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Schaf im Schafspelz September 9, 2007, 20:22

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
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Ich habe im Laufe der letzten Monate so viele Jobs oder Jöbchen angeboten bekommen, daß ich nicht alle annehmen kann. Natürlich ist dabei beileibe kein richtig festes, vollangestelltes, wohldotiertes Arbeitsverhältnis, sowas gibt es für Leute meiner Profession in Israel gar nicht mehr. Es handelt sich um einen Kurs hier, zwei Lehrstunden dort, eine Vortragsreihe in Puse und eine in Muckel. Ich sage natürlich erstmal zu, dann bibbere ich, ob ich das auch wirklich alles machen muß. Mein Lebenslauf sieht inzwischen reichlich gescheckt aus, weil ich manches nur ein Jahr lang mache.

Ich habe ein tolles Angebot angenommen, an einem Weiterbildungszentrum für KindergärtnerInnen. In Israel gibt man ja bekanntlich seinen Nachwuchs „in fremde Hände“, d.h., man glaubt, daß eine kompetente Kindergärtnerin, ein gut ausgestatteter Kindergarten und eine Gruppe in etwa Gleichaltriger für Kinder wichtig sind. Darum verlangt man von zukünftigen KindergärtnerInnen Abitur, ein vierjähriges Studium an einer Pädagogischen Hochschule und einen akademischen Abschluß, B.Ed. genannt – genau wie von Lehrern für alle Altersstufen. Oberstufenlehrer machen vielleicht einen B.A. oder B.Sc. statt B.Ed., kommt auf den Studiengang an.

Genau wie Lehrer haben Kindergärtner ein Anrecht auf ein bezahltes Sabbatical alle sieben Jahre, das sie zu einer vom Staat bezahlten Weiterbildung nützen. Sie können statt Sabbatical auch einen Tag pro Woche zur Fortbildung wählen. Ein abgeschlossener Kurs gibt ihnen Punkte, und je mehr Punkte, desto höher das Einkommen. (Immer noch lächerlich niedrig, unsere Gehälter für Lehrkräfte sind einfach nur ein Witz und liegen unter dem Minimum…. das sei fairerweise dazu gesagt).

Außerdem stehen allen Lehrern und Kindergärtnern Lernzentren mit wohlausgerüsteten Bibliotheken für didaktisches Material zur Verfügung, mit kompetenten Beratern und Werkstätten, in denen man eigene Ideen umsetzen kann. Ich hab da schon öfter von erzählt, denn an der PH, an der ich ein paar gute Jahre lang arbeiten konnte, waren solche Zentren mit Schwerpunkt Mathe (uff), Natur und Biologie, Frühe Kindheit, Englisch und Ivrit.

Dieses Jahr haben diese Zentren, die ebenfalls Fortbildungen anbieten, beschlossen, sich auf mehrere Themen zu konzentrieren: Schulvorbereitung, mathematische Erziehung (uff) und – Kunst. Auf geheimnisvollen Wegen hat mein Name sich durch die Institutionen geschlängelt, und ich bin von zwei solcher Zentren angeworben worden. Ich fühle mich in diesem Grenzgebiet zwischen Kunst und Erziehung sehr wohl (interessanterweise gibt es in Israel kein Studienfach Kunstpägdagogik für weiterführende akademische Grade – ich habe ein komplettes Programm für einen solchen Studiengang in der Schublade, und daß ich ihn nicht längst an der Uni vorgelegt habe, dafür gibt es keine rationale Begründung!). Ich hatte sofort den Kopf voller Ideen. Und so habe ich zugesagt, obwohl einer der Kurse auf einen Wochentag fällt, an dem ich schon eher halbherzig was anderes zugesagt habe.

Bei der anderen Stelle habe ich heute angerufen und gefragt, wie viele Leute sich eingeschrieben haben. Bedauernd meinte die Leiterin, „nur vier Leute“, und ich bemühte mich, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Ich meinte, wenn es bis nächste Woche nicht mindestens 10 oder 12 Leute sind, kann ich den Kurs nicht geben – wie gut, daß ich nun ein viel besseres Angebot habe! Das habe ich natürlich nicht gesagt. Die Leiterin hat sehr viel Verständnis gezeigt, aber ja. Also ich hoffe, das geht gut.

Dann war ich heute in der großen, feinen Stadt, in der einer der Kurse stattfinden soll. Alle waren begeistert von mir, auch die Große Chefin, die mir manche Tür öffnen könnte… und ich bin auch lange genug in Israel, um sofort gemeinsame Bekannte aufweisen zu können. Ah, du bist aus Kibbuz Ramat Chaim, da kennst du doch bestimmt Arale und Berale? Kenn ich, aber wenn du Arale und Berale kennst, dann kennst du bestimmt auch Moshik und Rafik? Kannte sie. Dann zeigte sie mir die Arbeitshefte, mit denen bisher die Kunstkurse für Kindergärtnerinnen abgehalten wurden, und vor meinen professionellen Augen taten sich Abgründe auf.

Nicht nur, daß diese Arbeitshefte von einer mir aus der PH bekannten Frau geschrieben wurden, die mich im Lehrerzimmer anno dazumal als „junge Nichtskönnerin“ abtat (das könnte sie heute nicht mehr, ich bin sichtbar gealtert, weiß aber immer noch nicht viel). Sie enthalten genau DIE Art Arbeitsanweisungen, die ich wie nichts anderes auf dem Kieker habe. Auf dem Titelbild: ein Selbstporträt von van Gogh, düster und pessimistisch. Daneben: eine von einem kleinen Mädchen sorgsam abgemalte Kopie dieses Selbstporträts, darüber in großen Buchstaben ihr Name.

Was soll das, Kinder einfach van Gogh nachmalen zu lassen? Seit wann wird kindliche Kreativität durch Nachmalen befördert? (Kunststudenten, die ihre Technik perfektionieren wollen oder in Stilen experimentieren – das ist was anderes, die müssen Meister kopieren – aber Kinder???) Was versteht ein Kindergartenkind von van Goghs innerer Welt? Ich will doch hoffen, nichts. Außerdem entsteht ein Selbstporträt, wenn jemand sich im Spiegel betrachtet und malt, was er sieht. Wenn ich das platt abmalen lassen, verliere ich gerade den Kick eines Selbstporträts, der ja daraus besteht, daß der Maler sich soeben selbst in die Augen sieht. Daß das kleine Mädchen ihren eigenen Namen groß schreibt, ist das einzige Zeichen einer selbständigen Äußerung an diesem gräßlichen Beispiel komplett fehlgeleiteter Arbeit mit Kunst.

Ein weiteres Beispiel: der Sonnenaufgang von Roy Lichtenstein, bekanntlich „mit Absicht“ in Comicmanier, als Antwort auf die ekstatischen Lichtspiele von Lorrain oder Monet. Also recht sophisticated, auch wenn er das natürlich als Manier ziemlich strapaziert hat, wenn ihr mich fragt. Ein Kind kann den kulturellen Hintergrund für die Entscheidung der Pop-Art-Künstler, die Welt zu Comics gerinnen zu lassen, nicht nachvollziehen. Soll es auch nicht. Aber ein Kind mit Wachsmalstiften dransetzen, daß es diesen Sonnenaufgang nun nachmalt??? Häää??? Wat soll dat denn????

Mit Wachsmalstiften kommen natürlich nur krumme, bunte, farblich vibrierende Sonnenuntergänge raus. (Schöner als der Lichtenstein, wenn ihr mich fragt, aber was weiß ich schon?) Das Kind kann sich dann mit der glatten, künstlichen Perfektion des Originals vergleichen und denken, „blöd, ich kann wirklich nicht malen, ich wußte es doch“. Und da haben wir dann wirklich was erreicht!

Was statt dessen? Künstlerische Betätigung und Kunstbetrachtung TRENNEN. Den Kindern viele interessante Materialien geben. Sie experimentieren lassen: Handabdruck mit Farbe, Handabdruck in Gips, Handabdruck in Sand mit Gips ausgießen – dann alle drei vergleichen. Selbstporträts (aber glücklichere) vergleichen, vielleicht selbst mal in den Spiegel gucken, aber noch keine selbst malen. (Finde ich zu früh dazu, Kindergarten). Die Sterne von van Gogh angucken, sich überlegen, wieso er die wohl so gemalt hat. Kindern dann ein Bild von Hubble zeigen: der Maler wußte mehr als seine Zeitgenossen, und man sollte niemals sagen „das sieht doch gar nicht so aus, das ist aber falsch gemalt“. Falsch gibt es nämlich nicht.

Und so weiter.

Natürlich habe ich kein Wörtchen gesagt sondern nur gemeint, hm hm hm, interessant. Ich werde die Fortbildung mit einer Frau zusammen machen, sie ein Drittel, ich zwei Drittel, die praktische Erfahrung hat, eine erfahrene Kindergärtnerin. Und ich werde still und heimlich dieses fiese, dumme Lehrbuch untergraben. Nicht offen, aber so, daß die Kindergärtnerinnen selbst es nicht mehr zufriedenstellend finden. Jawohl. Ein Schaf im Schafspelz, so werde ich Kunstbetrachtung und Kunst im Kindergarten sanft blökend umstürzen!

Und darauf, ihr Lieben, darauf freue ich mich, und daran arbeite ich gerade. Obwohl es noch mindestens zehn dringlichere Projekte mit SEHR enger Deadline gibt, die mich beißen wollen.

Morgen unterrichte ich. Danach bin ich als festlicher Teil einer Rosh-haShana-Feier für ein therapeutisches Zentrum geladen, mit einem Vortrag, „Kind, Familie, Liebe im Bild“. Am Tag danach bin ich an der Uni, muß einen endlosen Berg Papier bewältigen. Dann ist Fest, Rosh haShana, wir sind eingeladen und haben Gäste. Dann ist wieder eine große Kampfabstimmung im Kibbuz, Privatisierung in kleinen Schritten – ich muß Stunden um Stunden an der Wahlurne sitzen. Und zwischendurch noch tausend kleine Dinge machen… und weniger bloggen.

Kommentare»

1. Marlin - September 9, 2007, 23:05

Ja, zeig’s diesem unfähigen Weib!

Viel Glück und Geschick bei der Subversion. 🙂

Nur weniger bloggen.. hmm.. nicht so gut. 😉

2. willow - September 9, 2007, 23:27

Oh Schande, „bei Euch“ ist das mit Kunsterziehung und Musik auch ein Kreuz…. es ist einfach furchtbar. Es sind immer die unorthodoxen „Lehrer“ die den Funken überspringen lassen – viel Erfolg dabei.

3. Add a link - September 10, 2007, 0:27

„… weniger bloggen.“ — Schade, aber wie gut verstehe ich das! Fang gleich heute damit an!

(Merci für die Ausnahme.)

4. Flash - September 10, 2007, 0:50

Ich werde jetzt damit konfrontiert, was man in Dt. so von Erziehern erwartet. Immerhin ist es noch keine Hochschulausbildung. Aber fünf Jahre kommen trotzdem zusammen, da man eine 2jährige Berufsausbildung mitbringen muß.

Kunstpädagogik bekommen wir auch beigebracht, das hört sich interessant an. Mal schauen.

Und: wer zuviel bloggt, den bestraft das Leben! (Hier alles einsetzen, was nicht virtuell ist…)

😉

5. Piet - September 10, 2007, 0:52

» … niemals sagen “das sieht doch gar nicht so aus, das ist
» aber falsch gemalt”. Falsch gibt es nämlich nicht.

Wie schön! Ein befreundeter Maler (der zwischenzeitlich auch Kurse gibt) betonte genau das. Nun weiß ich auch, warum das Schaf sein Lieblingstier ist. 🙂

6. Rika - September 10, 2007, 1:07

liebste lila,
heißt es bei euch tatsächlich immer noch kindergärtner und kindergärtnerin?
hier in deutschland hört man diese berufsbezeichnung nicht mehr so gern und auch nicht mehr so häufig.

erzieherinnen und erzieher kümmern sich um die kinder im vorschulalter in kindertagesstätten und um schulkinder im hort.
und in anbetracht ihrer aufgabe und ausbildung ist das auch, wie ich finde, die angemessene berufsbezeichnung.

und so wünsche ich dir, dass du nicht nur das sonderbare lehrbuch rasch verschwinden lassen kannst, sondern auch den erzieherinnen und erziehern so viel freude an kunst und pädagogik vermitteln wirst, dass die lieben kleinen davon profitieren können.
dir viel erfolg und lust bei dem ganzen!
rika

7. StefanHH - September 10, 2007, 1:08

Das „… und weniger bloggen“ ist das Einzige, was mir nicht so gefällt. Ansonsten: viel Erfolg!

Und zu Deinem Hinweis:

„interessanterweise gibt es in Israel kein Studienfach Kunstpägdagogik für weiterführende akademische Grade – ich habe ein komplettes Programm für einen solchen Studiengang in der Schublade, und daß ich ihn nicht längst an der Uni vorgelegt habe, dafür gibt es keine rationale Begründung!“

Nimm es doch einfach in Angriff. Wer so einen Blog erfolgreich durchzieht, die wird auch mit akademischen Widerständen fertig.

8. schoschana - September 10, 2007, 9:05

in deutschland wäre so ein kurs auch von nöten. die erzieherinnenausbildung kennt noch viel zu sehr das „malen nach zahlen, alle machen das gleiche, ich male euch den schneemann vor, ihr schneidet aus“ – prinzip. ich kann ein lied davon singen, habe 3 jahre kampf gegen eingefahrene muster hinter mir und bin etwas erschöpft.
mein sohn ist zum glück jetzt eingeschult worden.

schana tova u’metuka wünsche ich dir,
schoschana

9. beer7 - September 10, 2007, 11:49

Oh wie sehr wuenschte ich mir, dass Du als Schaf auch unsere Lehrkraefte zu saftigeren Weiden fuehren wuerdest! Wie weit suedlich wuerdest Du maximal kommen? Dieses Jahr wird es wohl nix mehr, die Fortbildungen sind schon ziemlich unter Dach und Fach, aber vielleicht naechstes Jahr?

10. grenzgaenge - September 10, 2007, 20:33

hallo lila,

schoen was von dir zu lesen 😉

liebe gruesse,
grenzgaenger

11. eule70 - September 11, 2007, 2:07

Dein Ansatz gefällt mir sehr, sehr gut – viel Erfolg dabei!
Und hier wieder das deutsche Defizit: In Israel, wie fast überall in der Welt, ist der wichtige Beruf der Kindergärtner eine akademische Ausbildung (und wahrscheinlich auch entsprechend anerkannt). In Deutschland heißt es jetzt Erzieherin (ich glaube, Erzieher im Kindergarten gibt es hier, auch im Gegensatz zu anderen Ländern, noch immer nicht), aber im übrigen ist alles beim Alten geblieben. Für Krankenschwestern/Pfleger gilt das gleiche. Wir hinken entsetzlich hinten nach!

12. Lila - September 11, 2007, 7:27

Zur Terminologie: in Israel benutzt man nach wie vor das Wort „ganan“ bzw „ganenet“, was wörtlich „Gärtner“ bzw „Gärtnerin“ bedeutet. Kindergarten heißt nämlich „gan yeladim“, und ganan ist eben jemand, der gelernt hat, mit dieser spezifischen Altersstufe zu arbeiten und einen Kindergarten zu leiten – das sind andere Anforderungen als an LehrerInnen oder ErzieherInnen, die mit älteren Kindern arbeiten.

Der Studiengang heißt „Chinuch le-gil ha rach“, wörtlich „Erziehung für das zarte Alter“, also Frühkindliche Erziehung. Die Studenten können wählen, ob sie das ganz junge Alter wählen oder Kindergarten und die ersten beiden Grundschuljahre (ich hoffe, ich habe das richtig in Erinnerung). Nach dem B.Ed. kann man noch ein M.A.-Studium dranhängen, so wie die Kollegin, mit der ich den Kurs vorbereite. Sie ist heute nicht mehr im Kindergarten selbst tätig, sondern in der Weiterbildung. Außerdem ist sie „mefakachat“, also eine Art Schulrätin, reist also von Kindergarten zu Kindergarten, berät und leitet an und prüft.

Sie kann auch in Frühkindlicher Erziehung promovieren oder forschen. Ich glaube nicht, daß der Beruf in Deutschland als Sprungbrett für eine solche berufliche Weiterentwicklung dienen kann. Das ist schade.

Und was Krankenpflege angeht: da gilt hier genau dasselbe. Ausbildung geht parallel mit B.A.-Studium, danach sind M.A. und Promotion möglich. An der Uni Haifa werden auch medizinische Clowns, Sozialarbeiter, Physio- und Ergotherapeuten so ausgebildet, daß sie später zusammenarbeiten können. Ein anderer Ansatz als in Deutschland.

Ich habe die Krankenschwestern in Israel immer als absolut kompetent und selbstbewußt erlebt – vielleicht wieder mein Glück, die richtigen zu treffen.

13. Add a link - September 11, 2007, 9:28

Medizinische Clowns?!?

14. Lila - September 11, 2007, 9:47

Gibt es sowas in deutschen Krankenhäusern nicht? Clowns, die in Krankenhäusern arbeiten, die medizinischen Prozeduren kennen und Kindern beistehen. Sie bringen die Kinder zum Lachen, trösten sie, spielen mit ihnen, sind dabei, wenn Blut abgenommen wird oder eine Influsion gelegt wird.

Ist an der Uni Haifa ein Studiengang.

15. Add a link - September 11, 2007, 11:18

Nie davon gehört.

16. Rika - September 11, 2007, 16:43

Danke Lila
für deine ausführliche erklärung!
hier in deutschland ist man gerade dabei, den studiengang elementarpädagogik zu etablieren. so viel ich weiß wird der inzwischen an verschiedenen fachhochschulen angeboten und wurde – berufsbegleitend – auch an der efh hier in hannover eingeführt. mit der eingliederung der e(vangelischen)f(ach)h(hochschule) in die staatliche fh, wurde der studiengang aber wieder gestrichen. LEIDER !!! (http://www.fakultaet5.fh-hannover.de/)

in letzter zeit geht es hier in deutschland familienpolitisch um die frage, ob die kinder zu hause von den eltern oder doch lieber sehr frühzeitig in entsprechenden einrichtungen betreut werden sollen und wie die kostenübernahme durch den staat in form von betreuungs- oder erziehungsgeld gewährleistet werden kann. diese diskussion, die von spd und cdu mit sehr unterschiedlichen positionen geführt wird, trägt hoffentlich dazu bei, dass die elementarpädagogik aus ihrer abstellkammer herausgeholt wird und auch im öffentlichen bewußtsein kindergärten nicht mehr (nur) als „kinderverwahrungs- und spielorte“ angesehen werden.
es wird auch zeit.

die ausbildung vieler berufe, Lila, die du erwähnst, geschieht an (berufs)fachschulen. ich denke, das hängt mit unserem dreigliederigen schulsystem und dem dualen ausbildungssystem in handel, wirtschaft und gewerbe zusammen. daraus sind die berufsfachschulen enststanden.
und dies ist wirklich ein anderer ansatz als der bei euch in israel.

clowns gibt es auch in deutschen krankenhäusern auf den kinderstationen, aber sie sind, so weit ich informiert sind, ehrenamtlich tätig. mag sein, dass es an den großen zentren für kinderherzchirurgie oder onkologie auch fest angestellte sozialpädagogen mit einer zusatzsausbildung als clown gibt.
hier gibt es clowns in der kinderklinik der mhh (medizinische hochschule hannover), die aber nicht ständig im haus und auf den stationen anwesend sind.
im internet fand ich u.a. folgendes dazu: http://www.theaterforschung.de/institution.php4?ID=320

17. Lila - September 11, 2007, 17:50

Ich verfolge die Diskussionen um Familienpolitik in Deutschland und da ich vdLeyens anscheinend etwas nervige Lächel-Persona nicht selbst erleide, sondern nur lese, was sie zu sagen hat, erlaube ich mir die Meinung, daß diese Frau für Deutschland einen Glücksfall darstellt. Im Gegensatz zu Witzfiguren wie E. Herman u.ä. hat sie nämlich Ahnung, wovon sie redet.

Ich habe mal ihren Satz gelesen, daß in den USA alle sagten, „alle Achtung, berufstätig und viele Kinder! einfach toll!“, während in Deutschland die Leute entsetzt ausrufen, „ja wie wollen Sie das denn schaffen?“ Genau diese Mutlos-Mentalität, die stört auch mich, und daß vdLeyen da ansetzt, das gefällt mir.

Die Frage ist ja nicht, Elternbetreuung oder Fremdbetreuung – das schließt sich nämlich gegenseitig nicht aus! Meine Kinder waren zwar tagsüber immer im Kinderhaus – erzogen habe aber trotzdem ICH sie – na ja, Y. und die Katzen und die guten Omas hatten auch ihren Anteil 😉

Ich glaube, daß Elementarpädagogen so ziemlich die wichtigste Arbeit überhaupt leisten. Ich verstehe gar nicht, wieso ich als Erwachsenen-Ausbilderin mehr verdiene als die Frauen, die meinen kleinen Neffen mittags liebevoll in sein Bettchen legen. Ich kann viel weniger Schaden anrichten als diese Frauen. Allerhöchstens kann ich ärgerliche Wissenslücken verursachen, die dann vielleicht einem Studenten den Werdegang verzögern. Ärgerlich und sollte nicht vorkommen, aber kein Beinbruch.

Wer dagegen kleine Kinder erzieht…. der muß in jedem Moment wissen, daß er Beispiel ist und beeinflußt und Selbstbewußtsein und Werte vermittelt oder beschädigt. Da habe ich große Hochachtung vor.

Ich bin nicht naiv genug zu glauben, daß ein akademischer Abschluß automatisch die besseren Elementarpädagogen (prima Wort) hervorbringt! Aber je besser sie ausgebildet sind, je besser sie bezahlt werden, desto höher ihr Prestige und desto höher die Anziehungskraft des Berufs auf engagierte, kreative, außergewöhnliche Leute. Und das braucht man, damit Eltern ihre Kinder nicht nur mit gutem Gewissen, sondern stolz morgens in den Kindergarten bringen.

„Papa arbeitet in der Fabrik, Mama arbeitet an der PH und Quarta arbeitet im Gan“ heißt das im Kibbuz… wo man ja bekanntlich nicht sagt, „die Kinder spielen im Sand“, sondern „sie arbeiten im Sand“. Und Arbeit ist nun mal das Allerhöchste hier, der ganze Stolz, das muß man gern machen. Deswegen tut man alles, damit die Kinder gern im Gan arbeiten.

Die Frühpädagogik ist hier nämlich sehr von der Kibbuz-Erziehung geprägt. Die meisten großen Praktiker und Theoretiker der frühkindlichen Erziehung kamen nämlich aus der Kibbuz-Bewegung. Auch die PH, an der ich studiert und unterrichtet habe, trägt das Wort Kibbuz noch im Namen. Natürlich haben sich längst auch andere Strömungen gebildet. Aber von dem Stolz einer Gemeinschaft, die das Kinderhaus als Kronjuwel sieht – da kann man sich schon ein Stück von abschneiden.

18. arabrabenna - September 11, 2007, 23:39

Ich war mal total gegen frühkindliche Erziehung außerhalb von zu Hause. Aber das hängt auch damit zusammen, daß ich zu DDR – Zeiten Krippenerzieherin gelernt habe (das waren die, die sich um die 0-3 jährigen gekümmert haben). Als erstes bekamen wir in Psychologie zu hören, daß der Mensch keine Seele hat und in Pädagogik, daß der Mensch nicht als Persönlichkeit geboren wird, sondern dazu erzogen. Und als nächstes bekamen wir dann die sozialistischen Erziehungsziele eingehämmert. Am den häufigsten Unterricht hatten wir in Marxismus – Leninismus. Und in den Kinderkrippen erlebte ich dann sehr viele Dinge, die mich total abstießen. Und da ich ein ausgesprochen freiheitsliebender Mensch bin, kam ich zu der Meinung, daß es das beste ist, wenn eine Mutter ihr Kind selbst erzieht. Als du, Lila uns so fantastisch die Kibbuzpädagogik erklärt hast, hat sich meine Meinung zu dem ganzen Thema doch etwas gewandelt. Oft sind Kinder leider in einer öffentlichen Einrichtung wesentlich besser aufgehoben, als zu Hause. Das ist dann aber ein anderes Kapitel.

19. Lila - September 11, 2007, 23:49

Oh ja, über diese Art Erziehung hat eine liebe Freundin mir auch gar Erschröckliches erzählt 😉 Komisch, sie ist gelernte Künstlerin, und auch bei ihr wurde ohne Ende Marxismus-Leninismus gelehrt. Seltsam, wie man heute doch überall ohne diese Wunderlehre auskommt!

Ich war in einem stock-katholischen, furchtbar strengen Kindergarten, den ich gar nicht mochte. Und mein kleiner Bruder wollte überhaupt nicht in den Kindergarten, „ach Mama, schmusen ist doch viel schöner“, waren seine goldenen Worte.

Wenn man eine Schar Kinder, ein großes Haus mit Garten, einen wohlverdienenden Ehemann und ein ausgeglichenes Temperament hat, dann ist es bestimmt schön, einfach mit den Kindern die ersten Jahre zuhause zu sein. Wenn sie dann älter werden, hm, was macht man dann? Wäre das mal einfacher!

Patentrezepte gibt es weder für Ehe noch Freundschaft noch Familie. Da macht am besten jeder das, was er für richtig hält, und erträgt es, daß es ihm nicht alle nachmachen.

Oh, nochmal zu meinem St.Elisabeth-Kindergarten-Trauma: ich fand das Katholische eigentlich toll, ich weiß noch, wie wir die Hl. Elisabeth dort feierten, und die ist doch sehr sympathisch. Wir haben so Körbchen gebastelt und sind musizierend durch den Kindergarten gezogen. Natürlich witterte ich aber, daß in meinem protestantischen Elternhaus diese Riten und Tänze gar nicht geschätzt wurden. Aber streng waren die Frauen da, einmal bin ich abgehauen, und Schwester Maria hat mich mit dem Fahrrad aufgestöbert. Da habe ich mich sehr geschämt. Und man mußte immer sehr still sein… und Knickschen machen, „Fräulein Silvia, darf ich mir was Neues zu spielen holen, bitte?“

Das gibt es heute gar nicht mehr, so eine Erziehung, und meine Kinder lachen sich kaputt, wenn ich ihnen davon erzähle. Und auch Schwester Maria und Fräulein Silvia haben es bestimmt nur gut gemeint……..

20. Ulrike Leichte - September 14, 2007, 12:51

Liebe Lila!
Du hast mir aus der Seele gesprochen! Nur Mut! Die Kinder und die Ergebnisse werden Dir es lohnen!
Auch wenn ich nicht oft antworte, ich besuche Deinen Blog oft und sehr gern! Es ist für mich wie ein Blick durchs Schlüsselloch, den ich gar nicht hoch genug bewerten kann.
Beim Malen mit Kindern habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Ergebnisse umso sprühender wurden, je weniger ich ihnen dreinredete. Leider habe ich ihre wunderbaren Werke nicht fotografiert. Und ihre leuchtenden Augen auch nicht! Ich war so glücklich, einen Kunsterzieher in der Schule zu haben,der so ähnlich wie Du gedacht hat. Die großen Werke ansehen und selbst tätig zu sein, ohne nachzumachen. Gerade für mich als „brave Schülerin“ war das ein wichtiger Beitrag zum „Lebenlernen“, zur Freude, und auch heute noch finde ich dann in schweren Tagen darin Hilfe, etwas zu malen. Doch auch unser System hier ist auch viel zu oft noch entmutigend und unkreativ. Leider!
Wenn Du dich bei euch dafür einsetzt, wirst Du im Leben von vielen Menschen eine gute Saat säen!
Lg
Ulrike

21. Schreiben - Lesen - Bloggen « Elises Eindrücke - September 16, 2007, 21:24

[…] da möchte ich euch auch durch so ein recht außergewöhnliches Schlüsselloch gucken lassen. Hier: (Artikel: Schaf im Schafspelz), ein Beitrag über (Kunst-)Erziehung, der mir aus der Seele […]


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