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Eine Insel der Vernunft und Menschlichkeit, Juli 16, 2010, 19:46

Posted by Lila in Presseschau.
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so hieß die Reportage, die ich gerade im Freitag-Abend-Magazin mit Yair Lapid gesehen habe. Im Kinderkrankenhaus Sheba bei Tel Aviv, in der kinderkardiologischen Abteilung Safra, werden Kinder aus palästinensischen Dörfern und Städten behandelt – aus Ramallah, Gaza und Flüchtlingslagern. Sieben von neun Betten sind immer von palästinensischen Kindern belegt.  (Hier kann man news from Sheba lesen).

Kinder mit komplizierten angeborenen Herzfehlern können in palästinensischen Krankenhäusern nicht adäquat behandelt werden (und jetzt sage mir keiner, das läge an der Besatzung – mit der Qualität palästinensischer Ärzte und den Spenden aus der EU, ganz zu schweigen von ein paar Spenden der arabischen Ölbrüder,  hätte man längst ein Krankenhaus wie Sheba in Ramallah bauen können!). Also rufen die palästinensischen Ärzte in Sheba an, und eine Krankenschwester sorgt dafür, daß die betroffenen Kinder schnell und sicher in ihre Obhut gelangen. Ein Elternteil begleitet das Kind – wo er untergebracht wird, wurde nicht erwähnt, aber ich weiß, daß es Freiwillige gibt, die zB Eltern und krebskranke Kinder in Behandlungspausen bei sich zuhause beherbergen. Doch bei den Kindern mit Herzfehlern geht es um OPs und Intensivstation, und die Eltern schlafen wohl im Krankenhaus.

Ein Arzt: „Man kann mich fragen: wieso behandelt ein jüdischer Arzt arabische Kinder? Da sage ich nur: laßt die Adjektive weg, und die Frage: wieso behandelt ein Arzt Kinder?, die beantwortet sich ja wohl von selbst“.

Das Fernsehteam folgt einem jungem Vater mit einem Dreijährigen, und einer jungen Mutter mit einem Neugeborenen. Die Begegnungen zwischen den Eltern, die während der lebensgefährlichen, potentiell aber lebensrettenden OP im Flur Todesängste ausstehen, und den noch in OP-Kluft heranschlurfenden Ärzten, die beruhigend lächeln, kann man nicht ohne Bewegung ansehen – besonders, wenn man, wie ich, mal ein Baby auf der Intensivstation gehabt hat. Da sind alle Menschen gleich, in der bebenden grausamen Angst, was das Kind durchmachen muß, und wie es weiterleben wird.

Der junge Vater ist positiver Israel gegenüber eingestellt, die junge Frau sehr reserviert.

„Was denkst du jetzt über Israel?“ Die junge Frau: „Was soll ich über die Leute denken, die meine Nachbarn getötet haben? Ich bin mit großer Angst und Sorge nach Israel gekommen, aber als ich gesehen habe, wie die Ärzte und Krankenschwester sich um meinen Sohn kümmern, war ich beruhigter“. Positiver konnte sie es nicht sagen.

Und der junge Vater auf dieselbe Frage: „Die komplette Trennung zwischen Israelis und Palästinensern ist wie eine Mauer des Mißtrauens. Man kennt sich nicht und hat darum Angst voreinander. Ich habe die ganze Zeit Bilder gemacht, damit ich meinem Sohn später mal zeigen kann, wer ihm das Leben gerettet hat.“

Aus den Äußerungen besonders der Mutter geht eine große Verblüffung hervor, die auch ganz leicht zu erklären ist. Was würde einer israelischen Familie passieren, die Hilfe in einem Krankenhaus in Gaza sucht? Sie würde gelyncht. Wenn man naiv die eigene Mentalität auf andere projiziert, kommt man nun mal zu verzerrten Ergebnissen (wofür jeder Pax-Christi-Aktivist klassisches Anschauungsmaterial liefert).

Der Arzt: „Ich sehe manchmal, wie das Kind fragt: Mama, sind wir in Israel?, und die Mutter will nicht antworten, wechselt schnell das Thema. Ich kann das verstehen. Wenn das Kind später seinen Freunden erzählt, daß es in Israel war, kann das sehr unangenehm für das Kind sein. Ich bin den Eltern nicht böse, wenn sie den Aufenthalt in Israel verbergen wollen. Und ich weiß nicht, warum sich jemand daran stoßen sollte.“

Nein, lieber Arzt, wenn man so abgeklärt und menschenfreundlich ist wie du, dann stört es einen nicht, daß man ein Kind geheilt in eine Welt schickt, die dem Heiler den Tod wünscht. Wenn man aber an das Bild im Großen und Ganzen denkt, dann ist es doch zum Heulen. Egal was Israelis tun oder nicht tun – die palästinensische Gesellschaft wünscht ihnen den Tod. Natürlich hat der Arzt auch Recht – durch die Rettung dieser Kinder ist seine Arbeit allein schon gerechtfertigt, mehr braucht es nicht, und man muß auch Gutes tun, ohne Dank zu erwarten.  Ich habe ja schon oft hervorgehoben, wie sehr ich diese Ärzte bewundere.

Und was sagt die Welt dazu? Nichts. Sie sagt nichts dazu, weil sie es nicht weiß. Und warum weiß sie es nicht? Na, weil es ihr niemand erzählt. Und warum erzählt es ihnen niemand? Na, weil es für die Ärzte selbstverständlich ist und sie auch anderes zu tun haben, und die israelischen Journalisten erzählen es wohl – den Israelis. Und anderen? Die wollen das nicht wissen. Wie lästig wäre es den Kommentatoren vom Schlage „ihr müßtet nur mal netter zu den Palästinensern sein!“, wenn sie wüßten, daß wir tatsächlich ziemlich nett sind.

Kommentare»

1. mischpoke - Juli 16, 2010, 20:19

Lila kann Stefan mal Deinen Artikel ins schedische übersetzen und auf den schwedische Blog setzen. Wäre wichtig. Lie Grü und gut Shabbes

2. Lila - Juli 16, 2010, 20:22

Sehr gern. Aber sorgt bitte dafür, daß mir nicht hinterher ein schwedisches Killerkommando hinter der Mülltonne auflauert 😀 die sollen ja sehr israelisch-kritische Freunde sein, die Schweden.

A propos Shabbes: der hat hier schon lange angefangen, aber na ja, bei Euch fällt der ja im Hochsommer ganz aus 🙂

3. mibu - Juli 16, 2010, 20:40

Lila, ich kann mich erinnern, dass ich schon mehr als einmal Berichte in unseren Medien darüber gesehen habe. Sie tauchen in mehr oder weniger großen zeitlichen Abständen auf. Dazwischen geraten sie durch eine stetige Flut neuer Nachrichten leicht in Vergessenheit.
Dazu kommt das Missverständnis, dass manche alle Nachrichten z.B. über Israel aber auch über andere Themen für gleich relevant halten.
Dass Ärzte sich über Jahre in der beschriebenen Weise für israelische wie palästinensische Patienten einsetzen, während ein Ereignis wie das Entern der Mavi Marmara lediglich akute wenn auch tragische Krise war, spielt nach einiger Zeit keine Rolle mehr. Die Wahrnehmung der Rolle Israels im nahen Osten kann dann leicht von beiden Nachrichten gleichermassen bestimmt sein, obwohl die damit verbundenen Informationen recht unterschiedlich relevant sind.

4. Lila - Juli 16, 2010, 20:49

Na ja, meine Wahrnehmung ist (vielleicht unfairerweise) davon beeinflußt, daß hier regelmäßig gutwillige Bürger und Bürgerinnen aufkreuzen und mit bebender Stimme für ein bißchen Menschlichkeit Israels den Palästinensern gegenüber plädieren. Tja,die kriegen wohl diese Berichte nicht mit 😦 Die über diverse Flotillen natürlich schon. Hm.

5. zimtapfel - Juli 16, 2010, 21:11

Es kommt schon vor, das darüber berichtet wird, aber es wird dann auch irgendwie ein bißchen für selbstverständlich genommen. Davon ausgehend, das ja schließlich auch die bösen Israelis schuld daran wären, das es bei den Palestinensern quasi gar keine medizinische Versorgung gäbe. Auf dieser Grundannahme basierend nimmt man es so hin, das die isrealischen Ärzte wenigstens das tun. Eher kommentarlos oder aber als selbstverständliche moralische Verplichtung. Was Israelis passieren würde, würden sie sich umgekehrt derart wehrlos ausliefern, die Frage wird nicht thematisiert. Uninteressant.
So jedenfalls ist meine persönliche Wahrnehmung.

6. Piet - Juli 17, 2010, 3:01

Dazu kommt natürlich, dass über Flotilla + Drumrum quasi im Halbstundentakt berichtet wurde. Wenn dann alle Jubeljahre mal ein positives Schlaglicht auf Israel fällt, geht das leicht unter oder wird in der Art wie vom Zimtapfel beschrieben eingeordnet.

Na, nun gibt’s ja erstmal den nächsten Aufreger über den „ultrarechten Lieberman“, wie ihn die Zeit betitelt.

7. Peter - Juli 17, 2010, 8:52

Wer bezahlt das eigentlich alles? Können die einfach da reinspazieren ohne einen Gedanken an die Kosten zu verschwenden? Ja ich weiß der denkt nur ans Geld werdet Ihr sagen aber das würde mich doch interessieren

8. mona lisa - Juli 18, 2010, 16:49

Bedeutet der hippokratische Eid ursprünglich nicht, Arzt für alle Menschen zu sein?

9. Lila - Juli 18, 2010, 17:01

Aber ja. Und trotzdem behandeln Ärzte nicht jeden, und nicht ohne Bezahlung (im Sheba gibt es, soweit ich weiß, eine extra Stiftung für herzkranke Kinder aus arabischen Ländern, ansonsten gibt es die SACH). Und die Krankenhausverwaltung, die hat keinen hippokratischen Eid geleistet. Und die Israelis, die die Familien aufnehmen, oder mein Bekannter, der sie im Auto fährt. Es sind ja nicht nur Ärzte an der ganzen Aktion beteiligt.

Natürlich sollte es selbstverständlich sein, daß man auch Feinden, die einem den Tod wünschen, Hilfe leistet. Aber tun es auch alle? Mein Sohn hat als Sanitäter bereits mehrmals Arabern bei Verkehrsunfällen Erste HIlfe geleistet, auch wenn seine Uniform mit haßerfüllten Augen angeguckt wird und ein älterer Mann mit letzer Kraft röchelte: nicht mit dem Jahud, nicht mit dem Jahud…. Primus hat ihm versichert, daß der Rote Halbmond schon unterwegs ist.

Alles, alles selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich wie die Meinung der Welt, die uns für hartleibige Brutalos hält, die systematisch Palästinenser abschlachten.

Selbstverständlich bietet Israel dem Iran nach Erdbeben Hilfe an, selbstverständlich sammeln Israelis Spenden für den Gazastreifen, selbstverständlich spenden jüdische Millionäre Stipendien für arabische Studenten. Alles, alles selbstverständlich, bedarf keiner Erwähnung und keiner Anerkennung.

Denn alle anderen machen es ja ebenso, nicht wahr?

(Hier ein Backlink zu mir selbst – der Eintrag über Primus´ Zeremonie zum Abschluß des Sanitätskurses.)

10. mona lisa - Juli 18, 2010, 23:32

Ich habe nicht von selbst-verständlich gesprochen!
Bedarf Selbst-Verständliches der Erwähnung, der Anerkennung? Oder versteht es sich von selbst?

11. Juebe - Juli 19, 2010, 12:46

@mona lisa: Ja wie ist das mit dem hippokratischen Eid im Hinblick darauf, daß nicht wenige Mitglieder der Führungsrigen palästinensischer radikaler Organisationen Ärzte sind?

12. Juebe - Juli 19, 2010, 12:50

Zwischen 1973 und 1985 gab es eine gute kinderärztliche Versorgung in Gaza:
http://buecher.hagalil.com/sonstiges/lasch.htm


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