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Schnell verändert März 21, 2020, 9:28

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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hat sich die Welt für uns alle.

Ich habe im Laufe der Jahre hier in Israel viele, zu viele Krisen hinter mich gebracht. Bedrohungen und Beschuß, Terror und Krieg, und die schlimmsten Momente waren für mich persönlich die, die mit Söhnen und Armee zu tun hatten – lieber nicht daran denken. Aber es war immer so: ich erlebe einen Ausnahmezustand, richte mich auf Raketen aus dem Libanon ein oder Bombengürtel im Supermarkt oder Messer zwischen den Rippen in Jerusalem – und meine deutsche Familie, mein Freundeskreis, meine deutschsprachigen Leser leben in einer Welt der Gewißheiten und Sicherheiten. Auch einzelne Anschläge, die es ja gegeben hat, konnten das Grundgefühl nicht erschüttern. Sicherheitsstreben, Wohlstand, Autonomie, Bildung und gesicherte Zukunft für die Kinder, das waren die Säulen, auf denen das Leben aller ruhte. Die Welten berührten sich höchstens mal, wenn wir vor einem Besuch gemeinsam überlegten, ob man im Moment nach Israel kommen kann – oder doch lieber nicht.

Und auf einmal sind wir alle in einer Krise zusammen. Und zwar global. Die Bilder aus Madrid sind sofort verständlich, die ganze Welt durchläuft mit zeitlichem Abstand dieselben Phasen, und wir finden uns in einer Art Hausarrest, bevor wir es überhaupt verstanden haben. Heute vor einer Woche habe ich meinen letzten Vortrag gehalten, Teil I einer auf drei Teile angepeilten Reihe über Impressionismus und Post-Impressionismus, und habe mich wie immer von meinem Publikum (lauter Kibbuzniks) verabschiedet: und in der nächsten Woche, wenn wir uns wiedersehen, sehen wir uns das genauer an. Seitdem haben alle Einrichtungen, bei denen ich arbeite, abgesagt und zugemacht. (Da ich Freelancerin bin und nicht mehr fest bei einer Einrichtung angestellt bin, bricht damit für mich auch mein Einkommen weg, und staatliche Hilfe gibt es für Leute wie mich nicht.)

Für mich persönlich ist das nicht schlimm – ich bin gern zuhause und benutze die Zeit, lang aufgeschobene Projekte in Angriff zu nehmen (und mit lang aufgeschoben meine ich – seit wir im Juli 2016 hier eingezogen sind!). Ich habe keine kleinen Kinder im Haus, die bespaßt werden müssen – nur meine Quarta, die seit gestern auch zuhause ist, weil vorgestern das Restaurant, in dem sie mit viel Fleiß und Spaß gearbeitet hat, zugemacht hat. (Sie hat schon eine neue Arbeit in Aussicht, sie ist ungemein tüchtig.) Und Quarta mal ein bißchen zu verhätscheln, das mache ich gern. Sie und ihre Freunde treffen sich nach wie vor regelmäßig bei uns auf dem Balkon, mir paßt das gut. Sie halten schön Abstand und sind überhaupt sehr nett.

Wir haben auch das große Glück, daß der gute Hausvater bei einer Firma arbeitet, die Alco-Gel, desinfizierende Tücher und ähnlich wichtige Dinge herstellt. Egal was zugemacht wird – seine Firma wird weiter arbeiten, und das ist eine große Erleichterung.

Wir alle teilen unsere Sorge – die alternden Familienmitglieder, die geliebten Menschen mit Vorerkrankung, die Familien und Menschen, die wir kennen und nicht kennen. Ich weiß nicht, was bei anderen Menschen im Whatsapp los ist, aber bei mir erweist sich Whatsapp als nützliches Medium, um in Kontakt zu bleiben, und zwar in erster Linie mit Freunden Familie.

Ich weiß ebensowenig wie der Rest der Welt, wie lange es dauern wird, bis die Corona-Kurve abflacht, bis wirksame Medikamente oder gar eine Impfung verfügbar sind, und wann die Welt wieder „normal“ wird. Im Moment ist das gar nicht vorstellbar, obwohl es schnell gehen wird und wir irgendwann zwischen peinlich berührt und nostalgisch auf diese Monate Anfang 2020 zurückblicken werden. Vielleicht wird mal irgendwann jemand fragen, „sag mal, Oma, wie war das eigentlich damals, habt ihr wirklich Angst gehabt?“, und ich werde sagen, „ma pitom, wie kommst du darauf? Es war nur merkwürdig, und Venedig war menschenleer, und nur Menschen, die Corona schon hinter sich hatten, fuhren hin, und alle haben sie beneidet“.

Doch ich hoffe, daß wir aus diesem Moment globaler Sorge mehr übrigbleibt als Scherze, was die Leute nun mit dem gehorteten Klopapier anfangen sollten – das wird im Laufe der Zeit schon seiner Bestimmung zugeführt werden. In dieser Krise sehen wir unsere Spezies in ihrer Schwäche (Menschen, die sich um Klopapier raufen und Einkaufswagen voll Nudeln und Konservendosen nach Hause schleppen) und ihrer Stärke (wie sie auf den Balkons stehen und symbolisch den sonst übersehenen Rettungs-, Pflege- und medizinischen Arbeitskräften applaudieren – obwohl sie das vielleicht auch wieder vergessen werden, wenn die mal mehr Geld fordern werden?).

 

Ein paar Tage später

Inzwischen sind wir alle zu Experten geworden, lesen Artikel und hören Virologen zu. Fake news aller Arten kreisen, Verschwörungstheoretiker bauen die wildesten Theorien, und ich bin bestimmt nicht die einzige, die jetzt mit dem Vergrößerungsglas durchs Haus geht und das Treibgut jahrzehntelangen Familienlebens sichtet – wobei die Mülltonnen sich recht schnell füllen.

Noch fühlt die Bedrohung sich eher abstrakt an, obwohl es schon mehrere Bekannte gibt, die erkrankt sind, nicht schwer, Gott sei Dank.

Ich kann mich schlecht vom Radio losreißen, höre meist im Hintergrund was. Vorträge und Unterrichtsreihen sind bis Ende 2012 zumindest in Rohform vorbereitet, so richtig zum Schreiben komme ich nicht, ich hole mir die mangelnde Bewegung im Haus, und wenn der Regen nicht wiederkommt, auch im Garten.

Quarta hat angefangen, bei Y. in der Firma zu arbeiten, die brauchen im Moment neue Kräfte. Morgens ziehen die beiden zusammen los, nach einem sehr frühen kleinen Frühstück noch in der Dunkelheit. Wann haben wir das letzte Mal unter der Woche gemeinsam gefrühstückt? Ich verwöhne die beiden so gut ich kann, dahinter steht auch Angst. Quarta arbeitet mit Mundschutz, doch mein Mann natürlich nicht. Er sorgt nur dafür, daß alle anderen einen Mundschutz tragen.

Ich denke an die Familien mit kleinen Kindern, an Selbständige, die keinen Partner mit festem Einkommen haben, und an die Kranken und ihre Angehörigen… ein Mensch, der in dieser Situation nicht fühlt, wie ähnlich wir uns unter allen kulturellen Schichten sind, wie wir einer für den anderen Verantwortung übernehmen müssen, nun, der wird es nie kapieren.

Entschuldigt, ich habe einfach im Laufe der letzten zehn Tage hier reingeschrieben, was mir durch den Kopf ging (habe auch viel bei Twitter gelassen).

Da ich nun seit 2 Wochen nicht mehr vorm Haus war und demzufolge auch nicht geschminkt, freuen sich wenigstens meine Wimpern über diese Pause im normalen Leben.

Falscher Beifall Februar 17, 2020, 22:59

Posted by Lila in Persönliches.
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Gut, ich mache mich heute mal unbeliebt, warum nicht?

Es muß so vor zwei Jahren gewesen sein, da lief durchs (englischsprachige) Netz eine Art mütterlicher Trotzreaktion. Irgendeine mommy blog-Kämpferin bekannte sich dazu, daß sie am Smartphone klebt, während ihre Kinder um sie herum spielen. Sie wurde gefeiert, ihr Bekenntnis noch mehr – Tod dem Perfektionismus, der Müttern abverlangt wird! Sind wir nicht alle irgendwie diese Mutter? Ja, ja! Ich finde diese kleine Welle nicht mehr mal im Netz, so schnell brandete sie durch und war vergessen.

Aber das Thema bleibt aktuell. Ich fahre viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Welt und achte immer besonders auf Kinder und junge Eltern. Ich sehe einfach gern vergnügte Kinder und zugewandte Erwachsene, und oft genung sehe ich sie auch. Inzwischen bin ich auch alt genug, daß ich die nervige Oma sein könnte, die fremden Leuten zu ihrem besonders netten Kind gratuliert. (In Israel fällt man mit sowas nicht auf, hier mischen sich alle in alles ein.)

Ich finde auch nichts dabei, mit jungen Eltern Gespräche anzufangen, und erinnere mich gern an eine sehr nette junge Frau mit ihrem Baby im Einkaufszentrum. Der Planet „Mama-Baby“ kann sich manchmal einsam anfühlen, und so ein Gespräch unter Fremden kann manchmal offener sein als mit Menschen, die einen kennen. Und die Mama-spezifischen Schuldgefühle, die einem zusetzen.

Es passiert aber einfach zu oft, daß ich sehe und höre, wie ein Kind sich langweilt, um Aufmerksamkeit bettelt – und nicht mal einen Tropfen abkriegt. Bestimmt ist die Welt voll mit Artikeln, in denen Psychologen und Kommunikationsspezialisten genau erklärten können, welche Auswirkungen es hat, wenn die Eltern nur auf ihren Bildschirm starren, aber ich sehe es selbst. Ich weiß es auch von mir. Während ich hier schreibe, kriege ich auch kaum mit, ob jemand die Spülmaschine einräumt (leider nicht) oder mir was Wichtiges erzählt (Freitag, war da was?). Wenn ich mit Quarta spreche, während sie am Smartphone hängt, tut sie zwar so, als würde sie mich wahrnehmen, aber ich könnte genausogut mit den Katzen sprechen, die versprechen auch viel und beißen mich trotzdem nachts in die Zehen.

Zwischen Erwachsenen ist das nicht schlimm, weil man sich gegenseitig nachsehen kann, daß sich jemand gerade auf einen Bildschirm konzentriert und für eine Zeit weggetreten ist. Aber für Kinder ist das unverständlich und schlimm, weil verunsichernd. Außerdem machen die Eltern den Kindern damit genau vor, was sie eigentlich vorgeben zu bekämpfen – die Kinder von Bildschirmjunkies werden selbstverständlich auch Bildschirmjunkies, man kann sie ja so schon kaum davon abhalten.

Ich weiß, wie schwer es ist, die vielen Fragen zu beantworten, immer aufmerksam zu sein. Aber Kinder haben Rechte – und ein Recht ist, respektiert und beachtet und ernstgenommen zu werden. Wer nicht bereit ist, dem Kind die Aufmerksamkeit zu schenken, die es braucht, der soll vielleicht doch noch mal überlegen, ob er oder sie Kinder will. Es ist durchaus möglich, ein erfülltes Leben ganz ohne Kinder zu führen, und ich habe schon öfter gesagt, daß ich nichts davon halte, Menschen einzureden, ohne Kinder gebe es kein Glück. Blödsinn. Jedes Kind hat das Recht, ganz und gar gewollt und bejaht zu werden.

Ja, heute in der Bahn saß ich einem süßen Paar gegenüber. Eine junge, sehr hübsche Mutter, und ein kleines, noch viel hübscheres Mädchen. Sie war so im Vorschulalter, diesem wunderbaren Alter, wenn die Kinder anfangen, Meinungen zu haben. Zwischen Nahariya und Akko war das Mädchen still, dann fing sie an. Zuerst Blicke zur Mama und zappelnde Beine, dann kleines Schubsen, und in Kiriyat Chaim verlor sie die Geduld. „Ima, mir ist laaangweilig“ „Iiiiimaaaa, mir ist laaangweilig“ Von der Mutter kam nur ein unklares Gebrumm. Sie war in ihr Smartphone vertieft.

Sie hatte für das Kind weder ein Bilderbuch noch ein Spielzeug eingepackt. Ich weiß nicht, bis wohin sie gefahren sind, aber sie hatte einfach nicht eingeplant, daß die Fahrt für ihre Tochter langweilig sein würde. Nach jahrelangem Bahnfahren sowohl in Israel als auch in Deutschland würde ich schätzen, daß auf eine Mutter mit gut gepackter Kinder-Reisetasche sieben oder acht Mütter kommen, die daran nicht gedacht haben. Einen Vater mit Spieltasche habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Meiner Erfahrung nach sind es meist Mütter mit mehreren Kindern, die der Erkenntnis nicht mehr ausweichen können, daß eine längere Fahrt ohne Unterhaltungsplan für die Kinder ein Albtraum ist. Dann höre ich mit Freuden zu, während die Familie spielt oder sich unterhält, und habe meine Freude.

Meine Mutter war ein Genie der Kinderbespaßung und ist es noch, meine Schwiegermutter ebenso. Wenn meine Kinder mit uns und der Welt zerfallen waren, sind sie früher oft zu meiner lieben Schwiegermutter gegangen. Die sagte meist: „gut, daß du kommst! Meine Knopfsammlung muß sortiert werden, hast du Lust dazu?“, und damit war der Tag gerettet. Stunden haben meine Kinder über Schwiegermutters Näh-Vorräten und Sammlungen gesessen, mit ihr Taki gespielt oder Suppe gekocht. Meine Schwiegermutter hat, bevor sie Konfektion gelernt hat, Jahrzehnte in der Kleinkinderziehung gearbeitet und weiß mehr Kinderlieder, Volkslieder, Fingerspiele und lustige Verse als jeder andere Mensch, den ich kenne. Sie könnte einen bunten Abend allein bestreiten und das Lachen sitzt ihr locker.

Meine Mutter kommt aus einer Dynastie der Geschichtenerzähler. Ihr großer Bruder hat sie abends mit Geschichten von Old Schnödderbell ins Bett gebracht, der mit seinem Schnödder wilde Pferde zähmen konnte, mein Vetter hat seine Kinder mit Geschichten vom Klosettmann beglückt, und meine Mutter erfand unendliche Geschichten über das verrückte Pferd, das seinen Reiter abwirft, die Weinflasche aufkorkt und leert, und dann besoffen ins Abenteuer aufbricht. Ich erinnere mich an viele Rückfahrten von Besuchen bei Oma, mein Bruder und ich hinten im Auto, und juchzen, wenn der Moment kommt, der Reiter empört ins Gras rollt und die Flasche rausgeholt wird. Das freche Wiehern des besoffenen Pferdes, das jetzt zum Abenteuer aufbricht, gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Meine Mutter ist wirklich immer noch ein Kindermagnet. Bei der Beerdigung einer sehr jungen Mutter, die wir vor kurzem überstehen mußten, war sie die einzige, die für die kleinen, verwaisten Kinder Geschenke dabeihatte, über die die Kinder sich sehr gefreut haben.

Die Generation meiner Schwiegermutter und Mutter hat ihre Kinder vor der Zeit der elektronischen Babysitter erzogen, außerdem sind beide ausgebildete und erfahrene Pädagoginnen. Es ist unfair, irgendjemand mit ihnen zu vergleichen, es zieht mir nur gerade so durch den Kopf. Ich habe von ihnen gelernt, immer mit einer interessant gefüllten Tasche zu Arzt, Reise oder Bahnfahrt aufzubrechen. Bei Tertias Krankenhausaufenthalten hatten wir immer ihren großen „agalool“ mit (eine Art rollendes Ställchen, in dem man liegen, sitzen, stehen, spielen kann), Bücher, Spielsachen, Bilder zum Aufhängen, ihre eigenen Sachen (sie hat nie die Krankenhauskleidung getragen) und ihre eigene Decke. Ja, man hat nicht immer Geduld, und im Zeitalter der totalen Erreichbarkeit kann man sich nicht leisten, bestimmte Anrufe nicht anzunehmen. Das verstehe ich schon.

Aber trotzdem. Junge Eltern, die mit Blick aufs Smartphone Kinderwagen über die Kreuzung schieben. Junge Eltern, die ihrem quengelnden Kleinkind im Cafe ein Smartphone in die Hand drücken, um weiter quasseln zu können (oder an einem anderen Smartphone zu hängen). Junge Eltern, die eine ganze lange Bahnfahrt mit einem kleinen Kind nur in ihr Smartphone starren, während neben ihnen ein kleines Kind um ein Wort, einen Blick bettelt. Ist es so schwer, sich schnell mit einem Kuli ein fröhliches und ein griesgrämiges Gesicht auf die Finger zu malen und die beiden streiten zu lassen?

Niemand von uns weiß, wie lange wir uns gegenseitig noch haben. Bei kleinen Kindern wissen wir aber, daß sie nicht lange so bleiben. Aus dem kleinen Kind, das sich über jedes Wort von Mama oder Papa freut, wird in Windeseile ein großes Kind, das gern diskutiert, und dann ein Teenager, für den die Eltern peinliche Fossilien sind, die ihn oder sie an den wichtigen Dingen des Lebens hindern. Und irgendwann dann junge Erwachsene, mit denen man einen interessanten, kritischen Dialog führen kann, und die Verständnis haben, wenn man gerade beim Whatsappen mit einem netten Menschen ist. Aber von Vierjährigen kann man das nicht erwarten.

Ich habe übrigens schon vor Kiriyat Motzkin angefangen, mich mit dem Mädchen zu unterhalten und mit ihr zu spielen. Wir haben geguckt, ob wir Tiere zählen können, aber wir haben keine gesehen, und haben welche erfunden, und so verging die Zeit bis Haifa. Sie hat sich auch nett von mir verabschiedet. Die Mutter hat nicht EINmal die Augen vom Telefon gehoben. Viellleicht hat sie gerade irgendwo gepostet, „ich bin eine Mutter, die auf ihr Smartphone starrt, und bekenne mich dazu“, und die Reaktionen gelesen: „du bist ja so mutig, so authentisch“ „das habe ich gerade gebraucht, bravo“ „zerbrecht die übertriebenen Erwartungen an Mütter“ „von Vätern erwartet niemand Perfektion“ „mögen die Hater bekommen, was sie verdienen“.

Ach, mögen die Kinder bekommen, was sie brauchen und verdienen.

Längere Stille Januar 27, 2020, 23:36

Posted by Lila in Persönliches.
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herrscht hier seit einiger Zeit, nicht weil es nichts zu schreiben gäbe, sondern weil es viel zu viel gibt! Und ich will nicht über jedes Stöckchen springen, das mir die Zeitläufte hinhalten. Es passiert so viel, in Washington, bei Yad VaShem, in Auschwitz und an anderen bedeutsamen Orten, und oft denke ich nur: mal sehen, was daraus wird. Dazu habe ich noch keine Meinung, oder nur eine provisorische, gewissermaßen mit Stützrädern. Aber um mich  herum haben natürlich alle gußfeste Meinungen in endgültiger Form. Also sage ich lieber nichts.

Im Moment bin ich auf Kurzbesuch bei meiner Familie, weil wir eine sehr traurige Familienbeerdigung haben. Das hat vieles andere nach hinten gedrängt. Denn im Grunde muß man froh sein um jeden Tag, den man gesund und fröhlich mit seinen Lieben leben darf. Das wünsche und gönne ich allen Menschen, egal wo, wer und woher.

Trost gibt wie immer Psalm 121.

 

Zurück Dezember 28, 2019, 23:06

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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Wieder dieses Zwischendrin-Gefühl. Ich habe zwar während meiner Woche Urlaub verfolgt, was sich in Israel ereignet, aber es dringt, wenn ich hier bin, alles ganz anders zu mir vor. Schon im Flugzeug, als ich die Israelis um mich herum über Bibi diskutieren hörte, und welche Chancen er im März hat, und wie sie das finden, kam das Gefühl langsam zurück, Israel und alles was dranhängt.

Im Flugzeug saß ich mitten in einer Gruppe junger Aktivisten, die zu einem Treffen mit Palästinensern kamen. Ein älteres israelisches Ehepaar erzählte ihnen lautstark und naiv in gebrochenem Englisch, wie toll sie es in Tel Aviv finden werden und wie warmherzig die Israelis doch sind („itz will be nice for you!“), was die jungen Männer nicht interessierte. Ich saß dazwischen, verstand beide Seiten (sprachlich), hätte sie am liebsten alle für die Dauer des Flugs auf leise gestellt.

In Deutschland fiel mir auf, daß deutlich weniger geschmückt war als noch im Jahr zuvor – ob aus Klimaschutzgründen oder warum sonst so wenig Schwibbögen und Hausbeleuchtungen waren, weiß ich nicht. Daß die elenden Santa-Claus-Kletterpuppen inzwischen wohl ausgestorben sind, kann niemand bedauern.

Während wir weg waren, fand hier der israelische Winter statt. Tertia meint, es hat jeden Tag in Strömen geregnet („das hätte dir gefallen, Mama“). Sie hat Haus und Katzen gehütetet, und vom großen Wohnzimmerfenster aus beobachtet, wie sich über Haifa und Akko große Gewitter entluden („das wäre was für dich gewesen, Mama“). Jetzt kann ich nur hoffen, daß es bis Ende März weiterregnet, wir brauchen das Wasser, und bisher war nicht viel mit Regen.  Bei jedem Deutschlandbesuch staune ich über Ellbach, Rur und Inde. So viel Wasser, das einfach durchs Land fließt, so viele Bäche und Flüsse, die auch im Sommer Wasser führen. Das ist nicht selbstverständlich.

Der Pegel des Sees Genezareth und Bibis Zukunft – die israelischen Obsessionen haben mich wieder, und bald ist 2019 vorbei. Das Jahr war freundlich zu mir und uns, ich lasse es nicht gern ziehen.

 

Dystopien, oder: aber den Juden wird doch nichts passieren! Dezember 11, 2019, 19:43

Posted by Lila in Persönliches.
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Was mir im Moment zu Großbritannien einfällt, hätte ich vor ein paar Jahren noch für eine Dystopie gehalten. Nicht nur das ganze Brexit-Spektakel, das nicht nur das Kind,  sondern gleich eine ganze Neugeborenenstation mit dem Badewasser ausschüttet. Eine so unausgegorene Idee, daß man sich nur wundern kann, wie die Briten mal ein Weltreich zusammengehalten haben. Wie haben sie es zusammengehalten? Ach ja, mit Diplomatie und Freundlichkeit.

Ich bin Anglophile und war es immer schon, und ich kenne viele deutsche Anglophile. (Ich pflege zu sagen, daß es natürlich auch britische Germanophile gibt, und daß ich alle drei kenne). Aber was im Moment im Land von John Constable und Barbara Pym vorgeht, verstört mich.

Ich sitze an der Übersetzung eines Texts von Sara Gibbs zum Thema Corbyn, hoffentlich werde ich noch heute Nacht damit fertig. Zutiefst deprimierend.  Wenn er euch zu lang ist, springt in den zweiten Teil, da kommen die Beispiele. An viele erinnere ich mich noch, als sie geschahen, und sie nun so gehäuft zu lesen, ist erschreckend.

Leider höre und lese ich viele, die sagen, Labour wählen ist wichtig, und sie haben auch gute Gründe. Trotzdem graust mir dabei, daß ein offener Antisemit, der noch offenere Antisemiten mal aktiv und mal diskret unterstützt, ein Mann, der den Antisemitismus wieder sagbar gemacht hat, dadurch an die Macht getragen werden könnte. Es gibt noch andere Parteien in UK, man kann taktisch wählen und ein Zeichen setzen, daß man für keine Art von Rassismus zu haben ist, auch den Corbynschen nicht.

Manche Labour-Aktivisten wenden sich an ihre „jüdischen Freunde“ und fordern Verständnis für ihre Wahl. Sie versichern den britischen Juden, daß sie nicht das Geringste gegen sie haben und sie auch nie zulassen werden, daß Juden tatsächlich was passiert. (Wobei Juden auf der ganzen Welt natürlich tagtäglich was passiert, so gestern der Anschlag auf einen koscheren Supermarkt in Jersey City).

Wenn ich das so lese, fällt mir eine Geschichte ein, die mir Y.s Oma erzählt hat.

Sie war ein junges Mädchen, hatte schon eine Ausbildung hinter sich, war aber mißtrauisch, als sie die nationalsozialistische Partei wachsen sah. Sie ging zu einer Veranstaltung der Nazis in ihrer Heimatstadt, um sie sich anzuhören, und entschied sich, ins damalige Mandatsgebiet Palästina auszuwandern. Ihre jüngere Schwester wanderte um dieselbe Zeit nach Moskau aus (wo ihr Mann später bei den stalinistischen Säuberungen hingerichtet wurde).

Y.s Oma nahm ihr Fahrrad mit nach Palästina und einen großen Koffer. Die Reise war lang. Sie fuhr mit dem Zug nach München, stieg dann um in Richtung Genua, und von dort fuhr sie mit dem Schiff nach Haifa (so habe ich es zumindest in Erinnerung). Im Zug nach München saß ihr ein Mann gegenüber, der das Parteiabzeichen der Nazis trug (war es 1934? ich weiß es nicht mehr).  Auf der langen Fahrt kam sie mit ihm ins Gespräch. Sie war eine bildhübsche junge Frau, und der Mann war erstaunt, daß so ein blondes, blauäugiges Fräulein tatsächlich Jüdin ist! Als er hörte, daß sie tatsächlich nach Palästina auswandern wollte, versuchte er, sie davon abzubringen. Aber liebes Fräulein! Menschen wie Sie, die tüchtig sind und gut ausgebildet, die haben doch gar nichts zu befürchten. Wir sind nur gegen die bösen Juden, die Ausbeuter, die Bankiers, die Verbrecher und Betrüger. Da kann doch niemand etwas gegen haben, das ist doch auch in Ihrem Sinne!

Der Mann war so freundlich, der jungen Jüdin das Rad beim Umsteigen in München ans richtige Bahngleis zu schleppen. Er verabschiedete sich herzlich von ihr, und seine letzten Worte waren: „Sie können sicher sein, den Juden wird nichts passieren!“

Und so reiste die junge Oma nach Palästina, wo sie sich in einen genialen Mathematiker verliebte, einen überzeugten Sozialisten aus Berlin, der ihr bei ihrer ersten Arbeit im Kibbuz, in der Bäckerei, eine tote Ratte aus dem Teig fischen half. Sie hatte sich schon gut eingelebt und war verheiratetet, als der Abschiedsbrief ihrer Eltern kam, die nach dem Erlaß der Nürnberger Gesetze Selbstmord begingen (und dadurch als einzige Vorfahren meines Mannes einen Grabstein haben). Die Eltern ihres Mannes, die nach Polen geflohen waren, wurden dort von der Wehrmacht eingeholt und ermordet.

Wer nicht weit weg genug fliehen konnte, in die USA oder nach Palästina, der wurde barbarisch abgeschlachtet, Ahne, Großmutter, Mutter und Kind.

Aber Sie können sicher sein, den Juden wird nichts passieren.

Über doppelte Maßstäbe Dezember 6, 2019, 17:12

Posted by Lila in Persönliches, Uncategorized.
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Youtube hat mir eine Doku-Serie vorgeschlagen, und aus Neugier habe ich die erste und zweite Episode angeguckt. (Ich bin gerade in einer adventlichen Häkelwelle und habe erstmal nur zugehört, dann wollte ich aber auch die Bilder sehen.) Es geht um Kinder der nomadischen ethnischen Minderheiten in Großbritannien und Irland, British travelers und Irish travellers.

Diese Kinder werden gemobbt, diskriminiert und ausgegrenzt. Ihre Familien werden gegängelt, von Stellplätzen vertrieben, leben teilweise ohne Strom und Wasser.

Auf einmal fallen mir Erinnerungen aus meiner Kindheit ein. Ich muß sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als wir in Finnland eine Gruppe „Zigeuner“ (meine Eltern benutzten das Wort damals, wir wußten gar nicht, daß es andere gibt) sahen. Die Frauen beeindruckten mich sehr.  Sie trugen wunderschöne Samtröcke, sahen geheimnisvoll aus, und ich weiß nicht mehr, was mein Vater mir über sie erzählte, aber es muß positiv gewesen sein. Ich habe danach noch lange mit meinen Filzstiften finnische Kale-Frauen in langen, prächtigen Samtröcken gemalt.

Natürlich Mond Mond Mond von Ursula Wölfel, ein Buch,  das ich immer noch empfehlenswert finde, auch wenn es natürlich noch veraltete Bezeichnungen wie Zigeuner benutzt. Ich sehe gerade, was ich gar nicht wußte – das Buch ist verfilmt worden, aber die Serie werde ich mir nicht angucken, weil ich so starke innere Bilder von diesem Buch und allen Personen darin habe. Das Schöne beim Lesen war, daß ich meine eigene Welt, die Welt der Gadsche, auf einmal mit den Augen der Mädchen im Wagen sah. (Wenn die Kinder in der britischen Doku-Serie Gorga sagen, ist vermutlich dasselbe gemeint: country people, Seßhafte, wir.)

Das fürchterliche Verbrechen an der Familie des Panelon ist diskret und intensiv zugleich beschrieben. Als Kind wußte ich nicht, wer die bösen lachenden Männer beim brennenden Wagen waren, heute weiß ich es natürlich.

Mein dritter emotionaler Anknüpfungspunkt ist der Film Into the West, den ich im Studium gesehen habe. Der Kurs hieß „Kindheit im Kino“, oh, und ich habe eine Hausarbeit über Pünktchen und Anton geschrieben (und dabei gleich mal mit Erich Kästners Müttern abgerechnet – ich finde Antons Mutter einfach furchtbar, alle Mütter bei Kästner scheren sich um niemand als ihre eigenen Küken! jawohl!) .

Ein weiterer Berührungspunkt ist der Friedhof meiner Heimatstadt. Neben dem Grab meines Stiefvaters, zu dem ich immer mindestens zweimal gehe, wenn ich in Deutschland bin, ist eine ganze Reihe Gräber einer fahrenden Gemeinschaft, ich weiß nicht, ob Roma oder Sinti. Sie sind sehr prächtig, mit Madonnenstatuen und Marmorbögen, und das prächtigste Grab ist das des „Zigeunerkönigs“, wie uns eine Nachbarin verriet. Meine Mutter trifft die Angehörigen regelmäßig auf dem Friedhof und hat sie im Laufe der Jahre kennengelernt.

Fremde Welten, sehr interessant, so nah an unserer eigenen und doch so schwer zu verstehen.

Und was passiert mir immer, wenn ich so eine Serie sehe? Unbewußt kommen die Gedanken hoch. Irland. In Irland ist Israel negativ konnotiert wie kaum in einem anderen europäischen Land. Irische Zeitungen und Politiker sind so pro-palästinensisch, daß der israelische Standpunkt im Diskurs kaum vorkommt.  Aber wieso kritisieren eigentlich die Iren mit solcher Hingabe Israel, wenn sie selbst die travellers so miserabel behandeln, ohne daß es dafür irgendwelche Begründungen gibt außer Haß und Vorurteilen? Die travellers haben nie Terror in irische Städte getragen, es gibt bei ihnen keine Haßprediger und keinen Wunsch, Irland abzuschaffen und zu ersetzen. Israel hat für die meisten der Maßnahmen, die zB irische Journalisten anprangern, gute Gründe.

Es ist mir ein Rätsel, wie ein Land, in dem ein solches soziales Problem wie die Ausgrenzung und Diskriminierung einer kulturellen und ethnischen Minderheit über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte andauert, sich anmaßt, über ein anderes Land so harsch zu urteilen. Tja, die alte Sache mit dem Splitter und dem Balken.

Doch egal, bei mir geht inzwischen alles durch diesen Filter, manchmal würde ich das gern abstellen. Ich wünsche den gypsy kids jedenfalls eine glückliche Zukunft, ohne Mobbing-Erfahrungen, Ablehnung und Schulwechsel deswegen. Vielleicht bekommen sie dann eine positivere Vorstellung von Erziehung und Schulbildung, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben. Denn mit elf von der Schule abzugehen – das ist heutzutage nicht genug.

Ich werde jetzt weiter gucken und meine Häkelnadel läuft wieder warm. Weihnachten kommt jedes Jahr so überraschend 🙂

Auf die Kaffeekanne gekommen November 14, 2019, 16:41

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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Wie bin ich eigentlich auf das Kaffee-Thema gekommen? Vermutlich liegt es einfach am Älterwerden, das alles mögliche wieder hochschwemmt.

Selbstverständlich komme ich aus einer Familie, in dem der Kaffee eine große Rolle spielte. Wir wußten schon als Kinder, daß unsere Eltern vor der ersten Tasse Kaffee nicht ansprechbar sind. In meiner frühen Kindheit muß es ein Alltagsgeschirr gegeben haben, an das ich mich nicht erinnere – meine Mutter ist, wie alle Frauen meiner Verwandtschaft, eine große Porzellanfreundin und hat für jeden Anlaß unter der Sonne das passende Service. Aber ich erinnere mich noch gut an das schöne Thomas Onyx Medaillon, das sonntags auf den Tisch kam. Ich finde es noch immer bildschön und elegant.

Leider ist es den Zeitläuften zum Opfer gefallen, so daß ich nur noch im Internet angucken kann, wie es so insgesamt aussah.

50er und frühe 60er Jahre in ihrer angenehmsten Form.

Ich erinnere mich auch noch genau an andere Service meiner Kindheit. Einige habe ich auch geerbt – so hinterließ mir eine liebe Großtante ein elfenbeinfarbenes Teeservice mit Goldrand, das ich in Berlin noch genutzt habe (ich selbst trinke nämlich eigentlich Tee mindestens ebenso gern wie Kaffee), das ich dann aber in Deutschland gelassen habe.

Denn ich habe ja Ende der 80er Jahre den Großen Sprung übers Mittelmeer getan und bin im Kibbuz gelandet, wo ganz viel ähnlich war wie zuhause (ein Jeckes-Kibbuz eben) und ganz vieles war ganz anders.

Die Kibbuzniks nämlich hatten von den bürgerlichen Werten einige mitgenommen, die in ihren kollektiven, spartanischen und sozialistischen Lifestyle paßten: harte Arbeit, Ehrlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit. Aber die Rituale der Bürgerlichkeit warfen sie mit großem Schwung über Bord. Gegessen wurde gemeinsam im Speisesaal, von schlichtem funktionalem Geschirr. Davon aß man auch zuhause. Nachmittags um vier gab es zwar, nach dem Abholen der Kinder, eine Tasse Kaffee zuhause, mit Marmeladenbroten aus dem Speisesaal, aber der Kaffee wurde entweder in einem arabischen finjan auf der Gasflamme gemacht (türkischer Kaffe – kafe turki – botz, Schlamm, genannt), oder es war einfacher Elite-Pulverkaffee.

Türkischer Kaffee – Finjan-Kanne – löslicher Kaffe von Elite

Kaffeekannen gab es nicht, außer bei unserer alten Nachbarin, die mit zartem Porzellan, Silberlöffeln und den besten Kuchen des Kibbuz ihre Gäste beglückte. Darunter auch unvergeßlicherweise meine Eltern, als sie das erste Mal in den Kibbuz kamen. Als einzige Überlebende einer großen jüdischen Familie aus Köln fiel ihr das vielleicht anfangs etwas schwer, aber meiner Mutter fiel sofort auf, daß es nur bei ihr Kaffee aus richtigen Kaffeetassen mit Untertassen gab. Andere Kibbuzniks tranken ihn aus den schlichten Tassen vom Speisesaal.

Ich trank damals bei der Arbeit den löslichen Kaffee mit, der so ähnlich schmeckte wie der geliebte Caro-Kaffee meiner Kindheit (der wiederum heißt in Israel Chico, und ich mag ihn noch immer).

Chico – Kinderkaffee

Da ich nie eine Kaffee-Feinschmeckerin war, gewöhnte ich mich schnell daran. Auf Hebräisch nennt man löslichen Kaffee ness, was wie eine Abkürzung von Nescafe klingt und es vermutlich auch ist. Da ness Wunder heißt, ist Nescafe gewissermaßen Wunderkaffee.

Jahrelang tranken Y. und ich morgens unseren Ness. Es war schon so richtig bürgerlich, als wir uns Tassen kauften, die nicht aus dem Speisesaal stammten! Irgendwann warf der Markt bessere Sorten löslichen Kaffee aus, und wir stiegen vom guten alten Elite mit seinem billig-bitteren Geschmack auf andere Sorten um.

Der Sohn unserer alten Nachbarin schenkte uns zur Hochzeit eine Kaffeemaschine und eine Kaffeemühle. Ich bin mir ziemlich sicher, daß seine Eltern ihm dazu geraten haben – das ist doch ein Geschenk für eine Deutsche! Auf Hebräisch heißt so eine Maschine übrigens perkolator. Ich muß gestehen, daß ich nur selten Kaffee aus dem Perkolator getrunken habe, weil mir der olle Elite gut genug war, und in der Kaffeemühle habe ich Puderzucker hergestellt. Aber wenn meine Eltern kamen, dann kam die Maschine natürlich zu Ehren.

Vor ungefähr 15 Jahren bekam ich in Deutschland ein sehr schönes, schlicht weißes Service von Eschenbach geschenkt, das wir Stück für Stück nach Israel mitschleppten. Dazu gehörten natürlich auch Kaffeetassen, Untertassen und eine Kaffeekanne. Bei jedem Umzug packte ich sie alle mit ein und wieder aus, obwohl wir sie NIE benutzt haben (die Teller, Schüsseln etc benutzen wir natürlich täglich). Dabei hatten wir nicht so viel Schrankplatz in der Küche und gar kein Eßzimmer. Die Vitrinen und Anrichten deutscher Häuser kennt man in Kibbuz-Häusern natürlich nicht. Ich bin sicher, daß religiöse jüdische Familien massenhaft Schrankraum für Geschirr haben, denn sie brauchen mindestens vier komplette Sets – jeweils für milchig und fleischig, fürs ganze Jahr und für Pessach.

Wenn ich nach Deutschland komme, genieße ich die schöne Kaffeetafel meiner Familie und Bekannten, und ich lasse mir gern die Geschichte dazu erzählen. Auch wenn ich selbst so schöne Dinge nicht besitze, finde ich sie sehr schön bei anderen, und erinnere mich noch genau an die Freude, die wir alle an unserem Arabia-Rusca-Kaffeeservice hatten, das meine Mutter in Helsinki kaufte, bevor noch irgendjemand in Deutschland es kannte. Es war und ist immer noch sehr schön, finde ich, auch wenn es natürlich bei meiner Mutter längst ausgedient hat. Damals war es eine absolute Sensation – so dunkel, so schlicht, so kaffeebohnenfarbig. Die Textur ist auch ganz besonders. Ich habe keine Bilder, aber Google hat welche.

Das waren auch die Jahre, in denen viele im Alltag Melitta-Kopenhagen in orange oder rot benutzten – auch daran hängen viele Erinnerungen. Tja, man fand das damals schön, und es war ein deutlicher Bruch mit den zarten, weißen Tassen, den Streublumen, Weinblättern, Zwiebel- oder Strohblumenmustern der Vergangenheit. (Man wußte ja damals noch nicht, daß die alle den Geschmacksumschwung überleben würden!) Ein weiterer „Umstieg“ in den 70er Jahren, an den ich mich genau erinnere, ist der bei meiner Oma. Rosenthal Cordial hieß das, es war damals wirklich der letzte Schrei und paßte gut zu der neuen Schrankwand, die viel schlichter war als das alte Möbel. Doch ich war damals schon ein konservativer Mensch, glaube ich, oder einer, der Veränderungen nicht leicht mitmacht, und ich weiß noch genau, daß mir im Herzen das schöne Porzellan mit Goldrand und Röschen, das es vorher gab, immer noch lieber war. Meine Oma bewahrte es auch auf, und wenn ich allein bei ihr zu Besuch war, dann wünschte ich mir abends Hagebuttentee mit viel Zitrone aus einer der alten Tassen. Erinnerungen!

Meine Oma goß ihren Kaffee übrigens immer per Hand auf und ließ sich nie von einer Kaffee- oder Spülmaschine verführen. Sie selbst konnte das am besten. Die alte Kaffeemühle, die noch bei ihr stand, überließ sie aber meiner Mutter als Schmuckstück für unsere Küche (wir haben sie knallrot bemalt, ich weiß es noch genau), und eine elektrische Kaffeemühle akzeptierte sie. Meine Eltern hatten schon früh eine Kaffeemaschine, und heutzutage hat meine Mutter natürlich einen Vollautomat, der den Kaffee mahlt, brüht und serviert – und kein Wort spricht, bevor wir alle den ersten Kaffee getrunken haben.

Bei uns gibt es eine Stempelkanne, nein, es gab sie – Tertia, die kaffeemäßig anspruchsvoller ist als ihre Eltern, hat sie mitgenommen. Als wir noch Gasflammen hatten, haben wir auch manchmal Espresso in so einer Kanne gemacht. Ansonsten trinken wir nach wie vor wie richtige Kibbuzniks unseren schlichten ness aus großen Tassen, ich inzwischen mit Soja- oder Hafermilch. Jahrelang hatten wir Freude an unseren Steingut-Tassen, die wir mal auf den Aland-Inseln gekauft haben, bei der Töpferei Lugnet – leider sind sie irgendwann alle zerdeppert.

 

 

Das Bild ist ergoogelt, die Kanne hatten wir nicht, nur eine ganze Anzahl solcher Tassen.

Und wenn ich mal schön zum Kaffee einlade, dann reicht unser Eschenbach 🙂

Ich werde auf jeden Fall, wenn ich das nächste Mal nach Deutschland komme, bei Freunden und Verwandten Kaffee-Geschichten erfragen und erkunden.

 

Mal ganz was anderes, November 14, 2019, 15:31

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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aber jetzt mal ganz echt was anderes.

Während ich so vor mich hin brassele in allen möglichen Projekten, denke ich über Rituale des Alltags nach, und wie sie sich verändert haben. Aus irgendeinem Grund ist es besonders die deutsche Kaffeetafel, die mir im Sinn bleibt. Ich habe bei Twitter eine Mini-Anfrage gemacht, wie Leute ihren Kaffee heute trinken, und die Ergebnisse waren (für mich zumindest) sehr spannend.

Ich war glücklich über die Antworten! Und weil Twitter so ein kurzatmiges Medium ist, möchte ich hier gründlicher fragen. Wie trinkt Ihr Euren Kaffee heute – allein, zuhause, unterwegs, wenn Ihr Leute einladet? Spielt das Sonntags-Kaffeetafel-Ritual noch eine Rolle? Trinkt Ihr noch Filterkaffee? Wie steht Ihr zu Maschinen? Habt Ihr Tipps? Oder kommt Euch der Kult um Kaffee total übertrieben vor?

Fast noch mehr als der Kaffee selbst interessiert mich das Porzellan. Die gute alte Kaffeekanne, benutzt Ihr sie noch? Habt Ihr Erinnerungen an das Porzellan Eurer Kindheit? Habt Ihr Erbstücke, besondere Erwerbungen, ein Traum-Service, das Ihr Euch nie werdet leisten können?

Wenn Ihr mir Bilder schickt (weiß gerade nicht, ob man die in Kommentare mit einbauen kann, glaube eher, nein), dann können wir eine Galerie machen. Ich weiß nicht mal genau warum, aber mir kommt diese gepflegte Kaffeetafel vor wie DAS Sinnbild deutscher Bürgerlichkeit und Selbstvergewisserung. Ob ich je dazu kommen werde, eine Kulturgeschichte dieser Kaffeekultur zu schreiben, die ja auch Inbegriff der Spießigkeit für uns bedeutete, als wir rebellierende Jugendliche waren, weiß ich noch nicht, aber es ist auf meiner to-do-Liste (dieser Hydra). Auf jeden Fall bin ich von Neugierde zerfressen und möchte festhalten, woran sich meine Leserinnen und Freunde noch erinnern. In welcher Form ich das tun möchte, weiß ich ebenfalls noch nicht genau, vielleicht interessiert es ja niemanden, sich daran zu beteiligen oder es anzugucken. Aber ich habe den Eindruck, daß die Tasse Kaffe ebenso wie der Braten und das alkoholische Getränk zu den Grundpfeilern deutscher Rituale gehören.

Ich werde in einem extra Eintrag erzählen, wie ich auf das Kaffee-Thema gekommen bin und warum es mich interessiert. Aber seht das hier mal als Anregung, über den Kaffee in Eurer Kindheit, bei der Oma, damals und heute, nachzudenken. Wie zelebrieren wir den Alltag?

 

Ostern 1966, mit dem Thomas Medaillon Onyx

Von Schlußstrichen November 10, 2019, 23:21

Posted by Lila in Deutschland, Persönliches.
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In letzter Zeit lese ich zu viel über die NS-Zeit, die Regale entlang. Dabei bin ich auf die englische Ausgabe von Stephan Leberts „Denn du trägst meinen Namen“ gestoßen (ich meine, ich hätte vor Ewigkeiten mal die deutsche Fassung gelesen). Das Buch ist 20 Jahre alt, also beim heutigen Lesen eine dreifache Zeitreise. Der Autor interviewt Kinder von Nazi-„Größen“ in den späten 90er Jahren, die sein Vater kurz nach Kriegsende bereits interviewt und zu ihren Erinnerungen befragt hatte. Also von heute in die 90er, dann in die 50er, schließlich in die 30er Jahre.

Zu den Befragten selbst kann ich nicht viel sagen – außer Niklas Frank hat sich keiner von ihnen richtig freigeschwommen, und ich nehme an, daß auch ihm es noch schwerer gefallen wäre, wenn sein Vater ihm auch nur ein bißchen Liebe gezeigt hätte. Wir kommen so liebebedürftig zur Welt, daß es vermutlich zu viel verlangt wäre von einer Edda Göring, sich rational von ihrem Vater zu distanzieren. Ich bin keine Psychologin. Lebert und viele andere Autoren haben zu dem Thema alles gesagt. (Ich weiß von Freundinnen, wie hartnäckig das innere Bild der Guten Eltern ist – selbst Kinder mit Hämatomen und Brandwunden, die sie ihren Eltern verdanken, suchen noch nach Anerkennung und Liebe dieser Menschen und finden Erklärungen.)

Aber dem Autor fiel einiges auf, das man verallgemeinern kann. Auch die Kinder der größten Schurken konnten ihre Väter exkulpieren, indem sie die wahre Schuld auf andere schoben. Sprich – selbst wenn ihnen dämmerte, daß die Bilanz der Nazizeit eine lange Reihe unvorstellbarer Verbrechen war, dann fanden sie noch einen Weg, ihre Väter davon irgendwie zu distanzieren.

Im Kleinen taten sie damit, was wir Deutschen alle im Großen getan haben und noch tun. Es waren die Anderen, die Parteimitglieder, die höheren Funktionäre, die Fanatiker. Keiner fühlt sich betroffen. Es war „die schlimme Zeit“, man hatte Angst vor Bombenangriffen nachts und Tieffliegern tags, man war ja selbst Opfer. Die Erinnerung reicht bis dahin – nicht bis an die Momente vor der Wahlurne, als man entscheiden mußte, welcher Zettel reinkommt.

Wie bequem für uns alle, daß es die Franks, die Görings, die Himmlers und wie sie alle heißen gab. Die waren es, die waren schuld, aber unsere Oma und Opa doch nicht. Die Oma hatte eh keine Ahnung von Politik, der Opa war sowieso dagegen, und was hätten sie schon tun sollen? Sie haben doch alle mit innerem Widerwillen die Flaggen gehißt, die Lieder gesungen, die Sonnenwendfeiern mitgemacht und die jüdischen Geschäfte boykottiert. Ja, daß es dann hinterher die Möbel und Bücher von Nathans so billig gab, wer hätte denn ahnen können, wieso?

Ich möchte nicht selbstgefällig über Leute zu Gericht sitzen, die sich mitschuldig gemacht haben, denn wer weiß, ob ich selbst nicht auch eine begeisterte Marmeladenköchin im Dienst der Deutschen Frauenschaft geworden wäre? Aber es gibt ja noch Möglichkeiten außer blinder Exkulpierung oder arroganter Verurteilung, mit der Tatsache zu leben, daß es vermutlich keine Familie in Deutschland gab, die nicht als Opfer oder im weitesten Sinne als Täter Kenntnis von Zielen, Methoden und Taten der NS-Regierung hatte. (Ich spreche hier zu Nachkommen der Täter, nicht der Opfer.) Bekanntlich war der Zugriff total. Er war raffiniert und primitiv zugleich. Aber das macht unsere Vorfahren nicht zu armen Verführten, denn auch die, die ganze Propagandakacke anrührten, waren Deutsche.

Wo war, wo ist das Entsetzen? Lebert zitiert Schmidbauer, Lewitan, Reich-Ranicki – viele haben mit Entsetzen gesehen, daß den Tätern, ihren Kindern und Kindeskindern das Entsetzen fehlt. Ja, es ist Schulstoff, man sieht Filme und geht in Konzentrationslager und Museen und findet es alles ganz schrecklich. Vielleicht kommt für einen Moment das Grauen hoch, aber man schiebt es weg. Es waren ja Andere, ja, auch Deutsche, ja, auch in unserer Stadt, aber je näher man die Täter in der Umgebung hat, desto mehr Entschuldigungen hat man für sie.

Ich wünsche mir oft, ich hätte die Kaltblütigkeit, die ganzen harschen Kritiker Israels, die mir ungefragt ihre Meinungen um die Ohren schlagen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme – daß ich sie ganz schlicht fragen könnte: sag mal, was haben deine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht? Wie habt ihr das in der Familie thematisiert, verarbeitet, besprochen? Was habt ihr daraus für Lehren gezogen?

Vielleicht würde dann mal jemand auf den Trichter kommen, daß dieselbe Verächtlichkeit, mit der Juden als Giftpilze und Ratten beschimpft wurden, heute andere Termini benutzt, aber immer noch komplett unverändert sich durch die Zeit gerettet hat. Daß die eigenen Urteile über den Nahostkonflikt vielleicht doch nicht so „unparteiisch“ sind. Weil wir Partei sind. Auch wenn wir es vor uns selbst ableugnen.

Ja, auch die Journalisten, die sich gern als Hohepriester der Ausgewogenheit feiern, haben zuhause noch irgendwo Urgroßmutters Mutterkreuz und ein Bild vom Urgroßvater in Wehrmachtsuniform. Über die nie jemand gesprochen hat. Was das damit zu tun hat, daß sie ständig passiv-aggressive Urteile über Israel fällen, abwertende Begriffe verwerten, die Glaubwürdigkeit israelischer Quellen grammatikalisch anzweifeln? Oh, nichts natürlich, das muß Zufall sein.

Und beim Nachdenken in einer Lesepause dachte ich darüber nach, wie oft ich schon gehört habe, wir sollten aufhören, über die Kreuzzüge zu reden, über das Römische Reich, über den 30jährigen Krieg, die napoleonischen Kriege, die russische Revolution. Schlußstrich darunter, alles olle Kamellen, keiner kann mehr was davon lernen, und es dient ohnehin nur dazu, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden, sich moralisch über sie zu erheben und sie emotional zu erpressen!

Ach, erinnere ich mich falsch? Wird diese Aussage tatsächlich nur und ausschließlich über die NS-Zeit getan? Ist es möglich, daß jeder, der von Schlußstrichen faselt, das tut, weil die Einschläge zu nahe kommen, weil er oder sie nicht imstande oder willens ist, wie ein moralisch erwachsener Mensch vor dem Grauen der Geschichte zu stehen, ohne sich in Distanzierung, Relativierung, Schuldumkehr, Projektion und verlogenen Sündenstolz zu retten?

Einfach erstmal dastehen und fühlen, wie das schmerzt und drückt und unausweichlich ist. Dann daraus ehrliche Konsequenzen ziehen. Den eigenen Vorurteilen, Ressentiments, Verkürzungen und Heucheleien unerbittlich nachjagen. Und sie bei anderen erkennen.

Es ist nicht einfach. Heute traf ich, wie schon so oft, eine ältere Dame, die in alle meine Vorträge kommt. Sie erzählte mir hinterher von den Tagebüchern ihres Vaters, der aus Berlin kam, und daß ihr junge Deutsche beim Lesen und Übersetzen helfen. Sie selbst war nur einmal in Berlin. Vier Tage. Mehr konnte sie nicht.

Hätte ich ihr sagen sollen: ach, aber das hat doch mit dem heutigen Deutschland nichts mehr zu tun?

Das konnte ich nicht. Ich treffe oft Leute hier, die total begeistert sind von Berlin oder Köln oder dem Schwarzwald, und dann freue ich mich, bin erleichtert, daß sie keine negativen Erlebnisse hatten. Aber soll ich dieser Frau versichern, daß heute in Deutschland Juden willkommen sind, daß sie sich furchtlos bewegen können? Noch vor ein paar Jahren war das einfacher, vielleicht habe ich da noch die Augen verschlossen – aber ich habe mich auf die Urteile jüdischer und israelischer Freunde verlassen. Ich selbst bin ja schon länger weg aus Deutschland, als ich dort gelebt habe.

Aber wie bitter ist es, daß ich nur nicken kann, wenn eine alte Dame mir erzählt, daß sie Angst hat, in Deutschland als Israelin, als Jüdin erkannt zu werden, und ich kann nicht sagen: oh, ich bin sicher, daß diese Angst unbegründet ist!

Statt dessen sage ich, „es gibt so viele schöne Orte in der Welt – du hast das Haus gesehen, in dem dein Vater aufgewachsen ist, und wenn du nicht nochmal hinfahren willst, kann ich das gut verstehen“.

Und denke an den jungen Juden in Freiburg, dem niemand geholfen hat, als ihm im Fitneß-Center die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Der danach in einem Interview nichts über die Täter sagen wollte, aus Sorge, Ressentiments zu bestärken, unter denen dann Unschuldige leiden müßten.

Hätten die Studenten, die drumherum standen und nicht eingriffen, anders reagiert, wenn einem Flüchtling eine vergleichbare Aggression entgegengeschlagen wäre? Wäre sie dann alle betroffen gewesen und aktiv geworden? Vielleicht. Gut zu Flüchtlingen zu sein ist ein hoher Wert, weil man sich dann moralisch auf der Seite der Guten fühlen kann. (Was übrigens ein recht schäbiger Grund ist, gut zu Flüchtlingen zu sein, und ich fühle mich etwas garstig, daß mir dieser Verdacht so oft gekommen ist – als ich diesen Rausch der Begeisterung sah, vor ein paar Jahren, der nichts mit den Bedürfnissen der Flüchtlinge zu tun hatte, aber alles mit den Bedürfnissen mancher Helfer.)

Das Entsetzen kam nicht in den 50ern, sondern statt dessen Freßwelle, Reisewelle, Dauerwelle. Dann kamen die 60er, zuerst war man auf der Seite der Guten im Kalten Krieg und dann im Protest gegen Vietnam und Muff unter Talaren. Wie muffig man selbst war, mußte man nicht sehen – Prilblumen draufgeklebt, mit Optimismus weiter. Dann waren es schon nicht mehr die Eltern, sondern die Großeltern, und wer nimmt sich schon zu Herzen, was die Großeltern getan haben? Gut, wir benutzen gern Omas altes Indisch Blau, aber mit Omas geschönten Erinnerungen haben wir doch nichts zu tun!

Und so sind wir immer weiter mit kaltem Herzen, Fingerzeigen auf andere und selbstgerechten Urteilen von einem Jahrzehnt ins nächste gepoltert. Die Bindung an unsere Vergangenheit ist eine unsicher-vermeidende, die sich als Unabhängigkeit tarnt und sich wie ein moralisch unreifer Jugendlicher an Vorschriften klammert als ein Gewissen entwickelt. Daher kommt vielleicht das nach wie vor oft gehörte, „das ist nun mal so, da kann ich ihnen nicht helfen, das ist die Vorschrift“, das Festhalten an den heiligen Kühen – unsere Miele, unsere Mülltrennung, unser Mettigel.

Ja ja, alles Unsinn, wer kann schon ein Volk von 80 Millionen analysieren, ohne überhaupt nur dort mehr Zeit verbracht zu haben als ein paar Jugendjahre? Das hat doch alles mit euch, mit mir, mit uns, gar nichts zu tun. Es waren doch die Anderen, die wirklich Bösen.

Neuanfänge im Alten Oktober 28, 2019, 22:26

Posted by Lila in Kunst, Persönliches.
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Ein neues akademisches Jahr hat angefangen, ich habe weniger Arbeitslast als früher, dafür einige neue Projekte und Ideen. Die erste Woche ist immer wunderbar intensiv, und meine Arbeit macht mir nach wie vor riesigen Spaß. Eine Idee kommt immer zuerst – dann muß die Idee entwickelt werden, ich pflüge mich durch Berge von Gedanken anderer, immer froh, wenn ich sehe, daß meine Idee so noch nicht herumschwebt, aber viele andere, an denen ich mich reiben und von denen ich mich inspirieren lassen kann. Daraus einen Vortrag machen, den dann auch irgendwie rüberbringen, so daß andere mitvollziehen können, was ich mir gedacht habe – die Chemie mit dem Publikum ist nie berechenbar, immer überraschend. Inzwischen unterrichte ich seit über 20 Jahren und sitze wie ein sehr zufriedener Drache auf einer Schatzkiste von gespeicherten Vorträgen zu allen möglichen Themen.

Seit ich mich aus dem akademischen Gewächshaus in die freie Landschaft hinausbegeben habe, fröne ich meiner Lust am Fachübergreifenden, Epochenübergreifenden, und mache mehr oder weniger, was ich will. Ich habe meine Schwerpunkte, aber ich scheue mich nicht, über die Venus von Milo genauso selbstbewußt zu reden wie über Antonis Lick and Lather. Daß ich so verrückt kreuz und quer studiert habe, hilft mir heute. Daß ich geologische Schichten von Obsessionen zu den verschiedensten Themen im Gedächtnis trage, von römischen Familienstrukturen über den niederländischen Befreiungskrieg bis zum viktorianischen Umgang mit dem Tod, hilft mir noch viel mehr.

Ich arbeite immer aus dem Vollen, koche immer den ganzen Topf, auch wenn ich nur einen Löffel Suppe serviere, anders geht es nicht. Manchmal bedaure ich, wenn ich mal gerade eine meiner Meinung nach glääänzende Idee habe, daß die nur in meinen Unterricht, meine Vorträge einfließen wird, aber ich nicht das Zeug dazu habe, daraus etwas Bleibenderes zu bauen. Ich bin gewissermaßen eine Textilwerkerin, die aus vergänglichem Stoff etwas erschafft, das beim Erschaffen glücklicher macht als beim Ansehen, und daß längst zerfallen sein wird, wenn anderleuts Urenkel noch deren steinerne Arbeiten bewundern werden.

Die besten Einfälle kommen mir beim Sprechen, nie am Schreibtisch. Ich plane auch nie genau, was ich sagen werde. Ich habe den Kopf voll mit Ideen, meine Vorträge bestehen ganz klassisch nur aus Bildern, und ich verlasse mich ganz darauf, daß mir schon einfallen wird, was ich sagen will. Der Vortrag muß visuell stimmen, die Bilder müssen am rechten Platz sein, und ich muß meine Ideen dazu schön ordentlich im Kopf haben bzw in Stichpunkten unter den Dias (ich benutze immer noch Powerpoint, ohne Schnörkel, einfacher schwarzer Bildhintergrund, so wenig Text wie nur möglich, eigentlich so wie die klassischen Diavorträge, die ich als Studentin noch erlebt habe).

Erst habe ich viel zu viele Dias, und dann sortiere ich sie langsam aus, bis ich am Ende genau  habe, was ich brauche.

Am Ende dann – archivieren und zum nächsten Thema übergehen. Aber vorher gebe ich mir immer selbst ein Feedback und schreibe mir unter das erste Dia genau, was an dem Vortrag gut war, was nicht, wie das Publikum reagiert hat, wo ich kürzen muß, wo Fragen kamen, wo ich nicht gut genug vorbereitet war usw. Wenn ich dann das nächste Mal das Thema beackere, habe ich einen Ausgangspunkt und kann die Fehler ausbessern.

Da man als Lehrperson selten gründliches Feedback im Anschluß an einen Vortrag erhält („kommt das in der Prüfung vor?“ „und zu welcher Kunstrichtung gehört das nun?“ „wie du das alles im Kopf behältst!“ „was für ein Akzent ist das denn – bist du Holländerin?“ waren über die Jahre weg die häufigsten Reaktionen), muß ich es mir eben selbst geben. Das ist eine der besten Früchte aus meinem Lehramtsstudium, da haben wir das nämlich gelernt – Instrumente zur beruflichen Weiterentwicklung. Dazu dann noch das Feedback am Ende des Semesters, und eigentlich müßte man längst perfekt sein, ist es natürlich trotzdem nicht. Manchmal funktioniert es nicht mit einem Publikum, obwohl ich das Thema liebe und in meinen Vortrag gelockt habe wie einen scheuen Paradiesvogel, an dem mein Herz hängt.

Es ist nicht einfach, sich als frei arbeitende Kunsthistorikerin durchzuschlagen, aber trotzdem bin ich froh, daß sich mein Leben dahin entwickelt hat. Im Moment interessiert mich nichts anderes, als meine neuen Kurse in Gang zu kriegen und ein paar neue Ideen und die Stapel von Büchern um mich herum und die JStor-Artikel auf dem Computer gründlich zu lesen und zu verwursten, was verwurstbar ist. Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf. Ich träume oft von den Sachen, die ich gerade bearbeite, doch leider vergesse ich beim Aufstehen wieder die genialen Theorien, die mir im Schlaf so unvergesslich vorkamen.

Die Welt um mich herum ist unruhig, und wenn ich in die Zeitungen gucke, graust mir. Der Iran kann uns möglicherweise jederzeit angreifen, eine Regierung haben wir immer noch nicht, und Bibi scheint nicht willig oder fähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich aus dem politischen Leben zu verabschieden, bis er seine Prozesse  hinter sich hat. Welche Auswirkungen al Baghdadis Tod haben wird, wissen wir noch nicht, und die Wahlergebnisse aus Thüringen klingen für meine weit entfernten Ohren nicht gut – AfD und Linke als stärkste Parteien… ich möchte nicht aus der Ferne analysieren, und beide Parteien sind zugelassen. Wenn ich Vertrauen in die deutsche Demokratie habe, dann muß ich mich auch darauf verlassen können, daß die Zulassung dieser Parteien den Nachweis ihrer Demokratiefähigkeit bedeutet. Ich möchte sehr hoffen, daß deutsche Parlamente nicht von Anti-Demokraten besetzt werden. Aber daß ich solche Nachrichten mit heiterem Lächeln lese, kann ich nicht behaupten.

Trotzdem habe ich im Moment den Kopf woanders, und bis sich meine Woche ein bißchen „setzt“, wird das auch so bleiben.

Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Wahltag September 17, 2019, 20:57

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Wir sind im Deja-vu. Genau dieselben Phrasen, Versprechungen und gegenseitigen Vorwürfe haben wir im April schon gehört. In einer halben Stunde werden die Wahllokale geschlossen und die ersten Hochrechnungen (midgam) werden veröffentlicht. Nach der Peinlichkeit im April, als aufgrund von Hochrechnungen beide Kandidaten ihren Wahlsieg feierten, werden sie diesmal wohl vorsichtiger sein.

Von dem ganzen hektischen Irrsinn um die Wahlen haben wir heute wenig mitgekriegt, weil für die Familie ein Trauertag war. Wir standen traurig auf dem Friedhof im Kibbuz, um einen Jahrestag zu begehen. Heute genau vor einem Jahr haben wir auf tragische Art und Weise eine nahe und sehr geliebte Verwandte verloren. Und so war heute die ganze große Familie versammelt.

Nach dem Besuch des Grabs kam das gemeinsame Essen im Haus meines Schwagers, der noch im Kibbuz wohnt. Ich habe immer große Freude daran, wie der Tisch aussieht, auf dem wir alle mitgebrachten Sachen aufbauen. In Y.s Familie essen alle so wie ich – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Qinoa, Salate, Obst, alles frisch, alles leicht. Ein nicht geringer Anteil der Familie ißt wenig oder gar kein Fleisch, und ein Anteil der Jugend ißt vegan.

Alkohol wird bei diesen Treffen nie getrunken, anders als in der deutschen Familie, wo Wein, Sekt und Prosecco fließen, und zu Weihnachten auch die Feuerzangenbowle….

Nicht auszudenken, wenn ich in eine Familie eingeheiratet hätte, für die eine gute Mahlzeit aus Fleisch, Wurst und Sättigungsbeilage besteht! Gegen ein Gläschen Wein allerdings hätte ich nichts einzuwenden.

Die Familie, die nach der Shoah winzig war, hat sich inzwischen deutlich vergrößert. Alle Vettern, Cousinen, Nichten und Neffen im fortpflanzungsfähigen Alter sind glücklich verbandelt, und viele von ihnen haben energiegeladene Kinder aller Altersstufen, die froh sind, wenn sie im Kibbuz auf der Wiese toben können. Nichts hebt die Stimmung mehr als den Kindern zuzugucken. Tertia hat mit den Älteren Taki gespielt, ein Kartenspiel, und die Stimmung entspannte sich.

Irgendwann fingen dann alle an, von den Wahlen zu sprechen. Alle hatten gewählt. Die geborenen Kibbuzniks stellten fest, daß sie in den letzten Jahren sacht in Richtung Mitte abwanderten (obwohl es immer noch Meretz-Wähler in der Familie gibt ). Man erinnerte sich an die Mapam-Partei, der die Großeltern und eigentlich alle Kibbuzniks selbstverständlich angehörten. Aus Mapam wurde nach dem Zusammenschluß mit Ratz Meretz (alles Abkürzungen), und jetzt hat sich Meretz mit Baraks Partei zusammengeschlossen und das Ganze heißt „Demokratisches Lager“.

Die Eingeheirateten, die teilweise aus konservativeren Häusern kamen, hatten eine ähnliche Wanderung in Richtung Mitte hinter sich. Sonst diskutieren wir solche langsamen Wandlungen politischer Standpunkte eher selten, aber am Wahltag kam die Sprache ganz natürlich darauf. So haben also die meisten Blau-Weiß, einige auch Demokratisches Lager oder Arbeitspartei-Gesher gewählt. Es war eine sehr interessante Diskussion, die sich ähnlich bestimmt in vielen Familien abgespielt hat, egal was sie wählen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind heute nämlich umsonst und gearbeitet wird nicht, so daß viele Leute zusammen Ausflüge gemacht haben oder Familientreffen wie wir.

Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher und warten auf die Hochrechnungen der drei großen Fernsehsender. Es geht um viel. Netanyahu kämpft um mehr als seine politische Karriere. Ohne den Rang als Premierminister gibt es keine Möglichkeit, seinen Vorladungen und Anhörungen eventuell auszuweichen. Aber bei aller Anerkennung für sein Geschick im Eiertanz des Nahen Ostens, für seine Entschlossenheit bei der Verteidigung gegen den vom Iran inszenierten Schattenkrieg, für seinen Verdienst bei der Verbesserung von Israels internationalem Einfluß in vielen früher unerreichbaren Ländern (für die wir mit Verlust anderer Freundschaften zahlen….) – wir alle können und wollen ihn nicht mehr sehen.

Ich bin dafür, daß ein Premierminister nicht öfter als zweimal gewählt werden darf. Ein andermal schreibe ich mal mehr darüber, warum ich bei der Anerkennung seiner Verdienste Netanyahu trotzdem für destruktiv halte. Aber jetzt gucken wir die Hochrechnungen. Das wird eine lange Nacht. Immerhin haben wir gut gegessen. Haltet uns die Daumen.

Häusliches I August 30, 2019, 21:03

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Ja, die Wahlen, ja, die Lage im Süden, und ja, die Lage im Norden auch. Irgendwann setz ich mich hin und schreibe was darüber, aber heute lieber nicht.

Ich achte gern auf kleine Unterschiede zwischen Israel und Deutschland. Manches fällt einem ja erst auf, wenn man weg ist und es nicht mehr automatisch wahrnimmt. So sind Läden und Cafes in Deutschland meist viel polierter und ordentlicher als in Israel. Ja, in den letzten Jahren haben auch hier die vielen neuen Einkaufszentren dieselbe Ästhetik wie überall sonst, aber in kleinen und alten Geschäften sieht man noch die offen verlegten Kabel und nicht ganz zu Ende abgehängten Decken, diese ganze husch-husch-schon-fertig-Bauweise, die israelische Handwerker wohl für die beste halten.

Allerdings, ich muß zugeben, daß sie sich allgemein in den letzten 15 Jahren verbessert haben, und in neuen Häusern kommen die krumm verlegten Fliesen, unsauber verputzten Ecken und farbbekleckerten Fußleisten nicht mehr vor, die mir früher so oft auffielen. (Wobei, klar, Kibbuz – da bekam manchmal Moishele oder Ruvkele das Werkzeug in die Hand gedrückt, mach mal, und lernte im Laufe der Arbeit).

Früher waren fast überall Terrazzo-Fliesen verlegt. Sie waren so charakteristisch für Israel, daß der Künstler Tsibi Geva ihnen ganze Serien widmete. Ich erinnere mich, als ich in den Kibbuz kam und dort lernen mußte, wie man Terrazzo am besten putzt.

Die Technik heißt sponga machen, keine Ahnung warum, denn einen Schwamm benutzt man nicht. Es ging so: man nimmt einen Eimer Wasser und schüttet ihn auf dem Boden aus. (Da Kibbuzniks keine kostbaren Teakmöbel hatten und man vorher sowieso durchgefegt und alle Stühle hochgestellt hatte, ging das). Dann nimmt man so einen Abzieher, na so ein Ding mit Gummilippe – ja, ich weiß nicht mal, wie das Ding auf deutsch heißt, denn aus Deutschland kannte ich nur Schrubber und Aufnehmer. Aber einen Schrubber besitze ich bis heute nicht, und für israelische Böden braucht man ihn auch nicht.

Auf Hebräisch heißt so ein Bodenwisch-Gummidings magav, aber nur in unserem Kibbuz heißt er magrof.

Also, man legt den Aufnehmer (smartut – so nennt man auch feige, träge Menschen) um den magrof und wischt damit in der Wassermasse rum, am besten in Richtung Ausgang. Damit wird der Schmutz entfernt.

Als nächstes zieht man mit dem magrof den Boden schön ordentlich ab. Der letzte Arbeitsgang ist dann mit dem gut ausgewrungenen, sauberen Aufnehmer. Damit putzt man den Boden blank.

Für Kindergarten, Altersheim, Wäscherei und all die andren Arbeitsplätze, die ich im Laufe der Jahre geputzt habe, war das eine sehr gute Methode. Viel Bodenfläche, zweimal am Tag so geputzt, immer frisch und sauber. Terrazzo nimmt keinen Schmutz an – nur gegen Säure ist er empfindlich, und wo das Glas Limonade mal hinfiel, das sieht man gegen das Licht jahrelang.

Mir kam diese Methode seltsam vor. Einfach so einen Eimer Wasser ins Haus kippen? Aber Judith und Lili, die mich im Kindergarten anlernten, beharrten darauf. Doch dann das Dilemma: Judith sagte, je heißer das Wasser, desto hygienischer. Lili dagegen fand kaltes Wasser sinnvoller, weil der Boden sonst in Streifen antrocknet. Außerdem ist es so schon heiß genug.

Gut, daß die beiden selten am selben Tag arbeiteten. An Judith-Tagen wurde eben heiß geputzt, an Lili-Tagen kalt.

Alle Kibbuzniks putzten so auch ihr Haus (ja, viele Männer habe ich Boden putzen gesehen), und ich habe mir sagen lassen, auch in der Stadt wurde so sponga gemacht, und bestimmt machen viele es noch immer so.

Jetzt habe ich sponga für die Jeckerei mal gegoogelt, und tatsächlich, es ist DIE Methode, in Israel Boden zu wischen. Das Wort squeegee hatte ich schon fast vergessen!

Inzwischen ist Terrazzo aber aus der Mode gekommen. Die meisten neuen Häuser und Wohnungen haben entweder Keramikfliesen als Bodenbelag, oder hochglänzenden Marmor, oder granit porzellan, keine Ahnung, ist das Feinsteinzeug? weiß es jemand?

Wir haben naturfarbenes, rauhes granit porzellan, fühlt sich barfuß wunderbar an, sieht auch schön aus, ist aber so unregelmäßig, daß es schwer zu putzen ist. Bei der sponga-Methode würden überall Pfützen stehenbleiben, ich gehe also mehrmals mit Aufnehmer und Abzieher drüber, so mittelnaß bis trocken.

Vielleicht sollte ich sogar mal einen Schrubber in Betracht ziehen? Ich weiß nicht mal, wie der auf Ivrit  heißt, vielleicht Bodenbürste? Am Ende kehre ich dann zu Omas Methoden zurück und rutsche mit der Bürste auf den Knien hier rum, um dieses verflixte Material sauberzukriegen? Die sponga-Methode hatte ihre Vorteile, es geht nämlich ruckzuck und fühlt sich prima an, weil „was naß ist, gilt als sauber“, wie der Merkspruch der Armee beim Putzen lautet 😀

Ja, das war eine Umgewöhnung.

(Ich hab noch mehr, aber das war jetzt erstmal genug 🙂 )

Unerträgliche Gewalt, und ein Strom Erinnerungen August 28, 2019, 9:16

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In den letzten Monaten wird Israel von immer neuen Fällen grauenhafter Gewalt gegen Kinder in Kindergärten erschüttert. Seit fast überall Kameras installiert sind (oder installiert wurden, nachdem Eltern das Verhalten ihrer Kinder seltsam vorkam), werden Vorfälle sichtbar, die früher nie aufgefallen wären.

Es fällt auf, daß es sich dabei überwiegend um schlecht oder gar nicht ausgebildete Frauen handelt, die private Einrichtungen betreiben. Obwohl es ein Gesetz gibt, das die regelmäßige Überwachung des Ministeriums für Bildung und Erziehung vorschreibt, gilt das nicht für Kleinkind-Aufbewahrungsanstalten unterhalb einer bestimmten Größe. Oft arbeitet dort eine Frau allein oder zwei, beide unausgebildet, überfordert, mit so viel Kindern, wie die Geldgier in die Einrichtung holt.

Ich habe jahrelang in Kinderhäusern des Kibbuz gearbeitet, und alle meine Kinder waren selbst im Kinderhaus. Zu meiner Zeit waren noch keine Besuche vom Amt üblich, die Kibbuz-Erziehung regulierte sich selbst. Erst als ich schon außerhalb arbeitete, änderte sich der Status der Kinderhäuser, und die Frau vom Amt kam regelmäßig. (Im Fall des Kibbuz-Kindergartens hatte das zur Folge, daß sie einen komplett überflüssigen, aber sehr teuren Metallzaun forderte, obwohl alle Kinderhäuser mitten im Kibbuz liegen – außerdem beförderte sie einige liebe alte Kibbuz-Traditionen in den Müll, und da die Kindergärtnerin zu der Zeit selbst von draußen kam, kämpfte sie auch nicht darum – bin ich heute noch sauer drüber, aber Schwamm drüber).

Wir waren immer zu viert, hatten oft noch eine Schülerin als Hilfe. Mindestens zwei im Team waren voll ausgebildet (vier Jahre Studium an der PH, Abschluß mindestens Dipl-Päd, oft dazu noch B.Ed. oder auch M.Ed. in Frühpädagogik), die anderen wurden oft zu kurzen Kursen geschickt (ich habe z.B, mal einen kurzen Kurs über musikalische Früherziehung gemacht, was ich später im Studium als zusätzlichen Kurs vertieft habe, obwohl es nicht zu meinem Fach gehörte, aber die Dozentin war DIE Koryphäe Israels zum Thema).

Im Kibbuz ist es auch so, daß ständig Leute in den Kindergarten zu Besuch kommen. Die Oma kommt vorbei, der Bruder, die Freundin der Kindergärtnerin, und es gibt die Situation mit dem hermetisch geschlossenen Raum nicht, in dem nur hilflose Kinder und eine überforderte Frau ohne Verständnis für die Bedürfnisse der Kinder sind.

Der Kibbuz sah alle pädagogischen Berufe als besonders wertvoll an und nicht jeder Bewerber, der vom Kibbuz zum Studium geschickt werden wollte, wurde auch unterstützt. Daß ich mit der ersten Bewerbung vom Kibbuz als Studentin angenommen und zum Studium geschickt wurde, war eine echte Ehre und es hat mich enorm motiviert.

Kindergärtnerin (ich benutze das Wort übrigens bewußt, da das hebräische Wort tatsächlich Gärtnerin ist, ganenet) galt damals, ich weiß nicht, wie es heute ist, als hoch respektierte, verantwortungsvolle Arbeit. Über jemanden zu sagen, „sie ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin“ bedeutete Ehre.

Im Kibbuz gibt es einen Erziehungsausschuß, dem Männer und Frauen angehören, die regelmäßig alle Kinderhäuser besuchen und mit dem pädagogischen Team wichtige Entscheidung treffen. Zu meiner Zeit wußte jeder im Kibbuz, wer den Ausschuß gerade leitet, er galt als einer der wichtigsten überhaupt. (Mein Schwiegervater hat das eine Zeitlang gemacht). Für das „zarte Alter“ gibt es immer eine extra Verantwortliche, immer ausgebildete Pädagogin und meines Wissens bisher immer weiblich, die bei Problemen immer dabei ist.

Einmal alle sechs Wochen hatten wir Besuch von einer Kinderpsychologin „von draußen“, die auch in der pädagogischen Station der PH arbeitete. Eltern und Team konnten um die Beobachtung einzelner Kinder bitten, wenn sie das Gefühl hatten, sie brauchten Hilfe.

Regelmäßig kam die Tanzpädagogin und lud Kinder in ihr Zentrum ein (sie ist eine Kindheitsfreundin von Y.s jüngster Tante und war immer besonders nett zu unseren Kindern, die alle gerne in ihrem Zentrum war – das ich Kibbuzbesuchern immer noch gern zeige). Ebenso die Kunsttherapeutin, und, als er noch gesund war, der Logopäde des Kibbuz.

Mindestens einmal die Woche arbeiteten Eltern einen Tag lang mit, und oft kamen Großeltern, um mit den Kindern zu backen oder ihnen was vorzulesen.

Es ist kein Wunder, daß ich mich Hals über Kopf in diese Umgebung verliebt habe und mein Traum war, eigene Kinder dort aufwachsen zu sehen.

Und doch. Ich erinnere mich, daß eine der Kindergärtnerinnen, mit denen ich gearbeitet habe, zwar ausgebildete Pädagogin war, aber eigentlich keine Kinder mochte. Alles, was die Kinder taten, war ihr zum Tort. Das war kein großer Kindergarten (gan), sondern ein kleiner (ganon) mit 12 Kindern und einem Team von vier. Ich habe noch ihre nörgelnde Stimme im Ohr, die auch meiner Mutter sofort auffiel. Sie führte den Kindergarten ordentlich, die Kinder bekamen alle Aktivitäten geboten, die sie gern mochten, der Kibbuz-Kinderhaus-Tagesablauf wurde eingehalten, aber die Atmosphäre war mies, besonders im Vergleich zu anderen Kinderhäusern, wo Leute arbeiteten, die Spaß an der Arbeit und an den Kindern hatten. (Die erste Kindergärtnerin, mit der ich als Volunteer schon arbeitete, hat später Sonderpädagogik studiert und war eine der besten Pädagoginnen, die ich je getroffen habe).

Hat diese mißmutige Frau den Kindern Schaden zufügt? Ich weiß es nicht. Sie müssen gespürt haben, daß sie für Tränen, Wutanfälle oder Kinderstreit kein Verständnis hatte und einige der Kinder wirklich nicht mochte. Wie lange hat sie in der Erziehung gearbeitet? Drei Jahre? Vier? (Heute arbeitet sie längst in einem Bürojob außerhalb des Kibbuz, Personalleiterin irgendwo, hoffentlich mag sie die Leute dort lieber als die Kinder). Wie wichtig war ihre Rolle, verglichen mit den anderen Mitarbeiterinnen, die auch viel mit den Kindern zu tun hatten, und der Galaxie von Menschen, die um die Kinder kreisten?

Dann erinnere ich mich an eine im Kibbuz hoch angesehene Frau, sehr intelligent und theoretisch sehr beschlagen. Ich erinnere mich, wie ich als ungelernte junge Mutter in ihrem Kindergarten arbeitete (es war einer der drei Kindergärten fürs Vorschulalter, knapp unter 30 Kinder zwischen viereinhalb und sechs Jahren). Ich interessierte mich damals schon für Kinderkunst, und sie gab mir sehr gute Erklärungen dazu (ich habe das Thema später selbst studiert und eine Zeitlang auch unterrichtet – die Expertin für das Thema an der PH hätte mich gern als Nachfolgerin gesehen und ich  habe eine Rede auf sie gehalten, als sie pensioniert wurde). In vieler Hinsicht habe ich sie bewundert. In ihrem Kindergarten habe ich den Krieg von 1991 verbracht, und sie hat es bewundernswert geschafft, die ganz normale Routine trotz abgedichteter Fenster und Gasmasken weiterzuführen, als wäre nichts.

Aber sie konnte, wenn sie ärgerlich war oder ungeduldig, eine scharfe, schneidende Stimme bekommen. Ich erinnere mich bis heute an eine winzige Szene. Ein besonders sensibler Junge (heute selbst 3facher Vater) hatte irgendwas ausgefressen oder vergessen, weiß nicht mal mehr was. Er war auf dem Weg nach draußen, da rief sie ihn beim Namen. Er erfror  an Ort und Stelle, und ich sah sofort, daß er Angst hatte vor ihr. Die anderen Mitarbeiterinnen und ich haben nie darüber gesprochen, aber wir haben bestimmt alle gemerkt, daß ihr eine gewisse Wärme fehlte, die die Arbeit mit Kindern sehr erleichtert. Wir haben dann versucht, das auszugleichen.

Mit ihr habe ich eine Szene erlebt, die einem heute unglaublich vorkommt. Aber so war der Kibbuz damals bzw konnte er sein.

Eine Familie kam „aus der Stadt“ in den Kibbuz, weil der Sohn an Krebs erkrankt war. Die Mutter war Kibbuz-Tochter (bat kibbuz), und ihre Mutter lebte noch dort. Die größeren Kinder wurden von der Oma betreut, während Vater, Mutter und jüngster Sohn ins Ausland flogen, um dort eine besondere Behandlung für den Sohn zu bekommen. (Er ist heute ebenfalls verheiratet und Vater und ganz gesund). Es war eine schwierige Situation für die Familie, und der Kibbuz half. Ich mochte die Mutter und Oma besonders gern.

Die Tochter war bei uns im Kindergarten, bei der klugen-doch-kalten Kindergärtnerin. Sie war ein sehr intelligentes Mädchen und verkraftete die Situation eigentlich ganz gut. Die Eltern im Ausland, der kleine Bruder schwer krank, auf einmal in den Kibbuz und zur Oma versetzt, die ganz anders erzog als die Eltern.

Nach Monaten kamen die Eltern wieder, dem Sohn ging es viel besser. Die Mutter bat um ein Gespräch mit uns, dem Team des Kindergartens. Sie wollte hören, wie es ihrer Tochter ergangen war, und sie hatte auch eine Bitte.

Sie bat darum, zweimal die Woche die Tochter schon nach dem Mittagessen statt nach dem Mittagsschlaf nach Hause mitzunehmen, also um halb zwei statt um vier. (Vier Uhr nachmittags, wenn die Kinder nach Hause geholt werden, ist die wichtigste Stunde des Kibbuz-Tagesablaufs!) Sie wollte die beiden älteren Kinder abwechselnd jemals zweimal die Woche für ein paar Stunden one-on-one nach Hause holen.

Jeder normale Mensch würde sofort JA sagen, warum denn nicht? Aber unsere Kindergärtnerin wies dieses Ansinnen sofort, ohne nachzudenken und mit Empörung von sich. Ihre Argumente? Ihr kennt solche Situationen, eigentlich gab es keine. Sie hatte noch nie so eine Bitte erfüllt und wollte es darum auch diesmal nicht tun, das war eigentlich ihr einziger Grund. „Sowas hat es ja noch nie gegeben, damit fangen wir gar nicht erst an, wohin kämen wir denn, was sollen die anderen Eltern und Kinder denken“ und so weiter. Der heilige Tagesablauf war für sie in Stein gemeißelt. (Ja, ihre Eltern waren Jeckes, falls ihr das wissen wolltet).

Wir anderen Mitarbeiterinnen guckten uns ratlos an. Keine von uns verstand, warum die respektierte Chefin sich so anstellte. Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mal mehr – ob die Mutter sich an die Vorsitzende des Erziehungsausschusses wandte, die sehr herzlich und lieb war, oder ob sie sich eine andere Idee einfallen ließ. Das Mädchen kam kurze Zeit später in die Schule, die ganze Familie blieb noch etwa 2 Jahre im Kibbuz und zog dann weg (wir zogen in ihr Haus und die Mutter, mit der ich mich gut verstand, kam noch ein paarmal zu Besuch).

Ja, da waren wir an die Grenzen dieser Frau gestoßen, die auch kurz darauf die Pädagogik verließ und seit vielen Jahren einen wichtigen Posten im Kibbuz erfolgreich erfüllt. Wenigstens war es im Kibbuz so, daß man nicht aus wirtschaftlichen Gründen in einem Job bleiben mußte, man konnte wechseln, Zusatzausbildungen machen, etwas ausprobieren.

Aber gehen wir eine Generation zurück. Mein Mann ist ja im Kinderhaus aufgewachsen, er hat nie auch nur eine Nacht im Elternhaus geschlafen, dort gab es kein Kinderzimmer und kein Bett für die Kinder. Er hat eigentlich nur schöne Erinnerungen, hing sehr an seinen Freunden aus der Gruppe (hängt immer noch an ihnen), und einige seiner früheren Betreuerinnen erzählten mir, wie besonders nett und schüchtern er als kleiner Junge war.

Besonders schön fand er immer den Shabat-Morgen. Jede Woche hatte ein anderer Elternteil dann die Verantwortung für die Kinder, machte das Frühstück und spielte bis 10 mit ihnen. Dann kamen die anderen Eltern und holten die Kinder ab. Y. erinnert sich bis heute an die besonderen Mahlzeiten, die jeder Erwachsene für die Kinder machte, an den einen Vater, der wild mit den Kindern tobte, und eine besonders nette Mutter, die die Kinder gern verwöhnte. Er hatte zu einer ganzen Welt von Menschen Beziehungen, und die bestanden noch lange.

Aber die Kindergärtnerin, die Kindergärtnerin. Vor der hatten alle Angst. Drei Jahre hat diese Frau über die Kinder geherrscht. Y. und seine beste Freundin haben manchmal nachts überlegt, wie man sie loswerden könnte, aber es fiel ihnen nichts ein. Sie hat die Kinder gedemütigt, besonders solche, die Probleme hatten, die Bettnässer, die Schüchternen, aber auch die Frechen. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber die ganze Gruppe erinnert sich mit Grauen an sie. Ja, die Eltern kamen zu Besuch und sie waren jeden Abend bei den Eltern. Ja, nachts wurden sie von wechselnden Nachtwachen betreut, tagsüber war das Team auch groß, aber die Kindergärtnerin hatte die pädagogische Verantwortung.

Y. ist keiner, der sich über seine Vergangenheit beklagt, auch die härtesten Geschichten erzählt er gleichmütig und meint, „ach, es war auch irgendwie interessant, und zu der Zeit ist mir nicht aufgefallen, daß es eigentlich ziemlich schlimm war“. Ich habe also nie viel über diese Kindergärtnerin erfahren. Aber alle Kinder der Gruppe haben sie als angsterregend in Erinnerung.

Wer weiß, was sie ihnen zugezischt hat, wenn es keiner hörte? was für Blicke sie ihnen zuwarf? Sie war es wohl nicht, die ihnen die Haare wusch, das erledigten die Mitarbeiterinnen (metaplot), und überhaupt wurden Kibbuzkinder von klein auf zu Selbständigkeit erzogen. Ob sie also Gelegenheit hatte, körperlich rauh mit den Kindern umzugehen, oder sie sogar zu Körperstrafen griff, das weiß ich nicht. Körperstrafen waren in der Kibbuz-Erziehung komplett tabu. Aber die Kinder waren dieser Frau ausgeliefert, und im Erziehungssystem damals waren die Eltern machtlos.

Eine Studienfreundin von mir hat ihre Magisterarbeit über die Beziehung von Müttern und Töchtern im Kibbuz zur Zeit der lina meshutefet, des „gemeinsamen Schlafens“ geschrieben, dh, die Zeit der Kinderhäuser und kinderbettlosen Elternhäuser. Sie hat mir mal erzählt, daß die Mädchen ihre Mütter als komplett machtlos erlebten und sich darum gar nicht erst um Hilfe an die Mütter wandten. Sie war übrigens mit Y.s Schwester in einer Jahrgangsstufe.

Oh nein, ich falle hier ins Kaninchenloch, das hatte ich gar nicht vor, als ich anfing zu schreiben.

Meine eigene Zeit im Kindergarten. Hatte ich Angst vor der Kindergärtnerin? Nein, sie war eigentlich ganz nett, obwohl unser katholischer Kleinstadtkindergarten so strikt geregelt war, daß mein Mann sich kaputtlacht, wenn ich davon erzähle (in der Kibbuzerziehung stand auch in den 60er Jahren schon freie Entfaltung höher im Kurs als Ordnung und Sauberkeit). Der Knicks, wenn ich mit meinem Körbchen in der Hand um neue Spielsachen bat, die in Schubladen sortiert waren. So war das damals. Die Kindergärtnerin ging auch rum beim Zeichnen und radierte aus, was nicht gut genug gemalt war. (Mein Igel! bis heute tut es mir leid, daß sie mir den Igel neu gemalt hat, ich fand ihn so schön.)

Überhaupt, daß immer ein Thema beim Malen vorgegeben war – Schneemänner, Marienkäfer. Ich weiß noch, wie froh ich war, im Kibbuz zu sehen, daß den Kindern das Material hingestellt wird, und sie können damit machen, was sie wollen. Diese ganze Besessenheit mit Basteln nach Vorlagen, sauber ausschneiden, was Nützliches machen, das gibt es in der Kibbuz-Erziehung nicht, so eine Erleichterung für mich, die nie gut nach Vorlagen gearbeitet hat. Das war aber bei uns im Kindergarten sehr wichtig.

Ich hatte Angst vor der Leiterin. Und so habe ich eines Tages meinen Freund Thomas, den ich wohl immer ziemlich rumkommandiert habe, der arme Kerl, überredet, wegzulaufen. Wir wollten den ganzen Tag im Wallgraben Abenteuer erleben, aber wir waren noch nicht weitgekommen, da hatte Fräulein Maria uns schon wieder eingefangen. Und die war streng. An Konsequenzen erinnere ich mich nicht mehr, aber an den schrecklichen Moment, als Fräulein Maria mit dem Fahrrad neben uns hielt, um uns zurückzubringen, erinnere ich mich genau. Ich weiß noch genau, wo das war.

Mein Bruder war später in einem anderen Kindergarten, wo ich es so toll fand, daß ich oft zu Besuch kam. Er selbst fand es stinklangweilig und haute oft ab.

Eigentlich sagt es alles, was man über meinen Bruder und mich wissen muß. Ich versuche einmal abzuhauen, werde sofort erwischt und mit Schimpf und Schande zurückgeführt. Mein Bruder macht über Monate hinweg dauernd Kindergarten blau und fängt statt dessen Kaulquappen im Wallgraben, und alle glauben seine Ausreden und lachen, als sie es rausfinden, warum er immer so dreckig wiederkommt bzw nie im Kindergarten ankommt.

Trotz der Strenge habe ich keine Angst im Kindergarten erlebt, nur Momente der Scham.

Ich frage mich aber heute, wie viel Gewalt Kindern wirklich geschieht. Von überforderten Betreuern, die den Eltern vorspielen, wie gern sie die Kinder haben, aber dann die Kinder auf die Bettchen knallen und ihnen zumurmeln: ich wünschte, du wärst tot, und die Kinder können es niemandem erzählen. Die Eltern merken erst, was los ist, wenn das Kind sich selbst immer wieder haut und sagt: jetzt schlafen, jetzt schlafen!, und dann kommt die Aussprache mit anderen Eltern, die Kameras, und die Aufnahmen.

Und wie viel Gewalt gibt es zuhause? Wenn die Kinder sich stundenlang gestritten haben, der Tag endlos scheint, niemand zuhört oder hilft, wenn die Freundinnen sagen, „du hast es gut, du arbeitest nicht“, wenn man das alte Leben zurückhaben will und sich fragt, warum man sich das überhaupt angetan hat, diese rebellische, nie zufriedene, immer fordernde Kinderschar. Ich hatte Glück mit meinem Partner, der nie Verantwortung auf mich abgeschoben hat, um seine Ruhe zu haben, Glück mit der Familie, die immer geholfen hat, Glück mit dem Kibbuz, der immer professionelle Hilfe und Unterstützung bot. Aber an Momente riesiger Frustration erinnere ich mich auch, wenn Geduld wie ein kostbarer Rohstoff in einem fernen Kontinent erschien, an den man einfach nicht kommen kann, wenn ich sie alle nicht mehr sehen oder hören wollte. Wie weit ist man dann entfernt davon, den Kindern mal so richtig Angst einzujagen, wie mein Vater es immer gemacht hat, wenn er ratlos war? Damit einfach mal Ruhe ist?

Wie gesagt, ich hatte Glück. Wenn ich am Anschlag war, konnte mein Mann oder meine Schwiegermutter oder die gute Esther helfen, ich hatte auch immer die Arbeit, und meine erprobte Methode gegen Frust jeder Art ist ein gutes Buch und Tür zu. Und die meiste Zeit hatte ich die Geduld und auch viel Spaß an den Kindern, und durch meine viele Arbeit mit Kindern auch Verständnis für ihre Bedürfnisse und Krisen, schon vor meinem Pädagogikstudium.

So habe ich im Kibbuz-Kinderhaus gelernt, daß man nie zu einem Kind sagt: böses Kind!, nie seinen Charakter in Zweifel zieht oder es verbal demütigt oder angreift. Die Formel der Zurechtweisung im Kibbuz heißt: hitbalbalt(a), du hast einen Fehler gemacht, du hast dich vertan. Das bedeutet: wenn du Noam mit dem Bauklotz auf den Kopf geschlagen hast, war das nicht, weil du ein böses Kind warst, sondern weil du für einen Moment vergessen hast, daß wir uns nicht gegenseitig hauen. Aber wenn du es nicht wieder tust, ist alles in Ordnung. Als ich diese Regel begriffen hatte, war ich sehr begeistert, und ich wünschte, in meiner Kindheit hätte es sie auch gegeben. Dann würde ich vielleicht nicht die Stimmen in meinem Kopf hören, die mir böse Dinge über mich selbst erzählen und ganz wie mein Vater klingen.

Oh, noch eine Erinnerung. Vor ein paar Monaten in Nahariya. Ich quatschte in meinem Lieblingsgeschäft, dem Woll-Laden, mit der Verkäuferin, mit der ich mich angefreundet habe (auch eine alte Kunstlehrerin). Die Tür stand offen. Auf der Straße gegenüber sahen wir eine Familie. Der Vater trat nach einem der Söhne, der Sohn weinte und humpelte. Wir beide schossen wie Hornissen aus der offenen Ladentür und schrien den Vater an, der sich um nichts kümmerte. Die Familie ging weiter. Wir riefen dem Jungen zu: du bist in Ordnung, dein Vater hat kein Recht, dich zu treten! auch wenn er sich ärgert, das darf er nicht! und dem Vater drohten wir, die Polizei zu rufen. Dann sahen wir uns hilflos an, während die Familie verschwand.

Ich kann Reportagen über die Gewalt in Kindergärten nicht sehen, ohne mich zu fragen, wie viel Gewalt auch zuhause geschieht, im Sportverein, überall. Ich fühle unbändigen Zorn auf die Menschen, die Kindern solchen Schaden zufügen, Verletzungen, an denen die Kinder immer zu tragen haben werden. Diese Kindergärtnerinnen sind in ganz Israel so verhaßt, daß einer von ihnen das Haus angezündet wurde, und sie sind in aller Augen das Ganz Andere, Monster, Seelenmörder.

Aber ich fühle auch, wie nah ich selbst in Momenten des Ärgers dran war, wie schmal der Grat überhaupt ist, wie unmöglich es ist, die eigenen Standards als Eltern immer einzuhalten. War ich wirklich so geduldig, wie meine Mutter mich immer lobt? Wenn ich die Kinder frage, erinnern die sich an Ungerechtigkeiten (die sich im Rückblick relativieren, wie Primus zugibt, die aber damals lebenswichtig schienen), aber Angst hatten sie nicht vor uns.

War ich gemein zu meinen Kindern, wenn sie in der Pubertät mit Präzision meine Schwächen bloßlegten, mich auslachten? Wo ziehen wir die Grenze, was ist verständliche elterliche Reaktion in einer Auseinandersetzung, wo fängt das Unvertretbare, das Böse an? Ist das jetzt zu persönlich? Aber wer hat Kinder und kennt diese Momente nicht, wenn man dringend Hilfe braucht, weil man an die Grenze zur Überforderung stößt? Wer hat noch nie gehört, daß aus dem Nachbarhaus oder vom Nachbartisch die Stimme der elterlichen Frustration klingt? Was tun wir dann, wie helfen wir? Wie nehmen wir auch Druck von den Eltern, die in der Öffentlichkeit die Kinder ruhig und brav halten wollen, was die Kinder natürlich spüren?

Das ganz große Tabu, Gewalt gegen Schwächere, Schutzbefohlene.

Vorfreude August 21, 2019, 9:03

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Gleich fahre ich nach Nahariya, Wolle kaufen. Ich habe nämlich vor, einen Schmusehasen zu häkeln, für ein Baby, das demnächst zur Welt kommt. Seit ich das wunderbare Buch von Kerry Lord entdeckt habe, mit unglaublich schönen Tieren, habe ich schon mehrere Hasen und Elefanten und einen Fuchs gehäkelt.

Das ist Primus mit den ersten Tieren – da hatte ich das mit dem Gesicht-Aufsticken noch nicht so raus.

Das ist der Fuchs.

Ein kleines Häschen,

und noch eins.

Alle wollen Häschen, dabei möchte ich eigentlich das Erdferkel häkeln! Die Tiere werden so schön weich und schlenkerig, nicht so prall wie Amigurumi sonst gehäkelt wird.

Ich habe mir gleich noch ein anderes Buch von Kerry Lord gekauft, über Puppen, und wenn ich die Zeit hätte, würde ich nichts anderes tun als solche Sachen herzustellen.

Jetzt muß ich aber los. Die Wolle ruft.

Veränderungen August 20, 2019, 21:51

Posted by Lila in Persönliches.
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Bei uns hat sich eigentlich nicht viel getan in meiner Blogpause. Quarta beendet ihren Wehrdienst im Oktober, und das wird eine Umstellung. Ich habe ja eine Weile gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe, daß der Schulbus nicht mehr für mich unser Sträßchen runterbraust. Eine Weile habe ich noch automatisch gezuckt und gedacht: Mist, ich habe nichts gekocht!, aber irgendwann ist der Groschen gefallen. Und dann haben Y. und ich angefangen, so etwa ein Jahr nachdem alle Kinder die Woche über aus dem Haus waren, das so richtig zu genießen.

Ab Oktober also wird Quarta vermutlich noch eine Weile zuhause wohnen, und ich weiß noch nicht genau, wie wir uns wieder aneinander gewöhnen. Jetzt ist es schön, wenn sie am Wochenende kommt, aber Y. und ich haben den Schalter von „Eltern“ auf „Paar mit erwachsenen Kindern“ umgelegt. Mal sehen, wie das wird. Quarta ist ja auch erwachsen geworden. Sie erfüllt ihre Aufgaben mit beeindruckendem Fleiß und entwickelt echte Führungsqualitäten.

Primus lebt und studiert in Deutschland, Secundus war anderthalb Jahre lang im Ausland und studiert jetzt in Israel, Tertia arbeitet nach ihrem B.A. hier in der Nähe, wohnt allein, kommt oft zu Besuch und wird bestimmt weiterstudieren.

Schwiegereltern, Familie, Geschwister, tfu tfu tfu, alle gesund und vergnügt. Meine geliebten Nichten sind auch alle unterwegs in Erwachsenenleben, und in der erweiterten Familie sind viele Kinder geboren worden.

Vor zwei Wochen hatten wir ein Familientreffen im Schwimmbad des Kibbuz. Wir waren ein richtig großer Haufen mit vielen fröhlichen Kindern. Das habe ich sehr genossen. Wir haben gepicknickt, alle was mitgebracht, und da wir uns vorher  nicht abgestimmt hatten, gab es praktisch nur Pasta-Salate und Käsekuchen, aber in vielen Variationen! Das war lustig.

Es ist zehn Jahre her, daß wir ins Auge gefaßt haben, aus dem Kibbuz wegzugehen, und im Dezember können wir auf zehn Jahre Auszug aus dem Kibbuz zurückblicken. Ich habe manchmal Heimweh, aber mehr nach dem Kibbuz, wie ich ihn in Erinnerung habe, auch nach der Vergangenheit, als die Kinder noch klein waren…, als nach dem wirklich existierenden Kibbuz, wie er heute ist. Wir fahren gern und regelmäßig hin, und in vieler Hinsicht bleiben wir Kibbuzniks. Aber der Alltag ist schon einfacher, wenn einem nicht an jeder Ecke Ruchkele und Rivkele erklären, was sie von der Erziehung halten, die wir unseren Kindern gegeben haben.

Also alles harmonisch bei uns, bis auf die normalen Irritationen des Alltags.

Und was ich davon halte, daß wir innerhalb eines halben Jahres zweimal Wahlen haben und sich die Parteien- und Kandidatenlandschaft von einer Wahl zur anderen dramatisch geändert hat – das wollt ihr heute doch noch nicht wissen! Meine Gedanken über Bibi und Gantz, Lapid und Lieberman, Shaked und Horovitz, die werde ich noch zum Besten geben, und ihr könnt sie euch sowieso denken 😀

Eine Geschichte vom letzten Sommer August 20, 2019, 1:13

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Wer hier länger mitliest, kennt die Geschichte von den Urgroßeltern meines Mannes, Henriette und Bernhard F. aus Essen. Letztes Jahr habe ich ihr Grab gesucht, das es in Essen noch geben müßte. Im Internet ist es eindeutig identifiziert.

Sie wurden allein begraben, ohne Gegenwart ihrer Töchter. Die eine schuftete in einem Kibbuz im Mandat Palästina, die andere war in Moskau. Sie starben allein und ich weiß nicht, wer sie begraben hat – die Gemeinde, vielleicht Verwandte oder Freunde (das werde ich aber, wenn möglich, noch herausfinden). Henriette und Bernhard jedenfalls haben und hatten, was viele ihrer Verwandten und Freunde nicht bekommen haben – Grabstätte, Grabstein und eingemeißelte Namen. Doch daß ihre Töchter das nicht wußten, kann man annehmen. Sie kehrten nicht nach Essen zurück, nur auf einen kurzen Besuch kam meine Schwieger-Oma, und der führte sie nicht auf den Friedhof.

Der Grabstein, das sah ich auf den Bildern im Internet, ist bei der Bombardierung der Stadt Essen beschädigt worden.

Nun lief ich also dort, wo der Friedhof gewesen sein sollte, an einem heißen Tag im letzten September dort herum. Und es war nicht irgendein Tag – es war ihr Todestag. Aber wo ich rumlief, waren keine Grabsteine, sondern Rasenflächen und ein Kinderspielplatz. Es war ein städtischer Park. Ich fühlte mich komplett verwirrt. Bis ich zwischen Bäumen und Sträuchern alte Grabmäler sah. Jüdische und christliche.

Ich bin lange dort rumgelaufen, sogar über einen Bauzaun geklettert, um doch noch einen Zugang zu dem alten Friedhof zu finden, der dort doch sein mußte. Mein Herz war so schwer, weil ich dachte: es darf nicht wahr sein, der Friedhof ist eingeebnet, und nicht einmal ein Grab hat man Henriette und Bernhard gelassen.

Fast hätte ich aufgegeben und hätte mich in die Bahn gesetzt. Statt dessen habe ich mich in ein Cafe gesetzt und beschlossen, ich finde raus, was mit dem Grab passiert ist. Und bin in die Synagoge gefahren, die schöne, große Synagoge in Essen.

Dort habe ich mir erstmal alles angesehen – das Gebäude ist beeindruckend, und die kleine Ausstellung oben ist sehr schön. (Ich habe von der Familie die Erlaubnis bekommen, eine Kopie von Urgroßmutter Henriettes Abschiedsbrief für diese Ausstellung zur Verfügung zu stellen.) Dann sah ich neben der Information eine kleine Schrift über diesen Friedhof – ein Teil existiert noch. Ich war so erleichtert, daß mir erstmal die doofen Tränen kamen. Die Mitarbeiter der Synagoge sind solche Tränen wohl gewöhnt, und ich lernte die „Frau mit dem Schlüssel“ kennen.

 

Denn der alte Friedhof, auf dem Y.s Urgroßeltern begraben liegen, ist unzerstört, aber stets abgeschlossen. Die Frau war sehr nett. Später stellte sich heraus, daß der Briefwechsel zwischen Y.s Oma und ihrer alten Heimatstadt noch vorhanden ist und der Name durchaus noch ein Begriff ist.

Leider schafften wir es so kurzfristig nicht, noch einen Termin für den Besuch des Grabs zu finden, der mir und ihr paßte. Es wird also bei meinem nächsten Besuch in Deutschland sein. Dann werde ich mit Grabkerzen und Steinen zurückkehren.

Wäre das Grab tatsächlich, wie viele andere, eingeebnet worden und darauf Schaukel und Klettergerüst gestellt worden – ich weiß nicht, mit welchen Gefühlen ich Essen verlassen hätte.

Grünflächen in der Stadt sind sehr wichtig, schöne Kinderspielplätze auch – aber muß man dafür auf Gräbern rumtrampeln?

Nur erzählen Mai 29, 2017, 21:27

Posted by Lila in Persönliches.
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Eigentlich läßt sich nichts dazu sagen, aber es geht mir im Kopf rum, und darum erzähle ich es.

Vor drei Wochen hatte ich ein Gespräch mit einer jungen Studentin, einer sehr netten, die mit ihrer Note vom vorigen Semester nicht zufrieden war und sich nun fragte, wie sie Ende dieses Semesters eine bessere Note schreiben kann. Wir unterhielten uns ein bißchen, ich versprach ihr etwas zu schicken, tat das abends auch, bekam aber keine Antwort.

Ich hörte nichts mehr von ihr, dachte, ihr ist etwas dazwischengekommen. Das war auch so. Sie wurde krank, es muß eine dieser aggressiven Infektionen gewesen sein, gegen die Ärzte keine wirksamen Mittel kennen. Sie kam ins Krankenhaus. Und innerhalb weniger Tage war sie tot.

Eine junge, strahlende, begabte Frau voller Pläne.

Natürlich war die ganze Hochschule betroffen, zur Beerdigung (zu der ich nicht gehen konnte) fuhren Studenten und Dozenten in Bussen, ihre Freundinnen trifft es schwer.

Und doch geht das Leben weiter. Für ihre Familie – daran mag ich gar nicht denken. Aber mein Kurs geht weiter, hinter ihrem Namen in der Anwesenheitsliste kommen keine Häkchen mehr, ihr Platz in der ersten Reihe links ist leer, alle vermissen sie. ja, aber der Kurs geht weiter, die Kommilitonen studieren weiter, alles geht weiter.

Je älter ich werde, desto mehr Schrecken jagt mir dieses WEITER ein. Es ist Breughels Ikarus, immer wieder. Irgendwo zappelt ein Ertrinkender und muß sterben, aber wir ziehen unsere Furchen weiter, hüten unsere Schäfchen, gucken in die Luft, segeln übers Meer. Bis wir selbst dran sind.

Ich selbst kann und will mich nicht als Trauernde gebärden, für mich war sie eine Studentin, die ich gern mochte, aber ich mag sie alle und hatte keinen weiteren Kontakt mit ihr. Sie war nicht eine, die das suchte. Darum kann ich auch nicht viel von ihr erzählen, außer dem guten Eindruck, den ich von ihr hatte, und dem Gespräch, das ich mit ihr hatte, am Tag bevor sie krank wurde.

Aber wie schnell das gehen kann, wie unerwartet und wie grausam. Es geht mir im Kopf rum, ich denke an Michal, und wollte das mit meinen Lesern teilen. יהיה זכרה ברוך

 

2002 Mai 24, 2017, 10:17

Posted by Lila in Persönliches.
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Mir fiel noch etwas aus der schlimmsten Terror-Zeit. Meine älteste Nichte war im Mai 2002 bat-mitzvah, also zwölf Jahre alt. Sie bat darum, KEINE Bat-Mitzvah-Feier zu machen, obwohl ihre Eltern gern groß gefeiert hätten (und das bei den jüngeren Schwestern auch taten). Ihre Begründung: meine Nichte hatte Angst, daß bei ihrer Feier ein Anschlag jemanden verletzten könnte. Das wollte sie nicht. So verstört war sie von dem entsetzlichen Angriff auf eine Bat-Mitzvah-Feier in Hadera im Januar.

Ihre Eltern haben ihren Wunsch respektiert. Sie leben in Afula, einer Stadt in der Nähe von Jenin, wo im Laufe der Jahre viele Terror-Angriffe stattgefunden haben. Meine Kinder waren durch den Kibbuz etwas geschützt, aber meine Nichten haben damals zu viel Terror miterlebt, waren an mehreren piguim nah dabei, kannten mehrere Opfer. Und so wird es vielen Kindern in Israel damals gegangen sein, die heute junge Erwachsene sind und denen man nichts ansieht. Auch meinen Nichten nicht, sie sind vergnügt und lebensfroh.

 

Große Trauer Mai 23, 2017, 20:04

Posted by Lila in Persönliches.
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Als ich heute früh im Radio von dem grauenhaften Anschlag in Manchester hörte, kam es richtig wie eine große Welle in mir hoch: die Erinnerung an den Anschlag im Dolfinarium. Es ist sechzehn Jahre her, und in einer Zeit der pausenlosen Anschläge hatte der im Dolfinarium eine besondere Brutalität. Eine Disco für Jugendliche, meist aus russisch-sprechenden Familien, viele davon kleine Familien – alleinerziehende Mütter, Einzelkinder, Familien, die teilweise noch nicht lange in Israel waren und kein unterstützendes Netzwerk hatten. Nicht als ob einem das was nützt, wenn das Liebste, das man auf der Welt hat, von einem Sprengsatz voller Nägel in Stücke gerissen wird.

Ich wußte nicht, daß das Datum genau paßt, das habe ich gerade bei Twitter gesehen. Nicht nur in mir hat der Anschlag im Dolfinarium tiefe Spuren hinterlassen – ich wußte spontan noch die Namen von Opfern. Es waren besonders die Anschläge auf Kinder und Jugendliche, die uns den Charakter des Terrors immer wieder vor Augen geführt haben. Wer in Pizzerien, Eisdielen, Kinderzimmern, Discos und auf Konzerten morden geht, der ist für kein Argument zugänglich, der kann nicht mit Kompromissen oder Zugeständnissen beschwichtigt werden. Das sind keine Verhandlungspartner.

Damals, vor 16 Jahren, hatte ich mal eine kurze Phase, in der ich im SPon-Forum aktiv war – eine höchst frustrierende Angelegenheit, weil dort jeder nur seine Meinung mit höchster Lautstärke von sich gibt und kein echter Dialog entsteht. Also, vielleicht bei anderen Themen, aber bestimmt nicht beim Thema Israel.

Es war damals praktisch unmöglich, einem Deutschen verständlich zu machen, daß nicht politische Frustration oder irgendwelche israelischen Fehlleistungen den Terror verursachen. Eine Gesellschaft, die mit einem solchen Blutrausch auf politische Frustration oder Fehlleistung des Gegenüber reagiert, hat in sich selbst ein riesiges Problem.

Ich habe es oft gesagt – die Palästinenser, die israelischen Araber, mit denen ich zu tun hatte und habe, sind nicht dumm und nicht faul. Es ist nicht so, als wäre das Abdriften eines Teils dieser Menschen in Terror und Blutrunst unentrinnbares Schicksal. Ganz im Gegenteil. Es ist eine Frage der Werte – wofür setzt man seine Talente und Energie ein. Und ein Teil der arabischen, ein Teil der islamischen Welt setzt seine Talente und Energien zur Vernichtung derer ein, die sie selbst als Feinde definieren. Viele der Ideen, die jetzt umgesetzt werden, so wie die Nägel und Metallstücke in Sprengsätzen, die sich Selbstmordattentäter umschnallen, sind zuerst von palästinensischen Terroristen eingesetzt worden.

Die Opfer im Dolfinarium, in der Pizzeria Sbarro, im Kinderzimmer im Kibbuz Metzer, in Manchester und im Bataclan, sie haben keinen Krieg geführt und waren keine Soldaten. Es sind die Terroristen, die entscheiden, wer ein legitimes Ziel ist – und das ist ein Baby im Kinderwagen in Jerusalem genauso wie Großmutter und Enkelin, die Hand in Hand in Jerusalem über die Straße gehen.

Wann in Europa der Groschen fällt, daß man Opfer des Terrorismus werden kann auch OHNE Übeltaten begangen zu haben, und daß das Problem nicht bei den Opfern liegt, sondern bei den Terroristen – ich weiß es nicht.

Ich habe kurz nach dem Anschlag im Dolfi-Disco aufgehört, im SPon-Forum zu schreiben. Die Relativierungen des Terrors, die überwältigende Tendenz zu fragen „was hat Israel den Palästinensern nur angetan, daß sie so tief in die Verzweiflung gesunken sind?“, haben mir die Lust genommen, mich dort zu tummeln.

Irgendwann habe ich dann angefangen zu bloggen, der Rest ist Geschichte 😉 und ins SPon-Forum gucke ich nicht mehr rein.

Gerade höre ich in den Nachrichten über den Messer-Angriff heute in Netania. Der Angreifer, ein Palästinenser mit Arbeitserlaubnis in Israel, wurde angeschossen, nachdem er mit einem großen Messer auf Passanten losging. Das ist hier Alltag. Haben wir das verdient? Nein. Der Terror befördert nicht etwa eine Friedenslösung, er blockiert sie. Und das seit fast hundert Jahren.

Es tut mir weh, daß in Manchester jetzt Familien um ihre brutal getöteten Kinder und Angehörigen trauern, um ihre verletzten und traumatisierten Kinder und Mitbürger bangen müssen. Was wollten die Terroristen (ich gehe nicht von einem Einzeltäter aus, darum der Plural) damit erreichen? Genau das. Tod, Schrecken, Trauma.  Die Betroffenen, die Sängerin, die Stadt – sie alle haben etwas Unwiederbringliches verloren.

Ich weiß nicht, ob es Politiker gibt, die imstande sind, das grundliegende Problem des Terrors ins Auge zu fassen und zu bekämpfen, ohne einen Generalverdacht gegen Unschuldige zu fassen und unzulässig zu generalisieren. Je mehr man weiß, desto weniger neigt man zum Generalisieren.

Wir haben es in Israel geschafft, vor allem durch sehr gute Aufklärungsarbeit, dem Terror die Klauen zu stutzen, so weit es geht, unberufen. Europa wird sich dazu bequemen müssen, es ähnlich zu machen, in die Netzwerke des Terrors Leute einzuschleusen und Menschen zu überwachen, Geldströme zu verfolgen und auf Anzeichen zu achten, bevor jemand tatsächlich mit der Bombe losgeht.

Maßnahmen wie Taschenkontrollen etc allein verhindern den Terror nicht. Sie erschweren die Ausführung eines Anschlags, aber das Problem geht tiefer. Jeder Anschlag hat eine Vorgeschichte der Radikalisierung, der Aufhetzung, der logistischen Hilfe, der Vorbereitung.  Ich hoffe, die Verantwortlichen gehen in die Offensive und rennen dem Terror nicht nur hinterher. Es ist, wie wir in Israel wissen, eine zähe, mühsame Arbeit. Jedes Menschenleben, das dadurch gerettet wird, macht sie lohnend.