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Ein Uhr nachts, im Regen November 24, 2012, 18:46

Posted by Lila in Kinder, Persönliches, Uncategorized.
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Das habe ich vorgestern nacht geschrieben:

Wir sassen im Auto, auf einem Parkplatz neben dem Busbahnhof, und warteten auf den Bus. Wir sahen ihn nicht, aber auf einmal klopfte es an die Scheibe. Mager und mit Bartstoppeln grinste Secundus uns an. Wir ersparen ihm sonst Peinlichkeiten, aber diesmal konnte er dem Sandwich-hug, diesem Kindheitstrauma, nicht entgehen. Er liess es sich auch gefallen.

Wir hatten eine warme Mahlzeit fuer ihn mitgebracht, und waehrend wir fuhren, futterte er erstmal. Dann fing er an zu erzaehlen.

Am Mittwoch vor einer Woche sassen sie in Hebron abends vor dem Fernseher, das ganze medizinische Team, und sahen in den Nachrichten, dass Israel den militaerischen Kopf der Hamas getoetet hatte. Der Arzt sagte sofort: das wird wohl Folgen fuer uns haben – und so war es auch.

Der Arzt und das ganze Team feilen staendig an der Einsatzbereitschaft, und so gab es keine Verzoegerungen, als die Befehle kamen und die ganze Einheit nach Sueden verlegt wurde. Die mobile Erstversorgung (taagad) war laengst zusammengepackt und einsatzfertig. Sobald der Ersatz kam, zogen Secundus und seine Kollegen, in Richtung Sueden. Secundus sagt, die Soldaten, die nach Hebron gerufen wurden, waren richtig sauer und protestierten: warum sollte die Nahal in den Gazastreifen duerfen und sie nicht? Sie waren kurz davor, den Befehl zu verweigern.

Secundus‘ Truppe fuhr nicht direkt an den Gazastreifen, sondern zuerst in eine andere Basis, zu allen moeglien Vorbereitungen. Dort ging alles recht reibungslos zu, zumindest die Dinge, die geuebt worden waren. Manches kann man aber nicht ueben, und Y. meinte, „fuer sowas ist ein Krieg doch nuetzlich- jetzt sitzt wieder alles“, bemerkte aber auch mit Befriedigung, dass die Lehren sowohl aus Libanon II als auch aus Oferet Yezuka gezogen worden waren. Die Armee verbessert sich selbst staendig, jedem Fehler wird nachgeforscht, fuer alles gibt es Mechanismen, und was nicht wie geschmiert geht, wird eben korrigiert, bis es sitzt.

Und dann sassen sie in Bussen und fuhren in den Sueden. Dort sahen sie pausenlos Raketen aus dem Gazastreifen aufsteigen, die ueber ihre Koepfe hinwegflogen und von kipat barzel aufgefangen wurden. Secundus sagt, dass sie vor Ungeduld brannten, auch etwas zu tun. Er sagt, man denkt in solchen Situationen gar nicht an die Gefahr, sondern nur daran, dass dieser Beschuss gestoppt werden muss, und dass sie bereit sind, alles zu tun, damit das passiert.

Es kamen immer mehr und mehr Soldaten, aus vielen Infanterie-Einheiten, regulaer und Reserve. Die Zeit ging schnell herum mit Vorbereitungen und Kennenlernen der neu hinzugekommenen Reservisten. Manche davon waren erfahrene alte Hasen, die nichts aus der Ruhe bringen konnte, andere waren noch wie schwindlig vom schnellen Uebergang, den sie nicht erwartet hatten.

Secundus verstand sich besonders gut mit einem, der zu ihm sagte: heute frueh habe ich noch mit meiner Frau auf der Terrasse Tee getrunken, und jetzt bin ich unterwegs in den Gazastreifen…. Secundus half ihm, sich schnell wieder an die Routine zu gewoehnen, dafuer hatte der Reservist seine Erfahrungen von frueheren Kriegen. Er hat Secundus zum Abschied ein Geschenk gemacht. Er sitzt bestimmt jetzt mit seiner Frau bei einer Tasse Tee und muss sich vorkommen, als haette er das nur getraeumt.

So haben sie sich alle darauf eingestellt, dass sie rein muessen, haben sich schon die Gesichter mit Tarnfarben bemalt, die enorm schweren Westen und Taschen und alles andere aufgebuckelt, und sind losmarschiert. Erst ganz knapp vor dem Gazastreifen hiess es auf einmal: Pause. Und nach einer langen Pause dann: Einsatz um 24 Stunden verschoben.

Secundus sagt, das war ein sehr schwieriger Moment, denn die Spannung fiel in nichts zusammen, aber vollkommene Entwarnung gab es auch nicht. Und das wiederholte sich dann ein paarmal. Die Soldaten vertrieben sich die Zeit mit Uebungen, mit „shiftzurim“, also Basteleien und Verbesserung der Ausruestung, und sahen den Raketen weiter zu. Der Krieg spielte sich in der Luft ab, die Infanteristen warteten auf ihren Einsatz, aber irgendwann war klar, dass der nicht kommen wuerde.

Einige waren erleichtert, andere enttaeuscht, aber alle hatten das Gefuehl, dass das nicht die letzte Runde ist. Dass frueher oder spaeter eben doch  noch ein weiterer Krieg kommen wird. Und, wie ich es auch von interviewten Reservisten im Fernsehen gehoert habe, sie dann genauso hochmotiviert und gut vorbereitet kommen werden wie diesmal.

Secundus hat Benni Ganz diesmal nicht gesehen. Aber er hat viele andere Leute getroffen. Er sagt, die Atmosphaere war ruhig, trotz der Aktivitaeten und Vorbereeitung. Eine riesige Menge Menschen, von denen jeder genau weiss, was er zu tun hat. Er sagt, ausser ein paar technischen Ausfaellen ging alles wie am Schnuerchen. Jede Panne wurde sofort weitergemeldet. Da dachte ich: genauso haben es auch die vielen Soldaten erzaehlt, die ich im Fernsehen gesehen habe. Der Uebergang „von der Routine in den Ernstfall“, wie die Armee es nennt, was dann zu einer „Routine des Ernstfalls“ wird – das klappt nach Secundus‘ Erfahrungen reibungslos.

Irgendwann fanden sie sich dann in seiner alten Ausbildungs-Basis wieder, in der Naehe von Arad. Kurz vorher waren dort neue Rekruten eingetroffen – die kaempfenden Einheiten rekrutieren ja im November (Y. und auch Primus sind „Nov“-Soldaten, und ein typischer Soldatenspruch ist: „ad Nov haia tov“ – „bis November war alles okay“…). Sie wurden nach Hause geschickt, um Platz fuer Secundus und seine Freunde zu machen.

Eigentlich war geplant, sie uebers Wochenende dort zu behalten, und sie dann zurueck an ihre normalen Einsatzorte zu schicken – in Secundus‘ Fall Hebron, wo auch seine ganze persoenliche Ausruestung geblieben war. Dann trieben sie aber doch Busse auf, um die Soldaten wenigstens fuer einen Tag nach Hause zu schicken.

Secundus‘ Bus war ausdruecklich nur fuer Soldaten aus dem Norden bestimmt, aber trotzdem hielt der Busfahrer ueberall, wo jemand rauswollte. Darum dauerte die Fahrt viele Stunden. In Haifa warteten dann die Eltern der wirklich hoch im Norden wohnenden Soldaten, vermutlich alle mit warmem Essen und Suessigkeiten auf den Knien.

Er erzaehlte die ganze Zeit. Dann waren wir zuhause. Morgen abend muss er wieder ins sehr unruhige Hebron.

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Das Wochenende ist vorbei, er ist schon wieder unterwegs. Er hat praktisch das ganze Wochenende geschlafen, er war vollkommen erschoepft. Er hat nicht mal Musik gehoert, wie sonst immer, so kaputt war er. Darum fuer ihn:

eines von Secundus‘ Lieblingsliedern. Die grosse, in Israel sehr beliebte Glykeria singt mit Harel Moyal, dessen Fan Secundus ja schon seit vielen Jahren ist.

Ausserdem stell ich, wie neulich schon, einen Quatsch-Clip von tanzenden Soldaten ein – aber der hier ist neu. Das sind Soldaten, die auf den Einsatz im Gazastreifen warten.

Hatten die sonst nichts zu tun? Na ja, sie werden, wie Secundus, mit der Vorbereitung fertig gewesen sein, und irgendwie muss man sich ja die Wartezeit vertreiben. Jetzt sind sie alle wieder zuhause oder, wie Secundus, schon wieder im naechsten Einsatz. Aber die Laune war wohl ganz gut da unten, trotz allem.

Hoffen wir, dass die Waffenruhe haelt, dass Aegypten weitere Waffenlieferungen aufhaelt, und dass irgendwas passiert, um den giftigen Einfluss des Iran zurueckzudraengen.

Kommentare

1. Silke - November 24, 2012, 19:17

tja, was für verantwortungslose Kerle doch bei Eurer Truppe sind, während die jenseits der Grenze sich die Stimmbänder mit Allahu Akbar Gekreische ruinieren blödeln die da so rum, als sei durchgehend Sonntag – wie unerhört blutdürstig das auf mich wirkt.
(immer wenn ich das Allahu Gekreische höre, bekomme ich Mitglied mit jenem höheren Wesen, das sie verehren und all den schlicht Frommen. Es muß furchtbar sein, wenn sich die geliebte Religion, der Trost in dunklen Stunden oder was immer, auf solche Abwege begibt.)

Vor Deinem Video ist übrigens die GEMA vor, ich muß also erst die Gebrauchsanweisung fürs Umgehen suchen – grrrr!!!

——–
ich fand einiges, was sie Langeweile erzählt hat, recht interessant – ich vermute mal, daß das Problem für die Besatzungen der Iron Domes recht real ist.

http://www.bbc.co.uk/podcasts/series/medmatters

Drone operators and boredom; New study on fostering; Alleged lunatics in Victorian Britain
Tue, 20 Nov 12
Duration:
29 mins
MIT research into distraction in drone operators; New study on bonding in fostered children; Sarah Wise „Inconvenient People“ discovers victims of wrongful incarceration in Victorian Asylums

2. Steponas - November 24, 2012, 20:46

Lila, Dein Sohn denkt wie ein echter Held, ein Held, der bereit ist, die Zivilisation zu verteidigen! Einen tollen Sohn hast Du! Herzlichen Glückwunsch!

3. Silke - November 24, 2012, 21:08

wie cool so ein Bericht von einer fürchterlichen Kampagne klingt – das war es also, was die Lieben der hier Kämpfenden zu Hause zu hören kriegten. Diese Art von irreführendem Balsam gibt es für israelische Angehörige vermutlich auch nicht, dafür ist wohl alles zu nah dran …

– gefunden via Mary Beard: (pretty early on in the battle, as he says at one point that the ancient city is still relatively unscathed… in the end it took the hit of more than 160 allied bombs)
http://timesonline.typepad.com/dons_life/2012/11/pompeian-corpses-and-reconstructing-the-classics.html

http://www.cbc.ca/archives/categories/war-conflict/second-world-war/the-italian-campaign/fighting-around-the-ruins-of-pompeii.html

und die Dummschwätzer oops experts von heute ignorieren, wenn sie über Israel palavern all die erschreckenden Info-Bits, die in diesem Stück enthalten sind.

4. Silke - November 24, 2012, 21:48

hier sind ein paar Überlegungen zu Ägypten, mit denen ich was anfangen kann. Ich habe nämlich den Verdacht, daß da viel von abhängt, ob Hamas sich am Riemen reißt und ein paar Jahre Frieden gibt oder nicht i.e. ob – so verkürze ich es mir – sich die Muslim Brüder für ihre iranischen Co-Fundamentalisten oder für ihre Sunni-Tradition entscheiden.

Und das mit den Richtern erinnert mich an das, was ich vor kurzem über das was Ferdinand von Schirach kürzlich über’s Huckepack-System in Nachkriegsdeutschland erzählt hat – haben wir uns doch hier zu ausgetauscht, oder?

http://blogs.the-american-interest.com/wrm/2012/11/24/morsis-unavoidable-purges/

5. Paul - November 25, 2012, 0:26

Vielen Dank für diesen Bericht.
Erleichtert sind wir (meine Frau auch) genauso wie Ihr, dass dieser Wahnsinn wenigstens eine Pause eingelegt hat. Möge sie recht lange währen.
Mein Dankgebet habe ich in Lourdes schon „abgegeben“.
Dir wünsche ich auch einen langen tiefen erholsamen Schlaf. Secundus hat Dir vorgemacht wie es geht.

Gott schütze Euch.
Gott schütze Israel.


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