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Noch ein Durchgang November 12, 2019, 14:13

Posted by Lila in Land und Leute, Qassamticker (incl. Gradraketen), Uncategorized.
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Ihr seid es leid, wir sind es leid, die Israelis im Süden haben es bestimmt noch viel leider.

Ich habe meinen Kassam-Ticker hier sehr vernachlässigt, was ich jetzt ein bißchen bedaure – aber wer mir auf Twitter gefolgt ist, hat mitgekriegt, wie oft in den letzten Monaten im Süden die Alarmsirenen und -lautsprecher losgegangen sind, wie viele Raketen Iron Dome abgeschossen hat, wie viele auf freiem Feld gefallen sind. Die israelische Reaktion war immer sehr gedämpft. Die Hamas hatte Zeit, ihre Gebäude zu räumen, bevor IDF dann entweder das leere Gebäude oder eine Düne beschoß.

Dabei wußten alle Beteiligten, daß es nicht die Hamas war, die hinter dem Raketenbeschuß stand. Aber Israel mischt sich nie in innere Streitigkeiten ein. Auch wenn Anti-Assad-Rebellen die Golanhöhen beschießen, liegt für Israel die Verantwortung dafür bei Assad, und ebenso ist die Hamas dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, daß aus ihrem Gebiet nicht geschossen wird. Eine Regierung kann nicht einfach sagen: tja, über diese Leute haben wir leider keine Kontrolle, laßt uns in Ruhe, die schießen eben. Das funktioniert in keinem Land. Die Regierung trägt die Verantwortung. Wenn also der Islamische Jihad Israel beschießt, obwohl die Hamas ausdrücklich Ruhe versprochen hatte, dann schießt Israel nicht auf den Islamischen Jihad, sondern auf die Hamas. Als Zeichen dafür, indirekt, daß Israel die Hamas als Hausherren dort akzeptiert. Natürlich auch in der Hoffnung, daß die Hamas sich von dem Raketenbeschuß irgendwann mal offen distanziert und sagt: liebe Jihadisten, wir wollen diese Raketenschießerei nicht mehr, sie bringt uns nur Ärger.

Über Monate hinweg häuften sich die Vorfälle. Ein Musikfestival in Sderot wurde beschossen – mehrere Privathäuser wurden getroffen – eine äthiopischstämmige Familie wurde nur gerettet, weil die Mutter alle Kinder rechtzeitig in den Schutzraum brachte – seit einem Jahr kann man sich nie sicher fühlen (eigentlich viel länger, denn die ersten Raketen flogen noch vor der Räumung – es sind mehr als 15 Jahre).

Gleichzeitig fliegen seit März 2018 ständig Drachen oder Ballons mit Brand- und Sprengsätzen über die Grenze und richten dort Schaden an, auf Feldern, in Naturschutzgebieten und auch oft in der Nähe von Ortschaften.

Es war also klar, daß irgendwann Israel reagieren muß. (Übrigens: wäre Bibi tatsächlich so ein Hardliner, wäre das schon viel eher und schärfer passiert.) Israel weiß, wer der Strippenzieher im Islamischen Jihad ist, der auch von der Hamas keine Befehle annahm und immer wieder Vereinbarungen brach. Und heute früh ist dieser Mann, hm, wie nennt man das auf Deutsch? Auf Hebräisch nennt man es chissul, Ausschaltung, oder sikul memukad, gezieltes Aus-dem-Verkehr-Ziehen, also nennen wir es liquidieren? Sowohl im Gazastreifen als auch in der Nähe von Damaskus wurden Köpfe des Jihad von IAF-Flugzeugen angegriffen und getötet.

Ja, da kann man in deutschen Medien die Köpfe schütteln und sagen: das ist ja wie im Krieg! Ist es auch, und für die Zivilisten in Kfar Aza, Kerem Shalom, Sderot und Mefalsim fühlt es sich schon lange wie Krieg an. Die Kinder dort erinnern sich nicht mehr an eine Zeit ohne „Code Rot“. Natürlich – da der ständige Beschuß in deutschen Medien nicht vorkommt, denken Leser dort vielleicht, daß Israel unvermittelt und zu aggressiv vorgegangen ist. Aber irgendwann muß man dann mal was tun. Wer alternative Ideen hat, die Israel noch nicht ausprobiert hat, der kann sie gern in den Kommentaren aufschreiben.

Das Kalkül hinter: diesen Liquidierungen den Jihad so schwächen, daß er sich von der Hamas in die Pflicht nehmen läßt. Denn interessanterweise spielt im Gazastreifen die Hamas die Rolle des vernünftigen Erwachsenen. Okay, ein einäugiger König, aber immerhin. Auch die ägyptischen Vermittlungsbemühungen haben die Hamas vielleicht beeinflußt.

Es hängt also nun alles von der Hamas ab. Die empört sich zwar gegen Israel, läßt den Jihad auch ordentlich Raketen abfeuern (150 seit heute früh), tut aber sonst nichts. Wenn die Hamas sich an die Seite des Jihad stellt und selbst anfängt, Israel anzugreifen, dann haben wir eine Eskalation wie lange nicht mehr. Wenn die Hamas es schafft, den Jihad kaltzustellen und sich lieber Wirtschaft und Infrastruktur widmet, haben wir eine Grundlage für eine dauerhafte De-Eskalation.

Wer immer up to date sein will, sollte mal bei Rotter.net reingucken. Dort werden die wichtigsten englischsprachigen Medien verlinkt – von der linken Haaretz über Times of Israel bis zu den eher konservativen Jerusalem Post und Arutz 7. Die Seite sieht zwar nach nichts aus, ist aber übersichtlich und man kann sich jederzeit informieren, und zwar aus mehreren Blickwinkeln.

Wer wissen möchte, wie oft die Alarme kommen, kann sich sowas wie Red Alert aufs Telefönchen holen. Wobei man sagen muß: nicht jeder gemeldete Alarm ist auch eine Rakete. Israel ist in so viele Warngebiete eingeteilt, och nee, es ist schon wieder am rappeln, Alumim, Nahal Oz, Beeri!, daß ein Alarm mehrere Gebiete betreffen kann. Dann löst eine Rakete drei oder vier Alarme aus.

Twitter ist auch eine gute Informationsquelle. Vor allem, wenn ihr mir folgt 🙂 Lauter Filmchen von Unvorsichtigen, die lieber filmen und hochladen, statt sittsam in die Schutzräume zu gehen.

Ich folge im Internet den Nachrichten von Kan11 – bin zu dem Schluß gekommen, daß das die besten Nachrichten in Israel sind, sachlicher als Platzhirsch 12. Und sie senden einfach einen Livestream, was ich sehr nett finde. Aber Hebräisch sollte man schon können, sonst hat man wenig davon. Auch immer interessant für Hebräischversteher: das Armeeradio, Galey Zahal (Galatz) oder Galey Zahal al galgalim (Galgalatz).

Es ist schwierig, sich in solchen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf die Angaben der Armee muß ich mich verlassen, ich kann sie nicht überprüfen. Und auch darauf, daß Verteidigungsminister Netanyahu dem Premierminister Netanyahu richtig geraten hat (seit 11 Uhr früh ist der Job auf Naftali Bennett übergegangen), daß politische Erwägungen keine Rolle gespielt haben und nicht auf dem Rücken der Bürger Ego-Spielchen ausgetragen werden.

Benny Gantz, der davon was versteht, hat Netanyahu jedenfalls Unterstützung ausgesprochen. Wenn er es für gerechtfertigt hält, dann muß ich annehmen, daß die Entscheidungen von Bibi und IDF angemessen und richtig waren. Leicht fällt das nie, besonders nach einem Jahr der politischen Spielchen. Und eigentlich ist Bibi ja nur Übergangs-PM. Als solcher in einen, chalila, Krieg einzusteigen, wäre ziemlich gewagt. Wie Bibi sehr wohl weiß – er hat es bisher geschafft, uns ohne größere Auseinandersetzung durch Phasen heftiger Aggression von außen zu manövrieren.

Aber so ist es nun wieder. Red Alert grummelt regelmäßig, alle Nachrichtensender haben Leute vor Ort, und seit die Alarme auch Tel Aviv erreicht haben, nehmen alle die Lage ernst. Ich hoffe sehr, niemand weiter kommt zu Schaden (das kleine Mädchen, das heute früh vor Schreck ohnmächtig wurde, hat immer noch Herzrhythmusstörungen und liegt auf der Intensivstation – höre ich gerade), und eine weitere Eskalation bleibt aus.

Kommentare»

1. anti3anti - November 12, 2019, 14:32

Bleib stark!

2. H. Kruppert - November 12, 2019, 14:34

Gerade eben beim SWR in den Nachrichten:
1. Israel tötet militanten Palästinenseranführer
2. EUGH bestätigt Kennzeichnungspflicht von Waren aus den von Israel „besetzten“ Gebieten

Nachrichten zu den Raketenangriffen: null, nada niente!

Dann ausführlicher Kommentar des Rechtsexperten, warum das EUGH Urteil richtig ist, wegen der bewussten Kaufentscheidung, sei ja auch damals wegen der Apardheitspolitik Südafrikas sinnvoll gewesen!

Es ist zum Verzweifeln und es wundert dann auch nicht, wenn während der Mauerfallparty in Berlin kurz vor dem Jahrestag der Kristallnacht Israel zum Niederreissen der Sicherheitszäune aufgefordert wird.

3. Lila - November 12, 2019, 14:36

anti3anti – Ich persönlich bin nicht in Gefahr und da ich keine kleinen Kinder habe, bin ich auch nicht in persönlicher Sorge. Freunde und Familie im Süden tun mir sehr leid. Die ganze Situation ist überflüssig wie eine Warze, das ärgert mich, aber ich brauche keine Stärke für die Situation. Aber danke 🙂

Kruppert – wie bitter muß es für Israel-Hasser sein, daß sich diese verflixten Juden tatsächlich aufs Überleben kaprizieren und sich sogar, oh NEIN, verteidigen! Der Haß machte sich in den USA und Europa besonders am 9.11. überdeutlich bemerkbar in einer Welle antisemitischer Angriffe. Das sagt einem alles zur moralischen Autorität der Staaten, die Israel vorschreiben wollen, wie es sich zu verteidigen hat – bzw stillhalten soll.

4. G. - November 13, 2019, 2:59

Ein Tag zum Resignieren. Rundum.

Dabei habe ich Positives zu berichten! Habe heute für die meinen Thunfischfilet in Zimt-Sesam-Kruste auf Chili-Mango-Salat zubereitet. Köstlich! Und zum Entsetzen meiner Frau Bratwürste als Beilage. Wollte bei der Sättigung lieber sicher gehen. Besser ist besser!

Dies heutige Feuerwerk, dies Urteil, der diesem wirkungs- und wegbereitende Staatsfunk, all das taugt allerdings eher, guten Appetit zu verderben.

Ich mag keine Moral, keine Ethik, wie gesagt. Die des anderen ist immer die falsche. Reine Frage der Perspektive. Anstelle dessen: Wie stehen wir da, @lila, wie stehen wir da? Allein die Berichterstattung. Nackter Pragmatismus trüge im Vergleich Engelsschwingen. Nicht wahr?

Die Prognose einer positiven Entwicklung ist ungünstig. Soviel ist sicher. Nach 70-jährigem Verlauf. Wobei unser Antijudaismus keinesfalls isoliert und losgelöst vom durchsetzten Volkskörper betrachtet werden sollte. Ist alles eins. Die Ohnmacht des Bürgers bezüglich der Durchsetzung seiner Interessen gegenüber dem Staat, das Bestimmende der Partikularinteressen, der Jude in seiner ewigen Rolle als Ventil oder Sündenbock korrespondierend für all dies.

Und eben dieser, unser Volkskörper scheint wenig „einsichtsbereit“, willens für diese Problematik „Lösungen“ den Weg zu bereiten. Selbst auf kurze Sicht betrachtet, wirkt die Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz dieser Möglichkeit eher derart desolat wie seinerzeit das Ergreifen der bestehenden Bildungsfreiheit in der Weimarer Republik. 0,5% der Katholiken machten davon Gebrauch.

Diese Obrigkeitshörigkeit, die Obrigkeitsgläubigkeit, dies Verlangen nach eigener konstituierter Unmündigkeit, nach dem geliebten Herrscher, dem gütigen Vater … ist, was derartige Regierungen und komplettes Staatsversagen erst hervorbringt. Stets in neuer Couleur. Eigentlich nicht schwer zu sagen, wer verantwortlich. Der Wolf oder die Schafe? Widerstrebt halt nur geschultem Geist. Regiere mich.

Das Angebot der Einsicht, entgegen eigenem Widerstand, resultierend aus erahnter individuell notwendiger wie schmerzlicher Reaktivierung (kollektiv) erlittener Traumata, ob sich das noch durchsetzt?

Vielleicht kleine Schritte. Wie von israelischer Botschaft vorgeschlagen. Schüleraustausch. Warum nicht auch individuell? Ähnlich dem Brigitte-Sauzay-Programm. Und der Politiker oder Verwaltungsangestellte, der es umsetzt, darf seinen Namen damit verewigen. Passend für die Erschliessung neuer Horizonte. Alles besser als das hier.

Aber die Prognose scheint ungünstig. Man beginnt zunehmend Konturen eben jener Weimarer Republik als Perspektive zu erkennen. Wobei ich stets zurückzucke, wenn von entsprechender Seite gefragt, ob ich ein „Patriot“ wäre. Die wahren Patrioten, allesamt seit jeher mit „gepackten Koffern“ lebend, haben die Latte hierfür notwendiger Leidensfähigkeit auf ein Mass gelegt, dem ich nicht zu genügen gedenke. Bei dem Begriff stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Dennoch: Sushi-Qualität! Beim Thunfisch. Halb roh gegessen. Wirklich lecker. 🙂


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