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Neuanfänge im Alten Oktober 28, 2019, 22:26

Posted by Lila in Kunst, Persönliches.
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Ein neues akademisches Jahr hat angefangen, ich habe weniger Arbeitslast als früher, dafür einige neue Projekte und Ideen. Die erste Woche ist immer wunderbar intensiv, und meine Arbeit macht mir nach wie vor riesigen Spaß. Eine Idee kommt immer zuerst – dann muß die Idee entwickelt werden, ich pflüge mich durch Berge von Gedanken anderer, immer froh, wenn ich sehe, daß meine Idee so noch nicht herumschwebt, aber viele andere, an denen ich mich reiben und von denen ich mich inspirieren lassen kann. Daraus einen Vortrag machen, den dann auch irgendwie rüberbringen, so daß andere mitvollziehen können, was ich mir gedacht habe – die Chemie mit dem Publikum ist nie berechenbar, immer überraschend. Inzwischen unterrichte ich seit über 20 Jahren und sitze wie ein sehr zufriedener Drache auf einer Schatzkiste von gespeicherten Vorträgen zu allen möglichen Themen.

Seit ich mich aus dem akademischen Gewächshaus in die freie Landschaft hinausbegeben habe, fröne ich meiner Lust am Fachübergreifenden, Epochenübergreifenden, und mache mehr oder weniger, was ich will. Ich habe meine Schwerpunkte, aber ich scheue mich nicht, über die Venus von Milo genauso selbstbewußt zu reden wie über Antonis Lick and Lather. Daß ich so verrückt kreuz und quer studiert habe, hilft mir heute. Daß ich geologische Schichten von Obsessionen zu den verschiedensten Themen im Gedächtnis trage, von römischen Familienstrukturen über den niederländischen Befreiungskrieg bis zum viktorianischen Umgang mit dem Tod, hilft mir noch viel mehr.

Ich arbeite immer aus dem Vollen, koche immer den ganzen Topf, auch wenn ich nur einen Löffel Suppe serviere, anders geht es nicht. Manchmal bedaure ich, wenn ich mal gerade eine meiner Meinung nach glääänzende Idee habe, daß die nur in meinen Unterricht, meine Vorträge einfließen wird, aber ich nicht das Zeug dazu habe, daraus etwas Bleibenderes zu bauen. Ich bin gewissermaßen eine Textilwerkerin, die aus vergänglichem Stoff etwas erschafft, das beim Erschaffen glücklicher macht als beim Ansehen, und daß längst zerfallen sein wird, wenn anderleuts Urenkel noch deren steinerne Arbeiten bewundern werden.

Die besten Einfälle kommen mir beim Sprechen, nie am Schreibtisch. Ich plane auch nie genau, was ich sagen werde. Ich habe den Kopf voll mit Ideen, meine Vorträge bestehen ganz klassisch nur aus Bildern, und ich verlasse mich ganz darauf, daß mir schon einfallen wird, was ich sagen will. Der Vortrag muß visuell stimmen, die Bilder müssen am rechten Platz sein, und ich muß meine Ideen dazu schön ordentlich im Kopf haben bzw in Stichpunkten unter den Dias (ich benutze immer noch Powerpoint, ohne Schnörkel, einfacher schwarzer Bildhintergrund, so wenig Text wie nur möglich, eigentlich so wie die klassischen Diavorträge, die ich als Studentin noch erlebt habe).

Erst habe ich viel zu viele Dias, und dann sortiere ich sie langsam aus, bis ich am Ende genau  habe, was ich brauche.

Am Ende dann – archivieren und zum nächsten Thema übergehen. Aber vorher gebe ich mir immer selbst ein Feedback und schreibe mir unter das erste Dia genau, was an dem Vortrag gut war, was nicht, wie das Publikum reagiert hat, wo ich kürzen muß, wo Fragen kamen, wo ich nicht gut genug vorbereitet war usw. Wenn ich dann das nächste Mal das Thema beackere, habe ich einen Ausgangspunkt und kann die Fehler ausbessern.

Da man als Lehrperson selten gründliches Feedback im Anschluß an einen Vortrag erhält („kommt das in der Prüfung vor?“ „und zu welcher Kunstrichtung gehört das nun?“ „wie du das alles im Kopf behältst!“ „was für ein Akzent ist das denn – bist du Holländerin?“ waren über die Jahre weg die häufigsten Reaktionen), muß ich es mir eben selbst geben. Das ist eine der besten Früchte aus meinem Lehramtsstudium, da haben wir das nämlich gelernt – Instrumente zur beruflichen Weiterentwicklung. Dazu dann noch das Feedback am Ende des Semesters, und eigentlich müßte man längst perfekt sein, ist es natürlich trotzdem nicht. Manchmal funktioniert es nicht mit einem Publikum, obwohl ich das Thema liebe und in meinen Vortrag gelockt habe wie einen scheuen Paradiesvogel, an dem mein Herz hängt.

Es ist nicht einfach, sich als frei arbeitende Kunsthistorikerin durchzuschlagen, aber trotzdem bin ich froh, daß sich mein Leben dahin entwickelt hat. Im Moment interessiert mich nichts anderes, als meine neuen Kurse in Gang zu kriegen und ein paar neue Ideen und die Stapel von Büchern um mich herum und die JStor-Artikel auf dem Computer gründlich zu lesen und zu verwursten, was verwurstbar ist. Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf. Ich träume oft von den Sachen, die ich gerade bearbeite, doch leider vergesse ich beim Aufstehen wieder die genialen Theorien, die mir im Schlaf so unvergesslich vorkamen.

Die Welt um mich herum ist unruhig, und wenn ich in die Zeitungen gucke, graust mir. Der Iran kann uns möglicherweise jederzeit angreifen, eine Regierung haben wir immer noch nicht, und Bibi scheint nicht willig oder fähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich aus dem politischen Leben zu verabschieden, bis er seine Prozesse  hinter sich hat. Welche Auswirkungen al Baghdadis Tod haben wird, wissen wir noch nicht, und die Wahlergebnisse aus Thüringen klingen für meine weit entfernten Ohren nicht gut – AfD und Linke als stärkste Parteien… ich möchte nicht aus der Ferne analysieren, und beide Parteien sind zugelassen. Wenn ich Vertrauen in die deutsche Demokratie habe, dann muß ich mich auch darauf verlassen können, daß die Zulassung dieser Parteien den Nachweis ihrer Demokratiefähigkeit bedeutet. Ich möchte sehr hoffen, daß deutsche Parlamente nicht von Anti-Demokraten besetzt werden. Aber daß ich solche Nachrichten mit heiterem Lächeln lese, kann ich nicht behaupten.

Trotzdem habe ich im Moment den Kopf woanders, und bis sich meine Woche ein bißchen „setzt“, wird das auch so bleiben.

Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Lesetipp zu Halle Oktober 11, 2019, 11:06

Posted by Lila in Deutschland.
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MENA-Watch hat den Anschlag von Halle recht detailliert analysiert. Daß es so lange gedauert hat, bis jemand eingegriffen hat, obwohl der Täter von vielen Menschen gesehen wurde, ist komplett unverständlich. Hat niemand von den Passanten, die den Mann sahen, daran gedacht, die Polizei zu informieren? Und wenn ja, wo war die Polizei dann so lange?

Ich habe wirklich ein Problem mit israelischen Politikern und Journalisten, die sofort, wie Guy Bechor, sagen: Juden haben in Deutschland nichts mehr zu suchen, kommt alle nach Israel. Das ist zwar ein verständlicher Reflex, denn man möchte nicht weitere Juden geschlagen, beschimpft, bedroht und in Lebensgefahr sehen. Aber diese Juden können für sich selbst entscheiden, wo sie nun gefährlich leben – in Israel gibt es ja auch Bedrohungen genug, aber immerhin liegt die eigene Sicherheit in Händen israelischer Polizei und Streitkräfte.

Ich halte nichts davon, wenn Israelis Juden im Ausland bevormunden und ihre Lebensentscheidungen kritisieren. Jeder entscheidet für sich, wann es ihm zuviel wird. In den letzten Jahren haben viele jüdische Familien Frankreich verlassen, und es ist gut möglich, daß das nun auch in Deutschland losgeht. Dann aber bitte nicht auf Drängen Israels hin.

Dazu kommt, daß die Vision eines judenfreien Europa die Sache nur verschlimmern würde. Die Judenhasser könnten sich siegreich fühlen, die große Masse der Gleichgültigen könnte nun endgültig Juden in die Kategorie „Menschen, die weit weg sind und uns nichts angehen“ abheften, und die Bewegungsfreiheit von Juden würde weiter eingeschränkt. Gibt es nicht schon genug Länder, in denen Juden bzw jüdische Israelis nicht zugelassen sind?

Jeder Jude in Europa kennt die Möglichkeit, Aliyah zu machen. Die Entscheidung sollte man ihnen schon selbst überlassen. Es gibt viele Gründe, sich für einen Wohnsitz und Arbeitsplatz zu entscheiden.

Leider gehören die Solidarität der deutschen Bevölkerung und das Funktionieren der staatlichen Aufgabe, Minderheiten zu schützen, nicht zu diesen Gründen. Auch die Lippenbekenntnisse, die jetzt von vielen kommen, ändern nichts daran. Daß ein Mann am hellichten Tag unter den Augen vieler auf eine Synagogentür feuern, eine Frau kaltblütig erschießen kann und niemand die Polizei ruft (oder die Polizei fast 20 Minuten braucht, um an den Schauplatz zu kommen), ist entsetzlich.

 

Yom Kippur Oktober 9, 2019, 21:39

Posted by Lila in Deutschland.
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ist vorbei. Es war wie jedes Jahr ein stiller, ruhiger Tag. Bei uns im Dorf fahren ja sowieso nicht viele Autos, aber heute war kein einziges unterwegs. Auch sonst nicht. Im Norden fahren wohl ein paar arabische Autofahrer, aber Bilder aus den Zeitungen zeigen, daß überall die Straßen leer waren. Fernsehen und Radio hatten den Betrieb ebenfalls eingestellt. (Zwei Kinder sind aber tödlich verunglückt, weil sie eben doch manchmal ein Auto fährt – schrecklich.)

Gegen Mittag habe ich dann per Twitter verfolgt, was in Halle geschah. Ich habe mich mit Einschätzungen zurückgehalten, weil erstmal nicht klar war, ob der Täter wirklich die Synagoge angegriffen hat, ob es ein Amoklauf war oder, wie die Tagesschau behauptete, eine „Schießerei“ (zu der ja immer mindestens zwei gehören). Sobald ich den Bericht des Gemeindevorstands von Halle las, nämlich, daß der Täter versucht hatte, in die unbewachte Synagoge einzudringen, indem er die Tür aufschießen wollte, wurde mir so schlecht, daß ich mich immer noch nicht davon erholt habe.

Der Mörder hat dann, ihr wißt es alle, voller Wut auf Passantin erschossen und einen Mann in einem Dönerladen. Den Stream seiner Tat kann man im Internet sehen. An seiner antisemitischen, rassistischen Einstellung kann kein Zweifel herrschen, er hat selbst gesagt, was er denkt.

Gleichzeitig kamen die Nachrichten über den türkischen Angriff auf die Kurden, und die Wut darüber, über den Verrat des Westens an den schwächeren, mutigen Verbündeten, zischt mir bis über die Ohren, wenn ich nur daran denke. Wenn nichts geschieht, wird die türkische Luftwaffe das Gebiet in Nordsyrien bombardieren, bis alle Kurden tot sind. Ein weiterer Völkermord, wie an den Jesiden, bei dem alle zugucken und sagen: is schon schlimm, ne, bevor sie ihren eigenen Geschäften nachgehen. Von Zeit zu Zeit dann kommen Reden, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz oder der Kapitulation NS-Deutschlands – nie wieder, also ganz bestimmt nicht!

Daß Netanyahu Trump bis zum ZweiZwölffingerdarm hochgekrochen ist, wird uns nichts nützen. Trump hat von Anfang an gesagt, daß er sich raushält, und ich kann sogar verstehen, wenn amerikanische Wähler sagen, daß ihnen das US-Hemd näher ist als die kurdische Jacke. Aber Verpflichtungen sind Verpflichtungen. Und wenn der Iran uns bombardiert, können wir uns auf dasselbe Schweigen rundherum gefaßt machen.

Ja, und so kamen zu beiden Themen immer mehr Meldungen rein, und mir fiel auf, daß ich nicht überrascht war.  Weder von Trumps Verrat an den Kurden noch an Erdogans absoluter Skrupellosigkeit (was von seinen Vorwürfen gegen Israel zu halten ist, kann sich jeder selbst ausrechnen), noch auch von dem Szenario in Halle.

Ein Deutscher, vermummt und bewaffnet, mit einem Auto voller Waffen. Bestimmt war er vorher aktiv in rechtsextremen Netzwerken, er wußte, daß sein Livestream gesehen wird und hat sich vom Killer von Christchurch wohl inspirieren lassen. Entweder war er den Behörden nicht bekannt (wie konnte er sich so bewaffnen, ohne aufzufallen?) oder bekannt, aber nicht gefährlich vorgekommen. Beides ungute Szenarien. Ich kenne die Atmosphäre in Sachsen nicht gut genug, aber ich habe von genügend Leuten dort gehört, wie intensiv die anti-israelische und anti-jüdische Indoktrination noch aus DDR-Zeiten dort noch nachwirkt. Wie groß die rechtsextreme Szene ist, wie real die Bedrohung, die von ihnen ausgeht – das weiß ich nicht, kann ich nicht beurteilen.

Aber ich war nicht überrascht. Entsetzt, bis in die Magengrube entsetzt, ja. Die Aufnahmen, wie er auf die Synagogentür schießt – am Yom Kippur, wo die Gemeinde fastet und betet und Menschen sich um Verzeihung bitten. Auf der einen Seite der Tür steht dieser Mann, auf der anderen sitzt eine Gemeinde und betet. Und das in Halle, in Sachsen (okay, Sachsen-Anhalt), in Deutschland.

Der Mann mit dem Messer vor der Synagoge in Berlin fällt mir ein, erst diese Woche, der nicht als gefährlich genug angesehen wurde, um festgenommen zu werden. Die sich häufenden Angriffe auf Juden und Israelis in Deutschland. Der Richter, der in der Brandstiftung der Synagoge in Wuppertal keinen Antisemitismus erkennen konnte.

Die ganze verdruckste politische Haltung Israel gegenüber. Merkel, die iranische Vernichtungsphantasien Israel gegenüber abtut. Das deutsche Abstimmungsverhalten in der UNO – immer feige mit dem Anti-Israel-Mob oder sich enthaltend, niemals an Israels Seite, egal wie idiotisch die Vorwürfe.

Die Schnelligkeit, mit der erschreckend viele Deutsche mich zur Rede stellen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme, die kaum verhüllte Feindseligkeit, mit der sie urteilen, verurteilen, in Straf-Szenarien für Israel schwelgen.

Und dann die Reaktionen der Politiker auf die Tat von Halle. Irgendwas fällt mir beim Lesen auf.

Heiko Maas:

Dass am Versöhnungsfest auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz.

Reiner Haseloff:

Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.

Olaf Scholz:

Das sind sehr erschütternde Nachrichten, die wir aus Halle bekommen haben. Ganz klar sei, „dass auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes jüdischen Glaubens sicher sein können, dass wir mit unseren Herzen bei ihnen sind und wir ihnen die ganze Solidarität übermitteln, die uns überhaupt möglich ist.

Dietmar Bartsch:

Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland – ekelhaft!

Ja, daß sie entsetzt sind, glaube ich ihnen. Aber mir fällt wieder mal die typisch deutsche Scheu vor einem Wort auf, das sie alle nicht gern in den Mund nehmen wollen: JUDEN. Das sagen viele Deutsche nicht gern. Sie sagen „Mitbürger jüdischen Glaubens“, „Menschen mit jüdischem Hintergrund“, „jüdisches Leben in Deutschland“, „jüdische Gemeinden“, „jüdische Menschen“. Achtet mal darauf.

Es ist dasselbe, ob man „Menschen jüdischen Glaubens“ sagt oder „Juden“, meinetwegen „Juden und Jüdinnen“. Denn Juden sind nicht nur Menschen jüdischen Glaubens. Man kann auch an gar nichts glauben und ist trotzdem Jude.

Denn Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder wer konvertiert ist. Judentum ist, ich sage es nicht zum ersten Mal, eine ethno-religiöse Identität. Das jüdische Volk nannte sich schon zur Zeit der Hebräischen Bibel Volk. Am Yisrael, das Volk Israel. Es dauerte Jahrhunderte, bis der Nationalstaatsgedanke geboren wurde, und noch länger, bis die Deutschen ihre nationale Identität zusammenpuzzelten.

Ja, die Idee, daß ethnische und religiöse Identität in eins fallen, ist Deutschen fremd. Für ein überwiegend christlich geprägtes Land, noch dazu eins, dem die Reformation noch in den Knochen steckt, ist Religion eine Konfession, ein Bekenntnis, das man ablegt oder von dem man sich lossagt. Es reicht nicht, einfach anzunehmen, daß andere Identitäten so funktionieren wie die eigene, wenn man verstehen möchte, wie ethno-religiöse Völker ticken – Jesiden, Drusen, Tscherkessen zum Beispiel (zu denen man nicht mal konvertieren kann, da ist das Judentum schon offener, auch wenn es die Konversion deutlich schwieriger gestaltet als das Christentum).

Deutschen kann es also archaisch vorkommen, daß Juden sich als Volk verstehen und nicht nur als Glaubensgemeinschaft, aber ich finde es bewundernswert, daß dieses Volk noch immer lebt, nach Jahrtausenden, in einer sich ändernden Welt, immer in der Balance zwischen Tradition und Erneuerung. Ein Erfolgsmodell.

Juden haben kein Problem, sich Juden zu nennen, warum also finden so viele Deutsche es so schwierig, das Wort über die Lippen zu bringen? Warum senken manche Leute die Stimme, wenn sie mich fragen: „so, einen Israel hast du geheiratet? ja ist er denn… Jude?“ Ich weiß schon, warum. In deutschen Ohren klingt JUDE immer noch wie ein Schimpfwort. Über Jahrhunderte hinweg ist das Wort so negativ aufgeladen worden, daß es fast unmöglich ist, es heute unbefangen zu benutzen. Das verstehe ich. Es soll ja auch noch Schulhöfe und andere Arenen geben, in denen Jude nach wie vor als Schimpfwort gilt.

Ich sähe es gern, wenn das Wort Jude von diesem pejorativen Beigeschmack befreit würde. Wenn Juden Juden genannt werden könnten, ohne diese zimperliche Scheu.

Überhaupt – sprachliche Zimperlichkeit greift um sich. „Menschen aus unserer Mitte gerissen“ bedeutet „ermordet“, aber hübscher ausgedrückt. Kamp- Karrenbauer gar nennt den Anschlag heute ein „Alarmzeichen“. Möchte nicht wissen, wie bei ihr ein echter Ernstfall aussähe, wenn der Tod zweier Menschen und ein knapp verhindertes Blutbad in einer Synagoge nur ein Alarmzeichen sind. Jetzt fehlt eigentlich nur noch jemand, der daraus einen Akt bedauerlich übereifriger Israelkritik macht….

Ich bin gewiß für Takt und Diplomatie, aber dieses sprachliche Zurückzucken vor pöhsen, häßlichen Wörtern ist ein Symptom für das Weggucken, Leugnen, Schönreden pöhser, häßlicher Tatsachen.

In Deutschland haben wir ein Problem mit anti-jüdischem, anti-israelischem und anti-semitischem Haß, der mörderische Formen annehmen kann. Ja, ich sage wir, obwohl ich nicht da bin, aber ich bin auch Deutsche und trage genau dieselben historischen Wackersteine im Magen und schäme mich genauso. Die Frage ist, was machen wir denn jetzt damit.

Zwei Jahre Oktober 5, 2019, 17:10

Posted by Lila in Land und Leute.
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dienen die jungen Frauen in der Armee, und das ist gerade genug. Das dritte Jahr, das die jungen Männer mehr dienen, zieht sich furchtbar lang hin – aber zwei Jahre für die Allgemeinheit geben, das ist vertretbar.

Die IDF hat zwei Arten von Laufbahnen, ganz grob eingeteilt: kämpfende und nicht kämpfende Einheiten. Der Dienst bei den kämpfenden Einheiten ist deutlich härter, die Grundausbildung länger und die Bedingungen spartanischer. Meine Söhne haben in kämpfenden Einheiten gedient (beide als Sanitäter), und ich habe ja im Laufe der Zeit genug darüber geschrieben, wie schwierig das war. Für mich (im Leben keine Uniform getragen außer Arbeitsklamotten als Volunteer im Kibbuz)  – für meinen Mann (der als ganz frischer Rekrut in den Libanonkrieg I eingezogen wurde und insgesamt fünf Jahre im Libanon verbracht hat und nicht darauf brennt, daß seine Kinder Ähnliches mitmachen) – und für die Söhne natürlich am allermeisten. Ich bin froh, daß die Zeit hinter uns liegt. Secundus macht noch ziemlich viel Reservedienst, aber zum Lohn dafür bekommt er auch ein Stipendium an der Uni, und außerdem macht es ihm auch Spaß.

Es gibt auch Frauen in kämpfenden Einheiten, und Quarta hat sich eine Zeitlang überlegt, sich für eine solche Laufbahn zu bewerben. Aber auch nicht-kämpfende Truppen haben wichtige Funktionen, und an ihrer Schwester konnte sie sehen, wie viel man bei der Armee lernen und machen kann. Mir kommt es manchmal vor, als wäre die Armee der Jungens und die Armee der Mädchen etwas vollkommen Verschiedenes. Die Jungen kamen erschöpft, verschwitzt und übermüdet wieder – die Mädchen voll Erlebnisse von Kursen, Freundschaften und Verantwortung.

Weil mir diese ganze Armee-Welt immer noch fremd ist, im Gegensatz zu fast allen anderen, die ich hier kenne, habe ich mit großem Interesse eine Doku-Serie über eine gemischte Einheit gesehen, die auch so heißt: Gemischte Einheit, Yechida Me-urevet, leider nicht mit englischen Untertiteln.

 

Trotz der kritischen Kommentare meiner Familie habe ich die ganze Serie angeguckt. Mein Mann hat über die Anforderungen in der dargestellten Einheit nur gelacht – bei den Fallschirmjägern anno 1981 ging es wohl in der Grundausbildung ganz anders zur Sache. Meine Töchter haben nur gestöhnt, daß sie froh sind, nicht zu einer kämpfenden Einheit gegangen zu sein. Und die Söhne meinen, diese ganze Riesen-Motivation, mit der auch sie angefangen haben (rabak nennt man das auf Ivrit, oder mur´al), ist nur eine Illusion, aus der die Soldaten schnell aufwachen.

Trotzdem fand ich es interessant zu sehen, mit wie viel Vorurteilen die Mädchen zu kämpfen haben, bis sie sich dann durchsetzen. Ich hätte nicht erwartet, daß so viele junge Israelis noch immer glauben, die Frauen können es eben nicht, denn gerade hier haben Generationen von Frauen doch bewiesen, daß sie es können. Natürlich, einige geben auf, genauso wie die Männer. Ich bewundere gerade die, denen es schwerfällt, und die doch durchhalten.

Die Serie zeigt die Grundausbildung, die einzige Zeit, in der die IDF eine Distanz zwischen Befehlsgebern und -empfängern aufbaut. Diese Distanz fällt nach Ende der Grundausbildung, und dann sind die Hierarchien deutlich flacher und der Umgangston ohne Formalitäten. Aber der Übergang vom zivilen zum militärischen Leben ist harsch und deutlich, wie wohl in allen Armeen.

Für Quarta war es natürlich ganz anders. Ihre Grundausbildung war kurz und hat ihr großen Spaß gemacht. Wir waren beim feierlichen Abschluß, und die Atmosphäre war nett und locker. Danach machte sie eine Ausbildung, wo dann nur noch Mädchen waren, und das ging Quarta auf die Nerven. Sie fand es in der Grundausbildung, wo Jungen und Mädchen zusammen waren, viel entspannter. Ihren Job machte sie dann sehr gut und wurde auch befördert, aber ein Angebot, noch ein Jahr dabeizubleiben, hat sie abgelehnt. Sie hatte genug von Bürojob, egal wie interessant, und einer Arbeitsumgebung von fast nur weiblichen Mitarbeiterinnen.

Die Basis, in der sie gedient hat, ist ganz neu. Sie heißt Base Ariel Sharon und wurde innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft, im Negev, und die vielen verschiedenen Ausbildungsbasen aus ganz Israel wurden dort zusammengelegt.

Hier auf Englisch dargestellt in einem Film für die amerikanischen Friends of the IDF, und auch auf Hebräisch gibt es Clips.

Sieht ja soweit alles ganz schick und neu aus, bestimmt kein Vergleich mit den schäbigen Unterkünften, in denen wir die Söhne manchmal besucht haben… Tertia, die bei der Luftwaffe gedient hat und bestimmt nicht über die Bedingungen dort klagen konnte, meinte, so einen luxuriösen Dienst wie Quarta hätte sie auch gern gehabt. Aber Quarta meint, das Essen ist gräßlich und die Fahrt so lang. Und überhaupt.

(Es ist mir ein Rätsel, wieso IDF bei einer Familie, die so weit im Norden lebt, alle vier Kinder südlich von Beer Sheva schickt, während die Kinder von Bekannten aus Beer Sheva hier oben an der Grenze  zum Libanon dienen – vermutlich gibt es extra ein Team von drei mürrischen Offizierinnen, die dafür sorgt, daß die jeweils maximale Kilometerzahl zum Elternhaus erreicht wird, was bei einem kleinen Land gar nicht so einfach ist.)

Quarta hat aber trotzdem nicht viel Grund zur Klage. In der Riesen-Basis dienten ihre Schulfreundinnen mit ihr und eine Zeitlang auch ihre gleichaltrige Cousine. Sie hat viel gelernt, Verantwortung getragen und ihren Freundeskreis erweitert.

Die bohrende Sorge, die ich um die Söhne hatte, hatte ich um sie nicht. Selbst wenn sich hier wieder mal die Wolken zusammenzogen und man mit Angriffen aus Syrien oder Libanon oder Schlimmerem rechnen mußte, dachte ich immer: in ihrer Basis ist sie besser aufgehoben als hier bei uns. Bei den Söhnen dagegen hatte ich immer Ynet aktuellste Nachrichten auf dem Internet offen, oft neben dem Bett, und habe immer Radio gehört. Einfach weil ich wußte, besonders im Fall von Secundus: wenn es heißt, „Unruhen in Hebron“, dann ist er dabei, „Unruhen an der Grenze zum Sinai“, dann ist er dabei, und „Armee versammelt sich am Übergang in den Gazastreifen“, auch dann ist er dabei. Um die Mädchen habe ich die Normal-Sorge, diese Währung, in der man für jede Freude zahlt, die man an Kindern hat. Bei den Söhnen kam während ihres Wehrdiensts eben noch diese ganz besonders unerträgliche innere Unruhe hinzu. Daß Quarta mir das erspart hat, kann ich nicht bedauern.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir sie vor zwei Jahren zum Marine-Museum in Haifa gebracht haben, wo eine kleine Feier stattfand, für die neuen Rekruten. Es gab Kaffee an kleinen Tischen. Quarta und ihre beste Freundin stiegen dann zusammen in den Bus, die Eltern winkten und die Busse fuhren. Wir wußten damals nur ungefähr, wie es für sie weitergehen würde. Dann kam die Zeit der Grundausbildung, die für Quarta wie eine Art Sommercamp war, und dann die fachliche Ausbildung. Keine Härten, jedes Wochenende zuhause, oft auch mitten in der Woche ein freier Abend (wo sie oft bei einer Freundin in Tel Aviv war, weil der Weg bis nach Hause zu lang gewesen wäre).

Donnerstags bis Shabat frei heißt bei der Armee übrigens chamshushyom chamishi ist der 5. Tag, also Donnerstag, shishi ist der 6., also Freitag, und Shabat. Chamishi, shishi, shabat – zusammengezogen zu chamshush. „Sie hat chamshushim„, meinten die Geschwister bedeutungsvoll, denn sie hatten es nicht so gut.

Überhaupt ist die Armeesprache voll mit solchen Abkürzungen. Sofash ist ein Wochenende (sof shavua), sakash ein Schlafsack (sak sheyna), galchaz ist die gründliche Reinigung (giluach rechaza), pazam hat man, wenn man länger dabei ist (perek zman memushach – eine längere Zeitspanne), und bahad ist die Ausbildungsbasis (basis hadracha) – weswegen Quartas Basis auch Ir ha-bahadim genannt wird, die Stadt der Ausbildungsbasen.

Ich habe jetzt also auch pazam als Soldatenmutter. Und morgen lassen sie mich zum ersten Mal rein in die Ir ha-bahadim, bin sehr gespannt.