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Und jetzt! November 21, 2019, 17:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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Um 19.30, also in zwei Stunden, wird Mandelblit bekanntgeben, zu welchem Ergebnis er gekommen ist – ob Netanyahu sich vor Gericht verantworten muß oder nicht. Auch die Schwere der Anklage spielt eine Rolle, aber selbst wenn er nicht wegen Korruption, sondern „nur“ wegen Amtsmißbrauch oder Vertrauensbruch angeklagt wird (Pardon, ich weiß eigentlich gar nicht, wie man die hebräischen Ausdrücke ins Juristische übersetzt), reicht das wohl, um ihn für den Job des PM von Israel zu disqualifizieren.

Eine Stunde später wird Netanyahu ebenfalls eine Erklärung abgeben.

Inzwischen hat sich schon eine Likud-Abgebordnete auf Saars Seite geschlagen, und Miri Regev hält Netanyahu die Fahne.

Ich hoffe so sehr, daß die Wähler keine Ohrfeige kriegen und zum dritten Mal ins Kabäuschen müssen, daß ich sehr auf die Idee setze, Edelstein oder Saar könnten Bibi ablösen. Beides gute Leute. Zwar ist meine politische Schnittmenge mit ihnen kleiner als mit z.B. Gantz, aber die Hauptsache ist mir nicht, daß jemand mit meinen Ansichten auf den „Sitz mit Hirschleder“ kommt, wie man Ehrenplätze der Macht auf Hebräisch nennt. Sondern daß die israelische Demokratie wieder laufen kann. Die ungelöste Frage, wie es mit Netanyahu weitergeht, hat bisher die Situation blockiert.

Und jetzt? November 21, 2019, 8:22

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Die Frist, in der Benny Gantz eine Koalition hätte zusammenbasteln können, ist abgelaufen. Nachdem Bibi mehrmals damit gescheitert ist, war ziemlich klar, daß auch Gantz es nicht schaffen würde. Das Schaf kann entweder mit dem Kohlkopf oder dem Wolf koalieren, aber nicht mit beiden. Gantz steht dort, wo die Fäden sich kreuzen – zwischen Links und Rechts (Metaphern, die nicht wirklich auf Israel passen), zwischen säkular und religiös. Er könnte mit Links uns säkular koalieren (Meretz plus Baraks Partei, Avoda plus Gesher), mit Rechts und säkular (Liberman), und auch mit den religiösen Parteien könnte er vielleicht einen Kompromiß finden (sowohl modern-orthodox und säkular a la Bennet und Shaked, als auch Haredim). Aber die Zahlen reichen nicht, und Libermann wird weder mit den Ultra-Orthodoxen noch Meretz in einer Regierung sitzen.

Und solange nicht klar ist, ob es zu einer Anklageerhebung gegen Netanyahu kommt, werden weder Liberman noch Gantz mit ihm eine Koalition eingehen. Das sind Wahlversprechen, die diesmal eingehalten werden – keiner möchte als Netanyahus Partner auftreten, wenn der als Angeklagter vor Gericht sitzt. Selbst Amir Peretz ist nicht umgekippt.

Das hatten wir also alles schon, es war auch eigentlich schon am Wahlabend klar. Ja es war schon letztes Jahr klar, als Liberman die Regierung verließ und Netanyahu Neuwahlen ausrufen mußte, weil er keine neue, stabile Koalition finden konnte. Im April dasselbe Spiel, kein eindeutiges Wahlergerebnis, und im September noch einmal.

Man kann die Schuld bei allen möglichen Parteien und Personen suchen, aber es ist ziemlich klar, daß das Problem in den ungeklärten Vorwürfen gegen Netanyahu liegt. Wenn Mandelblit heute veröffentlichte, daß die Vorwürfe gegen ihn unbegründet sind, hätte er sofort Koalitionspartner. Und wenn es zur Anklage kommt, selbst wegen „minderer“ Vergehen, und er vom Fenster weg wäre, dann würde ein anderer die Likud-Partei übernehmen und der Weg zu einer Koalition wäre ebenfalls frei.

Nicht jeder sieht es so, aber ich glaube, Netanyahu würde bei Wahlen im März 2020 weiter an Unterstützung verlieren. Den Nimbus des Zauberers jedenfalls hat er schon vor einem Jahr eingebüßt, und sein Abstieg in Etappen ist deutlich erkennbar.

Aber noch sind drei Wochen bis zur Entscheidung zu Neuwahlen. In diesen drei Wochen liegt das Mandat nun bei der Knesset. Israel war noch nie in dieser Lage, daß zwei Kandidaten mit der Regierungsbildung gescheitert sind, aber jetzt ist es theoretisch möglich, daß jeder beliebige Abgeordnete eine Koalition auf die Beine stellt und damit zum Präsident geht.

Ich weiß nicht, ob jemand diese Chance ergreift – aber ich hoffe es, denn ein drittes Mal Neuwahlen wäre eine Katastrophe. Die Wähler haben zweimal das Ihre getan, und die Politiker müssen nun daraus was machen. Um uns herum organisieren sich der Iran und seine Satelliten zum Angriff, innenpolitisch fehlen Budgets, Entscheidungen, klare Linien. Neue Minister führen eifrig Neuerungen ein (Verkehrsminister Smutrich z.B. macht interessante Experimente mit Mitfahrer-Spuren, die aber ein bißchen auf die Schnelle zusammengenäht wirken), Budgets sind nicht endgültig abgesegnet (weswegen z.B. die Feuerwehr in einigen Kommunen keine neuen Leute einstellen kann), es ist einfach unmöglich, so weiterzumachen.

Ich hoffe also, daß sich im Likud-Block ein Rebell findet und sich von Netanyahu absetzt. So wie es Ariel Sharon mit Kadima getan hat – er hat damals viele gute Leute mitgenommen. Hat Gideon Saar das Format Sharons? Nein, hat er nicht, Sharon, so umstritten er war, flößte auch eine Art Vertrauen ein, daß er weiß, was er tut. Saar ist jünger, eher ein Schreibtischtyp, aber sehr klug und auch beliebt. Netanyahu mißtraut ihm seit Jahren, und ich halte es für möglich, daß er damit Recht hat und Saar tatsächlich eine Schar um sich sammelt, die jetzt hinter den Kulissen an einer Koalition von 61 Stimmen feilt.

Vor Netanyahu haben viele Angst, außerdem verdient er Anerkennung für seine Arbeit, sogar von Leuten wie uns, die seine Bilanz höchst kritisch sehen (wie er die Außenpolitik an sich gerissen hat, damit das Außenministerium total ausgebootet hat… und wie alle Themen, die nicht mit dem Iran oder Erdgas zu tun haben, vernachlässigt wurden…). Es ist also nicht sehr wahrscheinlich, daß tatsächlich in seiner Partei, die es sich jahrelang in seinem Windschatten bequem gemacht hat, nun ein Königsmörder aufsteht.

Es ist theoretisch auch möglich, daß Blau-Weiß in seine Einzelteile zerbricht. Ich tippe, daß das spätestens in einem neuen Wahlkampf kommt – Lapid wird mehr in Richtung Links tendieren, Yaalon und Hendel mehr in Richtung Neue Rechte (Bennet). Gantz wird am Ende allein dastehen. Ich habe schon in der Vergangenheit falschgelegen, und vielleicht ist es reiner Zweckpessimismus oder Aberglaube, aber ich bin ziemlich sicher, daß Gantz sich nicht wird durchsetzen können. Er wird zwischen seinen Partei“freunden“ aufgerieben, weil sie eine reine Zweckgemeinschaft eingegangen sind und eigentlich zu unterschiedlich sind. Erfolg und Macht hätten sie zusammenkitten können, aber das hat ja nicht geklappt. Wenn ein starker, seit Jahren aktiver und erfolgreicher Politiker wie Netanyahu von Mißerfolg schwer angenagt wird, wie soll das dann ein unerfahrener Neuling wie Gantz verkraften?

Würde aber eine Blau-Weiß-Einzelpartei eine Koalition zusammenkriegen? Wohl kaum. Ashkenazi ist umstritten, Bogie zu trocken und nicht charismatisch genug, Lapid würde nie genügend Wähler auf seine Seite bringen und ist durch seine frühere Zusammenarbeit mit Netanyahu schon zu sehr als reiner Karrierist gefärbt. Gantz wäre vielleicht ganz froh, Lapid loszuwerden…

Pardon, ich habe diese Gedanken bereits mehrmals durchgekaut, leider hat sich nichts verändert 😦

Wenige Stunden später:

Und da ist er – Gideon Saar hat sich aus der Deckung begeben.

saar

Er tut das erstmal in Form eines Vorschlags – Netanyahu hat bereits erklärt, Urwahlen seien unnötig, aber da die letzte Urwahl schon vier Jahr her ist, hat die Idee, jetzt noch mal welche abzuhalten, etwas für sich.

Ich frage mich, was er tun wird, wenn auf diesen Vorstoß Netanyahu und seine Leute die Idee von Urwahlen abschmettern, wie sie zweifellos tun werden. Ob er dann versuchen wird, mit dem Mandat der Knesset selbst 61 Unterschriften zusammenzukriegen. Die Zeit ist eigentlich reif dafür. Und wenn Saar es schaffen sollte, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, den seit einem Jahr keiner entwirren kann, hätte er sich etabliert. Aber ich greife vor. Bisher ist es nur eine Idee.

Noch ein Durchgang November 12, 2019, 14:13

Posted by Lila in Land und Leute, Qassamticker (incl. Gradraketen), Uncategorized.
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Ihr seid es leid, wir sind es leid, die Israelis im Süden haben es bestimmt noch viel leider.

Ich habe meinen Kassam-Ticker hier sehr vernachlässigt, was ich jetzt ein bißchen bedaure – aber wer mir auf Twitter gefolgt ist, hat mitgekriegt, wie oft in den letzten Monaten im Süden die Alarmsirenen und -lautsprecher losgegangen sind, wie viele Raketen Iron Dome abgeschossen hat, wie viele auf freiem Feld gefallen sind. Die israelische Reaktion war immer sehr gedämpft. Die Hamas hatte Zeit, ihre Gebäude zu räumen, bevor IDF dann entweder das leere Gebäude oder eine Düne beschoß.

Dabei wußten alle Beteiligten, daß es nicht die Hamas war, die hinter dem Raketenbeschuß stand. Aber Israel mischt sich nie in innere Streitigkeiten ein. Auch wenn Anti-Assad-Rebellen die Golanhöhen beschießen, liegt für Israel die Verantwortung dafür bei Assad, und ebenso ist die Hamas dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, daß aus ihrem Gebiet nicht geschossen wird. Eine Regierung kann nicht einfach sagen: tja, über diese Leute haben wir leider keine Kontrolle, laßt uns in Ruhe, die schießen eben. Das funktioniert in keinem Land. Die Regierung trägt die Verantwortung. Wenn also der Islamische Jihad Israel beschießt, obwohl die Hamas ausdrücklich Ruhe versprochen hatte, dann schießt Israel nicht auf den Islamischen Jihad, sondern auf die Hamas. Als Zeichen dafür, indirekt, daß Israel die Hamas als Hausherren dort akzeptiert. Natürlich auch in der Hoffnung, daß die Hamas sich von dem Raketenbeschuß irgendwann mal offen distanziert und sagt: liebe Jihadisten, wir wollen diese Raketenschießerei nicht mehr, sie bringt uns nur Ärger.

Über Monate hinweg häuften sich die Vorfälle. Ein Musikfestival in Sderot wurde beschossen – mehrere Privathäuser wurden getroffen – eine äthiopischstämmige Familie wurde nur gerettet, weil die Mutter alle Kinder rechtzeitig in den Schutzraum brachte – seit einem Jahr kann man sich nie sicher fühlen (eigentlich viel länger, denn die ersten Raketen flogen noch vor der Räumung – es sind mehr als 15 Jahre).

Gleichzeitig fliegen seit März 2018 ständig Drachen oder Ballons mit Brand- und Sprengsätzen über die Grenze und richten dort Schaden an, auf Feldern, in Naturschutzgebieten und auch oft in der Nähe von Ortschaften.

Es war also klar, daß irgendwann Israel reagieren muß. (Übrigens: wäre Bibi tatsächlich so ein Hardliner, wäre das schon viel eher und schärfer passiert.) Israel weiß, wer der Strippenzieher im Islamischen Jihad ist, der auch von der Hamas keine Befehle annahm und immer wieder Vereinbarungen brach. Und heute früh ist dieser Mann, hm, wie nennt man das auf Deutsch? Auf Hebräisch nennt man es chissul, Ausschaltung, oder sikul memukad, gezieltes Aus-dem-Verkehr-Ziehen, also nennen wir es liquidieren? Sowohl im Gazastreifen als auch in der Nähe von Damaskus wurden Köpfe des Jihad von IAF-Flugzeugen angegriffen und getötet.

Ja, da kann man in deutschen Medien die Köpfe schütteln und sagen: das ist ja wie im Krieg! Ist es auch, und für die Zivilisten in Kfar Aza, Kerem Shalom, Sderot und Mefalsim fühlt es sich schon lange wie Krieg an. Die Kinder dort erinnern sich nicht mehr an eine Zeit ohne „Code Rot“. Natürlich – da der ständige Beschuß in deutschen Medien nicht vorkommt, denken Leser dort vielleicht, daß Israel unvermittelt und zu aggressiv vorgegangen ist. Aber irgendwann muß man dann mal was tun. Wer alternative Ideen hat, die Israel noch nicht ausprobiert hat, der kann sie gern in den Kommentaren aufschreiben.

Das Kalkül hinter: diesen Liquidierungen den Jihad so schwächen, daß er sich von der Hamas in die Pflicht nehmen läßt. Denn interessanterweise spielt im Gazastreifen die Hamas die Rolle des vernünftigen Erwachsenen. Okay, ein einäugiger König, aber immerhin. Auch die ägyptischen Vermittlungsbemühungen haben die Hamas vielleicht beeinflußt.

Es hängt also nun alles von der Hamas ab. Die empört sich zwar gegen Israel, läßt den Jihad auch ordentlich Raketen abfeuern (150 seit heute früh), tut aber sonst nichts. Wenn die Hamas sich an die Seite des Jihad stellt und selbst anfängt, Israel anzugreifen, dann haben wir eine Eskalation wie lange nicht mehr. Wenn die Hamas es schafft, den Jihad kaltzustellen und sich lieber Wirtschaft und Infrastruktur widmet, haben wir eine Grundlage für eine dauerhafte De-Eskalation.

Wer immer up to date sein will, sollte mal bei Rotter.net reingucken. Dort werden die wichtigsten englischsprachigen Medien verlinkt – von der linken Haaretz über Times of Israel bis zu den eher konservativen Jerusalem Post und Arutz 7. Die Seite sieht zwar nach nichts aus, ist aber übersichtlich und man kann sich jederzeit informieren, und zwar aus mehreren Blickwinkeln.

Wer wissen möchte, wie oft die Alarme kommen, kann sich sowas wie Red Alert aufs Telefönchen holen. Wobei man sagen muß: nicht jeder gemeldete Alarm ist auch eine Rakete. Israel ist in so viele Warngebiete eingeteilt, och nee, es ist schon wieder am rappeln, Alumim, Nahal Oz, Beeri!, daß ein Alarm mehrere Gebiete betreffen kann. Dann löst eine Rakete drei oder vier Alarme aus.

Twitter ist auch eine gute Informationsquelle. Vor allem, wenn ihr mir folgt 🙂 Lauter Filmchen von Unvorsichtigen, die lieber filmen und hochladen, statt sittsam in die Schutzräume zu gehen.

Ich folge im Internet den Nachrichten von Kan11 – bin zu dem Schluß gekommen, daß das die besten Nachrichten in Israel sind, sachlicher als Platzhirsch 12. Und sie senden einfach einen Livestream, was ich sehr nett finde. Aber Hebräisch sollte man schon können, sonst hat man wenig davon. Auch immer interessant für Hebräischversteher: das Armeeradio, Galey Zahal (Galatz) oder Galey Zahal al galgalim (Galgalatz).

Es ist schwierig, sich in solchen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf die Angaben der Armee muß ich mich verlassen, ich kann sie nicht überprüfen. Und auch darauf, daß Verteidigungsminister Netanyahu dem Premierminister Netanyahu richtig geraten hat (seit 11 Uhr früh ist der Job auf Naftali Bennett übergegangen), daß politische Erwägungen keine Rolle gespielt haben und nicht auf dem Rücken der Bürger Ego-Spielchen ausgetragen werden.

Benny Gantz, der davon was versteht, hat Netanyahu jedenfalls Unterstützung ausgesprochen. Wenn er es für gerechtfertigt hält, dann muß ich annehmen, daß die Entscheidungen von Bibi und IDF angemessen und richtig waren. Leicht fällt das nie, besonders nach einem Jahr der politischen Spielchen. Und eigentlich ist Bibi ja nur Übergangs-PM. Als solcher in einen, chalila, Krieg einzusteigen, wäre ziemlich gewagt. Wie Bibi sehr wohl weiß – er hat es bisher geschafft, uns ohne größere Auseinandersetzung durch Phasen heftiger Aggression von außen zu manövrieren.

Aber so ist es nun wieder. Red Alert grummelt regelmäßig, alle Nachrichtensender haben Leute vor Ort, und seit die Alarme auch Tel Aviv erreicht haben, nehmen alle die Lage ernst. Ich hoffe sehr, niemand weiter kommt zu Schaden (das kleine Mädchen, das heute früh vor Schreck ohnmächtig wurde, hat immer noch Herzrhythmusstörungen und liegt auf der Intensivstation – höre ich gerade), und eine weitere Eskalation bleibt aus.

Immer noch in der Schwebe November 5, 2019, 16:39

Posted by Lila in Land und Leute.
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Später werden wir uns mal daran erinnern, wie merkwürdig das war. Das Land hat nach zwei Wahlen keine Regierung, weil diesmal alle ihre Versprechungen aus dem Wahlkampf halten und niemand, der Netanyahu abgeschworen hat, sich auf ihn einschwören möchte. Die Situation ist nach wie vor blockiert. Gantz kann seinen Auftrag der Regierungsbildung nicht erfüllen, alle Politiker zappeln in ihren Netzen. Unterdessen sind Entscheidungen blockiert, Etats sind unklar, keiner weiß, in welche Richtung es weitergehen soll, weder innen- noch außenpolitisch. Bibi spielt unterdessen weiter PM, als müßte das so sein.

Gleichzeitig sickern Informationen über Bibis diverse Anhörungen durch, und es scheint durchaus möglich, daß es zu einer Anklageerhebung kommt, aber wann? und was sagt die Tatsache, daß Informationen überhaupt durchsickern, über die Staatsanwaltschaft aus? Es wird auch geraunt, daß die Kronzeugen gegen Netanyahu unter Druck gesetzt wurden, und niemand sieht richtig frisch und rosig aus in dieser Geschichte.

Zwischendurch rappeln und brummen alle Telefone – Red Alarm löst aus, im Süden retten sich Familien in ihre Schutzräume und Raketen fallen (immer wieder mal eine auf ein Haus, obwohl Iron Dome die meisten abschießt). Dann wird spekuliert – war es der Islamische Jihad? läßt die Hamas das zu, oder würde sie es gern verhindern, weiß aber nicht wie? Israel beschießt symbolisch ein paar von der Hamas militärisch genutzte Gebäude, die die Hamas natürlich vorher schlauerweise räumt. An einer Eskalation liegt niemandem, also ist am nächsten Tag wieder spukhafte Ruhe, als wäre nichts gewesen. Bis zum nächsten Alarm.

Im Libanon wird demonstriert, in vielen anderen Ländern auch. Nach dem arabischen Frühling, der katastrophale Folgen hatte, könnte nun ein arabischer Herbst folgen. Der Iran droht, die Türkei hat ihre Interessen gewaltsam durchgesetzt, die Falschen können sich freuen, und alle Prozesse laufen weiter ab, in dieser unruhigen Gegend.

Wie konkret die Bedrohung durch den Iran ist, der vielleicht vom Yemen aus ein paar Raketlein auf unser garstig Haupt schießen will, kann ich nicht einschätzen. Man hört es ungern, Anzeichen für De-Eskalation gibt der Iran auch nicht, andererseits – was hätten sie jetzt davon? Sie möchten doch bestimmt warten, bis sie eine nette, pummelige Atombombe haben, damit es sich auch lohnt.

Ja, Bibi ist noch am Steuer, aber einen richtigen Kurs kann er nicht einschlagen, denn er weiß nicht, wer in einem halben Jahr das Steuer übernimmt. Ich tippe darauf, daß er es nicht mehr sein wird – er hat es dreimal nicht geschafft, die benötigte Mehrheit zu schaffen, warum sollte er es nach einem CHALILA dritten Wahlgang schaffen? (Ja, dreimal: 1. nach dem Abspringen Liebermans, deswegen wurden Wahlen nötig – 2. nach dem Wahlen im Frühling und 2. jetzt).

Es ist eine Situation, wie ich sie noch nie erlebt habe, und ich habe schon einiges hier erlebt. Das Leben läuft normal weiter. Ich genieße meine Arbeit, verliere regelmäßig gegen Quarta im Mensch-ärgere-dich-nicht (wir spielen das noch immer obsessiv – auf dem Sechserfeld, jede von uns mit drei Farben, immer dieselben, und ich habe in all den Jahren nur EIN jämmerliches Mal knapp gewonnen!), trinke morgens Kaffee und abends Tee mit meinem geliebten Mann, und lebe zufrieden wie ein Eichhörnchen in seinem mit Büchern vollgestopften Kobel. Und so leben alle, die ich kenne, normal weiter, im Gegensatz zu anderen Krisenzeiten, wo die tägliche Routine deutlich gestört war. Mal durch Gasmasken und Alarme, mal durch ständige Attentate, mal durch Angst um Kinder in Uniform. Diesmal ist es nicht so.

Aber der Irrsinn, daß ausgerechnet dieses Land seit einem Jahr keine funktionsfähige, stabile Regierung hat, liegt knapp unter der Oberfläche. Egal wo die Leute politisch stehen, die ich kenne – keiner will ein drittes Mal Knesset-Wahlen. Irgendwas muß geschehen. Aber schnell.

 

 

Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Zwei Jahre Oktober 5, 2019, 17:10

Posted by Lila in Land und Leute.
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dienen die jungen Frauen in der Armee, und das ist gerade genug. Das dritte Jahr, das die jungen Männer mehr dienen, zieht sich furchtbar lang hin – aber zwei Jahre für die Allgemeinheit geben, das ist vertretbar.

Die IDF hat zwei Arten von Laufbahnen, ganz grob eingeteilt: kämpfende und nicht kämpfende Einheiten. Der Dienst bei den kämpfenden Einheiten ist deutlich härter, die Grundausbildung länger und die Bedingungen spartanischer. Meine Söhne haben in kämpfenden Einheiten gedient (beide als Sanitäter), und ich habe ja im Laufe der Zeit genug darüber geschrieben, wie schwierig das war. Für mich (im Leben keine Uniform getragen außer Arbeitsklamotten als Volunteer im Kibbuz)  – für meinen Mann (der als ganz frischer Rekrut in den Libanonkrieg I eingezogen wurde und insgesamt fünf Jahre im Libanon verbracht hat und nicht darauf brennt, daß seine Kinder Ähnliches mitmachen) – und für die Söhne natürlich am allermeisten. Ich bin froh, daß die Zeit hinter uns liegt. Secundus macht noch ziemlich viel Reservedienst, aber zum Lohn dafür bekommt er auch ein Stipendium an der Uni, und außerdem macht es ihm auch Spaß.

Es gibt auch Frauen in kämpfenden Einheiten, und Quarta hat sich eine Zeitlang überlegt, sich für eine solche Laufbahn zu bewerben. Aber auch nicht-kämpfende Truppen haben wichtige Funktionen, und an ihrer Schwester konnte sie sehen, wie viel man bei der Armee lernen und machen kann. Mir kommt es manchmal vor, als wäre die Armee der Jungens und die Armee der Mädchen etwas vollkommen Verschiedenes. Die Jungen kamen erschöpft, verschwitzt und übermüdet wieder – die Mädchen voll Erlebnisse von Kursen, Freundschaften und Verantwortung.

Weil mir diese ganze Armee-Welt immer noch fremd ist, im Gegensatz zu fast allen anderen, die ich hier kenne, habe ich mit großem Interesse eine Doku-Serie über eine gemischte Einheit gesehen, die auch so heißt: Gemischte Einheit, Yechida Me-urevet, leider nicht mit englischen Untertiteln.

 

Trotz der kritischen Kommentare meiner Familie habe ich die ganze Serie angeguckt. Mein Mann hat über die Anforderungen in der dargestellten Einheit nur gelacht – bei den Fallschirmjägern anno 1981 ging es wohl in der Grundausbildung ganz anders zur Sache. Meine Töchter haben nur gestöhnt, daß sie froh sind, nicht zu einer kämpfenden Einheit gegangen zu sein. Und die Söhne meinen, diese ganze Riesen-Motivation, mit der auch sie angefangen haben (rabak nennt man das auf Ivrit, oder mur´al), ist nur eine Illusion, aus der die Soldaten schnell aufwachen.

Trotzdem fand ich es interessant zu sehen, mit wie viel Vorurteilen die Mädchen zu kämpfen haben, bis sie sich dann durchsetzen. Ich hätte nicht erwartet, daß so viele junge Israelis noch immer glauben, die Frauen können es eben nicht, denn gerade hier haben Generationen von Frauen doch bewiesen, daß sie es können. Natürlich, einige geben auf, genauso wie die Männer. Ich bewundere gerade die, denen es schwerfällt, und die doch durchhalten.

Die Serie zeigt die Grundausbildung, die einzige Zeit, in der die IDF eine Distanz zwischen Befehlsgebern und -empfängern aufbaut. Diese Distanz fällt nach Ende der Grundausbildung, und dann sind die Hierarchien deutlich flacher und der Umgangston ohne Formalitäten. Aber der Übergang vom zivilen zum militärischen Leben ist harsch und deutlich, wie wohl in allen Armeen.

Für Quarta war es natürlich ganz anders. Ihre Grundausbildung war kurz und hat ihr großen Spaß gemacht. Wir waren beim feierlichen Abschluß, und die Atmosphäre war nett und locker. Danach machte sie eine Ausbildung, wo dann nur noch Mädchen waren, und das ging Quarta auf die Nerven. Sie fand es in der Grundausbildung, wo Jungen und Mädchen zusammen waren, viel entspannter. Ihren Job machte sie dann sehr gut und wurde auch befördert, aber ein Angebot, noch ein Jahr dabeizubleiben, hat sie abgelehnt. Sie hatte genug von Bürojob, egal wie interessant, und einer Arbeitsumgebung von fast nur weiblichen Mitarbeiterinnen.

Die Basis, in der sie gedient hat, ist ganz neu. Sie heißt Base Ariel Sharon und wurde innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft, im Negev, und die vielen verschiedenen Ausbildungsbasen aus ganz Israel wurden dort zusammengelegt.

Hier auf Englisch dargestellt in einem Film für die amerikanischen Friends of the IDF, und auch auf Hebräisch gibt es Clips.

Sieht ja soweit alles ganz schick und neu aus, bestimmt kein Vergleich mit den schäbigen Unterkünften, in denen wir die Söhne manchmal besucht haben… Tertia, die bei der Luftwaffe gedient hat und bestimmt nicht über die Bedingungen dort klagen konnte, meinte, so einen luxuriösen Dienst wie Quarta hätte sie auch gern gehabt. Aber Quarta meint, das Essen ist gräßlich und die Fahrt so lang. Und überhaupt.

(Es ist mir ein Rätsel, wieso IDF bei einer Familie, die so weit im Norden lebt, alle vier Kinder südlich von Beer Sheva schickt, während die Kinder von Bekannten aus Beer Sheva hier oben an der Grenze  zum Libanon dienen – vermutlich gibt es extra ein Team von drei mürrischen Offizierinnen, die dafür sorgt, daß die jeweils maximale Kilometerzahl zum Elternhaus erreicht wird, was bei einem kleinen Land gar nicht so einfach ist.)

Quarta hat aber trotzdem nicht viel Grund zur Klage. In der Riesen-Basis dienten ihre Schulfreundinnen mit ihr und eine Zeitlang auch ihre gleichaltrige Cousine. Sie hat viel gelernt, Verantwortung getragen und ihren Freundeskreis erweitert.

Die bohrende Sorge, die ich um die Söhne hatte, hatte ich um sie nicht. Selbst wenn sich hier wieder mal die Wolken zusammenzogen und man mit Angriffen aus Syrien oder Libanon oder Schlimmerem rechnen mußte, dachte ich immer: in ihrer Basis ist sie besser aufgehoben als hier bei uns. Bei den Söhnen dagegen hatte ich immer Ynet aktuellste Nachrichten auf dem Internet offen, oft neben dem Bett, und habe immer Radio gehört. Einfach weil ich wußte, besonders im Fall von Secundus: wenn es heißt, „Unruhen in Hebron“, dann ist er dabei, „Unruhen an der Grenze zum Sinai“, dann ist er dabei, und „Armee versammelt sich am Übergang in den Gazastreifen“, auch dann ist er dabei. Um die Mädchen habe ich die Normal-Sorge, diese Währung, in der man für jede Freude zahlt, die man an Kindern hat. Bei den Söhnen kam während ihres Wehrdiensts eben noch diese ganz besonders unerträgliche innere Unruhe hinzu. Daß Quarta mir das erspart hat, kann ich nicht bedauern.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir sie vor zwei Jahren zum Marine-Museum in Haifa gebracht haben, wo eine kleine Feier stattfand, für die neuen Rekruten. Es gab Kaffee an kleinen Tischen. Quarta und ihre beste Freundin stiegen dann zusammen in den Bus, die Eltern winkten und die Busse fuhren. Wir wußten damals nur ungefähr, wie es für sie weitergehen würde. Dann kam die Zeit der Grundausbildung, die für Quarta wie eine Art Sommercamp war, und dann die fachliche Ausbildung. Keine Härten, jedes Wochenende zuhause, oft auch mitten in der Woche ein freier Abend (wo sie oft bei einer Freundin in Tel Aviv war, weil der Weg bis nach Hause zu lang gewesen wäre).

Donnerstags bis Shabat frei heißt bei der Armee übrigens chamshushyom chamishi ist der 5. Tag, also Donnerstag, shishi ist der 6., also Freitag, und Shabat. Chamishi, shishi, shabat – zusammengezogen zu chamshush. „Sie hat chamshushim„, meinten die Geschwister bedeutungsvoll, denn sie hatten es nicht so gut.

Überhaupt ist die Armeesprache voll mit solchen Abkürzungen. Sofash ist ein Wochenende (sof shavua), sakash ein Schlafsack (sak sheyna), galchaz ist die gründliche Reinigung (giluach rechaza), pazam hat man, wenn man länger dabei ist (perek zman memushach – eine längere Zeitspanne), und bahad ist die Ausbildungsbasis (basis hadracha) – weswegen Quartas Basis auch Ir ha-bahadim genannt wird, die Stadt der Ausbildungsbasen.

Ich habe jetzt also auch pazam als Soldatenmutter. Und morgen lassen sie mich zum ersten Mal rein in die Ir ha-bahadim, bin sehr gespannt.

 

Plonter September 27, 2019, 14:20

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Die Medien hier nennen das Patt zwischen Likud und Blau-Weiß „ha-plonter ha-politi“, die politische Zwickmühle. Ein hübsches jiddisches Wort für einen Albtraum. Ich weiß nicht, niemand weiß, wie lange es noch so weitergehen soll. Israel ist weltanschaulich und politisch nicht einfach in zwei sauber voneinander zu trennende Lager geteilt, das ist kein Land. Es gibt viele verschiedene Gruppen, und manche sehr verschiedene Gruppen haben gemeinsame Interessen und können miteinander Politik machen.

Das israelische Wahlsystem ist auf Koalitionen ausgelegt. Hier wird nicht der Premierminister gewählt, sondern eine Partei. Die 120 Sitze in der Knesset werden nach Parteienstärke verteilt, und die Partei, die die besten Aussichten hat, eine Regierung zu bilden, wird vom Präsidenten damit beauftragt. Nicht immer ist das die Partei mit den meisten Sitzen.

Vor zehn Jahren hatte Zipi Livni mehr Stimmen als Netanyahu, aber da die ultra-orthodoxen Parteien nur mit Netanyahu koalieren wollten, hatte sie keine Chance, eine Regierung zu bilden. Diesmal ist es ähnlich.

In der Vergangenheit gab es mehrmals sog. Regierungen der nationalen Einheit, was man in Deutschland Große Koalitionen nennen würde. Ich weiß, daß das in deutschen Ohren fürchterlich klingt, weil Große Koalitionen oft für Stillstand stehen. Vergeßt aber die Assoziationen aus Deutschland, in Israel läuft es anders, und es hat schon überraschend glatte Zusammenarbeit unerwarteter Partner gegeben. Da sich die Parteienlandschaft auch dauernd ändert (Blau-Weiß z.B. ist eine ganz neue Partei, ein Zusammenschluß von drei ebenfalls neuen Parteien, von der nur eine, Yair Lapids Yesh Atid, parlamentarische Erfahrung hat), sind Bündnisse über Parteigrenzen hinweg eher möglich.

Diesmal wäre eine Koalition von Likud und Blauweiß eigentlich eine gute Idee. Likuds Regierungserfahrung und Blau-Weiß´ neue Ideen und kompetente Leute hätten viele gern zusammen in einer Regierung gesehen, auch ich. Es wäre zwar theoretisch möglich, eine Regierung mit einer sehr schmalen Mehrheit zu bilden, aber wie schnell das in die Binsen gehen kann, haben wir oft genug gesehen. Wenn ein Regierungschef nur 61 oder 62 Stimmen in der Knesset hat, wird jede kontroverse Abstimmung zur Zitterpartie. So sind hier schon mehrere Regierungen zerbrochen.

Lieberman z.B. hat Netanyahus Entscheidung, nicht gegen den Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen härter durchzugreifen (was nur zu einer weiteren „Runde“ dort geführt hätte, aber vermutlich den Menschen in Sderot auch nicht geholfen hätte), nicht mitgetragen, ist aus der Koalition ausgeschieden, und die Regierung ist kurz danach ganz in die Brüche gegangen. Die Wahlen im April 2019 waren das Ergebnis.

Lieberman wollte im April nicht wieder in eine Koalition mit Bibi einsteigen, und der, aus Angst, der Präsident könnte als nächsten Gantz mit der Koalitionsbildung beauftragen, löste schnell die Knesset auf. So kam es zu den Wahlen im September.

Doch das Patt besteht weiter.

Oh seufz, hier habe ich es aufgegeben, ihr könnt in jeder Zeitung lesen, wie unmöglich eigentlich eine Regierungsbildung ist. Jede Partei ist auf einen Baum geklettert, von dem sie kaum runterklettern kann. Amir Peretz hat sogar die kläglichen Überreste seines einst prächtigen Schnäuzers abrasiert, damit man im von den Lippen ablesen kann:

Orli (von der Gesher-Partei) und er werden NIE mit Netanyahu in einer Regierung sitzen (er hätte wohl besser „nie wieder“ gesagt, denn beide haben schon in solchen Regierungen gesessen).

Lieberman will nicht mit den Ultra-Orthodoxen sitzen und diese nicht mit ihm. Er wird auch nicht mit Blau-Weiß koalieren, wenn die von der Arabischen Liste gestützt wird, und die Arabische Liste hat Gantz´ Kandidatur nur zu Teilen unterstützt. (Daß es allerdings eine solche Empfehlung gab, ist ein erster großer Schritt für die arabischen Parteien – zumindest drei von ihnen. Bisher haben sie sich aus lauter Antizionismus selbst von der politischen Verantwortung isoliert, mit dem Ergebnis, daß arabische Bürger ebenfalls entweder nicht gewählt oder aber zionistische Parteien gewählt haben, in denen es auch arabische Politiker gibt – oder andere, für die das Wohlergehen der arabischen Bürger Priorität hat.)

So hat jede Partei ihr Blümlein Rührmichnichtan, an das sie auf gar keinen Fall näher rankommen will.

Doch der wahre Knackpunkt liegt bei Bibi. Blauweiß und Likud könnten sich sehr wohl verständigen. Sie haben eine große Schnittmenge – so wie ich es sehe, ist die Schnitt- größer als die Differenzmenge. Gantz und Bibi haben gut zusammengearbeitet, als Gantz unter Bibi Ramatkal war (Generalstabschef), und auch zwischen Bibi und Bogie (Moshe Yaalon), ebenfalls früherer Ramatkal und Verteidigungsminister, lief es eine ganze Weile recht glatt.

Mit Yair Lapid kann er weniger gut, aber ich selbst habe die kurze Koalition von Lapid und Netanyahu genossen, weil wir endlich wieder einen guten Bildungsminister hatten – Shai Piron aus Lapids Partei. Gut, das hat nicht lange gehalten.

(Ich erwähne hier nur Personalfragen, denn inhaltlich ist die Übereinstimmung so groß, daß Gantz vermeidet, genau zu sagen, WAS er denn anders machen würde als Bibi…)

Aber jetzt will keiner links von Likud mehr mit Bibi zusammensitzen. Obwohl es möglich ist, daß sich mehrere der Vorwürfe gegen Netanyahu am Ende in Luft auflösen, ist es eher unwahrscheinlich, daß das mit ALLEN Vorwürfen geschieht. Ich bin keine Juristin, ich bin auch gern bereit zu glauben, daß manche Journalisten übereifrig sind und uns als riesige Skandale verkaufen, was in Wirklichkeit kleinere Wellenringe sind – der Fall Effi Naveh war so eine Geschichte. Damals habe ich noch Nachrichten auf Kanal 12 geguckt (wegen solcher Sachen habe ich damit aufgehört), und wow, was haben die für ein Geraune und Getue veranstaltet, man hätte denken können, die ungenannte Person im Brennpunkt eines Skandals würde die Grundfesten des Staats erschüttern. Dabei war es ein häßlicher und wichtiger, aber nicht weltbewegender Skandal in der juristischen Welt.

Ich schließe also nicht aus, daß auch aus den Vorwürfen gegen Netanyahu am Ende nicht viel bei rauskommt. Ja ich kann sogar verstehen, daß Bibi sich wahnsinnig darüber ärgert, wenn Geschichten über ihn aufgeblasen werden. Am liebsten würde er einfach weitermachen, weil er sich für den besten aller möglichen israelischen Premierminister hält, und die Vorwürfe gegen ihn sind nur ein paar kleine Hundeköttel, über die er hinwegschreiten möchte auf seinem Weg zum israelischen Pantheon.

Aber leider steht es weder Netanyahu noch Kanal 12 noch auch mir zu, die Vorwürfe einzuordnen und ein Urteil zu sprechen. Das wird die Justiz tun.

Außerdem verstoßen einige der ans Licht gekommenen Geschichten eindeutig gegen Verhaltensnormen, auch wenn sie nicht per se justiziabel sind. Wenn auch nur ein Zehntel der Geschichten darüber stimmt, wie dreist sich Bibi und Sarah um Geschenke und Freebies aller Arten bei ihren Millionärsfreunden angestellt haben, dann möchten viele Israelis sich nicht mehr von diesem hedonistischen Paar vertreten sehen. Und die Aussagen von Milchen oder Miriam Adelson sind einfach nur peinlich beim Lesen. Irgendjemand muß sich die Netanyahus mal zur Brust nehmen und ihnen erklären, daß man sich  nicht so verhält, nein, das macht man nicht.

Viele Israelis (besonders aus der Gegend um Tivon, Saras Heimatstadt) glauben, daß sie es ist, von der dieses Verhalten ausgeht, und Aussagen vieler ehemaliger Mitarbeiter scheinen das zu untermauern. Aber sie ist nicht gewählt, sondern Bibi, und er trägt die Verantwortung dafür. Mir ist es zu einfach: Sara ist die Verrückte und Bibi ein super Staatsmann.

Bibi lacht Gantz aus, weil dessen Telefon angeblich von den Iranern angezapft wurde – „wie soll ein Mann, der nicht mal auf sein Telefon aufpassen kann, auf Israel aufpassen“, tönt er. Aber wie soll ein Mann, der die Ausgaben in seinem eigenen Amt und Haushalt, das Verhalten seiner Familie (incl. Yairs berüchtigte Twitter-Anfälle), das Verhältnis zu reichen und berühmten „Freunden“ nicht unter Kontrolle hat, Israel würdig vertreten? Geht doch alles nicht zusammen.

Es gibt viele Leute hier in Israel, für die ist Bibi einfach der König und er darf alles. Meine Friseurin ist eine reizende junge Frau und ich mag sie sehr, aber wenn sie anfängt über Bibi zu reden, mach ich einfach die Ohren zu. Oder versuche es. Also, Bibi wird ja von den Medien übelst verleumdet. Daß Bibi selbst die Dinge über Journalisten, Justiz, Polizei und sogar den Präsidenten gesagt hat, die viele gesetzestreue Israelis die Palme hochtreiben, weiß meine Friseurin nicht, weil sie keine Nachrichten guckt und keine Zeitung liest. Ihre Eltern haben ihr irgendwann gesagt, daß Likud Zuhause bedeutet und ihr Mann, selbst Polizist, stört sich nicht an Bibis Ausfällen.

Ich selbst habe ja eine gestufte Meinung zu Bibi. Im grünen Bereich sind (trotz einiger Abstriche – Trumps Pudel…) sein außenpolitisches Geschick und sein Unwille, in eine riesige militärische Auseinandersetzung einzusteigen. Im gelben Bereich sein mangelndes Interesse an sozialen Themen und seine Art, wichtige Ministerien und Themen rein als Einflußgebiete, also machtpolitisch, zu behandeln – darüber klage ich ja oft, wie sehr Landwirtschaft, Bildung, Pflege, Gesundheitswesen etc vernachlässigt worden sind, wie sehr diese Themen einfach von einem zum anderen geschoben wurden. Aber das hat er wohl mit vielen anderen Politikern gemeinsam.

Eindeutig im roten Bereich aber sind für mich die Vorwürfe gegen ihn, die erst ausgeräumt werden müssen, bevor ein Mandat hat.

Was Netanyahu einst über Olmert sagte: daß ein Mann, er bis zum Halskragen in juristischen Verwicklungen steckt, ein Land nicht führen kann, all das trifft jetzt Wort für Wort auf ihn zu.

Und darum wäre die einzige Möglichkeit, diesen Plonter dauerhaft aufzulösen – um eine funktionsfähige Regierung auf die Beine zu stellen, die nicht beim ersten Konflikt an den Nähten zerreißt – eine Koalition von Likud und Blau-Weiß, aber ohne Netanyahu. Dahin führen zwei Wege.

Erstens ist es denkbar, theoretisch, daß ein paar Likudniks, denen Netanyahus Festhalten an der Macht um jeden Preis schon lange gegen den Strich geht, sich gegen ihn auflehnen. Entweder Urwahlen fordern oder aber die Fraktion spalten – wie unter Sharon geschehen, der einen Teil der Likudniks mitnahm. Allerdings ist die Likudpartei normalerweise sehr loyal ihren Köpfen gegenüber, und da Bibi viele blinde Anhänger hat wie meine Friseurin, wäre das eine gefährliche Strategie. Ich glaube nicht, daß sie es tun würden – Netanyahu hat ja mit Absicht keinen Nachfolger herangezogen und er traut niemandem, nicht mal den größten Schmeichlern.

Zweitens wäre es theoretisch denkbar, daß Netanyahu selbst einsehen könnte, daß ER es ist, der Israel zum zweiten Mal an die Wahlurne getrieben hat und dafür gesorgt hat, daß wir seit einem Jahr keine funktionierende Regierung haben. Er könnte ein Einsehen haben, eine schöne Rede halten wie einst Olmert, von allen Ämtern zurücktreten, sich von der Politik zurückziehen und mit seinen Rechtsanwälten den Kampf um seine Unschuld und seinen guten Namen aufnehmen.

Aber Bibi wäre nicht Bibi, wenn er das täte.

Er möchte nicht nur die Macht in Händen halten, weil er andere für unfähig hält, dieses Amt zu erfüllen – weil er es für sein Recht hält, Israels König zu sein – weil er echte Sorge hat, daß niemand den Eiertanz zwischen Putin und Trump, Assad und Rouhani zu vollziehen – sondern auch, weil er eine politische Machtposition braucht. Sein Plan war, sich mit einer Mehrheit von 61 Stimmen eine Immunität zu besorgen, an der die Vorwürfe zerschellen müßten.  Dann hätte Generalstaatsanwalt Mandelblit (den übrigens Bibi in sein Amt gehoben hat, weil er dachte, Mandelblit würde es ihm irgendwie danken….) keine Handhabe gegen ihn gehabt.

Doch Mandelblit, früherer Kabinettssekretär Bibis, ist fest entschlossen, ihn vor Gericht zu bringen, wenn nötig. Und ich muß sagen, daß Bibis absolute Entschlossenheit, das zu verhindern, bei juristischen Laien wie mir eher den Eindruck erwecken, daß er etwas zu verbergen, etwas zu befürchten hat.

Hier ein bißchen mehr über Mandelblit. Man kann nicht anders als ihn respektieren. Er steht unter Druck von allen Seiten, Bibisten und Anti-Bibisten.

Bibi trifft also in der heutigen Situation lauter Leute wieder, denen er mal sehr verbunden war, ja die er gefördert hat, die aber irgendwann im Krach von ihm geschieden sind. Lieberman, Ayelet Shaked (die der Likud viele Mandate hätte bringen können, wenn Netanyahu sie nur mit auf die Liste genommen hätte), Barak (der es zwar nicht in die Knesset geschafft hat, dessen Manöver im Wahlkampf aber viel Aufmerksamkeit bekamen und dessen Partei ein Dorn in Netanyahus Seite ist), Rivlin, den er politisch beiseitegedrängt hat…

Barak ist der einzige, der Netanyahu mal übergeordnet war – er war sein Commander in der Armee und hat ihn auch mal bei den Wahlen geschlagen. Alle anderen haben ihre Karrieren unter Netanyahu begonnen. Vielleicht kein Wunder, daß er niemandem traut. Er weiß, daß sie alle schon darauf warten, ihre Karrieren ohne ihn fortzusetzen. Aber so ist das nun mal in einer Demokratie. Die Queen hat diese Probleme nicht (dafür hat sie andere).

Was soll also jetzt passieren? Keine Konstellation ergibt stabile 61 Sitze.

Aber dritte Wahlen, die darf es einfach nicht geben.

Eine Frage, keine Antwort. Bisher September 27, 2019, 12:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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In den letzten Jahren habe ich oft und unermüdlich bei Twitter, aber auch hier die Frage gestellt:

Warum hat Abu Mazen Olmerts Angebot abgelehnt?

Es ist natürlich nicht das erste oder einzige Angebot für eine Friedensregelung gewesen, aber es war vermutlich das beste. Das muß Abu Mazen auch klar gewesen sein. Eigentlich hat er es nicht mal abgelehnt, sondern einfach nur nie darauf geantwortet. Später erst hat er zugegeben, daß das eine Ablehnung war.

Saeb Erekat, der in den deutschen Medien als „Chefunterhändler“ immer noch Prestige genießt, bezeugt dieses Angebot.

Wie Palwatch ganz richtig resümiert, werden die Palästinenser in absehbarer Zeit kein besseres Angebot bekommen. Warum haben sie es also abgelehnt? Wem Twitter für seine Antwort zu kurz ist, der kann sie gern in den Kommentaren niederlegen.

(Olmerts Bitterkeit im Rückblick ist verständlich, aber zum Thema israelische Justiz und Politik schreib ich vielleicht später mal was – nur so viel, die israelische Justiz hat ein extrem scharfes Auge auf die Politik, und Olmert wußte das.)

Netanyahu und die israelischen Medien September 19, 2019, 17:17

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Netanyahu bringt immer wieder die Klage vor, daß „die Medien“ gegen ihn seien und überhaupt ganz und gar links unterwandert. Ich halte diese Klage für unbegründet. Im Gegenteil gefällt mir bei den israelischen Medien eine Vielfalt der Meinungen, zu fast allen Themen, wenn kommentiert wird. Und es gibt auch Journalisten, bei denen man merkt, daß sie ihre Meinungen nicht nach Schema X aus der Schublade nehmen, sondern eine professionelle Distanz bewahren. Insgesamt ist es ziemlich leicht zu erkennen, ob ein Journalist berichtet oder kommentiert.

Was Zeitungen angeht – ich empfehle gern die Übersicht englischer Artikel, immer aktuell, von Rotter.net. Dort geht es von eher „rechten“ (nationalreligiös geprägten) Medien wie Arutz 7 und der anglo-sächsischen Jerusalem Post über die „Mitte“ (Ynet, Times of Israel) bis zur „linken“ (säkular-urbanen) Haaretz. Wobei für Haaretz auch eher konservative und für JPost auch eher linke Journalisten schreiben. Wenn man zu einem Thema Artikel und Kommentare mehrerer Zeitungen liest, hat man automatisch mehrere Gesichtspunkte. Und das sollte man ja sowieso tun. Also, diese Seite kann ich wirklich empfehlen, denn man hat ganz bequem die Links zusammen, auch wenn sie optisch etwas rustikal wirkt.

Wer kein Ivrit versteht, der hat es schwerer, sich ein Urteil über die israelischen Fernsehsender zu machen – die englischsprachige Berichterstattung kenn ich gar nicht mehr, und sie ist auch eher marginal.

Insgesamt gibt es hier drei große Fernsehsender, deren politische Berichterstattung und Nachrichtensendungen um die Zuschauer konkurrieren. Die ganze Fernsehlandschaft in Israel hat mehrere große Umwälzungen mitgemacht, ich beziehe mich auf die aktuell beliebten Sender.

Kan11 ist der Sender, den ich am liebsten sehe. Es ist der öffentlich-rechtliche Sender und hat viele gute Sendungen im Angebot, die ich manchmal im Internet angucke, wenn ich sie verpaßt habe. Seine Optik ist eher schlicht, man kann jederzeit live im Internet zugucken, und es gibt dort nicht wenige Kipa-Träger, von denen einige offen konservativ sind (Erel Segal), andere neutral und kompetent. Die Expertin für militärische Themen, Carmela Menashe, ist mir bei dem Thema am liebsten.

Bei Mako kann man die Nachrichten von Kanal 12 sehen, Nachfolger des ersten privaten Kanals in Israel, Kanal 2. Ich glaube, Kanal 12 ist am beliebtesten, die Journalisten sind am bekanntesten und insgesamt haben einige von ihnen ausgesprochene Kritik an Netanyahu geäußert, weswegen sie oft als Beispiel für das „abgekartete Spiel“ der Medien zitiert werden. Aber sie fassen auch linke Politiker nicht mit Samthandschuhen an. Allerdings ist einer ihrer deutlichsten Kommentatoren, Amnon Abromovitch, auch deutlichster Kritiker Netanyahus.

Kanal 13 ist Nachfolger des früheren Kanal 10 und ich sehe ihn seltener (sehe überhaupt praktisch nur Nachrichten und dann Kan11, weil die im Internet senden), aber auch dort ist das Meinungsspektrum gemischt.

Wer sich nur von Haaretz und Kanal 12 ernährt, hört allerdings mehr Kritik an Netanyahu als Lob, aber es reicht, einmal Segal und Liebeskind auf Kan11 zuzuhören, oder aber im Radio Kobi Ariel und Irit Linur, und schon hat man auch andere Stimmen.

Insgesamt finde ich Netanyahus Kritik unberechtigt, obwohl ich verstehen kann, daß es ihn ärgert, wenn seine verschiedenen Eskapaden von Satiresendungen auf die Schippe genommen werden.

Vor zwei Jahren, Eretz Nehederet (Ein wunderbares Land) – was wie Klamauk aussieht, hat einen ziemlich scharfen Text, der ein paar von Bibis typischen Reaktionen auf Vorwürfe zitiert.

Aber vor zehn Jahren hat dieselbe Sendung nicht nur Bibi, sondern ebenso Peretz und Olmert aufs Korn genommen.

Und daß es Bibi nicht wirklich stört, wenn er brilliant kopiert wird, weil er weiß, daß er das auch für sich nutzen kann, sieht man an seinem Auftritt sowohl bei Eretz Nehederet

als auch bei Lior Shlain, wo er ebenfalls regelmäßig durch den Kakao gezogen wird.

Netanyahus Umgang mit diesen Satiresendungen ist nicht ungeschickt, und er macht das eigentlich ganz souverän.

Viel problematischer ist, daß er keine Interviews gibt, nur kurz vor den Wahlen. Auch bei Pressekonferenzen wimmelt er die Journalisten gern ab. Und wenn er Journalisten verärgert, dann machen sie sich irgendwann Luft.

Ein Teil der Vorwürfe gegen Netanyahu haben auch mit den Medien zu tun – nämlich, daß er sich positive Berichterstattung einer beliebten News-Seite im Internet verschafft haben soll (der sog. Fall 4000). Darüber wird natürlich relativ viel berichtet, weil es die Journalisten selbst interessiert.

Es ist möglich, daß er vorverurteilt wird, bzw daß sich hinterher vor Gericht Vorwürfe in Luft auflösen, weil sein Verhalten nicht gegen Gesetze verstieß – trotzdem ist vieles davon diskussionswürdig. Und anderen Politikern ging es nicht besser, wenn sie unter Verdacht gerieten. Sie stießen öffentliche Diskussionen an. Die israelische Justiz verfolgt, soweit ich es beurteilen kann, scharf, besonders Politiker.

Es wird ihn auch geärgert haben, daß eine Aufnahme in miserabler Qualität gesendet wurde, wo man hört, wie seine Frau am Telefon einen Redakteur anblafft, weil sie sich nicht positiv genug dargestellt sah. Ich kann sogar verstehen, daß es sie nervt, als Psychologin mit M.A., immer wieder als Ex-Stewardess erwähnt zu werden, aber die Aufnahme ist peinlich. Vielleicht wäre sie in einem anderen Fall nicht veröffentlicht worden, aber Sara Netanyahu ist beliebte Zielscheibe von Journalisten, die sich an Bibi selbst nicht drantrauen. Daß sie zu dem Thema mehrere Interviews gegeben hat, in denen sie sich über die Berichterstattung beschwert, hat leider nicht geholfen – da hält es die Familie Windsor mit „never explain, never complain“ wohl besser.

Selbst ihre Versuche, die Vorwürfe über einen luxuriösen Lebenswandel zu entkräften, indem sie einem bekannten Innenarchitekten zeigt, wie schlicht der amtliche Wohnsitz des Premierministers ist, wie in die Jahre gekommen, wurde zum Bumerang – jeder weiß, daß die Netanyahus eine Villa in Caesarea haben, und ihre Klagen über ausgefranste Teppiche, wie peinlich, wenn die Obamas kommen!, kam irgendwie nicht so rüber, wie sie es geplant hatte.

Eigentlich wurde nur Leah Rabin ähnlich angegriffen wie sie – Sonia Peres war praktisch unbekannt, Aliza Olmert als Malerin und Sozialarbeiterin eher respektiert als kritisiert, und überhaupt war vor den Netanyahus keine politische Familie so im Rampenlicht. Bei seinen Reden merkt man Netanyahu an, daß das seine Achillesferse ist – die Kritik an seiner Frau und seinen Söhnen empfindet er als unfair, weil diese nicht gewählt wurden und sich nicht aussuchen konnten, allgemein bekannt zu sein. Die Söhne kennen es gar nicht anders.

Avner, der jüngere Sohn, wurde von Demonstranten so persönlich angegangen, daß er sich vor Gericht dagegen wehrte. Er macht einen sensiblen Eindruck und scheint eher darunter zu leiden, daß seine Familie so bekannt ist. Ein Journalist erzählte, daß Avner ihm sagte, er würde nie Politiker werden wollen, weil das für die Familie unzumutbar ist – und typisch, daß dieser Journalist das nicht für sich behielt.

Der ältere Sohn dagegen, Yair, twittert und schießt bei der Verteidigung seines Vaters manchmal übers Ziel hinaus. Damit hat er sich in die öffentliche Arena begeben, und da er als engster Ratgeber seines Vaters gilt, ohne gewählt zu sein oder eine offizielle Funktion zu haben, ist er damit heute wohl der umstrittenste Netanyahu.

Wenn Netanyahu den Medien vorwirft, daß sie sich die Zähne an seiner Familie wetzen, dann entgegnen die Medien, daß er es war, der im amerikanischen Stil seine Familie erst in Szene gesetzt hat. (Außerdem kommen er und seine Frau aus bekannten Familien der ashkenasischen Oberschicht). Trotzdem kann ich verstehen, daß er deswegen grollt.

Aber was die Berichterstattung und Kommentare zu seiner Politik angeht, finde ich die Medien insgesamt fair. Zu allen Fernseh-Diskussionen werden auch mehr oder weniger eloquente Likud-Politiker eingeladen, die Netanyahus Standpunkt erklären. Daß ein Tribunal von linken Kommentatoren und Politikern den Stab über ihn bricht, ohne daß lebhaft widersprochen wird, ist jedenfalls nicht die Regel.

Man muß außerdem mehr als nur eine Quelle lesen oder hören. Das ist ja bei jedem Thema so.

 

Wahltag September 17, 2019, 20:57

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
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Wir sind im Deja-vu. Genau dieselben Phrasen, Versprechungen und gegenseitigen Vorwürfe haben wir im April schon gehört. In einer halben Stunde werden die Wahllokale geschlossen und die ersten Hochrechnungen (midgam) werden veröffentlicht. Nach der Peinlichkeit im April, als aufgrund von Hochrechnungen beide Kandidaten ihren Wahlsieg feierten, werden sie diesmal wohl vorsichtiger sein.

Von dem ganzen hektischen Irrsinn um die Wahlen haben wir heute wenig mitgekriegt, weil für die Familie ein Trauertag war. Wir standen traurig auf dem Friedhof im Kibbuz, um einen Jahrestag zu begehen. Heute genau vor einem Jahr haben wir auf tragische Art und Weise eine nahe und sehr geliebte Verwandte verloren. Und so war heute die ganze große Familie versammelt.

Nach dem Besuch des Grabs kam das gemeinsame Essen im Haus meines Schwagers, der noch im Kibbuz wohnt. Ich habe immer große Freude daran, wie der Tisch aussieht, auf dem wir alle mitgebrachten Sachen aufbauen. In Y.s Familie essen alle so wie ich – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Qinoa, Salate, Obst, alles frisch, alles leicht. Ein nicht geringer Anteil der Familie ißt wenig oder gar kein Fleisch, und ein Anteil der Jugend ißt vegan.

Alkohol wird bei diesen Treffen nie getrunken, anders als in der deutschen Familie, wo Wein, Sekt und Prosecco fließen, und zu Weihnachten auch die Feuerzangenbowle….

Nicht auszudenken, wenn ich in eine Familie eingeheiratet hätte, für die eine gute Mahlzeit aus Fleisch, Wurst und Sättigungsbeilage besteht! Gegen ein Gläschen Wein allerdings hätte ich nichts einzuwenden.

Die Familie, die nach der Shoah winzig war, hat sich inzwischen deutlich vergrößert. Alle Vettern, Cousinen, Nichten und Neffen im fortpflanzungsfähigen Alter sind glücklich verbandelt, und viele von ihnen haben energiegeladene Kinder aller Altersstufen, die froh sind, wenn sie im Kibbuz auf der Wiese toben können. Nichts hebt die Stimmung mehr als den Kindern zuzugucken. Tertia hat mit den Älteren Taki gespielt, ein Kartenspiel, und die Stimmung entspannte sich.

Irgendwann fingen dann alle an, von den Wahlen zu sprechen. Alle hatten gewählt. Die geborenen Kibbuzniks stellten fest, daß sie in den letzten Jahren sacht in Richtung Mitte abwanderten (obwohl es immer noch Meretz-Wähler in der Familie gibt ). Man erinnerte sich an die Mapam-Partei, der die Großeltern und eigentlich alle Kibbuzniks selbstverständlich angehörten. Aus Mapam wurde nach dem Zusammenschluß mit Ratz Meretz (alles Abkürzungen), und jetzt hat sich Meretz mit Baraks Partei zusammengeschlossen und das Ganze heißt „Demokratisches Lager“.

Die Eingeheirateten, die teilweise aus konservativeren Häusern kamen, hatten eine ähnliche Wanderung in Richtung Mitte hinter sich. Sonst diskutieren wir solche langsamen Wandlungen politischer Standpunkte eher selten, aber am Wahltag kam die Sprache ganz natürlich darauf. So haben also die meisten Blau-Weiß, einige auch Demokratisches Lager oder Arbeitspartei-Gesher gewählt. Es war eine sehr interessante Diskussion, die sich ähnlich bestimmt in vielen Familien abgespielt hat, egal was sie wählen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind heute nämlich umsonst und gearbeitet wird nicht, so daß viele Leute zusammen Ausflüge gemacht haben oder Familientreffen wie wir.

Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher und warten auf die Hochrechnungen der drei großen Fernsehsender. Es geht um viel. Netanyahu kämpft um mehr als seine politische Karriere. Ohne den Rang als Premierminister gibt es keine Möglichkeit, seinen Vorladungen und Anhörungen eventuell auszuweichen. Aber bei aller Anerkennung für sein Geschick im Eiertanz des Nahen Ostens, für seine Entschlossenheit bei der Verteidigung gegen den vom Iran inszenierten Schattenkrieg, für seinen Verdienst bei der Verbesserung von Israels internationalem Einfluß in vielen früher unerreichbaren Ländern (für die wir mit Verlust anderer Freundschaften zahlen….) – wir alle können und wollen ihn nicht mehr sehen.

Ich bin dafür, daß ein Premierminister nicht öfter als zweimal gewählt werden darf. Ein andermal schreibe ich mal mehr darüber, warum ich bei der Anerkennung seiner Verdienste Netanyahu trotzdem für destruktiv halte. Aber jetzt gucken wir die Hochrechnungen. Das wird eine lange Nacht. Immerhin haben wir gut gegessen. Haltet uns die Daumen.

Unwissenheit oder Kalkül? September 16, 2019, 9:43

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wieder einmal setzt ein palästinensischer Politiker historisch ganz früh an, um den Juden jede Verbindung zum Land Israel abzusprechen. Diesmal ist es der PA-Kulturminister Atef Abu Saif, der erklärt, daß die Juden erst neulich hier angekommen sind und ihre Geschichte schlicht erfunden haben. Hingegen die Palästinenser! Sie sind die Nachfahren der historischen Kanaaniter.

Daß es nicht den geringsten Beweis dafür gibt, keinerlei kulturelle oder sprachliche Spuren der Kanaaniter in der modernen palästinensischen Identität, das stört weder ihn noch seine Zuhörer. Heutige Palästinenser tragen arabische oder christliche Namen, sie feiern muslimische oder christliche Feste.  Es handelt sich also um eine schlichte Fiktion, noch abwegiger als Felix Dahn Inanspruchnahme der Ostgoten als ferne Ahnen der Gründerzeit-Deutschen.

Weitaus wahrscheinlicher ist ja historisch, daß viele der heutigen Palästinenser in einer der großen arabischen Einwanderungswellen aus anderen Ländern gekommen sind, z.B. der arabischen Halbinsel. Oft läßt sich das ja sogar am Familiennamen ablesen (Hallabi – aus Aleppo, al-Masri, aus Ägypten etc). Außerdem kann man sich ja mal fragen, woher auf einmal in der Zeit der muslimischen Eroberung die vielen Muslime kamen. Aus Drachenzähnen werden sie ja wohl kaum gesät worden sein, sondern es waren Konvertiten – und so wie manche Juden zum Christentum konvertiert sind, werden wohl auch viele muslimisch geworden sein. Was auch erklären würde, warum sich Juden und Palästinenser genetisch ähneln.

Die sprachliche, kulturelle und religiöse Kontinuität des Judentums und jüdischen Volks jedenfalls sind unbestreitbar bezeugt, über Jahrhunderte hinweg, und wurden auch nie bestritten, außer eben in den letzten Jahrzehnten durch Gegner des Staats Israel.

Vor der Staatsgründung Israels gab es eine einflußreiche Gruppe von Künstlern und Autoren, die sich Kanaaniter nannten – weil sie sich von der Kultur der Diaspora absetzen wollten und die Wurzeln des Judentums in lokalen, polytheistischen Kulturen suchten.

Itzhak Danzigers Skulptur Nimrod aus dem Jahr 1939 ist bekanntester Ausdruck dieser Kunstrichtung, die sich radikal von der ersten Generation orientalisierend-klassizistischer Künstler der Bezalel-Schule abwandte.  Ein weiterer Ausdruck der Abwendung von der Kultur der Diaspora war die Hebraisierung von Vor- und Nachnamen, und die Vergabe von Vornamen, die in der Bibel als Negativfiguren galten – oder aber gleich Vornamen, die aus der Fauna und Flora entnommen wurden, manche biblisch verbürgt, manche nicht.

Ich hätte kein Problem damit, wenn palästinensische oder israelisch-arabische Künstler ebenfalls auf die Ikonographie und formalen Merkmale nahöstlicher Völker vor 5000 Jahren zurückgreifen würden, um die eigene Geschichte und Position in Frage zu stellen, sich von anderen abzugrenzen oder einfach zu experimentieren und sich inspirieren zu lassen. Das haben Modigliani und Kiki Smith auch getan. Aber daraus so weitgehende politische Ansprüche ableiten?

Kulturelle Identität ist wandelbar, sollte aber nicht willkürlich instrumentalisiert werden. Privat hat jeder das Recht, sich als letzter Ubier oder wiedergeborener Astoreth-Anbeter zu fühlen, aber das bedeutet noch nicht, daß jede historische Fiktion auch Grundlage für politische Forderungen werden darf. Und wer die historischen Fakten leugnet (wozu auch die systematische Zerstörung archäologischer Artefakte in der PA paßt), der lügt.

Die Stoßrichtung solcher Aussagen wie der von al-Saif ist klar: die jüdische Präsenz im Nahen Osten soll als von Grund auf unrechtmäßig dargestellt werden. Das paßt zur Linie der politischen palästinensischen Führung, die nicht an Frieden interessiert ist, sondern an der Auslöschung Israels.

Daß solche Aussagen in westlichen Medien niemals aufgegriffen und in Kontext gesetzt werden, ist ein weiterer Grund, sich selbst schlau zu machen.

Spannung, Krise, Beruhigung September 1, 2019, 18:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wir wußten ja, daß sich was zusammenbraut, und darum hatte ich das Radio auf leise im Hintergrund an. Gegen 16.00 gingen die Journalisten im Studio von Anekdoten und Geplänkel auf einmal zu angestrengt-nicht-nervösen Berichten von der Grenze über.

Hisbollah hatte mehrere Kornet-Raketen (gegen Panzer) auf Militärfahrzeuge gefeuert. Jetzt wissen wir, daß es sich dabei um ein Sanitätsfahrzeug gehandelt hat, und zwar ganz in der Nähe von Avivim, einem Grenzdorf (vielleicht sogar in Avivim, genaue Informationen gibt die Armee nicht raus, damit die Hisbollah nicht an ihrer Zielgenauigkeit feilen kann).

Die erste Sorge war: ist jemandem was passiert? Gerüchte liefen sofort um, ich weiß nicht mal genau, wie man sie aufnimmt, durch Osmose vermutlich, denn in den Fernsehstudios sorgen Armeeverteter dafür, daß nichts berichtet wird, was nicht stimmt oder was für fremde Ohren nicht bestimmt ist. Aber es hieß, ein Haus in Kibbuz Baram wurde getroffen, und ein Videoclip machte die Runde, von einem Hubschrauber, der im Rambam-Krankenhaus in Haifa landete. (Wer weiß, von wann der Clip ist – der Himmel ist heute viel diesiger als auf dem Bild, auch in Haifa).

Und sofort legt sich ein innerer Hebel um – was machen wir, wenn 2006 sich wiederholt? Ich habe den Schutzraum ja immer fertig, bin aber nicht reingegangen. Die Armee gab Anweisung: Anwohner der Grenzlinie, also näher als 4km an der Grenze, sollen zuhause bleiben oder in anderen Gebäuden mit Schutzraum. Aber nicht in die Schutzräume selbst. Genauso habe ich es also gemacht. Bin in der Küche geblieben, wo ich Blick auf den Fernseher im Wohnzimmer habe. Die Tür zum Küchengarten habe ich offengelassen, um zu hören, was draußen los ist. Wir wohnen ja an einem Hang in Richtung Süden, und wie erwartet habe ich nichts gehört. Nur Flugzeuge und Hubschrauber in der Luft.

Ungefähr zwei Stunden war die Spannung groß – was passiert jetzt? Es war klar: eine Eskalation ist möglich. 2006, ich erinnere mich noch genau an den Tag, wurden nicht nur Grenzsoldaten getötet und verschleppt, sondern auch Dörfer an der Grenze stundenlang beschossen (Zarit und Shtula). Es war also ein viel größer angelegter Angriff als heute.

Hätte es heute mehr als diesen einen Angriff gegeben, und hätte es israelische Verletzte oder gar, chalila, Tote gegeben, dann wären wir jetzt in einer Eskalation, und ich müßte mir überlegen, wie ich Tertia davon überzeuge, ihre ungeschützte kleine Wohnung in Nahariya zu verlassen und bei uns zu bleiben (sie hat in erreichbarer Nähe keinen Schutzraum).

Tertia, die sich um die Nachrichten nicht schert, hatte auf mein Bitten hin im Internet nachgelesen, wie man sich ohne Schutzraum bei Alarm verhält. Treppenhaus aufsuchen – hat ihr Mini-Häuschen nicht. Innenwand aufsuchen – die ist auch windig gebaut. Das Dach ist auch nicht gerade vertraueneinflößend. Aber Tertia hatte die ideale Lösung gefunden: sie hat doch einen guten, stabilen Kaffeetisch, und bei Alarm hockt sie sich darunter, wie finde ich das?

Oh, super finde ich das. Habe ihr empfohlen, sich da noch ein Stück Wellpappe oder etwas Zeitungspapier drüberzulegen, dann bin ich richtig beruhigt! Das fand sie zum Kichern, und ich dann auch, und am Ende war es alles, dem Himmel sei Dank, nicht nötig.

Die Armee hat eine ganze Weile keine Informationen über Verletzte veröffentlicht, und das ist oft ein schlechtes Zeichen – jeder in Israel weiß, daß die Armee erstmal Familien benachrichtigt, und die Medien hier dürfen keine Andeutungen machen. Hisbollah veröffentlichte wechselnde Zahlen von Toten und Verletzten und behauptete auch, sie hätten Israel großzügigerweise erlaubt, diese zu bergen. Und in Beirut gingen wohl die Parties los.

IDF feuerte zurück, und die Anwohner hörten wohl über eine Stunde lang das unerfreuliche Gewummer von Artilleriebeschuß.

Und dann kam die offizielle Bestätigung: keine Toten, keine Verletzten. Wer glaubt, IDF könnte so etwas verbergen, der kennt Israel nicht. Hier sind die meisten Leute sehr besorgt um ihre Soldaten, und Israelis sind gut vernetzt. Jeder kennt jeden. So wie nach schrecklichen Verkehrsunfällen sofort die Namen rumgehen und keiner mehr als 3, höchstens 4 Ecken der Bekanntschaft braucht, so ist es auch bei Soldaten. Wenn es Verletzte gibt, setzen sich sofort Journalisten im Krankenhaus fest und berichten, wie es ihnen geht, und geben Bitten der Familie um Gebete wieder.

Bei Todesfällen ebenso. Es werden sofort in der Umgebung des Wohnorts Todesanzeigen angeschlagen und in den Medien durchgesagt, wann die Beerdigung ist – oft noch am selben Tag, das Judentum beerdigt sofort, und dann kommt die Trauerwoche. Es wird sofort alles öffentlich gemacht, damit jeder, der will, zur Beerdigung kommen kann. Die Anteilnahme ist immer groß, sowohl  nach Unfällen als auch bei Armee-Zwischenfällen, alle kennen die Bilder der Betroffenen.

So war auch die Solidarität für die gekidnappten Soldaten immer groß. Mir fällt gerade nichts ein, was das deutsche Publikum emotional und mental so vereinigen würde wie hier die Sorge um die Soldaten und Soldatinnen.

Also, wenn veröffentlicht wird, daß es keine Verletzten und Toten gibt, dann gibt es auch keine. Und die Armee hat auch, als klar wurde, daß der Vorfall beendet ist, die Warnung aufgehoben. Kurze Zeit später fuhren hier wieder die Autos wie an einem normalen Tag, und draußen toben wieder Kinder.

Israelis sind normalerweise ein undisziplinierter Haufen. Bei Flügen nach Israel kramen die ersten Israelis schon über Zypern ihr Handgepäck aus den Klappen und zappeln in den Sitzen. In Schlangen wird geschubst und gezickt. Aber Anweisungen der Armee werden befolgt. Zuhause bleiben oder nicht – Schutzräume aufsuchen oder nicht – die vielen Übungen des Heimatfront-Kommandos tragen Früchte. Klar, es gibt immer die Abenteuerlustigen, die mit dem Handy filmen und sofort an die TV-Sender schicken, während im Hintergrund die Familie ruft: kommst du wohl in den Schutzraum! Aber insgesamt klappt das alles gut. Wir richten uns nach den Anweisungen der Armee, zu unserer eigenen Sicherheit. Wir sind lieber ein bißchen vorsichtiger, besonders Familien mit Kindern.

Jetzt ist also alles wieder normal, der kollektive Adrenalinspiegel ist wieder im normalen Bereich. (Vermutlich waren Leute in Tel Aviv auch weniger auf dem Sprung als wir hier, die betroffen sind).

Es bleibt zu hoffen, daß sich Nasrallahs Rache damit erledigt hat. Er frohlockt über Tote, die es nicht gegeben hat, und feiert seinen Sieg. Aber das tut er ja immer.

Ich wüßte gern, was Nicht-Hisbollah-Libanesen darüber denken, daß der Iran ihr Land als Sprungbrett für den Angriff gegen Israel mißbraucht. Wüßte gern, ob Hariri es fertigbringen könnte, mit internationaler Hilfe, Hisbollah unter Kontrolle zu bringen – obwohl es dafür bestimmt schon zu spät ist, das hätte in den 1980er Jahren geschehen müssen.

Hisbollah dürfte gar nicht so weit südlich sein, an der israelischen Grenze. Wir waren in den letzten Monaten öfter auf einem Berg, von dem aus man eine gute Aussicht in den Libanon hat – über den Ausflug schreibe ich später mal. Aber man sieht gut, wie Hisbollah sich dort festgesetzt hat und baut.

Wir müssen uns schützen, wir haben keine Wahl, wir haben kein Hinterland und eine kleine Armee, die sich keine Schwäche erlauben kann. Wir haben mit dem Iran einen Feind, der nicht zur Ruhe zu bringen ist, der kein Kriegsziel hat außer unserer Vernichtung. Unser einziges Kriegsziel ist, daß er seins nicht erreicht.

So sieht es aus.

Lage im Norden August 31, 2019, 20:08

Posted by Lila in Land und Leute.
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Bisher merken wir von der Einsatzbereitschaft der Armee nichts, außer daß alle Nachrichtensendung mit den Worten anfangen, „Im Norden  herrscht erhöhte Einsatzbereitschaft, doch die Lage ist im Moment ruhig,“ als täte es ihnen leid, daß nichts weiter zu berichten ist.

Hisbollah veröffentlicht lächerliche Videos. Der neuste zeigt einen jungen Mann, der aussieht wie Nasrallahs Lieblingsenkel, in einer generischen Uniform, die im Libanon für IDF-Uniform gelten soll, wie er in gebrochenem Ivrit durchs Feldtelefon bittet, die Patrouillen auszusetzen, weil er Angst hat.

Wenn israelische Zivilisten nach wie vor ihr normales Leben leben, auch in Dörfern, die direkt an einer Grenze leben, unter der die Hisbollah unentwegt buddelt, an der nördlichen Grenze, die immer wieder angegriffen wird und der südlichen, wo fast täglich Grenzdurchbrüche stattfinden – wenn wir trotzdem hier weiter leben, wie kommt die Hisbollah dann auf die Idee, daß ausgerechnet die Soldaten Angst vor ihnen haben? Unfug.

Nasrallahs pausenlose Drohungen gehen uns auf die Nerven, aber viel mehr geht mir auf die Nerven, daß seine Waffenlieferanten und Strippenzieher im Iran nach wie vor als internationale Partner angesehen werden, daß die Welt Sanktionen pro forma unterstützt, aber hintenrum durchbricht, egal, ob die Atomwaffen, die dort gebaut werden, gegen Israel eingesetzt werden sollen oder nicht.

Wie im Falle Palästinenser ist die Doppelzüngigkeit der Welt überwältigend.

Im Falle Hisbollah hat die internationale Gemeinschaft Israel 2006 gezwungen, den Krieg abzubrechen, mit dem Versprechen, Israels Sicherheit zu gewährleisten, die Hisbollah nicht südlich vom Litani-Fluß sich festsetzen zu lassen, und ihre Bewaffnung zu verhindern.

Seitdem sind IDF-Soldaten auf israelischem Gebiet von Scharfschützen erschossen worden, Bomben platziert worden und mehrere Male israelisches Gebiet mit Raketen beschossen worden – allerdings Einzelfälle, die sich mit der Dichte der Angriffe vor 2006 nicht vergleichen lassen. In den Jahren seither war vielleicht vier oder fünf Mal Alarm, so gesehen hat der Krieg sein Ziel erreicht.

Aber auf UNIFIL ist kein Verlaß, die haben selbst Angst vor Hisbollah und werden auch von dieser Gruppe angegriffen – ich nehme an, das deutsche Fernsehen zeigt die Bilder nicht, werde mal nach dem Film fahnden. Bitte:

Wir haben keinerlei Ansprüche mehr an den Libanon. Die südlibanesische Pufferzone, die eingerichtet wurde, um den Beschuß auf Israel, der vor 1981 alltäglich war, wurde 2000 geräumt, aber das hat keinen Frieden gebracht. Natürlich nicht, denn die Hisbollah will keinen Frieden mit Israel. Als Erfüllungsgehilfe des Iran will die Hisbollah Israel auslöschen und macht kein Geheimnis daraus. Daß in Deutschland diese Organisation noch immer nicht als Terror-Organisation erkannt wurde, ist erschreckend, aber wenig überraschend.

All das hängt wie ein Damoklesschwert, das wir nicht runterholen können, über uns. Seit Jahren und Jahrzehnten.

Und weil dem so ist, weil im Norden jeder weiß, daß wir im Zielkreuz sind und der Rest des Landes auch, deswegen geht das Leben hier normal weiter. Man könnte sagen, daß hier Nicht-Normalität normal ist.

Der Streß, den die Menschen im Süden dauernd haben, wo ständig die Sirenen heulen und Menschen ein Leben ohne die tägliche Bedrohung nicht kennen, der herrschte hier auch jahrzehntelang, nur daß es hier Katyushas waren nicht nicht Qassams. Aber das ist schon ein paar Jahre her.

Irgendwann wird es hier zu einem richtigen Krieg kommen, aber der wird zwischen Israel und dem Iran stattfinden. Ich bin keine Expertin, aber ich glaube, weder Israel noch Hisbollah wollen jetzt eine Eskalation.

Israel will überhaupt nur in Ruhe gelassen werden. Wir haben keine Forderungen an Libanon oder Iran, außer, Israelis und Juden in aller Welt in Ruhe zu lassen. Keine Bombenattentate mehr auf jüdische Einrichtungen oder israelische Touristen, auf die Grenze oder Patrouillen, einfach nur Ruhe. Auch an den Iran haben wir keine Forderungen.

Aber sie wollen uns nicht in Ruhe lassen. Der Konflikt kocht immer wieder hoch. Dann wird wie beim Töpfchen der armen Frau das Feuer wieder schwächer und der Brei sinkt wieder.

Die Konvois von LKWs mit Armeefahrzeugen jedenfalls fahren jedesmal auf, wenn hier eine Eskalation droht. Mein Mann scherzte vorhin, als er die Bilder im Fernsehen sah (und da er mehr unterwegs ist als ich, sah er sie auch auf der Straße), daß es eine extra Einheit gibt, mit ausrangierten Artilleriegschossen und nicht mehr ganz taufrischen LKWs, die rausgeholt werden, um auf die Bevölkerung beruhigend zu wirken, aber auch anzudeuten, daß wir in erhöhter Alarmbereitschaft sind. Gleichzeitig beruhigen und alarmieren, das ist nicht ganz einfach, und Bibi versucht genau  dasselbe.

Ich habe, wie schon erwähnt, die Stahlläden geschlossen und unser Schutzraum ist gut ausgerüstet (mein Arbeitszimmer). Als Tertia hier war, die in ihrer Mini-Wohnung keinen Schutzraum hat, habe ich ihr aufgetragen, sich mit den Nachbarn kurzzuschließen. Könnte mir vorstellen, die junge Mutter mit post-natalen Depressionen und der alte Mann mit Hörgerät werden froh sein, noch jemanden im Schutzraum des Hauses dabeizuhaben. Tertia hat von ihrem Vater einen sehr kühlen und überlegten Kopf geerbt.

Bin ich also besorgt oder unbesorgt? Beides. Grundsätzlich besorgt, weil es ein häßliches Gefühl ist zu wissen, daß so viele Millionen Menschen uns hassen und tot sehen wollen. Grundsätzlich unbesorgt, weil wir so bereit wie möglich sind und ich mir das Leben nicht diktieren lassen will.

Außerdem, so viel Kritik ich an Bibis Politik habe (auch an seiner Außenpolitik, die noch sein Bestes ist), er hat sein Profil als „bitchonist“ (bitachon heißt Sicherheit) seit seiner Armeezeit, sein Bruder war eine heroische Figur und er selbst hat in einer Eliteeinheit gedient, deren Aktivitäten bis heute nur teilweise bekannt sind. Und es ist immer wieder zu beobachten, daß gerade Leute wie die früheren Shabak-Chefs und frühere Generalstabschefs (von denen in der Führungsriege von Blau-Weiß drei sitzen) eher vorsichtig sind, wenn es um Krieg geht.

Gerade Olmert, der viel lieber Friedens-PM gewesen wäre und den Palästinensern einen sehr großzügigen Plan vorgelegt hat, hat sich beim klar gegebenen casus belli im Sommer 2006 ziemlich schnell in den Krieg gestürzt. Gut, er hatte keine Wahl nach den Vorfällen an der Grenze, den toten und gekidnappten Soldaten und den Dörfern Shtula und Zarit, die stundenlang unter Feuer standen. Aber vielleicht wäre ein PM wie Bibi imstande gewesen, ein Ultimatum zu stellen? Ich weiß es nicht. Im Süden arbeitet Bibi mit den Ägyptern zusammen, leider haben die keinen Einfluß auf den Libanon und Iran. (Die Deutschen könnten schon welchen haben, aber sie tun nichts… außer in der UNO mit Iran gegen Israel zu stimmen oder sich bestenfalls zu enthalten).

Ein Faktor ist Trump. Doch der ist so unberechenbar, daß er im Moment auf Tauwetter mit dem Iran setzt. Bibi, der unser Fähnchen so eifrig an Trumps Mast gehämmert hat, wird vielleicht noch merken, daß es nicht die allerbeste Idee war. Es verschreckt amerikanische Demokraten (und Juden in den USA sind treue Wähler der Demokraten), es verschreckt praktisch alle anderen Demokratien der Welt, die Trump eher wie eine Figur aus einem Albtraum betrachten, und beides ist auf lange Dauer nicht sinnvoll.

Alles Gründe, weshalb ich Bibi gern als Oppositionsführer sähe. Es ist klar, daß Israel sich nicht leisten kann, einen US-Präsidenten zu vergrätzen, und trotzdem hat Bibi das Verhältnis mit Obama fast bis zum Bruchpunkt belastet. Dabei sollte das Bündnis überparteilich sein. Und wenn Trump jetzt auf schöne Bilder mit den Mullahs setzt, so wie mit seinem kleinen rocket man, dann können wir zusehen, wie er ihnen genauso zujubelt wie 2017 die schwedischen „Feministinnen“.….

Es wäre schön, wenn wir nicht allein stünden. Unsere Erfahrung in der Vergangenheit lehrt, egal wie eklatant die Angriffe auf Israel VOR der Auseinandersetzung sind, sie werden international nicht thematisiert. Also wirkt Israel als Angreifer und wird dementsprechend unter Druck gesetzt, nicht zu reagieren. Wir kennen das Muster.

Das alles besorgt mich.

Aber die momentane Lage besorgt mich nicht. Es ist ein Kapitel in einer Saga, die anfing, bevor ich nach Israel kam. Y. hat mir von Anfang an gesagt, als wir uns gerade kennenlernten, daß die Waffen im Libanon nicht wegen ihres ästhetischen oder symbolischen Werts angehäuft werden, sondern um eingesetzt zu werden, und zwar gegen uns. Ich habe mir das gemerkt, auch weil meine innere deutsche Stimme so stark war, die diese Worte stumm abgelehnt hat.

Ich habe jetzt Y. gefragt, was er denkt. Er sagt, keiner kann genau voraussagen, was Nasrallah tun wird, aber er hat einen Schlag gegen Israel so deutlich angedroht, daß er nicht mehr zurück kann. Israel hat ja in den letzten Monaten immer öfter und letzthin auch offen Hisbollah-Ziele in verschiedenen Ländern angegriffen – seit der bewaffneten Drohne auf israelischem Gebiet Februar 2017 haben sich die Spielregeln verändert. Nasrallah wird also vermutlich reagieren, ohne es auf einen richtigen Krieg anzulegen.

Aber Israel hat eine lange Liste von Hisbollah-Zielen, besonders im Südlibanon, wo die Hisbollah gar nicht sitzen darf, eine sogenannte „Ziele-Bank“, die Bibi und die Armee bei Gelegenheit gern abarbeiten würden.

2006 wurde Israel von der internationalen Gemeinschaft zurückgehalten, derselben, die dem Bündnis Hisbollah-Iran jahrzehntelang nicht in den Arm gefallen war. Das wäre auch diesmal nicht anders. Die Mahner, die gern mit Iran gegen Israel stimmen, würden sofort auf die Propaganda der Hisbollah aufspringen, wie sie auch die Propaganda der Hamas und der Türkei schlucken, ohne auch nur zu überprüfen, ob daran überhaupt was stimmt. Ich nehme an, daß Politik und IDF daraus die Lehre gezogen haben, die „Ziele-Bank“ schnell abzuarbeiten, um den richtigen Showdown so weit wie möglich herauszuzögern. Also der Hisbollah die Waffenlager und Labors kaputtmachen.

Kleines Problem: diese Waffenlager und Labors liegen in Wohngebieten, besonders im Beiruter Stadtteil Dachiya. Warum? Um genau die Bilder von 2006 zu produzieren, die dann europäische Demonstranten auf die Marktplätze treibt, die die Schuld bei Israel suchen statt bei denen, die die Bewohner von Dachiya Geisel genommen haben.

Deswegen hat IDF die Namen und Karten veröffentlicht, damit auch die Libanesen kapieren, wer sie in Gefahr bringt.

Wir erwarten also als worst case scenario einen mittelschweren Schlag der Hisbollah in der näheren Zukunft, einen schweren, aber kurzen Schlag Israels gegen Hisbollah, und dann, daß beide Seiten wieder von dem Baum runterklettern, auf den sie raufgeklettert sind.

Der richtige Showdown wird kommen, wenn der Iran Atomwaffen hat, wenn im Libanon eine neue Waffengeneration verfügbar ist, und wenn in den USA wieder ein eher pro-iranischer Präsident regiert.

Aber wie gesagt, es ist auch möglich, daß sich alles wieder in Luft auflöst und Nasrallah uns nur im Fernsehen ein bißchen anschreit.

Häusliches I August 30, 2019, 21:03

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Ja, die Wahlen, ja, die Lage im Süden, und ja, die Lage im Norden auch. Irgendwann setz ich mich hin und schreibe was darüber, aber heute lieber nicht.

Ich achte gern auf kleine Unterschiede zwischen Israel und Deutschland. Manches fällt einem ja erst auf, wenn man weg ist und es nicht mehr automatisch wahrnimmt. So sind Läden und Cafes in Deutschland meist viel polierter und ordentlicher als in Israel. Ja, in den letzten Jahren haben auch hier die vielen neuen Einkaufszentren dieselbe Ästhetik wie überall sonst, aber in kleinen und alten Geschäften sieht man noch die offen verlegten Kabel und nicht ganz zu Ende abgehängten Decken, diese ganze husch-husch-schon-fertig-Bauweise, die israelische Handwerker wohl für die beste halten.

Allerdings, ich muß zugeben, daß sie sich allgemein in den letzten 15 Jahren verbessert haben, und in neuen Häusern kommen die krumm verlegten Fliesen, unsauber verputzten Ecken und farbbekleckerten Fußleisten nicht mehr vor, die mir früher so oft auffielen. (Wobei, klar, Kibbuz – da bekam manchmal Moishele oder Ruvkele das Werkzeug in die Hand gedrückt, mach mal, und lernte im Laufe der Arbeit).

Früher waren fast überall Terrazzo-Fliesen verlegt. Sie waren so charakteristisch für Israel, daß der Künstler Tsibi Geva ihnen ganze Serien widmete. Ich erinnere mich, als ich in den Kibbuz kam und dort lernen mußte, wie man Terrazzo am besten putzt.

Die Technik heißt sponga machen, keine Ahnung warum, denn einen Schwamm benutzt man nicht. Es ging so: man nimmt einen Eimer Wasser und schüttet ihn auf dem Boden aus. (Da Kibbuzniks keine kostbaren Teakmöbel hatten und man vorher sowieso durchgefegt und alle Stühle hochgestellt hatte, ging das). Dann nimmt man so einen Abzieher, na so ein Ding mit Gummilippe – ja, ich weiß nicht mal, wie das Ding auf deutsch heißt, denn aus Deutschland kannte ich nur Schrubber und Aufnehmer. Aber einen Schrubber besitze ich bis heute nicht, und für israelische Böden braucht man ihn auch nicht.

Auf Hebräisch heißt so ein Bodenwisch-Gummidings magav, aber nur in unserem Kibbuz heißt er magrof.

Also, man legt den Aufnehmer (smartut – so nennt man auch feige, träge Menschen) um den magrof und wischt damit in der Wassermasse rum, am besten in Richtung Ausgang. Damit wird der Schmutz entfernt.

Als nächstes zieht man mit dem magrof den Boden schön ordentlich ab. Der letzte Arbeitsgang ist dann mit dem gut ausgewrungenen, sauberen Aufnehmer. Damit putzt man den Boden blank.

Für Kindergarten, Altersheim, Wäscherei und all die andren Arbeitsplätze, die ich im Laufe der Jahre geputzt habe, war das eine sehr gute Methode. Viel Bodenfläche, zweimal am Tag so geputzt, immer frisch und sauber. Terrazzo nimmt keinen Schmutz an – nur gegen Säure ist er empfindlich, und wo das Glas Limonade mal hinfiel, das sieht man gegen das Licht jahrelang.

Mir kam diese Methode seltsam vor. Einfach so einen Eimer Wasser ins Haus kippen? Aber Judith und Lili, die mich im Kindergarten anlernten, beharrten darauf. Doch dann das Dilemma: Judith sagte, je heißer das Wasser, desto hygienischer. Lili dagegen fand kaltes Wasser sinnvoller, weil der Boden sonst in Streifen antrocknet. Außerdem ist es so schon heiß genug.

Gut, daß die beiden selten am selben Tag arbeiteten. An Judith-Tagen wurde eben heiß geputzt, an Lili-Tagen kalt.

Alle Kibbuzniks putzten so auch ihr Haus (ja, viele Männer habe ich Boden putzen gesehen), und ich habe mir sagen lassen, auch in der Stadt wurde so sponga gemacht, und bestimmt machen viele es noch immer so.

Jetzt habe ich sponga für die Jeckerei mal gegoogelt, und tatsächlich, es ist DIE Methode, in Israel Boden zu wischen. Das Wort squeegee hatte ich schon fast vergessen!

Inzwischen ist Terrazzo aber aus der Mode gekommen. Die meisten neuen Häuser und Wohnungen haben entweder Keramikfliesen als Bodenbelag, oder hochglänzenden Marmor, oder granit porzellan, keine Ahnung, ist das Feinsteinzeug? weiß es jemand?

Wir haben naturfarbenes, rauhes granit porzellan, fühlt sich barfuß wunderbar an, sieht auch schön aus, ist aber so unregelmäßig, daß es schwer zu putzen ist. Bei der sponga-Methode würden überall Pfützen stehenbleiben, ich gehe also mehrmals mit Aufnehmer und Abzieher drüber, so mittelnaß bis trocken.

Vielleicht sollte ich sogar mal einen Schrubber in Betracht ziehen? Ich weiß nicht mal, wie der auf Ivrit  heißt, vielleicht Bodenbürste? Am Ende kehre ich dann zu Omas Methoden zurück und rutsche mit der Bürste auf den Knien hier rum, um dieses verflixte Material sauberzukriegen? Die sponga-Methode hatte ihre Vorteile, es geht nämlich ruckzuck und fühlt sich prima an, weil „was naß ist, gilt als sauber“, wie der Merkspruch der Armee beim Putzen lautet 😀

Ja, das war eine Umgewöhnung.

(Ich hab noch mehr, aber das war jetzt erstmal genug 🙂 )

Letzte Nacht August 25, 2019, 6:31

Posted by Lila in Land und Leute.
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war wohl wieder jet loss, wie der Rheinländer sagt. Iranische Truppen in Syrien, so IDF, waren drauf und dran, wieder eine bewaffnete Drohne in den israelischen Luftraum zu schicken. Woraufhin die Luftwaffe einen Präventivschlag gestartet hat, und der muß ziemlich heftig gewesen sein. Wir sind schon seit Jahren im Krieg mit dem Iran, es geht Runde um Runde, und irgendwann, befürchte ich, wird dieser Krieg nicht mehr so relativ klein zu halten sein, wie er es jetzt ist.

Wir haben weder eine gemeinsame Grenze mit dem Iran noch irgendwelche historischen Probleme. Bis zur Mullah-Revolution waren die Beziehungen sehr gut. So waren die Iraner die besten Kunden der Kibbuz-Firma, in der Y. seine Laufbahn begann, und durch diese geschäftlichen Beziehungen blühte die Firma richtig auf.

Die Iraner behaupten zwar, daß sie das „Unrecht“ an den Palästinensern rächen wollen, tun aber wenig für die Palästinenser, außer ihnen „militärische Berater“ aller Arten an den Hals zu schicken, die die Palästinenser noch tiefer in ihre unablässigen, unproduktiven Konfrontationen mit Israel verwickeln.

Die Mullahs haben Israel zum Todfeind erklärt und versprechen uns bei jeder Gelegenheit, uns von der Landkarte zu löschen (nein, kein „Übersetzungsfehler“, sie sagen es regelmäßig und in allen möglichen Variationen, es läßt sich nicht wegerklären oder leugnen, es sei denn, man hat ein Interesse daran, zu lügen). Daß der Iran Israel umzingelt und sich im Gazastreifen, im Libanon und jetzt in Syrien festsetzt, ist eine echte Gefahr für uns.

Wir wissen viel zu wenig über die wirklichen Vorgänge, um abschätzen zu können, aufgrund welcher Informationen IDF und Sicherheitskabinett welche Entscheidungen treffen. Wir können nur hoffen, daß Bibi das Augenmaß hat, gerade so zu reagieren, daß der Iran abgeschreckt wird, aber nicht zu harten Gegenmaßnahmen angeregt wird.

Ich bin bekanntlich absolut kein Fan von Bibi (dessen Regierungszeit Bereiche wie Pflege, Erziehung, Landwirtschaft und Tourismus bis an den Rand der Lebensfähigkeit ausgehungert hat), aber ich muß ihm lassen, daß er es trotz der extrem unruhigen Umgebung geschafft hat, uns eine größere Auseinandersetzung zu ersparen. Trotzdem habe ich Sorge, daß sie sich nicht ewig wird herauszögern lassen.

Schlüsselfigur dabei ist Rußland. Solange die Russen dem Iran in Syrien freie Hand lassen und ihn sogar unterstützen, können wir es nicht verhindern, daß Syrien zum Stützpunkt für zukünftige Angriffe auf Israel wird. Bei der Gegenwehr muß Bibi sich so weit wie möglich mit den Russen abstimmen, und an diesem Spielraum für Israel arbeitet Bibi (und im Wahlkampf setzt er darauf, daß wir das wissen, und betont seine internationale politische Erfahrung, auch seine Fähigkeit, mit Putin zu einer Art Verständnis zu kommen).

Mir ist dabei unwohl, weil ich immer noch an der Illusion festhalte, man müßte sich doch irgendwie einigen können, obwohl ich weiß, daß es mit dem Iran schlicht nicht möglich ist. Es gibt keinen Streitfall, über den man sich einigen könnte. Der Iran will Israel weghaben, fertig. Da gibt es nichts, was wir ihm bieten könnten im Austausch für Frieden.

Daß dieser kompromißlose Zerstörungswunsch auf die Chancen, eine pragmatische Einigung mit den Palästinensern zu finden, katastrophale Auswirkungen gehabt hat, liegt auf der Hand. Der Einfluß iranischer und iranisch gesponserter Gruppen ist überall fühlbar, und sie stacheln selbstverständlich den palästinensischen Rejektionismus an. Für den Iran sind die Palästinenser Bauern, die vorgeschoben und geopfert werden.

In den über 30!!! Jahren, die ich hier lebe, habe ich regelmäßig Wellen der Spannung miterlebt, die ansteigen, uns alle erfassen, und die irgendwann wieder abebben. Mal ohne daß irgendwas passiert ist, aber oft genug auch, nachdem sich die Spannung entlädt, in Form von Angriffen auf israelisches Gebiet und israelische Bürger, oder einer israelischen Offensive an einer der Grenzen.

Ich habe 1991 die Fenster abgeklebt und Winz-Primus in ein angeblich gasdichtes Zelt gelegt, neben das ich mich dann mit Gasmaske gesetzt habe. Ich habe im Laufe der Jahre hunderte Male vor dem Fernseher gesessen und gehört, wie die Namen von Terroropfern verlesen werden.

Mehrere Male war ich dabei, wenn „verdächtige Gegenstände“ gesprengt wurden, bin aus Gebäuden evakuiert worden und habe an vielen kleinen Gedenk-Ecken für Terroropfer gestanden. Ich habe Militärfahrzeuge sich sammeln gesehen, Alarm gehört, israelische Artillerie in Richtung Libanon bummern hören, Batterien von Iron Dome vor unserem Dorf gesehen. Habe Secundus´ Bild in der Zeitung gesehen nach einem Zwischenfall in Hebron.

Am schlimmsten für mich und unvergeßlich ist der Moment, als Secundus mich anrief und sagte: „Mama, wir müssen vermutlich nach Gaza rein und rufen vorher noch mal an, dann müssen wir die Telefone abgeben, mach dir keine Sorgen“, und ich sagte, „alles okay, paß auf dich auf, ich mach dir dein Lieblingsessen, wenn du wiederkommst“. Und ging dann in sein Zimmer und legte den Kopf auf seine T-Shirts und wollte die Welt anhalten, einfach anhalten. (Er mußte nicht rein, er kriegte sein Telefon wieder und auch sein Lieblingsessen, der goldene Junge.)

Dabei sind mir, tfu tfu tfu, wirklich traumatische Erlebnisse erspart geblieben. Meine junge Nachbarin Riki, die hier aufgewachsen ist, hat als Mädchen gesehen, wie ihre Nachbarin von einer Katyusha in Stücke gerissen wurde, und ist seitdem so traumatisiert, daß sie bei Alarm kaum imstande ist, ihre Kinder zu beruhigen und eine Art Normalität vorzutäuschen, das muß ihr Mann machen, sie kann es nicht. Ich kenne viele Familien, die Angehörige in Krieg und durch Terror verloren haben. Ich habe nur Angst-Momente mitgemacht, und auch die in einem für Israel komplett normalen Maße. ALLE haben das miterlebt, was ich miterlebt habe, und die meisten viel Schlimmeres.

Was mein Mann als 18jähriger Soldat in fünf Jahren Libanon mitgemacht hat, immer vorne im Krieg, unter dem Kommando von „Yaya“ (Yoram Yair), war bei der Schlacht am Awali-Fluß dabei, und wäre doch eigentlich lieber im Kibbuz in der Avocadoplantage gewesen. Auch er ist so traumatisiert, daß er vieles nicht mehr in Erinnerung rufen kann und die Filme Beaufort und Waltz with Bashir nicht zu Ende sehen konnten, weil sie die Erinnerungen zu nahe brachten, weil er das miterlebt hat. Sein Vater ist ebenfalls vom Krieg traumatisiert und war bei der Schlacht um den Hermon dabei. Sein kleiner Bruder bei Defensive Shield (als Reservist).

Alle seine Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen, Freunde und Freundinnen, Neffen und Nichten haben Erinnerungen an den Krieg. Einer der Onkel ist so traumatisiert, daß er seit Jahrzehnten unfähig ist zu arbeiten und ein normales Leben zu führen, er lebt von einer IDF-Rente (er hat im Yom-Kippur-Krieg Tote aus Panzern geborgen). Einer der Neffen, vor dem Rückzug aus Südlibanon dort stationiert, war so traumatisiert, daß er über Jahre nur in seinem Zimmer gesessen und die Wand angeguckt hat, jetzt hat er sich endlich wieder bekrabbelt und ähnelt wieder dem Jungen, den wir kannten.

Das klingt jetzt alles sehr dramatisch, aber es für Israelis absolut normal. Und auch für andere Populationen im Nahen Osten. Die meisten können sich an Kriege und Bürgerkriege, an religiöse Unterdrückung und Vertreibung erinnern. Die ganze Weltgegend hier ist ständig in Unruhe und Bewegung (und nein, die meisten dieser Probleme haben mit uns nichts zu tun).

Es ist nun auch nicht so, als würden die ganz normale Traumata der Israelis auf eine Bevölkerung treffen, die auf in Generationen angesammelte Immunität und Selbstsicherheit zurückgreifen kann. Die Großeltern- und Großelterngenerationen sind auch alle traumatisiert. Gewaltsam aus Ägypten oder dem Irak vertrieben, zu Fuß durch die jemenitische Wüste geflohen, in russischen Gulags gesessen, vor dem Holocaust geflohen, das sind hier alles ganz „normale“ Familiengeschichten. Auch die Familien, die immer hier in der Gegend waren, haben Unterdrückung und Unruhe miterlebt, z.B. das grauenhafte Massaker an den Juden Hebrons, das sich gestern zum 90. Mal gejährt hat.

Daß die Israelis es trotzdem fertiggebracht haben, eine blühende Hi-Tech-Landschaft, exzellente medizinische Versorgung und eine interessante Tanz-Musik-Literatur-Szene hervorzubringen, wird mir immer ein Rätsel sein. Das Leben geht normal weiter, die Leute denken schon an die Feiertage und bei welcher Schwiegerfamilie sie wann sein müssen, auch an Tagen wie heute, obwohl bestimmt, wie ich, die meisten Leute Armeeradio im Hintergrund hören und sich überlegen, was als nächstes kommt.

Die meisten Leute hier sind auch weitaus stoischer als ich. Nur ich mit meiner deutschen Dünnhäutigkeit denke über die Dinge so, wie ich das hier hingeschrieben habe, weil ich den Unterschied zwischen „normal deutsch“ und „normal israelisch“ so deutlich fühle. Und es mir wehtut, denn die Leute hier haben das nicht verdient. Sie sind immer noch imstande, mit echtem Mitleid zu sagen, „die Armen“, wenn z.B. im Iran ein Erdbeben ist und Menschen verletzt werden.

„Nähern wir uns jetzt einem Krieg mit dem Iran, mit der Hisbollah im Norden und der Hamas im Süden?“, fragt der Journalist gerade den Minister Israel Katz, der darauf nur beruhigende Antworten hat. Er möchte, daß wir uns auf Bibi verlassen. „Verstehe die Botschaft“, sagt der Interviewer trocken.

Und ich mach mir jetzt einen zweiten Kaffee, gebe mich an die Arbeit und hoffe, daß alles gutgeht, daß die Iraner heute aufstehen und sagen: kommt, vergessen wir die Israelis, die Welt ist so groß, laßt uns lieber zusammenarbeiten und Frieden halten, wie schön wäre das.

 

 

Kommentar dazu aus Times of Israel

Weiter, weiter, weiter August 23, 2019, 13:09

Posted by Lila in Land und Leute, Muzika israelit.
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Mein liebster Radiosender ist Galey Zahal („Galatz„), der Armeesender, die haben nämlich wirklich immer interessante Leute vor dem Mikrophon, mit eigenen Meinungen. Um 13 Uhr fing die Sendung mit Nathan Datner und Odia Koren an. Kurze Ansage nach den Nachrichten, die ja heute wirklich schrecklich sind, dann Musik. Als die Sprecher wieder dran waren, sagte Datner (aus dem Gedächtnis zitiert): „wir hatten hier, während die Musik lief, einen richtigen Streit, sogar laut. Auch ich habe jahrelang gedacht, egal was ist, Anschlag, Tod und Leid, immer weitermachen, das ist der einzige Weg, das Leben muß weitergehen. Jetzt bin ich aber nicht mehr sicher. Nach den schweren Nachrichten von heute kommt mir unser Programm für heute komplett irrelevant vor, und ich möchte es nicht durchziehen“. Seine Kollegin sagte: „Man muß auch an die Familie denken, an die Menschen, die die Betroffenen kennen. Wie muß es für die sein, wenn sie hören, daß wir hier einfach so weitermachen.“ Die Verantwortliche für die Sendung, deutlich jünger als beide, meldete sich ebenfalls zu Wort und meinte, sie sieht nicht, was man sonst machen soll außer weiter senden.

Und da meinte Datner, „wir schließen jetzt das Programm, wir senden Musik, wir wollen nicht weitermachen und ich glaube, die Hörer verstehen das“, und seine Kollegin drückte ihr Beileid an die Familie aus. Beide klangen todtraurig.

Seitdem läuft traurige Musik, an der ja hier kein Mangel herrscht.

Ich war so dankbar für diesen Austausch, der so ehrlich war. Und ich habe auch weiter nachgedacht.

Es ist ja so in Israel, nach jedem Anschlag, egal wo, egal wie schwer, geht das Leben sofort weiter. Die Toten werden schnell beerdigt, die Leute von Zaka sorgen dafür, daß der Tatort so schnell wie möglich wieder zugänglich ist, und oft werden Einkaufszentren oder Geschäfte noch am selben Tag wieder eröffnet, Busse fahren wieder, man reißt sich zusammen und sagt: der Terror wird uns nicht davon abhalten, normal zu leben. Das Herz ist schwer, das Leben geht weiter.

Aber ich habe mir schon manchmal überlegt, eigentlich ist es unmöglich, denn man trägt das immer schwerer werdende Herz so durch die Jahre, und fast täglich, mindestens aber einmal die Woche, kommen neue Steine dazu. Wir müßten eigentlich innehalten und allesamt den Himmel anschreien und die Welt. Aber wer würde es hören?

Ich höre die Traurigkeit übrigens auch in der Stimme von Meir Banai, der die nächste Stunde bei Galatz aufmacht, auch er kann sein normales Programm nicht machen. „Das Leben führt uns hin, wo wir es nicht geplant haben. Ach, wann werden wir hier in Ruhe leben können?“ Und er legt das Lied auf, das David Grossman für seinen Sohn geschrieben hat, gesungen von Yehuda Poliker, „Wie kurz ist hier der Frühling“

 

 

Kaltes Entsetzen August 23, 2019, 12:20

Posted by Lila in Land und Leute.
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Eine Familie aus Lod macht einen Ausflug nach Dolev, wo eine idyllisch gelegene Quelle viele Besucher anzieht (seit dort vor 4 Jahren Danny Gonen ermordet wurde, wird die Quelle nach ihm benannt). Wie es genau passiert ist, wissen wir noch nicht – ob es ein ferngesteuerter Sprengsatz war oder ob jemand eine Handgranate auf die Familie geworfen wurde – jedenfalls wurden drei Familienmitglieder schwer verletzt. Der Vater war trotz seiner Verletzung noch bei Bewußtsein und rief den Rettungsdienst. Er und der 19jährige Sohn wurden mit Hubschraubern ins Krankenhaus gebracht und der Sohn dort sofort operiert. Die 17jährige war zu schwer verletzt, um transportiert zu werden. Eine Stunde haben die Rettungskräfte um ihr Leben gekämpft, jetzt hören wir, daß sie gestorben ist.

Vor zwei Wochen Dvir Soreks Ermordung. Die Auto-Attacke ist auch noch keine 2 Wochen her. Wie viele Anschlagsversuche gescheitert sind, wird nicht veröffentlicht. Dazu die vielen versuchten Grenzdurchbrüche Bewaffneter an der Grenze zum Gazastreifen.

Es fühlt sich nicht gut an. Die Hamas bejubelt den heutigen Anschlag. Wie man so etwas bejubeln kann, ist mir rätselhaft, aber die Hamas tickt anders.

Es tut mir so leid um die 17jährige, um die ganze Familie, um Danny und Dvir und all die anderen Opfer. Ihre Familien, die nie darüber wegkommen.

Dieser Terror führt zu nichts außer Leid und Trauer und Mißtrauen. Mit jedem neuen Anschlag wird der Abstand zu einer friedlichen Lösung größer.

Rina hieß das Mädchen. In zwei Stunden wird sie beerdigt, noch bevor der Shabat beginnt. Ihr Vater und Bruder werden nicht dabeisein können.

Smotrich schon wieder August 21, 2019, 19:25

Posted by Lila in Land und Leute.
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LBezalel Smotrich ist einer der Politiker aus der zweiten Reihe, die durch die Umwälzungen in den rechten Parteien in die erste Reihe gespült wurden.

In Kürze: Naftali Bennet und Ayelet Shaked, die die altehrwürdige nationalreligiöse Partei vor ein paar Jahren triumphal übernommen hatten, setzten sich vor den letzten Wahlen von dieser Partei ab, um ihre eigene zu gründen – die Neue Rechte. Das wurde von den Wählern abgestraft, und diese neue Partei verpaßte den Einzug in die Knesset knapp. Über Bibis Manipulationen, die zu den Neuwahlen im September führten, schreibe ich ein andermal. Jedenfalls haben die Erschütterungen in den rechten Parteien dazu geführt, daß heutzutage ein Bezalel Smotrich Transportminister ist.

Seit seiner Ernennung platzt er dauernd mit seinen Meinungen raus, die weit rechts von Bibis Likud sind (die sich ja schließlich um einen liberalen Kern gebildet hat, was sie manchmal selbst vergißt). Mal phantasiert er von einem Halacha-Staat (also nach dem Religionsgesetz), mal erklärt er Bibi für schwach und wankelmütig (dafür mußte er allerdings nach Canossa), und heute meint er uns mitteilen zu müssen, daß die gemischten kämpfenden Truppen die Schlagkraft der Armee schwächen.

Bibi  hat sofort eindeutig geantwortet und auf die Erfolge dieser Einheiten verwiesen.

Mir fiel dabei eine Doku-Serie ein, die ich vor ein paar Monaten gespannt verfolgt habe. Ich war ja selbst nicht bei der Armee, und meine Töchter haben (was mir nicht leid tut) nicht in einer kämpfenden Einheit gekämpft. Für mich war es also sehr spannend, den Soldaten und Soldatinnen der Einheit „Löwen des Jordan“ ein paar Monate zu folgen.

Leider keine englischen Untertitel! Aber wer Ivrit kann, sollte mal reinschauen.

Man sieht deutlich, daß die Mädchen (im Durchschnitt) von der körperlichen Stärke her unterlegen sind und daß die Jungens teilweise nicht begeistert sind, mit ihnen zu dienen. Natürlich gibt es individuelle Mädchen, die deutlich stärker, schneller und widerstandsfähiger sind als einige der Jungen, und so entwickeln sich Konflikte.

Wenn ich die Serie mit Y. sah, der bei den knallharten Fallschirmjägern gedient hat (und das im Krieg in Feindesland), schüttelte der nur den Kopf, weil die körperlichen Anforderungen sich nicht mit seinen Erinnerungen messen können (heutzutage gibt es auch viel strengere Richtlinien, wie viel Schlaf die Soldaten bekommen müssen), deswegen habe ich sie lieber allein geguckt 😉 Nein, nein, es war sehr interessant, sie mit ihm und den Kindern zu sehen, von denen mir jeder was von seiner Erfahrung erzählen konnte. Ist ja für mich eine geschlossene Welt.

Jedenfalls war die Person, die mich am meisten beeindruckt hat, die junge Offizierin, die es schaffte, die gesamte Gruppe zusammenzuschweißen und zu motivieren. Sie fand immer die richtigen Worte. Ich wüßte gern, was aus ihnen allen geworden ist. (Ich sehe jetzt, daß es ein Follow-up gibt, wie schön, das guck ich jetzt an.) Die Serie hat sie nur die ersten paar Monate lang begleitet. Aber die Soldatinnen in diesen Einheiten sind so gut ausgebildet wie ihre Kollegen, und noch höher motiviert und entschlossen, sich zu beweisen.

Wenn sie Smotrichs Bemerkungen heute gehört oder gelesen haben, muß sich das wie eine Ohrfeige angefühlt haben. Ich habe mich darüber sehr geärgert und hoffe, wir sehen von diesem Mann nach den Wahlen nichts mehr.

Mit Sonnenuntergang April 30, 2017, 18:58

Posted by Lila in Land und Leute.
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hat hier der Gedenktag angefangen. Ich habe Y. gebeten, zwei neue Flaggen zu kaufen, die alten waren zu schäbig. Warum zwei? Nun, nachdem Gideon Levy heute in Haaretz erklärte, warum er keine Flagge aufhängt, hatte ich das Bedürfnis nach einer zweiten.

Quarta und Y. sind auf dem Friedhof, Tertia und ich zuhause.

Gleich die Sirene.

Schade, daß wir es wieder nicht in den Kibbuz geschafft haben. Nichts ist eindrücklicher als die Feierstunde im Kibbuz, wenn die Kibbuzniks die Flagge auf Halbmast holen, im Sirenenton stehen und dann leise, aber bestimmt in der Dämmerung die Hymne singen. Die Hoffnung, ha Tikva.

Auf Jobsuche September 28, 2014, 9:51

Posted by Lila in Land und Leute.
7 comments

Könnt Ihr Euch einen Politiker vorstellen, der sich selbst so auf die Schippe nimmt? Mir fällt keiner ein.