jump to navigation

Sag ich halt mal was dazu… September 16, 2007, 0:09

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
Tags: , , ,
35 comments

„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet“ diese Worte soll der Kardinal Meisner gesagt haben. Er kann sich getrost beschweren, daß seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden, denn den Rest der Predigt kenne ich nicht und wenn ich sie irgendwo verlinkt bekäme, fände ich das sehr cool 😉

Und da er das Wort „entartet“ verwendet hat, noch dazu in Zusammenhang mit „Kultur“, schäumt, zischt und brodelt es ganz fürchterlich. Der Mann muß doch wissen, daß die Nationalsozialisten immer wieder von „entarteter Kunst“ gesprochen haben, sogar eine Schimpf-und-Schande-Ausstellung in München so genannt haben, daß diese ganze Ideologie vom Gegensatz zwischen völkischer, organisch-gewachsener Kunst und intellektuell-individueller-internationaler Kunst in eine ganz bestimmte, miefige Rumpelkammer der deutschen Geschichte gehört! Den Begriff kann doch ein Bischof nicht so naiv benutzen! Und so weiter.

Ach Gott. Mir scheint, das kann er sehr wohl. Ich habe den Verdacht, nach diesem verquast-vagen Ausspruch Meisners zu urteilen, weiß er gar nicht, wovon er redet. Er weiß, daß das Wort Kultur mit Kultus zu tun hat, denn Latein kann er garantiert besser als ich. Und es gibt in der Tat die Theorie, daß das, was wir heute kulturelles Leben nennen, seinen Ursprung in religiösen Ritualen hat. Künstler-Priester und so weiter. Es stimmt auch, daß wir heute mit einer Andacht in Museen, Aufführungen oder Ausstellungen gehen, die früher religiösen Orten vorbehalten waren – Mircea Eliades „heilige Orte“ sind in säkularisierter Form zu Museen mutiert.

Wer nach Delphi geht, fühlt nicht mehr heiligen Schauer vor der Weisheit der Pythia. Der besondere atmosphärische Zauber des Orts ist auch Touristen erkennbar, die wegen der Baedeker-Punkte kommen und sich an den Säulen ergötzen. Aber es ist kein religiöses Gefühl mehr. Meisnern mag es ärgern, wenn dieselben ästhetischen Touristen ihm durch seinen Dom poltern, ohne Respekt vor Betenden oder Gottesdienst, nur um zu gucken, ob er wirklich Amiens so ähnelt.

In der westlichen Welt ist der Kultus vielen Menschen fremd geworden, weniger Leute gehen regelmäßig in die Kirche oder begehen sämtliche Fastenzeiten oder Heiligen-Feiertage als noch zwei Generationen. Es mag sein, daß das einen Bischof ärgert, und daß er meint, eine Kultur, die sich vom Kultus losgesagt hat, ist nicht mehr viel wert.

Das ist natürlich als Aussage über Kultur banausisch. Es bedeutet nichts anderes, als daß auch Meisner Sokrates den Schierlingsbecher reichen würde, wenn er ihn im Verdacht hätte, Gottlosigkeit zu verbreiten. Na ja, vielleicht nicht den realen Schierlingsbecher, aber den rhetorischen. Meisner gehört damit zu einer langen Reihe Geistlicher aller Traditionen, die kulturelle Praktiken ablehnen, die mit ihrem Glauben nicht vereinbar sind – ob es das Bilderverbot in Islam und Judentum ist oder die tridentinischen Vorschriften zur Darstellung religiöser Inhalte. Die innere Renitenz der Kunst, beispielsweise Max Ernst in seiner Madonna, die den Jesusknaben übers Knie legt, muß einem Kirchenmann gegen den Strich gehen. Ich verstehe das, auch wenn ich es für banausisch halte.

Auch die zweite Aussage, daß Kultus Kultur braucht, ist ja nicht völliger Blödsinn. Denn den Kultus kann man auch als äußere Schale sehen, die übrigbleibt, wenn der innere Gehalt schon nicht mehr da ist. Das heißt, auch wer an nichts mehr glaubt als an seinen neusten elektronischen Gimmick und seine Börsenkurse oder seine Oberweite, wird doch noch kirchlich heiraten wollen. Der Kultus ist gewissermaßen der folkloristische Rest, der beibehalten wird, wenn die Religion eigentlich schon tot ist – auf diese Art und Weise haben sich heidnische Überreste in die christliche Kultur geschmuggelt. Das meint er wohl mit „Ritualismus“.

Kurz, Meisners Aussage lese ich als Klage über den Rückgang der Gläubigen, die in seinen Bankreihen sitzen. Die Kunst, die Kultur – die sind in diesem Zusammenhang gar nicht wichtig, sie sind nur Hintergrund. Er ist ja kein Kunstkritiker, der sich um die Zukunft der Kultur sorgt und mehr Kultus einfordert. Wie das zum Beispiel die Nazarener gemacht haben, die als Künstler gegen die Entleerung der Kunst von religiösen Inhalten protestierten. Wie gut das ihrer Kunst getan hat, ist eine andere Sache.
Es geht Meisnern um den Kultus. Deswegen kam ihm auch das „entartet“ vermutlich einfach so daher. Es ist ja nicht so, als wäre das Wort „entartet“ nun so mausetot wie „Aufnordung“ oder „rassisch wertvoll“. Zwar führt Google bei der Suche nach dem Wort schon an zweiter Stelle Wikipedias Eintrag über Entartete Kunst, aber ich denke, Meisner wird da nicht lange gegoogelt haben. Entartete Zellen, das ist ja noch gebräuchlich. Er wollte ja nicht „pervers“ sagen. Hat er halt“entartet“ gesagt. Das Wort ist vermutlich nicht auf seinem Radar.

Ich weiß nicht, wie viel Meisner über NS-Kunst weiß. Ich würde mal annehmen, wie die meisten Leute, recht wenig. Ich bin mir auch sicher, daß sie ihm auf den ersten Blick gefallen könnte. Viele Leute seiner Generation sind einfach von einem naiven Glauben an Realismus und seine Überlegenheit geprägt und würden lieber eine nette Landschaft aus dem „inneren Exil“ von Otto Dix sehen als seine neusachlichen Anklagen – oder gar seine Erinnerungen an die Schlachtfelder Flanderns.

Aber auf den zweiten Blick würde es ihn vermutlich höchlich stören, daß die NS-Künstler jede religiöse Aussage konsequent zu einer völkischen umgemünzt haben und aus Dürers Madonna auf der Mondsichel eine dralle Mutti gemacht haben, die für das NS-Hilfswerk Mutter und Kind wirbt. Das kann er also nicht ernstlich gemeint haben.

Man sollte einem Kirchenmann schon zugute halten, daß er nicht gemeint hat, wir sollten nun wieder Kultur treiben wie zu Adolfs Zeiten. Also. Er würde vielleicht ungern zwischen Max Ernst und dem unten gezeigten Plakat aus den 40er Jahren wählen, doch ich denke, wir sollten ihm nicht unterstellen, daß er wirklich diese Art von Säkularisierung für wünschenswerter hält als die von Max Ernst.

hilfswerk-mutter-u-kind.jpg

Ich halte die Diskussion ehrlich gesagt für eine typische Ausweich-Diskussion. Kommt, regen wir uns mal ein bißchen auf. Das ist ja viel bequemer als zu sagen, na, da hat er sich im Ausdruck vergriffen, das dürfte einem so wichtigen Mann nicht passieren – und ich bin recht sicher, daß das nicht Meisners Absicht war. Aber differenzieren? mal zuhören? nein, lieber gleich empört sein. Die Kirche ist nicht besser in ihrer Reaktion. Statt zu sagen, na gut, die Wortwahl war daneben, wir sehen es ein, reagiert sie ebenfalls empört. Wie schön, da kann man ja wieder einen wunderbaren, vollkommen bedeutungslosen verbalen Schlagabtausch leisten. Wieso auch zuhören, was der jeweils andere eigentlich meint?

Meisner meint jedenfalls, „Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden“, sagte der Kardinal im Kölner „Domradio“ (Er wird wohl „Kunst und Kultus“ gemeint haben). Ja Jong, dann hätteste dat doch mal so jesacht, dann hätte mer dat auch jleich rischtig verstonge, ne.