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Was will mir das sagen? Januar 29, 2007, 22:00

Posted by Lila in Land und Leute.
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Aus Haaretz.

Jetzt geht natürlich das große Raten und Beraten los, wie reagieren? Wir stecken Qassams ohne Ende ein, täglich vereitelte Anschläge (von denen auch in unseren Medien nicht viel kommt, ich habe aber andere Kanäle und weiß manches, was ich nicht erzählen kann – klingt gut, was!), und so steht jetzt Peretz die Entscheidung bevor, was zu tun. Tu wat, Jung! rufen die einen, übereil nichts, Jung!, die anderen. Er sieht überfordert aus.

Dann die Beiträge zum Thema Holocaust und Antisemitismus, dabei zwei wirklich lesenswerte Beiträge. Einer gibt ein bißchen Hintergrund, auch zur Durban-Konferenz, die ich zu den ganz großen Traumata meines Lebens zähle – in den Tagen dieser Konferenz wurde mir dumpf klar, daß wir keine Chance haben, und es hat ein paar Jahre gedauert, bis das von dumpf zu klar durchgesickert ist. (Hier eine alles anderes als objektive Sammlung von Links, und hier eine ebenfalls nicht objektive Seite zum Thema.)

Dina Porat befaßt sich mit der Frage, wie weit der Begriff Antisemitismus, aber auch Rassismus und Xenophobie, eigentlich theoretische definiert und abgesteckt ist. Jedes Sextänerschen weiß ja heutzutage, daß man ohne vernünftige Begriffsdefinitionen nicht arbeiten und erst recht nicht kommunizieren kann. Erstaunlicherweise ist der Begriff Antisemitismus jahrzehntelang eher vermieden oder als vages Schlagwort eingesetzt worden. Porats Nachzeichnen der Diskussion und auch der Diskussionsvermeidung finde ich hochinteressant.

For almost 50 years, from the end of the Second World War until the early 1990s, anti-Semitism is not mentioned and is certainly not defined in the documents, conventions or summaries of European and international conferences.

Schon erstaunlich.

Auch interessant die aktuelle Meldung, eine klare Steigerung der antisemitischen Gewalttaten in Europa, wen wundert es? Ein Jahr nach dem Mord an Ilan Halimi kann sich einem auch ein stoischer Magen dabei umdrehen.

Was wird passieren, wenn Israel jetzt irgendeine Art von Schlag gegen die Infrastruktur des Terrors losläßt, der wir den heutigen Anschlag verdanken? Ach ja, wir eskalieren die Lage unverantwortlicherweise. Wenn Peretz noch eine Runde still hält? Dann bleibt es still, bis zum nächsten Anschlag, oder bis eine Qassam-Rakete ihr Ziel findet.

Ob mich das nicht ermüdet? Doch, aber leider hat die Realität kein Knöpfchen zum Ausschalten.

Kommentare»

1. Dr. Dean - Januar 31, 2007, 23:08

Sorry, aber ich fand den Hinweis auf die Durban-Konferenz besonders interessant. Meine paar abgewetzten Pfennige dazu:

Als ich das erste mal von dieser Konferenz hörte, war meine innere Reaktion nur ein „Ach – schon wieder eine dieser nutzlosen wie überambitionierten internationalen Konferenzen mit den immer gleichen Wichtigtuern und Grabenkämpfen?“

Mehr war das für mich nicht. Und ist es bis heute nicht.

Ich habe nichts gegen internationale Konferenzen – im Gegenteil. Auch nichts gegen das Thema – denn es ist wichtig. Aber ich habe etwas gegen überzogene Erwartungen.

Große internationale Konferenzen, die nicht nur Austausch udn Diskussion, sondern auch echte Ergebnisse bringen, halte ich für singuläre Ereignisse. Sie setzten neben einem 1. Einigungswillen der beteiligten Staaten und einem 2. gemeinsamen Problemverständnis m.E. auch noch voraus, dass die 3. Weltöffentlichkeit vom Anliegen wirklich und nachhaltig berührt ist. Nicht: sein sollte.

Insofern buche ich die meisten internationalen Konferenzen ins Konto „Kommunikation und Austausch“, was oft nicht sehr weit entfernt ist von „Ablage P“.

Teilweise, zumal bei dieser Themenvielfalt und dem 4. Kaliber der Teilnehmer, werden auf derartigen Konferenzen Themen behandelt angesprochen, die 5. sorgfältig vorbereitet gehörten.

Nun: Punkt 1. bis 5. habe ich bei der Durban-Konferenz nicht gesehen. Insofern verstehe ich, Verzeihung, die Enttäuschung nicht. Dass ungeeignete Leute ungeeignete Standpunkte vertreten, dies dann auch noch mit Wonne:

Das habe ich z.B. auch im „Schweinske“ (eine preiswerte Hamburger Restaurantkette, die vor allem Schweinefleisch in verschiedenen Variationen als Mahlzeit anbietet). Da gibt es auch diverse Leute mit diversen, oft absurden wie undurchdachten Standpunkten.

Und ja, ich würde vielen Menschen wünschen, sie hätten sich gründlicher Gedanken gemacht. Aber, und das rechne ich bei solchen Gelegenheiten der Bar-Konversation zu den Höhepunkten: Oft ist es trotzdem nett, miteinander zu reden. Im Laufe der Zeit (bei zahlreichen Wiederholungen) sieht man sogar Lerneffekte.

Beispielsweise wird der „deutsche Kamerad“ (ein echter Neonazi) seit zwei Monaten von den Stammkunden aus meinem Schweinske rausgeworfen. „Geh weg!“: Das bekommt der zu hören. Auf mich freuen sie sich alle. Und das mag ich.

Wie gesagt: Eine einzelne Konferenz ist garnichts. Regelmäßige internationale Gespräche können aber viel sein.

😉

P.S.
Kopf hoch!

2. Lila - Februar 1, 2007, 0:53

Dr. Dean, ich glaube, ich muß schärfer sagen, WAS mich an der Durban-Konferenz so verstört hat. Nicht etwa, daß viele Würdenträger viele nutzlose Worte machen – abgehakt, das passiert andauernd, vermutlich könnte man ebensogut die Zunge zum Fenster raushängen.

Aber die Durban-Konferenz, die allgemein gegen Rassismus und Anderen-Haß Stellung beziehen sollte, wurde zu einer anti-israelischen Farce, in der Israel, nur Israel und immer wieder Israel im Sperrfeuer stand – bis mehrere Delagtionen wie auch die israelische unter Protest die Konferenz verließen.

Erstens wurde dabei das unproportionale Gewicht des israelisch-palästinensischen Konflikts absolut gesetzt. Als gäbe es nicht noch ein paar andere kleine Problemchen auf der Welt! Als wären nicht noch andere Völker froh, mal ein bißchen von dem Mitleid abzubekommen, das auf die Palästinenser abfällt! Das war wirklich eine Farce, eine von Anfang an geplante und geradezu genüßlich durchgezogene Farce.

Zweitens wurde es spätestens nach Durban stehende Redewendung, Israel einen Apartheids-Staat zu nennen. So idiotisch und sachlich unberechtigt dieser Vergleich ist, er hat sich seitdem eingebürgert. Richtig, auch vorher gab es die berüchtigte UN-Resolution „Zionismus ist Rassismus“, eine Resolution, die zwar heftigst hinkt, aber allzu deutlich zeigt, was Israel von der UN erwarten kann. Carters Buch zB zeigt den Fall-out dieser immer wieder aus der Schublade geholten Gleichsetzung.

Drittens war Durban der Startschuß für die zweite Intifada. Arafat war auch vorher nicht wohl bei dem Gedanken, seine zivilen Talente würden auf die Probe gestellt – er wollte immer nur Kampf, Blut und Märtyrer, er wollte sich nicht um Kommunalsteuern, Abwässer oder Schulbücher kümmern. Außerdem reichte ihm vermutlich der Staat nicht, der ihm in Aussicht gestellt wurde – seine auf arabisch gehaltenen Reden zu dem Thema sind recht deutlich. Durban hat ihm deutlich gezeigt, daß er auf die schweigende Duldung, wenn nicht Unterstützung der Welt hoffen kann, wenn er mit Gewalt gegen Israel protestiert – denn mehr als ein paar kraftlose Gesten wurde auf der Durban-Konferenz der Schwemme des anti-israelischen, anti-jüdischen und jawohl auch anti-semitischen Hassrauschs nicht entgegengesetzt.

Ich weiß, ich weiß, in Deutschland wird die Legende kolportiert, der Besuch eines damals schwer angeschlagenen Oppositionspolitikers auf den immerhin jüdischen Tempelberg ging (wie rassistisch kann Israel schon sein, wenn aus Rücksicht auf arabische Gefühle dieser Ur-Ort des Judentums für Juden gesperrt ist…?). Und hoppla, gingen die spontanen Aufstände los.

Es war nicht nur Durban, nein, es war auch Camp David, es war auch Sharon, es waren ganz viele verschiedene Dinge, es war auch Baraks Ungeschick, es waren Inkonsequenzen und hohle Versprechen auch von unserer Seite, es war die sich verschärfende Spannung wegen palästinensischer Weigerung, Terror-Infrastrukturen wie in Oslo versprochen zu demontieren, es war Siedlungsbau und und und…. – aber welcher Zeitungs-Nahostexperte liebt schon komplexe Sachverhalte?

Aber es soll mir keiner erzählen, der Ausbruch der 2. Intifada sei spontan gewesen, und der Besuch Sharons auf dem Tempelberg mag ungeschickt und überflüssig gewesen sein – aber der entfesselte Ausbruch der Wut war ebensowenig spontan wie so manche andere „spontane“ Aktion der Weltgeschichte.

Durban hat jedenfalls den Palästinensern gezeigt, daß man gegen Israel alles behaupten kann, es wird geglaubt. Wenn man nur genügend Rauch macht, dann ist auch irgendwo Feuer, muß doch sein nicht wahr? Und in gewisser Hinsicht ist ihre Strategie aufgegangen. Allerdings hat sie ihnen keinen Staat beschert – was ich vermutlich tragischer finde als viele der Zündler, die gern das Elend in palästinensischen Häusern ertragen, solange es als Treibstoff für Randale gegen Israel taugt.

Durban war für mich, die ich es entsetzt im Fernsehen verfolgte, das Ganz Große Erwachen. Jede Lüge wird geglaubt, wenn sie nur oft genug wiederholt wird. Und wir konnten uns nicht wehren, sind abgezogen, trotz Gillermans (er war das doch, Ruth? du erinnerst Dich doch bestimmt noch) heroisch-trockener Versuche, eine Art Gegen-Diskurs anzufangen. No chance. Es war eine Atmosphäre wie in den Talkbacks von Haaretz. Und das auf einem solchen Podium.

Ich war schlicht schockiert. Das meine ich, wenn ich Durban sage. Es war die Wannseekonferenz in neuem Gewande – oho, eigentlich sollte ich mit solchen leichtfertigen Vergleichen vorsichtig sein, also cum grano salis…. aber es war der pure Haß.

3. Blogger zum Thema Sderot « Letters from Rungholt - Mai 25, 2007, 12:11

[…] habe: sobald wir reagieren, wird das ein Thema! Und daß es genauso gekommen ist. (Mal nachgeguckt: 29. Januar. 4. Februar. 6. Februar. 22. Februar. Da hat eine Leserin den Hinweis auf die Jungle-World gegeben, […]


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