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Miluim April 29, 2012, 15:36

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Reservedienst – so heißt eines der wichtigsten Kapitel im Leben des israelischen Mannes (und auch der unverheirateten Frau), sofern sie in der Armee gedient haben. Primus hat heute früh seinen ersten Miluim angefangen – nach einigem Hin und Her von Seiten der  zuständigen Offizierin ist er jetzt in einer großen Basis der Luftwaffe als Sanitäter, für zwei Wochen.

Er ist gespannt, wie sich die Armee für einen Reservisten anfühlt – ob es lockerer ist, oder ob die Atmosphäre einer großen, straff organisierten Basis der für ihre Disziplin bekannte Luftwaffe auch einen Reservisten mit einbezieht. Ich bin auch gespannt. Da diese Basis außer für ihre Disziplin und ihre wunderschöne Lage mitten in der Natur auch für die hübschen Soldatinnen bekannt ist, von denen es dort angeblich nur so wimmelt, und da Primus nur für zwei Wochen eingezogen ist, wird es wohl nicht so schlimm sein. Er klang jedenfalls vorhin ganz vergnügt, als er mich anrief, um mir zu melden, daß er angekommen ist.

Ich habe also gerade drei Kinder in Uniform.

Ameisengleich April 27, 2012, 20:43

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haben wir diesen Unabhängigkeitstag verbracht. Wimmelnd und arbeitend also.

Der Gedenktag vorgestern war wieder so traurig, ich mag gar nichts dazu sagen dieses Jahr, es ist alles schon gesagt. Y. kam wieder so bedrückt vom Grab seines Freundes wieder, der schon dreißig Jahre tot ist und dessen Vater nun auch verstorben ist. Und wie herzlich die Mutter sich am Leben der anderen wärmt und mitfreut – eine ganz besondere Frau. Es waren auch wieder um die 50 Freunde, die sich am Grab eingefunden hatten, und dann noch die große Familie. Im Moshav, wo er begraben liegt, ist eine große Anzahl Soldatengräber. Die Gedenkfeier ist jedesmal besonders bewegend. Viele Familien haben mehr als ein Mitglied verloren – so auch die Familie von Y.s Freund. Sein Onkel ist im Unabhängigkeitskrieg gefallen, er 1982. Die Oma ist an gebrochenem Herzen kurz danach gestorben – und ganz nah bei Sohn und Enkel begraben. Nun liegt der Vater des Freunds auch dort.

Uns fiel wieder auf, wie viel intensiver man die Feste im Kibbuz erlebt, wo die ganze Umgebung zelebriert und mitmacht. Da verstärken sich die festlichen oder besinnlichen Schwingungen. So ist z.B. das Feuerwerk, das wir hier aus den Fenstern sehen können, keinen müden Vergleich wert mit dem Spektakel, das der Kibbuz sich jedes Jahr leistet, wenn der Gedenktag zu Ende geht und der Unabhängigkeitstag eingeläutet wird – unmittelbar nacheinander. Meine Schwiegermutter hat berichtet, daß ein Team von jungen Paaren dieses Fest übernommen hat und eine wunderschöne Feier organisiert hat – mit Tanz für die ganze Familie in die Nacht hinein.

Wir sind auch dieses Jahr nicht weggefahren – statt dessen haben wir mit allen vier Kindern eine Neuordnung der Zimmer im Haus vorgenommen. Drei Zimmer mußten „verschoben“ werden, und wir sind den ganzen Tag mit Kisten und Kästen rumgewuselt, um es so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen.

Quarta war die treibende Kraft. Sie wollte gern Secundus´ Zimmer, und weil Secundus einsah, daß sie es besser brauchen kann als er, hat er es friedlich geräumt. Secundus haben wir in das bisher nicht genutzte zusätzliche Zimmer quartiert, das mir besonders gut gefällt, weil es genau unter dem geliebten Ombu liegt und ganz grünes Licht hat. Der ganze Kram und Krempel, den wir dort aufbewahrt hatten (Kunstmaterialien, Putzkram, ein alter Kühlschrank und riesige Behälter mit dem Kinderzeichnungen-Archiv der Familie – das ich nach Kind und Datum und Motiv durchsortiert habe), ist in Quartas altes Zimmer gewandert. Keller und Speicher haben wir ja nicht – das ist also unser Speicher.

Und gegrillt haben die Jungen dabei auch noch. Das machen sie ja besonders gern. Sie fahren gern mit Y. zu ihrem Leib-und-Magen-Metzger in Kfar Yasif, einem älteren Herrn, der immer gute Tips hat und dessen Fleisch wohl gut ist – ich versteh ja nichts davon. Die Jungens haben also gegrillt, Y. hat einen riesigen Salat gemacht, und ich Süßkartoffeln und Kartoffeln im Ofen – mit Kräutern aus dem Garten, die wieder ganz gut gedeihen.

Das war ein schöner Tag.

Weil der Unabhängigkeitstag auf Donnerstag fiel, haben wir nun gleich noch Freitag und Samstag als langes Wochenende dazu – was bedeutet, daß ich meine Soldaten länger zuhause habe.

Letztes Jahr am Unabhängigkeitstag waren wir auf Hausbesichtigung (hier und hier beschrieben) und haben uns entschieden, in dieses Haus zu ziehen. Das war eine rundherum gute Entscheidung. Der Alltag läuft reibungslos. Die Kinder wären zwar lieber näher an ihren Freunden aus dem Kibbuz, aber ansonsten sind sie ganz zufrieden. An den alten Einträgen sehe ich, was ich schon fast vergessen hätte – daß ich gar nicht begeistert war und nicht gern umgezogen bin. Na, und jetzt bin ich so froh, daß wir es getan haben.

Je älter ich werde (und heute werde ich 48, was für eine schrecklich erwachsene Zahl…), desto häuslicher werde ich. Als ich neulich auf einer Ausstellungseröffnung war, dacht ich mir, das muß ich öfter tun, mehr rausgehen, wieder mehr Leute sehen, ein bißchen aktuelle Kunst angucken und Atmosphäre mitnehmen und Smalltalk machen – meine Häuslichkeit und Familie und Arbeit absorbieren mich vollkommen. Auch fürs Bloggen bleibt im Moment wenig Energie, und die Stapel von Mails, die unbeantwortet bleiben, sind mir echt peinlich. Ich bitte um Geduld, auch hier – ich werde schon noch dazu kommen, aber ich bin gerade dabei, meine Internetzeit radikal zu beschränken. In den nächsten Wochen kommen so viele Aufgaben auf mich zu, daß ich keine Ahnung habe, wie ich alles schaffe. Ich werde es irgendwie schaffen – aber auf irgendwas muß ich verzichten, und im Moment gehören Blog und private Mails dazu.

Gedenktag April 25, 2012, 9:57

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Secundus und Tertia sind als Abgesandte ihrer Einheiten mit Familien von Gefallenen in Nahariya auf dem Friedhof. Y. ist wie jedes Jahr am Grab seines Freunds. Ich bin mit Quarta und Primus zuhause – gleich die 2minütige Sirene. Schwierige Tage.

Nichts zu erzählen April 15, 2012, 19:08

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Die Feiertage waren herrlich ruhig und still und familiär. Wir haben wie die Biber in Haus und Garten geschafft – Primus, „der menschliche Freischneider“, Y. „die Axt im Haus, die den Zimmermann, Elektriker, Installateur und Hausmeister erspart“, und ich, von den Männern „tapfere deutsche Hausfrau“ genannt. Quarta hat inzwischen ihr Zimmer in wunderbare Ordnung gebracht und Secundus hat den Kopf über uns geschüttelt. Wenn er nicht gerade Schlaf nachgeholt hat.

Wunderbare Begegnungen hatten wir auch. Auf der Terrasse sonnte sich eine grün-schwarze kleine Eidechse. Leider hat es ihr nichts geholfen, daß sie flink ihren Schwanz abwerfen konnte, als mein dicker Leo sie zu packen kriegte. Quarta und ich haben ihre winzige Leiche entsorgen müssen.

Aber das Chamäleon, das Y. gestern in der Bougainvillea aufstörte, das haben wir vor den Katzen gerettet. Nicht ohne es vorher von einem zum anderen stelzen zu lassen. Von Y.s Fingern zog es sich zu Primus rüber und von dessen Schulter auf meinen Unterarm. Was für ein Gefühl, wenn sich so ein Chamäleon an einem festkrallt, einen würdevoll aus seinen grünen, glubsch-verborgenen Augen anguckt und sich um einen Hauch verbraunt, wenn es auf ein braunes T-shirt klettert. Y. hat es dann in die Wildnis getragen, hoffentlich aus der Reichweite gieriger Kater.

Selbst ins Haus verirren sich die Urwelttiere. Vorhin hatte ich ein zartrosa, durchsichtiges kleines Gecko-Tier im Bad. So eins, ein smamit:

Es ist ein bißchen schwierig, so ein Tierchen zu fangen, weil es beneidenswerterweise auf der Decke genauso davonhuschen kann wie auf dem Boden. Gemeinsam haben Y. und ich es schließlich vorsichtig gefaßt und auf dem Balkon freigelassen.

Noch ein Dialog, den ich mit Secundus hatte.

Ich: Was ist eigentlich aus dem elektrischen Kessel geworden, den wir dir gestiftet haben? Hast du den noch, oder hast du ihn am Gazastreifen in der Basis zurückgelassen?

Secundus:  Nö, wieso, den hab ich noch. Im Moment brauch ich ihn weniger, denn in der Basis im Golan haben wir überall Kaffee-Ecken, aber er war total nützlich am Gazastreifen.

Ich: Erzähl.

Secundus: Na ja, da ist es doch nachts so kalt. Weißt du noch, als ich ganz zu Anfang auf Har Dov war, und nachts wachen mußte, und wie kalt es da immer war? Jedesmal, wenn ein Commander nachts vorbeikam, dacht ich mir, „wenn er ein Kerl ist, bringt er mir jetzt ne Tasse heißen Kaffee mit“. Aber keiner hat mir je einen Kaffee gebracht. Und da hab ich mir geschworen: wenn ich mal Commander bin, dann bring ich meinen Soldaten IMMER eine Tasse Kaffee mit, wenn ich nachts die Wachtposten kontrolliere.

Ich: Und das hast du gemacht?

Secundus: Das hab ich gemacht. Ich glaube, meine Soldaten hatten mich richtig gern. Je kälter es nachts war, desto lieber.

Und er grinst.

Der Abschied ist ihm nicht leichtgefallen, aber er bereut trotzdem nicht, daß er zurück zum Sanitäter gewechselt hat. Er ist jetzt in einem taagad im Einsatz, einer Verletzten-Sammelstelle – eine Art mobiler Klinik, ein Team von Sanitätern, Rettungssanitätern mit einem Arzt. So wie es auch Primus war. Es ist ganz gut, daß er beide Optionen hat und beide ausprobieren kann. Beides kann er gut machen.

Jetzt ist er wieder weg, in den Golanhöhen. Und für mich geht morgen wieder die Arbeit los.

Chol ha-moed pessach April 10, 2012, 8:07

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heißen die Zwischen-Feiertage, zwischen Anfang und Ende von Pessach z.B. Eine Woche, in der manche Leute frei haben (ich) und andere arbeiten müssen (Y.), in denen die Geschäfte offen sind, aber überall eine festliche Stimmung herrscht. Viele Leute machen Ausflüge. Die Nationalparks bersten geradezu. Wer die Nase vom Prä-Pessach-Putzen noch nicht voll hat, der stürzt sich jetzt auf häusliche Arbeiten.

In den letzten Tagen habe ich mit Primus im Garten gewütet. Ich habe Unkraut gerupft, er ist mit dem Freischneider rangegangen. Ich habe geputzt und geschrubbt, er Äste abgesägt. Wir haben uns stundenlang drangehalten. Mit Primus zusammenzuarbeiten macht wirklich Spaß. Er ist lustig und bärenstark und wir lachen viel. Manchmal unterhalten wir uns über gemeinsame Erinnerungen und vergleichen seine Kinder- mit meinen Erwachsenen-Erinnerungen. Leider besteht die Natur ja darauf, unerfahrenen jungen Eltern die Kinder in den Arm zu legen. Irgendeinen Sinn wird es wohl haben, daß die jungen Eltern dreist draufloserziehen und erst nah der Fünfzig begreifen, was sie da eigentlich gesät haben.

Der Garten ist ein ungelöstes Problem – da wir den Sommer über kaum wässern können, werden wir wieder keinen Rasen haben, den versagen wir uns ja schon seit vielen Jahren. Nur meine geliebten Kräuter, die ich hätschele und hege, werde ich wässern, und von Zeit zu Zeit die Sträucher und Bäume, besonders die jungen. Die Fläche ist aber doch ziemlich groß, und viel Ahnung habe ich nicht vom Gärtnern. Keine Ahnung, was wir damit anfangen sollen.

Y. und ich hatten im Kibbuz vier verschiedene Wohnungen – ein kleines Haus mit Garten, eine etwas größere Etagenwohnung mit Gartenstück, ein wiederum größeres Haus mit wunderhübschem Garten und eine noch etwas größere Etagenwohnung, zu der ein Gartenstück gehörte, das aber von der Nachbarin beackert wurde. Ich habe in allen Gärten außer dem letzten als erstes Minze, Pfefferminz, Thymian, Rosmarin und Salbei angepflanzt, Majoran, zuta levana, Zitronenverbene, Lemongrass und all die anderen. Ich fühle mich erst dann richtig zuhause, wenn ich rauslaufen und meine Tee- oder Gewürzkräuter selbst pflücken kann. Mit Kräutern ist es so einfach, sie sehen schön aus, duften gut, sind einfach zu behandeln, und wir brauchen immer welche. Kräuter und Komposthaufen – das sind immer meine ersten Schritte.

Wenn Quarta und Primus einen Ausflug in die Umgebung machen, nehmen sie einen Primuskocher und Teekräuter mit, und ein bißchen Zucker. Dann kochen sie sich in der Wildnis einen Tee. Meine Kräuterbeete sind also sehr nützlich. Jawohl.

Aber wo andere Leute einen Rasen anlegen würden, haben wir immer nur vertrocknetes Unkraut gehabt im Sommer. Auch im Kibbuz wurde grundsätzlich Wasser gespart, und große Flächen wurden nicht gewässert. Also, was kann man mit einem Garten machen, wenn man den langen, heißen Sommer über strikt Wasser sparen will oder muß? Was soll ich statt der Unkrautbüsche anpflanzen?

Beweis April 9, 2012, 13:56

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Wer hat über mich gelacht, als ich mich vor den Riesenspinnen grauste, die uns heimsuchen? Kein Tag vergeht ohne mindestens zwei Begegnungen. Das da oben ist eine solche Spinne, nachdem sie mich getroffen hat. Ja, ich benutze die Waffe der Feigen und Frauen – ich sprüh sie an, dann ziehen sie die Beine an und sterben. Ich wünschte, ich wäre gruselfrei genug, sie wie kleinere Tiere einfach per Besen wieder hinauszubefördern. Aber sie sind flink und riesig und knacken beim Laufen. Darum erlege ich sie aus dem Hinterhalt, wenn sie sich in mein Territorium wagen.

Besonders bei Quarta, die meine Abneigung gegen dieses Getier teilt, tummeln sie sich. Gestern hatte sie zwei fette Brüder auf dem Fenster. Wir haben sie Gregor und Sandor genannt. Und die Sprühdose geholt.

Das da oben ist Sandor. Als er noch lebte, war er so groß wie meine Hand.

Qassam in der Nähe von Sderot April 8, 2012, 23:09

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Wieder mal Glück gehabt – niemandem ist was passiert. Ob es Alarm gegeben hat, weiß ich nicht.

Eli Yishai mal wieder April 8, 2012, 15:44

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Innenminister Eli Yishai erteilt Grass Einreiseverbot. Ach je, Eli Yishai. Als hätte Grass die Absicht, nach Israel zu kommen. Das ist ungefähr so wirksam, als wollte man einem Schokoladenverächter den Schoko-Osterhasen vorenthalten. Big deal.

Außerdem bestätigt es ihn genau in seiner selbstmitleidigen Haltung – „seht ihr wohl, kaum sag ich die Wahrheit (daß Israel den atomaren Erstschlag auf den Iran plant, um das iranische Volk zu vernichten, und daß Israel die Bedrohung des Weltfriedens Nr.1 ist…), da werd ich schon mundtot gemacht“. Und da stimmen ihm ja laute Chöre der Schweigsamen zu, die seit Jahr und Tag ihre Israel-Kritik publik machen, sich aber immer fühlen, als müßten sie den Mund halten. Ein virtueller Maulkorb.  Wie in der alten BH-Werbung: lalechet im, lehargish bli – „mit BH rumlaufen, sich BH-los fühlen“…nur eben umgekehrt.

Netanyahus Reaktion, ebenfalls als Gedicht verkleidet, fand ich angemessen. Von Eli Yishai habe ich noch nie was gehalten, und es wundert mich kein bißchen, daß er diese Entscheidung getroffen hat. Eleganter wäre es gewesen, hätte er Grass eingeladen, zur nächsten Herzliya-Konferenz z.B., wo es um Fragen der Sicherheit geht, und wo kontrovers diskutiert wird. Wieso da keiner drauf gekommen ist, weiß ich nicht. Aber ein Einreiseverbot? Als wäre Grass scharf auf einen Urlaub am Roten oder Toten Meer.

Mit dieser leeren Geste erhebt Yishai Grass in einen erlesenen Zirkel wirklich gefährlicher Menschen. Das ist Grass nicht. Er ist nur ein durch und durch authentischer Repräsentant der israelkritischen europäischen Alt-Linken, die zu vielen Greueln schweigt, aber um Thema Israel immer, immer was zu kamellen hat. Ein Einreiseverbot kann Grass sich ans Cordjacket heften wie einen Orden.

Eli Yishai, habaita.

(Ich sehe zu meiner Genugtuung, daß Tom Segev sich ganz meiner Meinung anschließt😀 )

Absolute Freiheit. Das Paradies. April 8, 2012, 12:35

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So bezeichnet ein Palästinenser Tel Aviv. Wie er zu diesem Schluß kommt? Er hat das Pech, schwul zu sein.

Gil Yaron greift ein Thema auf, das jeder Israeli kennt – schwule Palästinenser, die nach Israel fliehen, weil sie dort wenigstens überleben können, wenn sie es auch schwer haben ohne Aufenthaltsgenehmigung.

Doch Jussuf will bleiben, um jeden Preis. „No way! Ich gehe hier nie weg“, sagt er. „Es ist nirgends besser als in Tel Aviv. Seit ich hier lebe, habe ich noch nie Rassismus erfahren. Sogar während der Zweiten Intifada, als hier überall die Busse von Palästinensern in die Luft gesprengt wurden.“ Mehr als 40 Mal setzten Polizisten ihn bereits im Westjordanland ab, aber Jussuf fand immer den Weg zurück. „Ich kenne schon alles: die Beamten, die Zellen, die Fragen und die Tricks, um über die Grenzanlagen zu kommen“, sagt er. Entweder geht er durch die Wüste, klettert in Jerusalem über die Mauer oder nimmt eine Route im Norden: „Da kann man sich nachts über die Felder schleichen. Schaul wartet auf der anderen Seite mit dem Auto.“

Jüdische Polizisten flößen Jussuf keine Angst mehr ein: „Die behandeln mich mit Respekt. Gegen Ende ihrer Schicht lassen sie mich oft einfach ziehen. Sie wissen, dass ich heute keinen Schaden mehr anrichte. Sie haben keine Lust auf den ganzen Papierkram“, sagt Jussuf und grinst. Der Mitgliedsausweis des Schwulenvereins sei bei jüdischen Polizisten hilfreich: „Die sagen manchmal: Was, du bist Araber und schwul? Geh nach Hause, Gott hat dich schon genug gestraft.“

Genau so lerne auch ich die Israelis immer wieder kennen. Die stereotype Vorstellung der rassistischen, araberhassenden, verhetzten und aggressiven Israelis ist nicht mehr als das – ein Stereotyp. Gewiß gibt es wie überall auch in der israelischen Armee und bei der Polizei Menschen, die mit der Macht nicht fertigwerden, die eine Uniform ihnen gibt, und die ihr Gegenüber entwürdigen (und damit sich selbst). Aber die israelische Grundhaltung ist human und tolerant. Die vielen Vorsichts- und Defensivmaßnahmen gegen Terror und Gewalt stehen der israelischen Neigung, auch mal Fünf gerade sein zu lassen und anderen mit Vertrauen zu begegnen, eher im Wege.

Ich denke ja manchmal, vielleicht spinne ICH, wenn ich mitbekomme, wie manche Leute sich Israel vorstellen, aber dieser Artikel bestätigt mein Bild. Israelis wie Shaul Ganon setzen sich für Palästinenser ein, für die sich sonst niemand einsetzt. Und zwar aktiv.

In Israel ist es problemlos möglich, offen schwul zu sein, wie in allen anderen Ländern der westlichen Welt. Auch wenn religiöse Familien Probleme mit Homosexualität haben, die nicht in ihr Wertesystem paßt (und vor allem das Gebot zur Fortpflanzung kompliziert machen), sind „Ehren“morde unbekannt. Man arrangiert sich eben irgendwie damit, wie auch in streng christlichen Familien. Und im säkularen Israel ist es ungefähr so schwierig wie in Berlin oder New York, „anders“ zu sein.

Aber mal abgsehen vom israelisch-palästinensischen Blick – es lohnt sich, den Artikel zu lesen, er ist erschütternd. Was tun homosexuelle Männer und Frauen in arabischen Ländern, die nicht die Möglichkeit haben, sich nach Tel Aviv abzusetzen?  Wie geht es homosexuellen moslemischen bzw arabischen Migranten eigentlich in westlichen Ländern? Wer setzt sich für sie ein, damit sie nicht von ihren Familien bedroht werden?

Es ist erschreckend, daß für so viele die Familie, die man gern als Zufluchtsort schlechthin wahrnimmt, als zuverlässig schützende nächste Umgebung, zur schlimmsten Bedrohung überhaupt wird. Die vielen „Ehren“mord-Geschichten, die ich im Lauf der Jahre mitgekriegt habe, ziehen mir beim Lesen gewissermaßen den Boden unter den Füßen weg. Wo Männer und Frauen von ihren Eltern und Geschwistern brutal gemetzelt werden – wo die Bindung innerhalb der Familie, die noch vor der Geburt beginnt und die sich im Lauf der ersten Lebensjahre aufbaut, die zu unseren ersten und stärksten Erinnerungen gehört – wo die nicht zuverlässig ist und sich wegen „Fehlverhalten“ im Nu in die Waffe verwandelt, die den Menschen das Leben kostet – da muß das Leben ehrlich gesagt ein Albtraum sein.

Welche menschliche Bindung ist denn dann noch zuverlässig und haltbar, welche Liebe ist bedingungslos und angstfrei? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sämtliche emotionalen Bindungen „auf Bewährung“ sind, selbst die an Bruder und Schwester und Vater und Mutter, aus deren Hand man die ersten Bananenstücke gegessen, die ersten Bauklötzchen entgegengenommen hat? Denen man sein erstes Lächeln geschenkt hat?

2 Raketen in Netivot April 8, 2012, 6:24

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Nichts passiert, nichts zu sehen, Sie können weitergehen.

חג שמח Chag sameach April 6, 2012, 23:05

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Das Fest der Freiheit – das betont dieser kleine Clip der IDF zu Pessach. Nicht nur er. Freiheit steht im Mittelpunkt dieses Fests.

Das Wort Freiheit hat ja letzthin in Deutschland eine Renaissance erlebt, weil der neue Bundespräsident sich nicht genug daran freuen kann, daß er sie nun hat. Bei denen, die Freiheit immer schon hatten und nicht zu schätzen wissen, so wie bei denen, die Freiheit für überschätzt halten, stößt sein Freiheits-Pathos eher auf Befremden oder peinliche Berührtheit. Selbst Angela Merkel, die ja biographisch dasselbe Durchbruchserlebnis hatte, fand das Rumreiten auf der Freiheit übertrieben. Als wäre Freiheit wie Geld: man hat sie, aber in guter Gesellschaft spricht man doch nicht davon.

Wenn es in Deutschland ein Freiheits-Erlebnis gibt, dann ist es historisch neu. Der Fall der Mauer war zweifellos für die Deutschen ein einschneidendes Erlebnis von Freiheit. Die Befreiung von einem mörderischen Regime zu Ende des zweiten Weltkriegs wurde gleichzeitig auch als Niederlage empfunden und ist darum nicht gerade ein emotional positives Erlebnis der Befreiung geworden. Die Ausrufung der Republik 1918 stand ebenfalls im Schatten eines verlorenen Kriegs. Die Märzrevolution endete in Scheitern und Blutvergießung. Die Befreiung von Napoleon wirkte sich nicht auf die persönliche Freiheit aus, weil viele politischen Hoffnungen enttäuscht wurden. Vorher kann man eigentlich nicht von deutschen Erfahrungen mit Freiheit sprechen, denn es gibt noch kein Deutschland im modernen Sinne.

Was Freiheit angeht, ist das deutsche Gedächtnis recht kurz. Zweihundert kurze Jahre gemeinsamer Freiheits-Erlebnisse, alle bis auf den Mauerfall von Krieg, Gewalt und Enttäuschung überschattet. Wir singen zwar „Einigkeit und Recht und Freiheit“, aber die Freiheit landet auf dem dritten Platz, nicht wie bei den Franzosen auf dem ersten. Na ja, das mag Zufall sein, dem Rhythmus geschuldet.

Trotzdem würde ich die These wagen, daß der Topos Freiheit im deutschen Bewußtsein hinter anderen Themen zurücksteht, daß er nicht zu den zentralen Themen, zu den Kronjuwelen gehört. Jeder weiß, daß Freiheit wichtig ist, so wie Gesundheit, aber zentrale Werke der deutschen Kunst und Literatur widmen sich anderen Themen – der persönlichen Entwicklung, der Verwirklichung von Träumen, dem Versinken in Obsession, dem Abfall vom Glauben, der Liebe. Settembrini ist kein Deutscher. Die Liberalen sind eine kleine, feine Minderheit.

Bei den Juden ist die Sache anders. Pessach ist das Fest der Freiheit, das schon eine alte Tradition hatte, als Jesus ein junger Mann war. Die Geschichte von der Befreiung, die Verpflichtung, jedes Jahr zu Pessach bewußt die Befreiung mitzuerleben und sich persönlich frei zu fühlen – das ist ein sehr wichtiger Baustein der jüdischen Identität. Der kleine Clip mit den ach so jungen Soldaten unterstreicht das. Keiner brauchte ihnen zu sagen „und jetzt erzählt mal was vom Fest der Freiheit“, denn das Fest heißt so – Pessach, chag ha cherut, das Fest der Freiheit. Da kommt der Begriff ganz von alleine. Eine Umfrage unter jüdischen Israelis auf der Straße würde dasselbe Ergebnis bringen. Was bedeutet dir Pessach? Freiheit.

Jede Generation des jüdischen Volks fühlt sich, als sei sie selbst aus Ägypten gezogen. Jedes Jahr wird das in einem ausdrücklichen, textreichen und mit Gesten begleiteten Nach-Spielen der Geschichte am Sederabend zelebriert. Die ganze Pessachwoche über ißt man anders als sonst, verhält man sich anders als sonst – der Exodus wird in jedem jüdischen Haus vergegenwärtigt. Der Sinn der ganzen Regeln und Rituale, die Reinigung von Hametz und das Mahl, in dem jedes Glas Wein und jedes Nahrungsmittel seine symbolische Bedeutung haben – der Sinn des ganzen Fests ist die intensive Vergegenwärtigung des Übergangs vom Sklavendasein in die Freiheit.

Für die Juden, die über Jahrtausende hinweg nicht frei waren, nicht unabhängig waren, ist darum ihr Staat von überwältigender und beglückender Bedeutung. Jeder Jude, egal woher er kommt, trägt in seiner Familiengeschichte die Narben von Abhängigkeit und Unterdrückung mit sich – ob diese Geschichten in der Familie erinnert werden oder nicht. Überall, wo Juden lebten, gab es besondere Regelungen für sie. Sie waren Außenseiter und hielten sich selbst auch bewußt abseits, um ihre Identität zu bewahren. Der Preis, den sich für diese Beibehaltung ihrer Sitten unter Bedingungen von Abhängigkeit und Unfreiheit zahlten, war sehr hoch. Judenverfolgungen, Judenvertreibungen, Pogrome, Diskriminierung – selten waren die Jahrzehnte, in denen es ganz friedlich zuging für die Juden. Das Damoklesschwert hing stets über ihnen.

Und der Staat Israel ist auf diesem Erbe, auf diesen Erinnerungen, Ängsten und traumatischen Erfahrungen aufgebaut. Das historische Gedächtnis des jüdischen Volks ist sehr lang. Die Juden, die seit Generationen jedes Jahr ihr Fest der Freiheit feiern, wissen Freiheit zu schätzen. Freiheit der Lehre und Forschung, Freiheit der Auslegung der Straßenverkehrsordnung, Freiheit der Ladenöffnungszeiten, Freiheit der Rede und Kritik, Freiheit im alltäglichen Umgang, Freiheit der Regeln in Kleidung und Höflichkeit.

In der Buntheit, die ich jeden Tag um mich sehe, in der formlosen Burschikosität, im rastlosen Suchen nach kreativen Lösungen für Probleme, in den flachen Hierarchien in Unternehmen und Armee, in den Sandalen und offenen Hemden bei Universitätsrektoren, die von allen geduzt werden, in der riesigen Anteilnahme für Familie Shalit, in der Risikobereitschaft und Unternehmungslust so vieler Israelis  – überall kann ich den kleinen, goldenen Faden des unbändigen Freiheitswillens erkennen. Er ist einer der Schlüssel zur israelischen Mentalität, wenn man überhaupt an die Existenz dieses schwer zu fassenden Phatnoms glaubt. Hat ein Israeli die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, wählt er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Freiheit. Wie würden Deutsche wählen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Mittelding?

Wer Israel und die Israelis verstehen will, für den ist darum Pessach die ideale Reisezeit. Nicht nur wegen des angenehmen Wetters und trotz der überfüllten Hotels und überteuerten Flüge. Wer einmal zu Pessach in einem Raum voller Juden gesessen hat und gehört hat, wie sie inbrünstig singen „avadim hayinu, avadim – ata bnei chorin, bnei chorin“ – „wir waren Sklaven, Sklaven – jetzt sind wir Söhne der Freiheit, Söhne der Freiheit“ – der versteht auf einmal ganz viel.  Ja, ihr wart Sklaven, und jetzt seid ihr frei. Mein Gott, und wie froh bin ich, daß ihr frei seid – das denke ich jedes Jahr wieder zu Pessach. Wie gut, daß das jüdische Volk frei ist.

Ich bin keine Jüdin und meine Traumata sind anderer Art. Ich bin frei aufgewachsen, meine Eltern sind in Freiheit aufgewachsen, und wer die NS-Diktatur in Deutschland beklagt, muß sich auch daran erinnern, daß sie frei gewählt worden ist. Mein Freiheitsbegriff ist viel weniger emphatisch, viel weniger beschwörend. Das ist mein Privileg. Und Privilege haben es an sich, daß man sie nicht spürt, daß man sie für selbstverständlich hält. Nur wer das Privileg NICHT hat, der merkt sein Fehlen. Nur wer noch spürt, daß er mal Sklave war und unfrei und von anderen kontrolliert wurde, der weiß, was Freiheit bedeutet. Und er wird sie über alles schätzen und hochhalten und sie zum zentralen Thema des zentralen Familienfestes im Jahreskreis machen.

Frohes Fest. Wir hatten es ganz ruhig und friedlich bei meiner Schwiegermutter.

Klarstellung April 6, 2012, 8:17

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zur Gleichschaltungs-Behauptung des Herrn Grass. In aller Bescheidenheit sei angemerkt, daß ich mich keineswegs an einer Kampagne beteilige. Ich bin nicht gleichgeschaltet. Ich bin jüdisch versippt.

Gestern nacht April 5, 2012, 7:02

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Mindestens eine Grad-Rakete auf Eilat. Vermutlich aus dem Sinai gefeuert. Der Sinai läuft aus dem Ruder. Das sollte nicht nur uns zu denken geben, sondern auch der ägyptischen Regierung. Und auch den Jordaniern. Vor zwei Jahren kam auch ein Jordanier ums Leben, als Raketen aus dem Sinai in Eilat und Aqaba fielen.

Müssen sich jetzt auch die Einwohner von Eilat an Raketenbeschuß „gewöhnen“, oder war es nur ein Einzelfall?

Ich stelle mir für einen Moment vor, was die Reaktion Frankreichs wäre, wenn aus einem Nachbarland auch nur eine Rakete in einem französischen Grenzort fiele…

Im Sinai muß aufgeräumt werden, aber wir können das nicht machen. Das müssen die Ägypter anpacken. Sonst entsteht ihnen da ein beduinischer Freistaat, der nur von Menschen-, Waffen- und Drogenschmuggel lebt, von Unterstützung des Terrorismus jenseits der Grenzen, und in dem kein Gesetz herrscht.

In Camp David haben die Ägypter den Sinai von Israel zurückbekommen. Es wäre schön, wenn sie ihn so in Ordnung halten würden, daß Ägyptens Nachbarländer ihn nicht fürchten müssen. Vielleicht sollten die USA, die den Vertrag damals vermittelt haben, die Ägypter mal sanft daran erinnern, daß das ihre Verantwortung ist.

Ehre… April 4, 2012, 23:34

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… wem Ehre gebührt. Seit Jahr und Tag beschwere ich mich über die deutschen Medien, aber heute haben sie mich überrascht. Die Kritik an Grass´unsäglicher Ode an den Weltfrieden kommt von vielen Seiten, und sie ist fundiert. Eine Blütenlese bringe ich hier – sie ist längst nicht vollständig.

Josef Joffe in der ZEIT.

Es geht nicht um U-Boote. Es geht um Schuldverschiebung und Selbstentlastung. Wie in dem legendären Spruch, der dem israelischen Psychiater Zvi Rex zugeschrieben wird: „Die Deutschen werden den Juden nie Auschwitz verzeihen.“ Denn allein deren Existenz ist die ewige Anklage gegen Grass und die schuldlosen Nachgeborenen. Der „Jud“ ist von Tabus umgeben, Israel ist es nicht. Dieser staatgewordene „Jud“ verhält sich jetzt wie Nazi-Deutschland; deshalb soll er uns nicht andauernd „zur Rede stellen“, um uns zu erniedrigen und uns U-Boote abzuluchsen. Die Juden wollen, was wir getan haben. Gaza ist das Warschauer Ghetto, die israelische Bombe die neue Endlösung, diesmal Made by Israel und reserviert für Muslime.

Trägt der Jud die Schuld, ist die moralische Rechnung beglichen, wird das Nazi-Menschheitsverbrechen von Berlin nach Tel Aviv ausgelagert. Und Grass ist aus dem moralischen Schneider. Am besten, Israel verschwände von der Landkarte. Das sagt beileibe nicht Grass, sondern Ahmadinedschad. Dieses Schicksal aber wäre die Konsequenz, wenn Israel seine Abschreckungsfähigkeit verlöre.

(Die Kommentare dagegen unter der ZEIT-Meldung über die Reaktion des israelischen Botschafters und des jüdischen Zentralrats entsprechen schon mehr meinen Erwartungen: was wollt ihr denn, Grass hat doch recht, stimmt doch alles, immer diese A-Keule… aber lassen wir das…)

Henry Broder in der Welt:

Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem „Gedicht“ hat er es noch nie artikuliert. In einem Interview mit „Spiegel Online“ im Oktober 2001 sagte er, wie er sich die Lösung der Palästina-Frage vorstellt: „Israel muss nicht nur besetzte Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.“

Das war nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung an Israel, nicht nur Nablus und Hebron, sondern auch Tel Aviv und Haifa aufzugeben. Ebenso wie die Hamas und die Hisbollah macht auch Grass keinen Unterschied zwischen den 1948 und den 1967 „besetzten Gebieten“, für ihn ist „die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung eine kriminelle Handlung“. So sieht es auch der iranische Staatspräsident.

Clemens Wergin in der Welt:

Tatsächlich sind nicht nur die Motive des Grass’schen Machwerks zweifelhaft. Es offenbart auch ein seltsames Verhältnis zu den Fakten. Das Gedicht wimmelt nur so von Verzerrungen, Halbwahrheiten und Lügen. „Welt Online“ macht den Faktencheck.

Tatsächlich wäre eine iranische Bombe weit weniger besorgniserregend, wenn dort ein anderes Regime an der Macht wäre. Grass setzt jetzt nicht nur beide Länder gleich, nein, er hält Israel tatsächlich für die größere Gefahr.

Wie blind, unwissend und voller Ranküne muss man sein,  um derart an den tatsächlichen Gegebenheiten in der Region vorbeizuschreiben? Dass er israelische und iranische Atomanlagen gleichermaßen international kontrolliert sehen will, obwohl das Völkerrecht dies nur im Falle des Iran vorsieht, ist dabei nur noch eine juristische Fußnote.

Man fragt sich beim Lesen dieser abschließenden Zeilen, ob Grass nun endgültig senil geworden ist. Das ganze Gedicht handelt von Iran und Israel. Und dann schreibt er, dass nur mit der intenaionalen Kontrolle der israelischen und iranischen Atomanlagen den Palästinensern zu helfen sei. Wie bitte? Was haben die jetzt damit zu tun, außer dass Islamischer Dschihad und Hamas von Teheran bezahlt werden?

Malte Lehming im Tagesspiegel:

Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er. Das beweist sein jüngstes Gedicht „Was gesagt werden muss“, das ebenso treffend „Die Juden sind unser Unglück“ hätte heißen können.

Offener und gleichzeitig verdruckster hat selten ein deutscher Nachkriegs-Intellektueller im Repertoire der judenfeindlichen Klischees gewildert – und das Resultat dann als gewissenszerknirschte Friedensverantwortung getarnt. Hier muss keine textexegetische Überführungsarbeit mehr geleistet werden. Das Poem spricht für sich. Wer meint, es noch entlarven zu müssen, heuchelt Disputationsmöglichkeiten, die es nicht gibt.

Klaus Hillenbrand in der taz:

dieses Gedicht spielt falsch, so falsch wie viele der Reaktionen darauf.

Dabei geht es nicht darum, dass Grass die israelische Regierung für ihre Iranpolitik scharf kritisiert. Solche Kritik ist alltäglich und nur allzu berechtigt. Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können.

Das aber ist falsch und perfide. Die auch in deutscher Sprache verfassten Beiträge, die den Kurs der Regierung Netanjahu für gefährlich halten, sind nicht zu zählen, so viele sind es. Und selbstverständlich hat es nicht das Geringste mit Judenhass zu tun, wenn man seine Ablehnung von Israels Iranpolitik öffentlich äußert.

Wenn Grass aber genau das behauptet, dann produziert er ein Tabu, das nicht existiert. Dann erzeugt er neue Vorurteile. Und dann passt es ins Bild, wenn Grass über das Teheraner Regime wenige milde, über Israels Atommacht aber viele deutliche Worte verliert.

Micha Brumlik in der taz:

Ebenso verdruckst wie zielsicher steuert Grass dann auf jene unter Deutschen populäre und keineswegs tabuierte Meinung zu, wonach der Staat Israel die Hauptgefahr für den Weltfrieden sei: “Warum“ so fragt er sich verquält „sage ich jetzt erst/ gealtert und mit letzter Tinte:/ Die Atommacht Israel gefährdet/ den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“

Der Dichter will also seine bisher geübte Rolle ändern, jetzt nicht mehr als ungeliebter Mahner auftreten, als praeceptor germaniae, sondern durch das Brechen eines lastenden Schweigens mit gutem Beispiel vorangehen: „zudem ist zu hoffen,/ es mögen sich viele vom Schweigen befreien,/den Verursacher der erkennbaren Gefahr/ zum Verzicht auf Gewalt auffordern“.

Dass das angesprochene Publikum auch dazu bewegt werden könnte, die iranische Führung zum Verzicht auf ihre Vernichtungsdrohungen aufzufordern, kommt dem Dichter nicht in den Sinn.

Fragt man darüber hinaus nach den Gründen, die ihm jetzt die Möglichkeit bieten, das ach so belastende Schweigen, das zu übertönen einem den Ruch des Antisemitismus einbringen könnte, zu brechen, so ist es nicht weniger als die Hoffnung, die phantasierte Auslöschung des iranischen Volkes zu verhindern.

Thomas Steinfeld in der Süddeutschen, hübsch vorsichtig:

Gewiss, der Ton der sich in Gewissensqualen marternden Unschuld, den Günter Grass in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ anschlägt, der ganze, so sorgfältig inszenierte Schmerzensschrei eines geschundenen Liebhabers des Weltfriedens hat etwas Gekünsteltes.

Er ist ebenso illusorisch wie der Gedanke, man könne in Gestalt von Gedichten – mit oder ohne Mandat – über die Weltpolitik verfügen. Und allzu durchsichtig ist die Funktion, die hier der lyrischen Form übertragen wird: Sie dient dazu, den Schriftsteller der Kritik zu entziehen. Indem er sich – scheinbar – nach innen wendet und sein Innerstes nach außen kehrt, in dem er, vor und anstatt einer politischen Auseinandersetzung, als lyrische Empfindsamkeit auftritt, will er einen Standpunkt über allen anderen einnehmen und sich unangreifbar machen. An der Empfindsamkeit sollen alle Einwände zugrunde gehen. So ist das, und so ist Günter Grass. Einen anderen gibt es nicht mehr.

Frank Schirrmacher im Feuilleton der FAZ (exzellente sprachliche Analyse):

Nein, das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. Wie könnte es das sein, wo es den iranischen Holocaust-Leugner als „Maulhelden“ in einer Zeile abtut und gleichzeitig doch ausdrücklich nur geschrieben ist, um Israel zur Bedrohung des Weltfriedens zu erklären?

Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

Tobias Kaufmann im Kölner Stadtanzeiger:

 Günter Grass spricht nicht, was zutreffend wäre, von einem – möglicherweise – bevorstehenden israelischen „Angriff“ auf begrenzte Ziele, also das Atomprogramm. Er spricht auch nicht von Krieg. Er verwendet das Wort Erstschlag, das seit dem Kalten Krieg von dem Attribut „atomar“ begleitet wird, auch unausgesprochen. Grass unterstellt Israel also, den Iran atomar angreifen und dessen Bevölkerung auslöschen zu wollen. Zugleich tut er so, als basiere das Unterjochen des iranischen Volkes nur auf dummen Sprüchen des Präsidenten, nicht etwa auf Wahlfälschung, Folter, Mord.

In Wahrheit aber gibt es keine israelischen Vernichtungsfantasien gegen den Iran. Es hat sie nie gegeben. Es ist das Regime von Teheran, das Israel von der Landkarte tilgen will, das seine pure Existenz im Nahen Osten mit einem Krebsgeschwür gleichsetzt und seine Missachtung so weit treibt, dass nicht einmal der Olympische Geist es dazu bringen kann, iranische Sportler gegen Israelis antreten zu lassen. Nichts davon gilt auch nur ansatzweise umgekehrt. Grass behauptet es trotzdem, und deshalb ist sein Text schon nach diesen beiden Versen eine schauerliche investigative Leistung. Er enthüllt seinen Verfasser als politisch ahnungslos und moralisch bankrott.

….

Noch mal ohne Verslametta: Grass trägt eine Verschwörungstheorie vor. Ihr zufolge wird jeder, der den Tatbestand, dass Israel über Atomwaffen verfügt, nicht verschweigt, mit dem Verdikt bestraft, ein Antisemit zu sein. Damit ihn auch alle richtig verstehen, legt Grass noch einen drauf. „Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.“

Mit Herkunft meint Grass allem Anschein nach nicht die Waffen-SS, sondern Deutschland. Mit Makel meint er den Holocaust. Der deutsche Dichter vermutet in einem Anflug von Größenwahn, die Israelis wüssten ohne ihn gar nicht, dass sie über Atomwaffen verfügen – und es sei geschichtliche Sensibilität, die Grass bisher hinderte, den Israelis diese Wahrheit zu sagen.

Spätestens an dieser Stelle wird der Zynismus in der Argumentation offenbar. Ist es nicht ein Kreuz mit diesem vermaledeiten Holocaust? Erst werden in ihm Millionen Juden vernichtet und dann beraubt er die Nachkommen der Überlebenden auch noch der Chance, ausgesprochene Wahrheiten von Günter Grass zu hören!

Uwe Vorkötter in der Frankfurter Rundschau:
Die Atommacht Israel, schreibt Grass, gefährdet den brüchigen Weltfrieden. Diese These kann man vertreten, die Politik des Benjamin Netanjahu ist nicht auf Ausgleich ausgerichtet, nicht mit den Palästinensern, nicht mit dem Iran. Auf der anderen Seite sieht der Autor nur einen Maulhelden, der womöglich nicht einmal über die Atombombe verfügt. Der Maulheld heißt Mahmud Ahmadinedschad; er bezeichnet Israel als Schandfleck, der von der Landkarte getilgt werden müsse, verbreitet abenteuerliche zionistische Verschwörungstheorien, leugnet den Holocaust, strebt offenkundig nach der Bombe.

All das ist Grass keine Erwähnung wert. Ist das der dichterischen Freiheit geschuldet? Grass selbst hat einmal festgestellt, Lyrik sei die Form des Schreibens, die am deutlichsten und klarsten sei. Klar und deutlich ist: Der Mann ist auf einem Auge blind.

Sein Gedicht enthält, auf einer zweiten Ebene, andere Schlüsselbegriffe: Schweigen. Verschweigen. Lüge. Verdikt. Antisemitismus. Herkunft. Heuchelei. Die Überschrift lautet: Was gesagt werden muss. Bisher hat unser Großdichter seine Meinung über Israel offenbar für sich behalten, weil er sich nicht traute – wegen seiner Herkunft (Als Deutscher? Als Mitglied der Waffen-SS?), weil er sich nicht dem Vorwurf des Antisemitismus aussetzen wollte.

Wenn Grass gegen die Lieferung deutscher U-Boote nach Israel ist, warum verschweigt er das so lange? Andere sagen es doch auch. Westliche Regierungschefs, von Merkel über Sarkozy bis Obama, wirken auf Netanjahu ein, auch mit dem wüsten Iraner eine friedliche Lösung zu suchen. Hat Günter Grass das alles nicht mitbekommen?

Was da angeblich gesagt werden musste, wäre besser ungesagt geblieben. Politisch ist es Unfug. Das Urteil über die literarische Qualität überlassen wir der Literaturkritik. Aber erklären kann wohl nur die Psychologie, warum ein alter Mann glaubt, „mit letzter Tinte“ ein angebliches Tabu brechen zu müssen, das er sich und seiner Generation selbst auferlegt hat.

Und das ist noch längst nicht alles.

Ich muß ehrlich sagen, es beruhigt mich doch, daß so ein infames Stückchen Bombast, das wieder mal alle Schuld vor Israels Tür ablädt, nicht unwidersprochen durch die Medien geht. In den Kommentaren drückt sich deutlich mehr Zustimmung zu Grass aus – aber vergessen wir nicht, daß jeder fünfte Deutsche…. und so.

Alle Klarheiten erfolgreich beseitigt April 4, 2012, 12:36

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Rafi B. bringt diesen schönen Clip, der ein paar Fragen zur Geschichte des Nahen Ostens und zu Pessach beantwortet.

Ein Professor aus Nablus erklärt, wie das zusammenhängt mit Moses und den Moslems, nämlich so:

The Muslims of the Children of Israel went out of Egypt under the leadership of Moses, and unfortunately, many researchers deny the Exodus of those oppressed people who were liberated by a great leader, like Moses the Muslim, the believing leader, the great Muslim, who was succeeded by Saul, the leader of these Muslims in liberating Palestine. This was the first Palestinian liberation through armed struggle to liberate Palestine from the nation of giants led by Goliath. This is our logic and this is our culture.

Kapiert? Moses hat die Palästinenser aus Ägypten geführt und Palästina zum ersten Mal befreit. Der palästinensische König Saul hat die Palästinenser von Goliaths Armee der Riesen befreit. (Den letzten dieser Riesen hat das bekannte palästinensische Schneiderlein dann erlegt).

Aber wie paßt das denn nun zusammen mit dem Clip, den ich bei Aussie Dave gefunden habe?

Die eine Hälfte der Palästinenser sind Ägypter, die andere Saudis? Wie, hat Moses die Palästinenser von sich selbst befreit? Und sollte etwa stimmen, was Zuhair Mohsen schon in den 70er Jahren in der niederländischen Zeitung Trouw zu Protokoll gab, nämlich, daß die Palästinenser ein erfundenes Volk sind, erfunden zu dem Zwecke, Israel zu vernichten? So viele Fragen.

Also bitte, ich möchte ja gern alles glauben, was mir palästinensische Professoren und Politiker erzählen, aber wie wäre es, wenn sie sich vorher auf eine Version ihrer Wahrheit einigen? Alles so verwirrend…

Deutsche Lyrik April 4, 2012, 11:34

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Was gesagt werden muss

(Hab das Gedicht selbst rausgenommen – ist zu lang und am Ende krieg ich noch ne Klage wegen Textklau🙂 )

Da sind sie reinlich beieinander, in bemüht „gedankenvoller“ Form – auch mein Literaturstudium erklärt mir nicht, warum er das nicht einfach in Prosa niederschreiben konnte. Sollte wohl dichter, anspielungsreicher, raunender und apodiktischer daherkommen in dieser Form. Irgendeinen Rhythmus erkenne ich nicht. Na gut. So konnte er´s im Feuilleton unterbringen.

Fas alle Topoi des linken Israelhassers  Israelkritikers sind versammelt. Der ehrliche Freund, der nicht mehr still bleiben kann, und schweren Herzens das Schweigen bricht. Die reinste Katharsis. Nur Sennestee wirkt noch erleichternder.

Dazu gehört natürlich auch die Klage, daß „wiederum und rein geschäftsmäßig“ die Israelis den Deutschen den Holocaust unter die Nase halten, um daraus finanzielle Vorteile zu schlagen.

Israel, nicht Iran, gefährdet den Weltfrieden. Dieser Wahn wird ja von einer erstaunlich großen Zahl Deutscher geteilt. Israel ist gewissermaßen der Herr Tur-Tur der Weltpolitik – je weiter man weg ist, desto größer und bedrohlicher sieht Israel aus. Huh, die Faszination des Grusels.

Israelische Atomanlagen müssen kontrolliert werden. Mit dieser Forderung schwimmt Grass natürlich im deutschen Mainstream. Ach, muß es da schön warm und angenehm sein!

Noch einmal für alle, die es nie kapiert haben, obwohl es sonnenklar ist: einer der Gründe, weshalb Israel sich nie zu seinem atomaren Potential bekannt hat, ist die fragile Lage im Nahen Osten. Nur aufgrund dieser Unklarheit war es Ägypten und Jordanien überhaupt möglich, einen brüchtigen kühlen Frieden mit Israel zu schließen. Unter anderem, weil Israel darauf verzichtet hat, unverschleiert als Atommacht aufzutreten und andere konkret zu bedrohen, ist es nicht zu einem atomaren Wettrüsten im Nahen Osten gekommen. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?

Israel übt sich die ganzen Jahrzehnte über in einem Eiertanz, den kein anderes Land leisten mußte: einerseits die Hand zum Frieden ausstrecken (wie es schon in der Unabhängigkeitserklärung steht), denn ohne Frieden kann das kleine, von Feinden umgebene, rohstoffarme und vom Wesen her zivile Land nicht überleben – und andererseits den Feinden ringsherum genügend Respekt einflößen, um den einen Schlag, der Israel vernichten würde, zu verhindern.

Ich kann nicht glauben, daß niemand das versteht. Ist Grass wirklich so dumm? Fällt es nur mir auf, wie Rabin gesagt hat: „wir arbeiten am Frieden, als gäbe es keinen Terror, und bekämpfen den Terror, als gäbe es keinen Friedensprozeß“? Daß Netanyahu droht und Peres für Frieden wirbt, unisono?   Daß Israel gleichzeitig gezielte Schläge gegen Terroristen im Gazastreifen führt UND den Gazastreifen mit Waren versorgt?

Die doppelte Aufgabe Israels, gleichzeitig abzuschrecken und Vertrauen aufzubauen, ist ungeheuer diffizil, und sie gelingt nur selten. Allzuoft werden entweder so große Zugeständnisse gemacht, daß die andere Seite vor Triumph überschnappt (Terrorwellen erfolgten immer schon gern nach weitreichenden Zugeständnissen Israels, check the timeline), oder es wird auf Seiten der Abschreckung zu einer Rhetorik oder Taten gegriffen, die jede Annäherung fast unmöglich machen. Es ist eben wirklich und tatsächlich verdammt schwierig auf diesem Hochseil. Homöostasis gibt es nicht.

Ein bißchen dramatisieren muß Grass natürlich auch. Es ist nicht Israel, das den Iranern die Auslöschung androht – Israel überlegt nur laut, ob es nicht die Atomanlagen zerstören soll. Von einer Vernichtung des iranischen Volks ist keine Rede und war nie die Rede, das ist Grass´sches Drama. Die iranische Regierung dagegen behauptet zwar, gegen das jüdische Volk nichts zu haben, jedoch den Staat Israel würde es gern vernichten. Und das hat sie oft genug in wechselnden Formulierungen deutlich ausgesprochen. Hingegen hat auch Netanyahu nie gedroht, das iranische Volk auszulöschen. Israel hat überhaupt nichts gegen den Iran und das iranische Volk. Eine Vernichtung des gesamten Iran ginge auch nur per Abwurf mehrer Atombomben, denn Iran ist groß. Im Gegensatz zu Israel. Bei uns würde eine Bombe reichen, und wir wären weg. Was die iranische Regierung genau weiß. Grass anscheinend nicht.

Grass wird natürlich viel Applaus einheimsen. Ach, endlich mal einer, der offen sagt, was Martin Walser, Hecht-Galinski, Felicia Langer, all die anderen nie, nie, nie sagen würden! Endlich mal einer, der dem dröhnenden Chor der Netanyahu-und-Liebermann-Fanmeile ein Kontra entgegensetzt! Es hat ja nie eine einstimmige Verdammung Israel im Bundestag gegeben, Norbert Blüm und Ströbele haben nie ein Wörtchen gegen Israel verlauten lassen, es gibt ja nur eine Einheitsmeinung zu Israel, und Grass, in Heldenpose, ist der erste, der heldenhaft den Konsens bricht.

Auch er kennt Antisemitismus selbstverständlich nur als Keule. Daß es eine starke antijüdische, gemeinhin „antisemitisch“ genannte Unterfütterung der westlichen, auch der deutschen Kultur gibt, die naturgemäß den Betroffenen wesentlich deutlicher ins Auge springt als den Nichtjuden, das glaubt er nicht. Antijüdische Motive aufzudecken – das kann nur Ablenkungsmanöver, Manipulation und Maulkorb sein, es kann nicht berechtigt sein. Als hätten die Juden den Judenhaß erfunden, um den Judenhassern den Mund zu verbieten.

Ach Gott, der alte Mann. Er hat den Nobelpreis gekriegt und Amos Oz nicht, ja Wahnsinn. Und dann noch diese Gedichtform. Wieso hat er die Zeilen nicht wie bei Hölderlin angeordnet? So wäre seine Ode NOCH bedeutungsvoller erschienen.

 

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

     mehr noch, allen Menschen, die in dieser

          vom Wahn okkupierten Region

               dicht bei dicht verfeindet leben

                    und letztlich auch uns zu helfen.

NUR so und nicht anders. Grass weiß, was am besten für uns ist. NUR so.

Immerhin. In Zukunft können Israelkritiker einfach aus diesem Gedicht zitieren. So wird Grass doch noch Volksgut.

In der Morgenfrühe April 2, 2012, 20:32

Posted by Lila in Persönliches.
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Mein armer Y. muß jeden Morgen furchtbar früh aufstehen. Er fährt kurz nach sechs von zuhause weg, also steht er kurz nach fünf auf. Dann ist es noch dunkel. Bis er aus der Dusche kommt und wir unseren ersten Kaffee zusammen trinken (je nach Jahreszeit auf der Bettkante, auf dem Balkon oder der Terrasse), ist es meistens schon hell. Die Morgendämmerung ist so kurz, daß man sie kaum erwischen kann – ein Wimpernschlag, und aus der Nacht ist Tag geworden. Was ich ja bekanntlich sehr bedaure.

Seit der Umstellung auf die Sommerzeit vor ein paar Tagen trinken wir diesen ersten Kaffee nun in diesen kurzen magischen Minuten. Unser Schlafzimmer geht nach Osten, und wir sehen die Morgendämmerung über die Berge kriechen. Das ist wunderschön. Und heute hatten wir ein besonderes Geschenk: Pelikane. Ein riesiger Schwarm kreiselte bewegungslos am dämmernden Himmel. Das machen Pelikane und Störche ja so – sie nutzen die Luftströmungen, um sich von ihnen stundenlang tragen zu lassen, und der ganze Schwarm zeichnet mit vielen Körpern diese Strömungen nach. Ich kann mich daran nicht sattsehen.

Es ist selten, daß man das in der Morgendämmerung sieht. Außerdem sind Pelikane viel seltener so zu sehen als Störche. Sie sehen ein bißchen plumper aus als Störche und halten die Beine anders beim Schweben, daran erkennt man sie.

Wir saßen auf dem Bett, guckten aus dem Fenster und genossen den Anblick. Y. hat sogar versucht, ein Bild zu machen – dafür war es aber noch ein bißchen zu dunkel. Bis ich ihn zum Auto brachte, war der Tag schon hell, und die Pelikane waren weitergezogen.

Aber so ein wunderschöner Anblick am frühen Morgen, der vergoldet den ganzen Tag. Immer wieder muß ich daran denken, wie schön das war, und freue mich.

Ich finde, ich hab´s ganz gut.

 

(Die verrückten Vögel übrigens, die morgens immer an unser Fenster picken, die kommen immer noch. Ich hab einen Smiley von innen ans Fenster geklebt, damit sie davon ablassen, aber besonders der Specht kommt immer wieder. Primus hat über meinen Smiley laut gelacht und gemeint, wenn ich so ein freundliches Gesicht ans Fenster klebe, ist es ja wohl kein Wunder, daß die Vögel immer wieder kommen. Sie sind aber zu schön zu beobachten, besonders die Grasmücke. )

(Herrliche Vogelbilder in der Gegend vom Emeq, also Afula und Umgebung, habe ich hier gefunden, darunter auch ein Pelikanschwarm. An Quartas alter Grundschule war Ornithologie Schulfach, als AG, und am Rande des Schulhofs war eine Beobachtungsstation. Das hat mir sehr gut gefallen.)

Mehr Gewalt April 2, 2012, 9:17

Posted by Lila in Presseschau.
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Ein arabischer Jugendlicher greift einen Haredi (frommen Juden) mit einer Axt an. Ist sowas nun normaler Irrsinn des menschlichen Zusammenlebens, oder paßt es in den Zusammenhang, der mir Sorgen macht? Muß weg – keine Ahnung.

 

Primus meint: Mama, April 1, 2012, 16:48

Posted by Lila in Muzika israelit.
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das ist was für deinen Blog.

Tomer Yosef und die Band Balkan Beat Box, die vermutlich einigen Lesern bekannt ist, haben für ihren neusten Clip in Neve Shaanan gedreht – einem Viertel in Tel Aviv, in dem viele sudanesische Flüchtlinge leben. Das ist die Gegend um den Busbahnhof herum. Man sieht sogar die Busse fahren.

Bitte auf der nächsten Demo gegen Apartheidsstaat Israel laufen lassen. Mal gucken, ob die Boykott-Prediger mittanzen oder sich empören über die brutale Ausbeutung hilfloser Flüchtlinge durch die israelische Musikindustrie.

Und wieder in der Straßenbahn April 1, 2012, 11:12

Posted by Lila in Presseschau.
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Zwei junge Männer verprügeln einen dritten mit hölzernen Brettern. Die Angreifer sind Juden, der Angegriffene Araber. (Ynet)

Absolut unerträglich, jede Art von ethnisch motivierter Gewalt.

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