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Netanyahu und die israelischen Medien September 19, 2019, 17:17

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau, Uncategorized.
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Netanyahu bringt immer wieder die Klage vor, daß „die Medien“ gegen ihn seien und überhaupt ganz und gar links unterwandert. Ich halte diese Klage für unbegründet. Im Gegenteil gefällt mir bei den israelischen Medien eine Vielfalt der Meinungen, zu fast allen Themen, wenn kommentiert wird. Und es gibt auch Journalisten, bei denen man merkt, daß sie ihre Meinungen nicht nach Schema X aus der Schublade nehmen, sondern eine professionelle Distanz bewahren. Insgesamt ist es ziemlich leicht zu erkennen, ob ein Journalist berichtet oder kommentiert.

Was Zeitungen angeht – ich empfehle gern die Übersicht englischer Artikel, immer aktuell, von Rotter.net. Dort geht es von eher „rechten“ (nationalreligiös geprägten) Medien wie Arutz 7 und der anglo-sächsischen Jerusalem Post über die „Mitte“ (Ynet, Times of Israel) bis zur „linken“ (säkular-urbanen) Haaretz. Wobei für Haaretz auch eher konservative und für JPost auch eher linke Journalisten schreiben. Wenn man zu einem Thema Artikel und Kommentare mehrerer Zeitungen liest, hat man automatisch mehrere Gesichtspunkte. Und das sollte man ja sowieso tun. Also, diese Seite kann ich wirklich empfehlen, denn man hat ganz bequem die Links zusammen, auch wenn sie optisch etwas rustikal wirkt.

Wer kein Ivrit versteht, der hat es schwerer, sich ein Urteil über die israelischen Fernsehsender zu machen – die englischsprachige Berichterstattung kenn ich gar nicht mehr, und sie ist auch eher marginal.

Insgesamt gibt es hier drei große Fernsehsender, deren politische Berichterstattung und Nachrichtensendungen um die Zuschauer konkurrieren. Die ganze Fernsehlandschaft in Israel hat mehrere große Umwälzungen mitgemacht, ich beziehe mich auf die aktuell beliebten Sender.

Kan11 ist der Sender, den ich am liebsten sehe. Es ist der öffentlich-rechtliche Sender und hat viele gute Sendungen im Angebot, die ich manchmal im Internet angucke, wenn ich sie verpaßt habe. Seine Optik ist eher schlicht, man kann jederzeit live im Internet zugucken, und es gibt dort nicht wenige Kipa-Träger, von denen einige offen konservativ sind (Erel Segal), andere neutral und kompetent. Die Expertin für militärische Themen, Carmela Menashe, ist mir bei dem Thema am liebsten.

Bei Mako kann man die Nachrichten von Kanal 12 sehen, Nachfolger des ersten privaten Kanals in Israel, Kanal 2. Ich glaube, Kanal 12 ist am beliebtesten, die Journalisten sind am bekanntesten und insgesamt haben einige von ihnen ausgesprochene Kritik an Netanyahu geäußert, weswegen sie oft als Beispiel für das „abgekartete Spiel“ der Medien zitiert werden. Aber sie fassen auch linke Politiker nicht mit Samthandschuhen an. Allerdings ist einer ihrer deutlichsten Kommentatoren, Amnon Abromovitch, auch deutlichster Kritiker Netanyahus.

Kanal 13 ist Nachfolger des früheren Kanal 10 und ich sehe ihn seltener (sehe überhaupt praktisch nur Nachrichten und dann Kan11, weil die im Internet senden), aber auch dort ist das Meinungsspektrum gemischt.

Wer sich nur von Haaretz und Kanal 12 ernährt, hört allerdings mehr Kritik an Netanyahu als Lob, aber es reicht, einmal Segal und Liebeskind auf Kan11 zuzuhören, oder aber im Radio Kobi Ariel und Irit Linur, und schon hat man auch andere Stimmen.

Insgesamt finde ich Netanyahus Kritik unberechtigt, obwohl ich verstehen kann, daß es ihn ärgert, wenn seine verschiedenen Eskapaden von Satiresendungen auf die Schippe genommen werden.

Vor zwei Jahren, Eretz Nehederet (Ein wunderbares Land) – was wie Klamauk aussieht, hat einen ziemlich scharfen Text, der ein paar von Bibis typischen Reaktionen auf Vorwürfe zitiert.

Aber vor zehn Jahren hat dieselbe Sendung nicht nur Bibi, sondern ebenso Peretz und Olmert aufs Korn genommen.

Und daß es Bibi nicht wirklich stört, wenn er brilliant kopiert wird, weil er weiß, daß er das auch für sich nutzen kann, sieht man an seinem Auftritt sowohl bei Eretz Nehederet

als auch bei Lior Shlain, wo er ebenfalls regelmäßig durch den Kakao gezogen wird.

Netanyahus Umgang mit diesen Satiresendungen ist nicht ungeschickt, und er macht das eigentlich ganz souverän.

Viel problematischer ist, daß er keine Interviews gibt, nur kurz vor den Wahlen. Auch bei Pressekonferenzen wimmelt er die Journalisten gern ab. Und wenn er Journalisten verärgert, dann machen sie sich irgendwann Luft.

Ein Teil der Vorwürfe gegen Netanyahu haben auch mit den Medien zu tun – nämlich, daß er sich positive Berichterstattung einer beliebten News-Seite im Internet verschafft haben soll (der sog. Fall 4000). Darüber wird natürlich relativ viel berichtet, weil es die Journalisten selbst interessiert.

Es ist möglich, daß er vorverurteilt wird, bzw daß sich hinterher vor Gericht Vorwürfe in Luft auflösen, weil sein Verhalten nicht gegen Gesetze verstieß – trotzdem ist vieles davon diskussionswürdig. Und anderen Politikern ging es nicht besser, wenn sie unter Verdacht gerieten. Sie stießen öffentliche Diskussionen an. Die israelische Justiz verfolgt, soweit ich es beurteilen kann, scharf, besonders Politiker.

Es wird ihn auch geärgert haben, daß eine Aufnahme in miserabler Qualität gesendet wurde, wo man hört, wie seine Frau am Telefon einen Redakteur anblafft, weil sie sich nicht positiv genug dargestellt sah. Ich kann sogar verstehen, daß es sie nervt, als Psychologin mit M.A., immer wieder als Ex-Stewardess erwähnt zu werden, aber die Aufnahme ist peinlich. Vielleicht wäre sie in einem anderen Fall nicht veröffentlicht worden, aber Sara Netanyahu ist beliebte Zielscheibe von Journalisten, die sich an Bibi selbst nicht drantrauen. Daß sie zu dem Thema mehrere Interviews gegeben hat, in denen sie sich über die Berichterstattung beschwert, hat leider nicht geholfen – da hält es die Familie Windsor mit „never explain, never complain“ wohl besser.

Selbst ihre Versuche, die Vorwürfe über einen luxuriösen Lebenswandel zu entkräften, indem sie einem bekannten Innenarchitekten zeigt, wie schlicht der amtliche Wohnsitz des Premierministers ist, wie in die Jahre gekommen, wurde zum Bumerang – jeder weiß, daß die Netanyahus eine Villa in Caesarea haben, und ihre Klagen über ausgefranste Teppiche, wie peinlich, wenn die Obamas kommen!, kam irgendwie nicht so rüber, wie sie es geplant hatte.

Eigentlich wurde nur Leah Rabin ähnlich angegriffen wie sie – Sonia Peres war praktisch unbekannt, Aliza Olmert als Malerin und Sozialarbeiterin eher respektiert als kritisiert, und überhaupt war vor den Netanyahus keine politische Familie so im Rampenlicht. Bei seinen Reden merkt man Netanyahu an, daß das seine Achillesferse ist – die Kritik an seiner Frau und seinen Söhnen empfindet er als unfair, weil diese nicht gewählt wurden und sich nicht aussuchen konnten, allgemein bekannt zu sein. Die Söhne kennen es gar nicht anders.

Avner, der jüngere Sohn, wurde von Demonstranten so persönlich angegangen, daß er sich vor Gericht dagegen wehrte. Er macht einen sensiblen Eindruck und scheint eher darunter zu leiden, daß seine Familie so bekannt ist. Ein Journalist erzählte, daß Avner ihm sagte, er würde nie Politiker werden wollen, weil das für die Familie unzumutbar ist – und typisch, daß dieser Journalist das nicht für sich behielt.

Der ältere Sohn dagegen, Yair, twittert und schießt bei der Verteidigung seines Vaters manchmal übers Ziel hinaus. Damit hat er sich in die öffentliche Arena begeben, und da er als engster Ratgeber seines Vaters gilt, ohne gewählt zu sein oder eine offizielle Funktion zu haben, ist er damit heute wohl der umstrittenste Netanyahu.

Wenn Netanyahu den Medien vorwirft, daß sie sich die Zähne an seiner Familie wetzen, dann entgegnen die Medien, daß er es war, der im amerikanischen Stil seine Familie erst in Szene gesetzt hat. (Außerdem kommen er und seine Frau aus bekannten Familien der ashkenasischen Oberschicht). Trotzdem kann ich verstehen, daß er deswegen grollt.

Aber was die Berichterstattung und Kommentare zu seiner Politik angeht, finde ich die Medien insgesamt fair. Zu allen Fernseh-Diskussionen werden auch mehr oder weniger eloquente Likud-Politiker eingeladen, die Netanyahus Standpunkt erklären. Daß ein Tribunal von linken Kommentatoren und Politikern den Stab über ihn bricht, ohne daß lebhaft widersprochen wird, ist jedenfalls nicht die Regel.

Man muß außerdem mehr als nur eine Quelle lesen oder hören. Das ist ja bei jedem Thema so.

 

Kommentare»

1. rehlew - September 19, 2019, 20:56

Danke für den differenzierten Überblick! Die nichtenglischsprachigen Medien in Israel sind ja für die meisten von uns (im deutschsprachigen Raum) nicht zugänglich, ihre Geschichte, Ausrichtung und Auseinandersetzung daher oft gar nicht oder nur durch Zitate in Zeitungen und Blogs bekannt. So aber eben auch die Reaktionen Netanyahus, die ihn, wie ich finde, hier gelassen, intelligent und witzig zeigen. Eine Wahrnehmung, die dem in Deutschland üblichen Bild von Eurem Nochpremier zu widersprechen scheint. Und vielleicht eher zeigt, wie dieser Mann, der nicht müde wird, Land wie Familie zu verteidigen, zu seiner außenpolitischen Leistung kommt. Danke, Lila, daß Du uns auch den Aspekt der Verletzlichkeit gezeigt hast, dieser Schwierigkeit, als Familie öffentlich zu sein. (Und ich frage mich, ob „die Öffentlichkeit“ nicht zuweilen gerade danach sucht, ja, süchtig ist, zu verletzen.)

2. Lila - September 19, 2019, 21:24

Er ist ein intelligenter Mann, eloquent und sehr gebildet. Mein Problem mit ihm ist sein absoluter Machtwille, der eigentlich vor nichts zurückschreckt. Er hat seine Mitbewerber im Likud ziemlich skrupellos unschädlich gemacht, teilt die Welt in Freund und Feind ein, und wenn es seinem Machterhalt zu dienen scheint, spielt er die verschiedenen Teile der israelischen Gesellschaft gegeneinander aus. Seine Vorwürfe gegen Polizei, Justiz und Präsidenten waren absolut unter der Gürtellinie, seine Worte über israelische Araber unakzeptabel.

Aber er hat unseren Ehrenplatz auf der Tonne Schwarzpulver, wo wir nun mal sitzen, so sicher wie möglich gemacht, hat sich in keinen großen Konflikt ziehen lassen, hat eine Balance aus defensiv und offensiv gefunden, mit der wir bisher gerade noch so durchgekommen sind, und hat viele neue diplomatische Kanäle aufgemacht.

Viel hing auch von seiner Koalition ab. M.E. war seine beste Legislaturperiode die mit Yesh Atid, aber die war auch sehr kurz 😦

Ich bin gespannt, wie der geschichtliche Rückblick ihn bewerten wird. Wären wir nur schon so weit 😀

ETA: Exzellenter Artikel zum Thema von Yossi Klein Halevi https://www.theglobeandmail.com/opinion/article-israeli-democracy-will-defeat-netanyahu/

3. CK - September 20, 2019, 10:22

An Bibi gefällt mir vor allem seine Eloquenz. Es gibt m.E. nur wenige Politiker die so gut reden können (wobei ich nur englische Reden von ihm kenne, Ivrit verstehe ich ja nicht). Sein konkretes politisches Vorgehen würde ich wohl auch eher kontrovers sehen.

In Großbritannien liebe ich Daniel Hannan, ein recht bekannter liberaler Brexiteer und EU-Kritiker. Dessen Reden sind einfach mitreissend, noch schön mit Metaphern und Anekdoten gespickt. Unbedingt mal reinhören. Er verteidigt auch gerne Israel gegen so widerliche Antizionisten wie Corbyn.

4. rehlew - September 20, 2019, 11:29

Vollkommen nachvollziehbar! Du sehnst Dich mit vielen anderen nach einer Zeit, in der neue Leute Euer Land führen. Aber die Sorge bleibt, und kommt ja auch im o.g. Artikel zum Ausdruck, wer dann wohl mit solchem Geschick und solcher Entschlossenheit den Vielfrontenkampf gewinnen soll? Den Vielfrontenkampf nach außen, nicht nach innen. Die Schadenfreude der ehemaligen Generäle, als Netanyahu kürzlich unter Raketenbeschuß die Rednerbühne verlassen mußte, fällt ja eher auf sie selber zurück.
Eizenkot jedenfalls hat nach seinem Abgang gesagt, daß für Netanyahu die Sicherheit des Landes immer über eigenem politischen Kalkül stünde, etwas, das man offenbar nicht von jedem behaupten kann.
Machtmenschen aber sind sie vermutlich alle, – überall – , vielleicht geht es nicht anders, wenn man da oben stehen will?

5. CK - September 20, 2019, 13:11

@rehlew: Die Liste Blau-Weiß hat gleich drei Generäle. Wieso sollte keiner außer Bibi Israel gleich oder ähnlich stark verteidigen können?

6. rehlew - September 20, 2019, 17:55

@CK Militärisch können sie es, sicher. Aber diplomatisch? Oder auch wirtschaftspolitisch? Durch Netanyahus Ansatz hat sich Israel in einen weltweiten und erfolgreichen Spieler verwandelt.

7. vered - September 21, 2019, 17:07

„Man muß …. mehr als nur eine Quelle lesen oder hören. Das ist ja bei jedem Thema so“

„Was Zeitungen angeht – ich empfehle gern die Übersicht englischer Artikel, immer aktuell, von Rotter.net. Dort geht es von eher „rechten“ (nationalreligiös geprägten) Medien wie Arutz 7 und der anglo-sächsischen Jerusalem Post über die „Mitte“ (Ynet, Times of Israel) bis zur „linken“ (säkular-urbanen) Haaretz. Wobei für Haaretz auch eher konservative und für JPost auch eher linke Journalisten schreiben. Wenn man zu einem Thema Artikel und Kommentare mehrerer Zeitungen liest, hat man automatisch mehrere Gesichtspunkte. Und das sollte man ja sowieso tun“
.
Gewiss sollte man das, gerade auch Zeitungen, die andere Meinungen als die eigene vertreten. Neben denen, die Rotter.net bringt, könnten auch Israel hayom und Hamodia interessant sein. Israel hayom, ein Gratisblatt, ist die auflagenstärkste Zeitung Israels. Der amerikanische Multimilliardär Sheldon Adelson gründete sie 2007, um für seinen damaligen Freund Netanyahu ein absolut zuverlässiges Sprachrohr zu schaffen. – Hamodia, das Blatt der aschkenasisch-ultra-orthodoxen Agudat Israel, erscheint nur online in einer englischen Ausgabe. Ich schaue gerne von Zeit zu Zeit hinein, um zu sehen, wie und worüber dieser Sektor der Presse ihre Leser informiert. Am meisten interessiert mich, welche Meldungen ausgeblendet werden; diese Art Zensur trägt ja auch zur Meinungsbildung bei. – Überhaupt ist es aufschlussreich zu vergleichen, welche Zeitung was bringt (und was nicht), wie verschieden eine und dieselbe Nachricht wirkt, je nachdem, wer sie redigiert und platziert etc.

8. Lila - September 21, 2019, 18:46

Vered!!!!!! Wenn Vered wieder da ist, dann ist hier Blog-Party!

9. wollecarlos - September 22, 2019, 21:57

Ein befreundeter Gymnasiums-Lehrer möchte gerne im Geschichtsunterricht das Thema „Juden in Deutschland, Heute“ behandeln und hat sich über „rent a jew“ um einen jüdischen Teilnehmer bemüht. Leider erfolglos, er schreibt „ganz schlechte Kommunikation und Organisation…“.

Könnte man evtl. Ihren Sohn als Berichter und Vortragenden einladen.

10. Lila - September 22, 2019, 22:35

Rent a Jew? Kenne ich gar nicht. Aber über die jeweils nächste jüdische Gemeinde dürfte sich doch jemand finden lassen.


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