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Sechs hungrige Kinder März 31, 2007, 21:24

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und Jugendliche habe ich dieses Wochenende bekocht. Im Moment sind nämlich Schüler der jüdischen Oberschule Berlin hier zu Gast, sie arbeiten mit meinen Jungens auf der Farm (so nennen sie das, und der Name ist gut), und dieses Wochenende hatte ich zwei von ihnen hier. Im Alter zwischen Primus und Secundus, richtig nette Jungens, die genau wie meine Kinder permanent hungrig waren. Ich bin ja nie glücklicher, als wenn riesige Schüsseln ratzeputz leergekratzt werden, und so hatte ich ein wunderbares Wochenende! Außerdem haben wir mit einem Kuchen nach dem anderen Y.s Geburtstag begangen – wobei der gestrige Kuchen der leckerste war, wie wohl auch Kater Lutz fand, der sich in der Nacht über die Reste hermachte….

Morgen noch mal Arbeit, an den Berg auf meinem Schreibtisch darf ich gar nicht denken, sonst schlafe ich nicht! Aber danach ist Pessach, eine Woche Pause. Na gut, Y. muß die Tontechnik für die große Feier im Dining Room machen, die Jungens helfen ihm, Quarta singt wieder Ma Nishtana und spielt in Chad Gadja die Katze – eine schwarze Katze! Ich bin wieder zum Vorlesen eingeladen worden, auch das ist schon Tradition.

Ich habe einer Freundin, die nur Familien-Seder kennt, erklärt, warum ich es im Dining room so gern feiere (abgesehen von der unendlichen Arbeitserleichterung…. die ich nicht leugnen mag……) – ich habe das Gefühl, mit dem VOLK zu feiern, nicht nur mit der Familie. Es ist schön, wenn aus Hunderten von Kehlen gesungen wird, „avadim hainu, hainu- ata bnei chorin, bnei chorin“ – wir waren Sklaven, heute sind wir frei“. Ich habe in diesem Moment immer das starke Gefühl, wie wichtig für die jüdische Religion diese Vergewisserung ist: jeder Jude war in Ägypten, und jeder Jude ist frei. (Auf Youtube gibt es ein paar Videos von jüdischen Kindern aus der Galut, die Pessach-Lieder wie Ma Nishtana und Avadim Hainu singen – Juden in aller Welt bereiten sich auf den Seder-Abend vor….)

Als die Kinder klein waren, waren wir öfter bei Verwandten „in der Stadt“ zum Seder eingeladen, was auch immer sehr schön war – aber für uns ist wegen unserer Beteiligung der Kibbuz-Seder in den letzten Jahren zur lieben Gewohnheit geworden, und ich freue mich drauf. Wir werden übrigens eine ganze Gruppe junger Deutscher am Tisch haben, jüdisch und nichtjüdisch. Da wird kein Tröpfchen Knaidlach-Suppe übrigbleiben!

A propos Pessach-Lieder: meine Mädchen singen pausenlos Echad mi Yodea, und ich habe im Netz sowohl den Text als auch eine Aufnahme aus einem Kindergarten gefunden, so lernen die Kinder das hier singen….  und dazu noch alle möglichen anderen Varianten.

Mal angucken, März 30, 2007, 14:16

Posted by Lila in Land und Leute.
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wer noch Illusionen über die UNO und ihre verschiedenen Organe hat.

Und dann mal nachdenken, welchen Wert die vielen Resolutionen gegen Israel eigentlich haben, wenn sie von so selektiv moralischen Menschen beschlossen werden. Es lohnt sich, das Video bis zu Ende anzuhören und sich dann ehrlich zu fragen, ob das die Institution ist, der man automatisch Kredit einräumt.

Ich habe in meinem Blog die von Palästinensern ermordeten Palästinenser, die auf dem Schulweg niedergemetzelten drei Söhne eines Fatach-Ministers und das letzte Woche erschossene Kleinkind erwähnt. Auf mich trifft also der Vorwurf Burstons, daß auch wir Israelis, wie der gesamte Westen, doppelte Maßstäbe anlegen und Gewalt von Moslems gegen Moslems hinnehmen, nicht zu. Trotzdem ist sein Artikel lesenswert.

Später:

Man beachte den Wortlaut der folgenden Erklärung der EU zur Geiselnahme der britischen Soldaten durch Iran:

„Die Europäische Union bedauert die seit 23. März andauernde Gefangennahme von 15 britischen Militärangehörigen durch Iran und unterstreicht die bedingungslose Unterstützung der Europäischen Union für die Regierung des Vereinigten Königsreichs.“

In der Tat, bedauerlich ist genau das richtige Wort! Bedauerlich – wie ein versehentlicher Fehler auf dem Kassenzettel, ein zu spät an den Tisch geliefertes Salzburger Nockerl, ein neuer Strumpf mit Laufmasche.

Und auch dies paßt ins Bild:

Der UN-Menschenrechtsrat hat sich nach tagelangen zähen Verhandlungen zu einer Resolution zur Krise in der sudanesischen Region Darfur durchgerungen, die Regierung in Khartum jedoch nicht explizit für die Vergewaltigungen und Morde verantwortlich gemacht. In der Resolution drückt das Gremium seine große Besorgnis über die „Schwere der anhaltenden Verletzung der Menschenrechte“ aus. Ein westlicher Diplomat sagte, diese Resolution sei die weit reichendste, die das Gremium aus 47 Ländern bisher zu Darfur und zu einer Situation außerhalb des Nahen Ostens verabschiedet habe.

„Außerhalb des Nahen Ostens“? Wann hätte der UN-Menschenrechtsrat jemals jemanden außer Israel scharf verurteilt?  Denn sonst verletzt ja auch niemand Menschenrechte. (Spaßeshalber mal gegoogelt: UN-Menschenrechtsrat verurteilt.) Logisch. Man muß sich ja mal angucken, wer da alles drinsitzt in diesem Rat.

Die Wahl der ersten Mitglieder erfolgte am 9. Mai 2006. Die 7 Sitze der westlichen Staaten erhielten Deutschland (154 Stimmen), Frankreich (150 Stimmen), Großbritannien (148 Stimmen), die Schweiz, die Niederlande, Finnland und Kanada. Gewählt wurden auch in die Liste der 47 Länder China, Kuba, Russland und Saudi-Arabien. Ghana erhielt mit 183 Stimmen am meisten Stimmen aller Staaten. Die USA hatten sich nicht zur Wahl für den UN-Menschenrechtsrat gestellt.

China, Kuba, Russland und Saudi-Arabien. Eifrigere Streiter für die Menschenrechte konnten wohl nicht gefunden werden. Genau die richtigen, um über uns Gericht zu sitzen.

Ratlos und verwirrt, März 28, 2007, 14:35

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so praesentiert sich heute mein Arbeitsplatz. Seit gestern abend ist der Zugang zumOutlook-Netz nicht mehr moeglich. Ich dachte erstmal, ich mache was verkehrt, als ich von zuhause nicht einloggen konnte. Doch das erste, was ich hoerte, als ich ins Buero kam, war ein allgemeines Rauschen: „eyn autluuk, eyn autluuk“ – unser Outlook funktioniert nicht! Ohne Terminkalender wissen wir nicht mehr, wann wir wen wo treffen und weshalb. Ohne Adressbuch kann ich nicht mal auf meine Gmail-Adresse umsteigen – und auch das wuerde mir nicht helfen, weil meine Kollegen die Mail ja nicht erhalten wuerden.

Es breitete sich also eine Art Hitzefrei-Stimmung aus. Die Sekretaerin raeumt die Schraenke aus, ich habe zum Glueck genug zu tun auch ohne Emails… und ein paar Sachen habe ich eben ausgedruckt und per pedes apostolorum zum Empfaenger getragen, das geht ja auch. Manche Kollegen, besonders solche im Endspurt vor einer Konferenz oder Auslandsreise oder Veroeffentlichung, rannten allerdings sorgengeplagt durch die Korridore. Wie kommt man an die kostbaren Mails mit den Anhaengen dran, in denen das Wissen der Menschheit versammelt ist?

Doch irgendwann gegen Mittag verbreitete sich das Geruecht, dass nicht einfach nur etwas beim Einloggen klemmt. Kollegen behaupten, dass es einen Brand in der elektronischen Kontrollzentrale gegeben hat, und dass ein Teil des Zentralen Nervensystems dahin ist. Das Programm, mit dem Gehaelter bezahlt werden, soll vollkommen demoliert sein, ebenso die gesamte Studentenverwaltung. Natuerlich gibt es Backups, aber es kann eine Weile dauern, alles wieder ans Laufen zu kriegen, ach wie gut, dass ich mit sowas nichts zu tun habe!

Ich weiss ja auch nicht, ob das Geruecht stimmt. Ich sehe im Geiste schon das Chaos vor mir, wenn saemtliche Noten und Pruefungen der Studenten neu eingegeben werden muessen und jeder Stein und Bein schwoert, dass er Statistik II mit Auszeichnung bestanden hat. Das kann ja nett werden. Eigentlich hat das Chaos gereicht, das wir nach dem Krieg hatten, als kriegsbedingt Fristen geaendert, Aufnahmebedingungen gelockert und Studiengebuehren gesenkt wurden, die gesamte Immatrikulation lief per Internet.

Aber wie abhaengig wir von diesem Medium sind, das ist schon lustig. Irgendwann rief die Sekretaerin einer Kollegin an, wo ich denn bliebe – sie hatte sich wohl auf einen Zettel notiert, dass ich um 10 bei ihr bin. Es war halb 12, als sie anrief – ich hatte es ohne Outlook-Pling!!! ganz vergessen. Ich raste schuldbewusst hin.

Dann sahen wir uns ein paar Schriftstuecke an. „Ich schick dir das Ding rueber“, meinte sie, aber dann fiel ihr ein, „wohin????“ Ich beruhigte sie, ich habe eine Gmail-Adresse, die ich nie benutzt habe und nun einweihe. „Ah“, meinte sie, „dann ist es ja gut“ – doch da sie selbst noch keine internetgestuetzte Adresse hat, nuetzt das auch nicht viel. Ich liess ihr einen Zettel mit der Adresse da.

Ich bin mal gespannt, ob die Geruechte stimmen und saemtliche Daten wirklich weg sind. Wenn es ein Brand war… sieht meine Phantasie sofort den Brandstifter vor mir: einen frustrierten Studenten, der seine niedrige Note in Franzoesisch nicht verwunden hat, einen gekraenkten Professor, der ein Buero auf der haesslichen Seite des Gebaeudes nicht hinnehmen wollte, einen empoerten Verwaltungsfritzen, dem die Leitung eines Ausschusses zur Ernennung eines Ausschusses genommen wurde.  Ich habe eben eine kranke Phantasie!

Na, vermutlich war es gar kein Brand, wir sind ja nicht die Bibliothek von Alexandria!, und das Ding laeuft bestimmt bald wieder. Was sich aber bis dahin alles in meiner Mailbox angesammelt hat – daran moechte ich lieber nicht denken.

Eine Sternstunde März 26, 2007, 22:38

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in meiner lehrenden Karriere habe ich gerade erlebt. Ich bin noch immer ganz gerührt.

Letztes Jahr habe ich mit meinen hochbegabten Schülern den Holocaust-Gedenktag mit einer besonderen Stunde gewürdigt (der Link klemmt ein bißchen, muß man so ein bißchen runterscrollen). Ich habe ihnen mein Material über Erziehung in NS-Deutschland, über Propaganda, Ideologie und Verbrämung mörderischer Absichten vorgestellt. Die Schüler waren beeindruckt, auch, weil ich natürlich Originalmaterialien mithatte, und weil ich ehrlich auf ihre Fragen antwortete: wie das ist, in einem Land mit einer solchen Geschichte großzuwerden, wie ehrlich sich Deutsche damit auseinandersetzen, ob ich im heutigen Deutschland noch Überreste dieser Ideologien sehe und so weiter. Es war eine der besten Stunden, die ich je gegeben habe – was nicht nur an mir lag.

Das Besondere an Hochbegabten ist nämlich nicht ihr IQ-Bingo-Meter, sondern ihre Einstellung: sie sind imstande zu begreifen, daß der Lernstoff kein Allergen ist und die Lehrperson kein geborener Feind. Sie sehen durch die altbekannte Formation – Schüler als Schildkröte oder Diamant, Lehrer auf verlorenem Posten gegenüber – hindurch und sind neugierig darauf, was man ihnen erzählen will. Und sie geben was wieder.

Als heute abend eine meiner ehemaligen Schülerinnen anrief, habe ich etwas wiederbekommen. Sie erinnert sich noch so gut an diese Stunde, und sie hat mit ihrer Lehrerin darüber gesprochen. Sie wollen mich an die Schule einladen, im Rahmen der besonderen Aktivitäten zur Vorbereitung des Yom HaShoah. Denn die Frage, wie kommen Menschen dazu, anderen Menschen brutalstes Unrecht anzutun und noch zu glauben, sie tun damit etwas Gutes, gehört ebenfalls dazu. Ich habe natürlich zugesagt, die Lehrerin wird mich anrufen. Ob vor einer großen Gruppe Schüler, von denen bestimmt viele die „oh Gott nicht schon wieder n Vortrag“-Haltung zur Schau tragen, die Stunde so gut wird wie vor einem Jahr in meiner kleinen Gruppe Hochbegabter – das kann ich natürlich nicht garantieren.

Aber ich saß nach diesem Gespräch zu Tränen beglückt auf dem Sofa. Wer unterrichtet, der sät und sät, in der Hoffnung, daß eines Tages die Saat aufgeht, auch  wenn wir es nicht mehr sehen und miterleben dürfen. Mit diesem Telefongespräch habe ich sehen können, daß etwas gekeimt ist. Das macht mich sehr, sehr glücklich und dankbar, daß ich so feine Schüler unterrichten durfte. Sie haben mich bestimmt zu einer besseren Lehrerin gemacht, als ich vorher war.

Unbeschreiblicher Frühling März 25, 2007, 14:15

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Wann fielen die Blätter von den Bäumen? Es muß im Februar gewesen sein. Und auch nicht von allen. Bevor ich es auch nur bemerken konnte, haben die Bäume schon wieder neue Blätter. Die Wildblumen-Blüte, die in Wellen jedes Jahr über uns flutet, als wäre es das erste Mal, ist schon bei der Lupinen-Welle angekommen. Veilchen, Anemonen und gelbe Blumen von mir unbekanntem Namen sind schon verblüht. Die Kirsch- und Mandelbäume blühen, fast ist die Blüte schon wieder vorbei.

Vor dem Fenster bereiten sich rote Baumblüten vor, anscheinend eine Delikatesse, die grüne Papageien anlockt (die Viecher müssen aus einem Zoo ausgebrochen sein, Papageien! die können hier nicht heimisch sein!). In kleinen Gruppen setzen sich die Papageien auf die Zweige vor unserem Schlafzimmerfenster, strecken eine ernsthafte Kralle nach einem Blütenbündel aus und zupfen sie genüßlich auseinander – so sieht meine Jüngste aus, wenn sie Artischocken futtert. Derweil hockt Kater Lutz mit bebendem Kinn vor dem Fenster und verschlingt die Papageien mit Blicken.  Wo ist der Photoapparat? Schon wieder verpaßt.

Auf der anderen Seite des Hauses sind unsere treuen Frühlingsgäste, die Rötelfalken, wieder eingetroffen. Auch sie versetzen Lutz in Ekstase, aber er hat keine Chance bei diesen Flugkünstlern. Sie basteln eifrig an ihrem Nest, und wir warten auf ihren Nachwuchs, der bald schon wieder häßlich-bräsig auf unserer Regenrinne sitzen wird.

Über dem Wadi kreisen die Störche, riesige Gruppen, ohne einen Flügelschlag lassen sie sich von warmen Luftströmen hochtragen und kreiseln. Wie in einem Trichter steigen und sinken sie. Wenn man ihnen zuguckt, verfällt man in eine Art Trance und möchte selbst Storch werden, sich einfach von der warmen Luft tragen lassen und nie mehr einen Flügel rühren. Pelikane können das auch, diese Vögel zeichnen mit ihren Körpern die Luftwirbel nach. Und nie stoßen sie zusammen. Das können wir Menschen nicht, wir ordinäres, ellbogenfuchtelndes, autohupendes Volk mit unseren ewigen Anrempelungen und Zusammenstößen.

Ich höre Vögel zwitschern, die Blätter rauschen. Im Kibbuz ist es ganz, ganz still. Würde jetzt ein Mungo unter unserem Fenster vorbeischleichen, um aus Familie Eres´Hundenapf zu klauen, würde ich vermutlich ihre weichen Pfoten tappen hören.

Die Kinder haben Pessachferien. Quarta ist im Kinderhaus, wo sie aus Lehm Öfen bauen und bald anfangen, ungesäuertes Brot auf ihnen zu backen. Sie wird auch dieses Jahr wieder Ma Nishtana auf der Bühne im Dining room singen, jeden Tag hat sie Probe. Secundus arbeitet im Zoo, da ist gerade eine deutsche Gruppe zu Besuch. Tertia ist zur Klavierstunde gegangen, Primus liest David Grossman (hat er sich selbst gekauft).

Ich arbeite zuhause und genieße diesen wunderschönen Tag. Bald haben wir alle ein paar Tage Ferien – Pessach. Ich wünschte, ich könnte so eine Prise Frühling einpacken und für den Sommer aufbewahren – bald schon wird es wieder grell, heiß und trocken sein, aus dem frischen Grün wird ein müdes Braungelb und ich warte ungeduldig auf die ersten dicken Regentropfen irgendwann im Dezember. Oh nein, da denken wir nicht dran, nicht heute!

Schreibscheu März 24, 2007, 13:35

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Bei uns ist alles in Ordnung, keine Sorge. Ich war krank, aber nicht deswegen habe ich weniger geschrieben – normalerweise hält mich Schreiben bei Laune, wenn ich krank bin. Aber es war eine hektische Zeit, und kein Ende ist abzusehen. Da spare ich Energien ein.

Y. hat einen ziemlichen Karrieresprung gemacht, völlig überraschend – und nun muß er sich einarbeiten und hat viel weniger Zeit für daheim als vorher. Ich freue mich für ihn, obwohl er auch seinen früheren Posten sehr gern hatte, hat er jetzt mehr Entfaltungsmöglichkeiten (von dem besseren Einkommen merken wir ja kaum was, das geht an den Kibbuz und wir kriegen nur ein paar Prozente, ist aber okay so). Außerdem bedeutet es eine Anerkennung, und das sieht man immer gern.

Primus war fast die ganze Woche nicht zuhause: Gadna, Vorbereitung auf die Armee. Er war ja schon zweimal zu Gadna-Treffen für Arabisch-Leistungskurs-Schüler eingeladen, diesmal also reguläre Gadna. Während sich die Gadna-Tage für Arabisch-Schüler mehr um Ausbildung drehten, hat er nun eine richtige Armee-Vorbereitungswoche hinter sich. Mädchen und Jungen zusammen, im Süden des Lands, in einer Basis für Artilleristen. Er meinte, die junge Offizierin, die seine Gruppe leitete, war sehr nett, und es war für ihn wie eine normale Klassenfahrt. Für uns natürlich weniger…

Er muß nun auch Formulare von der Armee ausfüllen, der von uns gefürchtete Tag X rückt näher. Noch anderthalb Jahre, dann ist er dran. Er ist natürlich, wie seine Freunde, begeistert von dem Gedanken, ihm kommt die Armee vor wie ein Zwischending aus Sportlager, Jugendgruppe und Abenteuerurlaub. Y. und ich hegen andere Gefühle, aber wir wollen ihm nicht den Wind aus den Segeln nehmen, da der Armeedienst unvermeidlich ist und wir ihn so gut wie möglich hinter uns bringen müssen… wir sind da mitten in einem schwierigen Prozeß. Ich kann es Deutschen sowieso nicht erklären, also lasse ich es lieber.

Die fünf Tage ohne ihn waren für mich gar nicht schön, noch dazu wo Secundus ebenfalls viel aus dem Haus verschwindet. Wobei er sich nicht nur seinem geliebten Zoo mit Landwirtschaft widmet (ist es nicht lustig, daß ein Junge, der gar kein Gemüse ißt, mir immer selbst gezogenen organischen Kopfsalat mitbringt?), sondern mehr und mehr in die ökologisch bewegten Gruppen der Gegend rutscht. Hier soll ein Biosphären-Park eingerichtet werden, und Secundus und seine Freunde engagieren sich dafür. Secundus nimmt an Treffen mit Lokalpolitikern teil, die dieses Projekt vorantreiben, und kommt stets stolz zurück – er war wieder mal der Jüngste bei so einem Treffen.

Die Mädchen hatten beide einen kurzen Schulausflug – Tertias Ausflug mit der Eisenbahn fiel auf den Tag des Generalstreiks, mußte also umgeplant werden, und Quartas Ausflug in die Gegend des Sharon war natürlich genau an dem Tag, als dort ein Terrorist gesucht und auch gestellt wurde. Also jedesmal eine Gelegenheit für die Glucke, sich Sorgen zu machen. Das kommt hier so oft vor, daß das ganze Land den Atem anhält, bis die Terroristen gefaßt sind. Natürlich bedeutet allein schon die Tatsache, daß die Armee sie sucht, daß bei den Palästinensern Informanten tätig sind oder unsere Aufklärung funktioniert. Was wir alles nicht wissen, denke ich mir lieber nicht zu Ende….

Ich selbst bin wie jedes Jahr um diese Zeit dabei, mir Arbeit an Land zu ziehen. Komisch, einerseits bin ich so überlastet, andererseits suche ich immer den idealen Arbeitsplatz, und der bedeutet natürlich wiederum sehr viel Arbeit. Die einfachen Sachen fallen mir schwer, die komplizierten gehen mir leicht von der Hand. Mal sehen, was nächstes Jahr wird. Ich stöhne wie jedes Jahr, daß ich zum akademischen Lumpenproletariat gehöre, und wieso kann ich nicht einfach einen stabilen, sicheren Job haben? Aber wenn ich einen solchen in Reichweite habe, zweifle ich. Mal sehen.

Wir spüren außerdem die energischen Eingriffe unseres neuen Ramatkal, Gabi Ashkenasi. Er macht die Einsparungen seiner Vorgänger rückgängig, läßt sämtliche Einsatzpläne überarbeiten, setzt gestrichene Einheiten wieder zusammen und läßt auch Übungen wieder machen, die vorher für überflüssig angesehen wurden. So zieht er die Konsequenzen aus den vielen Pannen des Kriegs, und so ungern wir es sehen – es war ja viel angenehmer, als im Vorgefühl einer friedlichen Regelung das Militärbudget zusammengestrichen wurde und wir uns in der Illusion normalen Lebens wiegen konnten – , so nötig ist es wohl.

Für meinen Mann bedeutet das: seine alte Einheit, die vor ein paar Jahren feierlich aufgelöst wurde, wird nun wieder aufgebaut, und die Briefe mit dem dreieckigen Stempel, die schon sehr selten wurden, kommen wieder regelmäßig. Das paßt natürlich zeitlich nicht, andererseits: wenn wir Gabi Ashkenasi und sein Credo wollten, dann dürfen wir nicht meckern, wenn es uns persönlich trifft und wir wieder im müden Alter von Mitte 40 Uniformen bügeln oder tragen müssen. So wird auch in dieser Generation wieder wahr, was mir Y.s Vater prophezeit hat: er war mit Y. im Krieg (sie waren in verschiedenen Einheiten, aber mit ähnlichen Posten), und Y. wird mit seinem Sohn zusammen Uniform tragen. Äh, hoffentlich ohne Krieg.

All dies sind Auswirkungen unserer ausweglosen politischen Lage, auch wenn ich neulich in Haaretz eine schöne Vision gelesen habe, wie man zu einer rationalen Lösung kommt – doch mein Vertrauen in die Palästinenser, eine solche rationale Kompromißlösung ehrlichen Herzens anzustreben, ist ebenso nachhaltig zerstört wie mein Vertrauen in die Außenwelt, insbesondere Europa. Ich weiß spätestens seit letztem August, wie die UN und die EU sich verhalten werden, egal wie bedroht wir sind. (Und ich füge hinzu: auch auf Olmerten würde ich keine müde PikSieben setzen. Der kann nichts außer dahinreden und taktieren.)

Und daß die europäischen Politiker uns nun drängen, die neue Regierung der Palästinenser anzuerkennen, als wäre aus der Hamas Fatach geworden statt umgekehrt (und auch Fatach waren ja keineswegs Pazifisten…) – das ist deprimierend. „Die Front gegen Hamas bröckelt“ – in der Tat keine Überraschung. Noch letzte Woche war wieder ein Anschlag in Karni, natürlich in der deutschen Presse keine Zeile wert, durchgeführt von der Hamas – doch der norwegische Außenminister würde uns vermutlich mahnen, doch nicht immer die politische Hamas und die Terrorganisation Hamas zu verwechseln! Wie kann man nur so töricht sein! Selbst wenn die politische Hamas sich ausdrücklich mit diesen Anschlägen identifiziert – wer mag schon so kleinlich sein!

Und der vierjährige Junge, der bei den anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Fatach und Hamas ums Leben gekommen ist – er hatte das Pech, nicht von einer israelischen Kugel getroffen worden zu sein, sonst hätte man im Ausland schon Notiz von ihm genommen.

Europa akzeptiert das palästinensische Narrativ, das Juden als Eindringlinge und Kolonialisten im alten Land Juda diffamiert – da wird uns nicht helfen, daß die historischen Tatsachen anders aussehen. Die anderen Völker haben nun mal nicht so ein langes Gedächtnis wie die Juden – die meisten Deutschen haben ja schon mit dem Holocaust abgeschlossen, wie sollen sie dann verstehen, daß die Vertreibung durch Titus noch gar nicht so lange zurückliegt? Israel ist in den Augen der meisten Europäer und auch Deutschen, aus unerfindlichen Gründen, kein legitimer Staat – eine Sonderrolle für Israel, wieder einmal. Wieso man alle anderen Staaten fraglos anerkennt, aber bei Israel immer das Fragezeichen dahintersetzt – beantwortet es selbst. Leider hat dieses Fragezeichen für uns konkrete Konsequenzen… die sich auf meine Gemütslage niederschlagen.

Kurz, die Weltlage sieht miserabel aus und für uns hoffnungslos, für unser persönliches Leben hat das einschneidende Folgen, die ich mit bangendem, sinkenden Herzen sehe und erlebe. Erklären kann ich es denen nicht, die sowieso meinen, wir sind aus reiner Mordlust aufs Äußerste gefaßt – als würden wir nicht unsere Jugend lieber an der Uni oder mit einem Rucksack unterwegs sehen, als in Uniform. Da fällt das Bloggen schwer, wer mag schon immer dasselbe lesen? Und meine schwarze Stimmung hat sich seit dem Krieg nicht gehoben, sie wird nur immer schwärzer. Das liest sich bestimmt nicht gut.

Vorgestern hörte ich einen Nachbarn erzählen, daß er und seine Familie nächsten Monat nach Neuseeland auswandern. Er hat es satt, er will seine Kinder nicht dem Moloch Armee opfern, sie brechen ihre Zelte ab, er und seine Frau haben schon Arbeit gefunden, in Auckland. Er schwärmte davon, wie billig man dort leben kann, wie ruhig und friedlich das Leben ist – und ich sah es für einen Moment mit schmerzlicher Intensität vor mir. Nur weg von dem Konflikt, von den ewigen Diskussionen, Neuseeland als ganz andere Welt, in der der Nahostkonflikt keine Rolle spielt – wie verführerisch. Ich hörte die Begeisterung in seiner Stimme, eine Begeisterung, die sich natürlich am Alltag eines Tages wird beweisen müssen – auch in Neuseeland wartet ja Alltag – aber ich beneidete ihn fast.

Trotzdem werden wir hierbleiben, nicht nur wegen der Familie, die wir nicht zurücklassen wollen. Ich habe das starke Gefühl, daß man seinem Schicksal nicht entfliehen soll, und ich habe den Nahostkonflikt geheiratet – bis er nicht gelöst ist, gehört er zu meinem Leben dazu. Aber je aussichtsloser und verzwickter er wird – je mehr Zeit vergeht und je mehr Lösungen probiert werden, die dann schiefgehen – desto deprimierter werde ich. In mir sprechen Optimist und Pessimist miteinander, wie bei Aluf Benn – aber der Pessimist hat das letzte Wort. So wollte ich nie sein, vielleicht, hoffentlich!, hat irgendwann der Optimist die besseren Karten – aber bis dahin habe ich das Gefühl, ich sage immer dasselbe. Und wer will das schon lesen? Ich will es ja auch nicht schreiben. Für diesen jämmerlichen Eintrag habe ich drei Tage gebraucht.

Fleißige Waschfrau März 15, 2007, 22:04

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So, wir haben eine neue Waschmaschine. Y. hat online eine 10-Kilo-Maschine aufgetrieben, noch dazu wesentlich billiger als in normalen Läden – er ist passionierter Schnäppchenjäger. Der Laden ist aber reputierlich, Garantie und Kundendienst und so, und es war auch schon der Mann im Overall da und hat sie angeschlossen. Bei uns hatten sich inzwischen solche Wäschegebirge angesammelt, daß mein mentales Wohlbefinden ernstlich beeinträchtigt war. Wenn man es gewöhnt ist, jeden Tag Unmengen von Wäsche durch Trommel, Trockner, Falten und zurück in die Schränke zu jagen, dann ist der Anblick eines vor Wäsche unbetretbaren Raums fast unerträglich. Die Katzen schlichen durch diese Berge wie die Hobbits durch Mordor, immer in Furcht, aus den Fußballhosen oder Schulhemden oder Mamas Bluse käme ein böser Ork geschossen.

Ich habe den heutigen Tag damit verbracht, die Erosion dieser Berge voranzutreiben. Bis auf einen Haufen Geschirrtücher ist alles, alles sauber und ordentlich zurück an seinem Platz. Die neue Maschine arbeitet prima und mit einer Kombination aus Trockner- und Gestellnutzung optimiere ich die Durchlaufzeit.
Ich weiß nicht warum, aber ich mache gern Wäsche, inklusive Bügeln. Seit Jahren will ich schon einen Eintrag über Wäscherinnen machen, mit koketten kleinen Waschfrauen im 18. Jahrhundert, Daumiers monumentaler gebeugter Wäscherin, Degas´ müder Büglerin, den zum Bleichen ausgebreiteten Leintüchern holländischer Golden-Age-Maler, ja, ich würde auch Kinderbuchillustrationen dazunehmen (Linus-Ida!) und meine Sammlung von Haushalts-Ratschlagsbüchern enthält wunderbare Bilder von Bottichen, Kesseln und Waschbrettern. Meine Hochachtung vor den Waschfrauen der Vergangenheit – ebenso wie den fleißigen Händen, die die endlosen Nähte der glänzenden Kleider von Hand nähten, und die beim Bewundern von Ingres´ feinen Damen so leicht vergessen werden.

Aber heute wird da nichts mehr draus. Danke den Lesern, die durch ihre Tips unsere Kaufentscheidung erleichtert haben. Keine alte Maschine, keine allzuteure Maschine, sondern eine gute und solide zum Schnäppchenpreis, mit guten Energie- und Wasserwerten.  Na, mal gucken, wie lange die hält.

Einknicken, abwinken März 14, 2007, 19:51

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Ja ja, der Tempelberg. Laut UNESCO besteht keine Gefahr für den Tempelberg, das mußten sie noch mal extra nachprüfen, denn schließlich hätte es ja sein können, daß Israel lügt und eigentlich eine schleichende Zerstörung des jüdischen Heiligtums plant. Alles nur, um den Moslems eins auszuwischen. Also nein, da kann die UNESCO Entwarnung geben.

Reports concerning the findings suggest the experts have come to agree with the Israeli stand, maintaining that no damage had been caused to the Temple Mount parameter and that the excavations pose no threat to the stability of the holy compound.

The special UN team determined that the works carried out by Israel comply with international standards for culturally significant sites. However, the report includes a call on Israel to halt excavation, which caused disappointment in the Foreign Ministry.

Aber weswegen fordert die UNESCO, daß Israel die Arbeiten trotzdem einstellt?

Israel should have included international organizations in the renovation project near the Mugrabi Bridge. The panel goes on to call on Israel to halt excavations in the compound so as to allow international parties to become involved in the project and observe the situation more closely.

In addition, the panel recommends that Israel from now on consult the Islamic Waqf authorities in Jerusalem as well as the Jordanian Authorities in decisions regarding building projects near the Mugrabi ramp.

So viel zum Thema staatliche Souveränität. Egal wie irrational, ja erlogen die Vorwürfe der anderen Seite sind – sie müssen in jede Planung mit einbezogen werden. Nur keine Araber verärgern!

Ja ja, die Syrer. Javier Solana tut nicht einmal so, als wäre seine Position ausgewogen. Er findet, Israel muß „die Golanhöhen“ zurückgeben – dabei ist das von Israel besetzte Gebiet nur ein kleiner Teil der Golanhöhen, eines riesigen, menschenleeren Höhenzugs. Daß Syrien Israel angegriffen hat und als Folge dieses Angriffs das Gebiet verloren hat – daß demnach Israel Forderungen stellen kann, dieses Gebiet dazu benutzen kann, die eigene Position bei Friedensverhandlungen zu stärken – kein Wort davon.

Zur Unterstützung Syriens für die Hisbollah findet Solana nur ein paar verschleierte Worte des Mißfallens: „In order to resume the relationship, we have to have a frank and sincere discussion about things that can change … and we have to see how the behavior of our friends in Syria may change,“ Solana said. Egal wie aggressiv sich unsere Nachbarn uns gegenüber verhalten – wir sollen nachgeben. Nur keine Araber verärgern!

Ja ja, die Ägypter. Sie fordern eine Aufklärung der kaltblütigen Ermordung ägyptischer Kriegsgefangener im Sechstagekrieg, nachdem sie in einem Dokumentarfilm Hinweise auf ein solches Ereignis gefunden haben. Ich habe den Film selbst gesehen, und es wurden darin keine ägyptischen Kriegsgefangenen erwähnt, sondern palästinensische Kämpfer auf dem Rückzug, die getötet wurden – kein schöner Zug, aber leider gehört zu einem Krieg nun einmal, daß sich die Gegner gegenseitig töten. Und ich habe noch nicht gehört, daß die Ägypter da eine Ausnahme gemacht haben. Obwohl also wie bei Radio Eriwan keines der Details anders als „prinzipiell richtig, aber….“ ist,  muß nun eine offizielle Aufklärung erfolgen. Nur keine Araber verärgern!

Ja ja, Teapacks. Nun soll also das blutrünstige Lied der Israelis doch in Helsinki zugelassen werden. Man hat sich wohl besonnen, daß Finnen selbst schon mal einen Anti-Bomben-Song geträllert haben.

Außerdem kann es gut sein, daß Kobi Oz richtig liegt.

According to Teapacks, the thing that caught their eye was the lyric which refers to „crazy rulers.“ Band leader Kobi Oz said he was convinced others would attribute the line to Israel’s leaders.

Nur keine Israelis verärgern!

Wenn ich die Fische März 11, 2007, 19:54

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im Aquarium des Zahnarzts neidvoll anstarre, weil sie es so schön still und ruhig haben – dann ist das kein gutes Zeichen.

Aber wenn schon Fische…. dann doch diese.

Es gibt kaum eine Lebenslage, in der Matisse nicht meine Stimmung heben könnte.

Ratschlag bitte! März 9, 2007, 19:07

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Nach nur fünf Jahren ist unsere Waschmaschine kaputt – ob der Techniker sie reparieren kann, werden wir Sonntag sehen. Wir haben sie von meiner Mutter bekommen, eine Maschine von Bosch, sollte eigentlich halten. Aber das dramatisch harte israelische Wasser hat ihr wohl zugesetzt (obwohl wir so einen Wasserenthärter-Vorsatz benutzen und ich regelmäßig mit Zitronensäure entkalke). Noch wissen wir nicht, ob es nötig sein wird – aber ich würde mich über ein paar Tips zum Waschmaschinenkauf freuen. Wir waschen täglich 3 bis 4 Maschinen Wäsche (a 7 kg), haben kein Geld für eine Miele (die hier sowieso unbezahlbar ist) und ohne Waschmaschine sind wir auf-ge-schmissen!

Komisch, so alle paar Jahre geht auf einmal alles gleichzeitig kaputt. Als hätten eines Nachts, vielleicht während der Mondfinsternis?, alle Apparate einander zugeflüstert: wir machen sie fertig, komm, gib du den Geist am Montag auf, dann ich am Dienstag und der DVD Mittwoch….

Weltfrauentag März 9, 2007, 16:42

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Gestern stöhnte ein Kollege „…und das am Weltfrauentag!“ Sonst wäre es mir gar nicht aufgefallen, daß der gestern war. Ich meinte, „ist das der Muttertag für kinderlose Frauen?“, aber dann fiel mir ein, daß es ja heute „Familientag“ heißt, Familie haben ja alle. Auf jeden Fall ist es ein Ehrentag für besondere Spezies – so wie das „Jahr der Geisteswissenschaften“ oder wie Loki Schmidt jedes Jahr eine gefährdete Blume schützt. Nun, ich halte Blumen und Geisteswissenschaften in der Tat für schutzwürdig, warum also nicht auch uns Frauen.

Der Ehrentag fiel mir wieder ein, als mich mein Mann von der Arbeit abholte. Er legte mir einen wunderschönen, schweren Katalog auf den Schoß. Vorne hatte er reingeschrieben „jeder Tag ist Tag der Frau“. War das nicht genial von ihm? Für mich ist jeden Tag Tag des Mannes. Dieses Mannes jedenfalls.

Und nun zu van Dyck:

Es hat mich noch niemand gefragt, obwohl auf Fragebögen aller Arten diese Frage durchaus interessant wäre: von welchem Maler hättest du gern Dein Porträt malen, zeichnen, modellieren, bildhauern, photographieren… sonstwie herstellen lassen? Ich würde van Dyck wählen.

Van Dyck hält die weltkluge Mitte zwischen eleganter Schmeichelei und Durchschimmernlassen des Charakters. Seine Farbigkeit ist mal venezianisch-reich, mal britisch blaßküh, aber immer stimmen Kleidung, Hintergrund und Unterton des Inkarnats (wie deutsche Bücher das nennen) wunderbar zusammen – besser, als jede VierjahreszeitenBeraterin es abstimmen könnte.

Wie fast alle Porträtisten, die ich kenne, zeichnet van Dyck die weiblichen Gesichtszüge und Körper sanfter als die männlichen. Auch Männern schmeichelt er mild, aber es läßt sich durchaus erkennen, daß der Earl of Arundel kein schöner Mann war. Hingegen hat jede Frau, auch die nicht schöne, bei van Dyck das Potential zur Schönheit. Wobei man wohl über die Hürde springen muß, daß van Dycks Zeit fast busenlose Frauen mit breitem Körperbau schön fand – auch seine eigene Geliebte Margaret Lemon würde sich heutzutage mit Diät eine Taille anquälen und Silikonbusen einsetzen lassen müssen, um als schön zu gelten.

Es gibt Maler wie Degas, die ihren unbarmherzigen Blick auf Frauen wie Männer richten und niemandem schmeicheln, auch der eigenen Familie nicht – daher werden sie auch nicht Porträtisten, denn nur Menschen, denen die Kunst wichtiger ist als ihre Eitelkeit, würden sich diesem Blick aussetzen. Es gibt auch die reinen Schmeichler, bei denen alle Subjekte genau gleich aussehen. Aber van Dyck ist nicht unbarmherzig und nicht glatt. Van Dyke zeigt seine Modelle so schön wie möglich, ohne künstlerische oder menschliche Kompromisse einzugehen.

Wie sein Urenkel im Geiste, John Sargent Singer, bringt er in seinen Subjekten die elegante Haltung, den funkelnden Blick, die sprechende Geste, perfekt mit Format und Komposition zusammen. (Wobei van Dyck wesentlich stärker ist als JSS!) Van Dyck aber hat den Willen, seine Modelle und Auftraggeber schön erscheinen zu lassen, auch wenn das der heutige Betrachter nicht sofort erkennen mag.

Wer es also fertigbringt, die von Plastikprinzessinnen verschleierten Augen klar zu halten und seinen Schönheitsbegriff zu erweitern, so daß er auch andere Zeiten einbezieht, der wird schnell sehen, daß bei van Dyck die Schönheit unter der Oberfläche zu fassen ist. Schönheit bedeutet Ausgewogenheit, Gelassenheit, Eleganz – alle seine Frauen sind damenhaft, auch die kleinen Mädchen sind es schon.

Damenhaftigkeit ist irgendwie aus der Mode gekommen, was außer mir vielleicht niemand bedauert – und auch ich bedaure es ja nicht, wenn ich es gerade eilig habe. Aber es hat doch etwas für sich, dieses damenhafte Ideal, weil es mit Selbstdisziplin, einer gewissen inneren Haltung und auch Diskretion zu tun hat. Eben nicht alles nach außen stülpt, sondern Gefühle oder innere Vorgänge nur erraten läßt.

In meinen alten Kunstbüchern, die ich von meinem vor meiner Geburt verstorbenen Großvater geerbt habe, einem Kunstliebhaber, dessen Gegenwart ich manchmal spüre…. (meine Oma pflegte nämlich zu sagen, „wie hätte Unser Vater sich über dich gefreut!“ – womit sie mir meinen nie gekannten Opa eigentlich schenkte!)… also in diesen Büchern wird van Dyck als Hofmaler, als oberflächlicher, seelenloser Drechsler abgetan.

Rembrandt, das ist Seele. Rubens, das ist königliche Souveränität über alle Genres. Jordaens, das ist authentische Flämischkeit. (Damals wurde nämlich künstlerisches Temperament so unbefangen mit ethnischem gleichgesetzt, wie wir das heute gar nicht mehr können) Doch van Dyck, das ist das zu Markte getragene Kompliment, der Höfling, der Immergleiche-Hände-Maler. (Und ich verweise hier nur auf Porträts, nicht auf andere Genres.)

Antoon van Dyck/Anthony van Dyke, Maria Lugia di Tassis, 1629

Es hat gedauert, bis van Dyck den Ruhm gefunden hat, der ihm gebührt. Ich entdecke auch an seinen religiösen Monumentalbildern Farbigkeit, dramatische Gedrängtheit der Komposition und kühne Pinselzüge, die mir gefallen. Doch am besten gefallen mir seine Porträts, dabei auch die Zeichnungen. Es ist bewundernswert, wie er mit ein paar sparsamen, ohne Absetzen sicher gezogenenen Feder- oder strichen einen Menschen festhält.

Dann das Bild von Charles I, das Bernini als Vorbild für eine Büste diente – wie oft habe ich es schon im Unterricht gezeigt, um vorzuführen, was Profil, Dreiviertelprofil und Frontalansicht für das Gesicht und den Betrachter bedeuten – er ist unglaublich genau, ohne geschwätzig zu werden. Das kann nicht jeder.

Van Dyck bringt es fertig, zwei sich sehr ähnelnde Brüder, die beide elegant gekleidet sind und ähnliche Posen einnehmen, allein durch Blick und Gesichtszüge völlig unterschiedlich zu charakterisieren – selbst wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht, dann auf den zweiten bestimmt. Ich rate übrigens Studenten, die Schwierigkeiten mit der Charakterisierung auf Bildern haben, einfach mal den porträtierten Menschen genau anzusehen und sich vorzustellen, sie müßten ihn in einem Film darstellen. Also dieselbe Pose einnehmen, den Gesichtsausdruck nachahmen, die Blickrichtung… auf einmal versteht man den Porträtierten, es macht Klick. Bei diesen beiden Brüdern klappt es richtig gut, die Unterschiede werden so deutlich!

Ich liebe auch van Dycks Kinderporträts. Besonders Geschwistergruppen finde ich ja ungeheuer spannend und kann stundenlang gucken, wie Brüder und Schwestern ihren Platz innerhalb der Geschwistergruppe (der Große, der Kleine, die Große, die Kleine… und alles was dazwischenliegt) einnehmen. Die wichtige Rolle des Prinzen ist jedenfalls bei den wirklich königlichen Kindern van Dycks wesentlich diskreter herausgestellt als bei seinen Nachfolgern.

Antoon van Dyck/Anthony van Dyke, Philadelphia und Elizabeth Wharton, 1640

Bilder von Gr0ßeltern und Enkeln interessieren mich ebenfalls besonders – oft ist nämlich in den spannungsvollen innerfamiliären Konstellationen diese Beziehung die liebevollste und unkomplizierteste, eine Art Verständnis überspringt die erziehende, gespannte Elterngeneration. Selbst der gestrenge Lord Arundel schüchtert seinen Enkelsohn nicht ein, sondern beide sind durch durch ein ausgewogenes System von Linien eng verbunden. Der Marschallstab, den der Großvater stolz hält, wird in der Schulterlinie des warmfarbig gekleideten Jungen wiederholt. Auch das Glanzlicht auf der großväterlichen Rüstung hat sein Pendant in der Kette über der Brust des Enkelsohns. Trotz des Größenunterschieds ist der Junge deutlich herausgehoben und wichtig – es ist kein Einzelporträt mit Attribut, sondern ein Doppelporträt.

Dann seine Pferde – so seelenvoll, daß man erwartet, sie tun jeden Moment den Mund auf wie Falada. Ich habe eine Vorliebe für Bilder mit Pferden, ob Franz Marcs Pferdchen oder Gauguins oder das von Constable, Delacroix´ edle schnaubende Rosse, Gericaults rührend ausdrucksvolle Pferde, George Stubbs und ich habe sogar eine ganze Unterrichtsreihe über Tiere… wobei mehrere Stunden dem Pferd gewidmet sind.

Van Dycks Pferde stehen nicht so deutlich im Vordergrund, doch ein Blick auf das berühmte Porträt des Königs auf der Jagd genügt, um ein Pferdegesicht zu entdecken, das mit seinen riesigen Augen geradezu Porträtcharakter hat. Und die goldene Mähne!

Ja, das ist ein Meister. Irgendwie bin ich sicher, daß er mich so gemalt hätte, daß selbst ich Meckerliese nichts an dem Bild auszusetzen hätte, das der Welt von mir erhalten bleibt. Leider wird daraus nichts, schade. Ich freue mich aber, daß ich mich nun am Wochenende voller Genuß dem Katalog widmen kann. Dem Weltfrauentag sei Dank!
Ich habe hier übrigens nicht viele Bilder gepostet, weil ich keine Lust habe, mich wieder mal mit drohenden Emails auseinanderzusetzen. Dank Tabs kann ja jeder die Bilder und virtuellen Museumswände öffnen und gleichzeitig weiterlesen. Außerdem lasse ich für solche Fälle diese merkwürdigen, aufspringenden Fensterchen, mit denen man einen Blick auf die verlinkte Seite werfen kann, ohne zu klicken.

Noch ein Stöckchen März 9, 2007, 12:11

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Miriam hat es mir zugeworfen, so werde ich es wohl annehmen…

4 Jobs, die du in deinem Leben gerne getan hättest

4 Filme, die du immer wieder anschauen kannst

4 Städte in denen du gerne gelebt hättest

das mit den Jahrhunderten ist natürlich meine persönliche Zutat, denn ich bin geographisch so anspruchslos!

4 Plätze, in denen du im Urlaub warst

4 Webseiten, die du täglich besuchst

4 deiner Lieblingsessen

4 Plätze wo du gerade gern wärst

  • Rom
  • Dresden
  • auf einer einsamen Insel
  • da, wo ich gerade bin

4 TV-Serien, die du gerne anschaust

keine – ich blogge statt dessen

(gelten Serien auf DVD, die man wie Filme guckt? Dann Sharpe, Hornblower und Pride and Prejudice)
Von mir hinzugefügt:

vier Bücher, die du immer wieder lesen kannst

vier CDs, die du immer wieder hören kannst


4 Blogger, denen du das Stöckchen weitergibst

Neee, ich kann mich unmöglich auf vier beschränken! Wer Lust hat zu antworten, möge sich angesprochen fühlen. Ich setze auch gern einen Link… oh, und meinetwegen können auch gern nicht-bloggende Leser in den Kommentaren ihre Liste zum Besten geben.

Ein Vortrag März 7, 2007, 22:16

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Die Zahl der hochinteressanten, spannenden Vorträge, die ich in meinem Leben schon verpaßt habe, ist Legion. Regelmäßig schickt mir das Bucerius-Institut der Universität Haifa Einladungen zu Themen, die mich brennend interessieren. Sie laden Experten ein, deren Bücher ich lese, und die sich die Mühe machen, bis nach Haifa zu kommen. Und was tue ich? Ich geh nicht hin, weil es um sechs Uhr abends ist, genau wenn ich von der Nach-der-Arbeit-Wäsche-machen-Phase in die Abendessen-vorbereiten-und-an-Blogeintrag-denken-Phase gleite. Um diese Zeit ist bei mir nichts zu machen, ob es Wolf Biermann ist oder Josef Joffe, ich bin nicht hinter Bügeleisen oder Salatschüssel hervorzulocken.

Doch heute, heute, heute war das anders. Die Einladung lautete diesmal höchst verlockend:

Forthcoming Events

Wednesday, March 7, 2007

Prof. Stefanie Schüler-Springorum
Institute for the History of German Jews, University of Hamburg
Die Beste aller Welten. Juden in Königsberg 1870-1933
Perfect World. Jews in Königsberg 1870-1933

The lectures will be held in German
Keller House, Keller Street 2, Carmel Center, Haifa, 17:30 – 19:00

Da muß ich hin. Nicht in der Uni, sondern einem kleinen Kulturhaus auf dem Carmel. Auf Deutsch! Da kommen bestimmt interessante Leute zusammen. Und dann Königsberg – ein enger Freund von Y.s geliebten Großeltern war alter Königsberger, veröffentlichte ein Buch über seine Kindheit und Jugend, und da sein Briefwechsel mit seinen Freunden im Kibbuz zeitgeschichtlich wertvoll war, wandte sich eines Tages eine junge Forscherin an die Familie. Sie war an den Briefen interessiert, weil sie ihre Dissertation über die Juden in Königsberg schrieb. Wie hieß die junge Frau? Richtig geschlossen, Stefanie Schüler-Springorum.

Später, vor ein paar Jahren, hatten wir dann mal Besuch von einem jungen Forscher, der mit Schüler-Springorum zusammen eine Ausstellung organisierte, in der ebenfalls Y.s Familienmitglieder auftauchten. Es ist ironisch, daß die gesamte israelische Familie diesen historisch hochinteressanten Geschichten relativ gleichgültig gegenübersteht, während ich es hochinteressant finde. Der Ausstellungskatalog, nebst einigen Aufsätzen des jungen Forschers und auch von Stefanie Schüler-Springorum, hat einen Ehrenplatz in meiner Büchersammlung.

Ich setzte also Hebel in Bewegung und sorgte dafür, daß der Haushalt auch ohne meine Anwesenheit nicht zusammenbricht (enttäuschend einfach!). Dann begab ich mich ins Keller-Haus in der Keller-Straße. Es füllte sich, wie erwartet, mit wunderbar gemischtem Publikum: zum einen die überaus höflichen, gepflegten, sich aufrecht haltenden alten Yeckes. Wie erstaunlich ist der Anblick eines Mannes, der sich zur Begrüßung seiner Bekannten erhebt – junge Israelis haben diese Feinheiten der Lebenskunst längst zugunsten authentischer Rüpelhaftigkeit abgelegt. Und dann schwirrten ein paar jüngere Menschen umher, die ich unschwer als Deutsche orten konnte.

Wo kommen in Haifa so viele junge Deutsche her? Kamen sie mit der Dozentin, sind sie ihre Studenten, studieren sie in Haifa, sind sie nur zeitweise da? Jedenfalls war es auf einmal eine ganz seltsam un-israelische Welt, in der eine ältere Dame mit klassisch schöner Hand höflich murmelt, „entschuldigen Sie vielmals“, wenn diese Hand etwas zittert und Kaffee über meinen Rucksack schüttet, und in der ein israelischer Dozent deutsch radebrecht, um die Gastdozentin vorzustellen.

Nun zum Vortrag. Er war hochinteressant, wie erwartet. Königsberg, wie lang ist das her, wie weit ist das weg! Ostpreußen ist so abgebrannt wie Pommerland, wir kennen es nicht mehr, es ist untergegangen. In der ersten Zeit nach der Einigung Deutschlands (unter Bismarck, yaani, 1871) schien in Königsberg möglich zu sein, was es sonst nirgends gab: eine deutsch-jüdische Harmonie. Überreste eines deutschen Liberalismus, der sich noch aus der Paulskirchenzeit gerettet zu haben schien, verbanden sich mit weltläufig-osteuropäisch orientiertem, selbstbewußtem Judentum (teils litauisch-aufgeklärter Herkunft, oder eben deutsch-jüdisch).

Die wirtschaftliche Lage der Stadt, die durch Handel und Weiterverarbeitung osteuropäischer Rohmaterialien reich wurde, gab Juden und Christen die gleichen Chancen. Juden engagierten sich in der jüdischen Gemeinde, der jüdischen Wohlfahrt, saßen gleichzeitig im Magistrat und nahmen am nichtjüdischen Vereinsleben teil.

Kurz vor der Jahrhundertwende verkündete der Königsberger Bürgermeister stolz, daß die Stadt die Leistungen der jüdischen Bürger nicht würde missen wollen, und daß die wenigen Verblendeten, die noch beim Judenhaß ausharrten, eine schwindende Minderheit bildeten. Dabei lobte er besonders das Engagement der Juden bei der allgemeinen Wohlfahrt und in bürgerlichen Posten in der Stadtverwaltung. Er erwähnte dabei zwar nicht die Rolle der jüdischen Frauen, doch Schüler-Springorum betonte, wie sich eigentlich ein Großteil des sozialen Engagements aus der jüdischen weiblichen Wohlfahrt entwickelte. (Was niemanden wundert, der die Geschichte der deutschen Fürsorge- und Sozialarbeit kennt).

Nun weiß man, wie die Geschichte weitergeht. Der Vortrag behandelte nur die Zeit bis 1933, und man sollte meinen, bis dahin sollte doch wenigstens eine Fassade der Harmonie von Juden und Christen weiterbestanden haben – doch dem ist nicht so. Nach dem Verlust des Ersten Weltkriegs, der Einrichtung des polnischen Korridors, mit dem Zusammenbruch des Wohlstands der Stadt und wachsendem Nationalismus fanden antisemitische Parolen Gehör – oder, je nach Glauben ans Gute bzw Böse im Menschen, tauchte der alte Antisemitismus wieder auf. Der seit der Haskala bestehende Bund zwischen Juden und Christen, zum beiderseitigen Besten, zerbrach, zersprang, explodierte. Antisemitische Haßtaten kamen schon lange vor 1933 vor.

Der für mich traurigste Teil des Vortrags war über die Aufklärungs- und Verständigungsabende, zu denen die jüdische Gemeinde die nichtjüdischen Mitbürger einlud, und über deren Verlauf viele erhaltene Nummern des Königsberger Gemeindeblatts aus den 20er Jahren berichten. Es kamen wohl nichtjüdische Mitbürger, aber nicht um zuzuhören, sondern um „die Juden zu ihrem eigenen Besten in höflicher Weise über ihre Fehler und Irrtümer zu belehren“. Gewiß waren diese wohlmeinenden Kritiker keineswegs traurig, als die Juden schließlich in Viehwaggons verfrachtet und abtransportiert wurden (es überlebten nur sehr, sehr wenige). Schließlich konnte es einen ja nicht wundern – so uneinsichtig, wie die Juden nun einmal waren!

Im Publikum saßen übrigens ein paar rechtzeitig geflohene Königsberger. Der allertraurigste Teil kam nämlich nach dem Vortrag, als eine beklommene Stille herrschte, bis die erste Frage kam. Eine alte Dame fragte mit rauher Stimme, „Wissen Sie, was mit den Königsberger Juden später passiert ist? Ich habe niemanden mehr finden können“, und Schüler-Springorum bestätigte, daß kaum jemand überlebt hat. Wer nach Frankreich oder Holland geflohen ist, wurde dort gefangen und abtransportiert. Die Zurückgebliebenen kamen entweder zur Zwangsarbeit oder wurden gleich ermordet. Nur in Theresienstadt überlebten ein paar. Aber ansonsten wurde in Königsberg reiner Tisch gemacht mit den Juden. Im Publikum nickten viele Köpfe.

Dann fragte ein Mann, „meine Frau ist nämlich aus Königsberg, wissen Sie, Spedition Ew. und Hel,, mein Schwiegervater hatte einen christlichen Kompagnon“, was aus den jüdischen Friedhöfen geworden ist. Eine Frau aus dem Publikum antwortete – nichts mehr übriggeblieben. Die Synagoge ist auch weg – und drei Leute sagten im Chor, „das Waisenhaus steht aber noch“.

Ja, so sieht es aus. So war das. Ja, meine armen Leser, ihr könnt sagen, daß ich nicht normalit bin, sondern obsessivit und paranoidit. In diesen „wohlmeinenden Kritikern“, da habe ich meine Deutschen wiedererkannt. In den SA-Schlagetots erkenne ich nur Fratzen, erkenne ich den menschlichen Abgrund, der in uns allen lauert, unabhängig von nationaler Mentalität – da wendet man sich nur mit Grausen ab, aber bekannt kommen sie mir nicht vor. Doch die selbstgerechten Besserwisser, die guten Bürger, die zu den todgeweihten Juden in den Aufklärungs- und Verständigungsabend gehen, und statt zuzuhören ihre Predigten loslassen, um wenig später kalt zuzusehen, wie die Juden ermordet werden – da wurde mir auf einmal ganz schwach. Ich hatte das Gefühl, die kenne ich. Sagt mir, daß ich Unrecht habe, daß ich Gespenster sehe. Am besten bringt mir ein paar gute, handfeste Beweise. Im efshar.

Männer sind Kinder, März 6, 2007, 23:22

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und Jungens werden Männer. Gerade gucken meine drei Männer Liverpool gegen Barcelona. Sie knacken Sonnenblumenkerne dabei, die israelische Alternative zu anderem Knabberzeug, und von Zeit zu Zeit höre ich ein abgrundtiefes „ya-ALLA“. Ganz nett, so ein Herrenclub im Wohnzimmer. „Ya-ALLA!!!“

Manchmal bin ich froh, März 6, 2007, 21:08

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daß ich nicht katholisch bin. Das klingt häßlich, und ich will auch keine Katholiken kränken (einige meiner besten Freunde sind katholisch!), und ich habe die fruchtbarsten Schuljahre meiner gescheckten Laufbahn auf einem sogenannten Nonnenbunker verbracht, wo ich die besten, engagiertesten und herzensbesten LehrerInnen EVER hatte. Also, no offense intended.

Aber manchmal geben katholische Hirten Dinge von sich, für die ich mich schämen müßte, wäre ich katholisch. Ich habe mich zu Bischof Mixa zurückgehalten, obwohl ich den Gebrauch des Worts „Gebärmaschine“ infam fand – besonders, wenn er assoziativ mit einer Mutter von sieben Kindern in Verbindung gebracht werden kann, die sich herausnimmt, ihre Begabung auch anders als nur im Kinderzimmer zu verwirklichen. Das fand ich schon reichlich anmaßend. Ich gebe Mixan keine Tips, wie er mit dem Zölibat zurechtkommen kann, aber ich nehme seine Ratschläge nicht ernst, wie mein Mann und ich meine Kinderschar erziehen. Ein Bischof hat da keinerlei professionelle oder persönlichen Kenntnisse, die seine Meinung wertvoller machen als die eines x-beliebigen unverheirateten, kinderlosen Bürgers in gehobener Position.

Wobei er allerdings die moralische Kraft seines Amts in die Waagschale werfen kann – eine Kraft, die ich anerkenne und automatisch respektiere (weshalb ich es mir verkniffen habe, was dazu zu sagen – Leute, das ist eure Sache in Deutschland, ich halte mich da raus). Aber die moralische Kraft deutscher Bischöfe hat heute in meinen Augen einen ernsthaften Schlag erhalten.

Im Moment ist wohl hier eine Gruppe deutscher Bischöfe zu Besuch. Sie haben sich Yad Vashem nicht sehr zu Herzen genommen, wie es scheint, und zu ihrer Robustheit kann man sie wohl geradezu beglückwünschen – besonders wenn man die Rolle des Vatikans in der Vernichtung der Juden bedenkt.

Bischof Gregor Maria Franz Hanke jedenfalls äußerte sich folgendermaßen:

„This morning we saw pictures of the Warsaw ghetto at Yad Vashem and this evening we are going to the Ramallah ghetto.“ Several hours earlier on Sunday you probably would not have heard German Bishop Gregor Maria Franz Hanke choose such a divisive analogy.

Warum hätte er früher am Tag sowas nicht von sich gegeben? Weil die Bischöfe sich an den Palästinensern ein Beispiel nahmen und gleich zwei Statements vorbereitet hatten: eines für die israelischen Journalisten, eines für die deutschen Journalisten, die sie ins Gebiet der PA begleiteten.

During their time in Israel the bishops uniformly made moderate and balanced statements, but once in the PA they provided German reporters accompanying them with a plethora of harsh proclamations against Israel. Their criticism received widespread coverage in the German media on Monday.

Hübsch, nicht wahr? Doppelzüngigkeit kann wohl trotz regelmäßiger Gebete und Beichte existieren.

„Israel has, of course, the right to exist, but this right cannot be realized in such a brutal manner,“ said Bishop Hanke, who later stated that he intends to amend this year’s Easter message to German churches so as to include the delegation’s political impressions from their visit to the territories and a demand to change the situation.

Das heißt in anderen Worten: wir haben das theoretische Recht zu existieren, aber nicht das Recht, dieses Recht auch durchzusetzen. Entweder wir lassen uns wehrlos das Recht nehmen, zu existieren (lassen uns von Krieg und Terror auslöschen), oder wir wehren uns und verlieren das moralische Recht zu existieren. Tolle Alternative, was????

Auf die Osterbotschaft darf man gespannt sein. Wird bestimmt mit Jubel von den Katholiken aufgenommen. Ob sich jemand fragt, wieso es dazu gekommen ist, daß die Israelis sich so gegen die Palästinenser abschotten? Ob jemand weiß, daß vor den großen Terrorwellen der letzten 15 Jahre die Palästinenser weder Zaun noch Checkposts zu erleiden hatten? Ob jemand sich erinnert, daß wir im Rahmen des Oslo-Prozesses Stadt um Stadt räumten und uns dem Ende des Konflikts nahe wähnten, bis uns die eiskalt geplante Intifada dazu zwang, zu erwachen? Ach was, wer fragt schon nach. Ab Ostern haben deutsche Katholiken offizielle Erlaubnis, Israel als Nachfolger der Nazis zu hassen. Als ob jemand dafür Erlaubnis brauchte!

Außerdem erscheint in Ynet eine Analyse der deutsch-israelischen Beziehungen, auch aus Ynet.

Firstly, it appears that the gap between the declarations of friendship sounded by the elites in both countries and the general population’s attitude towards Israel is widening.

According to a public opinion poll, half of the German population compares Israel’s attitude towards the Palestinians to Germany’s attitude towards the Jews. The polls point to a growing trend that is already widespread in German media reports and commentaries.

This position, which presents a secondary anti-Semitic approach, adds the dimension of relativity to Germany’s historic guilt, applying it to Israel in presenting it as representative of all Jews.

This perception ties in with Germany’s appeasing foreign policy towards open anti-Semitism by various regimes, and a disproportionate exposure to anti-Zionist Israelis and Jews in the media and public discourse. </em>

Ich hätte es nicht besser sagen können.

Often the declarations made by German politicians, who seek to save Israel from itself, sound entertaining. But they are concerning when those very same politicians draw up plans for dispatching German soldiers to make peace in the embattled Middle East. The double standards of these politicians were exposed in the international forces dispatched to Lebanon that prevent Israel from defending itself, while Germany is unable to guarantee our security.

Ja, so sieht es aus. So viele böse Nachrichten an einem Tag. Es kann einem schlecht davon werden. So viel Haß um uns herum, so viel doppelte Moral, so viel Heuchelei.

So funktioniert das im Nahen Osten März 6, 2007, 20:50

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Endlich mal ein sorgfältig recherchierter Artikel aus dem Nahen Osten in SPon. Na ja, die Leute sind vor Ort. Nicht immer hilft das, aber wenn etwas hilft, dann das. (Hab auch lang nichts mehr von Yassin Musharbash gelesen, der weiß auch, wovon er schreibt, und ich lese seine Artikel gern.)

Wer ihn bis zu Ende liest, begreift, wie es um Israel steht. Unablässig wird Dreck geworfen – irgendwas wird schon hängenbleiben. Wenn es um Israel geht, wird niemand sagen: das kann nicht sein. Von Israel wird alles geglaubt. Es reicht, den Artikel nicht bis zu Ende zu lesen, und schon kommt einem die Geschichte wahrscheinlich vor.

Tabs März 6, 2007, 15:53

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Eigentlich dachte ich, ich habe mich für heute schreiberisch verausgabt, und muß mich nun der endlosen to-do-Liste widmen, deren diverse Unterteilungen allesamt aus den Nähten platzen. Aber bevor ich die Kaffeetasse zurücktrage und den Computer schließe, fällt mein Blick noch mal auf das seltsame Assortement von Artikeln, die ich gerade gelesen habe. Moment mal, das paßt doch schräg zusammen.

In der ZEIT verreißt EfJay Raddatz Ernst Klees Kulturlexikon zum Dritten Reich, aber das so beklemmend, daß ich das Buch sofort lesen will.

Das Lexikon bietet ein Alphabet der Schändlichkeit, mal die kleine Kläglichkeit von Elisabeth Schwarzkopfs NSDAP-Mitgliedschaft, mal Hans Schweikarts Inszenierungen bei den »Reichsfestspielen Heidelberg« unter der Schirmherrschaft Goebbels’ und mal Bernhard Minettis diverse durchaus üble Rollen, ob in Hanns Johsts – »Adolf Hitler in liebender Verehrung« gewidmetem – Schauspiel über das Leben und Sterben des völkischen Märtyrers Albert Leo Schlageter oder in Filmen gegen das »jüdische Schieberkapital«.

Es ging auch anders. Die höchst erfolgreiche Irmgard Keun tauchte unter und lehnte 1947, als alle sich reinwuschen, die PEN-Mitgliedschaft ab, da zu viele Halbnazis dabei seien; »die Leute haben alle so glücklich konstruierte Gedächtnisse«. Das hatten in der Tat viele, der sich so edel gebärdende Hermann Kasack, Mitarbeiter des NS-Blattes Krakauer Zeitung, oder der Kabarettist Hans Reimann, der den jüdischen Witz so untersuchte: »Die Neigung zum Übersteigen wuchert dermaßen im jüdischen Hirn, daß es oft schwer fällt, zwischen Ausgeburten morscher Intellektualität und plattfüßiger Blödelei zu unterscheiden.«

Die Bundesrepublik war lange ein Land ohne Gedächtnis, ohne Vergangenheit.

Raddatz ärgert sich jedoch sehr über Klees Sammelsurium – wenn es so ist, wie er geschildert hat, dann hätten sich aus dem Material gut drei Bände stricken lassen, jeder davon mit einem anderen Schwerpunkt.

Was soll man davon halten, dass gleich nach Rosita Serrano (natürlich mit der Ergänzung »genannt die chilenische Nachtigall«) allen Ernstes auftaucht Shakespeare, William? War der nun Nazi? Mitläufer? Emigrant? Kollege von Kortner, Heinz Rühmann und Gründgens? Wohl kaum. Unser Lexikograf nimmt ihn auf, weil irgendein total verblödeter »Reichsdramaturg« ihn für »Blutbande mit uns« in Anspruch nahm. Also da bin ich doch den Tränen nahe. Das Nibelungenlied hingegen: nicht zu finden. Und wie wäre es mit Franz Liszt, weil der doch die Musik für die »Sondermeldungen« im Reichsrundfunk geschrieben hat…

Er schreibt vehement wie eh und je, der gute Raddatz. Haben wir das alle schon vergessen – daß DAS die Basis ist, auf der unsere wunderbare Bundesrepublik aufgebaut ist, nicht etwa, wie wir uns gern rühmen, auf gründlicher Aufarbeitung und Prüfung –  sondern auf Vergessen, Vertuschen, Verdrängen?

Ich habe noch den tödlich bitteren Klang im Ohr, mit dem mir ein ehemaliger Hitlerjunge sagte, „wir Jungens erinnerten uns noch ganz genau, welche Lehrer stramme Nazis gewesen waren, aber auf einmal erzählten sie uns alle was von Demokratie“. Wie im Kleinen, so im Großen. Ob die 68er da wie ein eiserner Besen durchgefahren sind? Ich habe meine Zweifel. Ihre „Ideologiekritik“ (ich habe anno dazumal bei einem Veteranen dieser Schule studiert) beschränkte sich auf das Aufspüren bürgerlicher Ideologie, oder was allgemein „faschistisch“ genannt wurde.

Ja, das war also Raddatz.

Nächster Artikel: wie Belgien belgische Juden verriet und auslieferte, in Haaretz. Als zwar nicht geborene, aber doch sozialisierte Rheinländerin muß ich natürlich den Belgiern mißtrauisch gegenüberstehen – däh weiß noch neddens wie äh vun de Autobahn ronnerkütt! Aber im Ernst – 60 Jahre nach dem Holocaust müssen sich auch die Belgier ihrer Geschichte stellen.

„Most Belgians are unaware of the gravity of the persecution experienced by the country’s Jews,“ stated the Belgian Senate in its 2002 decision to establish the committee. „Why was it necessary for half a century to elapse in order for us to discuss this part of our past? It is the Senate’s duty to preserve the memory of the genocide, relying on facts that cannot be questioned. This is our obligation to the coming generations.“

Immerhin, der zeitliche Abstand wird dafür sorgen, daß sich junge Belgier einen Dreck um diese neuen Erkenntnisse zur Rolle der Belgier im Holocaust kümmern werden. Ehrlich, wen interessieren schon Geschichten von vor 60 Jahren? Die Deutschen waren es schuld, die Juden werden schon genügend Dreck am Stecken gehabt haben, und kann man sich nicht mal anderen Themen zuwenden?

Professor Dan Machman, chief historian of Yad Vashem (The Holocaust Martyrs‘ and Heroes‘ Remembrance Authority) and a specialist on the Holocaust in Belgium and Holland, says Belgium began dealing with the Holocaust later than other nations, but its state-commissioned report is an exception to the rule. He says that such reports have only been published in Romania, Switzerland and Lichtenstein thus far, and similar research is currently underway in the Baltic states. However, in France, for example, no such project has been launched.

King Leopold’s mother, Queen Elizabeth of Bavaria, even received the title of Righteous Gentile from Yad Vashem in 1964 for her intervention on behalf of several hundred Belgian Jews with Belgian citizenship (a small minority in the Jewish population). Today, says Machman, it is not at all certain she would have received this honor, as her intervention on behalf of a small group of Jews with Belgian citizenship could have been seen as giving the Germans license to deport all the rest without citizenship.

In total, 25,000 Jews were killed, 44 percent of the total number of Jews living in Belgium on the eve of the German occupation.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Artikel zu lesen, auch wenn er erschreckend ist – von der belgischen Frage mal abgesehen. Aber wie Menschen so ticken.

„In general, it can be said that the Belgians sacrificed the Jewish community to try to preserve ’normality‘ and the orderly functioning of the economy.“

….

„The Belgian state decided at the end of 1945,“ states the report, „that the Belgian authorities bore no legal or other responsibility for the persecution of the Jews.“

Das sollte man sich immer vor Augen halten – letztendlich holt niemand für die anderen die Kastanien aus dem Feuer oder übernimmt am Ende noch Verantwortung! Übrigens ist das der Stammbuchvers, den die Geschichte den Juden hinterlassen hat. Verlaß dich auf niemanden. Wundert es jemanden?

Doch noch sind zwei Tabs offen.

Das Massaker in Maalot soll verfilmt werden. Ich kenne jemanden, dessen Familie betroffen war. Für alle, denen die Geschichte nicht mehr präsent ist:

On May 15, 1974, a cell from the Popular Front for the Liberation of Palestine infiltrated into Israel from Lebanon. The members entered an apartment in Ma’alot, killing the Cohens and their son, age 4, and then stormed the town’s Netiv Meir school. They took 105 students and 10 teachers hostage, who were from a religious high school in Safed and who were staying at Netiv Meir during a class trip. The terrorists demanded the release of 20 prisoners being held in Israel.

Before being killed in the Israel Defense Forces rescue mission, the terrorists killed 22 students and three of their adult escorts. The massacre shocked the country, mainly because of the tragic results of the rescue attempt.

Übrigens sind es Erfahrung dieser Art, die uns die Errichtung des Zauns schließlich, 30 Jahre nach Maalot, als Notwendigkeit erscheinen lassen. Leider lassen sich anders als mit drastischen Maßnahmen solche Taten nicht verhindern. Mein Mann hat während der Terrorwelle öfter gesagt, „Selbstmordattentäter könnten mit Geiselnahmen noch viel größeren Schaden anrichten – seltsam, daß das ganz aus der Mode zu kommen scheint“, und ich bin froh, daß sie es nciht versucht haben! Denn zum Sterben bereite Geiselnehmer sind praktisch nicht zu besiegen – siehe Theater in Moskau, siehe Beslan. Die Filmemacher wollen auch mit Palästinensern sprechen, damit auch sie ihre Seite der Geschichte erzählen können. Nun, man wird gespannt sein dürfen, ob sie es fertigbringen, diesen Mord zu verurteilen, oder ob sie nicht doch Entschuldigungen aller Art finden.

Und mein letztes kleines Tab: die Prioritäten im staatlichen Budget verschieben sich. Weniger Geld wird in Siedlungen fließen, dafür mehr in Grundschulen in benachteiligten Gegenden der Peripherie, viele davon in arabischen Städten und Dörfern. Ich halte beides für wichtige Nachrichten, habe nie verstanden, warum ein so großer Teil Israelis für so einen kleinen Teil (Siedler) so viel Steuern abzweigen muß, und warum Siedler so ausgeprägte finanzielle Vorteile haben und einen um vieles höheren Lebensstandard. Den subventionieren wir, und zwar zumeist eher unwillig. Und ich freue mich, daß arabische Schulen nach dem neu eingeführten Index mehr Gelder bekommen werden. Auch wenn ich weiß, daß eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommen, wenn es um die Situation des arabischen Schulsystems in Israel geht, finde ich es gut, dort zu investieren.

Ich kenne viele Schulen hier im Norden, darunter ausgezeichnete arabische (die Schule in Manshia Zabda ist ein Kronjuwel des Erziehungssystems, die Schulleiterin eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die für ihre Arbeit jede Menge Preise bekommen hat – dabei traditionelle Araberin mit Schleier, was hier einer Karriere nicht im Wege steht) (auch in Nazareth gibt es sehr gute Schulen) und weniger gute (keine Namen!) – bei den jüdischen gibt es ebenfalls sehr gute und weniger gute. In jedem Fall hängt es davon ab, wie die jeweiligen Regional Councils ihre Steuergelder eintreiben und verteilen, wieviel Geld sie vom Staat bekommen und wofür sie es einsetzen – an jedem Knotenpunkt kann etwas schiefgehen, und am Ende ziehen Schüler und Lehrer den kürzeren.

Wenn Yuli Tamir gelingen sollte, was sie sich zum Ziel gesetzt hat: eine Hebung des Bildungsstandards in ganz Israel, mit besonderem Augenmerk auf die Minderheiten – dann hat sie meine ganze Unterstützung. Ich habe sie immer für eine Tüchtige gehalten, sie und Zipi Livni, noch bevor sie beide im Kabinett saßen (Beweise sind mit dem ersten Rungholt untergegangen!)

All diese Artikel also haben mich düster gestimmt, nur die letzte, die freut mich. Sie sollte mich ja eigentlich so beflügeln, daß ich jetzt sofort abdüse und die Küche putze… na mal sehen. Jetzt aber alle Tabs zumachen!

Damit müssen wir leben, März 6, 2007, 13:21

Posted by Lila in Land und Leute.
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nicht nur bedroht, sondern auch verhaßt zu sein wie kein zweites Land. Eine Umfrage der BBC, zusammengefaßt bei Haaretz vorgestellt, kommt zu einem vorhersagbaren Ergebnis. In der Umfrage sollte eine Liste von zwölf Ländern als positiv bzw negativ eingschätzt werden.

Israel und Iran sind die unbeliebtesten Länder der Welt, wobei der Iran noch besser wegkommt als wir. Wir sind in den Augen von 56% der 28.000 Befragten aus 27 Ländern das negativste Land der Welt, Iran nur in den Augen von 54%. Wir sind unbeliebter als Nordkorea, die USA, Rußland, als alle anderen Länder der Liste.

Ein schöner Erfolg für die Propagandamaschinen der Welt. Die islamische Welt, die das winzige Israel nicht dulden will, wieder und wieder angegriffen hat, noch immer angreift, das Wohl der Palästinenser vorschiebt, ohne sich jedoch selbst besonders für sie anzustrengen. Die westliche Welt, die retroaktiv gern ihr eigenes Gewissen entlasten möchte, daß sie den Massenmord an den Juden nicht verhindert hat, und darum begierig nach jedem Schuldbeweis greift. Wer hier schon länger mitliest, hat mitbekommen, welche Aufmerksamkeit jedes Unrecht erregt, das Israel begeht – und wie elegant über Unrecht, daß Israel zugefügt wird, hinweggegangen wird.

Na dann fliegen hier halt jeden Tag QassamRaketen! Na dann baut Ahmedinijad halt die Atombombe! Na dann bewaffnet sich Hisbollah wieder bis an die Zähne! Na dann brennen halt die Synagogen in Paris und die jüdischen Kindergärten in Deutschland! Das alles muß ja jemand schuld sein – es werden wohl die Juden sein und ihr Staat, diese Ausgeburt der Hölle.

Wenn man diese Umfrage ernstnimmt, kann man nur zu einem Schluß kommen: um die Weltmeinung zufriedenzustellen, müßten wir schon kollektiven Selbstmord begehen. Nichts anderes kann sie zufriedenstellen. Die Illusion, daß mit Zurückgabe irgendwelcher Gebiete etwas zu erreichen ist, ist spätestens seit dem Rückzug aus Gaza und dem Libanon 2000 zerplatzt. Damit handeln wir uns nur mehr Aggressionen ein, auf die wir dann wieder irgendwann reagieren müssen – woraufhin die Weltöffentlichkeit wieder aufheult und die Transparente rauszieht.

Immerhin teilen die Befragten, was ihre Einschätzung der Weltbösewichte angeht, weitgehend die Meinung der iranischen Demonstranten, die ich im JPost-Artikel über diese Umfrage fand…

Dort steht auch eine Erklärung der Befragung:

Pollsters questioned about 1,000 people each in Argentina, Australia, Brazil, Britain, Canada, Chile, China, Egypt, France, Germany, Greece, Hungary, India, Indonesia, Italy, Kenya, Lebanon, Mexico, Nigeria, Philippines, Poland, Portugal, Russia, South Korea, Turkey, the United Arab Emirates and the United States between Nov. 3 and Jan. 16.

Auch Deutsche haben also teilgenommen – nicht, als hätte ich daran gezweifelt. Israelis nicht, aber was hätte das schon geändert?

Ein Volk von Flüchtlingen und Überlebenden. Ich habe heute in der Pause bei meinen alten Leuten einen Brief übersetzt, den ich jetzt einfach hier reinkopieren werde, als Maßstab für die Realität des Leids, das hinter Israel liegt. Es ist ein Brief an eine deutsche Behörde, die ihm keine Rente zahlen will. Er hat sich erst so spät gemeldet, daß sie meinen, sein Anspruch ist verjährt.

Meine Erblindung ist auf die schweren Verletzungen zurückzuführen, die ich bei meiner Verhaftung am 1. September 1938 erlitt, als ich mehrfach brutal zusammengeschlagen wurde, im Untersuchungsgefängnis beim Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Am 25.10. 1938 mußte ich Deutschland fluchtartig innerhalb von drei Tagen verlassen und wurde an der Grenze ein weiteres Mal schwer mißhandelt. Daher ist meine Erblindung direkte Folge der Kriegsverbrechen, die in Nazideutschland an meinem Volk und mir selbst begangen wurden. Kriegsverbrechen sind nach internationalem Recht von der Verjährung ausgenommen.

Meine Eltern, Geschwister und die gesamte Familie wurden von der Maschinerie des NS-Staats ermordet.

Ich bitte Sie jetzt, die Zahlung der Abfindung von 1938 bis 1972 zu leisten und sich nicht hinter Verjährungsfristen zu verschanzen. Durch mein schweres Schicksal gezeichnet, habe ich den Anspruch zumindest auf eine finanzielle Vergütung, auch wenn mir niemand das Verlorene – Familie, Augenlicht und Jugend – wiedergeben kann.

Wieso sollte dieser Mann keine Rente kriegen? Er hat in Deutschland gearbeitet und sein Leben lang unter den Spätfolgen der Behandlung durch die NS gelitten. Doch Beamte verweigern ihm das seit mehreren Jahren. Er hat sich das aber, nachdem er so viele Jahre nicht daran gerührt hat, in den Kopf gesetzt. Mal sehen, wie es weitergeht. Er ist über 90. Vermutlich denkt sich die deutsche Behörde, er hält nicht mehr lange aus.

Ja, so sieht die Vergangenheit vieler Israelis aus. Daß die Enkel dieses blinden alten Mannes sich ihren Staat nicht nehmen lassen wollen, ist wohl verständlich, wird ihnen aber sehr übelgenommen. Was haben die Enkel dieses Mannes gelernt? Daß sie sich auf niemanden verlassen können, daß sie sich zur Wehr setzen müssen. Trotzdem, und darauf weise ich immer wieder hin, handelt Israel in vielen Fällen menschlich – auch wenn das Militär es nicht tut (es gibt kein menschlich-humanes Militär, auch das deutsche nicht – und Zahal versucht es zwar, aber leider scheint das ein Oxymoron zu sein). Nur guckt dann gerade keiner außer ein paar mickrigen Blogs.

Und verschont mich mit dem Märchen von der Besatzung, ohne die Israel beliebt wäre. Die Besatzung ist nichts weiter als Folge des Angriffs der Araber auf Israel 1967, und ihre Niederlage im Sechstagekrieg. Vorher war die Westbank von Jordanien besetzt – wie noch immer Jordanien über seine palästinensischen Untertanen herrscht. Und deswegen ist Jordanien ähnlich verhaßt wie Israel? Frankreich, das Neukaledonien besetzt hält, ist darum zum Paria der Welt geworden? Ach was. Andere Länder machen ganz andere Eroberungen, und niemand guckt hin. Das ist noch kein Grund, die Besatzung weiterzuführen – aber es hindert mich, rosigen Illusionen nachzuhängen. Israel war vor der Besatzung verhaßt und wird es danach ebenso sein. Denn die Araber sehen die Existenz Israels als Besatzung an – sie nennen Haifa ebenso eine Siedlung wie Ariel.

Unsere Versuche, siehe Oslo, siehe Camp David, mit den Palästinensern zu einem friedlichen Ausgleich zu kommen, sind allesamt in Blut und Intifada untergegangen. Selbst wenn wir wollten, hätten wir keinen Gesprächspartner. Daß Abu Mazen sich jetzt beschwert, Israel würde die Verpflichtungen nicht einhalten, ist ein Witz – wie viele Male haben die Palästinenser schon unterschrieben, daß sie die Terrorbanden entwaffnen? Nicht daß ich begeistert bin vom Siedlungsbau – das bin ich nicht. Aber wirklich, die Welt hat ein paar größere Probleme als diese. Und es gibt weiß Gott aggressivere Staaten als unser Ländchen, das sich müde zur Wehr setzt, wenn es wieder mal angegriffen wird – wohl wissend, daß auch dieses nicht der letzte Waffengang sein wird.

So leben wir – unter Freunden, allseits beliebt. Und wir haben die Frechheit, überleben zu wollen.

Am Himmel März 4, 2007, 0:30

Posted by Lila in Uncategorized.
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über meinem Schreibtisch prangt der Mond – die eine Ecke ist schon verschattet. Die Kinder, die ja morgen Purimferien haben und sich die Nacht um die Ohren schlagen können, warten gespannt auf die Mondfinsternis. Wie ist bei Euch die Sicht? Bei uns ist wolkenlos klarer Himmel.

Search engine terms März 3, 2007, 22:32

Posted by Lila in Kunst.
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Ach, ich kriege wie jeder Blogger schnell eine Sammlung der absurden Suchbegriffe zusammen. Doch eines freut mich: daß immer wieder Leute, die nach dem Junius-Bassus-Sarkophag oder Rubens suchen, bei mir landen. Dann stelle ich mir gleich das verzweifelte Studentengesicht vor, das sich aufhellt, wenn Rungholts Gestade erreicht sind.

Ich schreib viel zu wenig über Kunst. Das muß sich ändern!!!! Junius Bassus, ich bin schon unterwegs!!!

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