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Erev polin November 7, 2007, 1:09

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Vielleicht erinnert sich noch jemand, daß Primus im August auf Abschlußfahrt war – in den Sommerferien zwischen elfter und zwölfter Klasse, die ja hier die Abschlußklasse ist. Die traditionelle israelische Abschlußfahrt geht nicht nach Florenz und nicht nach Amsterdam, sondern nach Polen, genauer gesagt, nach Auschwitz, Birkenau, Treblinka, Warschau. Es ist eine Gedenkfahrt.

Ich kenne eine der großen pädadogischen Persönlichkeiten, die diese Fahrten entwickelt haben, aus dem Gedanken heraus, daß zum Erwachsenwerden in Israel und zum Aufbau der Identität als Israeli diese Fahrt notwendig ist. Denn die Shoah kann man nicht als Lernstoff in der Schule pauken wie den Dreißigjährigen Krieg oder die Elemententabelle, die Shoah ist Teil des lebendigen Lebens hier, Teil der Familien, und das muß man lebendig erfahren. Obwohl diese Fahrt natürlich im Unterricht ein ganzes Jahr lang gründlich vorbereitet wird – die israelischen Geschichtslehrer arbeiten daran in unermüdlichem Eifer und Fleiß.

Diese Pädagogin hat interessanterweise heute große Zweifel an dem Projekt, das sie selbst mit entwickelt hat, und meint, für manche Schüler ist der emotionale Schock zu groß. Die Frage, wie weit wir in der Vergegenwärtigung der Shoah für das Gedenken gehen dürfen, ist ja eine offene und ungelöste. Als Tertia im Kindergarten war, kam sie am Yom ha Shoah nach Hause, am Gedenktag, und meinte, sie will nachts auf dem Boden schlafen, „denn die Kinder in Theresienstadt hatten keine Decken und Matratzen“. Da hatte ich das Gefühl, die Kindergärtnerin ist zu weit gegangen in ihrem Wunsch, den Kindern die Shoah zu erklären.

Oder das traurige Buch über den Jungen mit der Mundharmonika, der bei Janusz Korczak im Waisenhaus war und an der Rampe überlebt hat, weil er musikalisch war und im Orchester spielen konnte. Der bei der Selektion die Augen schloß, um die bekannten Gesichter nicht zu sehen. Dieses Buch hat meine Schwiegermutter den Kindern geschenkt, als es herauskam, weil es das Schicksal ihres Onkels ist, das dort geschildert wird – eines Onkels, den ich auch noch kennengelernt habe. Wir haben noch ein Bild von ihm, wie er Primus auf seinem tätowierten Arm hält. (Shmuel Gogol). Wie fern darf ich das von meinen Kindern halten, wie nah darf ich es an sie herankommen lassen?

Primus hat nicht viel erzählt. Er meinte nur, der Brief, den wir ihm mitgegeben haben (das gehört dazu: die Eltern geben den Kindern verschlossene Briefe mit, die die Kinder in Auschwitz öffnen und lesen und einander vorlesen), war sehr gut. Und daß er seine Freunde jetzt viel besser kennt. Und daß Amotz im Hotel immer das beste Zimmer hatte. Aber sonst, meinte er, kann man das nicht erzählen.

Heute abend also, der Abend, an dem die Eltern eingeladen sind, sich von den Kindern berichten zu lassen, was sie erlebt haben. Der Polen-Abend, erev polin. Er fand im Foyer der Kulturhalle der Gegend statt, wo wir das letzte Mal alle zusammen waren, als diese Jahrgangsstufe die Grundschule abschloß, wie immer mit einer großen Inszenierung und einem riesigen Fest. Diesmal war aber eine ganz andere Stimmung. Wie immer trafen wir jede Menge Leute, die mit Y. in der Schule waren, auf deren Hochzeiten wir getanzt haben, deren Kinder mit unseren gespielt haben und die nun synchron erwachsen werden.

Der Abend selbst – viele Reden und Ansprachen, von Schülern, Lehrern, den extra dafür ausgebildeten jungen Reisebegleitern (wohl Studenten, die einen sehr guten Eindruck machten), Eltern. Die beste Rede hielt der alte Mann, Überlebender von Auschwitz, der die Kinder begleitet hat und, obwohl er anfangs dachte, er kann es nicht, sich den Kindern richtig geöffnet hat und ihnen Dinge erzählt hat aus seinem Leben, die er vorher für sich behalten hatte. Er machte diese Reise als Begleiter von Schülern erst zum zweiten Mal, aber es war ihm wichtig, daß seine Lebensgeschichte nicht vergessen wird. Es ist für ihn eine Art Abschluß.

Er meinte, mit seinem starken polnischen Akzent, an die Eltern gerichtet: „als Eltern und Großeltern sagen wir immer, oh, als WIR in dem Alter waren! Aber ich will euch was sagen: als WIR so alt waren – waren wir nicht so gut wie eure Kinder“, und hat uns erzählt, wie wunderbar unsere Kinder auf der Fahrt waren, wie offen und wie gut sie zuhören können und wie gut sie genau die richtigen Fragen stellen. Alle waren sehr gerührt und viele elterliche Hände rubbelten mal schnell über ein jugendliches Knie oder Schulterblatt.

In der Jahrgangsstufe sind ein paar begabte Kinder, die sehr schön Gitarre spielten und sangen. Ein paar Mädchen hatten einen Tanz zum Thema choreographiert, so eine Art lyrischer Expressionismus, mit dem ich bei solchen Gelegenheiten weniger anfangen kann – aber da die tanzbegeisterten Mädchen sich auf diese Art und Weise ausdrücken, bin ich mal nicht so kritisch.

Dann der Film. Das Mädchen, das den Film gemacht hat, hat ganze Arbeit geleistet. Ich habe ihr hinterher gesagt, ich finde, der Film sollte ins Internet gestellt werden, weil er gut ist. Aber wie traurig ist es, unsere Kinder so bedrückt durch Auschwitz schleichen zu sehen, in ihren weißen Hemden, mit der Flagge. Ich habe irgendwo gelesen, wie es die Polen nervt, daß diese israelischen Jugendlichen mit ihren Flaggen allgegenwärtig sind – aber wäre die polnische Erde nicht mit jüdischem Blut getränkt, gäbe es auch diese Besucher nicht. Die Schüler hatten Listen mit Namen von Familienmitgliedern mit, die sie dann auf Friedhöfen suchten. Sie fanden auch ein paar.

Primus hatte vorher meine Schwiegermutter interviewt und hat die Namen der Geschwister und Eltern ihrer Mutter, also seine Urgroßeltern und Großonkel und -tanten, verlesen. Das sind die Verwandten, die kein Grab haben – also die Mutter meiner Schwiegermutter vor etwa einem Jahr begraben wurde, sagte die einzig überlebende Schwester traurig, „sie hat wenigstens ein Grab, alle anderen Schwester und Brüder haben das nicht“. Die Namen dieser Geschwister, nach denen in der Familie auch immer wieder Kinder genannt werden, hatte Primus also dabei, ihre Geschichten, die Namen der Orte, in denen sie gelebt hatten.

Besonders fiel mir eine Szene auf. Die Kinder besuchten, begleitet und vorbereitet von den Lehrern, Gruppenleitern und dem alten Mann, ein uraltes Ehepaar. Zwei chassidei umot ha-olam, Gerechte unter den Völkern – Menschen, die in Yad vaShem als Gerechte geehrt wurden, weil sie unter Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben. Die alte Frau erzählte, weinte dabei, der Enkel übersetzte ins Englische.

Hinterher ließen die Kinder sich mit dem alten Paar photographieren. Die Kinder lächelten, die alten Leute auch. Sie beugten sich hinterher so respektvoll zu dem Paar, um sich von ihnen zu verabschieden, die auf ihrer Bank saßen – das hat mir gefallen. Ich sehe ja diese Fähigkeit zur Dankbarkeit, diesen Willen, jede positive Tat anzuerkennen und zu benennen und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, als besonderes Charakteristikum der jüdischen Mentalität, wenn es sowas überhaupt gibt… Das war wohl sehr wichtig, die Nichtjuden nicht zu dämonisieren, sondern zu zeigen, wie mutig manche waren.

Doch die alte Frau sagte öfter, die Deutschen. „Als die Deutschen kamen“. Die Deutschen, tja. Wo kommen meine persönlichen Gefühle als Deutsche ins Spiel?

Ich habe ja schon öfter gesagt, daß die Shoah der Juden und die Shoah der Deutschen zwei verschiedene Minenfelder sind. Ich habe mein deutsches Problem bewußt zurückgehalten, es weder mit Primus noch mit seinen Lehrern herausgehoben. Es spielte einfach keine Rolle. Ich mußte meine Fragen mir selbst stellen.

Als Mutter finde ich, die Kinder wurden durch eine zu harte Erlebniswelt geschickt, auch Y. fand das, er sogar noch mehr als ich. Als Israelin finde ich, wir müssen alles tun, um die Shoah nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und als Deutsche frage ich mich in großem Schmerz, warum die Nachkommen der Opfer den Schmerz nach-erleiden müssen und wollen und sich ihm stellen, während die Nachkommen der Täter ihre Abschlußfahrten mit Strand und Disco verbringen.

Ja ja, ich weiß, springt mir an den Hals. Deutsche Klassen werden durch Dachau und Buchenwald geschleust, deutsche Schüler lernen über Krieg und Holocaust, bis es ihnen zum Hals heraushängt. Aber wichtig ist die Shoah doch nicht. Sie ist abgetan, vorbei, Geschichte, wir waren es nicht, wir würden auch nie, man muß doch mal sagen dürfen. Der Diskurs der raffgierigen Juden, die per Shoah ihre Schäflein ins Trockene bringen, ist fast schon wieder akzeptiert. Der Diskurs der rachsüchtigen Juden, die an den Palästinensern nun ihr Mütchen kühlen, nachdem sie die Welt ausgetrickst haben, um ihnen den Staat zu stehlen, ist in Deutschland mainstream-fähig.

Kurz, mit dem Schmerz bleiben die Nachkommen der Opfer allein. Es tat weh zu sehen, wie sie sich verstört-trotzig in die blauweiße Flagge wickeln. Magen David, der Schild Davids, mit den Streifen des stilisierten Gebetsmantels. Darunter allein sucht man Zuflucht, weil keine andere Zuflucht sich als tragend erwiesen hat. Daß unsere Kinder so früh damit konfrontiert werden, daß im Zweifelsfall keiner hilft, keiner da ist – das ist hart. Als Baby haben Primus und seine Freunde gemeinsam in ihren ABC-Schutzzelten gelegen, als wir uns damals mit unseren Babies trafen und Scud-Alarm war – Februar 1991 war das, wir erinnern uns bei jedem Treffen daran. Wir Erwachsenen haben die Gasmasken übrigens nicht angelegt, um die Babies nicht zu erschrecken. Dann die Terrorwellen. Letztes Jahr der Krieg.

Womit wachsen unsere Kinder auf? Mit dem Gefühl der Bedrohung von außen, der Stärke von innen.

(Oh, und ich werde die Kommentarfunktion, wenn es geht, für diesen Beitrag ausschalten oder brutal Kommentare löschen, wenn mir jetzt die Traumverlorenen erklären, wie wir schon längst Frieden hätten haben können, wenn wir nur… alles BS, wir leben überhaupt nur noch, weil wir die gegen uns geführten Kriege überlebt haben und die von arabischen Staaten angezettelten UN-Sanktions-Orgien ignoriert haben, wenn sie uns unser Überleben gekostet hätten. Illusionen! Weder Ahmedinjad noch Hamas haben die Absicht aufgegeben, Israel von der Landkarte zu löschen. Da haben wir ein ganz eingeschränktes Aktionsfeld. Wer das nicht weiß, soll es nachlesen.)

Und wie wage ich es, Kinder in die Welt zu schicken, Kinder, in denen dieses doppelte Erbe liegt? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich sie stark machen will, und daß es mir mit Primus gelungen ist.

Obwohl dies hier schon zu lang ist, eine letzte Geschichte. Ich habe schon öfter meine Nachbarin zwei Häuser weiter erwähnt, die Malerin, eine Französin, die ihre gesamte Familie verloren hat, im Waisenhaus aufgewachsen ist, dort schneidern lernte, dann Malerin wurde und mit ihrem Mann im Kibbuz eine Familie. Sie sprach Jahre kein Wort mit mir, bis sie durch Zufall in meine Stunden kam. Seitdem meint sie, ich bin ihr Sauerstoff zum Leben, besonders seit ihr Mann tot ist. Der Vormittag bei mir, das ist ihr Sauerstoff.

Diese hochintelligente, sensible und wache Frau also sagte mir vor ein paar Tagen, Primus erinnert sie an jemanden. Mir sank das Herz, an wen kann mein großer, blonder, blauäugiger Sohn diese von Deutschen brutal verfolgte Frau erinnern? Da sagt sie, „er erinnert mich an meinen großen Bruder. Ich hatte so einen Bruder, der auch so klug war und so ein netter, hilfsbereiter Kerl wie dein Primus. Immer sagt er so freundlich Shalom und lächelt. Ich sehe auch, wie sich um seine kleinen Schwestern kümmert, wie Quarta auf seinen Rücken klettert, wie er dir die Tasche trägt. Genauso war mein Bruder zu mir…“

Das hat mir das Herz um und um gedreht. Wenn mein Sohn einer solchen Frau nicht das Gesicht der Mörder, sondern ihres Bruders in Erinnerung ruft, dann war meine Entscheidung richtig, ihnen dieses doppelte Erbe zuzumuten. Primus zumindest ist daran gewachsen, ist dem gewachsen.

Aber was war das für ein schwieriger Abend. Ich bin fix und fertig, allein vom Zuhören und Nachdenken…

PS: Angesichts der freundlichen Reaktionen habe ich die Kommentarfunktion geöffnet. Paßt irgendwie nicht, sie zu sperren – hoffen wir, daß die Trolle nicht hungrig sind…

Kommentare»

1. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Erinnern - November 8, 2007, 14:05

[…] paranoides und menschenverachtendes Geschwätz las (Rayson verwies darauf), treibt mir Lilas sehr persönlicher Bericht über die Reise ihrer Kinder an die Orte der Vernichtung die Tränen der Ergriffenheit in […]

2. Boche - November 8, 2007, 23:24

Dank dir für diesen Text! Der Link zu ihm kommt in mein dauerhaftestes Archiv.

3. Fischer - November 9, 2007, 1:49

*Und als Deutsche frage ich mich in großem Schmerz, warum die Nachkommen der Opfer den Schmerz nach-erleiden müssen und wollen und sich ihm stellen, während die Nachkommen der Täter ihre Abschlußfahrten mit Strand und Disco verbringen.*

Gute Frage, die Welt ist nun mal nicht fair. Von da aus direkt eine Linie zum Antisemitismus zu ziehen aber auch nicht. Was schlägst du denn als Gegenmittel vor? Soll die deutsche Jugend quasi komplementär zur israelischen auf Tätervolk und Erbsünde getrimmt werden? Wenn’s was bringen würde, OK. Aber da glaub ich nicht dran.

Ich finde – um deine erste Frage zu beantworten – die Idee mit den Gedenkfahrten gut. Das ist zwar schmerzhaft, aber ich habe aus deinem Bericht den Eindruck gewonnen, dass die Kinder davon wirklich was dauerhaftes mitnehmen.

Ich bin übrigens nicht sicher, was ich von deiner Pauschalunterstellung halten soll, dass deutschen Jugendlichen die obligatorischen Besuche in den Gedenkstätten scheißegal sind. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Deiner?

4. Lila - November 9, 2007, 1:56

Was soll der aggressive Ton?

Ich habe überdeutlich gesagt, daß ich aufgeschrieben habe, was mir durch den Kopf ging. Ich habe dem eigentlich nichts hinzuzufügen und muß hier nicht vors Tribunal gezerrt werden. Ich bin auch nicht für die Erziehung der deutschen Jugend verantwortlich, die haben Eltern, Lehrer, Umwelt. Überlegt Euch selbst was. Unbequem ist es natürlich.

Ich habe das durch Erfahrung gewonnene Gefühl, daß das Thema Holocaust in Deutschland größtenteils Verdruß hervorruft, und sehe in Deinem Benutzen von Ausdrücken wie „trimmen“, „Pauschalunterstellung“, „scheißegal“ einen deutlichen Beweis dafür.

Zum Thema Pauschalunterstellungen finden sich hier recht eindrucksvolle Zahlen aus verschiedenen Umfragen. Ich sauge mir das doch nicht aus den Fingern, nehme es aber auch nicht aus Umfragen – sondern aus meiner eigenen Erfahrung im Umgang mit Deutschen. Da kommen in Gesprächen die erstaunlichsten Dinge an die Oberfläche, wenn man nur ruhig bleibt und weiter zuhört.

Zitate:
Immerhin 61 Prozent der Befragten meinten, dass 58 Jahre nach Kriegsende ein Schlussstrich unter das Thema Holocaust gezogen werden sollte.
Die Prozentzahl der Menschen, die der Äußerung „Viele Juden versuchen aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen“ zustimmten, lag 2003 bei 36 Prozent (1998: 41).
Die Überzeugung „Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihrer Verfolgung nicht ganz unschuldig“ vertraten 2003 immerhin 19 Prozent (1998: 17). Konstante 18 Prozent glauben noch immer „Man kann Juden an ihrem Aussehen erkennen“.
Auf die Frage „Es gibt bei uns ja auch kritische Meinungen über Juden. Woran nehmen diese wohl Anstoß?“ sah die Mehrheit der Deutschen (65 Prozent) in der „Politik Israels in den besetzten Gebieten“ den Grund dafür, warum Deutsche an jüdischen Bürgern Anstoß nehmen. Jeder Zweite (52 Prozent) nannte „die Wiedergutmachungsleistungen Deutschlands insgesamt“ und 39 Prozent „die unterstellten Bereicherungen einzelner Juden bei den Wiedergutmachungsleistungen“ als Gründe für Ressentiments.

Und so weiter, und so weiter….

5. Fischer - November 9, 2007, 3:41

Ich bin erstaunt, was du aus meinem Kommentar so alles rausliest. Aggressiver Ton, Verantwortung für die Erziehung der deutschen Jugend, und zu guter letzt ein Tribunal? Entschuldige mal… Und dann der „Beweis“ für meinen „Verdruss“…

Tut mir Leid, wenn dich meine Ausdrucksweise gestört hat.

Persönlichen Verdruss bereitet mir das Thema Holocaust nicht, eher schon der hierzulande übliche (und von dir zu Recht angeprangerte) nicht-Umgang mit dem Thema. Ich habe keine Lösung, ich hätte gerne eine. Und die dürfte auch gerne trimmen enthalten, wenn das denn funktionierte.

Und so unerfreulich die Umfragen sein mögen, deine – sorry, da bleib ich bei – Pauschalunterstellung, dass deutschen Jugendlichen ein Besuch im KZ nicht nahegehen (besser?) würde, erhellen sie nicht. Es würde mich schon interessieren, wie du dazu kommst, zumal ich gegenteilige Erfahrungen gemacht habe. Schlussfolgerung aus erlebtem Antisemitismus?

Ich hatte den Eindruck, dass du durchaus konkrete Ideen zum Thema Erziehung der deutschen Jugend hättest. Wie gesagt, ich habe keine.

6. Ulrike - November 9, 2007, 5:18

Geteiltes Leid!
Ich weiß noch sehr gut, wie sehr mich ein Besuch im ehemaligen KZ erschüttert und auch aufgeklärt hat über etwas, das nicht viel beredet wurde in den ersten Jahrzehnten in meiner Umgebung. Erst als ich schon selbst Lehrer war, fuhr ich mit den Schülern hin. Und es war wichtig! Ich brauchte diesen Einblick und wünsche ihn mir noch mehr. Denn nicht behandelte Geschwüre werden immer größer, bis sie platzen und den Eiter überallhin ergießen. Wenn ich den Vergleich ziehen darf zu Vergangenem.
Liebe Grüße
Ulrike

7. planq - November 9, 2007, 6:51

Guten Morgen,

Puh, bei diesem Text wird mir ganz mulmig. Ich weis noch wie es damals bei mir in der 10 Klasse war. In der Klasse hat sich niemand für das Thema interessiert, auf der Busfahrt hin musste uns die Frau Bickel immerzu ermahnen nicht so laut zu sein. Auf der Rückfahrt hat keiner mehr gesprochen, so schockiert waren wir. Wie schlimm muss es erst für jemanden sein der Familie oder ähnliches durch diese Tragödie verloren hat.
Danke für diesen tiefen Einblick deines Leben.

8. Lila - November 9, 2007, 9:24

Fischer, ich habe nicht gesagt, daß deutschen Schülern, so sie in Lager oder Gedenkstätten fahren, das Erlebte egal ist. Erst recht nicht „scheißegal“. Für mein Empfinden kam besonders dieses Wort recht aggressiv daher, als Unterstellung.

Ich zitere mich hier mal selbst:

„Deutsche Klassen werden durch Dachau und Buchenwald geschleust, deutsche Schüler lernen über Krieg und Holocaust, bis es ihnen zum Hals heraushängt. Aber wichtig ist die Shoah doch nicht.“

Ich habe nichts zur Reaktion der Schüler auf Dachau und Buchenwald gesagt, weil es solche und solche gibt. Und es gibt genügend Schüler, die nie in ein Lager fahren, es gehört nicht zur Erziehung oder Schulkultur dazu, es wird nicht ein Jahr lang vorbereitet und ist der Inititiative der Lehrer überlassen.

Über den Holocaust als Schulstoff kann ich sehr wohl was sagen, weil mir jede Menge Deutsche bestätigt haben, daß sie total genervt davon waren, das Gefühl hatten, sie werden in eine schuldige Ecke gestellt, und von all diesem Elend nichts mehr hören wollten.

Für eine Mehrzahl der Deutschen ist der Holocaust so weit entfernt wie der 30jährige Krieg, in dem ja auch gelitten wurde, aber von diesem Leid kann man sich distanzieren, weil es so lange her ist. Unlogisch, aber so ticken wir Menschen. Und für die meisten Deutschen ist der Holocaust abgegessen. Fertig. Vorbei. Spätestens mit der Wiedervereinigung erledigt.

Sagen wir mal so: meine Mutter war in den 50er Jahren Schülerin. Den Holocaust hat sie erst mit der Fernsehserie in den 70ern entdeckt, als sie selbst Mutter war. In der Schule kam er nicht vor.

An den Schulen, an denen ich war, kam er ebenfalls nicht vor – bei Gleichaltrigen allerdings schon. Das hing sehr von den Lehrern ab.

Meine kleinen Geschwister (Abi vor zwei Jahren bzw steckt gerade drin) haben den Holocaust theoretisch gelernt, keinerlei Verbindung zu ihrem Leben, „ist auch zu lange her“.

Das Zeitfenster, den Holocaust anzugehen, ist vermutlich zu. Inwieweit der Überdruß auch durch Israel-Ressentiments („die Besatzung! MIßachtung der UN-Resolutionen!“) a la evangelische Friedenspapier zu erklären ist, weiß ich nicht – ich vermute, zu großen Teilen.

Das Papier rügt ganz nebenbei, dass die UN wenig tun gegen die Unwilligkeit Israels, Resolutionen aus New York zu befolgen. Von der Weigerung einiger Nachbarstaaten und »Befreiungsbewegungen«, das Existenzrecht Israels anzuerkennen – kein Wort!

Für Nicht-Experten ist es zu leicht, den Israelis NS-Politik zu unterstellen, was ja immer, immer wieder vorkommt. Dieser Vergleich ist geradezu für uns reserviert.

Außerdem haben Stelenfeld-Debatten und ähnliche Späßchen den Deutschen die Lust an der Auseinandersetzung vermutlich genommen.

Was man dagegen tun kann? Nichts, vermutlich.

Es lebt sich als Deutscher doch viel besser ohne Holocaust.

Und noch ein notwendiger Zusatz: ich will keinen meiner Leser kränken oder ihm was unterstellen, es täte mir leid, wenn ich so verstanden werde. Meiner Erfahrung nach sind meine Leser für diese Themen sensibilisiert, wie man so schön sagt, sonst würden sie hier gar nicht mitlesen. Aber im Großen und Ganzen? Ist doch alles kein großes Thema, außer als Backdropf für verlogene Schein-Aufregungen in den Medien.

9. schoschana - November 9, 2007, 10:11

lila –

gerade wollte ich es schreiben… und sehe gerade, dass du bereits erwähnt hast, dass der holocaust heute in den schulen „theoretisch gelernt“ wird. eines der hauptprobleme, finde ich.

solange aber in der gesellschaft, und auf höchster ebene, die schoah immer wieder theoretisiert, verdrängt, gefühlsmässig amputiert, und beseite geschoben wird, wird sich die situation in den schulen auch nicht ändern.
ich habe mir immer gewünscht, auf menschen zu treffen, die einfach einmal trauer empfinden können. selten habe ich aber so jemanden getroffen.

mich würde interessieren, wie genau du meinst, du hättest primus ein „doppeltes erbe“ zugemutet und er wäre daran gewachsen.

danke für deine insights.

schabbat schalom,
schoschana

10. Lila - November 9, 2007, 10:19

Meine Kinder haben eine deutsche Mutter und einen israelischen Vater. Das ist ein doppeltes Erbe, und leicht ist es nicht, obwohl ich naturgemäß gar nicht wenig solche Familien kenne, und alle damit ganz gut zurechtkommen.

Entschuldigung, hab den zweiten Teil Deiner Frage jetzt erst kapiert… 😳

Wie er daran gewachsen ist? Er ist persönlich reif und nachdenklich, er ist gewöhnt, anders zu sein als andere und steht dazu, er kann sich in andere gut reinversetzen und hat keine Vorurteile, egal wem gegenüber. Man kann sich mit ihm über alles unterhalten, er hat uns, seit er klein war, Löcher in den Bauch gefragt über Judentum, Christentum, Gott und die Welt, über Deutschland und Israel. Er fühlt sich als Israeli, hat aber auch eine starke deutsche Seite (auch von Vaters Seite ist er ja schwer jeck-lastig). Er ist als Außenseiter geneckt worden und hat es geschafft, sich aus eigener Kraft eine starke Position in seiner peer group aufzubauen, ohne zu kämpfen, sondern allein durch seine Persönlichkeit. Er war nie in der Herde, sondern zuerst schwarzes Schaf, dann Leithämmelchen.

Das gilt aber nur für ihn. Sein Bruder ist wesentlich gruppen-orientierter, auch angriffslustiger und hat sich nie necken lassen. Im Gegenteil, er gehört mehr zu den sportlich-lässigen Bullies, die zu Rücksichtnahme gemahnt werden müssen („Mama, du hast aber auch immer und für alle Verständnis!!!“). Auch er weiß natürlich, daß er deutsche „Anteile“ hat, ist wie alle meine Kinder gern in Deutschland und hat eine enge Beziehung zu seiner deutschen Familie. Er ist auch Fan von deutschen Fußballspielern und -mannschaften, genauso wie seine Freunde, deren Eltern aus Argentinien oder Brasilien kommen, „für“ diese Mannschaften und Ligen sind.

Mal sehen, wie er sich weiter entwickelt. Aber in einer Familie wie unserer ist nichts selbstverständlich, außer der soliden Grundlage, daß mein Mann und ich die jeweils andere Tradition rückhaltlos anerkennen und uns mit Kritik auf die jeweils eigene Tradition beschränken 😉 Mein Mann zB steht dem Judentum sehr kritisch gegenüber, ich bin da viel interessierter und toleranter. Dagegen hab ich mit meiner eigenen Kirche schwere Probleme, über die Y. nur lächelt…

Wir haben unsere eigenen Traditionen entwickeln müssen.

Bei allem, was deutsche Geschichte mit Juden etc angeht, habe ich nichts beschönigt, wie auch???; aber ich habe den Kindern diese Last nicht übertragen. Ich habe sie als Israelis erzogen, und ich trage diese Last allein. Y. versucht so gut er kann, mir das leicht zu machen – wie ja auch schon seine Oma. Aber ich trage nun mal dran…. so pathetisch es klingt. (Oh – und ich suche dafür keine Absolution 😉 Es gibt Dinge, von denen man nicht erlöst werden kann, und meine geschichtliche Last als Deutsche gehört dazu. Die Pantomimen von Deutschen, die sich von Israelis Absolution holen wollen, sind lächerlich und traurig und ich fände es indiskret, Israelis und Juden überhaupt damit zu belasten. Das ist unser Ding.)

11. Mathias - November 9, 2007, 21:25

Vielen Dank fuer deine Berichte, die ich immer mit grosser Neugier verfolge. Ich bin Deutscher und lebe seit einigen Jahren in den USA und bin seit mehr als drei mit meiner juedischen Freundin zusammen. Aus meiner bescheidenen Erfahrung haette ich da eine Idee: Deutsche und juedische Jugendliche sollten sich mehr kennen lernen. Denn obwohl ich alles ueber die Shoa wusste, all die unfassbaren Grausamkeiten kannte und verinnerlichte, so wusste ich nichts ueber juedische Menschen heute. „Die Juden“ blieben immer eine abstrakte Entitaet und mit abstrakten Entitaeten kann man sich bei allem Wissen um die Shoa nicht wirklich identifizieren. Aber wenn man einen Menschen hat, den man gerne hat oder gar liebt und sich vorstellt, dass dieser einem vor den Augen brutal weggemordet worden waere nur weil er ein Jude ist, dann ist das eine ganz andere, viel tiefere Erfahrung. Wenn man sieht wie juedische Familien eben nicht den Schlusstrich ziehen koennen, wie es Generation um Generation ihr Leben praegt, dann versteht man erst die Absurditaet und Ignoranz der Idee einen Schlusstrich ziehen zu wollen.

12. dirk - November 10, 2007, 6:02

@Mathias
Mist. Hatte vor ein paar Stunden schon einen Beitrag in dieses Feld geschrieben, den ich dann aber nicht abgeschickt habe, weil ich meiner Meinung nach nicht die treffenden Worte gefunden habe und es vielleicht auch zu viel „Befindlichkeit“ war; welcher aber genau zu deiner Aussage gepasst hätte, die damals noch nicht da stand.

Hab die KZ-Fahrt im Rahmen eines Israel-Schüleraustausches gemacht. Und ja, Mathias, mit einer persönlichen Beziehung, gelingt dieser Perspektivenwechsel einfacher.
Das scheint mir auch nen grundsätzliches Problem zu sein, dass Empathie nicht gerade eine Fähigkeit ist, die aktiv gefördert wird. Neben den Stereotypen der deutschen Gesellschaft, die lila hier aufzählt, und die sich grundsätzlich auch mit meinen Erfahrungen decken (allerdings auch ein recht großes Interesse auf der anderen Seite), scheint mir das auch ein Grund zu sein.
Daneben fehlt auch ganz viel kontextuelles Wissen um überhaupt die Nachrichten richtig einzuschätzen. Und klar, wenn man die Stereotype bedient haben möchte, dann findet man genug in den Medien.

Vieles was Lila hier vom israelischen Alltag nebenbei erzählt fand ich auch in der Lebenswirklichkeit meiner Austauschfamilie (die ich leider nur privat besucht habe, da der Austausch wegen der 2. Intifada abgesagt wurde) wieder und weiss das durch ihre Berichte auch besser in den Kontext einzuordnen.

Der Besuch hat mir dann den Boden unter den Füßen weggezogen, in die damaligen Häftlinge hab ich dann die neu gewonnen israelischen Freunde projiziert; was ich eigentlich vermeiden wollte.

Auf der Rückfahrt unterschieden sich die Reaktionen dann komplett: Wir Deutschen saßen konsterniert auf unseren Sitzen und wußten kein Wort zu sagen; während die Israelis lebensfroh und ausgelassen (vordergründig?) herumtobten und uns zum Ende hin mitrissen.

Das war für mich damals ein ziemlich prägendes Ereignis in meinem aus anderen Gründen sehr prägendem 17. Lebensjahr.

P.S.:Lila, ich drück dir die Daumen, dass deinem Primus die nächsten 3 Jahre nichts zustößt.

13. kaltmamsell - November 10, 2007, 18:13

So viele Facetten eines Themas.
Wie erleichtert ich war, als letztes Jahr bei meinem ersten Auschwitz-Besuch die Sonne schien. Ich hatte solche Angst vor dem Gefühlssturm gehabt, den der Besuch auslösen würde, Regen hätte mich gewürgt.
Die Touristinnen aus Japan, die in einer Horde kichernd an uns vorbei stoben – raus aus dem einen Zimmer, rein in das nächste, vor keinem einzigen Exponat stehen geblieben.
Die Information, dass die heutigen Polen erst nach dem Ende des Kalten Krieges erfuhren, gegen wen sich die KZ auf ihrem Boden richteten; bis dahin war die offizielle Version und die Aussage aller Schulbücher, dass dort polnische politische Gefangene gequält und ermordet worden seien.

Wer lernt schon gerne in der Schule, dass die eigenen Vorfahren (familiär oder kulturell) Entsetzliches getan haben?
Aber es lernt sich sicher nicht lieber, dass die eigenen Vorfahren Entsetzliches erfahren haben.
Für beides müssen Eltern, Lehrer, alle Erzieher immer wieder neue Wege finden.

14. MartinM - November 11, 2007, 0:11

„Es gibt Dinge, von denen man nicht erlöst werden kann, und meine geschichtliche Last als Deutsche gehört dazu.“ – Stimmt, denn „Absolution“ ist ein Vergeben von Sünden (jedenfalls verstehe ich als Nichtkatholik das so); die geschichtliche Last ist bekanntlich keine persönlich begangene Sünde, folglich ist eine Absolution auch gar nicht möglich. Aber auch eine andere, unter uns Deutschen leider sehr weit verbreitete Reaktion lehne ich ab: die des Selbstmitleides (das bis hin zur Selbstviktimisierung steigern kann). Ich vermute hinter vielen der wirklich erschreckenden Umfrageergebnissen, die Du zitierst, genau dieses Selbstmitleid.
Welche Konsequenzen solle ein Deutscher aus der geschichtlichen Last ziehen? Selbsthass – der Halbbruder des Selbstmitleids – hilft niemandem – außer dem, der seinen öffentlich bekundeten Hass darauf, ein Deutscher zu sein, ein (falsches) „gutes Gewissen“ zieht. (Nein, das ist keine Attacke gegen „Antideutsche“.)
Das Zeitfenster,den Holocaust anzugehen, ist – dessen bin ich mir leider ganz sicher – geschlossen. Da bin ich ganz bei Ralph Giordano, obwohl ich seiner Argumentation in seinem Buch „Die zweite Schuld“ nicht in allem folgen mag. Es gibt nichts mehr, das ich – und meine Altersgenossen – den Opfern gegenüber „wiedergutmachen“, „reparieren“ – oder gegenüber den Tätern und Mitläufern „abrechnen“ könnte. Abgesehen davon, dass durch Betroffenheitsadressen niemand wieder lebendig wird. (Was keine Legitimation des berüchtigten „Schlussstrichs“ sein soll.)
Ich kann nur für mich sprechen, weil ethische Entscheidungen immer persönlich sind. Die Konsequenzen, die ich aus der „Last, ein Deutscher zu sein“ (Giordano) ziehe: 1. Ich versuche, der Selbstviktimisierung ebenso aus dem Weg zu gehen, wie der Selbstdämonisierung. Das klappt nicht immer, den diese beiden „Ausflüchte“ sind so bequem. 2. Immer daran zu denken: Deutsche sind ganz normale Menschen – Juden auch. Was erstaunlich gut klappt und gegen „Befangenheit“ hilft. Und gegen die Versuchung, Israelis und Juden überhaupt mit dem „deutschen Holocaust“ zu behelligen. 3. Die von Dir angeführte Regel, ausschließlich die eigene „Tradition“ zu kritisieren, funktioniert auf der persönlichen Ebene gut, auf der politischen (und ökonomischen) eher nicht. Allerdings ist es auch auf dieser Ebene angebracht, zuerst vor der eigenen Tür zu kehren, bei jeder Form von Kritik sachlich und höflich zu bleiben und vor allem: Zurückhaltend zu sein. (Was z. B. Bundeskanzlerin Merkel erheblich besser schafft als ihre beiden Amtsvorgänger.)
4. Die eigenen Ahnen – familär oder kulturell – sind und bleiben die eigenen Ahnen. Man kann sich seine Vorfahren nicht aussuchen oder nachträglich ihren Charakter verändern. Das Entsetzen muss ich tapfer, ohne Selbstmitleid und Schulprojektion, aber auch ohne Selbsthass ertragen. „Es ist besser, die Deutschen leiden an sich selbst, als das sie andere an sich leiden lassen“.
5. Ganz pragmatisch: ich sehe in der Last eine Pflicht. (Klingt sehr deutsch, nicht wahr? Ist es auch.) Einen Schwur, den ich für meine älteren Ahnen ablegte. Man könnte sie eine Verpflichtung zum Antifaschismus und zur Verteidigung der universellen Menschen- und Bürgerrechte nennen. Aber das trifft es nicht ganz. Ich greife besser noch mal auf eine Formulierung von Giordano zurück: Er schrieb von dem „Verlust der humanen Gesinnung“, der den Holocaust und den Vernichtungskrieg erst möglich gemacht hat. Es geht mir darum, für die humane Gesinnung zu kämpfen, auch gegen die eigene Regierung und gegen geltende Gesetze. (Wobei ich hoffe und bete, dass dieser Kampf unblutig bleiben wird.)
Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich eine „Pro-Israelische“ Haltung einnehme. Weil der Staat Israel den Idealen der humanen Gesinnung weitaus näher kommt, als seine Feinde.

Ich wünsche Deinem Primus, dass er die drei Jahre unbeschadet an Leib und Seele übersteht.

15. Fischer - November 11, 2007, 22:51

*Weil der Staat Israel den Idealen der humanen Gesinnung weitaus näher kommt, als seine Feinde.*
Was möglicherweise mit an der von Lila geschilderten Tradition liegen mag

@ Lila:
Danke für die ausführliche Antwort.

Und nix für ungut, war wirklich nicht böse gemeint.

16. Lila - November 11, 2007, 23:03

Nein, Fischer, auch von mir nicht.

Und ausführliche Antworten sind doch meine Stärke 😉

17. Siegfried - November 11, 2007, 23:57

Liebe Lila,
seit Anfang 2005 lese ich in deinem Blog. Die Entwicklung Israels verfolge ich
seit meiner Jugendzeit (gehöre zur Generation Deiner Eltern) interessiert.
Ich erinnere mich noch gut an Ben Gurion, Golda Meir, Mosche Dajan u.a..
Meine Informationen beschränkten sich mangels Sprachkenntnissen auf
deutsche Medien. Ich bin bekennender Vielleser. Dein Blog steht auf meiner
Rangliste ganz oben. Hoch informativ, glaubwürdig emotional, unprätentiös.
Du hast meine Sicht auf Israel außerordentlich vertieft. Ich kenne persönlich
keinen Juden ( Philosemiten sind mir ein Greuel ). Aber hier möchte ich
meine uneingeschränkte Verbundenheit mit dem israelischen Volk zum Ausdruck bringen. Dein Beitrag zur Auschwitz-Reise von Primus hat mich
tief berührt, das ist bei einem alten Mann wie mir, eher die Ausnahme.
Dieser Beitrag zählt zum besten, was Du bisher geschrieben hast.
Ich bitte Dich herzlich den Blog fortzuführen.
Mit besten Grüßen
Siegfried

18. beer7 - November 12, 2007, 14:33

Danke Lila, fuer diesen wunderbaren Text!

19. beer7 - November 12, 2007, 14:38

Schoschana,

Du schreibst: „ich habe mir immer gewünscht, auf menschen zu treffen, die einfach einmal trauer empfinden können. selten habe ich aber so jemanden getroffen.“

Das trifft bei mir einen Nerv. Mein (nicht-juedischer) Vater hat sehr frueh damit begonnen, uns Kinder auf verschiedene Weise zur Auseinandersetzung mit der Shoah zu bewegen. Mit Ueberdruss habe ich gar nicht reagiert. Zur Trauer war ich lange nicht faehig. Ich glaube, ich bin so behuetet aufgewachsen, dass ich das Gefuehl nicht kannte. Erst als wir einen meiner Brueder verloren, erlebte ich dieses Gefuehl von absolutem Verlust, absoluter Hilflosigkeit, Trauer. Diese Erfahrung hat mir dann auch eine andere Perspektive zur Shoah gegeben.

20. Lila - November 13, 2007, 9:10

Ich habe in den letzten Tagen immer wieder über diese Frage nachgedacht, was funktioniert und was nicht. Ich habe ja selbst an genügend Projekten etc teilgenommen und davon gehört.

Die Idee, daß Deutsche und Israelis gemeinsam zB an Gedenkstätten fahren und so eine Fahrt auch gemeinsam vorbereiten, ist nicht schlecht, führt aber eher dazu, daß die Mißverständnisse wachsen. Die Israelis haben keine Lust, vor den Deutschen das arme Opfer zu spielen, diese Rolle haben sie nicht gern, und das mindert ihre eigene Identifizierung mit den Opfern – wenn Ihr versteht, was ich meine. Und für die Deutschen ist es schwer, ihre eigenen Gefühle zu sortieren, wenn Israelis dabei sind.

Diese Erfahrung habe ich bei mehreren Projekten gemacht. Die Shoah, wie ich ja oben gesagt habe, bedeutet für die Israelis was anderes als für die Deutschen, und eine gemeinsame Bearbeitung hilft nicht viel. Was vor allem daran liegt, daß die Israelis wenig Lust haben, sich in das deutsche Gefühl von Scham, Schuld und Zorn zu begeben, warum sollten sie auch?, und die Deutschen nicht verstehen können, welche Konsequenzen Israelis aus der Shoah ziehen (wehrhaft sein! nie wieder Opfer sein!).

Mit ausgezeichneter Leitung und jeder Menge gutem Willen könnte man vielleicht eine solche Anhäufung von Schwierigkeiten bewältigen – aber damit würde die Shoah selbst und ihre historische Komplexität nur eine Nebenrolle spielen, man sich statt dessen mehr der jeweiligen Verarbeitung widmen.

Für israelische Jugendliche ist der beste Weg, die Shoah in Erinnerung zu behalten und eine eigene Stellung dazu zu beziehen, vermutlich trotz aller Unzulänglichkeiten der Weg, der heute beschritten wird – intensives Lernen und eine Fahrt an die Stätten des Geschehens, begleitet von persönlich Betroffenen.

Für deutsche Interessierte halte ich lokalhistorische Projekte für vielversprechender, so wie die Stolpersteine. Wenn die persönliche Identifikation fehlt (und es gibt einfach in Deutschland keine Identifikation mit den Opfern der Shoah, da es die Opfer nicht mehr gibt oder kaum noch… und weil Juden in Deutschland anderes zu tun haben als die nichtjüdischen Deutschen dauernd über die Shoah zu belehren!), dann muß die Identifikation über den geographischen Ort kommen.

Welche jüdischen Schüler hatte unsere Schule, wo haben sie gewohnt, was ist mit ihnen passiert? Welche Geschäfte unserer Innenstadt waren jüdisch, wie wurden sie arisiert, gab es Entschädigungen nach dem Krieg, Kontakte? Wer hat unser Haus gebaut, darin gelebt? Wie sieht der jüdische Friedhof aus, wer ist dort begraben, was waren das für Menschen?

Es gibt lokalhistorische Projekte, die es geschafft haben, bei den Lernenden oder Teilnehmern die Distanz-Schicht zu durchstoßen und zu einer Art Begreifen zu führen. Aber der Aufwand ist so groß, daß eine Gesellschaft, die ja längst zur Tagesordnung übergegangen ist, sich ihn nicht leisten wird. Und solche Projekte sind eben aus dem Engagement Einzelner entstanden. Soweit ich weiß, exisitiert in den Lehrplänen deutscher Schulen kein Shoah-Projekt, das über längere Zeit hinweg und mit persönlichem Perspektivwechsel wirklich einen Unterschied machen könnte.

Meine kleinen Geschwister jedenfalls haben während ihrer Schulzeit, die erst zwei, drei Jahre zurückliegt, über die Shoah nur als Lernstoff gehört, Zahlen, Fakten, das wars.

Wer Glück hat, hat einen Lehrer oder Eltern, die das Thema interessiert und die sich engagieren. Wer das nicht hat, der sagt eben, „ja ja, das war schlimm, aber es ist doch schon lange her, und wir haben uns die Entschädigung doch was kosten lassen, und die Juden haben ja jetzt selbst genug Dreck am Stecken, und wir haben mit der Teilung gebüßt, und gibt es keine dringlicheren Probleme?“

Denn das ist der Tenor der Reaktionen, die ich so ausmachen kann.

Wenn ich zu pessimistisch bin und meinen Deutschen Unrecht tue, entschuldigt. Aber das hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre als Grundmuster herausgestellt. Und daraus resultiert dann bei vielen eine besondere Ungeduld und Aggressivität Israel gegenüber, nach dem Motto, „was wollen die denn nun schon wieder?“

21. Chrizzo - November 14, 2007, 0:16

Dieser Eintrag ist mir durch und durch gegangen, Lila.
Er hat mich wieder zurück katapultiert und an meinen Besuch im Studium mit Prof und Kommilitonen in Auschwitz erinnern lassen.

Ich glaube auch, dass lokalhistorischer Bezug der vielversprechendste Weg für eine neue Auseinandersetzung wäre. Wollen wir hoffen, dass doch viele den Aufwand nicht scheuen werden!

22. schoschana - November 14, 2007, 11:26

ruth,

meinst du damit, dass man, solange man etwas nicht selbst erlebt hat, nicht mitfühlen kann und somit keine trauer empfinden kann?
trauergefühle entwickeln sich doch nicht notwendigerweise erst dann, wenn man den verlust eines menschen zu erleiden hat, sondern auf vielfältige andere, komplexe weise. mitgefühl auch.
sonst wäre man doch gar nicht in der lage, gefühle für die situation von menschen zu empfinden, in deren lage man sich noch nie befunden hat und – b’esrat haschem – hoffentlich auch nie befinden wird.

23. beer7 - November 14, 2007, 11:43

Schoschana,

ich kann nur fuer mich sprechen. Vielleicht war Trauer fuer mich besonders schwierig, weil ich es kaum ertrage, mich hilflos zu fuehlen. Vielleicht haette ich theoretisch auch ohne diese Erfahrung Trauer empfinden koennen, habe dieses Gefuehl aber immer abgewehrt, weil ich Hilfslosigkeit als zu bedrohlich empfinde. Vielleicht war der Tod meines Bruder einfach das erste Erlebnis, wo meine Abwehr zusammenbrach.

Vielleicht braucht es aber doch wenigstens Grunderfahrungen im Leben, um sich wirklich in andere hineinversetzen zu koennen?

24. beer7 - November 14, 2007, 11:46

Guckt mal hier http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3471175,00.html

The students, who were in Poland for a visit to the death and concentration camps, reportedly climbed to the hotel’s roof at night, without their supervisors‘ permission, played in the snow and disrupted the guests‘ sleep.

Due to their punishment, the seven will not visit Auschwitz.

„The students were clowning around,“ said the school’s principal Varda Cagan. „They were excited about the snow, and it’s a shame we decided to hold the trip now, and not earlier in the year. We sent them home a day earlier as an educational punishment. What they did was unacceptable.“

Ich kann nicht wirklich beurteilen, was da abgegangen ist, halte es aber fuer moeglich, dass die Schueler auch den seelischen Druck abreagiert haben. Nicht jeder Jugendliche in diesem Alter kann schon so reif sein wie Primus.

25. schoschana - November 14, 2007, 11:58

„Vielleicht war Trauer fuer mich besonders schwierig, weil ich es kaum ertrage, mich hilflos zu fuehlen.“

ich denke, das ist ein schlüsselsatz. die meisten menschen haben angst davor, sich hilflos zu fühlen. wir lernen das in der regel nicht, sondern wir lernen, wie wir stark sind, wie wir überleben, wie wir „bedrohliche situationen“ mittels verschiedener verhaltensweisen meistern.
eigentlich sollte man auch lernen, einfach einmal hilflos zu sein, ohne antworten. sich leisten, mutlos und traurig zu sein und das auch zeigen und vermitteln zu können. angesichts der unfassbarkeit eines solchen massenmordes ohnehin: ich denke, dann wäre vieles anders.

26. beer7 - November 14, 2007, 12:43

Schoschana,

dem stimme ich so nicht zu. Seit den 60er Jahren, behaupte ich mal flott, hat sich doch ein regelrechter Opferkult entwickelt. Sich hilflos fuehlen und andere fuer eigene Miseren verantwortlich zu machen, ist bei weiten Bevoelkerungsgruppen empfohlen und gepflegt worden.

Das meinst Du natuerlich nicht. Du meinst, dass jemand, der selbstverantwortlich und kreativ im Finden von Handlungsansaetzen ist, auch lernen muss, dass es Situationen gibt, wo nur noch Hilflosigkeit bleibt. Ich denke, das lernen die meisten solcher Menschen irgendwann in ihrem Leben. Vermutlich auf die harte Art, so wie ich auch, aber das laesst sich kaum weicher gestalten.

27. schoschana - November 14, 2007, 13:02

ich weiss nun gerade nicht, ob du mich absichtlich missverstehst…
ich sprach doch nicht von opferkult oder davon, wie man sich eigener verantwortung entzieht.

dein zweiter absatz scheint nun darauf hinzuweisen, dass du mich bedieved doch verstanden hast :-D.

28. beer7 - November 14, 2007, 13:29

Schoschana,

ich habe Dich, glaube ich schon verstanden. Was ich sagen wollte, ist, dass Erziehung zur Eigenverantwortung und zu loesungsorientiertem Verhalten mE notwendig mitbringt, dass Hilflosigkeit schlecht ertragen wird.

Aber auf diese Erziehung kann mE schlecht verzichtet werden, auch weil das Niveau, wo keine Eigenverantwortung uebernommen wird, in der kindlichen Entwicklung vorher kommt.

29. beer7 - November 14, 2007, 13:31

Was heisst eigentlich „bedieved“?

30. Lila - November 14, 2007, 13:51

bediavad, denke ich mal.

31. Marlin - November 15, 2007, 0:20

Und das heißt? Vielleicht?

32. Lila - November 15, 2007, 5:43

„Eigentlich schon, wenn auch unbeabsichtigt“ oder „im Nachhinein betrachtet“.

33. wiebke T - Februar 21, 2009, 14:15

ich danke dir sehr für deinen Bericht,
es ist für mich immer Gegenwart,was unsere Elterngeneration uns verschwiegen hat, weil sie darin verstrickt waren.
Mir ist bewusst,dass mein Vater und Großvater sich schuldig gemacht haben als Mitglieder der SA . sie haben nie erzählt ,was sie mitgemacht haben, nur geschwiegen bis zu ihrem Tod.
und ich bin sicher, sie haben Schuld auf sich geladen,

daher ist es wichtig zu sprechen über das unverständliche Grauen und diese Stätten zu besuchen,
das erste mal fiel es mir so schwer aber nur so kann man der Trauer Raum zu geben. danke wiebke


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