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Tsen Brider Juli 17, 2010, 17:53

Posted by Lila in Land und Leute.
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Das Lied ist mir den ganzen Tag im Kopf herumgegangen. Heute war das Familientreffen, das meine Schwiegermutter organisiert hat – ihr ist bei einem Brit mila im Februar aufgefallen, daß die einzelnen Zweige ihrer Familie einander nicht kennen.

Meine Schwiegermutter ist in Tashkent geboren, obwohl ihre Eltern beide aus Polen kamen. Ihr Vater, Jozef,  verschwand in der Roten Armee – angeblich ist er in Stalingrad gefallen.  Ihre Mutter hatte mit schwerem Herzen ihre Eltern und viele jüngere Geschwister zurückgelassen, die nicht aus Polen fliehen wollten oder konnten – sie wußte nicht, was ihnen zustieß. Nach dem Krieg kehrte sie in ihr Dorf zurück und erfuhr dort, daß von der ganzen Familie niemand am Leben geblieben war – alle, alle waren im Ghetto Warschau gestorben. Nur eine kleine Schwester hatte überlebt. (Ich weiß, einen Teil dieser Geschichten habe ich schon erzählt, aber es sind ja immer auch mal wieder Neuleser da…)

Diese kleine Schwester, heute eine immer noch anmutige alte Dame, war eine Zeitlang durch die Kanalisation des Ghettos nach draußen gekrochen, um etwas zu essen für die Familie zu finden. Als das nicht mehr ging und alle kurz vor dem Verhungern standen, schickte eine ältere Schwester sie aus dem Ghetto, um sich zu retten. „Lauf, bis du Leute findest, die dir helfen“. Wie durch ein Wunder kam die kleine Schwester zu polnischen Bauern, die sie versteckten und ihr Leben retteten. Sie fährt oft nach Polen, weil sie sich dieser Familie sehr verbunden fühlt.

Das wußte die Mutter meiner Schwiegermutter aber zu diesem Zeitpunkt nicht.  Doch sie hörte, daß die jüngste Schwester am Leben geblieben sei, und suchte sie durch Bekannte – aber das war Jahre später.

Dies also ist die Mutter meiner Schwiegermutter, die sich gegen Kriegsende mutterseelenallein wiederfand, nur mit einer kleinen Tochter auf dem Arm. Wie und wo genau sie ihren späteren zweiten Mann traf, wissen wir nicht. Er war Überlebender das Lagers Auschwitz und hatte dort eine Frau und drei Kinder verloren. Auch sonst hatte er niemanden mehr. Die polnischen Dörfer, in denen ganze Großfamilien lebten, waren gründlich ausradiert, aus seinem hatte niemand überlebt. Diese beiden verzweifelten Menschen beschlossen, nicht den Tod zu wählen, sondern das Leben, und heirateten. Sie lebten in einem kleinen Häuschen in Polen und bekamen noch drei Kinder. Der ältesten Tochter erzählten sie nicht, daß sie eigentlich vom ersten Mann der Mutter stammte, dem verschwundenen Jozef.

Die Eltern arbeiteten schwer und sparten Geld für eine Überfahrt nach Israel, und irgendwann hatten sie genug beieinander. Meine Schwiegermutter erinnert sich noch an die Überfahrt. Ihr erspartes Geld hatten polnische Beamte ihnen abgenommen, einer schüttete ihnen aus Bosheit die mitgebrachte Milch weg, so daß der jüngste Bruder furchtbar weinte, bis sie irgendwoher Milch beschaffen konnten. Auf dem Schiff, der Le-Komemiyut,  herrschte drangvolle Enge.

In Israel war die Familie zunächst in einem Auffanglager (Maabara) in der Nähe von Haifa. Dann bekamen sie irgendwann einen winzigen Hof zugeteilt, wo sie eine kleine Landwirtschaft betrieben. Das Sochnut-Häuschen war so klein, daß  nicht für alle Kinder Platz war. (Vor fünf Jahren haben wir einen Familienausflug an diesen Ort gemacht, die Bilder sind hier.) Die drei Ältesten wurden also auf drei verschiedene Kibbuzim verteilt, in Gruppen der sogenannten Aliyat-ha-Noar, einer Organisation, die sich um Kinder von Holocaust-Überlebenden kümmerte.  Die ganze Familie änderte ihre polnisch-jiddischen Vornamen in hebräische Namen um.

Für meine Schwiegermutter und ihre Geschwister war das nicht einfach. Sie kam in den Kibbuz, in dem sie bis heute lebt – und in dem bis vor kurzem auch wir gelebt haben. Ihr Bruder in einen nahegelegenen Kibbuz im Yizreel-Tal, und die Schwester in einen Kibbuz im Negev.  Sie heiratete meinen späteren Schwiegervater, der eines der ersten Kinder des Kibbuz gewesen war, also gewissermaßen heiratete sie in die Kibbuz-Aristokratie ein.

Y. hat oft von den Fahrten zu den armen, bienenfleißigen und sehr liebevollen Großeltern erzählt. Es war ein großes Erlebnis für ihn, wenn er mit dem Großvater mit Wagen und Maultier loszog, die Milchkannen einsammeln. Ein Auto hatten natürlich weder die Eltern (arme Kibbuzniks) noch die Großeltern (arme Landwirte).  Aber Y. sagt, es herrschte bei den Großeltern keine traurige oder bedrückte Atmosphäre, er war sehr gern bei ihnen. (Er war der erste Enkel für beide Großelternpaare).

Doch zurück zu meiner Schwiegermutter vor Y.s Geburt. Sie erinnerte sich ungenau, daß sie den Vater manchmal sagen hörte: das ist eigentlich die Tochter meiner Frau, aber ich liebe sie wie eine eigene…., aber als Kind dachte sie nicht weiter darüber nach. Doch als sie das ihrem Verlobten erzählte, horchte der sofort auf. Da verbarg sich doch eine Geschichte – ein Geheimnis. Es war Anfang der 60er Jahre, vielleicht 1961 oder 62 – sie heirateten 1962, und 1963 wurde mein Mann geboren.

Gemeinsam fuhren sie zu den Eltern, um aus der Mutter herauszubringen, was sich da für eine Geschichte verbarg. Schließlich gab die Mutter zu, daß sie schon einmal verheiratet gewesen war, und sagte ihrer Tochter den Namen des Vaters, der auch ihrer gewesen war.  Mit diesem Wissen bewaffnet wandten meine Schwiegereltern sich an das Einwohnermeldeamt. Der Name war selten, und es gab nur eine solche Familie. Das junge Paar machte sich sofort auf den Weg dorthin.

Als sie bei der verlorenen Familie ankamen, wartete dort auf sie – die Mutter. Sie hatte begriffen, wie wichtig ihrer Tochter der verlorene Teil ihrer Vergangenheit und Familie war, und hatte sich schon vorher durchgefragt. Heute, auf dem Familientreffen, waren noch einige der Menschen versammelt, die bei diesem Treffen dabei waren. Sie erinnerten sich mit Tränen daran, wie die Tochter des verlorenen Jozef auf einmal vor ihnen stand. Die Familie war klein – und alle, alle hatten durch den Holocaust direkt oder indirekt gelitten. Ein Onkel, Shmuel Gogol (in Israel sehr bekannt wegen seines Mundharmonika-Orchesters – schöne alte Bilder von Shmuel hier) hatte die verschwundene Witwe Jozefs und ihr Kind gesucht, aber wegen der geänderten Namen nicht gefunden. Eine Cousine, die einzige Cousine, erinnerte sich heute ebenfalls an diesen Tag, als sie endlich, endlich auch eine Cousine bekam, wie andere Kinder. Wohlgemerkt – potentielle andere Cousinen waren ihr durch den Holocaust versagt, der die Familie grausam dezimiert hatte.

So hatte meine Schwiegermutter einen ganz neuen Zweig Familie dazugewonnen, zu dem sie die ganzen Jahre engen Kontakt hielt, den Zweig ihres verschwundenen Vaters. Die jüngste Schwester ihrer Mutter, die einst das Kind aus dem Warschauer Ghetto war, heiratete einen kernigen Moshavnik und zog mit ihm drei Kinder groß, die natürlich auch alle schon große Kinder haben. Auch bei ihr verbrachte Y. wunderschöne Kindheitsferien – er durfte auf dem Traktor mitfahren und Weintrauben pflücken, denn diese wunderbaren Moshavniks bauten Obst an. „Onkel und Tante mit den Äpfeln“ heißen sie auch bei meinen Kindern, weil sie immer, immer Obst mitbringen.

Und vor einiger Zeit also beschloß meine Schwiegermutter, sowohl die Familie ihrer Mutter und Tante als auch die Familie des Vaters einzuladen, und allen genau zu erklären, wie wer mit wem verwandt ist. Da meine Schwiegermutter bemerkt hatte, daß niemand mehr durch die verzwickten Familienverhältnisse durchblickte, lud sie uns alle ein. Sie bereitete einen Stammbaum vor, in den heute jeder eintrug, was er wußte, und sie stellte alle der Reihe nach vor. Durch den Holocaust sind ja so große Löcher gerissen, daß man vieles einfach nicht weiß, weil die Überlebenden nichts erzählen wollen oder können. Menschen fehlen, Orte fehlen, Geschichten haben Löcher. Viele davon konnten wir heute flicken.

Bevor sich alle an die Tische setzten, die im Clubhaus des Kibbuz vorbereitet waren, wand sich meine Schwiegermutter mit einer Bitte an uns: wir sollten uns so „gemischt“ wie möglich setzen. Wir haben das auch alle brav getan, und ich fand mich mit einem Paar wieder, das ich wirklich noch nie richtig wahrgenommen hatte. Der Mann, etwa zehn Jahre älter als wir, ist ein Bruder der einzigen und von allen sehr geliebten Cousine – er kommt nur selten zu Familientreffen, darum hatte Y. ihn ewig nicht gesehen und ich überhaupt noch nie mit ihm gesprochen.

Seine persönliche Geschichte war ganz ähnlich wie die meiner Schwiegermutter, seiner Cousine: in Polen geboren, Kind von Holocaust-Überlebenden, eine große Schwester von einem anderen Vater, als Kleinkind nach Israel mit ausgewandert, Namen hebraisiert, im Kibbuz aufgewachsen, lebenslang versucht, sich als Sabra zu fühlen, und null Interesse für die Vergangenheit. Heirat, Kinder, Scheidung.

Jetzt, wo er in die nachdenklichen Jahre kommt, steigen Fragen wie Blasen in ihm auf. Er recherchiert übers Internet, sucht Spuren, schreibt alles auf. Er war noch nicht in Polen, er hat Angst davor. Aber er möchte den Familiennamen ändern, wieder so heißen wie jener Jozef, sein Onkel und Y.s Großvater, der nie aus dem Krieg zurückkam. Auch seinen Vornamen würde er am liebsten wieder in den europäischen Namen zurück-verändern lassen.  Er sucht nach einer verschütteten Identität, nach dem verschollenen, ausgelöschten Leben in einem kleinen Dorf in Polen, wo alle so hießen wie er früher. Er findet entfernte Verwandte in Buenos Aires. Die Familien, die einst so eng beisammen wohnten, sind nun zersplittert, und man muß sie mühsam suchen.

Mit mir saß Secudus, der interessiert zuhörte und von seiner Reise nach Polen erzählte (darüber habe ich nichts geschrieben, glaube ich, aber über Primus´).  Eine andere Tante, aus der Gogol-Verwandtschaft, erzählte von der Polenfahrt ihres Sohnes. Er entdeckte während der Fahrt, daß der belgeitende Überlebende, der „Zeuge“, Shmuel Gogol kannte. Daraufhin kaufte sich der Urnkel eine einfache, billige Mundharmonika und spielte in Auschwitz an der Rampe, so wie der Großvater Gogol als Kind gespielt hatte. (Ich bin froh, daß ich 1989 Shmuel Gogol und sein Orchester noch gehört habe. Er ist dann mit Rabin nach Polen mitgefahren, hat mit Kindern aus seinem Orchester in Auschwitz gespielt und ist kurz darauf gestorben. Ich finde es gar nicht selbstverständlich, daß diese ganze Familie mich so herzlich aufgenommen hat – wie viele polnische Küßchen habe ich heute bekommen…

Nach dem Essen erzählten, auf Bitten meiner Schwiegermutter,  einige Familienmitglieder ihre Erinnerungen und erklärten Details des Familienstammbaums. Immer wieder kam dabei der Holocaust zur Sprache, nicht als Thema, sondern als Nebensatz, „durch den Holocaust…“, „nach dem Holocaust…“, „wir als zweite Generation…“. Für mich schwebten vor allem Konjunktivsätze durch die Luft: „ohne den Holcaust….“. Ja, ohne den Holocaust wären viel mehr Menschen zusammengekommen. Die älteste Teilnehmerin sah zwar stolz auf die beachtliche Menschenmenge, die sich um Salat und Quiche versammelte, und beglückte alle anwesenden Kinder mit Luftballons, die sie aus der Tasche ihres Gehwagens zog… aber die Verschollenen, Ermordeten waren trotzdem anwesend. Ashkenazim geben ihren Kindern ja gern die Namen von Verstorbenen, was bei Sphardim strikt untersagt ist. So kehren in der Großfamilie manche Namen immer wieder auf – Rose und Lili für die Mädchen, in allen möglichen Variationen, Gershon und Mordechai für die Söhne.

Ach, wenn ich den Deutschen, die die Vergangenheit endlich ruhen lassen wollen, nur zeigen könnte, daß die Narben bleiben, von Generation zu Generation. Und sie bleiben nicht etwa, weil jemand darauf zeigt und sie immer wieder aufkratzt, sondern sie bleiben trotz größter Bemühungen, sie verheilen zu lassen, neu anzufangen, viele glückliche Kinder und Kindeskinder in die Welt zu schicken.

Ich habe, wie schon beim 75. Geburtstag von Y.s Großmutter vor ein paar Jahren, sehr stark gespürt, wie stark die Fehlenden fehlen. Damals mußte ich rausgehen, um meine Fassung wiederzugewinnen, als ich die beiden überlebenden Schwestern zusammen sah. Bei der Beerdigung der Großmutter weinte die kleine Schwester nicht, sondern streichelte über die Erde auf dem Grab und sagte: sie hat ein Grab – ich kann an ihr Grab gehen. All die anderen haben keine Gräber. Das war ihr Trost.

Doch die, die heute zusammen saßen, die werden für ihr Recht kämpfen, Gräber zu haben und nicht in Rauch und Asche aufzugehen.

Kommentare»

1. Wolfram - Juli 17, 2010, 19:33

Den Text von dem Lied würd ich gern mal lesen; ich hab nicht alles verstanden, auch nicht bei mehrmaligem Hören.

Zum Anderen schreib ich ausführlicher…

2. Lila - Juli 17, 2010, 19:51

Beim Durchlesen wird alles klar, hoffe ich? Ist natürlich immer schwierig, Jiddisch zu transkribieren, da es mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird. (Gedalye ist ein Name, Hebräisch Gedalya. Und „oyfn mitn gas“ heißt mitten auf der Gasse, hat nichts mit Gas zu tun…)

http://www.letrioperdu.net/Lyrics.php?Lan=en&Song=TB

Tsen brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt in vayn.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn nayn.

Nayn brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt in frakht.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn akht.

Yidl mitn fidl, Gedalye mitn bas
Shpil-zhe mir a lidl oyfn mitn gas.
Ay ay ay ay ay, ay ay ay ay ay
Shpil-zhe mir a lidl oyfn mitn gas.

Akht brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt mit ribn.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn zibn.

Zibn brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt mit gebeks.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn zeks.
Zeks brider zenen mir gevezn,

Hobn mir gehandlt mit shtrimp.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn finf.

Finf brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt mit bir.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn fir.

Fir brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt mit tay.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn dray.

Dray brider zenen mir geblibn,
Hobn mir gehandlt mit blay.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Zenen mir geblibn tsvay.

Tsvay brider zenen mir gevezn,
Hobn mir gehandlt mit bayner.
Zenen ayns fun undz geshtorbn,
Bin ikh mir geblibn nor nokh ayner.

Ayn brider bin ikh mir geblibn,
Handl ikh mit likht.
Shtarbn tor ikh yedn tog
Vayl tsu esn hob ikh nisht.

3. Anne - Juli 17, 2010, 20:01

Da es das Gerede davon, dass es jetzt aber langsam genug sei, ‚ewig‘ von den Verbrechen an den Juden zu reden, schon seit den frühen 50er (!!!!) Jahren gibt, bevor es überhaupt die ersten nennenswerten Prozesse in der Bundesrepublik gegen einige der Massenmörder gab, ist doch völlig klar, was damit bezweckt wurde und wird.
Wer das vertritt, will jeder Beschäftigung mit der hässlichen Wahrheit über unsere Vergangenheit aus dem Wege gehen. Wenn man das Furchtbare nicht sehen will oder sogar ganz leugnet, dann ist natürlich jeder Bericht über die fortdauernden Wirkungen des Holcaust eine Zumutung.
Ich erinnere mich, dass schon in den siebziger Jahren Studienfreunde von mir sagten, dass es jetzt doch langsam reichte und man die Vergangenheit jetzt endlich (!!!) ruhen lassen solle. Da waren manche der schlimmsten Mörder und Folterer kaum älter als 50 oder vielleicht 55 und die Prozesse gegen die schlimmsten Verbrecher hatten noch nicht mal angefangen. Z.B. der Majdanek-Prozess begann ja 1975 und vorher schon vertraten manche Leute ernsthaft, jetzt sei aber genug an Aufarbeitung geleistet worden. Die Täter seien doch ohnehin zu alt, um sie noch bestrafen zu können, ohne selbst unmenschlich zu sein. Ich kann mich noch erinnern, wie fassungslos ich war, solche Dinge von Freunden zu hören, nicht etwa aus irgendwelchen rechten Presseorganen.

Der Mut und die Kraft, mit die Überlebenden Deiner beiden Familien daran gegangen sind, dennoch zu leben und Kindern das Leben zu schenken, ist absolut bewundernswert und sehr liebenswert.

4. Tsen Brider… « Kunst, Kitsch und Krempel - Juli 17, 2010, 20:49

[…] Hinterlasse einen Kommentar Kategorien: Uncategorized Unter diesem Titel schreibt Lila über ein Familienfest, und ihre Erzählung hat mich tief berührt. Hat mich erinnert an den […]

5. april - Juli 17, 2010, 21:12

Ein sehr anrührender Bericht, danke dafür. Unsere Vergangenheit wird immer bei uns ein (ob wir wollen oder nicht), so wie bei denen, die so unendlich darunter gelitten haben und noch leiden. Das hat dein Bericht klar gemacht, dass es noch lange nicht vorbei ist.

Hier beobachte ich allerdings die Tendenz, dass dieser Teil unserer Geschichte vernachlässigt wird, weil niemand an die Taten erinnert werden möchte, die eine andere Generation zu verantworten hat. Die Gefahr, die ich dabei sehe, dass man nicht aus der Geschichte lernen kann, wenn man sie ‚ad acta‘ legt.

Und wir werden mehr und mehr eine multikulturelle Gesellschaft und so wie unsere jungen Leute sich nicht mehr schuldig fühlen möchten für das, was die Großväter (vielleicht) getan haben, wollen das die neu Hinzugekommenen schon gar nicht. Ich weiß das z.B. von der Schule, wo wir einen Jugendroman über die Nazizeit gelesen haben und sich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ganz anders dazu verhalten …

6. Lila - Juli 17, 2010, 21:32

Schuldig fühlen soll sich niemand, Schuldgefühle sind eher destruktiv. Auch Verantwortung im Sinne von „wir als Deutsche…“ braucht niemand künstlich aufgedrückt kriegen, das macht auch nichts besser.

Es reicht ganz normale menschliche Empathie, und die Erkenntnis, daß ein Trauma nicht vergeht, nur weil die Umwelt des Traumatisierten nicht mehr daran erinnert werden will.

Als meine Mutter Witwe wurde, waren alle zuerst verständnisvoll. Nach einem Jahr spätestens warteten die meisten Menschen ihrer Umgebung geradezu ungeduldig darauf, daß sie nun aber wieder fröhlich ist, am besten sofort einen anderen Mann an der Seite hat und niemanden mehr daran erinnert, daß das Leben vergänglich ist jeder Mensch mit Partner erwarten kann, entweder allein zurückzubleiben oder zu sterben. Das will niemand wissen, das will niemand sehen, und nun lach und sei vergnügt, du kannst deinen Mann doch nicht immer noch vermissen????

Daß der Holocaust als Lüge abgetan wird oder als Vorwand, Juden unfaire Vorteile zu verschaffen, kenne ich auch. Ich habe mal einen Kurs über Kunst und Shoah gehalten, vor gemischtem Publikum. Die arabischen Studenten haben nicht viel gesagt, aber ein Teil von ihnen hat mir per Verhalten deutlich gezeigt, was sie von dem Thema halten. Für sie ist das Thema politisch, manipulativ, irgendwo zwischen erlogen und aufgepustet. Natürlich nicht alle – wenn ich es geschafft habe, den allgemein menschlichen Aspekt aufleuchtenzu lassen, ging es. Aber zu spezifisch jüdisch – und ich hatte mein Publikum zur Hälfte verloren.

Traurig, ja. Mir wurde aber bei der Beschäftigung mit dem Thema wieder mal deutlich, wie wenig sich die Verbrechen der Nazis mit anderen Verbrechen vergleichen lassen (womit man anderen Tragödien auch keinen Dienst leistet – jede muß aus ihrem eigenen Kontext verstanden werden). Diese abgeklärte bürokratische Kälte, gleichzeitig die triumphierend lachende abgrundtiefe Verachtung für alles, was nicht NS-Weltbild-kompatibel war – es dreht einem echt den Magen um.

Aber sind wir als Nachgeborene schuldig? Schuldig geboren in den Augen der Welt, vielleicht ja, immer noch. Aber persönlich schuldbeladen? Nein, das lehne ich ab. Auch meine Mutter, 1945 geboren, ist nicht schuldig.

Als Opfer sollten wir uns aber auch nicht stilisieren, nach dem Motto, „wie der Adolf uns alle ausgenutzt, gelogen und betrogen hat und dann noch so eklig zu uns war“. Das unbestreitbare und schwere Leid, das auch Deutsche erlitten haben, wäre gänzlich vermeidbar gewesen. Ohne Guernica und Coventry kein Hamburg und Dresden. Damit rede ich nicht die Kindheitstraumata meines Vaters klein, ich gucke nur das größere Bild an.

Ach,mir wäre es am liebsten, wir wären nicht so eine grausame Spezies. Ich sehe das wie Dorothea Brooke.

„If we had a keen vision and feeling of all ordinary human life, it would be like hearing the grass grow and the squirrel’s heart beat, and we should die of that roar which lies on the other side of silence. As it is, the quickest of us walk about well wadded with stupidity.“

7. Liisa - Juli 17, 2010, 22:27

ich hatte einen längeren Kommentar geschrieben, mich aber entschieden es bei zwei Wörtern zu belassen:

Danke, Lila!

8. Lila - Juli 17, 2010, 23:22

Und ich habe endlich die richtigen Nachnamen und Ortsnamen, um in der Datenbank von Yad va Shem richtig viele Verwandte zu finden. Der Vater meiner Schwiegermutter muß aus Ciechanowiecz gekommen sein (auch hier), die Mutter aus Grodzisk. Auch in Maków Mazowiecki lebten Verwandte.

Im Warschauer Ghetto ist auch die alte Großmutter ums Leben gekommen, Onkel, Tanten, kleine Vettern und Cousinen. Alles gut dokumentiert. Y.s Großmutter hat keine Zeugenaussagen geleistet, die jüngere Schwester sehr wohl. Die ganze Verwandtschaft entsteht vor meinen Augen. Die Geburtsdaten variieren, die Todesdaten sind alle gleich: 1941. Alle kamen aus demselben Örtchen, alle sind im Ghetto Warschau gestorben.

Ich trage alle in den Stammbaum ein, den ich (danke Internet!) schon seit einiger Zeit erstelle. Und ich erkenne die Namen wieder. Tatsächlich trägt meine Schwiegermutter in ihrem vergessenen jiddischen Namen den Namen einer Tante, die Schneiderin war, bevor die Shoah in ihr Leben einbrach.

9. kaltmamsell - Juli 18, 2010, 9:17

„polnische Küßchen“ – immer drei, nicht wahr? Spätestens an dieser Stelle hatte ich feuchte Augen.

Es ist noch lange nicht genug erinnert und erzählt. Auf meiner Polenreise (die von Secundus würde mich schon auch interessieren) habe ich erfahren, dass in polnischen Schulen bis vor wenigen Jahren gelehrt wurde, die Konzentrationslager seien zur Ermordung von Kommunisten gebaut worden.

Nein, Schuldzuweisungen helfen überhaupt niemandem. Erinnern, erzählen, mitfühlen, diese Vergangenheit als Teil der eigenen Geschichte erkennen – Energie aufbauen, gegen eine Wiederholung der Entsetzlichkeiten zu kämpfen.

10. Karl Eduard - Juli 18, 2010, 10:02

Nun, auch Deutschen geschah Unrecht. Inklusive Ermordung. Das sollen sie aber ruhen lassen, weil es Vergangenheit ist.

Es ist aber schön, daß jemand seinen Stammbaum so zurückverfolgen kann.

Ich will auch nicht, daß die Holocaustopfer vergessen oder vergeben, ich will nur, daß der nicht in Deutschland mißbraucht wird, um von deutschen Regierungen Zugeständnisse abzupressen. Wie U-Boote gratis.

Ich bin 61 geboren. Was habe ich mit dem Holocaust zu tun? Meine Eltern waren zu der Zeit Kinder. Was haben die damit zu tun? Mein Großvater wurde während des Polenfeldzuges eingezogen und diente bis Kriegsende. Erst in Frankreich, dann an der Ostfront. Gut, er hätte sich erschiessen können. Vorher hat er immer die SPD gewählt und von Hitler nichts gehalten. Der andere war auch Sozialdemokrat, die Großmütter arbeitsam. Was haben die mit dem Holocaust zu tun?

Mein Vater wurde mit seinen Eltern aus Tschechien vertrieben, die Betten durften sie mitnehmen und froh sein, nicht ermordet worden zu sein, wie tausende Deutsche. Und, wurde das wie eine Religion gepflegt? Nein. Hatte die Familie meines Vaters schuld daran, daß sie Hitler heimholte? Auch nein. Dennoch gelten die Vertriebenen als aussätzig.

Ich wollte es auch nur erwähnen, daß die einen Opfer Opfer sind, die anderen es aber offensichtlich verdient haben.

11. mibu - Juli 18, 2010, 10:55

Zu 6.v.Lila, Abs.7: … sorgt schnell für Ärger, also lässt man’s irgendwann bleiben. Dabei habe ich in Gesprächen schon manchmal überrascht festgestellt, dass in meinem familiären Umfeld noch vergleichsweise viel über diese Zeit gesprochen wurde.Manche Familien in Deutschland wurden erst nach Ende des 2.WK auseinandergerissen und haben z.T. nicht mehr zusammengefunden. Über Ursachen und Gründe dafür zu sprechen, ist wohl kaum jemandem leicht gefallen.
Die Gauckbehörde war und ist eine sinnvolle Einrichtung. Vergleicht man jedoch wie schnell Verstrickungen einstiger DDR-Bürger öffentlich diskutiert werden, während im Hinblick auf das dritte Reich sehr schnell das Recht auf Schutz von Persönlichkeit und Privatsphäre gelten gemacht wird, bekommt man einen ersten Eindruck davon, worin unsere Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte wirklich besteht. Unter anderem deshalb hatten die USA gelegentlich Vorbehalte, requirierte Dokumente an die BRD zurückzugeben, weil u.a. befürchtet wurde, dass damit Informationen für geschichtliche Forschung unzugänglich werden könnten. Interessanterweise werden z.B. erst jetzt Unterlagen der Stasi über SS-Kader im Dienst des BND ausgewertet. Das Amt Gehlen. Der Umgang damit ist charakteristisch für die ganze Aufarbeitung der NS-Zeit, die recht bald unterhalb der sattsam bekannten Führungsriege in einer eigentartig kühlen, unpersönlichen Weise behandelt wird. In gewisser Weise kann man das sogar verteidigen, denn es hat vielleicht erst eine Aufarbeitung in heutigem Umfang ermöglicht. Aber dabei ist wahrscheinlich auch einiges – absichtlich und unabsichtlich – verloren gegangen.

12. mibu - Juli 18, 2010, 11:20

zu 10.: „… Mein Großvater wurde während des Polenfeldzuges eingezogen und diente bis Kriegsende. Erst in Frankreich, dann an der Ostfront. …“ „… Was haben die mit dem Holocaust zu tun? …“

Verfolgung und die Vorbereitung der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung begannen schon während des Polenfeldzuges, in Deutschland längst davor. Ohne die Kriegsanstrengungen im Osten wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Insofern hatte er unbestreitbar etwas damit zu tun. Eine andere Frage ist es, in welchem Mass er Verantwortung und Schuld persönlich durch sein Verhalten und unmittelbare Beteiligung auf sich geladen hatte. Wenn darüber nicht gesprochen wurde, kann man’s kaum wissen und daher auch kaum in dieser Hinsicht beurteilen.

13. Lila - Juli 18, 2010, 12:07

Mibu, zu 11. Ich bereite ja die Fahrt nach Berlin mit einer bekannten, exzellenten und leidenschaftlichen Historikerin vor, die gerade letzte Woche bei der letzten Stunde vor der Fahrt den Studenten einen Vortrag über dieses Kapitel der deutschen Geschichte hielt. Sie sagt, nur durch konsequentes Nach-Vorne-Schauen war es überhaupt möglich, Deutschland wieder aufzubauen. Und das war auch in Deutschland erste Priorität. Die inneren Widersprüche wurden dabei zugekleistert.

So hat meine Mutter, die in den 50er Jahren Schülerin war, niemals etwas über den Völkermord an den Juden oder auch andere Verbrechen der NS-Zeit gehört (das Wort Holcaust wurde ja erst in den 70ern populär, nach der Fernsehserie, und Shoah dann nach Lanzmanns Film). Und mein Vater, der bei Kriegsende schon Fähnleinführer bei der HJ gewesen war und ungeduldig darauf wartete, in die SS gehen zu dürfen, erinnert sich bis heute mit bitterem Zorn an die Lehrer, die ihn mit NS-Gedankengut vollgestopft hatten, um dann bei der demokratischen Erziehung das Maul aufzureißen. Damals hat eine ganze Generation den Glauben an die Menschheit verlore.

Doch das war der Preis, den Deutschlands für die schnelle Eingliederung in westliche bzw östliche Bündnisse und für jeweils verschiedene Wirtschaftswunder zahlte. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Adenauer und Ben Gurion hatten so gesehen ähnliche Interessen – die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, und sich auf die Zukunft konzentrieren.

Die Traumatisierten dieser Zeit blieben überall stumm zurück – ob es nun deutsche Opfer des Bombenkriegs waren, Überlebende der Massenvergewaltigungen, Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, Überlebende der Konzentrationslager, Enteignete und Flüchtlinge aus aller Welt. Europa lag nach 1945 in Trümmern wie nach dem 30jährigen Krieg, und der Wille, sich mit den Gründen für dieses Trauma auseinanderzusetzen, war einfach nicht.

Übrigens fing auch in Israel das Gespräch über den Holocaust mit dem Eichmann-Prozeß an – und seiner Übertragung in Radio und Fernsehen. Die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt (meine Oma hatte damals zwei Überlebende zu Gast, zwei Israelinnen, die die erste Verbindung meiner Familie nach Israel waren) gaben sowohl in Israel als auch in Deutschland erste Denkanstöße, aber WIE stumm die Mütter und Väter damals auf dem Tische herum guckten, das sieht man zB im Film Der Vorleser. „Die schlimme Zeit“ hieß das, da sprach man nicht drüber.

Darum liegen unter der Oberfläche noch riesige Minenfelder, in die wir alle pausenlos reintreten. Ich mag mich nicht aufs moralische hohe Roß setzen und mit meiner Oma posthum schimpfen, warum sie denn den SA-Leuten nicht die Meinung gegeigt hat, als die sich vor ihrem bevorzugten Lebensmittelladen aufgepflanzt hatten. Ich nehme zwar an, aufgrund der Präzendenzfälle Kruzifixe in Cloppenburg und Protest in der Rosenstraße, daß eine weitgehende Solidarisierung der nichtjüdischen Bevölkerung mit ihren jüdischen Nachbarn, Kollegen und Geschäftspartnern vieles hätten verhindern können, aber die NS griffen die Menschen auf so vielen Ebenen gleichzeitig an, daß meine Oma, die ja nie „Ideologiekritik“ gelernt hatte, ihnen einfach nicht gewachsen war. Von den rassekundlichen Schulungen im Mutter-und-Kind-Kurs bis zu den Medien – irgendwann müssen die Leute den Schrott geglaubt haben, oder jedenfalls so getan.

Und da soll ich mich jetzt hinstellen und sagen: oh, mir wäre das nicht passiert, ich hätte demonstriert, ich hätte was gesagt, ich hätte protestiert…. Hätte ich? Ich habe große Hochachtung vor denen, die es gewagt haben, den Mund aufzumachen, aber kann ich so einfach davon ausgehen, daß ich dasselbe moralische Format gehabt hätte? Nein. Solange ich nicht nach Rhodos gesprungen bin, bleibe ich lieber bescheiden.

Ich entschuldige keinen Täter, denn Schuld ist Schuld. Aber was kann der Sohn dafür, daß sein Vater ein Mörder war? Soll ich ihn jetzt bestrafen, damit ich mich selbst super fühlen kann? Das wäre wohl eine einfache Lösung. Auch Passivität bedeutet Schuld, auch Weggucken, auch Nichtwissenwollen. Schuld ist keine Mangelware. Aber vererben läßt sie sich nicht. Wir tragen die Folgen, aber die Schuld, nein, die tragen wir nicht. Und die Folgen sind schwer.

Mir gefallen übrigens kleine, spezifische, punktgenaue Aktionen wie die Stolpersteine viel besser als bombastische Mahnmäler, die immer ein bißchen, pardon, an Tetzels Kasten erinnern. Ja, das Loch in der deutschen Vergangenheit wird durch solche Mahnmale der Leere und des Fehlens gut ausgedrückt, aber noch wichtiger als diese emotionale Hinwendung an diese Leere ist mir die Erinnerung an jeden Einzelnen, die konkrete Information, die man natürlich nur richtig einordnen kann, wenn man das ganze Bild kennt, die aber unersetzbar ist.

Ich unterrichte ja wie gesagt Kurse über diese Themen und verzwickter geht es nicht. Spezifisch oder universal oder beides, und wie, und was ist nun richtig?

Egal wie ich auch versuche, den Ereignissen der NS-Jahre Sinn abzupressen, es kommt nichts heraus. Das ganze menschliche Leid dieser Zeit hat einfach keinen Sinn, kein tröstliches Narrativ, keine Moral, keine Nutzanwendung. Zumindest keine, die dieses Opfer wert gewesen wären.

14. yael1 - Juli 18, 2010, 15:13

„Was habe ich mit dem Holocaust zu tun?“

Dieses „Argument“ liest man immer wieder (ich kann das kaum noch ertragen). Als Deutscher hat man etwas damit zu tun, ob es einem passt oder nicht. Das ist die Vergangenheit dieses Landes und die Vergangenheit jedes Deutschen.

15. mibu - Juli 18, 2010, 16:16

„Sie sagt, nur durch konsequentes Nach-Vorne-Schauen war es überhaupt möglich, Deutschland wieder aufzubauen.“
Solche kategorischen Aussagen wundern mich etwas. Zum einen hat jeder einzelne die Erlebnisse unterschiedlich wahrgenommen, zum anderen haben viele sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die ihnen unterschiedlich viel Energie und Anregung für ihre Zukunftspläne gaben.
Ich konnte dies schon in meiner Familie feststellen, in der ein Teil aus sehr ländlichen, vom Krieg erst sehr spät und kaum betroffenen Regionen kam, während der andere aus einer Großstadt kam, viele Bombenangriffe erlebte und selbst in der Kinderlandverschickung zusehen und hören konnte, wie riesige Bomberverbände auf dem Weg zu ihren nächsten Zielen sie überflogen. Es ist auch kein Zufall gewesen, dass bestimmte Strukturen sehr schnell wieder Fuß fassten. Es gab zwar einige Fanatiker, die bis zuletzt an den „Endsieg“ glaubten und durch das Ende demoralisiert wurden. Doch gab es auch andere, denen spätestens beim Überfall auf die Sowjetunion sehr mulmig wurde und die sich nach Stalingrad sicher waren, dass dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen war und es nur noch darum gehen konnte, irgendwie aus der Sache halbwegs heil wieder herauszukommen.
In gewisser Weise bestand auch in einer Restaurierung belasteter wirtschaftlicher und politischer Strukturen durchaus auch eine Gefahr der Demoralisierung der Bevölkerung. Während sich bestimmte Nazi-Seilschaften auf erstaunliche Weise bald wieder in ihren alten oder entsprechend attraktiven neuen Positionen befanden, reichten weiter unten z.T. nur Mitgliedschaften aus, um zunächst mit Berufsverbot, Inhaftierungen, Minderzuteilungen und verschiedenen anderen Gängeleien konfrontiert zu werden. Doch auch dieses Risiko wurde durch die Verschärfung des kalten Krieges und dem entgegengerichtete wirtschaftliche Massnahmen recht bald überlagert. Und schliesslich hat auch die akute Not in den ersten Nachkriegsjahren wenig Gelegenheit zu Apathie gelassen, auch wenn manche Städte tatsächlich in einem wenig ermutigenden Zustand waren.
Da sich bereits die Alliierten der Hauptschuldigen angenommen hatten, und auch später sich zuerst die Allierten mit kritischen Fällen befassten, konnte sich die deutsche Justiz im wesentlichen darauf konzentrieren, nach Gründen im ein oder anderen Fall zu suchen, mit denen für Inhaftierte Hafterleichterung oder gar Freilassung erreicht werden konnte. Man sah nach vorne; viele wussten sehr genau warum. Wer’s nicht tat, konnte schnell das Nachsehen haben.
Aber es war unter den gegebenen Bedingungen auch weder für die Sowjetunion noch für die Westalliierten praktisch, abzuwarten bis die Deutsche Bevölkerung mit sich ins Reine gekommen wäre. Schon die Nürnberger Prozesse gegen die politische und militärische Führungsschicht hatten einen enormen organisatorischen und zeitlichen Aufwand erfordert – von den Alliierten. Wie lange hätten dann erst deutsche Verfahren mit weitaus bescheideneren Mitteln gedauert ?

16. mibu - Juli 18, 2010, 16:46

„Das ist die Vergangenheit dieses Landes und die Vergangenheit jedes Deutschen.“

Das trifft inzwischen nur noch für sehr wenige zu. Es ist die Geschichte Deutschlands. Mit dem Ausdruck „Vergangenheit dieses Landes“ könnte ich mich noch mit Einschränkungen anfreunden. Aber meine Vergangenheit beginnt mit meinem Geburtstag.

Die Geschichte meiner Familie allerdings nicht.

17. Wolfram - Juli 18, 2010, 21:26

@Yael (14): Nein, es ist NICHT die Vergangenheit jedes Deutschen.
Und es ist kein deutsches Privatproblem – ganz Europa hat da mitgetan, als Deutscher mußt du immer noch damit rechnen, von Arabern mit „Heil Hitler“ und hochgerissener Hand (freudig!) begrüßt zu werden, wie ihre Vorfahren vor 70 Jahren schon Hitler die – äh, Füße geküßt haben. Die US-Amerikaner haben vor wenigen Jahren noch sehr kontrovers diskutiert, ob ein jüdischer Vice-President zu ertragen ist…

Du schwingst eine Schuldkeule, die gerade aus Israel nicht kommen sollte: „Man soll in Israel nicht mehr sagen: die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind davon die Zähne stumpf geworden.“ Ich weiß nicht mehr, welcher Prophet das gesagt hat, aber es war weit über 2000 Jahre vor uns…
Mit dieser Keule hämmerst du Menschen in eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist. Und verhinderst, daß Menschen, deren Vorfahren sich gegenseitig umgebracht haben, einander die Hände reichen und gemeinsam Zukunft bauen. Du nährst das Vorurteil, „die Juden wollen aus der Geschichte Vorteil schlagen“, das ich in meinen Begegnungen nie bestätigt gefunden habe… die Juden, mit denen ich zu tun habe und hatte, wollen einfach nur leben wie alle anderen. Sie trauern um ihre toten Verwandten, aber sie erheben sich nicht zum Richter über andere. Du schon…

18. Karl Eduard - Juli 19, 2010, 10:05

Gibt es eine Kollektivschuld? Also werden immer wieder neue Täter geboren, so wie bei den Palästinensern immer neue Vertriebene geboren werden oder bei den Sudetendeutschen Landsmannschaften? Da wird man das ja auch von Geburt an Vertriebener oder als Deutscher Judenmörder. Ist das so?

Was soll ich zum Beispiel von den Tschechen halten, die nach Kriegsende Deutsche zu Zehntausende abschlachteten und mein Vater, 16jährig, hatte den Holocaust nicht verhindern können, wie meine Mutter auch, entkam knapp deren Kugeln. Ich würde aber nie auf die Idee kommen, das den Tschechen für immer und ewig anzulasten oder die Kinder dahingehend zu beeinflussen – tschechisches Mördervolk, mit Kollektivschuld beladen!

Und ab wie viel tausenden Toten ist ein Mord dann so richtig schlimm und wieviele Jahrhunderte dürfen vergehen, damit den mongolischen Reiterheeren, die Asien und Europa verwüsteten, vergeben werden kann?

Ich wollte das nur mal einwerfen.

19. Lila - Juli 19, 2010, 10:12

You are Isildur’s heir, you are not Isildur himself

🙂

20. yael1 - Juli 19, 2010, 14:11

@Wolfram

wo schwinge ich denn eine Schuldkeule? Gehts noch?
Niemand kann sagen, nur dieser Teil der deutschen Geschichte nehme ich an und mit dem anderen habe ich nichts zu tun.
Es ging nie um Schuld (das ist eine Einbildung von Menschen wie Ihnen). Es geht um Verantwortung und darum nicht so zu tun als hätte man damit nichts zu tun. Das hat wiederum mit persönlich damit zu tun haben, nichts zu tun.
Tut mir leid, aber Sie schreiben einen Mist (Vorteile herausschlagen ich erhebe mich zum Richter) und legen mir Dinge in den Mund, dass es einem graust. Das ist unverschämt und ohne Stil. Überlegen Sie bitte in Zukunft was Sie von sich geben. So nicht!!!

„You are Isildur’s heir, you are not Isildur himself“

Genau das Lila, aber das werden sie wohl nie begreifen.
Sie reden sie von Kollektivschild, damit sie sich bloß nicht damit auseinandersetzen müssen.

21. Mikado - Juli 19, 2010, 15:12

Zwei Schüler eines Rabbis streiten sich. Als der Rabbi fragte, was denn los sei, erzählte der eine Schüler den Hergang des Streitgesprächs aus seiner Sicht und klagte den anderen Schüler dabei an. Der Rabbi sagte zu ihm: “Du hast vollkommen recht!” Der andere Schüler war darüber noch verärgerter und schilderte seine Sicht der Geschehnisse, welche die eigene Unschuld und die Schuld des anderen darlegte. Der Rabbi sagte in ruhigem Ton: “Und Du hast auch recht!”. Ein weiterer Schüler des Rabbis konnte das gesamte Gespräch mitverfolgen, schüttelte verständnislos den Kopf und sagte verärgert: “Wie kannst du beiden sagen, sie hätten recht. Das ist doch der größte Unsinn, den du da von dir gibst”. Der Rabbi entgegnete ihm väterlich: “Auch Du hast recht!”


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