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Sonnige Kindheit September 23, 2007, 18:11

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute, Uncategorized.
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Wenn Y. sich auszieht, sieht man ganz viele sternförmige, braune Zeichen auf seinen Schultern und Oberarmen. Das ist eine Erinnerung an seine sonnige Kindheit. Damals glaubte man nämlich noch, daß die Sonne gesund ist, je mehr Sonne, desto besser – man schmierte die Kinder mit Velveta-Creme ein und ließ sie draußen rumlaufen. Y. mit seinen europäischen Genen und seiner hellen Haut reagierte natürlich mit Bläschen. Wo die platzten, bildeten sich später die braunen Sternchen. Das war in den 60er, 70er Jahren.

Ich erinnere mich, daß bei uns in Deutschland damals Sonnencreme aufkam, die man in die Ferien mitnahm – aber nicht um vor der Sonne zu schützen, sondern um brauner zu werden. (Was bei mir nichts half).

Y.s Vater, mein Schwiegervater, hatte eine noch sonnigere Kindheit. Damals glaubte man noch viel stärker als in den 60er, 70er Jahren an die Kraft der Sonne und frischen Luft. Als drittes Kind des Kibbuz und damit Mitglied der ersten Kindergruppe gehörte er zu den Kindern, die diese geballte Kraft genießen sollten. Sommers wie winters wurden die Bettchen – die eigentlich Tnuva-Kisten waren, also von der Molkerei – an die Luft gestellt. Die Kinder liefen so viel wie möglich pudelnackt herum – oder in kurzen Kittelchen. Sie waren sonnenverbrannt, abgehärtet, immer barfuß. Die Eltern, die selbst körperlich schwer arbeiteten, freuten sich an der Kindergruppe, die ohne Spielsachen, ohne Verwöhnung, ohne mehr als wenige Stunden pro Tag in der Familie, und immer in der frischen Luft aufwuchs.

Mein Schwiegervater hat heute ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu seiner Kindheit. Einerseits ist er stolz darauf, zu einer Pionierfamilie gehört zu haben, stolz auf den unendlichen Fleiß und die Hingabe und den Idealismus seiner Eltern. Er ist stolz auf die unerbittlich hohen Ansprüche, denen er stets unterworfen wurde und die er erfüllt hat. Er ist selbst fleißig, erfolgreich, zuverlässig wie ein Fels und bedürfnislos für sich selbst. Er weiß, daß er das seiner Erziehung verdankt.

Er erinnert sich auch an die liebevolle Betreuerin Shulamit, die heute schon sehr alt ist und die er „einen Engel in Menschengestalt“ nennt(wie er seine Mutter nie nennen würde). Er erinnert sich an seinen ersten Lehrer, der alle Bücher und Lehrmaterialien für die Kinder selbst schrieb und sich keine Pause gönnte – auch er heute uralt, taub, aber hellwach und klar.

Wenn mein Schwiegervater davon erzählt, sehe ich die alten Bilder vor mir – die Truppe Kinder, die statt zu spielen im Schafhaus oder auf dem Feld helfen ging, immer in der Gruppe, immer in Gefahr, den Respekt der Gruppe zu verlieren. Die Gruppe – das war sehr, sehr wichtig. Man mußte gut in der Schule, bei der Arbeit und auf keinen Fall wehleidig sein, um in der Gruppe angesehen zu sein. Die Erwachsenen mischten sich nicht in die Hackordnung der Gruppe, sie glaubten daran, daß die Kinder Konflikte allein abmachen sollten. Ich glaube meinem Schwiegervater, wenn er sagt, daß das manchmal sehr, sehr schwierig war.

Ein paar Jahre nach der Geburt meines Schwiegervaters, der ja das älteste Kind seiner Eltern war und von ihnen mit ideologisch-konsequenter, wohlmeinender Zurückhaltung behandelt wurde (nur kein Freudsches Gestrüpp von Gefühlen!), kam ein kleines Mädchen, eine kleine Schwester zur Welt. Sie hatte einen Herzfehler und starb nach drei Monaten. Das muß ihren ideologisch firmen Eltern das Herz wenn nicht gebrochen, so doch erheblich erweicht haben. Sie haben die Kleine nie vergessen – besonders, weil kurz nach ihrem Tod ein medizinischer Durchbruch solche Probleme heilbar machte und ein anderes Kind des Kibbuz, mit demselben Fehler geboren, überlebte.

Die beiden darauf folgenden Töchter, die wesentlich später als mein Schwiegervater geboren wurden und heute Y.s junge, sehr geliebte Tanten sind, wurden schon nicht mehr mit sozialistisch-korrekter Strenge und Distanz behandelt wie der Älteste, sondern mit liebevoller Sorge umgeben und für Kibbuz-Verhältnisse schon fast verwöhnt. Dem Ältesten, meinem Schwiegervater, nützte das nichts mehr – er war schon in der Rolle des verantwortungsvollen großen Bruders fest etabliert und füllt sie bis heute aus. Ihn hat niemand verwöhnt, weswegen für ihn „verwöhnt“, mefunak, so ziemlich das Schlimmste ist, was man über einen Menschen sagen kann.

Er nannte seine Eltern beim Vornamen, die Schwestern sagten Ima und Aba. Schon in diesen paar Jahren zwischen den Geschwistern änderte sich die Kindheit im Kibbuz ganz deutlich. Doch noch immer war klar, daß die Kinder im Kinderhaus schlafen, daß die Gruppe wichtig ist und die Familie zwar emotional eine Rolle spielte, doch nicht im Alltagsleben.

Wenn sich Kibbuzniks dieser Kinderhaus-Generation treffen, tauschen sie meist den Namen ihres Kibbuz aus und fragen dann nach, „wenn du aus Bet ha Emek bist, dann kennst du vielleicht den Motti?“ „Motti? der war in der Gruppe meiner Schwester“, und so bildet sich ein kompliziertes Netz von Beziehungen. Denn Gruppen-Kinder sind oft genauso wichtig wie biologische Geschwister. So wird mein Schwiegervater den Mädchen aus Y.s Gruppe nie vergessen, wie sie im Krieg um Y. bangten, ihm Päckchen und Briefe schickten, als wäre er ihr Bruder.

Absurde Formen nimmt dieses Gruppen-Bewußtsein schon manchmal an, selbst bei Erwachsenen. Wenn ich von jemandem erzähle, daß er mit Y. seit der Kindheit in einer Gruppe ist, weist er mich schon manchmal zurecht und sagt, „ma pitom, der ist doch erst dazugekommen, als wir schon drei Jahre alt waren“, oder „ach was, die war in der anderen Sechsergruppe im Babyhaus, wir waren erst seit der Kleinkindergartenzeit zusammen“. Das weiß hier jeder, wer mit wem wo und wann in einer Gruppe war.

Als ich hier neu war und zu Y.s Geburtstag die Kumpel aus seiner Gruppe einlud (die damals noch alle hier lebten, das war schön!), beging ich den Fauxpas und lud auch einen etwas jüngeren guten Freund ein, mit dem Y. damals arbeitete. Nachher nahm mich eine aus Y.s Gruppe beiseite und meinte, „wieso hast du den Yoram denn eingeladen? der ist doch aus Sait (hebr. Olive), der gehört doch gar nicht dazu“. Ich so: „hä? Olive? *nix versteh* „… woraufhin sie mir erklärte, daß Y. und sie aus Gruppe Sanddorn sind, Olive zwei Jahre jünger sind und nicht dazugehören. Heute würde sie vermutlich selbst darüber lachen – sie hat einen Siedler geheiratet und lebt in den besetzten Gebieten und findet heute vermutlich Kibbuz und Gruppe Sanddorn gleich entsetzlich….. Aber das war ein Aha-Erlebnis.

Ich hab glaub ich schon erzählt, wie verwundert Y. jedesmal ist, wenn er von Gruppentreffen wiederkommt. Die Mädchen der Gruppe, heute bis auf eine Ausnahme alles selbst Mütter von Großfamilien, erinnern sich an die fiese Metapelet, die ihnen abends Antihistamine gab, damit sie besser schlafen, die ihnen an den Haaren riß, wenn sie gewaschen wurden, und die sehr streng war. Die Jungens erinnern sich dagegen an den Schrecken, den diese fiese Metapelet kriegte, als Shachar, der Unglücksrabe, vom Klettergestell fiel und Gilla schreiend ins Kinderhaus lief: Shachar ist tot! Shachar ist tot!

Die Mädchen erinnern sich an Ängste, Einsamkeit, verborgenen Zorn auf die Eltern, die sich dem Diktat der Kindergärtnerin oder Metapelet fraglos unterwarfen. Die Jungens erinnern sich an Streiche, die sie den Erwachsenen spielten, an die gemeinsamen Shabat-Frühstücke, die ihnen ein jeweils anderer Elternteil im Kinderhaus bereitete, bevor sie dann ins Elternhaus gingen – daran, wie einer der Väter die Kinder in die Luft schmiß und eine Mutter immer phantastische Kuchen mitbrachte. „Yiffis Mutter, die konnte backen! Da waren wir alle neidisch!!“

Ja, und bei den Eltern des besten Freunds gab es eine Schublade, die war bis oben hin voll Schokolade. Y., in einem süßigkeitenfreien Haus aufgewachsen (bis heute kaufen seine Eltern kaum Süßigkeiten, sie mögen sie einfach nicht), war vollkommen fasziniert davon, daß jeder sich aus dieser Schublade bediente und die Schokolade tafelweise verputzte. Die Häuser der anderen Kinder aus der Gruppe waren Erweiterungen des Kinderhauses und des Elternhauses.

Y. erinnert sich nicht an Angst oder Schrecken. Er war ein stiller Junge, der alles sah und wenig sagte, aber er war in der Gruppe immer akzeptiert und hatte Freunde. Seine Eltern, Großeltern und Tanten waren im Kibbuz hochangesehen, hatten immer wichtige Stellen inne und der Status der Familie gab den Kindern Sicherheit. Y.s Eltern liebten ihn, er hatte immer Rückhalt zuhause, auch wenn er nie dort schlief.

Gestern, als mein Schwager hier war, ärgerten die beiden Brüder ihren Vater ein bißchen, wie sie es gern tun. „Weißt du noch“, meinte mein Schwager, „wie Aba immer mit den Ohropax seinen Mittagsschlaf gehalten hat, damit wir ihn nicht stören, wenn wir um vier kamen?“ Mein Schwiegervater meinte, „ja, und Y. war auch immer schön still, aber wie du die Türen geknallt hast!“ „Ja klar, du solltest doch merken, daß du Kinder hast“…

Von vier bis sechs waren Y., seine Schwester und der kleine Bruder bei den Eltern, spielten mit der Mutter (die genial im Spiele-Erfinden war) und wurden dann zurück ins Kinderhaus gebracht. Die Mutter war selbst Metapelet und mußte in ihr Kinderhaus, andere Kinder betreuen.

Der Vater brachte die Kinder eines nach dem anderen in die einzelnen Kinderhäuser, blieb bei ihnen, bis sie im Bett waren, las ihnen Geschichten vor. Er ist sehr stolz auf seine Rolle als Vater und hört es gar nicht gern, wenn seine Söhne das reichlich wenig finden. Wenn er zum Beispiel Erziehungstips gibt und seine Söhne sie nicht annehmen und er sagt, „immerhin habe ich selbst drei Kinder aufgezogen!“, dann gucken die Söhne sich grinsend an und sagen, „ja, aber mit Ohropax war das auch nicht so schwierig!“ Mein Schwiegervater lacht dann nicht mit.

Manchmal erzählt er Geschichten: wie die Mutter eines Kindes und der Vater eines anderen sich ineinander verliebten, ihre Ehepartner verließen und eine neue Familie gründeten (natürlich auch mit vielen Kindern). Oder wie sich ein Vater in die Metapelet verliebte – sowas habe ich auch selbst noch miterlebt. Man lebte eben sehr nah beisammen und Komplikationen gab es immer.

Anfangs, als wir die Kinder hatten, waren Y.s Eltern erstaunt, wie viel Arbeit das ist, und daß uns das so wichtig war. „Zu meiner Zeit hatten alle Leute die Kinder im Kinderhaus, das war eben so“, meinte meine Schwiegermutter. Alle?? Na ja, alle Kibbuzniks eben. Und meine Schwiegereltern kannten auch fast nur Kibbuzniks.

Ein Kibbuznik lernte damals die Welt „bachutz“, draußen, nur selten kennen – vielleicht in der Armee. Die Erziehung im Kibbuz, mit der Betonung der Werte Verantwortung, Selbständigkeit, Teamarbeit, Unterdrückung eigener Wünsche, gab den meisten jungen Kibbuzniks in der Armee einen Vorsprung vor Stadtkindern, und viele wurden Offiziere. Mein Schwiegervater ist das beste Beispiel für einen Mann, der den Kibbuz lang verlassen hat, viele Rechnungen mit dem Kibbuz offen hat, und doch davon überzeugt ist, daß Kibbuzniks allen anderen Spezies überlegen sind.

Kibbuznik zu sein – das ist noch immer ein so bedeutender Teil der Identität, daß sich Kibbuzniks am Telefon nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit dem Namen ihres Kibbuz melden. „Ran aus Kibbuz Dan“, „Juval aus Shoval“ und „Mussa aus Usha“ – zu Anfang hat mich das höchlich amüsiert. Wenn Y. zum Beispiel ein Reisebüro angerufen hat, um einen Flug zu buchen, hat er sich auch so gemeldet, „hier spricht Y. aus Ramat Chaim….“, und ich habe gelacht.

„Ja meinst du denn, der am anderen Ende weiß, wer du bist? wieso sagst du nicht gleich, Y. aus Ramat Chaim, Gruppe Sanddorn…“. Er verstand gar nicht, was daran so witzig ist. Inzwischen… es ist dem Leser gänzlich klar… melde ich mich selbst so. Denn viele Kibbuzim sind bekannt, und wenn man den Namen sagt, hat der andere sofort einen Anknüpfungspunkt.

Autos des Kibbuz haben auch einen Aufkleber mit dem Logo des Kibbuz vorne drauf, so daß sich Kibbuzniks untereinander sofort erkennen. Einmal hielt uns an einer Ampel in Tel Aviv eine alte Dame an, die unser Logo erkannte. „Kommt ihr aus Ramat Chaim?“, fragte sie. Ja. „Also dann könnt ihr mir doch bestimmt sagen, ob bei euch in der Fabrik noch Wäschestärke hergestellt wird. Die war immer so gut. Sonst kriegt man sowas ja in Israel nicht“. Leider mußte Y. sie enttäuschen, nein, die Wäschestärke wird nicht mehr produziert, leider. Die alte Dame war natürlich Yekke, wer würde sonst in Israel Wäsche stärken wollen?

Oder vor ein paar Tagen, als wir mit Tertia Perlen von ihrem Geburtstagsegeld kaufen gingen. Ich hatte einen Gutschein für Steimatzky geschenkt bekommen, die große Buchladen-Kette, und da ich weiß, daß der beste Steimatzky in Em HaDerech auf dem Weg nach Tel Aviv ist, fuhren wir dort hin. Als ich voll beladen zur Kasse ging, fragte die Filialleiterin: seid ihr Kibbuzniks? Es stellte sich heraus, daß es für Kibbuzniks Prozente gibt – vermutlich, weil in unserem Kibbuz eine kleine Steimatzky-Filiale existiert. Aber wie hat sie uns das angesehen? Ja, das sieht man eben, meinte sie. Tatsächlich passiert es mir immer wieder, daß Leute uns die Kibbuzniks ansehen. Kibbuzniks sind schlampig-lässig und tragen wohl unsichtbare die sichere Hülle ihrer geborgenen Existenz mit sich – ist meine Theorie.

Ich glaube , Kibbuzniks werden von anderen Israelis als arrogant wahrgenommen. Das liegt auch daran, daß wir links denken, wählen und uns engagieren – wir werden als naiv, verblendet, gefährlich idealistisch angesehen. Daß Kibbuzniks ihre Hilfe ohne Ansehen der Personen anbieten – daß in Kibbuzim während der Kriege Leute aus Gebieten unter Beschuß aufgenommen worden, nach der Räumung des Gazastreifens Siedler und heutzutage Flüchtlinge aus Darfur – daß Kibbuzniks im Bewußtsein ihrer eigenen Perfektion mit allen anderen gut auskommen… das stört viele, wirkt abgehoben, moralapostelnd.
Da ist auch was dran, an diesem Ruf der „snobbiut“, auch wenn jüngere Kibbuzniks ihr Gottesgnadentum nicht mehr so deutlich spüren oder zeigen. Der Unterschied zwischen der Kindheit meiner Kinder und der Kindheit ihrer Freunde aus der Stadt ist eben nicht mehr so eklatant, und darum vielleicht ist die Absonderung nicht mehr so groß. Ohne Zweifel eine positive Entwicklung.

In der Armee, an den Hochschulen, auch in den oberen Etagen in der Industrie sitzen aber immer noch viel mehr Kibbuzniks, als es unserem Bevölkerungsanteil entspricht. Der Rektor einer Hochschule erzählt als erstes, daß er alle vier Wochen in seinem Kibbuz im Kuhstall arbeitet. Er trägt keine Krawatte, statt dessen sommers wie winters Sandalen. Das wirkt wie eine Form der Arroganz in Shorts und Gesundheitssandalen – wir haben es nicht nötig, uns wie Städter in Schale zu werfen (obwohl auch der israelische Städter das nur sehr bedingt tut).

Im Dining Room laufen alle in Arbeitsklamotten rum, so Blaumännern und Latzhose und den berühmten Klempnerhosen (die so ins Rutschen kommen, wenn sie sich hinknien – Ihr wißt schon…). Alles blue collar. Aber die meisten dieser blue collars haben studiert und sind Ingenieure oder sonstwas. Auch in der Fabrik sieht man wenig Business-Chic, obwohl der neue Manager Hemden eingeführt hat, mit dem Logo der Fabrik. Vorher hat auch Y. immer nur Arbeitsoveralls getragen, in denen er genauso aussah wie die ungelernten Arbeiter.

Ein Teil dieses Selbstbewußtseins der Kibbuzniks liegt in der sonnigen Kindheit begründet, darin, daß die Kinder nach wie vor mit dem Bewußtsein aufwachsen, daß es nichts Besseres gibt als eine Kindheit im Kibbuz. Das stimmt zwar nicht, wenn die Eltern schwachen Status haben und das Kind von der Gruppe ausgestoßen wird – wenn die Familie unglücklich ist oder den Kibbuz gar nicht mag – wenn die ErzieherInnen, der Erziehungsausschuß oder sonst jemand der Familie das Leben schwermacht – alles das macht eine Kindheit alles andere als sonnig, und das Bestehen der Umgebung auf der Überlegenheit ihrer Lebensweise kann das Unglück noch verstärken.

Heutzutage hat die Familie eindeutig die wichtigste Rolle im Leben der Kinder, mit allen Vor- und Nachteilen. Der Gruppendruck ist nicht mehr so stark – meine individualistischen Kinder, Primus und Tertia, ziehen sich lieber zuhause zurück als mit der Gruppe was zu unternehmen. Meine gruppenorientierten Kinder, Secundus und Quarta, haben alle Möglichkeiten, sich pausenlos mit Freunden zu umgeben. Aber die Schutzräume sind gewachsen.

Man stelle sich vor, als Y. aufwuchs, hatte er nur seine Ecke im Kinderhaus mit Bett und Nachttisch, bei der Metapelet zwei Regale für „feine“ und „Arbeits“-Kleidung, bei seinen Eltern vielleicht eine Schublade, und das war´s. In der High School teilte er sich sein Zimmer mit zwei Mädchen, erst als Soldat bekam er ein eigenes Zimmer – aber natürlich in einem Gebäude, das er mit seinen Freunden teilte. Niemand klopfte da an eine Zimmertür, Privatleben gab es eigentlich nicht. Als ich ihn kennenlernte, war er gerade in seine erste „erwachsene“ Wohnung gezogen, ein kleines, idyllisches Häuschen mit Küche, Wohnzimmer, Terrasse, Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Ich habe dieses Häuschen sehr geliebt und es erst verlassen, als wir Secundus erwarteten.

Alles das ging mir durch den Kopf, als ich diese Besprechung eines Films las, den ich sehr gern sehen würde. Er heißt „Kinder der Sonne“, daher mein Titel.

Auch Sweet Mud hab ich verpaßt, was wirklich schade ist. Als Ergänzung zu diesen Erinnerungen und Gedanken aus meinem privaten Kosmos können auch die Bilder bei Flickr dienen. Schade, daß mein alter Blog nicht mehr erreichbar ist, da habe ich ja mal sehr viel über Erziehung im Kibbuz geschrieben. Es ist ein längerer Eintrag geworden als geplant, aber hm, so ist er nun mal. Ich persönlich glaube, die Journalistin hat recht, wenn sie schreibt,

For better or for worse, the kibbutz movement is an inextricable, if not a central, component of Israeli identity. The debates, passion and despair on the screen mirror the changes that Israeli society has undergone during the period the film covers – and is still undergoing.

Und noch etwas habe ich dazu heute gelesen, das dazu paßte… wo war das noch? Richtig, in einer Buchbesprechung.

In Israel, the great majority of the elite that calls itself secular is an Ashkenazi-European elite, and it is in possession of a distinctly Eurocentric thesis. „Secularism“ is really a synonym for the ideology of the liberal left […]

Here it is important to note the fascinating reversal that exists between Europe and Israel. In Europe, Christian religion serves as a cultural barrier protecting the Europeans from the „invasion“ of „Third World“ immigrants; Christianity gives Europe back to the „Europeans,“ and it helps them to formulate their new identity. In Israel, by contrast, it is „secularism“ that performs a similar function, playing a central role in the attempt to imagine Israel as „the Europe of the Middle East,“ which is explicitly contrasted with the Arab world around it, perceived as traditional and fundamentalist, never as secular.

Ganz interessant, führt vielleicht zu weit. Aber die Idee des Kibbuz ist europäisch geprägt und säkular – und die säkulare, also nicht primär am Judentum ausgerichtete Identität heutiger Israelis trägt die Spuren dieser sonnenverbrannten, bekittelten Kinder, die ich hier hier geschildert habe.