreit kein Verständnis hatte und einige der Kinder wirklich nicht mochte. Wie lange hat sie in der Erziehung gearbeitet? Drei Jahre? Vier? (Heute arbeitet sie längst in einem Bürojob außerhalb des Kibbuz, Personalleiterin irgendwo, hoffentlich mag sie die Leute dort lieber als die Kinder). Wie wichtig war ihre Rolle, verglichen mit den anderen Mitarbeiterinnen, die auch viel mit den Kindern zu tun hatten, und der Galaxie von Menschen, die um die Kinder kreisten?

Dann erinnere ich mich an eine im Kibbuz hoch angesehene Frau, sehr intelligent und theoretisch sehr beschlagen. Ich erinnere mich, wie ich als ungelernte junge Mutter in ihrem Kindergarten arbeitete (es war einer der drei Kindergärten fürs Vorschulalter, knapp unter 30 Kinder zwischen viereinhalb und sechs Jahren). Ich interessierte mich damals schon für Kinderkunst, und sie gab mir sehr gute Erklärungen dazu (ich habe das Thema später selbst studiert und eine Zeitlang auch unterrichtet – die Expertin für das Thema an der PH hätte mich gern als Nachfolgerin gesehen und ich  habe eine Rede auf sie gehalten, als sie pensioniert wurde). In vieler Hinsicht habe ich sie bewundert. In ihrem Kindergarten habe ich den Krieg von 1991 verbracht, und sie hat es bewundernswert geschafft, die ganz normale Routine trotz abgedichteter Fenster und Gasmasken weiterzuführen, als wäre nichts.

Aber sie konnte, wenn sie ärgerlich war oder ungeduldig, eine scharfe, schneidende Stimme bekommen. Ich erinnere mich bis heute an eine winzige Szene. Ein besonders sensibler Junge (heute selbst 3facher Vater) hatte irgendwas ausgefressen oder vergessen, weiß nicht mal mehr was. Er war auf dem Weg nach draußen, da rief sie ihn beim Namen. Er erfror  an Ort und Stelle, und ich sah sofort, daß er Angst hatte vor ihr. Die anderen Mitarbeiterinnen und ich haben nie darüber gesprochen, aber wir haben bestimmt alle gemerkt, daß ihr eine gewisse Wärme fehlte, die die Arbeit mit Kindern sehr erleichtert. Wir haben dann versucht, das auszugleichen.

Mit ihr habe ich eine Szene erlebt, die einem heute unglaublich vorkommt. Aber so war der Kibbuz damals bzw konnte er sein.

Eine Familie kam „aus der Stadt“ in den Kibbuz, weil der Sohn an Krebs erkrankt war. Die Mutter war Kibbuz-Tochter (bat kibbuz), und ihre Mutter lebte noch dort. Die größeren Kinder wurden von der Oma betreut, während Vater, Mutter und jüngster Sohn ins Ausland flogen, um dort eine besondere Behandlung für den Sohn zu bekommen. (Er ist heute ebenfalls verheiratet und Vater und ganz gesund). Es war eine schwierige Situation für die Familie, und der Kibbuz half. Ich mochte die Mutter und Oma besonders gern.

Die Tochter war bei uns im Kindergarten, bei der klugen-doch-kalten Kindergärtnerin. Sie war ein sehr intelligentes Mädchen und verkraftete die Situation eigentlich ganz gut. Die Eltern im Ausland, der kleine Bruder schwer krank, auf einmal in den Kibbuz und zur Oma versetzt, die ganz anders erzog als die Eltern.

Nach Monaten kamen die Eltern wieder, dem Sohn ging es viel besser. Die Mutter bat um ein Gespräch mit uns, dem Team des Kindergartens. Sie wollte hören, wie es ihrer Tochter ergangen war, und sie hatte auch eine Bitte.

Sie bat darum, zweimal die Woche die Tochter schon nach dem Mittagessen statt nach dem Mittagsschlaf nach Hause mitzunehmen, also um halb zwei statt um vier. (Vier Uhr nachmittags, wenn die Kinder nach Hause geholt werden, ist die wichtigste Stunde des Kibbuz-Tagesablaufs!) Sie wollte die beiden älteren Kinder abwechselnd jemals zweimal die Woche für ein paar Stunden one-on-one nach Hause holen.

Jeder normale Mensch würde sofort JA sagen, warum denn nicht? Aber unsere Kindergärtnerin wies dieses Ansinnen sofort, ohne nachzudenken und mit Empörung von sich. Ihre Argumente? Ihr kennt solche Situationen, eigentlich gab es keine. Sie hatte noch nie so eine Bitte erfüllt und wollte es darum auch diesmal nicht tun, das war eigentlich ihr einziger Grund. „Sowas hat es ja noch nie gegeben, damit fangen wir gar nicht erst an, wohin kämen wir denn, was sollen die anderen Eltern und Kinder denken“ und so weiter. Der heilige Tagesablauf war für sie in Stein gemeißelt. (Ja, ihre Eltern waren Jeckes, falls ihr das wissen wolltet).

Wir anderen Mitarbeiterinnen guckten uns ratlos an. Keine von uns verstand, warum die respektierte Chefin sich so anstellte. Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mal mehr – ob die Mutter sich an die Vorsitzende des Erziehungsausschusses wandte, die sehr herzlich und lieb war, oder ob sie sich eine andere Idee einfallen ließ. Das Mädchen kam kurze Zeit später in die Schule, die ganze Familie blieb noch etwa 2 Jahre im Kibbuz und zog dann weg (wir zogen in ihr Haus und die Mutter, mit der ich mich gut verstand, kam noch ein paarmal zu Besuch).

Ja, da waren wir an die Grenzen dieser Frau gestoßen, die auch kurz darauf die Pädagogik verließ und seit vielen Jahren einen wichtigen Posten im Kibbuz erfolgreich erfüllt. Wenigstens war es im Kibbuz so, daß man nicht aus wirtschaftlichen Gründen in einem Job bleiben mußte, man konnte wechseln, Zusatzausbildungen machen, etwas ausprobieren.

Aber gehen wir eine Generation zurück. Mein Mann ist ja im Kinderhaus aufgewachsen, er hat nie auch nur eine Nacht im Elternhaus geschlafen, dort gab es kein Kinderzimmer und kein Bett für die Kinder. Er hat eigentlich nur schöne Erinnerungen, hing sehr an seinen Freunden aus der Gruppe (hängt immer noch an ihnen), und einige seiner früheren Betreuerinnen erzählten mir, wie besonders nett und schüchtern er als kleiner Junge war.

Besonders schön fand er immer den Shabat-Morgen. Jede Woche hatte ein anderer Elternteil dann die Verantwortung für die Kinder, machte das Frühstück und spielte bis 10 mit ihnen. Dann kamen die anderen Eltern und holten die Kinder ab. Y. erinnert sich bis heute an die besonderen Mahlzeiten, die jeder Erwachsene für die Kinder machte, an den einen Vater, der wild mit den Kindern tobte, und eine besonders nette Mutter, die die Kinder gern verwöhnte. Er hatte zu einer ganzen Welt von Menschen Beziehungen, und die bestanden noch lange.

Aber die Kindergärtnerin, die Kindergärtnerin. Vor der hatten alle Angst. Drei Jahre hat diese Frau über die Kinder geherrscht. Y. und seine beste Freundin haben manchmal nachts überlegt, wie man sie loswerden könnte, aber es fiel ihnen nichts ein. Sie hat die Kinder gedemütigt, besonders solche, die Probleme hatten, die Bettnässer, die Schüchternen, aber auch die Frechen. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber die ganze Gruppe erinnert sich mit Grauen an sie. Ja, die Eltern kamen zu Besuch und sie waren jeden Abend bei den Eltern. Ja, nachts wurden sie von wechselnden Nachtwachen betreut, tagsüber war das Team auch groß, aber die Kindergärtnerin hatte die pädagogische Verantwortung.

Y. ist keiner, der sich über seine Vergangenheit beklagt, auch die härtesten Geschichten erzählt er gleichmütig und meint, „ach, es war auch irgendwie interessant, und zu der Zeit ist mir nicht aufgefallen, daß es eigentlich ziemlich schlimm war“. Ich habe also nie viel über diese Kindergärtnerin erfahren. Aber alle Kinder der Gruppe haben sie als angsterregend in Erinnerung.

Wer weiß, was sie ihnen zugezischt hat, wenn es keiner hörte? was für Blicke sie ihnen zuwarf? Sie war es wohl nicht, die ihnen die Haare wusch, das erledigten die Mitarbeiterinnen (metaplot), und überhaupt wurden Kibbuzkinder von klein auf zu Selbständigkeit erzogen. Ob sie also Gelegenheit hatte, körperlich rauh mit den Kindern umzugehen, oder sie sogar zu Körperstrafen griff, das weiß ich nicht. Körperstrafen waren in der Kibbuz-Erziehung komplett tabu. Aber die Kinder waren dieser Frau ausgeliefert, und im Erziehungssystem damals waren die Eltern machtlos.

Eine Studienfreundin von mir hat ihre Magisterarbeit über die Beziehung von Müttern und Töchtern im Kibbuz zur Zeit der lina meshutefet, des „gemeinsamen Schlafens“ geschrieben, dh, die Zeit der Kinderhäuser und kinderbettlosen Elternhäuser. Sie hat mir mal erzählt, daß die Mädchen ihre Mütter als komplett machtlos erlebten und sich darum gar nicht erst um Hilfe an die Mütter wandten. Sie war übrigens mit Y.s Schwester in einer Jahrgangsstufe.

Oh nein, ich falle hier ins Kaninchenloch, das hatte ich gar nicht vor, als ich anfing zu schreiben.

Meine eigene Zeit im Kindergarten. Hatte ich Angst vor der Kindergärtnerin? Nein, sie war eigentlich ganz nett, obwohl unser katholischer Kleinstadtkindergarten so strikt geregelt war, daß mein Mann sich kaputtlacht, wenn ich davon erzähle (in der Kibbuzerziehung stand auch in den 60er Jahren schon freie Entfaltung höher im Kurs als Ordnung und Sauberkeit). Der Knicks, wenn ich mit meinem Körbchen in der Hand um neue Spielsachen bat, die in Schubladen sortiert waren. So war das damals. Die Kindergärtnerin ging auch rum beim Zeichnen und radierte aus, was nicht gut genug gemalt war. (Mein Igel! bis heute tut es mir leid, daß sie mir den Igel neu gemalt hat, ich fand ihn so schön.)

Überhaupt, daß immer ein Thema beim Malen vorgegeben war – Schneemänner, Marienkäfer. Ich weiß noch, wie froh ich war, im Kibbuz zu sehen, daß den Kindern das Material hingestellt wird, und sie können damit machen, was sie wollen. Diese ganze Besessenheit mit Basteln nach Vorlagen, sauber ausschneiden, was Nützliches machen, das gibt es in der Kibbuz-Erziehung nicht, so eine Erleichterung für mich, die nie gut nach Vorlagen gearbeitet hat. Das war aber bei uns im Kindergarten sehr wichtig.

Ich hatte Angst vor der Leiterin. Und so habe ich eines Tages meinen Freund Thomas, den ich wohl immer ziemlich rumkommandiert habe, der arme Kerl, überredet, wegzulaufen. Wir wollten den ganzen Tag im Wallgraben Abenteuer erleben, aber wir waren noch nicht weitgekommen, da hatte Fräulein Maria uns schon wieder eingefangen. Und die war streng. An Konsequenzen erinnere ich mich nicht mehr, aber an den schrecklichen Moment, als Fräulein Maria mit dem Fahrrad neben uns hielt, um uns zurückzubringen, erinnere ich mich genau. Ich weiß noch genau, wo das war.

Mein Bruder war später in einem anderen Kindergarten, wo ich es so toll fand, daß ich oft zu Besuch kam. Er selbst fand es stinklangweilig und haute oft ab.

Eigentlich sagt es alles, was man über meinen Bruder und mich wissen muß. Ich versuche einmal abzuhauen, werde sofort erwischt und mit Schimpf und Schande zurückgeführt. Mein Bruder macht über Monate hinweg dauernd Kindergarten blau und fängt statt dessen Kaulquappen im Wallgraben, und alle glauben seine Ausreden und lachen, als sie es rausfinden, warum er immer so dreckig wiederkommt bzw nie im Kindergarten ankommt.

Trotz der Strenge habe ich keine Angst im Kindergarten erlebt, nur Momente der Scham.

Ich frage mich aber heute, wie viel Gewalt Kindern wirklich geschieht. Von überforderten Betreuern, die den Eltern vorspielen, wie gern sie die Kinder haben, aber dann die Kinder auf die Bettchen knallen und ihnen zumurmeln: ich wünschte, du wärst tot, und die Kinder können es niemandem erzählen. Die Eltern merken erst, was los ist, wenn das Kind sich selbst immer wieder haut und sagt: jetzt schlafen, jetzt schlafen!, und dann kommt die Aussprache mit anderen Eltern, die Kameras, und die Aufnahmen.

Und wie viel Gewalt gibt es zuhause? Wenn die Kinder sich stundenlang gestritten haben, der Tag endlos scheint, niemand zuhört oder hilft, wenn die Freundinnen sagen, „du hast es gut, du arbeitest nicht“, wenn man das alte Leben zurückhaben will und sich fragt, warum man sich das überhaupt angetan hat, diese rebellische, nie zufriedene, immer fordernde Kinderschar. Ich hatte Glück mit meinem Partner, der nie Verantwortung auf mich abgeschoben hat, um seine Ruhe zu haben, Glück mit der Familie, die immer geholfen hat, Glück mit dem Kibbuz, der immer professionelle Hilfe und Unterstützung bot. Aber an Momente riesiger Frustration erinnere ich mich auch, wenn Geduld wie ein kostbarer Rohstoff in einem fernen Kontinent erschien, an den man einfach nicht kommen kann, wenn ich sie alle nicht mehr sehen oder hören wollte. Wie weit ist man dann entfernt davon, den Kindern mal so richtig Angst einzujagen, wie mein Vater es immer gemacht hat, wenn er ratlos war? Damit einfach mal Ruhe ist?

Wie gesagt, ich hatte Glück. Wenn ich am Anschlag war, konnte mein Mann oder meine Schwiegermutter oder die gute Esther helfen, ich hatte auch immer die Arbeit, und meine erprobte Methode gegen Frust jeder Art ist ein gutes Buch und Tür zu. Und die meiste Zeit hatte ich die Geduld und auch viel Spaß an den Kindern, und durch meine viele Arbeit mit Kindern auch Verständnis für ihre Bedürfnisse und Krisen, schon vor meinem Pädagogikstudium.

So habe ich im Kibbuz-Kinderhaus gelernt, daß man nie zu einem Kind sagt: böses Kind!, nie seinen Charakter in Zweifel zieht oder es verbal demütigt oder angreift. Die Formel der Zurechtweisung im Kibbuz heißt: hitbalbalt(a), du hast einen Fehler gemacht, du hast dich vertan. Das bedeutet: wenn du Noam mit dem Bauklotz auf den Kopf geschlagen hast, war das nicht, weil du ein böses Kind warst, sondern weil du für einen Moment vergessen hast, daß wir uns nicht gegenseitig hauen. Aber wenn du es nicht wieder tust, ist alles in Ordnung. Als ich diese Regel begriffen hatte, war ich sehr begeistert, und ich wünschte, in meiner Kindheit hätte es sie auch gegeben. Dann würde ich vielleicht nicht die Stimmen in meinem Kopf hören, die mir böse Dinge über mich selbst erzählen und ganz wie mein Vater klingen.

Oh, noch eine Erinnerung. Vor ein paar Monaten in Nahariya. Ich quatschte in meinem Lieblingsgeschäft, dem Woll-Laden, mit der Verkäuferin, mit der ich mich angefreundet habe (auch eine alte Kunstlehrerin). Die Tür stand offen. Auf der Straße gegenüber sahen wir eine Familie. Der Vater trat nach einem der Söhne, der Sohn weinte und humpelte. Wir beide schossen wie Hornissen aus der offenen Ladentür und schrien den Vater an, der sich um nichts kümmerte. Die Familie ging weiter. Wir riefen dem Jungen zu: du bist in Ordnung, dein Vater hat kein Recht, dich zu treten! auch wenn er sich ärgert, das darf er nicht! und dem Vater drohten wir, die Polizei zu rufen. Dann sahen wir uns hilflos an, während die Familie verschwand.

Ich kann Reportagen über die Gewalt in Kindergärten nicht sehen, ohne mich zu fragen, wie viel Gewalt auch zuhause geschieht, im Sportverein, überall. Ich fühle unbändigen Zorn auf die Menschen, die Kindern solchen Schaden zufügen, Verletzungen, an denen die Kinder immer zu tragen haben werden. Diese Kindergärtnerinnen sind in ganz Israel so verhaßt, daß einer von ihnen das Haus angezündet wurde, und sie sind in aller Augen das Ganz Andere, Monster, Seelenmörder.

Aber ich fühle auch, wie nah ich selbst in Momenten des Ärgers dran war, wie schmal der Grat überhaupt ist, wie unmöglich es ist, die eigenen Standards als Eltern immer einzuhalten. War ich wirklich so geduldig, wie meine Mutter mich immer lobt? Wenn ich die Kinder frage, erinnern die sich an Ungerechtigkeiten (die sich im Rückblick relativieren, wie Primus zugibt, die aber damals lebenswichtig schienen), aber Angst hatten sie nicht vor uns.

War ich gemein zu meinen Kindern, wenn sie in der Pubertät mit Präzision meine Schwächen bloßlegten, mich auslachten? Wo ziehen wir die Grenze, was ist verständliche elterliche Reaktion in einer Auseinandersetzung, wo fängt das Unvertretbare, das Böse an? Ist das jetzt zu persönlich? Aber wer hat Kinder und kennt diese Momente nicht, wenn man dringend Hilfe braucht, weil man an die Grenze zur Überforderung stößt? Wer hat noch nie gehört, daß aus dem Nachbarhaus oder vom Nachbartisch die Stimme der elterlichen Frustration klingt? Was tun wir dann, wie helfen wir? Wie nehmen wir auch Druck von den Eltern, die in der Öffentlichkeit die Kinder ruhig und brav halten wollen, was die Kinder natürlich spüren?

Das ganz große Tabu, Gewalt gegen Schwächere, Schutzbefohlene.

Vorfreude August 21, 2019, 9:03

Posted by Lila in Persönliches.
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Gleich fahre ich nach Nahariya, Wolle kaufen. Ich habe nämlich vor, einen Schmusehasen zu häkeln, für ein Baby, das demnächst zur Welt kommt. Seit ich das wunderbare Buch von Kerry Lord entdeckt habe, mit unglaublich schönen Tieren, habe ich schon mehrere Hasen und Elefanten und einen Fuchs gehäkelt.

Das ist Primus mit den ersten Tieren – da hatte ich das mit dem Gesicht-Aufsticken noch nicht so raus.

Das ist der Fuchs.

Ein kleines Häschen,

und noch eins.

Alle wollen Häschen, dabei möchte ich eigentlich das Erdferkel häkeln! Die Tiere werden so schön weich und schlenkerig, nicht so prall wie Amigurumi sonst gehäkelt wird.

Ich habe mir gleich noch ein anderes Buch von Kerry Lord gekauft, über Puppen, und wenn ich die Zeit hätte, würde ich nichts anderes tun als solche Sachen herzustellen.

Jetzt muß ich aber los. Die Wolle ruft.

Veränderungen August 20, 2019, 21:51

Posted by Lila in Persönliches.
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Bei uns hat sich eigentlich nicht viel getan in meiner Blogpause. Quarta beendet ihren Wehrdienst im Oktober, und das wird eine Umstellung. Ich habe ja eine Weile gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe, daß der Schulbus nicht mehr für mich unser Sträßchen runterbraust. Eine Weile habe ich noch automatisch gezuckt und gedacht: Mist, ich habe nichts gekocht!, aber irgendwann ist der Groschen gefallen. Und dann haben Y. und ich angefangen, so etwa ein Jahr nachdem alle Kinder die Woche über aus dem Haus waren, das so richtig zu genießen.

Ab Oktober also wird Quarta vermutlich noch eine Weile zuhause wohnen, und ich weiß noch nicht genau, wie wir uns wieder aneinander gewöhnen. Jetzt ist es schön, wenn sie am Wochenende kommt, aber Y. und ich haben den Schalter von „Eltern“ auf „Paar mit erwachsenen Kindern“ umgelegt. Mal sehen, wie das wird. Quarta ist ja auch erwachsen geworden. Sie erfüllt ihre Aufgaben mit beeindruckendem Fleiß und entwickelt echte Führungsqualitäten.

Primus lebt und studiert in Deutschland, Secundus war anderthalb Jahre lang im Ausland und studiert jetzt in Israel, Tertia arbeitet nach ihrem B.A. hier in der Nähe, wohnt allein, kommt oft zu Besuch und wird bestimmt weiterstudieren.

Schwiegereltern, Familie, Geschwister, tfu tfu tfu, alle gesund und vergnügt. Meine geliebten Nichten sind auch alle unterwegs in Erwachsenenleben, und in der erweiterten Familie sind viele Kinder geboren worden.

Vor zwei Wochen hatten wir ein Familientreffen im Schwimmbad des Kibbuz. Wir waren ein richtig großer Haufen mit vielen fröhlichen Kindern. Das habe ich sehr genossen. Wir haben gepicknickt, alle was mitgebracht, und da wir uns vorher  nicht abgestimmt hatten, gab es praktisch nur Pasta-Salate und Käsekuchen, aber in vielen Variationen! Das war lustig.

Es ist zehn Jahre her, daß wir ins Auge gefaßt haben, aus dem Kibbuz wegzugehen, und im Dezember können wir auf zehn Jahre Auszug aus dem Kibbuz zurückblicken. Ich habe manchmal Heimweh, aber mehr nach dem Kibbuz, wie ich ihn in Erinnerung habe, auch nach der Vergangenheit, als die Kinder noch klein waren…, als nach dem wirklich existierenden Kibbuz, wie er heute ist. Wir fahren gern und regelmäßig hin, und in vieler Hinsicht bleiben wir Kibbuzniks. Aber der Alltag ist schon einfacher, wenn einem nicht an jeder Ecke Ruchkele und Rivkele erklären, was sie von der Erziehung halten, die wir unseren Kindern gegeben haben.

Also alles harmonisch bei uns, bis auf die normalen Irritationen des Alltags.

Und was ich davon halte, daß wir innerhalb eines halben Jahres zweimal Wahlen haben und sich die Parteien- und Kandidatenlandschaft von einer Wahl zur anderen dramatisch geändert hat – das wollt ihr heute doch noch nicht wissen! Meine Gedanken über Bibi und Gantz, Lapid und Lieberman, Shaked und Horovitz, die werde ich noch zum Besten geben, und ihr könnt sie euch sowieso denken 😀

Eine Geschichte vom letzten Sommer August 20, 2019, 1:13

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Wer hier länger mitliest, kennt die Geschichte von den Urgroßeltern meines Mannes, Henriette und Bernhard F. aus Essen. Letztes Jahr habe ich ihr Grab gesucht, das es in Essen noch geben müßte. Im Internet ist es eindeutig identifiziert.

Sie wurden allein begraben, ohne Gegenwart ihrer Töchter. Die eine schuftete in einem Kibbuz im Mandat Palästina, die andere war in Moskau. Sie starben allein und ich weiß nicht, wer sie begraben hat – die Gemeinde, vielleicht Verwandte oder Freunde (das werde ich aber, wenn möglich, noch herausfinden). Henriette und Bernhard jedenfalls haben und hatten, was viele ihrer Verwandten und Freunde nicht bekommen haben – Grabstätte, Grabstein und eingemeißelte Namen. Doch daß ihre Töchter das nicht wußten, kann man annehmen. Sie kehrten nicht nach Essen zurück, nur auf einen kurzen Besuch kam meine Schwieger-Oma, und der führte sie nicht auf den Friedhof.

Der Grabstein, das sah ich auf den Bildern im Internet, ist bei der Bombardierung der Stadt Essen beschädigt worden.

Nun lief ich also dort, wo der Friedhof gewesen sein sollte, an einem heißen Tag im letzten September dort herum. Und es war nicht irgendein Tag – es war ihr Todestag. Aber wo ich rumlief, waren keine Grabsteine, sondern Rasenflächen und ein Kinderspielplatz. Es war ein städtischer Park. Ich fühlte mich komplett verwirrt. Bis ich zwischen Bäumen und Sträuchern alte Grabmäler sah. Jüdische und christliche.

Ich bin lange dort rumgelaufen, sogar über einen Bauzaun geklettert, um doch noch einen Zugang zu dem alten Friedhof zu finden, der dort doch sein mußte. Mein Herz war so schwer, weil ich dachte: es darf nicht wahr sein, der Friedhof ist eingeebnet, und nicht einmal ein Grab hat man Henriette und Bernhard gelassen.

Fast hätte ich aufgegeben und hätte mich in die Bahn gesetzt. Statt dessen habe ich mich in ein Cafe gesetzt und beschlossen, ich finde raus, was mit dem Grab passiert ist. Und bin in die Synagoge gefahren, die schöne, große Synagoge in Essen.

Dort habe ich mir erstmal alles angesehen – das Gebäude ist beeindruckend, und die kleine Ausstellung oben ist sehr schön. (Ich habe von der Familie die Erlaubnis bekommen, eine Kopie von Urgroßmutter Henriettes Abschiedsbrief für diese Ausstellung zur Verfügung zu stellen.) Dann sah ich neben der Information eine kleine Schrift über diesen Friedhof – ein Teil existiert noch. Ich war so erleichtert, daß mir erstmal die doofen Tränen kamen. Die Mitarbeiter der Synagoge sind solche Tränen wohl gewöhnt, und ich lernte die „Frau mit dem Schlüssel“ kennen.

 

Denn der alte Friedhof, auf dem Y.s Urgroßeltern begraben liegen, ist unzerstört, aber stets abgeschlossen. Die Frau war sehr nett. Später stellte sich heraus, daß der Briefwechsel zwischen Y.s Oma und ihrer alten Heimatstadt noch vorhanden ist und der Name durchaus noch ein Begriff ist.

Leider schafften wir es so kurzfristig nicht, noch einen Termin für den Besuch des Grabs zu finden, der mir und ihr paßte. Es wird also bei meinem nächsten Besuch in Deutschland sein. Dann werde ich mit Grabkerzen und Steinen zurückkehren.

Wäre das Grab tatsächlich, wie viele andere, eingeebnet worden und darauf Schaukel und Klettergerüst gestellt worden – ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen ich Essen verlassen hätte.

Grünflächen in der Stadt sind sehr wichtig, schöne Kinderspielplätze auch – aber muß man dafür auf Gräbern rumtrampeln?

Nur erzählen Mai 29, 2017, 21:27

Posted by Lila in Persönliches.
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Eigentlich läßt sich nichts dazu sagen, aber es geht mir im Kopf rum, und darum erzähle ich es.

Vor drei Wochen hatte ich ein Gespräch mit einer jungen Studentin, einer sehr netten, die mit ihrer Note vom vorigen Semester nicht zufrieden war und sich nun fragte, wie sie Ende dieses Semesters eine bessere Note schreiben kann. Wir unterhielten uns ein bißchen, ich versprach ihr etwas zu schicken, tat das abends auch, bekam aber keine Antwort.

Ich hörte nichts mehr von ihr, dachte, ihr ist etwas dazwischengekommen. Das war auch so. Sie wurde krank, es muß eine dieser aggressiven Infektionen gewesen sein, gegen die Ärzte keine wirksamen Mittel kennen. Sie kam ins Krankenhaus. Und innerhalb weniger Tage war sie tot.

Eine junge, strahlende, begabte Frau voller Pläne.

Natürlich war die ganze Hochschule betroffen, zur Beerdigung (zu der ich nicht gehen konnte) fuhren Studenten und Dozenten in Bussen, ihre Freundinnen trifft es schwer.

Und doch geht das Leben weiter. Für ihre Familie – daran mag ich gar nicht denken. Aber mein Kurs geht weiter, hinter ihrem Namen in der Anwesenheitsliste kommen keine Häkchen mehr, ihr Platz in der ersten Reihe links ist leer, alle vermissen sie. ja, aber der Kurs geht weiter, die Kommilitonen studieren weiter, alles geht weiter.

Je älter ich werde, desto mehr Schrecken jagt mir dieses WEITER ein. Es ist Breughels Ikarus, immer wieder. Irgendwo zappelt ein Ertrinkender und muß sterben, aber wir ziehen unsere Furchen weiter, hüten unsere Schäfchen, gucken in die Luft, segeln übers Meer. Bis wir selbst dran sind.

Ich selbst kann und will mich nicht als Trauernde gebärden, für mich war sie eine Studentin, die ich gern mochte, aber ich mag sie alle und hatte keinen weiteren Kontakt mit ihr. Sie war nicht eine, die das suchte. Darum kann ich auch nicht viel von ihr erzählen, außer dem guten Eindruck, den ich von ihr hatte, und dem Gespräch, das ich mit ihr hatte, am Tag bevor sie krank wurde.

Aber wie schnell das gehen kann, wie unerwartet und wie grausam. Es geht mir im Kopf rum, ich denke an Michal, und wollte das mit meinen Lesern teilen. יהיה זכרה ברוך

 

2002 Mai 24, 2017, 10:17

Posted by Lila in Persönliches.
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Mir fiel noch etwas aus der schlimmsten Terror-Zeit. Meine älteste Nichte war im Mai 2002 bat-mitzvah, also zwölf Jahre alt. Sie bat darum, KEINE Bat-Mitzvah-Feier zu machen, obwohl ihre Eltern gern groß gefeiert hätten (und das bei den jüngeren Schwestern auch taten). Ihre Begründung: meine Nichte hatte Angst, daß bei ihrer Feier ein Anschlag jemanden verletzten könnte. Das wollte sie nicht. So verstört war sie von dem entsetzlichen Angriff auf eine Bat-Mitzvah-Feier in Hadera im Januar.

Ihre Eltern haben ihren Wunsch respektiert. Sie leben in Afula, einer Stadt in der Nähe von Jenin, wo im Laufe der Jahre viele Terror-Angriffe stattgefunden haben. Meine Kinder waren durch den Kibbuz etwas geschützt, aber meine Nichten haben damals zu viel Terror miterlebt, waren an mehreren piguim nah dabei, kannten mehrere Opfer. Und so wird es vielen Kindern in Israel damals gegangen sein, die heute junge Erwachsene sind und denen man nichts ansieht. Auch meinen Nichten nicht, sie sind vergnügt und lebensfroh.

 

Große Trauer Mai 23, 2017, 20:04

Posted by Lila in Persönliches.
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Als ich heute früh im Radio von dem grauenhaften Anschlag in Manchester hörte, kam es richtig wie eine große Welle in mir hoch: die Erinnerung an den Anschlag im Dolfinarium. Es ist sechzehn Jahre her, und in einer Zeit der pausenlosen Anschläge hatte der im Dolfinarium eine besondere Brutalität. Eine Disco für Jugendliche, meist aus russisch-sprechenden Familien, viele davon kleine Familien – alleinerziehende Mütter, Einzelkinder, Familien, die teilweise noch nicht lange in Israel waren und kein unterstützendes Netzwerk hatten. Nicht als ob einem das was nützt, wenn das Liebste, das man auf der Welt hat, von einem Sprengsatz voller Nägel in Stücke gerissen wird.

Ich wußte nicht, daß das Datum genau paßt, das habe ich gerade bei Twitter gesehen. Nicht nur in mir hat der Anschlag im Dolfinarium tiefe Spuren hinterlassen – ich wußte spontan noch die Namen von Opfern. Es waren besonders die Anschläge auf Kinder und Jugendliche, die uns den Charakter des Terrors immer wieder vor Augen geführt haben. Wer in Pizzerien, Eisdielen, Kinderzimmern, Discos und auf Konzerten morden geht, der ist für kein Argument zugänglich, der kann nicht mit Kompromissen oder Zugeständnissen beschwichtigt werden. Das sind keine Verhandlungspartner.

Damals, vor 16 Jahren, hatte ich mal eine kurze Phase, in der ich im SPon-Forum aktiv war – eine höchst frustrierende Angelegenheit, weil dort jeder nur seine Meinung mit höchster Lautstärke von sich gibt und kein echter Dialog entsteht. Also, vielleicht bei anderen Themen, aber bestimmt nicht beim Thema Israel.

Es war damals praktisch unmöglich, einem Deutschen verständlich zu machen, daß nicht politische Frustration oder irgendwelche israelischen Fehlleistungen den Terror verursachen. Eine Gesellschaft, die mit einem solchen Blutrausch auf politische Frustration oder Fehlleistung des Gegenüber reagiert, hat in sich selbst ein riesiges Problem.

Ich habe es oft gesagt – die Palästinenser, die israelischen Araber, mit denen ich zu tun hatte und habe, sind nicht dumm und nicht faul. Es ist nicht so, als wäre das Abdriften eines Teils dieser Menschen in Terror und Blutrunst unentrinnbares Schicksal. Ganz im Gegenteil. Es ist eine Frage der Werte – wofür setzt man seine Talente und Energie ein. Und ein Teil der arabischen, ein Teil der islamischen Welt setzt seine Talente und Energien zur Vernichtung derer ein, die sie selbst als Feinde definieren. Viele der Ideen, die jetzt umgesetzt werden, so wie die Nägel und Metallstücke in Sprengsätzen, die sich Selbstmordattentäter umschnallen, sind zuerst von palästinensischen Terroristen eingesetzt worden.

Die Opfer im Dolfinarium, in der Pizzeria Sbarro, im Kinderzimmer im Kibbuz Metzer, in Manchester und im Bataclan, sie haben keinen Krieg geführt und waren keine Soldaten. Es sind die Terroristen, die entscheiden, wer ein legitimes Ziel ist – und das ist ein Baby im Kinderwagen in Jerusalem genauso wie Großmutter und Enkelin, die Hand in Hand in Jerusalem über die Straße gehen.

Wann in Europa der Groschen fällt, daß man Opfer des Terrorismus werden kann auch OHNE Übeltaten begangen zu haben, und daß das Problem nicht bei den Opfern liegt, sondern bei den Terroristen – ich weiß es nicht.

Ich habe kurz nach dem Anschlag im Dolfi-Disco aufgehört, im SPon-Forum zu schreiben. Die Relativierungen des Terrors, die überwältigende Tendenz zu fragen „was hat Israel den Palästinensern nur angetan, daß sie so tief in die Verzweiflung gesunken sind?“, haben mir die Lust genommen, mich dort zu tummeln.

Irgendwann habe ich dann angefangen zu bloggen, der Rest ist Geschichte 😉 und ins SPon-Forum gucke ich nicht mehr rein.

Gerade höre ich in den Nachrichten über den Messer-Angriff heute in Netania. Der Angreifer, ein Palästinenser mit Arbeitserlaubnis in Israel, wurde angeschossen, nachdem er mit einem großen Messer auf Passanten losging. Das ist hier Alltag. Haben wir das verdient? Nein. Der Terror befördert nicht etwa eine Friedenslösung, er blockiert sie. Und das seit fast hundert Jahren.

Es tut mir weh, daß in Manchester jetzt Familien um ihre brutal getöteten Kinder und Angehörigen trauern, um ihre verletzten und traumatisierten Kinder und Mitbürger bangen müssen. Was wollten die Terroristen (ich gehe nicht von einem Einzeltäter aus, darum der Plural) damit erreichen? Genau das. Tod, Schrecken, Trauma.  Die Betroffenen, die Sängerin, die Stadt – sie alle haben etwas Unwiederbringliches verloren.

Ich weiß nicht, ob es Politiker gibt, die imstande sind, das grundliegende Problem des Terrors ins Auge zu fassen und zu bekämpfen, ohne einen Generalverdacht gegen Unschuldige zu fassen und unzulässig zu generalisieren. Je mehr man weiß, desto weniger neigt man zum Generalisieren.

Wir haben es in Israel geschafft, vor allem durch sehr gute Aufklärungsarbeit, dem Terror die Klauen zu stutzen, so weit es geht, unberufen. Europa wird sich dazu bequemen müssen, es ähnlich zu machen, in die Netzwerke des Terrors Leute einzuschleusen und Menschen zu überwachen, Geldströme zu verfolgen und auf Anzeichen zu achten, bevor jemand tatsächlich mit der Bombe losgeht.

Maßnahmen wie Taschenkontrollen etc allein verhindern den Terror nicht. Sie erschweren die Ausführung eines Anschlags, aber das Problem geht tiefer. Jeder Anschlag hat eine Vorgeschichte der Radikalisierung, der Aufhetzung, der logistischen Hilfe, der Vorbereitung.  Ich hoffe, die Verantwortlichen gehen in die Offensive und rennen dem Terror nicht nur hinterher. Es ist, wie wir in Israel wissen, eine zähe, mühsame Arbeit. Jedes Menschenleben, das dadurch gerettet wird, macht sie lohnend.

Familiäres Mai 20, 2017, 17:51

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Gestern waren wir auf der Hochzeit von einer jungen Cousine Y.s und ihrer Lebenspartnerin, ein schönes, buntes Fest, das sich wohltuend von den vielen protzigen Hochzeiten abhob, die wir im Laufe der Jahre schon erlebt haben. Es wurde nur veganes Essen serviert – für mich sehr praktisch, für viele einige Gäste allerdings schwer zu schluckekn, in jedem Sinne. Die Gäste reichten von religiös-konservativen Familienmitgliedern mit Kippa bzw Kopfbedeckung über säkulare Israelis (Großteil der Familie von unserer Seite)  bis zu kreativ gekleideten Mitgliedern der LGTB – also kahal und kehilot. 

Y. selbst, seine Geschwister und seine Cousinen und Vettern – alle haben mindestens vier Kinder, einige sind noch in der Kinderphase. Seine Großmutter würde staunen, wenn sie ihre Urenkel miterlebt hätte – es sind im Moment neunzehn, werde aber bestimmt noch mehr. Auch die anderen Familienzweige brachten Kinder mit, es war ein fröhliches Gewimmel. Die Kinder pusteten Seifenblasen über die beiden Bräute, viele Kinder und Erwachsene trugen Blumenkränze, es war ein richtiges Familienfest.

Und wie bei allen Familienfesten waren auch von weither Tanten und Onkel angereist, und ich freute mich sehr, eine der Cousinen meines Schwiegervaters wiederzutreffen, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt. In den letzten Jahren habe ich, soweit es zeitlich ging, versucht, die Familiengeschichten zusammenzutragen, die sich noch aus dem Strom der Zeit retten lassen. Und so habe ich die Gelegenheit genutzt, nachzufragen, wer von Y.s Vorfahren auf dem Friedhof in Weißensee beerdigt ist (eine Urgroßmutter) und welches Schicksal einer der Berliner Zweige der Familie erlebt bzw erlitten hat. Da gibt es nämlich einen Zweig, den väter-väterlichen, über den ich nicht genug weiß.

Jetzt weiß ich mehr. Ich hoffe, irgendwann wird es Stolpersteine geben, wo die Menschen gelebt haben, die am Zustandekommen meines Mannes und damit auch meiner Kinder entscheidend beteiligt waren. Für mich ist dieses Eintauchen in die Familiengeschichte immer interessant, sowohl meine eigene Familiengeschichte als auch die meines Mannes. Gestern war der Kontrast zwischen der bunten, kinderreichen Gegenwart und der düsteren Vergangenheit besonders kraß.

Die Verwandte aus Berlin brachte eine Photokopie mit, aus einem Ausstellungskatalog. Bei einer Ausstellung über Juden in Kreuzberg, 1991 war das wohl, wurden auch Familienbilder von Y.s Großvater gezeigt (in einer anderen Berliner Ausstellung kam die Seite der Großmutter vor – den Katalog habe ich dankenswerterweise). Seine Schwester (die ich noch kennengelernt habe) wurde zu ihrer Lebensgeschichte befragt. Dieser Text liegt jetzt neben mir, und ich werde ihn für die Familie hier in Israel übersetzen.

Die Straßennamen sind mir natürlich alle bekannt, ich habe ja mal in Kreuzberg gewohnt, wenn auch in einer anderen Ecke. Die Urgroßeltern meines Mannes haben in der Reichenbergerstraße gewohnt, dort sind der Großvater und seine Schwester groß geworden. Die Geschwister konnten fliehen. In den Worten von Y.s Großtante: „Am 24. Oktober 1938 bin ich nach Palästina ausgewandert. Meine Eltern brachten mich zum Anhalter Bahnhof. Am selben Abend verließen auch sie Berlin und fuhren vom Bahnhof Friedrichstraße nach Lemberg in Polen, wo sie Verwandte hatten. Meine Eltern und alle anderen Mitglieder der Familie wurden nach dem Einmarsch der Nazis ermordet“.

 

Unter der Erde Mai 20, 2017, 12:37

Posted by Lila in Persönliches.
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Unser Moshav wurde Anfang der 80er Jahre gegründet und blieb viele Jahre lang, wie er war.  Wie in vielen Moshavim und Kibbuzim kam irgendwann auch hier die Idee auf, eine neue Wohnsiedlung zu bauen, eine sogenannte Erweiterung (harchava). Wer bereits im Moshav lebt, kann den Grund und Boden billiger kaufen oder hat das Vorrecht beim Kauf – oft sind diese Erweiterungen nämlich für die Kinder der Anwohner gedacht.

In unserem Moshav wurde die Erweiterung 2008 in Angriff genommen. Bei Grabungen für die Kanalisation stießen die Bauarbeiter auf einen großen Hohlraum. Sie vermuteten eine Höhle und informierten die Behörden, die sofort einen Höhlenexperten schickten. Er seilte sich ab und stellte fest, daß die Höhle mehr als 18 Meter tief ist, daß sie eine immer noch aktive Tropfsteinhöhle ist, und daß in der Erdschicht am Boden Spuren menschlicher Aktivitäten sichtbar sind.

Da es kein privater Grund und Boden war, sondern noch in Besitz des Jüdischen Nationalfonds (KaKaL),  gab es keine Schereien mit privaten Besitzern. Es wurde beschlossen, die Höhle archäologisch zu erschließen und die neue Nachbarschaft in die andere Richtung zu bauen, um die Höhle nicht zu beschädigen.

Sie wurde sofort geschlossen und ihr genauer Ort geheimgehalten, denn in anderen neu entdeckten Höhlen kam es wohl zu Vandalismus durch unbefugte Eindringlinge.

Bei der Erforschung durch einige der bekanntesten Archäologen Israels (das in Sachen Archäologie recht gut aufgestellt ist) stellte sich heraus, daß diese Höhle seit Jahrtausenden nicht betreten wurde. Irgendwann wurde der Eingang verschüttet, und 15.000 Jahre lang lag die Höhle unentdeckt. Das bedeutet: alles, was dort gefunden wird, ist mindestens 15.000 Jahre alt. Ein schwindelerregender Gedanke.

Als die Höhle geöffnet wurde und die erste archäologische Saison anlief (jedes Jahr im Juli wird dort gegraben), lud man die Einwohner ein und zeigte ihnen die Höhle, erklärte ihnen auch, wie wichtig es ist, sie verschlossen zu halten.

Als wir vor acht Jahren den Kibbuz verließen und in eines der neuen Häuser in der Erweiterung zogen (in dem wir ja jetzt wieder wohnen, nachdem wir vier Jahre in einem größeren Haus in einem anderen Moshav gewohnt habe), wußten wir von alldem nichts und unser Vermieter erzählte uns auch nichts davon. Aber vor zwei Jahren, als wir wieder hier einzogen, da fragte ich ihn. Ich hatte nämlich inzwischen in der Zeitung davon gelesen, daß in der Nähe von Manot eine Höhle entdeckt worden war – da es hier in der Gegend von archäologisch interessanten Stätten nur so wimmelt, war ich neugierig, wie nah die Höhle wirklich ist. Und da erzählte er uns die ganze Geschichte. Und Y. und ich guckten uns nur an – metoraf! Wahnsinn!

Wir zogen hier im Juli ein, und den ganzen Monat sah ich jeden Morgen Gruppen von Archäologiestudenten an unserem Haus vorbeiziehen, um in die Höhle zu gehen. Ich nahm mir vor: nächstes Jahr bin ich dabei!, und schrieb sogar den Leiter der Ausgrabung an, aber natürlich hatte ich letztes Jahr im Juli absolut keine Zeit, als Freiwillige bei einer Grabung mitzumachen. Ob es dieses Jahr klappt, weiß ich nicht. Aber ich bin oft am Eingang der Höhle vorbeigegangen und habe mir gewünscht, sie wenigstens mal zu sehen. Denn viele Menschen sind es ja noch nicht, die in dieser Höhle drin waren. Und wann hat man schon mal die Chance, einen Ort zu betreten, an dem seit 15.000 Jahren vielleicht mal 200 Leute waren?

Als ich die Plakate für das Moshav-Festival sah, kam mir nichts davon interessant vor. Kinderstar Yuval Hamebulbal, ein in meinen Augen peinlicher Mittvierziger, der sich als Kind verkleidet und gräßliche Lieder singt. Trifonas, griechische Musik, okay. Lior Narkis, ein orientalischer Sänger, auch nicht mein Fall. Aber dann kriegten wir eine SMS, ob wir Interesse hätten, an einer Führung in der Höhle teilzunehmen, nur für die Anwohner. Obwohl Y. sofort antwortete, waren schon alle Plätze besetzt. Schließlich wurden drei Führungen eingerichtet, wir waren dabei.

Ich habe vorher alles gelesen, was es nur zu lesen gab – googelt einfach mal manot cave! Und ich war so aufgeregt, als wir vorgestern dann endlich in die Höhle gehen konnten. Drei der Archäologen, die dort graben, waren dabei und gaben Erklärungen. Ich habe zwar schon überirdische aktive archäologische Grabungen gesehen, aber unter der Erde, in einer Tropfsteinhöhle, in der man das Wasser an den Stalagmiten rinnen sieht – noch nie. Das ganze Gelände ist mit Angelschnüren in ein Gittermuster unterteilt, so daß man von jedem Eimer genau weiß, woher er kommt. Auch die Tiefe wird genau gemessen. Während der Grabungen wird überirdisch ein Labor für die Erstbeurteilung eingerichtet.

Wie schön, daß diese Stätte vernünftig erschlossen wird. Wer weiß, was aus der kanaanitischen Zitadelle in Nahariya wird, in die ich nur durch den Bauzaun ein paar Blicke werfen konnte? Dort sollen Hochhäuser errichtet werden, ich weiß nicht, wie es weitergeht, noch steht ein Bauzaun. Aber hier in Manot werden sorgfältig und nach allen Regeln der Archäologie Schätze ans Licht befördert. Der berühmteste davon ist natürlich der Schädelknochen. 55.000 Jahre alt. Die Funde in der Höhle zeigen, daß dort Homo sapiens und Neanderthaler aufeinandertrafen. Homo sapiens wanderte von Afrika in Richtung Europa, der Neanderthaler kam aus Europa und war unterwegs nach Afrika. Der syrisch-afrikanische Grabenbruch verläuft ja nicht weit von hier, und vielleicht war das ein guter Weg für unsere Vorfahren.

Ich verstehe nicht genug von diesen weit zurückliegenden Epochen, aber wir waren alle fasziniert. Wir waren eine kleine Gruppe von Nachbarn, die vorsichtig über glitischige Stufen aus Erdsäckchen tief hinunter kletterten. Nach uns wurde die Höhle wieder zugeschlossen. Es war ein Privileg, diesen Ort betreten zu dürfen. Meine Bilder sind miserabel, ich habe nur eine kleine, ältliche Kamera, die der Aufgabe keineswegs gewachsen war. Wer googelt, findet Bilder in viel besserer Qualität. Ich habe die Bilder nur gemacht, um eine Erinnerung daran zu haben, daß ich tatsächlich dort war.

 

Abends bebte dann unser Haus dann von dem Krach, den Yuval Hamebulbal mit seinen Späßen machte, und noch später ging es dann richtig zur Sache mit Lior Narkis. Das Publikum bestand aus begeisterten Familien auf der Wiese, pompös „Park Manot“ benannt, während ein paar kleine Kinder heulten, daß Yuval schon weg war. Als ich schon dachte, die Hisbollah protestiert gegen den Höllenlärm, den der arme Sänger veranstaltete (was für ein gräßlicher Job – Leute auffordern, daß sie mitsingen und klatschen, und so tun, als ob man sich selbst wunderbar amüsiert), war es doch nur ein Feuerwerk. Und damit war der letzte Tag des Festivals vorbei.

Für mich war der Besuch dieser Höhle ein unvergeßliches Erlebnis. Ich hoffe, daß ich mir im Juli wenigstens zwei Wochen freischaufeln kann, um mitzugraben. Drückt mir die Daumen.

Pessachferien April 12, 2017, 19:17

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Unser Örtchen ist sehr beliebt bei Urlaubern. Viele Familien hier haben „tzimmerim“, also B&B-Angebote – hübsche Holzhäuschen mit Blick aufs Meer oder elegante Villen, die man komplett mieten kann, oder Mini-Hotels mit ein paar Suiten oder Zimmern. Ich gucke mir manchmal spaßeshalber die vollmundigen Ankündigungen im Internet an, mit denen sowohl der Nachbar gegenüber (Boutique-Hotel) als auch der nebenan (Suite) ihre Angebote bewerben. Sie schwärmen von der paradiesischen Landschaft, und die ist ja wirklich sehr schön.

Zu Pessach ist also alles voll mit Kurzurlaubern, die meisten davon Israelis (Städter!), aber manchmal höre ich auch andere Sprachen. Sie gucken in die Gärten und manchmal stellen sie Fragen: wie viel wohl hier ein Haus kostet? Falls sie gedacht haben, hier in der „periferia“ gäbe es Schnäppchen, erleben sie eine Enttäuschung – die Preise haben auch hier enorm angezogen, ich weiß gar nicht, wie weit sie noch steigen wollen.

Abends wird überall gegrillt, man hört Musik, und unser Nachbar mit der Suite hat eine so üppige Beleuchtung für den Garten installiert, daß unsere Terasse im Flutlicht liegt und man nur noch blinzeln kann – sehr zu meinem Unmut, denn ich gebe für einen Blick auf Albireo das ganze doofe Flutlicht her, das sowieso kein Mensch im Garten braucht.

Die Boutique-Hotel-Betreiber von gegenüber schmeißen ihren Müll in unsere Mülltonne, wenn ihre eigene voll ist – wir haben es ihnen einmal gestattet, seitdem ist es ihr Gewohnheitsrecht, und ich überlege noch, wie ich es ihnen jetzt wieder verbieten kann. Ich erkenne daran, wie ausgebucht sie sind.

Wenn die Feiertage vorbei sind, dann wird es wieder stiller hier. An Wochenenden kommen zwar auch Besucher, und dann ziehen auch ganze Scharen von knapp-grellbunt gekleideten, behelmten, ernsthaften Muskelmännern und -frauen auf Fahrrädern hier vorbei, aber im Moment ist geradezu Rummel. Y. arbeitet normal, ich muß angestaute Berge abarbeiten, aber die Mädchen haben frei und rundherum ist Ausnahmestimmung. Bis Mimouna – dann ist alles vorbei.

Frohes Fest April 10, 2017, 19:49

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Bei uns ist der Mini-Seder schon vorbei. Mein Schwiegervater und seine Lebensgefährtin waren bei uns, und es war auch im kleinen Rahmen schön. Wir waren alle irgendwie erschöpft und Y. wäre bei einem langen Seder wohl eingeschlafen, er arbeitet so unvorstellbar viel.

Frohes Fest. Der Frühling ist doch wunderschön.

Eine Erinnerung März 24, 2017, 19:32

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Beim Verstauen in den oberen Fächern unseres Kleiderschranks (der glücklicherweise so geräumig ist, daß man richtig auf die Leiter klettern muß!) sah ich das viele weggepackte Spielzeug, und darunter auch meine alten Puppen, Brigitte und Michael und Marie, mit denen meine Kinder nie gespielt haben und die ich trotzdem nicht einfach wegwerfen kann.

Und da fiel mir ein frühes, schmerzliches Erlebnis ein.

Am allerliebsten war mir mein Babypüppchen. Es hatte keinen Namen, es war das Babypüppchen, und es war mein erstes Kind. Ich nahm es überall mit hin.

Auch auf den Spielplatz, der ein bißchen weiter weg lag, wo es so eine komische Tonne gab, auf der man rennen konnte. Das konnte ich aber noch nicht.

Ich legte das Babypüppchen, in ein Handtuch gewickelt, auf eine Bank und spielte. Komisch, ich erinnere mich genau an dieses Handtuch, aber wieso ausgerechnet ein Handtuch?

Als wir nach Hause gingen (ich bin ein Fossil, damals gingen Kinder allein auf den Spielplatz und wieder nach Hause), da vergaß ich das Babypüppchen.

Abends gingen wir es suchen, ich glaube, es war mein Vater, der mitkam. Wir fanden das Babypüppchen nicht mehr.

Wie bei vielen halbvergessenen Erinnerungen weiß ich nicht, ob er das wirklich gesagt hat oder ob ich selbst mich damit getröstet habe: bestimmt hat ein Kind, das keine Puppe hat, das Babypüppchen mitgenommen, und hat es jetzt sehr lieb. Trotzdem wußte ich, daß es nicht richtig ist, etwas mitzunehmen, was einem nicht gehört. Wir sind noch öfter hingegangen und haben geguckt, ob jemand das Kind sucht, daß das Babypüppchen verloren hat. Aber der Spielplatz war mir verleidet, ich kann mich nicht erinnern, daß ich dort noch einmal gespielt hätte.

Zu Weihnachten bekam ich ein neues Babypüppchen. Es sah fast so aus wie das neue. Aber wißt ihr was? Es war doch nicht das echte, richtige Babypüppchen. Das hatte nämlich oben auf dem Kopf, wo der Wirbel ist, so eine ganz kleine rauhe Stelle, fast wie Pickelchen. Außerdem hatte es Löcher in den Ohrläppchen, wo Evi von nebenan und ich ihm mal Ohrringe gemacht hatten, mit den tollen Stecknadeln, die so schöne bunte Köpfchen haben.

Nein, die neue Puppe war kein Babypüppchen mehr, und darum bekam sie einen Namen, Martina, wie eine bewunderte große Freundin.

Seltsam, daß dieses Ereignis, das mich damals in große Verzweiflung stürzte, meinen guten Glauben nicht erschüttert hat, daß die Puppen vor Weihnachten in den Himmel kommen und dort vom Christkind und den Engeln schöne neue Kleider kriegen. Ich hätte eigentlich zu meiner Oma, die den Engeln manchmal aushelfen mußte, weil sie ja so gut nähen und stricken konnte, eigentlich sagen müssen, sie soll den Engeln bestellen, daß das Babypüppchen am Heiligabend bitte-gefälligst zu mir zurückkommen soll.

Das habe ich aber nicht. Ich war wohl ein gutgläubiges Kind.

Ich war damals im Kindergartenalter, aber ich habe es noch genau in Erinnerung.

Mit meinem Opa, dessen Todestag sich im März zum 39. Mal jährt, und dem Babypüppchen

Nachruf auf einen Unbekannten März 21, 2017, 21:03

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Seit Jahren führt mich einer meiner Pfade zur Arbeit am Einkaufszentrum Lev HaMifratz vorbei.  Am Ende der langen Fassade, in einer kleinen überdachten Nische neben den Auffahrten zum Parkhaus, saß immer ein alter Mann und spielte Akkordeon. Irgendwann wurde die Nische mit musikalischen Symbolen und Noten ausgemalt. Sommers und winters, er saß dort und spielte. Man hörte es schon von weitem.

Ich bin nicht sehr musikalisch, aber ich hatte den Eindruck, der Mann spielt bestimmt nicht nur Akkordeon, er spielt bestimmt auch andere Instrumente und versteht was von Musik. Er spielte nicht nur Hivenu Shalom Aleichem oder ähnliche Publikumslieblinge, sondern viele schöne, oft schwermütige Stücke.

Er war klein, schmal und hatte ein Gesicht von der Art, das noch im Alter ein längst vergangenes Bubengesicht ahnen läßt. Immer über sein Akkordeon gebeugt, mit einem kleinen Lächeln und ganz hellen Augen.

Ich hatte mein Geld immer schon griffbereit, wenn ich bei ihm ankam in seiner kleinen Nische, blieb stehen, wenn ich Zeit hatte, um zuzuhören, und wenn er sich für das Geld bedankte, bedankte ich mich für die Musik. Es war für mich mit meinen langen Pendelreisen zur Arbeit immer ein kleiner heller Moment, die schöne Musik zu hören.

Vermutlich habe ich es mir nur eingebildet, aber im Laufe der Zeit hatte ich den Eindruck, er erkennt mich. Ich kann nicht mal sagen, wie lange er dort schon saß.

Aber in den letzten Wochen war er nicht mehr da. Ich ging an der Nische vorbei, sie war leer. Einmal, zweimal. In der dritten Woche kehrte ich um und ging in den Blumenladen neben der Nische, um nach dem alten Mann zu fragen. Noch bevor ich meine Frage beendet hatte, sagte die junge Blumenverkäuferin: er ist leider verstorben.

Das hat mich bewegt. Ich weiß nichts über den Mann, kann nur annehmen, daß er Einwanderer aus der früheren Sowjetunion war, der hier nicht Fuß fassen konnte mit der Musik, der vielleicht seine Rente so aufbesserte. Ich weiß nicht, ob er Familie hatte. Ich weiß nicht, wie viele Menschen wie ich so an sein Gesicht und seine Musik gewöhnt waren, daß sie sein Fehlen empfinden. Ich weiß nicht, ob seine Familie weiß, daß er Fremden wichtig war mit seiner Musik, seinem schrägen kleinen Lächeln.

An wie vielen Menschen läuft man täglich vorbei. Jeder hat sein Schicksal, jeder trägt seine semi-permeable Membran mit sich herum, durch die manches dringt, das meiste nicht. Was wissen wir von anderen?

Ich habe ihn nicht gekannt, aber er fehlt mir, und bestimmt nicht nur mir.

יהיה זכרו ברוך

Neue Arbeit März 19, 2017, 14:19

Posted by Lila in Persönliches.
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Vor ungefähr zwei Jahren habe ich mich auf eine Anzeige beworben, die mir jemand zugeschickt hatte: es wurden Leute mit Muttersprache Deutsch gesucht, für eine Sprachschule. Ich bekam keine Antwort, vergaß es. Es war ja nicht so wichtig.

Kurze Zeit später sah ich, daß dieselbe Sprachschule in unserer Gegend immer noch Sprachlehrer suchte. Ich schickte noch eine Bewerbung und kriegte immer noch keine Antwort. Und das ärgerte mich, denn ich dachte mir: ich müßte doch eigentlich eine ganz ordentliche Kandidatin sein, wieso krieg ich keine Antwort? Und ich rief sie einfach an, um nachzufragen.

Ich hatte eine nette Britin am Telefon, die meine Bewerbung gesehen, aber irgendwie verlegt hatte. Sie entschuldigte sich, lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein, drei Tage später war ich schon in Tel Aviv zur Ausbildung, und seitdem unterrichte ich, wenn Bedarf besteht, Deutsch. Bedarf besteht eigentlich immer, Deutsch ist eine sehr beliebte Sprache. Die Gruppen sind klein, sie machen schnelle Fortschritte, und mir macht es riesigen Spaß.

Meine kunsthistorischen Jobs mache ich weiterhin und fühle mich dort natürlich am meisten zuhause, das ist ja mein Beruf, Kunsthistorikerin. Aber unterrichten, egal was, mache ich einfach gern. Und es ist faszinierend zu sehen, wie eine Sprache gelernt wird und die Schüler tatsächlich anfangen sie zu benutzen.

Ich habe immer viele Ideen für Spiele und alle möglichen Auflockerungen der Stunden, doch bei allem Einsatz kann ich den Schülern die Mühe nicht abnehmen, Vokabeln zu lernen, Hausaufgaben zu machen und ihre CDs zu hören. Manche sind hochmotiviert und wollen in Deutschland studieren, andere sind in die deutsche Kultur verliebt, eine junge Frau aus Nazareth singt klassische Musik und will deswegen die Sprache Bachs, Mozarts und Schuberts verstehen, und wieder andere kriegen den Kurs vom Arbeitgeber bezahlt und gehen etwas lockerer an die Sache ran.

Es ist einfach schön, noch ein berufliches Standbein zu haben, noch dazu eins, das viel leichter zu erreichen ist als alle meine anderen Jobs. Die Atmosphäre ist sehr nett, und ich treffe Leute aus aller Herren Länder. Wenn der Lehrer vor mir die Tafel nicht abgewischt hat, sehe ich mir türkische, griechische oder niederländische Tafelbilder an. Die Kollegen und Kolleginnen sprechen in allen möglichen Sprachen miteinander, und auch die Bürokräfte sprechen mindestens drei, meistens vier Sprachen.

Reich werde ich auch damit nicht werden, aber ich bin froh, daß ich doch angerufen und nachgefragt habe. Normalerweise mache ich sowas ja nicht, aber das hatte mich doch irgendwie gepiekst.