jump to navigation

Ja, ja, ja, September 1, 2007, 23:36

Posted by Lila in Persönliches.
trackback

da bin ich wieder, und ich sehe, daß Rungholt prima ohne mich auskommt. Ich glaube, 113 Kommentare sind noch nie zustande gekommen, wenn ich meinen Senf dazugegeben habe… was kann ich daraus lernen? Niemand ist unersetzlich.

Ich bin, wie jedesmal nach der Rückkehr, einigermaßen matschig im Kopf und weiß nicht genau, wo ich bin, wenn ich aufwache. Als wir vor ein paar Nächten um ein Uhr nachts aus dem Flieger kletterten, überfiel uns die feuchte Hitze wie ein müdes wildes Tier, und Quarta meinte entsetzt, „Mama, ist das immer so heiß in Israel?“ Ja, wir hatten es vergessen, und pellten uns aus Strickjacken und Socken. Der schöne, kühle, grüne Herbst, der in der deutschen Luft hing, hatte mir so gutgetan. Na ja, ich muß mich eben wieder dran gewöhnen, jeden Schritt vor die Tür gut zu timen, nur ja nicht zweimal zur Mülltonne tapern! sonst droht der Hitzschlag! Den Kindern macht der Übergang weniger aus.

Wir waren, was ich gar nicht mag, diesen Sommer nicht alle zusammen. Y. konnte sein neues Wichtig-Sesselchen in der Fabrik nur für eine Woche verlassen, Primus war auf Abschlußfahrt (wie alle israelischen Oberstufenschüler in Polen, sprich Auschwitz – dieses Faß Würmer mach ich heute aber nicht auf, vielleicht nie). Als mich dann noch mein lieber Bruder nach München einlud, konnte ich nicht annehmen: die Vorstellung, daß Y. in Israel, Primus in Polen, die drei jüngeren Kinder im Rheinland sind und ich allein in München, war schlimmer als Höhenangst. Verrückt, aber mein Bruder hat sich auf nächstes Mal vertrösten lassen.

Eine kurze Stippvisite in Berlin bzw Potsdam war aber drin, natürlich nur, um die Franzosen in der Nationalgalerie zu besuchen. Ich war nicht die einzige, die davon angelockt wurde… ein fürchterliches Gedränge. Wäre ich in Ohnmacht gefallen, hätte es keiner gemerkt, die Massen hätten mich einfach weitergeschoben. Oder niedergetrampelt. Also, auch das wunderbarste Kunstwerk verliert, wenn man über Dutzende Schultern spinxen muß, um es zu sehen. Aber ich will nicht meckern, ich habe mich beharrlich nach vorne geschoben und dann doch genossen.

Pissarro

Corot

Allerdings berührt es mich peinlich, wenn ich dann Kolleginnen vor den Bildern dozieren höre, „wie schon die flämischen Madonnen, die gern lesend dargestellt wurden, ist auch hier…“. Wenn ich das höre, verdrücke ich mich schnell. Und dann sage ich zu meinen Begleitern gar nichts mehr, auch nicht auf Anfrage. Oder brumme höchstens mal, „das gefällt mir“, wie ein Laie. Es ist doch schrecklich, wenn man ein Kunstwerk gar nicht mehr unbefangen sehen kann, sondern sofort den Kontext mitgeliefert kriegt. Das will ich meinen Leuten nicht antun. Müßte ich eine Gruppe führen oder einen Vortrag über die Bilder halten, nicha (meinetwegen), aber ich war strikt „prifat“ da…

Es wird eine Weile dauern, bis ich wieder ins Bloggen reinkomme. Ich habe eine riesige Menge Emails, Pflichten, Telefonate, Briefe abzuarbeiten – muß mich auf das nächste Semester vorbereiten, das mit einer wahren Bugwelle von Vorbereitungen näherrollt, und mich durch meine vielen neuen Bücher pflügen, die in Deutschland treu auf mich gewartet haben.

Ich bestelle ja gern per ZVAB ganz vergessene Schätzchen, und da das Porto nach Israel fast teurer ist als das Buch selbst, lasse ich es zu meiner Mutter liefern. Dort sammeln sich dann im Laufe eines halben Jahres Stapel von Büchern. Wenn ich sie auspacke, ist das fast so wie Weihnachten mit einem Christkind, das einem die geheimsten Wünsche aus dem Hinterkopf gefischt hat – denn natürlich erinnere ich mich nicht mehr genau, was ich im Februar bestellt habe. Da mich im Moment Embleme interessieren (auch wenn ich leider kein Plätzchen gefunden habe, das verrückt genug wäre, mich darüber auch unterrichten zu lassen… zu speziell), habe ich reich bebildertes Material, das ich jetzt Bild für Bild, Spruch für Spruch durchsehe.

Eines der Rituale der Heimkehr ist die sorgfältige Inbesitznahme aller Bücher durch Eintragen meines Namens, des Datums und Anbringen eines Aufklebers. Ich verleihe nämlich meine Bücher oft, und da ist ein Aufkleber mit meiner Telefonnummer und Email-Adresse ganz nützlich. Eines Tages wird jemand einen elektronischen Piepser an Bücher kleben, der Alarm gibt, wenn das Buch länger als einen Monat in fremder Hand ist. Oh, da habe ich ja einen genialen Einfall gehabt, Bibliotheken sollten sich darauf stürzen! Aber nein, wo kämen sie denn hin, wenn keiner mehr Bußgelder bezahlen müßte…?

Die Kinder sind traurig, sich von ihrem Paradies bei der deutschen Oma verabschieden zu müssen, aber auch froh, wieder mit Idan und Ilan und Yoad und Yotam um die Häuser ziehen zu können. Morgen fängt die Schule wieder an. Wie alle Eltern bin ich einerseits betrübt, daß die Zeit der morgendlichen „bis-alle-aus-dem-Haus-sind“-Manöver wieder anfängt, aber auch erleichtert, daß wieder eine Art Ordnung und Struktur ins Leben kommt…

Ich habe übrigens während meiner Ferien jede Art von Zeitung und Nachrichtensendung so konsequent ignoriert, daß ich meinen Schwiegervater heute fragen mußte, ob Gilad Shalit noch nicht wieder zuhause ist. Leider nicht. Aber auch wenn – ich hätte es nicht mitgekriegt. Also, mal gucken, wann ich wieder die harten Tatsachen des Nahen Ostens zur Kenntnis nehmen muß – so ist es eigentlich viel schöner.

Kommentare»

1. Thomas - September 2, 2007, 1:13

Herzlich willkommen zurück,
weist du was komisch ist, ich bin vor einer Stunde selber aus San Antonio zurück gekommen.

2. kaltmamsell - September 2, 2007, 9:45

Schön, Deine Stimme wieder zu lesen!
Und das mit den Emblemen erzählst Du einfach wieder uns hier, ja?

3. JenJen - September 2, 2007, 11:46

wünsche gutes Einbefinden…
(bin selbst grad aus Polen wieder gekommen – wo wir Ausschwitz umschifften) und auch noch nicht ganz da…
Liebe Grüße

4. willow - September 2, 2007, 15:40

Wirklich Schade, hatte Dir die Daumen gedrückt, daß es bei Deinem Besuch bei den „amerikanischen Franzosen“ nicht gar zu überfüllt ist. Offensichtlich lassen die jetzt mehr Besucher in die Räume, obwohl die Ausstellung ja noch bis Anfang Oktober geht… naja, du kannst Dir ja leider Deinen Besuchstermin nicht einfach so aussuchen. Aber so ganz langsam beginne ich auch, Euch wenigstens ein bißchen um Eure Temperierung zu beneiden – was soll das hier erst im Winter werden?

5. grenzgaenge - September 2, 2007, 20:04

hallo lila,

schoen das du wieder da bist 😉

liebe gruesse, schavua tov,
grenzgaenger

6. Marlin - September 2, 2007, 20:06

Willkommen zurück.

Aber es heißt doch Auschwitz, oder? Nur weil ich dass jetzt schon 2mal so falsch lese..

Hat doch nix mit ausschwitzen zu tun…

Aber gut, dass die Stimme der Vernunft wieder da ist. 😉

7. Eva - September 3, 2007, 9:16

Schön, dass Du wieder da bist. Willkommen.
Liebe Gruesse
Eva

8. Sissy - September 3, 2007, 11:54

Wenn ich gewußte hätte, dass du dir auch die Franzosen in Berlin anschauen willst, hätte ich dir den Tipp mit dem Early Bird Ticket Vorverkauf geben können. Mit dem Ticket konnte man schon um 8.00 Uhr früh rein und der Andrang hielt sich in Grenzen.

Ich hoffe du konntest die Ausstellung trotzdem etwas genießen, ich fand sie sehr sehr schön.

Liebe Grüße aus Wien
Sissy

9. willow - September 3, 2007, 21:24

Nun, während deines Urlaubs hat zumindest Rurh deinen Kassam-Ticker weitergeführt…

http://beer7.wordpress.com/2007/09/03/schuljahresbeginn-in-sderot/

10. M - September 5, 2007, 0:57

Schön …
ist es immer wieder, wenn man ein Beispiel für Rechtsstaatlichkeit sehen darf:
http://www.ksta.de/html/artikel/1187344893296.shtml

M

11. willow - September 5, 2007, 10:29

Ja, das genau ist es, was Israel im Unterschied zu seinen Nachbarn auszeichnet …

12. grenzgaenge - September 5, 2007, 14:17

hallo lila,

alles in ordnung bei dir ?

viele gruesse,
grenzgaenger

13. Fragjanur - September 5, 2007, 22:42

Kommt der Islamismus etwa von zuviel Sonne?
„Tolga D. war nämlich Auszubildender im Betrieb von Fritz G.s Eltern, einem kleinen Unternehmen in Neu-Ulm, das mit Solarenergieanlagen und Wärmepumpen handelt.“
http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EA98331A111934592989B2B09AB98E239~ATpl~Ecommon~Scontent.html

14. willow - September 6, 2007, 21:54

die Mädels und Jungen bei „Zweitausendeins“ haben offenbar auch mit der Sonne zu kämpfen….

‚LEIDER WIRD DIESES BUCH NIE IN DEUTSCHLAND ERSCHEINEN:‘ DIE ETHNISCHE SAEUBERUNG PALAESTINAS. Kuerzlich beklagte der renommierte Aktivist fuer Menschenrechte Rupert Neudeck: ‚Leider wird dieses Buch nie in Deutschland erscheinen!‘ Wir haben es uebersetzen lassen.Der israelische Historiker Ilan Pappe zeigt in dieser erschuetternden Dokumentation, wie es der Fuehrung des gerade gegruendeten Staates Israel gelang, die arabische Bevoelkerung in den Augen des eigenen Volkes und der Welt zu entmenschlichen, zu vertreiben und eigene Greueltaten zu legitimieren. Anhand von Augenzeugenberichten, Tagebuchauszuegen (‚So etwas wie ein Palaestinenservolk gibt es nicht, es hat nie existiert‘, Golda Meir) und Militaerarchiven, die bis vor kurzem unter Verschluss gehalten wurden, zeichnet Pappe ein Bild der Ereignisse, das der offiziellen Geschichtsdarstellung und dem Gruendungsmythos Israels in entscheidenden Punkten widerspricht.’Ilan Pappe ist der mutigste, unbestechlichste und der am schaerfsten urteilende Historiker Israels‘ (John Pilger). Das Buch hat 416 Seiten, einen festen Einband und kostet 22 Euro. Das Buch gibt es NUR BEI UNS.http://www.zweitausendeins.de/r.cfm?Nr=3732

15. Manfred - September 7, 2007, 2:08

Ja, bei dem Verlag, wo wir auch über „die wahren Hintergründe des 11. September“ aufgeklärt werden. Ein renommierter Wissenschaftsverlag hat sich für Pappe wohl nicht gefunden. Das hat den DLF (Marcel Pott) aber nicht an einer enthusiastischen Besprechung gehindert.

16. Manfred - September 7, 2007, 3:10

Und weil wir gerade beim Thema sind: Guckt doch mal rüber zu Ruth:

http://beer7.wordpress.com/2007/09/05/petition-an-france-2/

Ich empfehle, die Petition zu unterstützen.

17. Add a link - September 7, 2007, 18:10

Wenn Dich Eva Herman bisher gelangweilt hat, Lila: „Dabei machte sie auch einen Schlenker zum Dritten Reich, berichtet das ‚Hamburger Abendblatt‘ vom Freitag. Vieles, so Herman, sei da sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, „aber einiges auch sehr gut, zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter“. Na ja, auch nicht neu.
http://www.faz.net/s/Rub501F42F1AA064C4CB17DF1C38AC00196/Doc~EA5987FB02B714187A5D704ADE337DD6A~ATpl~Ecommon~Scontent.html

18. Lila - September 7, 2007, 18:37

Willst Du mich aus meiner Blog-Abstinenz locken? Gelungen.

Diese Eva Herman ist so ziemlich die lächerlichste Person, die sich zu dem Thema überhaupt äußert. Wirklich, selbst ein unverheirateter, kinderloser Priester scheint mir kompetenter…

Da hat sie ein Kind in die Welt gesetzt, nachdem sie ihre Karriere-Schäfchen ins Trockene gebracht hat, und tönt nun aus allen Kanälen, was meine biologische Bestimmung ist??? Da wische ich mir aber die Lachtränen aus den Augen. Und mit mir jede Menge anderer Mütter und Väter, die ein ausgefülltes Familienleben UND Berufsleben genießen dürfen.

Weiß sie eigentlich, wovon sie redet? Ich würde ihr nicht raten, sich mit mir oder anderen alten Schlachtrössern der Haushalt-Kinder-Beruf-Brigade in einen Apfelkuchen-Wettstreit einzulassen…

Aber jemand muß der guten Frau mal die Augen öffnen. Das könnte zum Beispiel so aussehen.

Armes Herman-Söhnchen, ein Einzelkind! Das ist komplett gegen die Natur. Wieviel Eizellen hat sie – und wieviele davon genutzt? Ein Skandal! Ein Sünde gegen die Natur! Psychologisch ganz, ganz falsch und Folge der Indoktrination der 68er-Generation! Das Kind wird schwere Schäden davontragen.

Hat Frau Herman etwa Verhütungsmittel benutzt, um die Geburt ihres armen Einzelkinds zu timen? Auch das ein grober Verstoß gegen die Natur. Die Steinzeitfrau hatte diese Option nicht, dabei ist sie doch unser aller Vorbild! Da hat der naturfeindliche, brutale Feminismus anscheinend ein Opfer gefunden. Drückebergerei vor der weiblichen Natur nenne ich das, so ein spätes Einzelkind. Pfui.

Und die Nazis hätten das entsetzlich gefunden. Ein Mutterkreuz hätte sie sich so nicht verdient. Geschminkt ist sie auch! Sie muß noch schwer an sich arbeiten, die gute Frau Herman…

Und im Ernst: zum Thema „Wertschätzung der Mutter im 3. Reich“ ließe sich manches sagen. Das meiste davon sehr, sehr traurig. Mir scheint, Herman hat da ganz miserabel recherchiert. Es reicht, ein zeitgenössisches Erziehungsbuch zu lesen, um zu begreifen, wie diese Wertschätzung aussah. Es ist besorgniserregend, daß noch immer nicht alle Deutschen das begriffen haben.

Lese-Empfehlungen zum Thema:
Sigrid Chamberlain,

dazu ein Artikel in der TAZ:

Irmgard Weyrather:

auch hier ein paar Buchempfehlungen.

Irgendwann werde ich mal meine eigenen Studien zur Ikonographie von Kind und Familie im 3. Reich rausgeben. Steht auf meiner endlos langen, täglich anschwellenden To-do-Liste.

Beim Gedanken an dieselbe flüchte ich aus dem Internet!!!!

19. Manfred - September 7, 2007, 21:17

Na endlich! Wir dachten schon, Du hättest uns nicht mehr lieb. 🙂

„…ich sehe, daß Rungholt prima ohne mich auskommt. Ich glaube, 113 Kommentare sind noch nie zustande gekommen, wenn ich meinen Senf dazugegeben habe… was kann ich daraus lernen? Niemand ist unersetzlich.“

Keiner von uns schreibt so schön wie Du. Und die 113 Kommentare sind nur dadurch zustandegekommen, dass wir uns gestritten haben wie die Besenbinder.

20. StefanHH - September 8, 2007, 17:14

Ja, wir müssen uns wohl noch ein Paar besonders schräge Thesen besonders großer Spinner suchen, damit Lila wieder so richtig in Fahrt kommt. Leider will mir heute so gar nichts passendes einfallen, Schade irgendwie.

21. Lila - September 8, 2007, 23:07

Nee, ich meide im Moment schlimmere Spinner als Eva Herman. Die ist eine wunderbare Zielscheibe, weil sie doch wohl hoffentlich niemand ernstnimmt. („Liebe Eltern, ich hab mir das mit dem Jurastudium überlegt, ich mach doch lieber Hauswirtschaftsschule! und danke für die schönen Bücher von der Frau Herman!“)

Es sind wesentlich gefährlichere Spinner unterwegs. Aber für die hab ich im Moment gerade keine mentalen oder zeitlichen Reserven übrig…

StefanHH, Du warst übrigens recht lang verschüttet, oder erinnere ich mich verkehrt?

Manfred, ich liebe meine Kommentatoren treu und fest, ihr könnt-müßt hier die Show ohne mich abziehen, bis mein Terminkalender sich etwas entspannt…. hoffentlich bald.

22. grenzgaenge - September 8, 2007, 23:31

schavua tov 😉

23. StefanHH - September 9, 2007, 11:10

Das mit dem verschüttet stimmt leider, es freut mich aber, dass es Dir aufgefallen ist, so viel beschäftigt wie Du bist. Es lag an der zu extremen Arbeitsauslastung der letzten Monate. Ich habe zwar immer oder fast immer fleißig hier mitgelesen, aber zum Schreiben nie Zeit gefunden. Und wenn dann mal ein bisschen Zeit war, hatte schon irgendwer das geschreiben, was ich auch schreiben wollte.

Eva Herman nimmt hier auch nach meiner Einschätzung niemand so richtig ernst. Ich war darüber überrascht, denn immerhin hat sich ihr Buch ja doch recht gut verkauft. Aber wahrscheinlich wollten sich die meisten nur schwarz auf weiß ansehen, welchen Unsinn sie verzapft, und der Rest, der die Idee vieleicht erst ganz spannend fand, schweigt jetzt lieber.

Hoffentlich entspannt sich dein Terminkalender bald… Und das mit den mentalen Reserven wird bestimmt auch wieder.

24. StefanHH - September 9, 2007, 15:37

Na, Lila, Deine wunderbare Zielscheibe Eva Herman hat sich gerade selbst ausgeknockt. Nach umstrittenen Äußerungen über die Familienpolitik der NS-Zeit hat der NDR sie kurzerhand gefeuert:

http://de.news.yahoo.com/dpa/20070909/ten-ndr-beendet-zusammenarbeit-mit-eva-h-a16c7de_2.html

Suchen wir Dir also eine neue Zielscheibe *grins*.

25. Lila - September 9, 2007, 16:37

Sie ist bestimmt froh, daß sie nun endlich genug Zeit für den Haushalt hat!

Ich wußte gar nicht, daß sie überhaupt noch moderiert, ich bin ja in der Gesteinschicht der frühen 80er Jahre steckengeblieben – ich kenne diese ganzen neumodischen Politiker und Mediendamen nur aus Lesemedien…

26. StefanHH - September 9, 2007, 16:58

Ja, ich war auch etwas überrascht. Es muss wohl so eine Talk-Show im 3. Programm am Freitagabend, also der Art „völlig unwichtig“, gewesen sein. Bei der „Halbwertzeit“, die unsere Politker und Medienleute aufweseisen, verliere ich inzwischen auch manschmal den Durchblick. Es lohnt sich ja auch kaum, sich jemanden zu merken, wenn man davon ausgehen darf, dass er/sie schon nach einem Jahr in der Sternrubrik „Was macht eigentlich…“ gelandet ist.

27. Lila - September 9, 2007, 19:39

Selbst Haaretz nimmt nun Notiz von diesem Skandälchen. Nett. Auch ein Weg zu internationalem Ruhm 😉

28. StefanHH - September 9, 2007, 20:33

Aber auf die Art internationalen Ruhms kann ich dann doch dankend verzichten…

29. Thatcher - September 9, 2007, 22:58

Ich fürchte, dass der „Fall Herman“ in der Ha’aretz zumindest leicht verzerrt dargestellt worden ist. Mitnichten hat Frau Herman in ihrem neuen Buch die Familienpolitik der Nazis gepriesen (die ja in erster Linie eine Mutterschaftspolitik zwecks mehr Soldaten war), sondern, dass die Mutterschaft sogar bei den Nationalsozialisten noch ein Wert war, den dann die heute herrschenden ’68er abgeschafft haben. Es war im adversativen Sinne gemeint: selbst das, was die bösen, bösen Nazis, die sonst alles zerstört haben, noch bestehen ließen, haben die ’68er zerstört. Und das ist nicht so leicht von der Hand zu weisen.

Was mich viel mehr wundert, ist, dass bei euch noch nicht massiert über den von einem Araber mitten in Frankfurt/Main niedergestochenen orthodoxen Rabbiner Zalman Gurevich debattiert wird (auf der Ha’aretz keine Schlagzeile, man findet es aber über die Archivsuche). Das war der Aufreger in der konservativen deutschen Blogszene: Nur tröpfchenweise kamen die antisemitischen Hintergründe ans Licht, und selbst im Statement des ZdJ wurde gegenüber dem „Fall Mügeln“ relativiert. Will man denn krampfhaft nicht sehen, dass die alten, furchtbaren Zustände zurückkommen, und zwar nicht durch unausgelastete Ostdeutsche?

http://www.welt.de/politik/article1168381/Rabbiner_auf_offener_Strasse_niedergestochen.html

30. Marlin - September 9, 2007, 23:10

Das mit dem Rabbi habe ich auch feststellen müssen. Offenbar ein „Moslem“ in Begleitung zweier Frauen.. verm. Kurzschlussreaktion, weil der Mann ja eine Kippa aufhatte.

😡

Kann man ihm sicher nicht verübeln, dem armen. Immerhin ist er ja Moslem…

grrr

Das Evchen: endlich hat mal jemand etwas gegen sie getan. War ja echt peinlich.
Die „Mutterschaft“ der Hermann ist mitnichten ein Wert an sich.

31. StefanHH - September 10, 2007, 1:27

@ Thatcher

Ja, ich habe das auch so verstanden, dass Eva Herman wegen Ihrer Äußerungen in Pressekonferenzen gefeuert wurde, noch nicht mal wegen des Inhalts ihres neuen „Werks“ (worum geht es darin eigentlich, Fortsetzung des anderen Werks?). Sie hat halt das Pech, dass sie nicht so ganz begriffen hat, dass solche Hinweise sich eigentlich verbieten. Für die Nazis war die Mutterschaft eben kein Wert, sondern die arische Mutterschaft war Mittel zum Zweck „Überlegenheit der arischen Rasse“.

Und auf die Reaktionen auf das Attentat auf den Rabbi (es war ein Attentat, wenn auch ein spontanes) bin ich auch schon etwas gespannt. Aufgefallen ist mir bei Welt-Online z.B.:

Der Vizepräsident des Zentralrats und Vorsitzende der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, warnte vor voreiligen Schlussfolgerungen. „Nach dem jetzigen Stand deutet alles auf eine spontane und zufällige Tat hin und nicht einen gezielten Anschlag, was die Schwere des Verbrechens natürlich in keinster Weise mindert.“

Also für mich begründet gerade die Spontanietät der Tat die besondere Schwere des Verbrechens. Da geht ein Rabbi ganz harmlos durch Frankfurt und wird einfach „spontan“ niedergestochen. Geplante Verbrechen (Niederlande, van Gogh) sind schon widerlich genug, aber wenn es soweit kommt, dass niemand, der als jüdischer Mitbürger erkennbar ist, sich noch auf der Straße sicher fühlen darf, dann wird es wirklich noch ungemütlicher.

32. Thatcher - September 10, 2007, 1:59

@StefanHH

Unser deutscher Medienbetrieb hat an Frau Herman ein Exempel statuiert, das in Israel wohl kaum möglich wäre. Die Unterstellung, sie hätte die Politik der Nazis gelobt, ist vorgeschoben – höchstens war sie ein wenig unvorsichtig, was die sensiblen Minderheiten angeht, deren Mutterschaft nicht eben gefördert wurde. In gewissen Kreisen wirft man ihr nun schon antifreiheitliches Denken vor – ihr, die sie um ihre Meinungsfreiheit kämpfen muss, von Leuten, die keine Meinung außer ihrer eigenen dulden.

Den Medienleuten geht es viel wahrscheinlicher um die – erkennbar nicht aus der Luft gegriffene – These, die ’68er hätten die Familie als Wert zerstört. Diejenigen, die über unsere öffentlich-rechtlichen Sender verfügen, sind nämlich selbst ’68er, die äußerst sensibel und aggressiv auf Kritik an ihrer Gesellschafts-Umerziehung reagieren können. Es ist völlig egal, was jemand gesagt oder geschrieben hat – wenn es ihnen gegen den Strich geht, deklarieren sie einen als „Nazi“ (in D völlig zum Kampfbegriff verkommen), und schon beginnt die politisch korrekte Hetzjagd – wer sich nicht beteiligt, ist selbst verdächtig. Deutschland ist mittlerweile ein großes dezentrales Goebbels-Ministerium, das abweichende Meinungen mundtot macht. Israel kann sich glücklich schätzen, dass es von dem ’68er Virus anscheinend völlig verschont blieb.

Und außerdem kann man mit diesen konstruierten Geschichten prima von wichtigeren Dingen ablenken. Zum Beispiel, dass in Deutschland Juden wieder Freiwild werden, weil die statt eigener Kinder ins Land geholten Muslime einen Antisemitismus wieder hoffähig machen, der schon fast überwunden schien. Mir kommen fast die Tränen, ich hätte so viel lieber ein paar Juden in Deutschland statt Millionen Muslime, die uns „kaputtgebären“ wollen (O-Ton). Angesichts der Perspektive kann ich leider nur jedem Juden raten: Geh lieber nach Israel, dort bist du sicherer.

33. Marlin - September 10, 2007, 20:46

Mir kommen fast die Tränen, ich hätte so viel lieber ein paar Juden in Deutschland statt Millionen Muslime, (…)

Da kann ich vollen Herzens zustimmen. 😦

34. grenzgaenge - September 10, 2007, 20:54

„Angesichts der Perspektive kann ich leider nur jedem Juden raten: Geh lieber nach Israel, dort bist du sicherer.“

thatcher, da hast du wohl recht …. sehr traurig, aber eben sehr wahr !

35. Add a link - September 10, 2007, 23:50
36. Add a link - September 11, 2007, 9:39

Das Opfer des Anschlags denkt wohl keineswegs an Ausreise:
„Dem Gemeindevorsitzenden Salomon Korn sowie Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und dem Zentralratsvize Dieter Graumann, die ihn am Krankenbett besuchten, sagte Gurevitch, der Täter sei in seinen Augen nicht repräsentativ für Frankfurt. Er fühle sich wohl in der Stadt und sei überzeugt davon, dass er den Schock bald überwinden und sich in der Stadt wieder sicher fühlen werde.“
Dies und mehr: http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E588AE01FCCD347FCAD3683CE7021EE24~ATpl~Ecommon~Scontent.html

37. Lila - September 11, 2007, 9:55

Ich kann beides verstehen. Ist wohl eines jeden eigene Entscheidung. Ich allerdings bin froh, daß ich meine Kinder nicht in so einem feindseligen Klima aufwachsen lasse. Oder besser gesagt: daß die Feindseligkeit Israel und den Juden gegenüber nur indirekt und allgemein, aber nicht im Alltagsleben und konkret spürbar ist.

Wenn ich mir vorstelle, ein deutscher Lehrer würde eines meiner Kinder morgens mit der Frage empfangen, „was habt ihr Juden (oder ihr Israelis) den armen Palästinensern gestern denn angetan?“, da würde ich vermutlich ausrasten… Und auf sowas muß man sich vermutlich in Deutschland überall und jederzeit gefaßt machen.

Würde mich freuen, wenn ich mich irre. Und Hut ab vor den Leuten, die sich darüber weniger ärgern und sich nicht vertreiben lassen.

38. Add a link - September 11, 2007, 10:42

Lila, ich kann sehr gut, wenn jemand als Jude nach dem Anschlag Angst verspürt, und ich finde Gurevitch mutig — immerhin ist der Täter ja noch nicht gefaßt und nicht einmal identifiziert.

Sehr wenig Verständnis habe ich aber für den kulturellen Defätismus (und den Paternalismus) von Thatcher: „Angesichts der Perspektive kann ich leider nur jedem Juden raten: Geh lieber nach Israel, dort bist du sicherer.“ Hilfe, eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, rette sich wer kann. Deswegen habe ich diese beiden Artikel verlinkt.

39. Lila - September 11, 2007, 11:31

Wie gesagt, das ist erstens eine persönliche Entscheidung. Zweitens liegt es wohl auch daran, welcher Teil Deutschlands gemeint ist. Ich glaube, da gibt es große Unterschiede.

40. Add a link - September 11, 2007, 12:06

Ich glaube, wir sind uns einig, Lila. Nicht einig bin ich mir mit Thatcher, wenn diese — selbst, glaube ich, Methodistin —
http://en.wikipedia.org/wiki/Margaret_Thatcher#Early_life_and_education
unter den Juden hier in Deutschland Angst schüren will, wie wohlmeinend auch immer. Deswegen war mir beispielsweise in dem Riebsamen-Artikel die Passage über den Fußball wichtig. Thatcher aber zieht die Kapitulation dem Kampf vor. Wir können leider nichts tun, bringt euch lieber in Sicherheit. Die wirkliche Thatcher ist mir dafür übrigens nicht bekannt.

41. M - September 11, 2007, 12:57
42. Lila - September 11, 2007, 13:06

Na ja, er ist mal wieder ein bißchen heftig, der gute Henryk. Ich kenne durchaus konvertierte Juden, die im Judentum wirklich die Religion gefunden haben, mit der sie sich vollkommen identifizieren können.

Aber sich durch Konversion auch kurzerhand der peinlichen deutschen Vergangenheit zu entledigen – das ist wohl Selbstbetrug.

Ich persönlich bin bekanntlich nie konvertiert und war nie in Versuchung, zu konvertieren. Ich wäre mir wie eine Heuchlerin vorgekommen. Ich lebe mit Juden, und wenn der große Zapfenstreich kommt, bleibe ich hier. Aber ich bin hier als Fremde hingekommen und würde das nie vertuschen wollen. Auch wenn ich mich längst so eingelebt habe, daß ich gar nicht mehr fremd fühle.

Dieses Doppelt-Fremde gehört heute zu meiner Identität.

Aber noch mal zu Broder: er spricht von Diasporajuden. (Und eigentlich nur von sich selbst.) Bei Israelis, die zwischen anderen Juden in jüdischer Normalität aufgewachsen sind, fühlt sich das anders an. Es kommt sehr auf das jeweilige Elternhaus an, wie ausgeprägt das jüdische Element der israelischen Identität ist. Ich kenne Leute, die sich 100%ig als israelisch bezeichnen und für das Judentum nur mildes Interesse haben, ich kenne Kulturjuden, denen Gott egal ist, ich kenne fromme Juden der verschiedensten Strömungen, ich kenne jüdische Freaks und Siedler.

Aber sie alle sind nicht defensiv und empfinden sich nicht als Abweichung wie Diasporajuden das wohl immer tun.

Wenn ich meinem Mann sage, daß mir davor graut, wenn „Jud, Jud“ höhnisch geschrien wird, lacht er nur. Das könnte ihn nicht treffen. Als ein Bekannter meiner Eltern mal recht deutlich antisemitisch wurde, habe ich mich geärgert, meinen Mann hat das nur mild erstaunt bis amüsiert. Ich wüßte gern, was er zu Broder sagen würde – vermutlich lachen und froh sein, daß er diese ganzen komplizierten Probleme nicht hat…

43. StefanHH - September 11, 2007, 14:28

Sehr schön in dem Beitrag von Broder:

„In Jerusalem wirkt ein Rabbiner, der seine Karriere als Ministrant begonnen hat. An seinen Vater, einen SS-Mann, kann er sich noch gut erinnern. Als individuellen Beitrag zur Wiedergutmachung hat er seiner Frau sechs Kinder gemacht, für jede Million eines.“

In einem durchaus wohlmeinenden Kommentar stand mal, Broder würde argumentieren und schreiben nach dem Motto: „Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht.“

Ich vermute, dass das der Grund ist, warum er einer meiner Lieblingspublizisten ist. Aber ganz im Ernst: Gerade die Übertreibung ist sein schönstes Stilmittel. Man sagt sich, nun übertreibt er aber mal wieder, und räumt damit schon halb ein, dass irgendetwas Richtiges in seinen Äußerungen ist (was er eben bloß übertrieben ausgedrückt hat). Allgemein beliebt macht er sich damit nicht, aber das ist auch kaum sein Ziel.

44. M - September 11, 2007, 14:56

Nun, ich habe meine Meinung zu Broder durchaus noch nicht geändert – zuweilen sagt er halt auch mal was Vernünftiges.
Ich fand die naheliegende Schlussfolgerung interessant:

‚Der Messias wird (höchstwahrscheinlich) nie kommen.‘

Da gerate ich ins Grübeln, ob die amerikanischen Fundamental-Christen das je in ihr seltsames Kalkül einbezogen haben?

Und Lila: danke für die Antwort.
Eine Frage hätte ich noch: Wie ist denn das Selbstverständnis Eurer Kinder bezüglich religiöser Zugehörigkeit?

M

45. Lila - September 11, 2007, 15:24

Meine Kinder haben genau dieselbe religiöse Identität wie mein Mann – Kibbuzniks 😉

In den Kibbuzim hat sich eine eigene Identität und Tradition herausgebildet. Die Feste werden agrarisch-praktisch gefeiert, andere Religionen werden grundsätzlich als wertvoll toleriert. Und Glaube ist Privatsache.

Wenn meine Kinder als „paternal Jews“ formal jüdisch werden wollen, ist das kein Problem. Das ist viel leichter als bei Leuten, die gar keinen Bezug zum Judentum haben. Schließlich kennen sie als israelische Schüler die Bibel (die bei uns an der Schule als historisch-literarisch-sprachliches-geistesgeschichtliches Dokument gelehrt wird, nicht als Offenbarung) und die Geschichte des Judentums und der Juden und das Land Eretz Israel ganz genau.

Wir haben von Anfang an darauf geachtet, daß wir die Tradition des anderen achten. Ich habe vermutlich mehr Respekt vor Religion jeder Art als mein komplett skeptischer Mann…. aber wir kommen prima klar. Ich sehe an meinen Kindern und denen vieler anderer gemischter Paare, daß das nicht komplizierter ist als mit Kindern anderer gemischter Ehen.

Solange die Ehen glücklich sind und die Partner sich nicht um die Wahrheit zanken, gedeihen die Kinder. Und die Notwendigkeit, eine eigene Position in Glaubens- und Religionsfragen zu finden, bleibt keinem Menschen erspart, egal wie monolithisch-unhinterfragt sein Hintergrund.

Ein solcher Streit um die Wahrheit kann auch zwischen Christen verschiedener Konfession ausbrechen, und er kann sehr bitter sein – aber insgesamt halte ich es für eine Bereicherung, daß wir Advent UND Chanukka feiern. Und die ethischen Prinzipien, nach denen wir leben und die wir weitergeben, sind uns gemeinsam.

Y. und ich haben es nie bereut, unsere Familie so zu gegründet zu haben, wie es uns richtig schien. Und ich habe nie irgendwelchen Druck gespürt, mich anzupassen.

Na ja, Außendruck hätte mich vermutlich nur bockig gemacht 😉

46. M - September 11, 2007, 15:46

Ich danke Dir für die prompte Antwort.
Ich denke, Taufe und Firmung/Konfimation finden kirchlicherseits viel zu früh statt, als dass man diesen Akten (‚Sakramenten‘) einen tieferen Wert beimessen könnte. Andersrum müssten dann die Kirchen in D bald schließen, wegen mangelnder Kirchensteuerzahler, die sich von dieser milden Gabe (aus Bequemlichkeit) ein Stück Paradies erhoffen, a la Tetzel:
‚Sobald das Geld im Beutel klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt‘.

47. Lila - September 11, 2007, 15:56

Da sind wir vollkommen einer Meinung. Ich hätte meine Kinder nicht taufen lassen, auch wenn ich einen Christen geheiratet hätte. Wenn man die Taufe nämlich ernstnimmt, darf man sie nicht an einem Säugling oder Kleinkind ungefragt vollziehen. So wie Jesus bewußt in den Jordan geklettert ist, sollten auch andere Täuflinge das tun können, finde ich.

48. M - September 11, 2007, 16:06

Erfreulicher Konsens.
Aber wenn man sich denn in D (oder EU oder USA) erst mit der Volljährigkeit zum Beitritt in das Christentum entscheiden könnte, dann wär es aus mit mit der schönen deutschen ‚Leitkultur‘.
Nix als Heiden gäb es dann und mancherlei Bekehrer mit dem Schwert. Naja …

49. Lila - September 11, 2007, 16:31

Ich glaube, Volljährigkeit wäre kein Kritierium – religionsmündig ist man im Moment ja auch früher, vielleicht mit 14? Ich glaube, mit 16 oder 17 ist das Interesse an geistlichen oder spirituellen Fragen recht groß – und eigentlich müßten Geistliche beurteilen können, ob ein junger Mensch es wirklich ernst meint. Da würde ich auf ein allgemein-gültiges Stichdatum verzichten.

Und Heiden? Na so ein heidnischer Kult verlangt glaube ich auch Initiationsriten, Verpflichtungen, Einhaltung von Vorschriften… sehr unbequem.

Vermutlich würden die meisten Leute irgendeinen Kuddlemuddel aus dem Internet glauben. Ich hab das mal ein bißchen erforscht, Religionsersatz im Internet, „der virtuelle Heilige Hain“ habe ich das genannt. War ganz interessant. Wer von Maria die Nase voll hat, tritt der Isis-Gesellschaft bei, wem Jesus seltsam vorkommt, der kann den Mithraskult wiederbeleben.

Ich persönlich finde die alten Mythologien ästhetisch ansprechend, wie schön ist so ein alter Tempel!, aber daß Leute ernsthaft zu Athene oder den Moirai beten, war ein Ergebnis meiner Recherchen, das mich wirklich verblüfft hat! (Amerikanische Seiten sind natürlich am extremsten, aber auch in Deutschland blüht das Neuheidentum – das darf man nicht mit NeoNazis verwechseln, viele von denen sind sogar gegen Rechtsextremismus aktiv).

Verglichen damit ist die israelische Gesellschaft sehr traditionsverbunden, sowohl die arabischen als auch die jüdischen Bürger. Da die jüdische Identität nicht nur eine religiöse ist, bleiben die meisten Israelis ihr treu. Die meisten Leute hier feiern die Feste, und das sind wesentlich mehr als Weihnachts-Christen durchhalten könnten 😉

50. Manfred - September 11, 2007, 16:58

Die Taufe ist nicht primär der Beitritt des Täuflings zum Christentum, sondern seine Aufnahme in die Kirche, also ein Akt der Gemeinschaft, nicht des Einzelnen. Und wenn der oder die Kleine dann groß genug ist, kann er oder sie (das wird mir jetzt zu umständlich, also: ES) ja selbst entscheiden, ob es dabeibleiben will oder nicht. Aber erste einmal gehört es zur kirchlichen Gemeinschaft.

51. Lila - September 11, 2007, 17:00

Das ist die kirchliche Tradition.

Im Neuen Testament tauft Johannes die Menschen als Zeichen der Umkehr, des persönlichen Bekenntnisses. Die Taufe ist älter als die Kirche.

52. Add a link - September 11, 2007, 21:27

Ich habe ein schlechtes Gewissen.

53. Lila - September 11, 2007, 21:31

Weil Du mit Deinen bösen, bösen Links dazu beigetragen hast, daß ich mehr Zeit hier verbracht habe als geplant…?

54. M - September 11, 2007, 21:59

Religionsmündigkeit – das ist so eine Sache.
Ich denke, das setzt die Fähigkeit zur Reflektion über die Welt voraus also insbesondere auch die Kenntnis über die immensen Schattenseiten dieser Welt. Jemand, der in der sog. ersten Welt geboren wurde, der mag ja noch an Gottes Güte glauben können. Wenn man dann aber einen gründlichen Blick in die dritte Welt wirft, dann muss man sich eigentlich fragen, wie kann ein (gütiger) Gott so etwas schaffen, bzw. zulassen. Und da sollte dann irgendwann das gründliche Nachdenken bzw. Philosophieren beginnen. Und ich meine, erst danach ist man in etwa reif, sich den Heilslehren anzunehmen, bzw. einer beizutreten.
Das soll aber nicht heißen, dass keine Erziehung zur Ethik erfolgen soll oder gar könnte. Die Auswirkungen des positven Verhaltens werden ja doch nach einiger Zeit von alleine sichtbar: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Bereitschaft zum Teilen zeigen ja recht schnell Wirkung, wohingegen das Beten eine fast unendliche Geduld verlangt.
Aber das führt zu weit.

Mit Heiden war nach christlicher Lehre die Gemeinschaft der Ungetauften gemeint, die (mit Dante) nach dem Tode auf ewig im Limbo verweilen müssen, und nie die Chance bekommen, ins Paradies zu kommen. (Das galt kirchlicherseits übrigens lange Zeit auch für diejenigen, die das Pech hatten, vor Christi Geburt geboren zu sein, und auch für die, die im Folgenden nicht das Glück hatten, seine Lehre hören zu dürfen.)
Aber genug für heute: ich wünsche einen friedlichen Abend.
M

55. Add a link - September 11, 2007, 22:00

Ja, genau. Weil wir Dich heute verführt haben, alles andere als abstinent zu bleiben. 😉

56. Lila - September 11, 2007, 22:16

Zu den Heiden: ich würde da den Blick auf die Heiden schon freundlich erweitern und ihre Selbst-Definition ruhig mit einbeziehen…

Vielleicht bin ich da etwas gebranntes Kind, da die streng katholischen Eltern meines ersten Freunds mich gern „das Heidenkind“ nannten, mit etwas spitzigem Unterton. „Ja du bist doch nicht etwa auch getauft…?“, meinten sie.

Und das mir, seit jüngstem Alter von pietistischer Oma mit Herrnhuter-Neigung beeinflußt! Tatsächlich, meine Oma hat mir mal gesagt, Herrnhut war ihr Traum. Ihr Vater war Missionar, ihre Mutter als junge Frau Diakonisse…. also nicht gerade der Stoff, aus dem man Heidenkinder macht….

Aber seitdem haben die Heiden bei mir was gut.

(ich übersetze heute den ganzen Tag, da bin ich sowieso im Internet…)

57. Marlin - September 11, 2007, 22:16

Der Limbus ist schon fast das perverseste was die christliche Kirche an Gedankenspielen hervorgebracht hat…

58. Marlin - September 11, 2007, 22:17

Der Limbus ist schon fast das perverseste was die christliche Kirche an Gedankenspielen hervorgebracht hat…

59. Lila - September 11, 2007, 22:38

Noch besser: der Limbus puerorum.

http://de.wikipedia.org/wiki/Limbus_(Theologie)#limbus_puerorum

Immerhin hat „unser“ Papst Benedikt XVI den aufgekündigt.

60. Marlin - September 11, 2007, 22:54

Ich hatte vor einiger Zeit einen Kurs über Todesvorstellungen.. deswegen kenne ich das noch. Hach ja.. diese Erinnerungen lassen mich etwas wehmütig werden..

61. Lila - September 11, 2007, 23:20

Äääh… hast Du da geschriebenes Material zu diesem Kurs???? Worum ging es genau? Ich interessiere mich gerade für Todesvorstellungen, besonders christliche, und wie sie sich entwickelt haben.

Literaturtips????

62. Marlin - September 12, 2007, 20:07

Urks.. das ist.. äh.. 3-5 Jahre her.. und meine Ordnung hier ist leider saumäßig/nicht vorhanden. Da müsste ich graben.. :/ Hmhm.. wenns Dir wichtig ist, grabe ich nochmal in alten Vorlesungsverzeichnissen..

63. Lila - September 12, 2007, 20:58

Ertappt 😉

Mir reicht der Name des Dozenten. Weißt Du den noch? Dann blättere ich mal ein bißchen in UB-Katalogen.

64. Add a link - September 12, 2007, 21:51

Hat Ariès eigentlich auch die Erfindung des Todes postuliert?

65. Add a link - September 12, 2007, 22:49
66. ders. - September 14, 2007, 15:00
67. Lila - September 14, 2007, 16:13

Hier die Rosinen:

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hatte bestätigt, wonach der Täter „Ich bring dich um, du Scheiß-Jude“ gerufen haben soll, bevor er sein Messer zückte und zugestochen hatte.

Entscheidend für den Fahndungserfolg der Ermittler war ein Hinweis auf ein Sport-Internetforum. Dort hatte der Teilnehmer eines Chats den Angriff mit detaillierten Angaben zu Täter und Tathergang gerechtfertigt und erklärt, sie sei nicht antisemitisch begründet.

Eine Tötungsabsicht habe der Täter jedoch bestritten. Vielmehr habe es „eine Auseinandersetzung gegeben, zunächst verbal, dann körperlich, bei der er sich dem anderen Mann unterlegen fühlte und deshalb zum Messer griff“, sagte Staatsanwältin Doris Möller-Scheu. Ob es noch andere Motive gab, blieb offen. „Im Moment müssen wir noch Ermittlungen zum Hintergrund dieses Mannes tätigen“, sagte die Ermittlerin.

Alles klar? Alles klar.

Wenn jemand schreit, „Ich bring dich um, du Scheißjude“ und dann zusticht, war das

1. keine antisemitische Tat und
2. ohne Tötungsabsicht.

Am besten, der Rabbi wird sofort festgenommen. Man kann doch durch Leibesfülle und Kippa nicht so einfach gute Bürger provozieren!

68. Add a link - September 14, 2007, 16:49

Der Chatter wird kaum die Aussage gemacht haben, der Täter habe diese Worte geäußert. Wir werden sehen, was sich ergibt. Mit dem Messer in den Bauch stechen heißt jedenfalls, mit dem Messer in den Bauch stechen.

69. Lila - September 14, 2007, 16:55

Aber hör mal, in Deutschland GIBT es doch gar keinen Antisemitismus. Höchstens als Keule 😉

70. Add a link - September 14, 2007, 17:07

Als Klinge nicht?

71. Add a link - September 14, 2007, 17:35

Es gibt übrigens, das war mir bisher entgangen, schon einige muslimische Stimmen, die die Tat schnell verurteilt haben.
http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/lokalnachrichten/frankfurt/?em_cnt=1209339
Einige fehlen aber wohl auch.

72. Lila - September 14, 2007, 19:39

Die haben mehr Mut gehabt als der FAZ-Redakteur. Im Artikel kommt das Wort „muslimisch“ nur in Verbindung mit einem zagen „beispielsweise“ vor, in einem allgemeinen Zusammenhang – nicht mit dieser konkreten Straftat selbst.

73. Add a link - September 14, 2007, 21:11

Der FAZ-Artikel wiederholt im letzten Absatz, was in einem früheren schon stand:
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E588AE01FCCD347FCAD3683CE7021EE24~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Beidemal heißt es in dem Satz unmittelbar nach dem von Dir angesprochenen, daß „antisemitische Übergriffe von Seiten muslimischer Täter in der Statistik nicht gesondert aufgeführt werden. Jedoch gibt es laut Bühler [dem Sprecher des LKA] Überlegungen, dies zu ändern und differenzierter als bisher die Tätergruppen zu benennen.“ Überlesen?

74. Add a link - September 14, 2007, 21:38

Übrigens hieß es in der FAZ auch erst jüngst in einem von mir neulich schon verlinkten Artikel
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~EEBD4332A1DA341D09407502102EE40A5~ATpl~Ecommon~Scontent.html
zum Kontext Fußball völlig explizit, wenn die Spieler des TuS Makkabi antisemitisch beschimpft würden, dann „meistens von muslimischen Jugendlichen.“ Und: „Es sind nach Angaben Meyers [des Präsidenten von Makkabi] immer dieselben vier oder fünf Vereine, mit denen es Ärger gibt, Vereine, in denen überdurchschnittlich viele muslimische Jugendliche spielen.“ Und: „Den Judenhass besagter muslimischen Jugendlicher nähre [nach Meyer] vielmehr deren soziale Umgebung: die Eltern, die Freunde, die Prediger in den Moscheen.“ Du hattest das doch gelesen!

Zu vorsichtig ist Dir vielleicht Dieter Graumann:
„Die allermeisten muslimischen Jugendlichen sind absolut in Ordnung: friedfertig und zuverlässig. Aber wahr ist, dass solche antisemitische Anwürfe nicht gerade selten von muslimischen Jugendlichen kommen.“
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2882ED5B3C15AC43E2/Doc~E55360FBD26044DB681EFB2330318A2B0~ATpl~Ecommon~Scontent.html

75. Lila - September 14, 2007, 22:11

Wenn ich mich auf mein Gedächtnis verlassen kann, dann ist dieser Artikel erweitert worden, seit ich ihn gelesen habe. Der von Dir zitierte Satz kam m.E. darin noch nicht vor, ebensowenig wie der Name des Rabbiners. Aber ich kann mich auch irren. Ich verfolge diesen Fall nicht weiter und hätte ihn von mir aus nicht aufs Tapet gebracht.

Wir müssen uns nicht ums Härchen streiten, ich meine, es ist recht deutlich erkennbar, daß man das Kind ungern beim Namen nennt. Nämlich daß ein erklecklicher Teil der antisemitischen Straftaten aufs Konto moslemischer Jugendlicher geht. Was nicht etwa alle moslemischen Jugendlichen inkriminiert! Das muß man doch nicht extra erwähnen.

Auch Männer begehen mehr Straftaten als Frauen, deswegen ist nicht jeder Mann sofort verdächtig. Daher ist mir Graumann absolut nicht zu vorsichtig, welchen Erkenntnisgewinn zieht man aus Generalverurteilungen? Abgesehen davon sind sie unmoralisch.

Ich finde diese deutschen Eiertänze („nur den Moslem nicht kränken, er soll ja so aufbrausend sein!!!“) recht amüsant.

76. Add a link - September 14, 2007, 22:48

Ich habe den Satz schon vor Tagen gelesen! Die Eiertänze entspringen, glaube ich, ganz Deiner Phantasie, jedenfalls soweit die hier zitierten Zeitungen in Betracht kommen.

77. Lila - September 14, 2007, 23:40

Hast Du meine Auszüge in 67. nicht gelesen? Sätze aus dem von Dir verlinkten Artikel. Ich nenne das Eiertanz. Der Artikel erwähnte nicht, daß der Täter Moslem war, und die drei von mir herausgehobenen Sätze habe ich nicht erfunden.

Ansonsten lese ich über den Fall nichts. Es war ein Leser, der ihn hier in 29. aufgebracht hat, ich habe in meinem Posting ausdrücklich gesagt, daß ich Zeitungen und Nachrichten im Moment aus dem Weg gehe.

Ich bin aber gewöhnt, Deine Links zu lesen, und so habe ich ihn eben gelesen. Und die von mir zitierten Sätze sprangen mir so schön ins Auge. Ich hab extra mit ctrl-f nachgeguckt, ob das Wort muslimisch vorkam. Es kam zweimal vor, am Ende des Artikels, nicht in Zusammenhang mit dem konkreten Fall. Daß der Angegriffene Jude war, ging dagegen klar aus dem Artikel hervor.

Und daß viele Deutschen mit den Moslems Eiertänze aufführen, um ihre Sensibilität zu schonen.. nun, dann bin ich wohl nicht die Einzige, die eine lebhafte Phantasie hat. Natürlich nicht alle Deutschen. Es gibt auch Deutsche, die islamophob sind und in jedem Moslem Bin Laden wittern. Aber so der Multi-Kulti-Liebhab-Mob, der ziert sich schon etwas, den Islamismus mal zu kritisieren oder moslemischen Antisemitismus. Ich erinnere an den Fall des jüdischen Mädchens in Berlin, die von moslemischen Kindern ihrer Schule so fertiggemacht wurde, daß sie die Schule gewechselt hat. Die Schulleiterin hat einen Eiertanz aufgeführt, um den Tatsachen aus dem Wege zu gehen, da würde meine Phantasie nicht für ausreichen.

Auf weitere Fallbeschreibungen verzichte ich, es gibt immer Gegenbeispiele und ich hab keine Lust auf ein Rechthab-Pingpong.

Let´s agree to disagree.

78. Heimo - September 15, 2007, 1:38

ach ja – diese Geschichte mit dem Juden der ein Messer in den Bauch belam wurde, weil er eine Kippa trug – wohl offenes Feindbild für viele Islamisten hierzulande, die man sonst wohl kaum erkennt, außer wenn sie mit jüdischen Symbolen konfrontiert werden – hat mich die Tage sehr schockiert, daß das hier in Deutschland geschehen kann & kaum zur Kenntnis genommen wird – ich habe es vielen in meinem Bekanntenkreis erzählt, & keiner hatte Kenntnis davon – als ich es meiner über 80-jährigen Tatne erzählte, zeigte sie sich zwar schockiert, aber meinte dann abschließend noch ‚die (womit sie ‚die Juden‘ meinte) sollten auch nicht so provozieren!‘ – naja wahrscheinlich provozieren Farbige & Vietnamen in Ost-Deutschland auch, durch ihre andere andere Hautfarbe & Fremdartigkeit, daß sie verprügelt & erschlagen werden – ‚die sollten halt nicht so provozieren mit ihrer Fremdartigkeit. – wie können die einfach so bei uns herumlaufen, während wir doch ganz anders sind…‘

in einem dieser blogs hatte jemand berichtet daß er einen Tag mit einer Kippa durch Berlin gelaufen war & über seine Ängste & Befürchtungen bei gewissen Begegnungen – einige Kommentare dazu hatten sich etwas lustig über seine Ängste gemacht – & nun ist das geschehen, was er befürchtet hatte – es ist offenbar wegen einer starken islamischen antisemitischen großen Minderheit (& einigen Restnazis) lebensgefährlich sich in der Öffentlichkeit als Jude erkenntlich zu zeigen – hat nicht Liza’s Welt (link hier an der Seite) vor einiger Zeit berichtet, daß bei einer „Friedensdemonstation“ zum Libanon-Krieg – 2 oder 3 Personen die dabei auch die israelische Fahne zeigten, verprügelt wurden & später auch noch wegen ‚Provokation‘ strafgerichtlich verfolgt wurden – während all die Libanon & Palästina-Flaggen tragenden Friedensliebhaber nicht wegen Provokation angeklagt wurden..

ich finde es sehr bedauernswert, daß dieser exemplarische Fall kaum in die Öffentlichkeit gelangt – das hätte einen Aufschrei oder zumindest Solidaritätsbekundungen verursachen sollen, aber ist nichts als eine kleine nebensächliche Pressemeldung geblieben

79. Heimo - September 15, 2007, 2:11

kleine Anmerkung was ich mit ‚exemplarischer Fall‘ hier meine:
in vielen oder fast allen arabischen Ländern ist es nach den großen Judenvertreibungen von ca. 800.000 bis 1.000.000 (die Angaben – wie immer – schwanken) in den 50er, 60er Jahren & auch später noch, ist es in diesen Ländern kaum empfehlenswert als Jude erkannt, identifiziert zu werden oder auch als Jude in diesem Ländern zu leben oder diese Länder zu besuchen – gut das wissen wir alle – aber daß diese Verhältnisse jetzt auch hier in Deutschland, Frankreich, Großbritannien etc. durch eine islamo-faschistische Minderheit innerhalb der friedlichen islamischen Minderheit (ich habe gute islamische Freunde & bin keineswegs islamophob) transportiert wurden ist das gleiche, als hätte man in den USA geschehen lassen, daß, als Juden im 3.en Reich aus Deutschland nach USA flüchteten, sie dann von den da lebenden deutschen Einwanderern verfolgt worden wären (gewagte Satzkonstruktion)

was ich noch zu dem Fall gerade im internet las:

„Botschaften im Internet verrieten den Täter
Der 42-jährige Rabbiner war vor einer Woche auf offener Straße niedergestochen worden. Nun hat die Polizei den mutmaßlichen Täter festgenommen. Er hat die Messerattacke zugegeben – er habe sich körperlich unterlegen gefühlt. In einem Internetforum hatte der Mann die Tat genau beschrieben.
Nach der Messertattacke auf einen Frankfurter Rabbiner ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft der Täter gefasst worden. Das teilte die Anklagebehörde am Vormittag mit. Der 22-jährige Mann wurde am Abend festgenommen. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung erlassen. Der Mann wurde in Frankfurt geboren und ist Deutscher. Seine Eltern kommen aus Afghanistan.Die Ermittler gehen davon aus, dass Täter und Opfer sich zufällig begegnet sind. Der Tatverdächtige sei bisher politisch nicht in Erscheinung getreten, er gehöre keiner islamistischen Organisation an und sei auch nicht vorbestraft, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Doris Möller-Scheu.Die Polizei kam dem Mann mit Hilfe eines Internetforums auf die Spur. Darin habe jemand „detaillierte Angaben zu Täter und Tathergang gemacht“, sagte Möller-Scheu. Ein Teilnehmer habe daraufhin die Polizei auf die Internetadresse aufmerksam gemacht. Das Forum ist Möller-Scheu zufolge keine politische Plattform sondern beschäftigt sich mit Sportthemen.Der an seiner Kleidung erkennbare Rabbiner war bei dem Angriff auf offener Straße durch einen Messerstich in den Bauch schwer verletzt worden. Er war gerade auf dem Nachhauseweg von der Synagoge. Der von Zeugen als Südländer, möglicherweise Araber, beschriebene Täter in Begleitung zweier Frauen habe den Rabbiner in arabisch klingenden Worten angesprochen. Dieser habe die Worte aber nicht verstanden.Als er sein Gegenüber nach dessen Anliegen befragte, habe der Täter gerufen, „Scheiß-Jude, ich bringe dich um“, und mit einem Messer einmal auf sein Opfer eingestochen. Der Festgenommene bestreite, diese Drohung ausgesprochen zu haben, sagte Möller-Scheu. Er habe den Rabbiner mit dem orientalischen Gruß „Salam alaikum“ angesprochen. Daraufhin sei es zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen. Schließlich habe er das Messer gezückt und zugestochen, weil er sich dem beleibten 42-Jährigen körperlich unterlegen gefühlt habe.Bei der Tatwaffe handelt es sich um ein Taschenmesser, dessen 7,6 Zentimeter lange Klinge auf Knopfdruck ausklappt. Die beiden jungen Frauen, die bislang als seine Begleiterinnen galten und die als Zeuginnen gesucht wurden, waren Möller-Scheu zufolge wohl eher zufällig in der Nähe.“

80. Add a link - September 15, 2007, 9:17

Liebe Lila, ich weiß sehr wohl, daß das Thema hier von Thatcher eingeführt worden war. Ihre Panikmache — „Will man denn krampfhaft nicht sehen, dass die alten, furchtbaren Zustände zurückkommen, und zwar nicht durch unausgelastete Ostdeutsche?“ — war der Grund, daß ich überhaupt etwas zu diesem Thema angemerkt hatte. Thatcher hatte mir dann nicht geantwortet, dafür Du. Als nun der Täter gefaßt wurde, habe ich dies nur aus Freude mitgeteilt und dazu einen FAZ-Artikel verlinkt. Ich habe keine Ahnung, was Deine Antwort in Nr. 67, die Du jetzt noch einmal ansprichst, eigentlich sollte: „Am besten, der Rabbiner wird sofort festgenommen.“ Klingt wie Ironie, nur daß zur Ironie ja gewöhnlich auch jemand gehört, der ironisiert wird. Und da ist ja niemand, der die widersprüchlichen Aussagen der verschiedenen Seiten zur Tat auf sich vereinen würde. Phantom-Ironie. Von seiten der Zeitung ist es kein „Eiertanz“, wie Du jetzt sagst, die verschiedenen Aussagen (oder die Aussage der Staatsanwaltschaft über die verschiedenen Aussagen) zu berichten.

81. willow - September 15, 2007, 9:21

Broder bringt es gut auf den Punkt:

Nach der Fatwah gegen Salman Rushdie, dem Mord an Theo van Gogh und den mißglückten “Kofferbombenanschlägen” haben wir es mit einem weiteren Fall von Notwehr zu tun, bei dem der Provokateur auf ein freudliches “Salam aleikum” dem Provozierten aggressiv ins Messer lief.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_klarer_fall_von_notwehr/

82. willow - September 15, 2007, 9:25

Um auf den Eiertanz zurückzukommen – gerade wenn man diesen Messerangriff mit den Ereignissen von Mügeln vergleicht, sollte doch die höchst unterschiedliche Berichterstattung in den Medien überaus auffällig sein. Mal ganz abgesehen von der Intensität der Berichterstattung, aber im Fall Mügeln schien es z.B. völlig OK zu sein, alle Bewohner einer Stadt, ja eines ganzen Landesteils unter Generalverdacht zu stellen. Aber in dem anderen Fall kam wieder das Mantra, der Islam hätte doch nichts mit dem Islam zu tun….

83. Lila - September 15, 2007, 10:10

Add a link – natürlich war das ironisch gemeint, ja bin ich so außer Form, daß meine Ironiesignale nicht mehr erkennbar sind??? Aber natürlich ironisch auf dem Hintergrund „real existierender“ Stimmungen.

Heimos Tante hat es ja als Volkes Stimme recht deutlich gesagt, „diese Juden sind eben so provokant“. Wodurch provozieren sie? Dadurch, daß es sie gibt.

Im Fall eines Angriffs auf Juden sind immer die Juden schuld, das ist ein ganz tief verwurzeltes antisemitisches Denkschema.

Ich wollte in dieses Thema wirklich nicht einsteigen, deswegen habe ich auf den von Dir verlinkten Artikel mit Ironie reagiert. Es ist ja wohl auch nichts dazu zu sagen. Ich habe keine Ahnung, wie die Medien in Deutschland und die Bevölkerung dazu stehen. Es ist auch wirklich nicht mein Problem, sondern Eures in Deutschland, wenn Angriffe auf Juden vertuscht werden sollten.

84. eran - September 15, 2007, 22:43

hallo Lila,

ich wünsche dir Shana Tova und ganz besonders eine freidliche für dich und deiner Familie.

85. Add a link - September 15, 2007, 23:10

Na, vielleicht hätte ich besser Ha’aretz verlinkt.
http://www.haaretz.com/hasen/spages/903721.html

Liebe Lila, ich habe die Meldung hier nicht gepostet, um eine Diskussion zu beginnen, sondern weil wir zuvor auf den Fall zu sprechen gekommen waren; ich finde die Festnahme des Täters erfreulich. Wenn Du Dich nicht darüber freuen willst, mußt Du das nicht tun, und wenn Du unbedingt ein Haar in der Suppe finden mußt, darfst Du das. Nur, bist Du sicher, daß es nicht Dein eigenes Haar ist, ein antieuropäisches Vorurteil vielleicht?

„Im Fall eines Angriffs auf Juden sind immer die Juden schuld …“ — Sagt denn außer dem Täter in dem Artikel irgendjemand, der Rabbiner sei mitschuldig? Offensichtlich nicht.

„… das ist ein ganz tief verwurzeltes antisemitisches Denkschema.“ Würdest Du es irgendeinem Bild antun, es mir nichts, dir nichts unter real existierende oder tief verwurzelte Traditionen oder dergleichen zu subsumieren? Pflegst Du nicht erst einmal konkret hinzugucken?

Deine Ironisierung eines Phantoms habe ich schon als Ironie identifiziert, aber sie hat mich vor ein Rätsel gestellt, und davor stehe ich noch immer.

86. Lila - September 15, 2007, 23:20

Dann vergiss es doch ganz einfach. Aus dem Artikel geht jedenfalls klar hervor, daß die Erklärung des Täters, er habe weder Tötungsabsicht gehabt noch antisemitisches Ressentiment, als diskutabel geht. Der Ausspruch „Ich bring dich um, Scheißjude“ wird dadurch jedenfalls relativiert. Er wäre ja auch zu anstößig.

Ich finde diese Wlligkeit der Justiz erstaunlich und frage mich, ob sie allgemein verbreitet ist oder nicht doch eher ein Medien-Phänomen ist. Ich vermute letzteres. Ich sehe ja an Dir selbst, daß Du eher bereit bist, mir Anti-Europäismus vorzuwerfen als zuzugeben, daß es in Deutschland in der Tat Antisemitismus gibt. Aktiven, passiven, geleugneten.

Ich gestehe Dir gern zu, das nicht zur Kenntnis zu nehmen und die Schuld bei mir zu suchen – als wüßte ich nicht konkret hinzugucken. Wenn Du wüßtest, was ich mir im Laufe der Jahre schon alles habe anhören müssen über Juden und Israel! Nie offen, immer so in kleinen, andeutenden Bemerkungen….

Aber wenn ich das hier sage, kommt immer eine empörte Welle von Kommentaren. Antisemitismus in Deutschland! Und das uns! Nie und nimmer! Und so weiter. Deswegen wollte ich ja dieses Faß Würmer nicht aufmachen. Aber den Mund halten kann ich auch nicht, wenn ich so einen Artikel wie in der FAZ lese und die lächerlichen Versuche, diese Geschichte zu relativieren.

Ich fand Heimos Tante jedenfalls eine ganz gute Kronzeugin und danke Heimo für diesen O-Ton. In meiner Gegenwart haben die Leute leider manchmal Hemmungen, so offen zu sprechen.

87. Lila - September 15, 2007, 23:20

Shana tova, lieber Eran und alle anderen, die Rosh haShana feiern.

88. Add a link - September 16, 2007, 0:10

Liebe Lila, ich habe überhaupt kein Problem „zuzugeben“, daß es hierzulande Antisemitismus gibt; bestreiten muß ich allerdings, daß der fragliche Presseartikel oder die Staatsanwaltschaft solchen leugneten. — In der Tat gilt bei uns jeder, der nicht verurteilt ist, als unschuldig, und das ist in Israel doch auch nicht anders, oder. Wie es keine Menschlichkeit ohne Gerechtigkeit gibt, so gibt es eben keine Gerechtigkeit ohne Objektivität. Und um Objektivität sind sowohl die Staatsanwaltschaft als die Zeitung bemüht, soweit ich sehe. Zur journalistischen Objektivität gehört die Trennung von Bericht und Meinung. Der Bericht wertet nicht. Im Kommentar zur Festnahme
http://www.faz.net/s/Rub3DFC0DABC5664C30AC70700DD10A965D/Doc~EC2E58A53279044B5BB463C0E2CC29673~ATpl~Ecommon~Scontent.html
heißt es hingegen:
„Dass der Festgenommene den Vorgang herunterzuspielen versucht, eine Tötungsabsicht bestreitet, ebenso den Drohruf ‚Scheiß-Jude, ich bring dich um‘, ist sein, wenn auch nicht gutes, Recht.“ — Versöhnt?

89. Lila - September 16, 2007, 0:20

Aber ja. Ich bin nur gespannt, was ich mit meinem neuen Eintrag wieder verkehrt gemacht hab 😉

Linke nur weiter fleißig, das schätze ich sehr und habe mich schon richtig dran gewöhnt….

90. Add a link - September 16, 2007, 0:22

Ein neuer Eintrag ist sicher nicht verkehrt!

91. lothar schulz - Dezember 25, 2007, 18:01

Frohe Weihnachten


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s