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Schützt die Mädchen November 16, 2006, 18:39

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kunst, Rat und Tat.
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und auch die Jungens. Vorhin kam mein Mann von der Arbeit, und ich sah sofort, daß er schlechte Nachrichten hat. „L. ist im Krankenhaus, totaler Zusammenbruch“. Oh nein. Wir wußten, daß das kommt, es war vorauszusehen, aber daß es nun wirklich eingetroffen ist….

L. ist Anfang 20, und ihre Eltern gehören zu den nettesten Leuten des Kibbuz: die Mutter eine bekannte Künstlerin, eine sensible und stets freundliche Frau, der Vater Schulpsychologe, Erziehungsberater und Sportler. Beides charismatische Menschen. Sie haben drei Kinder: zwei Söhne und, als mittleres Kind, L. Sie wird so um die zwölf gewesen sein, als die Magersucht anfing. Ich arbeitete damals mit der Mutter und erinnere mich gut an ihre Sorge, aber auch die Hoffnung. Der Vater, als Psychologe, kannte natürlich die beste Klinik und vermutlich gibt es kaum ein Wort in Artikeln und Büchern über Magersucht, das er nicht gelesen hat. Doch L. wurde nicht wieder gesund, trotz aller Anstrengung der gesamten Gemeinschaft. Ihr älterer Bruder heiratete und hat heute zwei kleine Kinder, der jüngere Bruder studiert, alle Freunde und Freundinnen aus ihrer Altersgruppe haben ihr Leben als Erwachsene begonnen. Doch L. ist nach wie vor im Kibbuz, nicht als Mitglied, sondern als Tochter, als Sonderfall, als Kranke. Sie arbeitet nicht mehr, obwohl ihr die Arbeit in einer Einrichtung für Kinder unter Anleitung einer Kindertherapeutin eine Zeitlang gut tat – da konnte sie sich um andere kümmern, und das hat sie wohl eine Zeitlang gehalten.

Unser Haus ist am Rand des Kibbuz. Unter unseren Fenstern führt der „Rundweg“ vorbei, der um den ganzen Kibbuz einen krummen Bogen schlägt. Auf der anderen Seite dieses Wegs breitet sich die Landschaft des Headerbilds aus, Wadis, Bäume, Wildschweine, Felder. Dort sehen wir L. endlos oft pro Tag marschieren. Sie guckt nicht rechts nicht links. Sie ist mager, daß ich sie nicht ohne Tränen sehen kann. Ihr Gesicht ist finster, ihre Haut wie Leder, nur ihr Zopf ist noch schön, dick, golden. Ihre Jeans schlottern.

Vor zwei Wochen fuhren wir aus dem Kibbuz, den Rundweg entlang. L. kam uns entgegen. Sie schenkte uns keinen Blick. Wir sahen mit Entsetzen, daß ihre mageren Arme und das Kinn ganz blutig waren. Sie ist hingefallen! Was machen wir? Sie würde es uns sehr übelnehmen, wenn wir anhielten und sie mit unserem Mitgefühl überfielen. Also riefen wir ihren älteren Bruder an, mit dem Y. beruflich zu tun hat. Y. sagte ihm Bescheid, in sachlichem Ton, als wäre das etwas Normales, daß eine junge Frau störrisch weiter um den Kibbuz stapft, obwohl ihr das Blut vom Kinn läuft. Der Bruder sagte nicht viel, ich glaube, er war dankbar, daß Y. so sachlich blieb. Am nächsten Tag, als sie wieder unter unserem Fenster vorbeilief, waren ihre Wunden verbunden.

Wenn ich an ihre Eltern denke, und was sie jetzt durchmachen, kann ich nur heulen. Ich weiß nicht, was mit L. geschieht, ob die Ärzte es schaffen, sie diesmal zu stabilisieren. Doch ich sehe schwarz für L. Sie ist seit über zehn Jahren schwer magersüchtig und alle Therapien der Welt haben nicht geholfen. Sie will nicht leben, das sehe ich ihrem Gesicht an, das strahlt sie einfach ab. Zu Anfang haben manche Leute im Kibbuz die „Schuld“ bei den Eltern gesucht, aber das war vollkommen abwegig. Alle Eltern sind normale Menschen und haben Macken, aber wie viele Kinder wären froh um solche Eltern wie L.s Eltern! Sie haben nichts falsch gemacht, obwohl ich mir sicher bin, daß sie viele schlaflose Nächte verbringen und sich fragen: wo hätten wir was anders machen sollen? Was wissen wir schon über Magersucht, wie sie entsteht und wie sie zu heilen ist? Die Zahlen der erkrankten Mädchen und Frauen steigen, und die Jungen und Männer holen auf.

Was können wir machen, wir, die Erwachsenen? Wir können aufhören, über unsere Figur zu jammern und jedes verlorene Kilo als Sieg, jedes zugenommene Pfund als Niederlage zu zelebrieren. Wir müssen protestieren, gegen die Diätindustrie, gegen bissige Bemerkungen über Dicke, wir müssen das Spektrum der Schönheit erweitern, bis es auch die Donna velata oder la Bella mit einschließt. Wenn ich im Unterricht diese wunderschönen Frauen zeige, ist die erste Reaktion der Studentinnen (wohlgemerkt der weiblichen, nicht der männlichen Studenten!) – „puh, die ist aber fett“. Einen anderen Standard gibt es nicht mehr. Die Dünnste ist die Schönste. Alles andere gilt nicht. Unsere Augen sind krank, wir sehen nichts anderes mehr.

Tizian, La Bella, 1536

Ich versuche dann immer, den StudentInnen zu erklären, daß es in einer lebenden Population eine Normalverteilung der Merkmale gibt – ob Schuhgröße, Gewicht oder Kopfumfang. Die Glockenkurve mag steiler oder flacher sein, aber meist schubsen sich die meisten Werte in der Mitte, und die extremeren Werte zu beiden Seiten sind seltener. Die jeweilige Reichweite der Merkmale sichert unser Überleben, mal sind die Bedingungen für Magere, mal für Pummelige besser. Ebenso wie die Merkmale sind die Auswahlkriterien für Partnerwahl verteilt. Wenn man eine Population von „vergebenen“ Frauen untersucht, werden auch dort dieselben Merkmale der Glockenkurve auftreten. Männer suchen nicht nur das magere Schlarett, es reicht sich umzusehen, um herauszufinden, daß nicht nur Frauen mit BMI unter 20 einen Partner finden. Daß aber Medien und Schönheitsindustrie die Vorbilder für Schönheit allein aus dieser allerflachsten Seite der Kurve nehmen, allein aus den extrem mageren Frauen, hat fatale Folgen für alle anderen. Es ist brutal.

Raphael, Donna velata, 1516

Neulich war ja so eine Umfrage, welche Frauen deutsche Männer attraktiv finden. Ich habe mit Erleichterung Frauen mit normalen Figuren auf den vorderen Plätzen gesehen. Den wirklich Magersüchtigen geht es auch nicht partout um Attraktivität oder Partnersuche – eine junge Frau wie L. läßt keinen Mann an sich heran, sie ist viel zu beschäftigt mit sich selbst, und jede Sorge um sie, jede Annäherung weist sie ab. Das Problem ist komplizierter, ich weiß.

Aber im alltäglichen Leben müssen wir umdenken, müssen wir den Mädchen andere Werte vermitteln als „Sei dünn, sei dünn, sei noch dünner“. Ja, den Jungens auch, aber Jungens sind doch diesen grausamen Maßstäben nicht unterworfen, wenn meine schlampigen Kibbuzniks auch nicht repräsentativ sind… bei uns gibt es noch kaum Markensnobismus oder Coolness-Wettbewerb. Die Jungens laufen in Sportsachen rum und fertig. Die Mädchen auch – doch selbst meine magere Tertia (die als ehemaliges Frühchen immer untergewichtig war und es noch immer ist) kam mal in die Küche geschlichen und meinte, „Mama, alle meine Freundinnen machen eine Diät, das will ich auch gerne“.

Habe ich richtig reagiert? Ich habe mein Erschrecken verborgen und herauszufinden versucht, wie sie auf diese Idee kommt, wer die Freundinnen sind, und was sie sich von einer Diät verspricht. Zu meinem Glück kam am selben Abend eine Sendung über Magersucht im Fernsehen, ein Geschenk des Himmels. Ich habe sie mit Tertia zusammen geguckt. Seitdem habe ich das Wort Diät nicht mehr von ihr gehört. Aber die Sorge, auch um anderleuts Kinder, ist immer da.

Kommentare»

1. anneka-anath - November 16, 2006, 21:03

Hallo Du da unten, dem kann ich nur zustimmen und deshalb werde ich jetzt meinen Jacobus so annehmen wie er ist auch wenn er ein bisschen sehr wie ein kleiner Bär aussieht. Da aber ich meinem Ruecken und Fuessen zuliebe abnehmen muss, oh nein keine angst keine Diät nur mehr Sport und mach ich das zusammen mit meinen Jacob.(Schwimmen und Radfahren…)
Ich fuehle mit den Eltern , und vielleicht muessen wir es manchmal auch zu lassen unsere Kinder gehen zu lassen. Oh ich weiss nicht wie ich/wir das verkraften wuerden oder auch damit umgehen könnten. Alles Liebe besonders der Familie Anneka

2. Jolie - November 16, 2006, 23:12

Hast Du schon mal von der „Pro Ana“- oder der „Pro Mia“- Bewegung gehört? Es handelt sich dabei um Bewegungen von magersüchtigen Frauen, die dies auch noch kultivieren und Abnehmen ohne jegliche Rücksicht auf die Gesundheit propagieren. Ganz ganz schlimm ist das!!! Im Netz hat sich aber auch schon eine Gegenbewegung gegründet: „Contra Ana-Mia“ u. a. im Blog von Zwergenwiese. Es ist mir ein Rätsel wie man so wenig auf seine Gesundheit achten kann. Ist man selber sich dann nicht viel wert oder hat man eine zu starke Selbstbeachtung, die den Blickwinkel verloren hat?! Aber die Magersucht und Bulemie gehören zu den spezifischen Kulturkrankheiten, gibt sie also nur in bestimmten Kulturkreisen und nicht überall auf der Welt, die dafür wieder andere Psychosen kennen; so gibt es in Japan beispielsweise eine wachsende Anzahl Kinder, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen. (Entschuldige, bin heute müde und kann mich irgendwie nicht richtig ausdrücken, hoffe, ist aber verständlich geworden) Grüße, Jolie

3. Jolie - November 16, 2006, 23:26

Ich habe noch vergessen zu erwähnen, dass sich hier in Brasilien gerade aktuell ein gut bezahltes Model zu Tode gehungert hat – ist aber außer eher in kleineren Notizen in der Presse kein größeres Thema, aber trotzdem bis nach Deutschland gekommen. Ich finde, die Modelabels sollten endlich endlich sich einen Ehrencodex zulegen und diese mageren Models nicht mehr beschäftigen!!! In Spanien dürfen bei einer Schau (habe den Namen bzw. die Stadt vergessen) nur noch Models mit einem Mindestgewicht laufen, das zwar immer noch deutlich unter BMI 20 liegt, aber immerhin schon mal ein Weg in die richtige Richtung ist. Die Familie in Deinem Kibbuz tut mir sehr leid. Ich wünsche ihnen Kraft und für ihre Tochter, dass sie doch noch einen Ausweg findet und genesen wird!

4. Mathieu Lune - November 17, 2006, 0:07

Schützt die Mädchen – Titel sehr treffend gewählt, meine Hochachtung.

Schlagzeile diese Woche in Österreichs Zeitungen:
120 000 Magersüchtige in Kärnten (1 Bundesland von 9)

Wer produziert die vielen Modezeitschriften mit den mageren, um nicht sagen zu müssen ausgehungerten Modellen auf ihren Titelseiten und mit dem Inhalt der neuesten Diät, plastischen Chirurgie und Kleidung? Vorwiegend Frauen leiten diese Chefredaktionen.
In Überlebensgrößen lächeln die mit Computer korrigierten weiblichen Menschengesichter – Kinder, Mädchen, Frauen – von den Plakaten und geben vor, was angeblich schön und von Bedeutung, Wertigkeit im Leben wäre und zeigen dem weiblichen Geschlecht – da geht es lang…;

diese Diät macht Dich schön (macht Dich krank),
dieser chirurgische Eingriff – lässt auch Dich ganz nach oben kommen (macht Dich kaputt),
dieser Minirock gewährt Dir – Zutritt in höchsten Regionen (den Niedergang)

Sind nicht wir diejenigen, die diesen Mist kaufen und dafür teuer bezahlen?
Werbung beherrscht die Welt. Eine Falle die täglich zuschnappt.
Was zählt heute ein Menschenleben im Verhältnis zu den Verkaufszahlen.
Geld, Geld, Geld … das regiert die Welt.

Es liegt an uns, an der Zivilgesellschaft, die in Wirklichkeit übermächtig ist, wenn man in Ruhe darüber nachdenkt und sich dabei vorstellt, wenn sie nur endlich aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen würde.

Ich schließe mit den Worten von Bertha von Suttner
Quote
„Gegen Unrecht – wenn man es als solches erkennt – muss man sich wehren, da gibt’s nicht anderes.
Schweigen ist da, obwohl es Verachtung auszudrücken vorgibt, selber verächtlich.
Nicht nur die Betroffenen müssen reagieren;
auch den Unbeteiligten, wo immer sie ein Unrecht sehen, kommt es zu, sich dagegen aufzulehnen.
Ihr Schweigen ist Mitschuld und beruht zumeist auf denselben Motiven wie das Schweigen der Betroffenen, nämlich auf Ängstlichkeit.
Nur nicht anstoßen… nur nicht sich Unannehmlichkeiten zuziehen;
das ist das Grundmotiv, wenn es sich auch äußerlich als vornehme Zurückhaltung gebärdet.“
Unquote

Was würde den passieren, wenn wir Frauen ein Monat lang keine Modezeitschriften mehr kaufen würden? Der Spieß würde sich wie aus heiterem Himmel umkehren…

Mit freundlichem Gruß
Malune

5. Jolie - November 17, 2006, 1:18

Hallo Malune,
da haben Sie noch weiter gedacht als ich: Während ich die Verantwortung bei Denjenigen sah, die die Models bezahlen, legen Sie die Verantwortung in „unsere“ Hände. Ich hatte nur die Hoffnung, die (vergleichsweise) kleine Anzahl Designer könnte eher zur Einsicht kommen, als die doch größere, die sich „Öffentlichkeit“ nennt…

6. Malune - November 17, 2006, 2:55

Guten Abend Jolie,

die Verantwortung tragen wir alle, Sie, ich selbst, Ihr Gegenüber, mein Gegenüber, Ihr Nachbar, mein Nachbar, Ihre FreundInnen, meine FreundInnen, Ihre Bekannten, meine Bekannte, Ihre Eltern, meine Eltern, usw. usf.
Ich bemühe mich täglich aufs Neue, die Augen nicht zu schließen, hinzusehen, dahinter zu sehen und meine Lippen einzusetzen, das heißt es zu wagen, zu sagen was ist, auch wenn damit Einbußen gekoppelt sind. Das bedeutet Entwicklung und nicht Stillstand für mich.

Das was in der Jetztzeit für mich zählt sind Menschen, jeder Einzelne für sich in seiner Einzigartigkeit, was immer ein Individuum durch hin– und nicht wegschauen in unserer vereinsamten Konsum orientierten Gesellschaft bewegt. Diese unsere Gesellschaft der wir angehören ist in der Anzahl unüberschaubar geworden, jedoch birgt und trägt sie das größt mögliche Veränderungspotential für mich in sich und es tut sich nach wie vor viel zu wenig.
Woran liegt es? An uns selbst und in unserem Inneren

Ein Zettel liegt auf meinem Schreibtisch:
Quote
Fernando Pessoa

„Ich habe Gedanken, die, wenn ich sie verwirklichen und lebendig machen könnte, den Sternen ein neues Licht, der Welt eine neue Schönheit und dem Herzen der Menschen größere Liebe bringen könnten.“
Unquote

Einen Gedanken umzusetzen, ein winzigen täglichen Schritt wagen, zeigt oftmals Wirkung im Augenblick oder manchmal braucht es mehr Zeit, doch dieser kleine Schritt bewirkt schon sehr viel – so denke ich.

7. Tanja - November 17, 2006, 10:56

Liebe Lila – ein sehr treffender Text, danke. Er zeigt sehr genau, was wir tun können und auch, dass nichts, was wir tun, der Weisheit letzter Schluss ist.

8. Eva - November 17, 2006, 16:42

Lila –
bin eben auch mit der Thematik konfrontiert. Ein Teenager, der sich von seiner Familie nicht (genug) geliebt fuehlt und dessen Bezugsperson frueh an schwerer Krankheit stirbt. „Ich war alleine“.
Ja, wir koennen, wir muessen an die Vernunft propagieren und magere „Vorbilder“ kritisch betrachten. Ich sage immer:“ eine schoene Frau muss ein kleinen Bauch haben – das gehoert dazu“. Aber wir muessen auch versuchen, die Beduerfnisse anderer Menschen und unserer Kinder ernst zu nehmen und zu respektieren. Naemlich so, wie Du Dein Familienleben beschreibst.

9. Carsten - November 20, 2006, 4:36

Es gibt wohl kaum etwas, dass einem die eigene Hilflosigkeit so vor Augen führt, wie liebe Menschen, die sich selbst schaden.

Ich kenne aus dem eigenen engen und engsten Freundeskreis mehr Menschen mit Borderline-Syndrom, als mir lieb ist. Und jedes Mal, wenn ich im Sommer die langen Pullover sehe, die mit den ganz heruntergerollten Armen, dann brauch ich keine weiteren Indizien. Dann weiß ich, dass es zu Hause, mit den Eltern oder mit sich selbst oder irgendwas dazwischen oder überhaupt irgendwas, wieder schlimm war.

Und dann reagier ich wie du auf diese andere Form selbstverletzenden Verhaltens: Ich möchte heulen.

10. Tine - November 20, 2006, 22:58

Du sprichst mir mit deinem Beitrag so aus der Seele. Auch ich kenne viel zu viele Frauen/Mädchen mit Essstörungen. Auch ich sehe, dass die Aufgabe bei uns allen liegt. Auf die Modedesigner schimpfen ist zu einfach, wenn alle weiterhin sich vor allem für Diät und Schlanksein interessieren. Die ganz Dünnen sind doch nur die Spitze des Eisbergs. Sie werden mit beeinflusst von all den Frauen, die Schönheit gleich Schlankheit setzen.

Nimmt eine Frau des öffentlichen Lebens dramatisch ab, sagen alle: „toll, sie hat abgenommen, jetzt sieht sie gut aus.“ Vielleicht hat sie aber auch abgenommen, weil sie Kummer, Stress etc hat? Frauen, die abnehmen, werden als willensstark angesehen, sind sie nicht vielleicht diejenigen, die sich stärker als andere dem Massengeschmack unterwerfen, kann es nicht auch ein Zeichen von Stärke sein, nicht mit der Masse mitzuschwimmen? (ich will damit nur sagen, dass die Gleichung schlank = schön, klug und gesund einfach nicht immer aufgeht)

Verrückt finde ich ja, dass die meisten Frauen zeit ihres Lebens 2 – 5 Kilo abnehmen wollen und dies auch – meist vergeblich – probieren. Würden sie die Energie, die sie da reinstecken, dazu verwenden, sich so zu akzeptieren, wie sie sind, hätte man doch schon viel gewonnen.

wenn Frauen sich „im Spaß“ streiten, ob ihr Hintern „wirklich“ fett ist oder nicht (bei völlig normalen Frauen) dann finde ich das auch problematisch. Wer nicht spontan 5 „Problemzonen“ nennen kann gilt doch nicht als normal. Aber wenn man diese „spasshaften“ Selbstzerfleischungen als seltsam empfindet, gilt man als „humorlos“, „das ist doch nur Spass“, es ist aber kein Spass, es zeigt, wie sehr unsere Wahrnehmungen einfach verdreht sind.

Ich habe das Glück gehabt, meine Jugend viel in Jugendgruppen zu verbringen. Wir waren viel zelten, Fahrrad fahren etc. Da zählt eben nicht nur Schönheit (die spielt immer eine Rolle) aber auch wer mit anpacken kann, wer gut auf Touren mitkommt, wer tatkräftig ist etc.

Wir haben auf der einen Seite so viele Möglichkeiten unser Leben zu leben, so viele Lebensmodelle. Aber gleichzeitig halten wir in bestimmten Dingen am engsten Modell fest. alle müssen schlank und fit sein. Alle müssen die Einheitsfigur haben.

Junge Mädchen sind oft noch nicht weit genug, ihre Schönheit „in sich“ zu finden, sie sind oft noch sehr vom äußeren Blick abhängig. In wieweit können wir ihnen helfen, indem wir selbst in älteren Jahren mehr die „innere Schönheit“ in den Vordergrund stellen und somit auch ein Vorbild sein können? (mit innerer Schönheit meine ich jetzt nicht das oft verwendete „wer nicht schön ist, hat wenigstens innere Werte“, mehr diese individuelle Schönheit abseits von einengenden Schönheitsnormen)

11. Carsten - November 20, 2006, 23:49

Man darf dabei auch das andere Extrem nicht aus den Augen lassen: Wie oft habe ich schon die Eltern verflucht, wenn ich ein kleines Kind von sechs oder sieben Jahren gesehen habe, das gut und gern das Gewicht eines normalwüchsigen 12jährigen auf die Waage brachte. Auch damit kann man Menschen kaputt machen: Sozial, psychisch, physisch.

Und auch das tun sich viele Menschen selbst an, wenn sie ihren Übergewichtsfrust mal wieder mit Schokolade ersticken.

12. Lila - November 21, 2006, 0:23

Ich habe das Gefühl, diese beiden Phänomene gehören zusammen. Als ginge ein Instinkt verloren,der uns in der goldenen Mitte hält, jeden einzelnen bei der Körperform, die ihm steht (es ist ja beileibe nicht so, als ob jede-r automatisch dünn am besten aussähe) und die gut für ihn oder sie ist. Maß halten, Maß halten, ohne viel darüber nachzudenken, das scheint mir hier wichtig.

Übrigens ist L. auf dem Weg der Besserung. Sie hat sich wohl seit Jahren gegen jede Behandlung gesperrt, nun wird sie nicht eher rausgelassen, als bis es ihr wirklich besser geht. So wenig ich sonst von Zwangseinweisungen halte – ich glaube, wenn ihr das das Leben retten kann, ihr das Lächeln wiedergeben kann, dann ist es gut.

Und jetzt her mit der Schokolade!

13. Das Mädchen mit der Magersucht « Letters from Rungholt - Mai 29, 2007, 12:55

[…] Ich sehe nicht oft in meine Statistik rein, aber immer wenn ich sie angucke, sehe ich, daß der Eintrag über die Magersucht und die junge Frau aus dem Kibbuz, die darunter leidet, immer wieder gelesen […]


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