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Eine nächtliche Begegnung August 27, 2009, 23:55

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Krabbeltiere.
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Ich nutze die Nächte zum Arbeiten, weil mich dann niemand stört. Die ganzen letzten Nächte habe ich bis fünf Uhr früh gearbeitet, dann bin ich schlafengegangen bis so gegen elf, dann weiter. Tertia und Quarta nehmen mir im Haus mehr ab, seit ich sie darum bitte, und sie machen es sogar willig. Quarta macht sehr gern Wäsche, Tertia kocht gern. Da die meiste Zeit nur wir drei Frauen zuhause sind, geht das ganz gut so.  (Primus macht einen Kurs als Sanitäter, Secundus ist auf Abschlußfahrt in Polen).

Vor einer halben Stunde wurde ich unruhig, weil ich das Gefühl hatte, ich bin nicht allein in der Küche. Irgendwas raschelte. Ich zog alle Schubladen auf und sah mich gut um, konnte aber nichts entdecken. Eine Pause von der Schreibtischarbeit konnte ich sowieso gebrauchen, also scheurte ich den Herd. Auf einmal sehe ich etwas Schwarzes auf dem Fußboden – tatsächlich, ein schwarzer Skorpion. Also, richtig schwarz sind sie nicht, die Kerle haben eher so die Farbe von Salmiakpastillen.

Ich bin schwach geworden und habe Y. zu Hilfe gerufen. Tote Skorpione habe ich aus unserem alten Haus entfernt, einmal auch einen an die frische Luft gesetzt, aber da war ich allein und mußte. Seit wir hier wohnen, hatten wir noch keinen Skorpion, und an Schlangen auch nur, was die Kinder anschleppen. Wie ehefraulich von mir – aber es war mein erster Instinkt, ihn zu rufen. Er war ja auch noch wach.

Y. zog sich nicht mal Schuhe an, sondern fegte den Skorpion seelenruhig aus dem Haus. Er hat ihn den Weg entlanggefegt, in der Hoffnung, daß er sich nun andere Aktionsfelder sucht. Y. schläft schon, aber ich habe doch einen Schrecken gekriegt. Wenn ich nur wüßte, wie der Skorpion hier reingekommen ist! Er marschierte so richtig selbstbewußt in Richtung Mädchenzimmer, seinen Stachel unternehmungslustig geschultert. Nicht auszudenken, wenn er sich da unter dem Gerümpel verborgen hätte, das die Kinder dort jeden Tag auftürmen.

Ach, ich bin diesen nächtlichen Begegnungen dieser Weltgegend mal gerade so gewachsen. Ein Isländer, ein Isländer, hätte ich mal einen Isländer genommen. Nur ein Buchstabe im Alphabet, aber wie viel leichter hätte ich es in Island!

(Aber ich habe DAS Argument gefunden, die Mädchen zum Aufräumen zu bewegen! Danke, Scorpio!)

Leo August 24, 2009, 13:59

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Am Abend, bevor wir (die Mädchen und ich)  nach Deutschland aufbrachen, verschwand unser Kater Leo. Normalerweise ist er viel zuhause, darum fiel es Y. und Secundus sofort auf. Sie suchten den ganzen Kibbutz ab, kletterten runter ins Wadi, gingen alle Straßen ab. Die Ungewißheit, wenn so eine Katze verschwindet, ist ja immer bedrückend. Hat ihn jemand mitgenommen, angefahren, ist er aus freiem Willen auf Wanderschaft gegangen, was ist mit ihm geschehen?

Auch nach unserer Rückkehr: kein Leo. Er fehlte uns sehr. Auch die Mädchen gingen nun auf die Suche, aber Leo blieb verschwunden. Quarta rief jeden Abend nach ihm, und so auch vor ein paar Tagen.  Es war schon spät – und auf einmal hörte ich Quartas atemlosen Schrei: Leo antwortet! Und aus den Gebüschen hinter dem Haus schleppte sich unser Leo über die Wiese, die Stufen hoch, ins Haus. Er war ein Gespenst seiner selbst, komplett abgemagert, humpelnd, und von seinem Schwanz war nur noch ein blutverschmierter, geschwollener Stumpf übrig. Quarta und ich fingen sofort an zu weinen, als wir ihn sahen, es war so ein schrecklicher Anblick.

Leo taumelte in Richtung Freßnapf, und Y. rief sofort unseren Tierarzt an. Der sagte sofort: bringt ihn mir. Und das taten wir. Als wir ihn anfaßten, schnurrte er, ein klägliches, aber deutliches Schnurren. Wir mußten ihn beim Tierarzt lassen, er bekam Flüssigkeit und Medikamente, und am nächsten Tag wurde er operiert. Der Schwanzstummel war schon nekrotisch, aber wir hatten Glück, die Nekrose war nicht zu weit fortgeschritten. Der Schwanz mußte aber ganz amputiert werden.

Der Kater hatte außerdem Prellungen, Wunden im Maul und an den Pfoten, und war ausgetrocknet, abgemagert, geschwächt und traumatisiert. Der Tierarzt meinte, er war nur wenige Stunden vom Tod entfernt. Hätte Quarta nicht vor dem Schlafengehen noch einmal nach ihm gerufen, hätten wir ihn wohl am Morgen tot vor der Tür gefunden. Bei der Vorstellung wird mir noch nachträglich ganz anders.

Nun, seitdem dreht sich unser Leben um Leo auf seinem Krankenbett. Er frißt, wie um sich die Plauze schnell wieder anzufuttern, die ihm wohl das Leben gerettet hat (er hatte was zuzusetzen, wie man so sagt). Der Kragen, der ihn daran hindern soll, sich seine OP-Wunde gleich wieder aufzubeißen oder -lecken, stört ihn sehr und er ist verstört und immer noch wacklig auf den Beinen. Aber insgesamt geht es ihm jeden Tag besser. Er liegt auf unserem Bett, das ist sein Lieblingsplatz. Nachts ruht er auf Y.s Brust, von jeher sein Lieblingsplatz.

Unglaublich, wie zäh so eine Katze ist. Ich bin so froh, daß er überlebt hat, daß er sich nach Hause schleppen konnte  und sich nun so gut erholt. Er wird das Ganze vergessen und hoffentlich bald wieder vergnügt sein wie vorher. Ohne Schwanz wird er schon zurechtkommen, ich habe schon Katzen gekannt, die ihren Schwanz verloren hatten, aber ganz unternehmungslustig waren.

Wer kein Tier hat, denkt vermutlich, was für ein Aufstand um eine Katze! wo doch so viele Menschen leiden. Ich denke das ja einerseits auch. Andererseits: wenn man die Verantwortung für so ein Tier übernommen hat und es gernhat, dann geht es einem ganz schön ans Gemüt, wenn dem Tier was zustößt. Nicht nur die Kinder waren bedrückt, auch Y. und ich.

Immerhin wird meine Schwiegermutter die beiden schwarzen Kater nun endlich auseinanderhalten können.

Die Stirn August 24, 2009, 2:09

Posted by Lila in Presseschau.
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Ich hatte eigentlich gedacht, so schnell kriegt mich kein Thema mehr zum Bloggen zurück, aber gerade habe ich etwas gelesen, das mich doch wieder dazu treibt.

Schweden bietet Israel die Stirn

Das kleine, von vielen Feinden verfolgte Schweden, ein Land der Flüchtlinge und Opfer,  bietet tapfer dem übermächtigen, reichen, arroganten Israel die Stirn! Richtig so, bei der Überschrift weiß man ja gleich, wo man seine Sympathien zu verteilen hat.

Der Regierung in Stockholm ist die Meinungsfreiheit in ihrem Land wichtiger als die Empfindlichkeiten in Jerusalem.

Auch hier ist wieder eindeutig klar, wo die Sympathien liegen. Der Ton ist eindeutig: …und das ist auch gut so!  Wartet mal, bei einer so eindeutig Partei ergreifenden Sprache kann es sich doch nur um einen Kommentar handeln? Aber nein, es ist eine Agenturmeldung. Also eine sachliche Darstellung der Fakten.

Wie sehen die Fakten also aus? Auf der einen Seite die hochgeschätzte Meinungsfreiheit, auf der anderen Empfindlichkeiten. Man beachte den Plural – nicht etwa Empfindlichkeit, wie sie sich nach einer erlittenen Verletzung einstellen, sondern Empfindlichkeiten, wie von einer launischen Diva. Nun gut.

Der Streit hat sich an einem schwedischen Zeitungsartikel entzündet, der massive Vorwürfe gegen Israels Armee erhebt.

Wie sehen die massiven Vorwürfe aus?

Die Angehörigen eines 1992 getöteten Palästinensers kamen zu Wort – sie präzisierten die Vorwürfe gegen die israelische Armee. Organe des 19-jährigen Bilal Achmad Ghanem sollen damals von israelischen Soldaten entnommen worden sein.

Wie wäre es an dieser Stelle mit einer kleinen Klarstellung? Ein erschossener Demonstrant ist nicht gerade die ideale Zielgruppe für eine Organentnahme, eine Gruppe von jungen Soldaten nicht genau die richtigen Fachleute dafür, und eine Art Schlachtfeld nicht genau das sterile Umfeld, das man für so einen diffizilen Eingriff braucht. Das müßte wenigstens mal erwähnt werden, damit die abstruse Geschichte das richtige Gewicht erhält. Außer palästinensischen Vorwürfen liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, daß die israelische Armee gezielt Palästinenser tötet, um ihnen Organe zu entnehmen. Kein einziger Anhaltspunkt, nichts. Einfach nur die Aussage einer palästinensischen Familie, die ihren Sohn durch israelische Kugeln verloren hat und bereit ist zu beschwören, daß er in einem israelischen Krankenhaus geplündert würde.

Nun glauben viele Leute ja auch, daß Israel den Tsunami vor ein paar Jahren durch Untersee-Nuklearexperimente ausgelöst hat, daß der Mossad hinter dem Anschlag auf das WTC steckt und hinter der Entführung (war es eine?) der Arctic Sea, daß israelische Labors die AIDS- und Schweinegrippe-Viren ausgebrütet haben, daß Israel palästinensischen Kindern die Augen entnimmt, um sie jüdischen augenkranken Kindern einzupflanzen, daß Israel Wildschweine auf Palästinenser abrichtet und losläßt, daß Israel vergiftete Ballons in den Libanon schickt… es wird alles, alles geglaubt. Wirf nur genügend Dreck auf Israel, irgendwas wird schon hängenbleiben. So abstrus jeder einzelne Vorwurf ist, in ihrer Masse tragen sie dazu bei, Israels Ansehen unwiderruflich zu schädigen.

Ich war in der letzten Zeit in Deutschland und habe festgestellt: ein Tag ohne Greuelpropaganda gegen Israel scheint deutschen Zeitungen als verlorener Tag zu gelten.

Aber was bitte hat die Verbreitung von Greuelpropaganda mit Meinungsfreiheit zu tun? Es ist das eine, einen Kommentar über Israel zu schreiben und darin klar zum Ausdruck zu bringen, daß man Israel alles zutraut, auch, Toten unter unsterilen Bedingungen Organe zu entnehmen, diese irgendwie am Leben zu erhalten und dann auch noch gewinnbringend zu verkaufen. Aber es ist das andere, so zu tun, als hätte man dafür Beweise, und das als Bericht, nicht als Op-Ed zu veröffentlichen.

Erinnert sich vielleicht noch jemand an Katharina Blum? Wenn es um die Ehre und Zukunft von Menschen geht, sollte man vielleicht mit Lügen dieser Art etwas vorsichtiger umgehen. Wie viele Juden sind gestorben, weil ein verhetzter Mob geglaubt hat, daß sie kleine Kinder schlachten, um ihre Mazzen daraus zu backen? Das sind keine „Empfindlichkeiten“, das sind bittere Lehren aus der Geschichte. So werden Feinde entmenschlicht – indem man ihnen Taten unterstellt, die als unmenschlich empfunden werden.

Darum zieht das Argument mit der Meinungsfreiheit nicht. Die Mohammed-Karikaturen waren Karikaturen, kein Pseudo-Tatsachenbericht.  Und wie groß war da die Vorsicht in Schweden, sich mit ihnen die Finger zu beschmutzen! Wie viele Zeitungen wagten es nicht, sie abzudrucken. Doch wenn es um Israel geht, vermischt man munter Tatsachenbericht und Aussprechen einer Meinung. Auch der Kölner Stadtanzeiger tut das, indem er nicht darauf hinweist, daß es sich bei der Organentnahme-Geschichte um eine durch nichts faktisch abgesicherte Mär handelt. Und die darf man nicht einfach so in Umlauf bringen.

Daß die israelische Regierung diesem verrückt gewordenen Affen aber noch Zucker gibt, macht die Sache noch schlimmer. Eine schlichte Klage wegen übler Nachrede gegen die Zeitung, eingereicht von der Armee, hätte mehr gebracht als Appelle an die schwedische Regierung. Die Regierung wird sich hüten und ein Wort gegen die journalistischen Praktiken in Bezug auf Israel sagen. Ich meine, die wollen doch wiedergewählt werden.

Von Schweden haben wir uns nichts zu erhoffen, nie gehabt. Schweden, so sehr ich das Land liebe und wunderschön finde, ist überwiegend so anti-israelisch eingestellt, daß die Menschen es schon selbst nicht mehr merken. Wenn die schwedische Volksmeinung sich frei in solchen Geschichten ausgedrückt sieht und gegen eine Richtigstellung empört die Stirn hebt – dann kann man wohl nicht darauf zählen, daß jemandem in Schweden überhaupt die Ungereimtheiten der Story aufgefallen sind.

Aber vom Kölner Stadtanzeiger und anderen deutschen Zeitungen, die natürlich dieselbe Agenturmeldung unkommentiert übernehmen, hätte ich das nicht erwartet. Im Thüringer Anzeiger lautet die Überschrift: Israel: Schweden soll „antisemitischen“ Artikel verurteilen. Merke: Antisemitismus gibt es nur in Anführungszeichen, als Keule, als Vorwurf. In Wirklichkeit gibt es den gar nicht. Falls Juden oder Israelis sich über solche Geschichten empören, sind das Empfindlichkeit, die zynisch und eindeutig abgetan werden. Wie lächerlich die Forderung, auf journalistischer Fairness und gründlicher Recherche zu bestehen!

Kurz, es ist zum Verzweifeln. Ich will nicht mehr bloggen, weil ich solchen ekelhaften Lügengeschichten, die kritiklos einfach geglaubt werden, aus dem Weg gehen will. Diesmal ging es nicht. Außerdem bin ich in Arbeit geradezu eingemauert und leide am Überwältigt-Syndrom. Es ist drei Uhr, und ich muß noch einen Kuchen backen, der um sieben Uhr feierlich verspeist werden soll. (Nein, Israelis backen nicht mehr mit Menschenblut, es ist einfach zu sehr im Preis gestiegen.)

Zum gleichen Thema auch David Bogner.

Und Meryl Yourish.

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