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Sag ich halt mal was dazu… September 16, 2007, 0:09

Posted by Lila in Kunst, Uncategorized.
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„Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet“ diese Worte soll der Kardinal Meisner gesagt haben. Er kann sich getrost beschweren, daß seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden, denn den Rest der Predigt kenne ich nicht und wenn ich sie irgendwo verlinkt bekäme, fände ich das sehr cool 😉

Und da er das Wort „entartet“ verwendet hat, noch dazu in Zusammenhang mit „Kultur“, schäumt, zischt und brodelt es ganz fürchterlich. Der Mann muß doch wissen, daß die Nationalsozialisten immer wieder von „entarteter Kunst“ gesprochen haben, sogar eine Schimpf-und-Schande-Ausstellung in München so genannt haben, daß diese ganze Ideologie vom Gegensatz zwischen völkischer, organisch-gewachsener Kunst und intellektuell-individueller-internationaler Kunst in eine ganz bestimmte, miefige Rumpelkammer der deutschen Geschichte gehört! Den Begriff kann doch ein Bischof nicht so naiv benutzen! Und so weiter.

Ach Gott. Mir scheint, das kann er sehr wohl. Ich habe den Verdacht, nach diesem verquast-vagen Ausspruch Meisners zu urteilen, weiß er gar nicht, wovon er redet. Er weiß, daß das Wort Kultur mit Kultus zu tun hat, denn Latein kann er garantiert besser als ich. Und es gibt in der Tat die Theorie, daß das, was wir heute kulturelles Leben nennen, seinen Ursprung in religiösen Ritualen hat. Künstler-Priester und so weiter. Es stimmt auch, daß wir heute mit einer Andacht in Museen, Aufführungen oder Ausstellungen gehen, die früher religiösen Orten vorbehalten waren – Mircea Eliades „heilige Orte“ sind in säkularisierter Form zu Museen mutiert.

Wer nach Delphi geht, fühlt nicht mehr heiligen Schauer vor der Weisheit der Pythia. Der besondere atmosphärische Zauber des Orts ist auch Touristen erkennbar, die wegen der Baedeker-Punkte kommen und sich an den Säulen ergötzen. Aber es ist kein religiöses Gefühl mehr. Meisnern mag es ärgern, wenn dieselben ästhetischen Touristen ihm durch seinen Dom poltern, ohne Respekt vor Betenden oder Gottesdienst, nur um zu gucken, ob er wirklich Amiens so ähnelt.

In der westlichen Welt ist der Kultus vielen Menschen fremd geworden, weniger Leute gehen regelmäßig in die Kirche oder begehen sämtliche Fastenzeiten oder Heiligen-Feiertage als noch zwei Generationen. Es mag sein, daß das einen Bischof ärgert, und daß er meint, eine Kultur, die sich vom Kultus losgesagt hat, ist nicht mehr viel wert.

Das ist natürlich als Aussage über Kultur banausisch. Es bedeutet nichts anderes, als daß auch Meisner Sokrates den Schierlingsbecher reichen würde, wenn er ihn im Verdacht hätte, Gottlosigkeit zu verbreiten. Na ja, vielleicht nicht den realen Schierlingsbecher, aber den rhetorischen. Meisner gehört damit zu einer langen Reihe Geistlicher aller Traditionen, die kulturelle Praktiken ablehnen, die mit ihrem Glauben nicht vereinbar sind – ob es das Bilderverbot in Islam und Judentum ist oder die tridentinischen Vorschriften zur Darstellung religiöser Inhalte. Die innere Renitenz der Kunst, beispielsweise Max Ernst in seiner Madonna, die den Jesusknaben übers Knie legt, muß einem Kirchenmann gegen den Strich gehen. Ich verstehe das, auch wenn ich es für banausisch halte.

Auch die zweite Aussage, daß Kultus Kultur braucht, ist ja nicht völliger Blödsinn. Denn den Kultus kann man auch als äußere Schale sehen, die übrigbleibt, wenn der innere Gehalt schon nicht mehr da ist. Das heißt, auch wer an nichts mehr glaubt als an seinen neusten elektronischen Gimmick und seine Börsenkurse oder seine Oberweite, wird doch noch kirchlich heiraten wollen. Der Kultus ist gewissermaßen der folkloristische Rest, der beibehalten wird, wenn die Religion eigentlich schon tot ist – auf diese Art und Weise haben sich heidnische Überreste in die christliche Kultur geschmuggelt. Das meint er wohl mit „Ritualismus“.

Kurz, Meisners Aussage lese ich als Klage über den Rückgang der Gläubigen, die in seinen Bankreihen sitzen. Die Kunst, die Kultur – die sind in diesem Zusammenhang gar nicht wichtig, sie sind nur Hintergrund. Er ist ja kein Kunstkritiker, der sich um die Zukunft der Kultur sorgt und mehr Kultus einfordert. Wie das zum Beispiel die Nazarener gemacht haben, die als Künstler gegen die Entleerung der Kunst von religiösen Inhalten protestierten. Wie gut das ihrer Kunst getan hat, ist eine andere Sache.
Es geht Meisnern um den Kultus. Deswegen kam ihm auch das „entartet“ vermutlich einfach so daher. Es ist ja nicht so, als wäre das Wort „entartet“ nun so mausetot wie „Aufnordung“ oder „rassisch wertvoll“. Zwar führt Google bei der Suche nach dem Wort schon an zweiter Stelle Wikipedias Eintrag über Entartete Kunst, aber ich denke, Meisner wird da nicht lange gegoogelt haben. Entartete Zellen, das ist ja noch gebräuchlich. Er wollte ja nicht „pervers“ sagen. Hat er halt“entartet“ gesagt. Das Wort ist vermutlich nicht auf seinem Radar.

Ich weiß nicht, wie viel Meisner über NS-Kunst weiß. Ich würde mal annehmen, wie die meisten Leute, recht wenig. Ich bin mir auch sicher, daß sie ihm auf den ersten Blick gefallen könnte. Viele Leute seiner Generation sind einfach von einem naiven Glauben an Realismus und seine Überlegenheit geprägt und würden lieber eine nette Landschaft aus dem „inneren Exil“ von Otto Dix sehen als seine neusachlichen Anklagen – oder gar seine Erinnerungen an die Schlachtfelder Flanderns.

Aber auf den zweiten Blick würde es ihn vermutlich höchlich stören, daß die NS-Künstler jede religiöse Aussage konsequent zu einer völkischen umgemünzt haben und aus Dürers Madonna auf der Mondsichel eine dralle Mutti gemacht haben, die für das NS-Hilfswerk Mutter und Kind wirbt. Das kann er also nicht ernstlich gemeint haben.

Man sollte einem Kirchenmann schon zugute halten, daß er nicht gemeint hat, wir sollten nun wieder Kultur treiben wie zu Adolfs Zeiten. Also. Er würde vielleicht ungern zwischen Max Ernst und dem unten gezeigten Plakat aus den 40er Jahren wählen, doch ich denke, wir sollten ihm nicht unterstellen, daß er wirklich diese Art von Säkularisierung für wünschenswerter hält als die von Max Ernst.

hilfswerk-mutter-u-kind.jpg

Ich halte die Diskussion ehrlich gesagt für eine typische Ausweich-Diskussion. Kommt, regen wir uns mal ein bißchen auf. Das ist ja viel bequemer als zu sagen, na, da hat er sich im Ausdruck vergriffen, das dürfte einem so wichtigen Mann nicht passieren – und ich bin recht sicher, daß das nicht Meisners Absicht war. Aber differenzieren? mal zuhören? nein, lieber gleich empört sein. Die Kirche ist nicht besser in ihrer Reaktion. Statt zu sagen, na gut, die Wortwahl war daneben, wir sehen es ein, reagiert sie ebenfalls empört. Wie schön, da kann man ja wieder einen wunderbaren, vollkommen bedeutungslosen verbalen Schlagabtausch leisten. Wieso auch zuhören, was der jeweils andere eigentlich meint?

Meisner meint jedenfalls, „Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden“, sagte der Kardinal im Kölner „Domradio“ (Er wird wohl „Kunst und Kultus“ gemeint haben). Ja Jong, dann hätteste dat doch mal so jesacht, dann hätte mer dat auch jleich rischtig verstonge, ne.

Kommentare»

1. Add a link - September 16, 2007, 0:24

Ohne über den ersten Absatz hinausgekommen zu sein:

Klicke, um auf 070915_1914_070914predigt.pdf zuzugreifen

2. Lila - September 16, 2007, 0:28

Vielen Dank, ausgezeichnet. Ich halte es angesichts dieser Predigt wirklich für absurd, Meisnern jetzt diese eine Wörtchen unter die Nase zu reiben, und bin froh, daß mein Instinkt richtig war.

Danke!!

3. Add a link - September 16, 2007, 0:39

Ja, bei Christen bist Du gnädig. 😉 Hier übrigens noch etwas dazu, was, wie ich vermuten würde, der Anlaß der Predigt war:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/711/130484/

4. Lila - September 16, 2007, 0:50

Ach ja. Erinnerst Du Dich nicht mehr an meine Schärfe gegen Mixas unmögliche Wortwahl von den Gebärmaschinen? Das war bewußt und ganz übel. Und der Vergleich mit dem Warschauer Ghetto war ebenfalls perfide und unterste Schublade. Auch so mancher Hirtenbrief zum Thema Israel zieht einem die Schuhe von den Füßen, ohne daß man sich bücken muß.

GANZ so voreingenommen bin ich wohl doch nicht…aber man sollte schon differenzieren.

5. Fabien - September 16, 2007, 0:58

„Meisner meint jedenfalls, “Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen: Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden”, sagte der Kardinal im Kölner “Domradio” (Er wird wohl “Kunst und Kultus” gemeint haben). Ja Jong, dann hätteste dat doch mal so jesacht, dann hätte mer dat auch jleich rischtig verstonge, ne.“

aber genau darum geht’s ja. „entartet“ oder nicht, das ist mir egal. kunst muss von allem losgelöst sein um nicht in eine propagandistische ecke gedrückt zu werden. wie bedeutungsvoll ist denn für die übliche, seichte christliche „kunst“ (eigentlich ist es werbung).

seine gesamtaussage ist schlicht unverschämt und eine beleidigung für jeden augeklärten, mündigen bürger. kunst ist keine promo-kampagne für irgenwelche dogmatischen machtsysteme (dann ist es schlicht werbung, propaganda, manipulation), kunst ist frei.

6. Lila - September 16, 2007, 1:05

Lies mal die ganze Predigt. Er hat ein Recht darauf, in seiner Kirche darauf zu pochen, daß die Kunst nazarenischer wird. Unverschämt und beleidigend finde ich das nicht. Er findet eben Heiligenbilder etc gut und mit säkularer Kunst kann er nicht viel anfangen.

Ehrlich, er hat ja nicht zum Boykott gegen gottlose Kunst aufgerufen und auch keine Steine geworfen. Er hat seine Meingung gesagt.

Wenn wir uns so über Wischiwaschi und Policial correctness ärgern, dann ist es doch mal ganz nett, so eine altmodische Einstellung zu hören. Immerhin muß er ja nur aus dem Fenster gucken, um das Wallraff-Richartz-Museum zu sehen.

Das steht immer noch, und kein von Meisners Worten entflammter Mob wird es in Brand stecken… hoffe ich doch.

Und zur sachlichen Frage: jede Menge guter Kunst war, was Du Promo-Kunst nennst. Auch Velazquez hatte kirchliche Auftraggeber. Die Frage ist, wie hat er es geschafft, trotzdem gute Kunst zu machen? Die Idee, daß Künstler in einem Vakuum nur ihrem Genius leben, „von allem losgelöst“, ist eine ganz neumodische und sie ist sehr idealistisch. Jeder Künstler denkt an den Markt, an sein Ego, an seine Galeristen. Und jeder Blasmusiker muß sein Kondenswasser loswerden.

Kunst ist nie losgelöst.

Kust ist auch nicht a priori frei. Freiheit ist auch keine Vorbedingung für Kunst. Gott sei Dank, sonst gäb es nämlich keine.

7. Olaf - September 16, 2007, 9:33

Hallo Lila,
ich habe mich hier noch nie zu Wort gemeldet, obwohl ich still und leise immer wieder sehr gerne mitlese. Ich bin einer von den vielen (evangelischen) Theologen, die im Studium mal ein Jährchen in Israel verbracht haben, und finde, dass man nirgendwo so Ungeschminktes und Geistreiches aus Israel liest wie bei Dir.
Aber nun zu Meisner: Natürlich hat der total daneben gegriffen in der Wortwahl. Und er ist auch der Typ, der immer das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen und dann verbal erst recht so richtig losballert.
Wichtig scheint mir dennoch der Anlass der Äusserung. Es geht um Gerhard Richters Pixelchen-Domfenster. Meisner hat beklagt, dass da nichts Christliches dran ist, und ganz Deutschland (oder wenigstens das ganze Rheinland) hat sich voller Empörung auf ihn gestürzt, inkl. prominenter CDU-Politiker. Wie kann man es wagen den größten lebenden Künstler Deutschlands zu kritisieren! Heilig, heilig, heilig, wer so viel Geld kostet wie Richter!
Gerhard Richter war so ehrlich, immer wieder zu erklären, dass er mit christlichem Glauben nichts anfangen kann und dass sein Fenster der „Macht des Zufalls“ huldigt – und das im südlichen Querschiff des Doms auf einer riesigen Fläche. Soll man das als Kirchenmensch nun gut finden? Also, ich bin kein Hardliner wie Meisner, mir gefallen Richters Pixelchen sogar, aber 200qm (oder so) leuchtende Hommage an den Zufall soll man bitte ins Museum hängen, nur nicht in meine Kirche!
Wer Augen hat zu sehen, sieht doch, dass Richter bewußt die Dekonstruktion jeglicher Ikonographie betreibt – das ist für ihn legitim und verständlich, aber das muss sich die Kirche ja nicht „über’s Bett hängen“!? Bröckelnde Traditionen haben wir genug.
Nun, der Dom mit seiner Überfülle christlicher Ikonographie kann einen theologisch ratlosen Richter sicher verkraften.
Doch es ärgert mich schon, wie bei dieser Diskussion alle auf Meisner eingeschlagen haben. Richter ist in Deutschland eine Luxusmarke wie Prada oder Gucci. Das Domkapitel hat sich ein Luxusfensterchen geleistet, egals ob’s passt oder nicht. Und wehe, wer eine Edelmarke kritisiert! Richter kann machen, was er will; man muss ihn gut finden, wenn man nicht für einen Ignoranten gehalten werden will. Mit Freiheit der Kunst hat das schon lange nichts mehr zu tun!! Im heutigen Deutschland ist ein Gerhard Richter allemal sakrosankter als ein katholischer Kardinal. Richter ist eben schick, und die katholische Kirche ist es nicht.

8. Add a link - September 16, 2007, 13:48

Lila, Meisners Wortwahl ist eine Geschmacklosigkeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger, und es ist zweifelsohne eine bewußte Geschmacklosigkeit. Ich kann kaum glauben, liebe Lila, daß Du als Kunsthistorikerin nicht erkannt hast, daß Meisner, a. a. O., sich auf Hans Sedlmayr bezieht. „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“ So Meisner. Der Verlust der Mitte (Salzburg 1948), ein Bestseller, der heute noch erhältlich ist,
http://www.amazon.de/Verlust-Mitte-Hans-Sedlmayr/dp/3701305374/ref=sr_1_3/028-1022237-7784542?ie=UTF8&s=books&qid=1189924544&sr=8-3
wurde von Sedlmayr nach seiner Entlassung aus der Wiener Universität geschrieben und basiert auf Vorlesungen, die er, ein führender Kunsthistoriker im Nationalsozialismus, ab 1934 gehalten hatte (ebd.). Freilich soll nun nicht mehr der „Reichsstil“ „für Europa eine neue, eine deutsche Mitte“ schaffen,
http://www.albert-ottenbacher.de/sedlmayr/seite3.html
sondern Sedlmayr besinnt sich auf die Religion. Wenn Meisner dies zitiert, weiß er, wovon er redet. Ich wiederum weiß leider nicht mehr, von wem der Ausspruch stammt: „Wer die Mitte verloren hat, soll den Rand halten.“

9. Lila - September 16, 2007, 14:29

Hm hm hm, mir scheint eher, diese Art über Kunst zu reden ist ein bestimmter Jargon, und er hat diese Metapher von der Mitte gewählt, weil es ihm zum Bild vom Kreuz etc paßte. Laß mich nachdenken.

Meinst Du, er hat bewußt Sedlmayrn zitiert? Selbst wenn, fände ich es noch kein Anzeichen für NS-Gesinnung. Sedlmayr hat auch nach dem Ende des Dritten Reichs weiter gelehrt und viele Schüler gehabt. Sein Stil (den ich in vielen deutschen Publikationen noch spüre und unerträglich finde, ebenso wie Worringer und diese ganzen raunenden Burschen) ist bis in die 70er Jahre absolut gang und gäbe gewesen.

Auch gespenglert wurde ja noch gern. Alles mußte bedeutungsvoll etc sein. Ic hatte noch Lehrer, die so daherredeten. Das ist in Deutschland wirklich ganz verbreitet und ändert sich erst letzthin – Geisteswissenschaft als Weltdeutung, Kunstbetrachtung als Kulturkritik, immer mit den Letzten Dingen in der Hosentasche….

Diese ganze wollige Terminologie kann ich einfach nicht ertragen – wer angelsächsische geisteswissenschaftliche Literatur liest, ist für diese Art Schreiberei verloren. Aber Meisner, der 33 geboren wurde, wird wohl seine geistige Prägung in den 50er Jahren erhalten haben. Wie seine ganze Generation. Der große Bruch ist da ausgeblieben, das wird wohl langsam klar….

Sedlmayrs Bücher über Sakralarchitektur sind ja recht populär, es ist gut möglich, daß Meisner die kennt und vermutlich teilt er die Kulturkritik Sedlmayrs. Eine Auseinandersetzung damit wäre interessant, ich bezweifle aber, daß Meisner der richtige für so eine Diskussion wäre. Er hat seine Meinung und sieht vermutlich keinen Anlaß, sie zu ändern.

Aber willst Du mir sagen, daß all die, die jetzt nach seinen Fersen schnappen, ebenfalls Sedlmayr gelesen haben und wissen, wovon die Rede ist? oder springen sie nicht einfach auf das Wort „entartet“ an und damit hat es sich?

Meisners Forderung nach einer christlichen Durchdringung der Kultur mag besser in die 50er Jahre passen. Aber sie reimt sich m.M. nach nicht mit NS-Tendenzen. Nein, hm, die ganze Rede paßt da nicht rein.

Und die Metapher mit der Mitte wird auch in New Age-Kreisen gern benutzt, ganz spaßig eigentlich. Bestimmt wird sich jemand die Mühe machen, die Textstellen zu identifizieren, woher Meisner die Partien seiner Rede genommen hat, in denen er über Kunst spricht.

Meisner repräsentiert die katholische Kirche. Wieso nur sind die Leute jedesmal wieder erstaunt, wenn so jemand unzeitgemäße Dinge sagt? Ob es um gleichgeschlechtliche Ehe oder Kultur oder Frauenbild oder Juden geht – die Positionen der katholischen Kirche sind bekannt.

Ich sehe da irgendwie nicht das große Skandalon. Mich stört es, wenn da wieder die Phrasen von der Brandstiftung und Zündelei aufgetischt werden.

Es ist wohl instruktiv, die Kontinuität der geisteswissenschaftlichen Forschung und Lehre nach 1945 zu untersuchen. Aber Meisnern selbst würde ich nichts weiter als eigensinnigen Kulturkonservatismus vorwerfen.

10. Thatcher - September 16, 2007, 15:40

Ich sehe in diesem Fall deutliche Parallelen zur „Affäre Herman“. Irgendjemand hat irgendeinen Zusammenhang zum Nationalsozialismus hergestellt, sei es unbeabsichtigt oder leichtfertig, und wird von den Medien dafür gesteinigt. Die „Herren der Sprache“ verhängen drakonische Strafen für „falsche“ Worte und Formulierungen, was für sie den Vorteil hat, sich mit den Implikationen des Gesagten, oder dem, was gesagt werden sollte, nicht auseinandersetzen müssen.

Bei Frau Herman wurde auf diese Weise davon abgelenkt, dass sie im Grundsatz den feministischen Mainstream kritisieren wollte und dafür einen mehr als unpassenden Vergleich wählte. Das war eine Steilvorlage für alle, die sie ohnehin schon lange hassten und loswerden wollten. Über ihr Thema wurde aber niemals geredet. Und bei Herrn Meisner ist die Lage ähnlich. Der Mann ist unbequem, er steht den ’68ern und Kultur-Umwertern kritisch gegenüber, er wird gehasst. Doch da er vom Papst eingesetzt ist, können sie ihn nicht entlassen – was ihren Hass und ihren Furor gegen Meisner noch steigert. Er kritisiert mächtige Leute im Kulturbetrieb, in Medien und in der Politik, die auf Kritik sehr empfindlich reagieren und sie durch völlig unverhältnismäßige Skandalisierung unterdrücken. Sicherlich wäre aber auch eine Kritik auf anderer als katholischer Grundlage möglich.

Ich halte es für krass unverhältnismäßig, jemanden für nichts weiter als das Verwenden bestimmter inkriminierter Wörter dermaßen öffentlich anzuprangern, während man gleichzeitig Messerstecher und potentielle Totschläger auf freien Fuß setzt. Das Motto scheint zu sein: „Faschismus selbst ist halb so schlimm, wichtiger ist die permanente Distanzierung von der Sprache des Faschismus“. Selbstverständlich verwendeten die Nazis deutsche Sprache und Wörter. Soll das jetzt alles verdächtig werden? Das kann’s nicht sein, weil da jede Verfolgung notwendig zum Willkürakt werden muss.

Übrigens hatte Meisner mit dieser Sorte Inquisition schon einmal Ärger. In den ’90ern bezeichnete er einmal Homosexualität, Drogen und Terrorismus als „Gifte für die Gesellschaft“, die die europäischen Menschen „ausschwitzen“ müssten. Sogleich schrieen die Medien auf und stellten das Zitat so dar, als habe Meisner Schwule nach Auschwitz deportieren wollen – man beachte den Gleichklang von „ausschwitzen“ mit Auschwitz. Noch heute hängt ihm dieser Geruch an.

Mir ist ganz egal, was Herman und Meisner gesagt haben – ich bin keine Frau und kein Christ. Aber wer Menschen für nichts als sprachliche Ausrutscher derart brutal anprangert und ihre Existenz vernichten will, der steht selbst in beängstigender Nähe zur mittelalterlichen Inquisition.

11. Add a link - September 16, 2007, 15:50

Also, nationalsozialistische Tendenzen sehe ich bei Meisner sicher nicht. Aber ich glaube, daß er bewußt das Wort entartet gebraucht hat. Jedes Schulkind weiß von der Ausstellung Entartete Kunst! Und Meisner ist ja nicht irgendein Dorfpfarrer, sondern Kardinal. Daß er aus der DDR kommt, macht ihn nicht zum Ahnungslosen.

Und ich finde, er hätte dieses Wort nicht gebrauchen sollen. Ich stimme Dir voll und ganz zu, daß „die Phrasen von der Brandstiftung und Zündelei“ fehl am Platze sind. Dennoch ist es eine Geschmacklosigkeit gegen die verfemten Künstler und gegen die verfemte Kunst, ein Wort zu zitieren, das man vermeiden kann. Man kann ihm gerne einen teleologischen Naturbegriff zugestehen, für den, was gegens Telos ist, eben wider die Natur ist. Aber es gibt keinen Grund, dieses Wort zu gebrauchen.

Warum erlaubt er sich das? Hat er die Mitte verloren? Zettel
http://zettelsraum.blogspot.com/2007/09/randbemerkung-meisners-uerung-worin.html
nimmt an, er wollte Aufmerksamkeit durch begrenzte Tabuverletzung.

Zettel sieht übrigens wie ich den Bezug zu Sedlmayr. Wie auch der Kölner Stadt-Anzeiger.
http://www.ksta.de/html/artikel/1189361590006.shtml

Meisner ist nicht ohne jedes Kunstinteresse und in seinem eigenen Verständnis auch nicht antimodern. Er hat neulich erst, im Verlaufe der Fensterdebatte, in einer Zeitung über Joseph Beuys geschrieben. (Ich habe die Quelle leider nicht mehr.) Von daher zweifle ich überhaupt nicht, daß er Sedlmayr kennt und bewußt zitiert. Auch sein Alter spricht ja dafür, denn gerade in den fünfziger Jahren war das Buch populär.

12. Lila - September 16, 2007, 16:44

Thatcher – hallo, ich weiß ja nicht genau, wie die Meinungslage in D. ist. Ich würde doch differenzieren, auch wenn die Reaktionen auf den ersten Blick ähnlich erscheinen. Herman hat in der dümmsten Art und Weise das Dritte Reich als positiven Vergleich für etwas herangezogen, was wirklich nicht den Tatsachen entspricht.

Der NS-Mutterkult war nämlich nicht zum besten der Mütter oder Kinder, sondern einfach zu politisch-demographischen Zwecken, und das NS-Reich hatte keine Hemmungen, Familien auseinanderzureißen, zum gegenseitigen Schnüffeln anzuhalten oder zu vernichten. Das war also sachlich so unter aller Kritik, daß es untragbar war. Außerdem ist sie Fernsehtante, d.h., sie muß Quote bringen. Wo sie Quote gefährdet, muß sie weg, das ist die Logik des kommerziellen Fernsehens. Und heute sind alle Sender unter kommerziellem Druck, auch die nicht-privaten.

Was Herman, deren Thesen schon so arg dünn sind und von ihrem Lebensstil geradezu urkomisch konterkariertt werden, damit eigentlich wollte, ist mir schleierhaft. Ich sehe in ihr jedenfalls keine ernstzunehmende Kritikerin des Feminismus – der letztendlich nichts weiter ist als der post-aufklärerische Individualismus, angewendet auf Frauen. Ohne ontologischen Unterschied zwischen Mann und Weib (der wissenschaftlich aber nicht zu halten ist) kann man den Feminismus nicht aushebeln. Denn alles andere sind logistische Probleme, die sich lösen lassen.

Glaub nicht, daß ich nicht weiß, wie schön es ist, sich um Kinder zu kümmern! Ich weiß das besser als Herman selbst. Soeben riefen meine Kinder an, die gerade mit dem Bus angekommen sind. „Mama, gibt es was zu essen zuhause?“ „Käsespätzle mit Zwiebeln“ „Oh Mama, ich hoffe, du hast VIEL gemacht, ich hab so einen Hunger! Kannst du mir vielleicht auch Limonana machen?“ Und jetzt warte ich auf die Kinder, freue mich, daß noch Semesterpause ist und ich mehr als sonst zuhause bin.

Aber ich würde das nicht zu einer Ideologie aufplustern, das ist alles.

Doch zurück zu Meisnern. Er ist kein Medienfritze, der auf Quote achten muß. Im Gegenteil – ein Teil des Charmes des Katholizismus, im Gegensatz zu den oft so rückgratlosen New-Age-Schmusern meiner evangelischen Kirche, liegt im Aussprechen von Standpunkten, die die säkular-hedonistische Umwelt nicht teilt. Es macht den Katholen nichts aus, gegen den Zeitgeist zu stehen. Da haben sie Übung drin, und sie machen es gut.

Meisner hat nicht das Dritte Reich dümmlich schöngeredet, sondern eine kulturkonservative Formulierung, die auch im Dritten Reich im Schwange war und danach lange etabliert war, benutzt. Deswegen messe ich ihn nicht mit derselben Latte wie Herman.

Ich stimme mit keinem von beiden überein. Herman wird weiter ihre Bücher schreiben. Meisner wird weiter predigen. Und das ist auch gut so, denn kontrovers muß sein. Ich bin gegen Maulkörbe, außer es geht um Verhetzung der Jugend oder wirklich brutale Aussagen und Lügen, die richtiggestellt werden müssen. Deswegen können auch die, die aufschreien und sich gegen M. empören, ihre Kritik offen anbringen. Ob sie wirklich sachlich begründet und angemessen ist, weiß ich nicht – hm hm hm.

Im Falle von Herman – sie ist ihren Chefs vermutlich peinlich. Ich meine, ich habe doch keine ernsthafte Besprechung ihrer Bücher gelesen, sie ist wohl wirklich eher eine Flachdenkerin.

Guck doch mal allein den dussligen Titel mit der Arche Noah an. Was ist die Pointe der Arche Noah? Daß es welche gibt, die mitkommen, und andere nicht. Das wird immer gern vergessen. Noahs Familie überlebt, alle anderen sterben. Ist das wirklich ein Leitbild? Sieht mehr nach Panikmache aus. Oder nach Selbstgerechtigkeit…

13. Lila - September 16, 2007, 16:48

Ja, Add a Link, Du bist eben ein Schlauer. ich hätte den Bogen zu Sedlmayr gar nicht geschlagen. Der ist auf meinem intellektuellen Radar gar nicht drauf 😉 Aber Hut ab für die Assoziation.

14. Thatcher - September 16, 2007, 17:53

Lila, indem Du zwischen Meisner und Herman differenzierst, nimmst Du die über beide maßlos ausgekübelte Kritik inhaltlich viel zu ernst. Ich sehe mehr auf die Intentionen dieser Kritik, und erkenne darin eher Ablenkungsmanöver: Besser, die Öffentlichkeit erregt sich über die Naziworte, als dass man sachlich auf die geäußerte Meinung eingeht. Denn das würde den Herrschenden in Europa ihre Deutungshoheit nehmen.

Beider Thema sind Entwicklungen in der europäischen Kultur seit 40 Jahren, für die vor allem die sogenannten ’68er verantwortlich sind: Geringschätzung von Mutterschaft und Familie, Verhöhnung religiöser Gefühle, sofern es christliche sind, Psychiatrisierung von Delinquenz („die Gesellschaft ist schuld“), Ent-Ästhetisierung von Kunst, Legalisierung von Drogen und Enttabuisierung des Sexuellen. Diese Umwertung der europäischen Werte gibt denen, die heute in Europa herrschen, ihre Macht, weshalb Kritik an ihnen nicht geduldet wird.

Du scheinst den Feminismus völlig zu unterschätzen, wenn Du schreibst, er sei nichts als post-aufklärerischer Individualismus. „Post-aufklärerisch“ heißt jedenfalls „nicht mehr aufklärerisch“, aber eventuell auch gegenaufklärerisch. Schaut man sich an, wie sehr heute wieder die öffentliche Meinung manipuliert wird, um politische Ziele zu erreichen, dann findet man schon Parallelen zum unaufgeklärten Mittelalter. Gegen den Individualismus will ich per se nichts sagen, aber er kann auch übersteigert sein und keinerlei Abscriche mehr machen wollen, und dann wird er für das Gemeinwesen schädlich. Europa hätte die Schwierigkeiten mit einem immer dominanter auftretenden Islam nicht, wenn es mehr inneren Zusammenhalt böte, und Werte, hinter denen sich die Europäer noch sammeln könnten.

Feminismus versucht Keile bis in kleinste menschliche Gemeinschaften zu treiben, indem das Prinzip der Herrschaftskritik bis in jedes partnerschaftliche Leben hineingetragen wird. In der Regel unterdrückt der Mann nicht seine Frau, sondern liebt sie, und es besteht für Frauen kein Grund, sich für einen „Kampf gegen männliche Herrschaft“ rekrutieren zu lassen, der Frauen zweifelhaften Charakters politische Macht einbringt.

Eva Herman hat den Feminismus als schädlich für unser Zusammenleben erkannt und angegriffen, und ist umso glaubwürdiger, als sie früher selbst so dachte, aber dann dahinterkam und jetzt dagegen angeht. Ein Islam-Apostat ist auch glaubwürdiger als jemand, der zwar gegen den Islam hetzt, aber im Wesentlichen keine Ahnung davon hat. Dass sie unbedingt Quote bringen muss, glaube ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht. Wenn damit ihr Rauswurf begründet worden wäre, so würde ich das für einen leicht durchschaubaren Vorwand halten. Denn im öffentlich-Rechtlichen gibt es Sachen, die noch viel weniger Quote bringen – aber offenbar ideologisch so wichtig sind, dass niemand auf die Idee käme, es wegen der Quote zu kippen (schaut irgendjemand Cosmo TV?).

15. Lila - September 16, 2007, 18:20

Thatcher, wir werden uns über die 68er nie einig. Ich habe zu viele Erziehungsratgeber aus prä-68er-Zeiten gelesen, um mir über die Verhältnisse in den Familien große Illusionen zu machen. Hab leider keine Zeit, in das Thema einzusteigen.

Und was den Feminismus angeht: ich glaube, da baust Du einen Dummy auf. Für mich ist, wie gesagt, Feminismus nichts weiter als Anwendung des Prinzips der Aufklärung auf Frauen. Was ist daran destruktiv? Warum sollten Frauen nicht frei ihren Verstand gebrauchen und eigenständige Entscheidungen treffen?

Generationen von Frauen sind eingegangen, weil sie das Recht nicht hatten, ihre individuellen Lebensläufe zu wählen. Nicht weil böse Männer sie daran gehindert haben, das ist gar keine Frage persönlicher Beziehungen. Aber es reicht, einen Roman von Gaskell oder George Eliot zu lesen, um förmlich zu spüren, wie eingeschränkt die Wahlmöglichkeiten von Frauen waren.

Es geht hier gar nicht um Männerherrschaft – oft genug waren es Frauen, die anderen Frauen den Weg verstellt haben. Aber was den übersteigerten Individualismus angeht – warum sollte nur der von Frauen gesellschaftsschädigend sein?

Ich kenne viel mehr Frauen, die auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit endlos sich für andere aufopfern, als Männer, die dasselbe tun. Guck Dir allein mal an, wie viele Frauen im Vergleich zu Männern alte Angehörige pflegen, schlechtbezahlte soziale Berufe ergreifen, sich ehrenamtlich engagieren. Auch berufstätige Familienfrauen zerreißen sich normalerweise, um allen gerecht zu werden.

Wo siehst Du die Heerscharen egoistischer Frauen, die die Gesellschaft zerstören? Siehst Du sie in größeren Mengen als Männer, die dasselbe tun? Ich nicht. Ich sehe Frauen mit Dilemma, Frauen, die alle möglichen Talente haben und noch nicht wissen, wie schwierig es sein wird, in den normalen westlichen Lebenslauf Kinder einzupassen.

Ich sehe aber keinen Grund dafür, ins Biedermeier zurückzukehren und die Mädchen dazu zu verdammen, handarbeitend auf den Prinzen zu warten. Sobald man anfängt, Mädchen Zugang zu Bildung zu verschaffen, öffnet man nämlich Tür und Tor für den bösen Feminismus.

Willst Du das wirklich abschaffen? Würdest Du, wenn Du Söhne und Töchter hättest, einen Unterschied in der Ausbildung machen, um die Mädchen von den Lockungen der Selbstverwirklichung und des beruflichen Erfolgs fernzuhalten?

Ich habe Dir schon öfter so konkrete Fragen gestellt. Das würde ich wirklich mal gern wissen.

Herman ist eine Heuchlerin, die den Kuchen gegessen hat (Karriere gemacht hat) und ihn nun anderen ausreden will.

16. Thatcher - September 16, 2007, 19:08

Lila, Du bist unfair. Jetzt unterstellst Du mir, Dinge behauptet zu haben, die ich nie geschrieben habe. Wo habe ich behauptet, dass „übersteigerter Individualismus“ nur dann schädlich sei, wenn er von Frauen betrieben wird? Lies meinen Kommentar nochmal: Das steht da gar nicht.

Wenn Frauen sich bis heute für ihre Familie stärker aufopfern, als das Männer tun, siehst Du darin eine Einschränkung der Wahlmöglichkeit für Frauen, sei es durch Männer oder durch Frauen, die das männliche Wertebild verinnerlicht hatten? Naheliegend ist das nicht; es wird nur seit 40 Jahren so gepredigt. Schau doch mal in Gesellschaften, die nicht so von unserer westlicher Gesellschaft angekränkelt sind: Die Massai in Afrika, die Indios in Südamerika oder die Aborigines in Australien. Wer ist es denn dort, der sich um die Kinder kümmert, der sich um die Alten kümmert, der die menschliche Gemeinschaft emotional zusammenhält? Die Frauen! Auf die Idee, dass das ein natürlicher Instinkt von Frauen ist, kommt man bei uns aber seltsamerweise nicht.

Dieses „Selbstopfer der Frauen“ bekommen sie aber auch vergolten: Sie müssen nicht wie die Männer ihr Leben auf der Jagd riskieren, keine langen Wanderungen auf der Suche nach Lebensraum machen oder den Clan im Kampf gegen Feinde verteidigen. Diese archaische Aufgabenteilung hat sich eben bis in moderne Zeiten (bis in die 60er Jahre) so gehalten, wenn Frauen trotz vorhanderen Ausbildung wegen der Kinder nicht selbst arbeiten gingen, aber dafür mit ihrem Mann alles gemeinsam besaßen. Erst die ’68er entwerteten diese Lebensform als „Heimchen am Herd“ und ließen nur noch die arbeitende Frau gelten, die sogar idealerweise kinderlos sein sollte. Vielen Frauen, die sich hauptsächlich um ihre Kinder kümmern wollten, wurde so das Glück an ihrer Familie aberzogen.

Es ist infam, mir zu unterstellen, ich wolle den Frauen Bildung vorenthalten. Das habe ich nie gefordert! Es ist auch historisch falsch, zu behaupten, so wäre es früher gewesen. Vielleicht gab es das in ländlichem Milieu, aber im Bürgertum genossen auch die Frauen eine hohe Bildung – und nicht nur, um damit Konversation mit Herren betreiben zu können. Die Bildung von Mädchen war nicht schlechter als die von Jungen. Wer das bei uns beklagt, sollte nicht so laut den Abzug von Tornados aus Afghanistan fordern.

Der Feminismus ist eine Ideologie, die man getrennt von der Frauenbildung sehen muss, obwohl sie behauptet, Frauen erst Zugang zur Bildung verschafft zu haben. Der Feminismus hat sich damit nämlich nie zufrieden gegeben, sondern verfolgt noch ganz andere Punkte auf seiner Agenda – beispielsweise sollen nach den Vorstellungen von Frau Zypries Männer nicht mehr legal feststellen können, ob ein Kind, für das sie Alimente zahlen, wirklich ihr eigenes ist. Das wäre grobes Unrecht an den Männern; zum Glück hat das BVerfG dem einen Riegel vorgeschoben.

Ich bin selbstverständlich dafür, jungen Menschen ihre Möglichkeiten nicht zu verbauen. Wer als Frau von sich selbst aus arbeiten will, sollte das tun können. Doch sie sollten nicht durch Manipulation dazu getrieben werden, wenn sie eigentlich lieber Kinder haben und sich um sie kümmern wollen. Diese Manipulation der öffentlichen Meinung ist mein eigentliches Thema; damit wurde nicht nur zur Nazizeit viel Schlimmes angerichtet.

Und außerdem finde ich, dass Du gegen Herman unbarmherzig bist. Jeder Mensch, ob Schwerverbrecher, Sozialist, Feministin oder Alt-’68er, sollte nicht unbegrenzt für Fehlleistungen aus der Vergangenheit büßen müssen. Ich gestehe jedem das Recht zu, seine Meinung zu ändern – ich habe schließlich als jüngerer Mensch auch falschen Ideen nachgehangen. Vielleicht denke ich in 10 Jahren auch „Wie konntest Du damals nur so gegen die ’68er sein?“ Also hat auch Frau Herman das Recht nicht nur zu schreiben was sie denkt, sondern auch darauf, dass man ihre Gedanken ernst nimmt.

Dennoch rede ich keiner Beliebigkeit das Wort – es sollte schon ein Zur-Vernunft-Kommen sein, und wer sich dazu durchringt, auf seinen Verstand zu hören, verdient nicht Häme, sondern Würdigung.

OT: Meine Kommentare werden heute immer erst zeitversetzt sichtbar. Woran könnte das leigen?

17. RZ - September 16, 2007, 19:09

Selbst wenn Herman eine Heuchlerin wäre, selbst wenn sie das NS-Familienbild falsch dargestellt hätte, ein Grund für eine fristlose Entlassung wäre das nicht.

Es ist sicherlich korrekt anzumerken, daß die Nazis die Familie nur als Mittel zum Zweck gefördert haben. Dieser Zweck war ein demographischer: Soldaten schaffen. Ist das heute anders? Lieben Linke plötzlich die „Keimzelle des Faschismus“? Oder fördern sie diese nur als Mittel zum Zweck, nämlich Rentenbeitragszahler schaffen? (Allerdings ist das sicherlich ein besserer Zweck als Soldaten für einen Vernichtungskrieg erschaffen zu wollen)

Es ist sicherlich korrekt anzumerken, daß die Nazis keine Probleme damit hatten, Familien zu zerstören und Familien zu ermorden. Aber war das in der DDR anders? Hatte die Stasi Hemmungen, Familienmitglieder gegeneinander aufzuhetzen zur gegenseitgen Bespitzelung? Hatten die DDR-Grenztruppen Hemmungen, auf Familien, auf Eltern, auf Kinder zu schießen? Nein? Wieso ist es dann kein Skandal, wenn man die Familienpolitik der DDR lobt?

Bei Herman und Meisner sind dieselben Argumentationsmuster zu beobachten. Statt zu akzeptieren, daß andere Menschen andere Meinungen haben, statt solche Meinungsverschiedenheiten offen zu diskutieren (z.B. Sollte ein Kirchenfenster etwas spezifisch christliches haben? Ist es ein Skandal, wenn ein Kardinal und Erzbischof sich dies wünscht? Welchen Zusammenhang gibt es/sollte es geben zwischen Kunst und Religion? Darf man das Kunstwerk eines berühmten Künstlers nichtssagend/unpassend/beliebig/uninteressant/… finden?) wird lieber skandalisiert, verleumdnet, fristlos entlassen…

Eva Herman wurde nicht entlassen, weil sie etwas skandalöses gesagt hat, oder weil sie etwas polemisches oder polarisierendes gesagt hat (Ist das verboten? Ist der Vorwurf des von meinen Rundfunkgebühren bezahlten NDR-Programmdirektor Herres eines angeblichen „Mutterkreuzzug“ dann nicht auch Grund für eine Entlassung?), sondern weil sie es gewagt hat, eine politisch unkorrekte Minderheitenmeinung geäußert hat.

Ich teile zwar weder Hermans noch Meisners Meinung, aber sowas wie Meinungsfreiheit gibt es doch noch. Nur nicht beim NDR, oder was war nun genau der Grund für Hermans Entlassung?

18. Lila - September 16, 2007, 20:16

Thatcher, nicht böse sein, ich wollte nicht unfair sein und wenn ich es war, tut es mir leid.

Schade, daß ich wieder weg muß und das Thema gerade nicht weiter verfolgen kann.

Ich weiß vermutlich nicht genug über die Hintergründe von Hermans Entlassung, habe es auch nicht als Maulkorb verstanden – schließlich veröffentlicht sie ja weiter Bücher und kann ihre Meinung sagen. Irgendwo habe ich gelesen, daß es Quotengründe waren, weswegen sie entlassen wurde. Aber ehrlich, ich bin absolut keine Expertin für Eure deutschen Geschichten….

19. Add a link - September 16, 2007, 20:41

Habe gerade offline über das Museum gelesen, um dessen Eröffnung es ging.
http://www.kolumba.de/?language=ger
Scheint — auch architektonisch — sehr interessant zu sein. Falls Du mal nach Köln kommst.

20. grenzgaenge - September 16, 2007, 22:38

http://grenzgaenge.wordpress.com/2007/09/16/zeit/

liebe lila,

ich bin noch da. wenn ich nur dazu kaeme deine beitraege zu lesen, von den kommentaren ganz abgesehen *seufz*

herzliche gruesse,
grenzgaenger

21. bla - September 17, 2007, 0:57

beim kardinal ist das ja aber nicht ein seltener ausrutscher; siehe auch http://subwave.blogsport.de/2007/09/14/oops-i-did-it-again-heute-kardinal-meisner/

22. Lila - September 17, 2007, 7:15

Interessanter Link, danke! Bloggen bildet 😉

23. Dominique Omakowski - September 17, 2007, 9:35

Sehr interessanter beitrag, danke!

24. jim - September 17, 2007, 17:05

Lila – Interessanter Link, danke! Bloggen bildet

Dabei ist noch gar nicht so lange her …

http://www.welt.de/politik/article750858/Wenn_es_aus_deutschen_Bischoefen_spricht.html?page=3

Ausgerechnet Bischöfe! Ausgerechnet deutsche Bischöfe! Das sind Männer, die ihren Weg in der Hierarchie der Katholischen Kirche auch deshalb gemacht haben, weil sie es sich zur zweiten Natur machten, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Das sind Angehörige eines Volkes, das seinen Weg zurück in die Gemeinschaft der zivilisierten Nationen auch deshalb machen konnte, weil es die Ungeheuerlichkeit der in seinem Namen begangenen Verbrechen nie relativierte.

25. Lila - September 17, 2007, 17:57

Danke, daß Du mich daran erinnerst – bzw hättest Du´s mal lieber nicht getan.

😈

Fand ich beides üblere Ausrutscher als dieses eine unangebrachte Wort. Vielleicht ist da ja bei der Empörung wirklich eins zum anderen gekommen, das kann ich schon verstehen.

Manchmal fragt man sich wirklich, was sich in so einem Kopf wie dem von Mixa abspielt… und wieso so viele Katholiken glauben, sie müssen nun partout so einen Fritzen verteidigen.

26. jim - September 17, 2007, 22:04

Nicht nur bei dem, es wird doch immer schlimmer, überall, auf allen Ebenen …

http://www.hagalil.com/01/de/Antisemitismus.php?itemid=1251

Bei einem Landesparteitag der sächsischen CDU in Mittwalda bestritt Ministerpräsident Milbradt, dass in der sächsischen Kleinstadt Mügeln eine Hetzjagd von 50 Neonazis auf 8 indische Menschen stattgefunden hat. Gleichzeitig phantasiert der „Landesvater“ vielmehr von einer „Hetzjagd“ gegen die Bewohner der Stadt. Der bildblog.de veröffentlichte gleichzeitig in der Bild-Zeitung abgedruckte Leserbriefe zum „Mutterkreuzzug“ der geschassten Fernsehmoderatorin Eva Herman. Man sieht: Die deutsche Volksgemeinschaft steht zu den „ihren“…

„Recht hat sie, die Frau Herman! Wie war es denn damals im Dritten Reich? Die Mütter als Garantie für heile Familien, genau so wie auch der Bauernstand. Und heute? Scheidungskinder, Schulversager und Gammelfleisch. Damals unmöglich!“ Nein, dieser Leserbrief erschien nicht in der tiefbraunen „National-Zeitung“ des DVU-Chefs Gerhard Frey, und auch nicht in einem Blättchen der neonazistischen NPD. Dies ist die Meinung einer Leserin der „Bild“-Zeitung. Ein anderer „Bild“-Leser schrieb an seine Tageszeitung: „Unsere Mütter haben damals in erster Linie ihre Kinder erzogen — und das gut! Wir kamen aus der Schule, das Mittagessen war fertig. (…) Wir hatten Respekt vor unseren Eltern und vor alten Leuten. Die Verbrecherrate war nicht so hoch wie jetzt.“

27. willow - September 17, 2007, 22:55

@jim:

Laut Staatsanwaltschaft ereignete sich der Übergriff vor einem fremdenfeindlichen Hintergrund, wurde aber nicht von Rechtsextremen organisiert. Die Zusammenrottung des Mobs vor der Pizzeria, in die die Inder in der Nacht zum 19. August flüchteten, sei jedoch geprägt gewesen von „fremdenfeindlichen Äußerungen Einzelner aus der Menschenmenge“.

Es scheint sicher, daß es weder 50 Neonazis noch eine Hetzjagd gab. Ebenso wie es sicher scheint, daß ein von den Indern tätlich angemachtes Pärchen zweier tanzender Männer Auslöser der fremdenfeindlichen Ausschreitungen war. Es gibt eine Menge Probleme mit Nazis und Ausländerfeindlichkeit im Osten, glaube mir einfach, ich bin da selber betroffen/aktiv, und ich stehe garantiert nicht auf Seiten der braunen Brut. Aber Alles und Jeden sofort in die Schublade zu stecken kann auch kontraproduktiv wirken. Den 90% Mügelnern, die nicht NPD wählen hilft das sicher nicht…

28. willow - September 17, 2007, 23:00

PS: Die Diskussion um „Blondie“ Hermann lenkt auf jeden Fall von der aufgeworfenen Fragestellung ab, ob die klassische Familie nun wirklich der eigentliche Ursprung des Nationalsozialismus ist (wie gern von mutigen Antifaschisten thematisiert) oder ob alles Heil der Welt von einer erfüllten Mutterrolle ausgeht. Oder ob sowohl die „Blondies“ als auch die „Alt-68er“ sich in dieser Diskussion den im Zölibat lebenden Priestern anschließen sollten und einfach mal ihre Inkompetenz zugeben… 😉

29. Lila - September 18, 2007, 0:07

Jim – vielen Dank, die Zeile „Scheidungskinder, Schulversager und Gammelfleisch“ ist einfach klassisch. Ja, ich weiß nicht, ob ich wissen möchte, wie weit diese Einstellungen verbreitet sind – vermutlich viel weiter, als man sich vorstellt.

Willow – was den Osten angeht, halt ich mich raus. Da kennst Du Dich besser aus als ich, und ich verlasse mich da auf Deine Einschätzung.

Ho ho, ich komm nicht drüber weg: Scheidungskinder, Schulversager und Gammelfleisch. Köstlich. Man hätte es nicht besser in Worte fassen können!
„Was können Sie uns über sich selbst erzählen?“
„Ich bin Scheidungskind, Schulversagerin und ernähre mich von Gammelfleisch. Und Sie?“

Wär was für Max Goldt.

30. willow - September 18, 2007, 9:08

Ja, das hat schon was… Scheidungskinder, Schulversager und Gammelfleisch” – trifft „lustigerweise“ genauso für die sentimentale Verklärung der DDR-Zeit zu. Da ist man dann nah beieinander, soetwas hätte es damals nicht gegeben!

Da weiß ich dann kaum noch, was trauriger ist, die Stimmen für die „neuen und alten Braunen“ oder die Stimmen für die SED-Nachfolgepartei oder vielleicht sogar die erschreckend geringe Wahlbeteiligung.

31. willow - September 18, 2007, 9:11

PS: Hier ein wirklich guter Artikel von Lutz Rathenow zu dem Thema

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/661669/

32. jim - September 18, 2007, 15:05

Hallo willow,

Mügeln ist kein Einzelfall, ragt allerdings aus der ganzen Reihe strafrechtlich relevanter Fälle mit fremdenfeindlichem Hintergrund, also rechtsradikaler Taten durch seinen pogromartigen Charakter heraus.

Ich denke zu wissen, wie Du es meinst und es ist gut so. Meine Intention bei der Verlinkung solcher Artikel ist jedoch eine andere. Bestürzend ist die Zunahme rechtskonservativer Äußerungen in der letzten Zeit und gerade auch im Zusammenhang mit Mügeln, wie zB die besonders hervorstechende eines Gauweiler, dessen Vita nur zu gut bekannt ist.

Schau mal, Wolfgang Thierse in seinem „Lübecker Appell“ an die Lehrer, 2001:

„Rechtsextreme, ausländerfeindliche, antisemitische Gewalttaten sind dramatische Warnzeichen für die Ausbreitung von Vorurteilen und Hass gegen alles, was fremd ist und gegen jeden, der fremd erscheint.“

Eine Jahr für Jahr schier unaufhaltsam steigende Anzahl rechtsextremer Straftaten ist nur die Spitze des Eisberges. Mangelnder Wille, bzw. die völlige Unfähigkeit der bürgerlichen Mitte zu erkennen und sich endlich zu stellen, ein Symptom für das stetige, scheinbar unaufhaltsam nach rechts gleiten einer ganzen Gesellschaft.

Nun, Leute wie Gauweiler aktuell zu Mügeln, Meisner aktuell zur Entartung deutscher Kultur, Herrmann aktuell zum Zustand der Familie, komprimiert in den letzten Wochen, bestätigen nicht nur dieses Gleiten, sondern befördern es massiv.

Es sieht nicht gut aus.

33. jim - September 18, 2007, 15:13

Um etwas eindringlicher zu verdeutlichen, worum es hier insbesondere geht, vielleicht dieses Zitat des Hans Mayer:

»Empfinde ich mich als Deutscher, nachdem so viel geschehen ist? Geblieben ist die Skepsis gegenüber allen Möglichkeiten der vollständigen Emanzipation von Juden auf deutschem Boden. Es gibt kaum mehr Juden in diesem Lande, und die Generation der glühenden Gefolgsleute ihres Führers stirbt demnächst aus. Dennoch gibt es abermals Nazis unter der jungen Generation. Man schmäht die jüdischen Toten; die deutschen Richter sind bemüht, der Partei neuer Nazis die Legalität zu bestätigen. Noch gibt es ein bisschen Wohlstand. Wie aber, wenn wirklich die Krise eintritt und eine neue Verblendung? Wie es dann zugehen könnte, dafür gibt es viele Beispiele in der jüdischen Geschichte und auch in der deutschen.«

34. Lila - September 18, 2007, 22:49

Jim, danke für Deine Beiträge, auch wenn sie mir arge Bauchschmerzen machen. Sind diese Befunde im alltäglichen Leben bemerkbar? Wie steht man dazu, tut man was, und was???

Ich glaube übrigens, daß Hans Mayer übertreibt. Ich würde doch hoffen, daß die demokratische Tradition sich durchsetzt. Eine neue Verblendung sehe ich nicht am Horizont. Nicht in großem Stil.

Ja aber was macht man mit den Verblendeten????

35. jim - September 20, 2007, 1:32

Ich habe den Eindruck, man ist hilflos, lässt es treiben, ist nicht konsequent genug, verschließt, warum auch immer, die Augen und hofft einfach, dass es nicht schlimmer werden wird.

Gleichzeitig aber wird von den unterschiedlichsten politischen Parteien im Versuch Wählerschichten anzusprechen, populistisch agiert sowie eine strukturell ausländerfeindliche Politik betrieben, was bei schiefer Optik den Eindruck entstehen lässt, rechte Parteien zu schwächen, allerdings viel mehr geeignet ist, in weiten Teilen und quer durch alle Schichten der Bevölkerung rechtsradikales Potential zu fördern, rechtsradikale Überzeugungen zu stärken.

Um nun tatsächlich gegen zunehmenden Rechtsextremismus einigermaßen erfolgreich sein zu können, müsste man einerseits entschlossen sein und andererseits sich mehr damit beschäftigen, woher Rechtsextremismus überhaupt kommt und was dazu beiträgt, dessen Stimulierung zu erleichtern.

Dazu müsste man staatlicherseits aber Psychologie, die Aggressionsforschung, die Rassismus- und Antisemitismusforschung, mit einem Wort die Forschung zum Rechtsextremismus nicht nur bemühen sondern deren Erkenntnisse auch ernst nehmen und vor allem dazu bereit sein, daraus zu ziehenden Schlüsse möglichst umsetzen.

Fest steht, dass autoritärer Charakter und Ablehnung des „Fremden“, das Sündenbocksyndrom, also projizierter Selbsthass, bei einem Gutteil unserer Gesellschaften durch Defizite während der Individuation – insuffiziente Erziehung, Entsprechungszwang, Bestrafung und kaum Empathie durch den Vater, Überforderung und zuwenig Wärme durch die Mutter – je nach dem, mehr oder weniger latent angelegt ist..

Wie sich dies auswirkt, kann zB an der Friedrich-Ebert Studie aus 2000 abgelesen werden:

http://zeus.zeit.de/text/2000/52/200052_fes-studie.xml

Die Forderungen für einen Kampf gegen Rechts sind auf Grund solchen Wissens, ganz grob dargestellt, auf mehreren Ebenen angesiedelt: Einerseits besteht die Forderung nach sofortiger Einstellung der Verharmlosung rechtsextremer, vom so genannten harten Kern begangener Straftaten, die Forderung auf Verzicht fremdenfeindlichen Populismus im politischen Alltag, die Forderung nach mehr Solidarität und sozialer Wärme und um langfristig Erfolg haben zu können, die Forderung nach effizienter Bildungs- und Familienpolitik.

Hans Mayer hat seine Meinung im Wissen um die Verfasstheit unserer Seele gemacht. Er geht dabei von Adornos Überlegungen zu der in unserer Psyche latent angelegten Destruktivität aus, die durch bestimmte Umgebungsbedingungen, insbesondere auf sozio-ökonomischer Ebene, eben sehr leicht stimulierbar sind, bzw. überdeckt und dadurch befriedet werden können.

Er ist der Meinung, dass es durch eine massive Verschlechterung beim Wohlstand, bei weiten Kreisen unserer Bevölkerung zum Kippen des psychischen Gleichgewichtes kommen wird müssen, dass, wenn gleichzeitig ein dazu geeigneter Charismatiker, ausgestattet mit den entsprechenden populistisch-dogmatischen Fähigkeiten, auftritt, es in der Tat zum eklatanten Rechtsrutsch mit den entsprechenden Folgen kommen wird können..

Ich will gewiss nicht schwarz malen, aber es handelt sich hierbei um eine Gefahr, die durchaus besteht und deshalb zitiere ich ihn damit, wann und wo immer es geht.


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