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Redensarten Dezember 6, 2019, 1:04

Posted by Lila in Ivrit, Uncategorized.
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Wie meine treuen Leser wissen, versuche ich beim Hebräisch-Sprechen sinnloserweise, aber desto eifriger, die Spuren meines Akzents zu verwischen. Dazu kommt echter Spaß an der knappen und trockenen Art, mit der das Hebräische Anerkennung oder Verachtung ausdrückt, oder auch bestimmte Haltungen. Darum bin ich bekennender Fan des hebräischen Slang. (Ich muß es auch sein, sonst würde ich meinen Mann nicht verstehen).

Auch beim Slang gibt es wechselnde Moden. Vielleicht sogar noch schneller als in der Mode, wo man doch in den Zeitungen sehen kann, daß man dieses Vierteljahr unbedingt nieten- oder fellbesetzte Schlüppchen tragen muß (die man dann im Februar wegwerfen kann). Keiner sagt also mehr chaval al ha zeman oder sof haderech, genauso wie niemand mehr dufte oder oberprima oder affengeil sagt (falls das je jemand getan hat).

Dabei war das wegwerfend dahingesagte, überaus anerkennende chaval al ha-zeman wirklich nützlich. Enigmatischerweise heißt es nämlich wörtlich „schade um die Zeit“. Ein Beispiel. „Wie war die Party?“ „schade um die Zeit!“ bedeutete eben nicht „wäre ich mal zuhause geblieben und hätte eine belehrende Sendung mit Dr. Avshalom Kor geguckt*“, sondern „wow, die war so gut, daß es Zeitverschwendung wäre, sie dir zu beschreiben, weil du es sowieso nicht begreifen würdest!“

Chaval al ha-zeman war jahrelang in aller Munde. Als ich hörte, wie Grundschulkinder es in „chablaz“ abkürzten, war mir klar, daß das letzte Stündlein dieses Ausdrucks gekommen war. Heute sagt es kaum noch jemand, außer ein paar Omas und Opas, die meinen, dann finden die Enkelkinder sie toll.

 

Sof ha-derech war auch eine Zeitlang populär. Es bedeutet wörtlich „Ende der Straße“ und klingt damit wie das englische „end of the road“, aber es ist ein böser false friend, denn es ist keineswegs ein Endpunkt, sondern so wie ein ganz toller Preis am Ende der Straße, ein Höhepunkt. Danach kann nichts Besseres mehr kommen. Inzwischen ist auch diese Redensart an ihrer letzten Haltestelle angekommen, und ich habe lange nicht mehr gehört, daß jemand sof ha-derech sagt.

 

Statt dessen ist ein neues Modewort dran – alle sagen metoraf.  Wahnsinnig. Wenn ich für jedes einzelne Mal, daß ich jemanden metoraf sagen höre, einen halben Shekel kriegte, wäre ich nach wenigen Wochen im Besitze eines hübschen Teleskops mit allem Drum und Dran. Einfach Wahnsinn.

Teruf und shigaon sind Synonyme, so wie Wahnsinn und das alte WortTollheit. Shigaon kann man auch sagen, und man sagt immer noch über Leute, daß sie meshugge sind (meshuga bei Männern, meshugaat bei Frauen), aber das klingt nicht gerade wie eine Empfehlung.

Es sei denn natürlich, man ist Sarit Chadad und kann damit kokettieren, daß alle einen für ein bißchen meshugaat halten. (Eyal Golan singt ein Lied namens Metoraf, sehe ich gerade, aber es ist so fürchterlich, daß ich es nur verlinke, für Leute, die wirklich hart im Nehmen sind.)

Wie war der Film? Metoraf. Der Urlaub? Metoraf. Der Berufsverkehr? Natürlich auch metoraf. Je nach Gesichtsausdruck und Gestik versteht man schon, auf welche Art und Weise metoraf. Ich habe von dem Wort die Nase voll und warte aufs nächste.

 

Abgesehen von diesen wechselnden Superlativen, die so oft benutzt werden, daß sie gar nichts mehr bedeuten, hat das Hebräische aber die Kunst der Verknappung perfektioniert. Ein Grund, weshalb es so leicht ist, mit wenig Ivrit schon schöne Unterhaltungen zu führen, ist diese Verdichtung ganzer Sätze in ein Wort.

(Da das Hebräische Präfixe und Suffixe an das Verb hängt, spart man das ganze ich, du, er, sie…… sowie auch mein, dein, sein, ihr, und Hilfsverben werden nur in einer Art Konjunktiv benutzt. Das spart ganz schön bei der Wortzählung. Deutsch: ich bin gegangen, drei Wörter. Hebräisch: halachti, ein Wort.)

 

Noch ein paar Beispiele für knappe idioms, die ich schätze.

Ein sechel, ein bayot – kein Verstand, keine Probleme, das sagt mein Mann manchmal.  Hingeschrieben sieht es nicht so witzig aus, wie es klingt, wenn mein Mann damit eine Situation zusammenfaßt.

 

Katonti sagt man, wenn man ausdrücken will, daß man klein (katan) unwürdig ist. Wenn man zum Beispiel einer Koryphäe widerspricht, sagt man, „also katonti, aber vielleicht sollte man es auch mal von der oder der Seite betrachten?“ Mit dem katonti (ich Wurm) kommt man dann gleich der Kritik zuvor, daß man ja keine Ahnung hat. Eine recht elegante Art, sich als Underdog zu positionieren und die Kritik doch anzubringen.

Natürlich kann man mit katonti auch eine Niederlage einräumen, wenn die Koryphäe einem nämlich geantwortet hat und vom eigenen Argument nichts mehr übrigbleibt. Dann kann man mit katonti zugeben, daß die andere Seite die besseren Argumente hat.

Rosh katan (wörtlich: kleiner Kopf) benutzt man für Leute, die sich keinen Kopf machen, also die Leute im Team, die keine Verantwortung übernehmen und keine Meinung haben. „Da spiele ich rosh katan“ sagt man, wenn man eine Aufgabe nur irgendwie hinter sich bringen will und keine Lust hat, die Leitung zu übernehmen, Ideen einzubringen oder sich wirklich nützlich zu machen.

Higdil bzw higdila rosh, er bzw sie hat den Kopf vergrößert, sagt man dagegen anerkennend über Leute, die vom rosh katan zum rosh gadol (großen Kopf) geworden sind.

 

Titchadesh sagt man zu Männern, titchadshi zu Frauen, die sich gerade was Neues gekauft haben, die Frisur, Augenbrauen oder Schuhe haben überholen lassen. Chadash heißt neu, und wörtlich heißt das Wort: erneure dich! Sinngemäß: Glückwünsche zum Kauf. Man kriegt es im Laden hinterhergerufen, wenn man bezahlt hat, aber auch von aufmerksamen Freunden und Kollegen, denen auffällt, daß man irgendwie anders aussieht. Es ist ein diplomatisches Wort, weil es nichts darüber sagt, ob die Veränderung zum Guten oder Schlechten ist.

 

Dai heißt genug, hör auf.  Die Steigerungsform ist dai kvar, enough already!,  und es ist für europäische Ohren deutlich gewöhnungsbedürftig, wenn man hört, wie Eltern dem Kind, das sich bockig auf dem Boden wälzt, sagen: dai!  Aber sie wünschen ihm keineswegs den Tod, sondern finden nur, genug geweint und gewälzt.

In den letzten Jahren hat sich außerdem eingebürgert, dai als Ausdruck der Ungläubigkeit zu benutzen, besonders Frauen tun das oft (und machen eine Handbewegung dabei, so ein Abwinken). Hör auf! dai! Kann doch nicht sein!  Gibts nicht!  Ich finde kein deutsches Wort, das dai ersetzen könnte.

 

Über das berühmte nu hat Kishon eigentlich schon alles gesagt, was zu sagen ist. Es ist in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen, weil es altväterlich-jiddisch klingt, aber trotzdem versteht es jeder. Nuuu….? fragt man Frauen am Ende der Schwangerschaft, nu kvar! ruft man trödelnden Kindern zu (wirds bald! der Schlachtruf meines Vaters) und ganz knapp NU?, wenn man schnell eine Antwort haben möchte.  Mit ironischen Augenbrauen bedeutet nu auch: das habe ich dir gleich gesagt, und nuuuuu kann man quengeln, wenn man ganz dringend was haben oder wissen will. Nu tov, na gut, jetzt könnt ihr mit dieser Liste schon zwei Wochen in Israel über die Runden kommen und werdet für Euer Hebräisch bewundert.

 

* Geständnis: ich habe Avshalom Kors Sendungen über die hebräische Sprache schon genossen, als ich nur wenig davon verstanden habe. Y. hat sie mir nämlich empfohlen. Und heutzutage gehört seine Radiosendung am frühen Morgen zu meinen und Y.s Morgenritualen. Wenn wir nämlich zusammen zur Arbeit fahren, was zweimal die Woche passiert, hören wir sie im Auto, trinken dazu Kaffee und das ist lehrreich und gemütlich zugleich. Vor einem Jahr habe ich Kor persönlich getroffen, bei einer akademischen Veranstaltung, war aber zu schüchtern, ihm zu sagen, daß ich mit seinen Sendungen vor 32 Jahren praktisch Ivrit gelernt habe.

 

 

(Beim Rumstöbern, um sicherzugehen, daß ich nicht irgendwas fürchterlich mißverstanden habe, habe ich diesen Blog-Eintrag gefunden – leider auf Ivrit, über die Verknappung und Ellipse in der hebräischen Umgangssprache. Falls jemand Interesse hat.)

Von Asche und Erde Dezember 2, 2019, 20:28

Posted by Lila in Deutschland, Uncategorized.
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Bisher hatte ich nicht von ihnen gehört, war vielleicht besser so. Das Zentrum für politische Schönheit rühmt sich seiner Aktionen – politische Aktionen, die sich als konzeptuelle Kunst ausgeben, meinetwegen.

Als ich heute früh über ihre neuste Aktion las, erstarrte ich innerlich so eiskalt, daß ich nicht reagieren konnte, es auch nicht wollte.

Eine Gedenkstätte mit der „Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands“ haben die Aktionskünstler des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS) nach eigenen Angaben am Montag in Berlin gegenüber dem Reichstag errichtet.

Dazu habe man, so die Aktivisten in einer Pressemitteilung am Montag, „Knochenkohle, sedimentierte Asche und menschliche Fragmente“ unter anderem aus der Nähe von Auschwitz zusammengetragen und in einer Säule sichtbar gemacht. Es handele sich um Überreste der Opfer, die von den Nationalsozialisten überall hinterlassen worden seien. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine seien von den Aktivisten Proben entnommen worden. Laboruntersuchungen hätten „in über 70 Prozent Hinweise auf menschliche Überreste“ ergeben.

Die Gedenkstätte im Berliner Regierungsviertel sei, so die Aktivisten, ab sofort zugänglich, „offiziell“ aber nur bis Samstag genehmigt, hieß. An diesem Tag soll es dort einen „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD“ geben.

Ich bin noch immer so entsetzt und zornig, daß ich es schwierig finde, zu schreiben.

Sogar eine Karte zeigt an, wo z.B. solche Erde entnommen wurde.

Auch wozu sie dienen soll, wird erläutert.

Es werden also die Leichenteile der brutal Ermordeten, denen das Grab verweigert wurde, jetzt zum Zapfenstreich gegen die AfD eingesetzt? Wie weit kann man tote Juden noch instrumentalisieren?  Bürgerrechte, Menschenwürde, Haare, Schuhe und Goldzähne wurden ihnen genommen, die Kinder entrissen, die Arbeitskraft ausgenutzt, sie wurden brutal gedemütigt und entwürdigt, bevor sie ermordet wurden – und sie haben keine Gräber. Die Erde, in der ihre Asche ruht, ist für Juden aus aller Welt ein Ort, an dem sie der Toten gedenken.

Leichen toter Juden, denen man alles genommen hatte, wurden noch geschändet, indem man Experimente mit ihrer Haut und anderen Körperteilen machte.

Das alles ist bekannt.

Wie wichtig die Totenruhe für Juden ist, habe ich mehrmal erläutert. Jüdische Friedhöfe werden nicht eingeebnet, Gräber bleiben für die Ewigkeit, Kremation ist unüblich.

Als Y.s Oma starb, begruben wir sie im Kibbuz. Sie war die Älteste von vielen Geschwistern, alle im Warschauer Ghetto gestorben, bis auf die Jüngste. Y.s Großtante konnte sich durch die Kanalisation retten und wurde von einer polnischen katholischen Familie gerettet. Sie stand also am Grab ihrer ältesten Schwester und sagte leise: „wenigstens hat sie ein Grab“. Denn weder ihre Eltern noch Geschwister, noch die vielen Vettern und Kusinen, über die sie in Yad VaShem Zeugnis ablegte, hatten ein Grab.

Nach einigen Stunden sah ich, daß bei Twitter kritische Nachfragen kommen.

Und jetzt seht Euch diese Antwort an. Wo waren die Opfer des Holocaust, bevor diese selbstzufriedenen, kaltschnäuzigen, gewissenlosen „Künstler“ sich daran erinnert haben, daß man ja mit ihnen den Aufmerksamkeitsfaktor für eine Aktion in die Höhe treiben könnte?

Gab es tatsächlich kein Gedenken?

Gedenken, an dem das Zentrum für politische Schönheit nicht beteiligt ist, von dem es nichts weiß und auch nicht wissen will, gilt nicht.

Ich habe mich dann natürlich in die Diskussion eingemischt, was ich schon heute früh hätte tun sollen.

Immerhin bekam ich nur eine dummdreiste Antwort, was mir den Glauben an die Menschheit wiedergab. Die meisten waren entsetzt oder zumindest skeptisch. Bei Facebook geben sich einige Kommentatoren tatsächlich beeindruckt.

Einen Moment des Innehaltens, ob man tatsächlich bis zum Gebrauch von Leichenteilen den Holocaust für die eigenen politischen Zwecke mißbrauchen darf, scheint es bei diesem Zentrum nicht zu geben – sie haben den Holocaust schon mehrmals für sich vereinnahmt, wie die Wikipedia-Seite zeigt. Die Frage, ob es Nachkommen der Täter zusteht, sich Knochen und Asche der Opfer anzueignen, um sie als Waffen in einem innenpolitischen Rundumschlag gegen Konservative, Faschisten, Nazis, Rechte und AfD (ist ja alles irgendwie dasselbe) (Sarkasmus-Flagge gehißt) einzusetzen, scheint ihnen nicht gekommen zu sein. Auch jetzt sehe ich keinen Ansatz von Einsicht.

Es ist dieselbe Mentalität. Wir bestimmen, wo die Juden leben, wie sie leben, ob sie leben, wann und wie sie sterben. Nicht mal über ihre Knochensplitter haben sie Autonomie.

Und was, wenn diese „Künstler“ gar nicht in der Erde gescharrt haben, sondern einfach im Gartencenter Kompost gekauft haben und den jetzt in einer Säule zur Schau stellen?

Auch das würde nichts an der Dreistigkeit ändern, mit der sich an Leid und Trauer anderer vergriffen wird. Es würde mich nicht wundern, wenn das von A bis Z nur eine einzige morbide Show ist, unter dem Mäntelchen der politischen Korrektheit und selbstgerechten Arroganz. Verstören wollen sie – aber warum die Opfer verstören, warum nicht die Täter?

Eine Aktion, die paßgenau mit der wachsenden Judenfeindlichkeit in Europa zusammengeht, dem Unwillen, der jüdischen Perspektive auch nur einen Gedanken zu schenken. Corbyn, der sechs Gelegenheiten verstreichen läßt, sich gegen Antisemitismus auszusprechen. Umfragen, die bezeugen, wie übel Europäer es den Juden nehmen, zu viel über den Holocaust zu reden (den doch das komische Zentrum gerade erst aufgedeckt hat!). Ich bin entsetzt, hoffe aber, daß sich Protest dagegen regt.

FR gibt die Meldung unkommentiert weiter, ebenso die Welt. Sehr guter Kommentar: Aschfahl  

Die SZ findet es natürlich gut.

Doch, die Aktion ist gelungen. Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten. Die Frage wäre heute wohl eher, ob die Nachfahren jüdischer Holocaust-Opfer Anstoß daran nehmen könnten, dass die Überreste ihrer Vorfahren hier, eingegossen in von innen beleuchtetem Klarsichtharz, auch deutlich an eine katholische Reliquienmonstranz erinnern? Vielleicht ist das Haarspalterei.

Haarspalterei, wie man sie von Juden ja kennt.

Pfui Teufel.

Ein weiteres Twitter-Bonbon:

Die Vorstellung, daß jüdische Leichenteile mehr bedeuten könnten als ideologisch-aktivistische Manövriermasse, die man von Ort zu Ort schafft, scheint manchen Leuten sehr fern zu liegen. Da hat einer die moralische Selbstgerechtigkeit mit Spaten gefressen.

Weitere Stimmen dazu: Ruhrbarone und Ramona Ambs. Auch sehr lesenswert: Enno Lenze. 

Und jetzt! November 21, 2019, 17:33

Posted by Lila in Land und Leute.
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Um 19.30, also in zwei Stunden, wird Mandelblit bekanntgeben, zu welchem Ergebnis er gekommen ist – ob Netanyahu sich vor Gericht verantworten muß oder nicht. Auch die Schwere der Anklage spielt eine Rolle, aber selbst wenn er nicht wegen Korruption, sondern „nur“ wegen Amtsmißbrauch oder Vertrauensbruch angeklagt wird (Pardon, ich weiß eigentlich gar nicht, wie man die hebräischen Ausdrücke ins Juristische übersetzt), reicht das wohl, um ihn für den Job des PM von Israel zu disqualifizieren.

Eine Stunde später wird Netanyahu ebenfalls eine Erklärung abgeben.

Inzwischen hat sich schon eine Likud-Abgebordnete auf Saars Seite geschlagen, und Miri Regev hält Netanyahu die Fahne.

Ich hoffe so sehr, daß die Wähler keine Ohrfeige kriegen und zum dritten Mal ins Kabäuschen müssen, daß ich sehr auf die Idee setze, Edelstein oder Saar könnten Bibi ablösen. Beides gute Leute. Zwar ist meine politische Schnittmenge mit ihnen kleiner als mit z.B. Gantz, aber die Hauptsache ist mir nicht, daß jemand mit meinen Ansichten auf den „Sitz mit Hirschleder“ kommt, wie man Ehrenplätze der Macht auf Hebräisch nennt. Sondern daß die israelische Demokratie wieder laufen kann. Die ungelöste Frage, wie es mit Netanyahu weitergeht, hat bisher die Situation blockiert.

Und jetzt? November 21, 2019, 8:22

Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.
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Die Frist, in der Benny Gantz eine Koalition hätte zusammenbasteln können, ist abgelaufen. Nachdem Bibi mehrmals damit gescheitert ist, war ziemlich klar, daß auch Gantz es nicht schaffen würde. Das Schaf kann entweder mit dem Kohlkopf oder dem Wolf koalieren, aber nicht mit beiden. Gantz steht dort, wo die Fäden sich kreuzen – zwischen Links und Rechts (Metaphern, die nicht wirklich auf Israel passen), zwischen säkular und religiös. Er könnte mit Links uns säkular koalieren (Meretz plus Baraks Partei, Avoda plus Gesher), mit Rechts und säkular (Liberman), und auch mit den religiösen Parteien könnte er vielleicht einen Kompromiß finden (sowohl modern-orthodox und säkular a la Bennet und Shaked, als auch Haredim). Aber die Zahlen reichen nicht, und Libermann wird weder mit den Ultra-Orthodoxen noch Meretz in einer Regierung sitzen.

Und solange nicht klar ist, ob es zu einer Anklageerhebung gegen Netanyahu kommt, werden weder Liberman noch Gantz mit ihm eine Koalition eingehen. Das sind Wahlversprechen, die diesmal eingehalten werden – keiner möchte als Netanyahus Partner auftreten, wenn der als Angeklagter vor Gericht sitzt. Selbst Amir Peretz ist nicht umgekippt.

Das hatten wir also alles schon, es war auch eigentlich schon am Wahlabend klar. Ja es war schon letztes Jahr klar, als Liberman die Regierung verließ und Netanyahu Neuwahlen ausrufen mußte, weil er keine neue, stabile Koalition finden konnte. Im April dasselbe Spiel, kein eindeutiges Wahlergerebnis, und im September noch einmal.

Man kann die Schuld bei allen möglichen Parteien und Personen suchen, aber es ist ziemlich klar, daß das Problem in den ungeklärten Vorwürfen gegen Netanyahu liegt. Wenn Mandelblit heute veröffentlichte, daß die Vorwürfe gegen ihn unbegründet sind, hätte er sofort Koalitionspartner. Und wenn es zur Anklage kommt, selbst wegen „minderer“ Vergehen, und er vom Fenster weg wäre, dann würde ein anderer die Likud-Partei übernehmen und der Weg zu einer Koalition wäre ebenfalls frei.

Nicht jeder sieht es so, aber ich glaube, Netanyahu würde bei Wahlen im März 2020 weiter an Unterstützung verlieren. Den Nimbus des Zauberers jedenfalls hat er schon vor einem Jahr eingebüßt, und sein Abstieg in Etappen ist deutlich erkennbar.

Aber noch sind drei Wochen bis zur Entscheidung zu Neuwahlen. In diesen drei Wochen liegt das Mandat nun bei der Knesset. Israel war noch nie in dieser Lage, daß zwei Kandidaten mit der Regierungsbildung gescheitert sind, aber jetzt ist es theoretisch möglich, daß jeder beliebige Abgeordnete eine Koalition auf die Beine stellt und damit zum Präsident geht.

Ich weiß nicht, ob jemand diese Chance ergreift – aber ich hoffe es, denn ein drittes Mal Neuwahlen wäre eine Katastrophe. Die Wähler haben zweimal das Ihre getan, und die Politiker müssen nun daraus was machen. Um uns herum organisieren sich der Iran und seine Satelliten zum Angriff, innenpolitisch fehlen Budgets, Entscheidungen, klare Linien. Neue Minister führen eifrig Neuerungen ein (Verkehrsminister Smutrich z.B. macht interessante Experimente mit Mitfahrer-Spuren, die aber ein bißchen auf die Schnelle zusammengenäht wirken), Budgets sind nicht endgültig abgesegnet (weswegen z.B. die Feuerwehr in einigen Kommunen keine neuen Leute einstellen kann), es ist einfach unmöglich, so weiterzumachen.

Ich hoffe also, daß sich im Likud-Block ein Rebell findet und sich von Netanyahu absetzt. So wie es Ariel Sharon mit Kadima getan hat – er hat damals viele gute Leute mitgenommen. Hat Gideon Saar das Format Sharons? Nein, hat er nicht, Sharon, so umstritten er war, flößte auch eine Art Vertrauen ein, daß er weiß, was er tut. Saar ist jünger, eher ein Schreibtischtyp, aber sehr klug und auch beliebt. Netanyahu mißtraut ihm seit Jahren, und ich halte es für möglich, daß er damit Recht hat und Saar tatsächlich eine Schar um sich sammelt, die jetzt hinter den Kulissen an einer Koalition von 61 Stimmen feilt.

Vor Netanyahu haben viele Angst, außerdem verdient er Anerkennung für seine Arbeit, sogar von Leuten wie uns, die seine Bilanz höchst kritisch sehen (wie er die Außenpolitik an sich gerissen hat, damit das Außenministerium total ausgebootet hat… und wie alle Themen, die nicht mit dem Iran oder Erdgas zu tun haben, vernachlässigt wurden…). Es ist also nicht sehr wahrscheinlich, daß tatsächlich in seiner Partei, die es sich jahrelang in seinem Windschatten bequem gemacht hat, nun ein Königsmörder aufsteht.

Es ist theoretisch auch möglich, daß Blau-Weiß in seine Einzelteile zerbricht. Ich tippe, daß das spätestens in einem neuen Wahlkampf kommt – Lapid wird mehr in Richtung Links tendieren, Yaalon und Hendel mehr in Richtung Neue Rechte (Bennet). Gantz wird am Ende allein dastehen. Ich habe schon in der Vergangenheit falschgelegen, und vielleicht ist es reiner Zweckpessimismus oder Aberglaube, aber ich bin ziemlich sicher, daß Gantz sich nicht wird durchsetzen können. Er wird zwischen seinen Partei“freunden“ aufgerieben, weil sie eine reine Zweckgemeinschaft eingegangen sind und eigentlich zu unterschiedlich sind. Erfolg und Macht hätten sie zusammenkitten können, aber das hat ja nicht geklappt. Wenn ein starker, seit Jahren aktiver und erfolgreicher Politiker wie Netanyahu von Mißerfolg schwer angenagt wird, wie soll das dann ein unerfahrener Neuling wie Gantz verkraften?

Würde aber eine Blau-Weiß-Einzelpartei eine Koalition zusammenkriegen? Wohl kaum. Ashkenazi ist umstritten, Bogie zu trocken und nicht charismatisch genug, Lapid würde nie genügend Wähler auf seine Seite bringen und ist durch seine frühere Zusammenarbeit mit Netanyahu schon zu sehr als reiner Karrierist gefärbt. Gantz wäre vielleicht ganz froh, Lapid loszuwerden…

Pardon, ich habe diese Gedanken bereits mehrmals durchgekaut, leider hat sich nichts verändert 😦

Wenige Stunden später:

Und da ist er – Gideon Saar hat sich aus der Deckung begeben.

saar

Er tut das erstmal in Form eines Vorschlags – Netanyahu hat bereits erklärt, Urwahlen seien unnötig, aber da die letzte Urwahl schon vier Jahr her ist, hat die Idee, jetzt noch mal welche abzuhalten, etwas für sich.

Ich frage mich, was er tun wird, wenn auf diesen Vorstoß Netanyahu und seine Leute die Idee von Urwahlen abschmettern, wie sie zweifellos tun werden. Ob er dann versuchen wird, mit dem Mandat der Knesset selbst 61 Unterschriften zusammenzukriegen. Die Zeit ist eigentlich reif dafür. Und wenn Saar es schaffen sollte, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, den seit einem Jahr keiner entwirren kann, hätte er sich etabliert. Aber ich greife vor. Bisher ist es nur eine Idee.

Auf die Kaffeekanne gekommen November 14, 2019, 16:41

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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Wie bin ich eigentlich auf das Kaffee-Thema gekommen? Vermutlich liegt es einfach am Älterwerden, das alles mögliche wieder hochschwemmt.

Selbstverständlich komme ich aus einer Familie, in dem der Kaffee eine große Rolle spielte. Wir wußten schon als Kinder, daß unsere Eltern vor der ersten Tasse Kaffee nicht ansprechbar sind. In meiner frühen Kindheit muß es ein Alltagsgeschirr gegeben haben, an das ich mich nicht erinnere – meine Mutter ist, wie alle Frauen meiner Verwandtschaft, eine große Porzellanfreundin und hat für jeden Anlaß unter der Sonne das passende Service. Aber ich erinnere mich noch gut an das schöne Thomas Onyx Medaillon, das sonntags auf den Tisch kam. Ich finde es noch immer bildschön und elegant.

Leider ist es den Zeitläuften zum Opfer gefallen, so daß ich nur noch im Internet angucken kann, wie es so insgesamt aussah.

50er und frühe 60er Jahre in ihrer angenehmsten Form.

Ich erinnere mich auch noch genau an andere Service meiner Kindheit. Einige habe ich auch geerbt – so hinterließ mir eine liebe Großtante ein elfenbeinfarbenes Teeservice mit Goldrand, das ich in Berlin noch genutzt habe (ich selbst trinke nämlich eigentlich Tee mindestens ebenso gern wie Kaffee), das ich dann aber in Deutschland gelassen habe.

Denn ich habe ja Ende der 80er Jahre den Großen Sprung übers Mittelmeer getan und bin im Kibbuz gelandet, wo ganz viel ähnlich war wie zuhause (ein Jeckes-Kibbuz eben) und ganz vieles war ganz anders.

Die Kibbuzniks nämlich hatten von den bürgerlichen Werten einige mitgenommen, die in ihren kollektiven, spartanischen und sozialistischen Lifestyle paßten: harte Arbeit, Ehrlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit. Aber die Rituale der Bürgerlichkeit warfen sie mit großem Schwung über Bord. Gegessen wurde gemeinsam im Speisesaal, von schlichtem funktionalem Geschirr. Davon aß man auch zuhause. Nachmittags um vier gab es zwar, nach dem Abholen der Kinder, eine Tasse Kaffee zuhause, mit Marmeladenbroten aus dem Speisesaal, aber der Kaffee wurde entweder in einem arabischen finjan auf der Gasflamme gemacht (türkischer Kaffe – kafe turki – botz, Schlamm, genannt), oder es war einfacher Elite-Pulverkaffee.

Türkischer Kaffee – Finjan-Kanne – löslicher Kaffe von Elite

Kaffeekannen gab es nicht, außer bei unserer alten Nachbarin, die mit zartem Porzellan, Silberlöffeln und den besten Kuchen des Kibbuz ihre Gäste beglückte. Darunter auch unvergeßlicherweise meine Eltern, als sie das erste Mal in den Kibbuz kamen. Als einzige Überlebende einer großen jüdischen Familie aus Köln fiel ihr das vielleicht anfangs etwas schwer, aber meiner Mutter fiel sofort auf, daß es nur bei ihr Kaffee aus richtigen Kaffeetassen mit Untertassen gab. Andere Kibbuzniks tranken ihn aus den schlichten Tassen vom Speisesaal.

Ich trank damals bei der Arbeit den löslichen Kaffee mit, der so ähnlich schmeckte wie der geliebte Caro-Kaffee meiner Kindheit (der wiederum heißt in Israel Chico, und ich mag ihn noch immer).

Chico – Kinderkaffee

Da ich nie eine Kaffee-Feinschmeckerin war, gewöhnte ich mich schnell daran. Auf Hebräisch nennt man löslichen Kaffee ness, was wie eine Abkürzung von Nescafe klingt und es vermutlich auch ist. Da ness Wunder heißt, ist Nescafe gewissermaßen Wunderkaffee.

Jahrelang tranken Y. und ich morgens unseren Ness. Es war schon so richtig bürgerlich, als wir uns Tassen kauften, die nicht aus dem Speisesaal stammten! Irgendwann warf der Markt bessere Sorten löslichen Kaffee aus, und wir stiegen vom guten alten Elite mit seinem billig-bitteren Geschmack auf andere Sorten um.

Der Sohn unserer alten Nachbarin schenkte uns zur Hochzeit eine Kaffeemaschine und eine Kaffeemühle. Ich bin mir ziemlich sicher, daß seine Eltern ihm dazu geraten haben – das ist doch ein Geschenk für eine Deutsche! Auf Hebräisch heißt so eine Maschine übrigens perkolator. Ich muß gestehen, daß ich nur selten Kaffee aus dem Perkolator getrunken habe, weil mir der olle Elite gut genug war, und in der Kaffeemühle habe ich Puderzucker hergestellt. Aber wenn meine Eltern kamen, dann kam die Maschine natürlich zu Ehren.

Vor ungefähr 15 Jahren bekam ich in Deutschland ein sehr schönes, schlicht weißes Service von Eschenbach geschenkt, das wir Stück für Stück nach Israel mitschleppten. Dazu gehörten natürlich auch Kaffeetassen, Untertassen und eine Kaffeekanne. Bei jedem Umzug packte ich sie alle mit ein und wieder aus, obwohl wir sie NIE benutzt haben (die Teller, Schüsseln etc benutzen wir natürlich täglich). Dabei hatten wir nicht so viel Schrankplatz in der Küche und gar kein Eßzimmer. Die Vitrinen und Anrichten deutscher Häuser kennt man in Kibbuz-Häusern natürlich nicht. Ich bin sicher, daß religiöse jüdische Familien massenhaft Schrankraum für Geschirr haben, denn sie brauchen mindestens vier komplette Sets – jeweils für milchig und fleischig, fürs ganze Jahr und für Pessach.

Wenn ich nach Deutschland komme, genieße ich die schöne Kaffeetafel meiner Familie und Bekannten, und ich lasse mir gern die Geschichte dazu erzählen. Auch wenn ich selbst so schöne Dinge nicht besitze, finde ich sie sehr schön bei anderen, und erinnere mich noch genau an die Freude, die wir alle an unserem Arabia-Rusca-Kaffeeservice hatten, das meine Mutter in Helsinki kaufte, bevor noch irgendjemand in Deutschland es kannte. Es war und ist immer noch sehr schön, finde ich, auch wenn es natürlich bei meiner Mutter längst ausgedient hat. Damals war es eine absolute Sensation – so dunkel, so schlicht, so kaffeebohnenfarbig. Die Textur ist auch ganz besonders. Ich habe keine Bilder, aber Google hat welche.

Das waren auch die Jahre, in denen viele im Alltag Melitta-Kopenhagen in orange oder rot benutzten – auch daran hängen viele Erinnerungen. Tja, man fand das damals schön, und es war ein deutlicher Bruch mit den zarten, weißen Tassen, den Streublumen, Weinblättern, Zwiebel- oder Strohblumenmustern der Vergangenheit. (Man wußte ja damals noch nicht, daß die alle den Geschmacksumschwung überleben würden!) Ein weiterer „Umstieg“ in den 70er Jahren, an den ich mich genau erinnere, ist der bei meiner Oma. Rosenthal Cordial hieß das, es war damals wirklich der letzte Schrei und paßte gut zu der neuen Schrankwand, die viel schlichter war als das alte Möbel. Doch ich war damals schon ein konservativer Mensch, glaube ich, oder einer, der Veränderungen nicht leicht mitmacht, und ich weiß noch genau, daß mir im Herzen das schöne Porzellan mit Goldrand und Röschen, das es vorher gab, immer noch lieber war. Meine Oma bewahrte es auch auf, und wenn ich allein bei ihr zu Besuch war, dann wünschte ich mir abends Hagebuttentee mit viel Zitrone aus einer der alten Tassen. Erinnerungen!

Meine Oma goß ihren Kaffee übrigens immer per Hand auf und ließ sich nie von einer Kaffee- oder Spülmaschine verführen. Sie selbst konnte das am besten. Die alte Kaffeemühle, die noch bei ihr stand, überließ sie aber meiner Mutter als Schmuckstück für unsere Küche (wir haben sie knallrot bemalt, ich weiß es noch genau), und eine elektrische Kaffeemühle akzeptierte sie. Meine Eltern hatten schon früh eine Kaffeemaschine, und heutzutage hat meine Mutter natürlich einen Vollautomat, der den Kaffee mahlt, brüht und serviert – und kein Wort spricht, bevor wir alle den ersten Kaffee getrunken haben.

Bei uns gibt es eine Stempelkanne, nein, es gab sie – Tertia, die kaffeemäßig anspruchsvoller ist als ihre Eltern, hat sie mitgenommen. Als wir noch Gasflammen hatten, haben wir auch manchmal Espresso in so einer Kanne gemacht. Ansonsten trinken wir nach wie vor wie richtige Kibbuzniks unseren schlichten ness aus großen Tassen, ich inzwischen mit Soja- oder Hafermilch. Jahrelang hatten wir Freude an unseren Steingut-Tassen, die wir mal auf den Aland-Inseln gekauft haben, bei der Töpferei Lugnet – leider sind sie irgendwann alle zerdeppert.

 

 

Das Bild ist ergoogelt, die Kanne hatten wir nicht, nur eine ganze Anzahl solcher Tassen.

Und wenn ich mal schön zum Kaffee einlade, dann reicht unser Eschenbach 🙂

Ich werde auf jeden Fall, wenn ich das nächste Mal nach Deutschland komme, bei Freunden und Verwandten Kaffee-Geschichten erfragen und erkunden.

 

Mal ganz was anderes, November 14, 2019, 15:31

Posted by Lila in Persönliches, Rituale des Alltags.
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aber jetzt mal ganz echt was anderes.

Während ich so vor mich hin brassele in allen möglichen Projekten, denke ich über Rituale des Alltags nach, und wie sie sich verändert haben. Aus irgendeinem Grund ist es besonders die deutsche Kaffeetafel, die mir im Sinn bleibt. Ich habe bei Twitter eine Mini-Anfrage gemacht, wie Leute ihren Kaffee heute trinken, und die Ergebnisse waren (für mich zumindest) sehr spannend.

Ich war glücklich über die Antworten! Und weil Twitter so ein kurzatmiges Medium ist, möchte ich hier gründlicher fragen. Wie trinkt Ihr Euren Kaffee heute – allein, zuhause, unterwegs, wenn Ihr Leute einladet? Spielt das Sonntags-Kaffeetafel-Ritual noch eine Rolle? Trinkt Ihr noch Filterkaffee? Wie steht Ihr zu Maschinen? Habt Ihr Tipps? Oder kommt Euch der Kult um Kaffee total übertrieben vor?

Fast noch mehr als der Kaffee selbst interessiert mich das Porzellan. Die gute alte Kaffeekanne, benutzt Ihr sie noch? Habt Ihr Erinnerungen an das Porzellan Eurer Kindheit? Habt Ihr Erbstücke, besondere Erwerbungen, ein Traum-Service, das Ihr Euch nie werdet leisten können?

Wenn Ihr mir Bilder schickt (weiß gerade nicht, ob man die in Kommentare mit einbauen kann, glaube eher, nein), dann können wir eine Galerie machen. Ich weiß nicht mal genau warum, aber mir kommt diese gepflegte Kaffeetafel vor wie DAS Sinnbild deutscher Bürgerlichkeit und Selbstvergewisserung. Ob ich je dazu kommen werde, eine Kulturgeschichte dieser Kaffeekultur zu schreiben, die ja auch Inbegriff der Spießigkeit für uns bedeutete, als wir rebellierende Jugendliche waren, weiß ich noch nicht, aber es ist auf meiner to-do-Liste (dieser Hydra). Auf jeden Fall bin ich von Neugierde zerfressen und möchte festhalten, woran sich meine Leserinnen und Freunde noch erinnern. In welcher Form ich das tun möchte, weiß ich ebenfalls noch nicht genau, vielleicht interessiert es ja niemanden, sich daran zu beteiligen oder es anzugucken. Aber ich habe den Eindruck, daß die Tasse Kaffe ebenso wie der Braten und das alkoholische Getränk zu den Grundpfeilern deutscher Rituale gehören.

Ich werde in einem extra Eintrag erzählen, wie ich auf das Kaffee-Thema gekommen bin und warum es mich interessiert. Aber seht das hier mal als Anregung, über den Kaffee in Eurer Kindheit, bei der Oma, damals und heute, nachzudenken. Wie zelebrieren wir den Alltag?

 

Ostern 1966, mit dem Thomas Medaillon Onyx

Noch ein Durchgang November 12, 2019, 14:13

Posted by Lila in Land und Leute, Qassamticker (incl. Gradraketen), Uncategorized.
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Ihr seid es leid, wir sind es leid, die Israelis im Süden haben es bestimmt noch viel leider.

Ich habe meinen Kassam-Ticker hier sehr vernachlässigt, was ich jetzt ein bißchen bedaure – aber wer mir auf Twitter gefolgt ist, hat mitgekriegt, wie oft in den letzten Monaten im Süden die Alarmsirenen und -lautsprecher losgegangen sind, wie viele Raketen Iron Dome abgeschossen hat, wie viele auf freiem Feld gefallen sind. Die israelische Reaktion war immer sehr gedämpft. Die Hamas hatte Zeit, ihre Gebäude zu räumen, bevor IDF dann entweder das leere Gebäude oder eine Düne beschoß.

Dabei wußten alle Beteiligten, daß es nicht die Hamas war, die hinter dem Raketenbeschuß stand. Aber Israel mischt sich nie in innere Streitigkeiten ein. Auch wenn Anti-Assad-Rebellen die Golanhöhen beschießen, liegt für Israel die Verantwortung dafür bei Assad, und ebenso ist die Hamas dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, daß aus ihrem Gebiet nicht geschossen wird. Eine Regierung kann nicht einfach sagen: tja, über diese Leute haben wir leider keine Kontrolle, laßt uns in Ruhe, die schießen eben. Das funktioniert in keinem Land. Die Regierung trägt die Verantwortung. Wenn also der Islamische Jihad Israel beschießt, obwohl die Hamas ausdrücklich Ruhe versprochen hatte, dann schießt Israel nicht auf den Islamischen Jihad, sondern auf die Hamas. Als Zeichen dafür, indirekt, daß Israel die Hamas als Hausherren dort akzeptiert. Natürlich auch in der Hoffnung, daß die Hamas sich von dem Raketenbeschuß irgendwann mal offen distanziert und sagt: liebe Jihadisten, wir wollen diese Raketenschießerei nicht mehr, sie bringt uns nur Ärger.

Über Monate hinweg häuften sich die Vorfälle. Ein Musikfestival in Sderot wurde beschossen – mehrere Privathäuser wurden getroffen – eine äthiopischstämmige Familie wurde nur gerettet, weil die Mutter alle Kinder rechtzeitig in den Schutzraum brachte – seit einem Jahr kann man sich nie sicher fühlen (eigentlich viel länger, denn die ersten Raketen flogen noch vor der Räumung – es sind mehr als 15 Jahre).

Gleichzeitig fliegen seit März 2018 ständig Drachen oder Ballons mit Brand- und Sprengsätzen über die Grenze und richten dort Schaden an, auf Feldern, in Naturschutzgebieten und auch oft in der Nähe von Ortschaften.

Es war also klar, daß irgendwann Israel reagieren muß. (Übrigens: wäre Bibi tatsächlich so ein Hardliner, wäre das schon viel eher und schärfer passiert.) Israel weiß, wer der Strippenzieher im Islamischen Jihad ist, der auch von der Hamas keine Befehle annahm und immer wieder Vereinbarungen brach. Und heute früh ist dieser Mann, hm, wie nennt man das auf Deutsch? Auf Hebräisch nennt man es chissul, Ausschaltung, oder sikul memukad, gezieltes Aus-dem-Verkehr-Ziehen, also nennen wir es liquidieren? Sowohl im Gazastreifen als auch in der Nähe von Damaskus wurden Köpfe des Jihad von IAF-Flugzeugen angegriffen und getötet.

Ja, da kann man in deutschen Medien die Köpfe schütteln und sagen: das ist ja wie im Krieg! Ist es auch, und für die Zivilisten in Kfar Aza, Kerem Shalom, Sderot und Mefalsim fühlt es sich schon lange wie Krieg an. Die Kinder dort erinnern sich nicht mehr an eine Zeit ohne „Code Rot“. Natürlich – da der ständige Beschuß in deutschen Medien nicht vorkommt, denken Leser dort vielleicht, daß Israel unvermittelt und zu aggressiv vorgegangen ist. Aber irgendwann muß man dann mal was tun. Wer alternative Ideen hat, die Israel noch nicht ausprobiert hat, der kann sie gern in den Kommentaren aufschreiben.

Das Kalkül hinter: diesen Liquidierungen den Jihad so schwächen, daß er sich von der Hamas in die Pflicht nehmen läßt. Denn interessanterweise spielt im Gazastreifen die Hamas die Rolle des vernünftigen Erwachsenen. Okay, ein einäugiger König, aber immerhin. Auch die ägyptischen Vermittlungsbemühungen haben die Hamas vielleicht beeinflußt.

Es hängt also nun alles von der Hamas ab. Die empört sich zwar gegen Israel, läßt den Jihad auch ordentlich Raketen abfeuern (150 seit heute früh), tut aber sonst nichts. Wenn die Hamas sich an die Seite des Jihad stellt und selbst anfängt, Israel anzugreifen, dann haben wir eine Eskalation wie lange nicht mehr. Wenn die Hamas es schafft, den Jihad kaltzustellen und sich lieber Wirtschaft und Infrastruktur widmet, haben wir eine Grundlage für eine dauerhafte De-Eskalation.

Wer immer up to date sein will, sollte mal bei Rotter.net reingucken. Dort werden die wichtigsten englischsprachigen Medien verlinkt – von der linken Haaretz über Times of Israel bis zu den eher konservativen Jerusalem Post und Arutz 7. Die Seite sieht zwar nach nichts aus, ist aber übersichtlich und man kann sich jederzeit informieren, und zwar aus mehreren Blickwinkeln.

Wer wissen möchte, wie oft die Alarme kommen, kann sich sowas wie Red Alert aufs Telefönchen holen. Wobei man sagen muß: nicht jeder gemeldete Alarm ist auch eine Rakete. Israel ist in so viele Warngebiete eingeteilt, och nee, es ist schon wieder am rappeln, Alumim, Nahal Oz, Beeri!, daß ein Alarm mehrere Gebiete betreffen kann. Dann löst eine Rakete drei oder vier Alarme aus.

Twitter ist auch eine gute Informationsquelle. Vor allem, wenn ihr mir folgt 🙂 Lauter Filmchen von Unvorsichtigen, die lieber filmen und hochladen, statt sittsam in die Schutzräume zu gehen.

Ich folge im Internet den Nachrichten von Kan11 – bin zu dem Schluß gekommen, daß das die besten Nachrichten in Israel sind, sachlicher als Platzhirsch 12. Und sie senden einfach einen Livestream, was ich sehr nett finde. Aber Hebräisch sollte man schon können, sonst hat man wenig davon. Auch immer interessant für Hebräischversteher: das Armeeradio, Galey Zahal (Galatz) oder Galey Zahal al galgalim (Galgalatz).

Es ist schwierig, sich in solchen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf die Angaben der Armee muß ich mich verlassen, ich kann sie nicht überprüfen. Und auch darauf, daß Verteidigungsminister Netanyahu dem Premierminister Netanyahu richtig geraten hat (seit 11 Uhr früh ist der Job auf Naftali Bennett übergegangen), daß politische Erwägungen keine Rolle gespielt haben und nicht auf dem Rücken der Bürger Ego-Spielchen ausgetragen werden.

Benny Gantz, der davon was versteht, hat Netanyahu jedenfalls Unterstützung ausgesprochen. Wenn er es für gerechtfertigt hält, dann muß ich annehmen, daß die Entscheidungen von Bibi und IDF angemessen und richtig waren. Leicht fällt das nie, besonders nach einem Jahr der politischen Spielchen. Und eigentlich ist Bibi ja nur Übergangs-PM. Als solcher in einen, chalila, Krieg einzusteigen, wäre ziemlich gewagt. Wie Bibi sehr wohl weiß – er hat es bisher geschafft, uns ohne größere Auseinandersetzung durch Phasen heftiger Aggression von außen zu manövrieren.

Aber so ist es nun wieder. Red Alert grummelt regelmäßig, alle Nachrichtensender haben Leute vor Ort, und seit die Alarme auch Tel Aviv erreicht haben, nehmen alle die Lage ernst. Ich hoffe sehr, niemand weiter kommt zu Schaden (das kleine Mädchen, das heute früh vor Schreck ohnmächtig wurde, hat immer noch Herzrhythmusstörungen und liegt auf der Intensivstation – höre ich gerade), und eine weitere Eskalation bleibt aus.

Von Schlußstrichen November 10, 2019, 23:21

Posted by Lila in Deutschland, Persönliches.
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In letzter Zeit lese ich zu viel über die NS-Zeit, die Regale entlang. Dabei bin ich auf die englische Ausgabe von Stephan Leberts „Denn du trägst meinen Namen“ gestoßen (ich meine, ich hätte vor Ewigkeiten mal die deutsche Fassung gelesen). Das Buch ist 20 Jahre alt, also beim heutigen Lesen eine dreifache Zeitreise. Der Autor interviewt Kinder von Nazi-„Größen“ in den späten 90er Jahren, die sein Vater kurz nach Kriegsende bereits interviewt und zu ihren Erinnerungen befragt hatte. Also von heute in die 90er, dann in die 50er, schließlich in die 30er Jahre.

Zu den Befragten selbst kann ich nicht viel sagen – außer Niklas Frank hat sich keiner von ihnen richtig freigeschwommen, und ich nehme an, daß auch ihm es noch schwerer gefallen wäre, wenn sein Vater ihm auch nur ein bißchen Liebe gezeigt hätte. Wir kommen so liebebedürftig zur Welt, daß es vermutlich zu viel verlangt wäre von einer Edda Göring, sich rational von ihrem Vater zu distanzieren. Ich bin keine Psychologin. Lebert und viele andere Autoren haben zu dem Thema alles gesagt. (Ich weiß von Freundinnen, wie hartnäckig das innere Bild der Guten Eltern ist – selbst Kinder mit Hämatomen und Brandwunden, die sie ihren Eltern verdanken, suchen noch nach Anerkennung und Liebe dieser Menschen und finden Erklärungen.)

Aber dem Autor fiel einiges auf, das man verallgemeinern kann. Auch die Kinder der größten Schurken konnten ihre Väter exkulpieren, indem sie die wahre Schuld auf andere schoben. Sprich – selbst wenn ihnen dämmerte, daß die Bilanz der Nazizeit eine lange Reihe unvorstellbarer Verbrechen war, dann fanden sie noch einen Weg, ihre Väter davon irgendwie zu distanzieren.

Im Kleinen taten sie damit, was wir Deutschen alle im Großen getan haben und noch tun. Es waren die Anderen, die Parteimitglieder, die höheren Funktionäre, die Fanatiker. Keiner fühlt sich betroffen. Es war „die schlimme Zeit“, man hatte Angst vor Bombenangriffen nachts und Tieffliegern tags, man war ja selbst Opfer. Die Erinnerung reicht bis dahin – nicht bis an die Momente vor der Wahlurne, als man entscheiden mußte, welcher Zettel reinkommt.

Wie bequem für uns alle, daß es die Franks, die Görings, die Himmlers und wie sie alle heißen gab. Die waren es, die waren schuld, aber unsere Oma und Opa doch nicht. Die Oma hatte eh keine Ahnung von Politik, der Opa war sowieso dagegen, und was hätten sie schon tun sollen? Sie haben doch alle mit innerem Widerwillen die Flaggen gehißt, die Lieder gesungen, die Sonnenwendfeiern mitgemacht und die jüdischen Geschäfte boykottiert. Ja, daß es dann hinterher die Möbel und Bücher von Nathans so billig gab, wer hätte denn ahnen können, wieso?

Ich möchte nicht selbstgefällig über Leute zu Gericht sitzen, die sich mitschuldig gemacht haben, denn wer weiß, ob ich selbst nicht auch eine begeisterte Marmeladenköchin im Dienst der Deutschen Frauenschaft geworden wäre? Aber es gibt ja noch Möglichkeiten außer blinder Exkulpierung oder arroganter Verurteilung, mit der Tatsache zu leben, daß es vermutlich keine Familie in Deutschland gab, die nicht als Opfer oder im weitesten Sinne als Täter Kenntnis von Zielen, Methoden und Taten der NS-Regierung hatte. (Ich spreche hier zu Nachkommen der Täter, nicht der Opfer.) Bekanntlich war der Zugriff total. Er war raffiniert und primitiv zugleich. Aber das macht unsere Vorfahren nicht zu armen Verführten, denn auch die, die ganze Propagandakacke anrührten, waren Deutsche.

Wo war, wo ist das Entsetzen? Lebert zitiert Schmidbauer, Lewitan, Reich-Ranicki – viele haben mit Entsetzen gesehen, daß den Tätern, ihren Kindern und Kindeskindern das Entsetzen fehlt. Ja, es ist Schulstoff, man sieht Filme und geht in Konzentrationslager und Museen und findet es alles ganz schrecklich. Vielleicht kommt für einen Moment das Grauen hoch, aber man schiebt es weg. Es waren ja Andere, ja, auch Deutsche, ja, auch in unserer Stadt, aber je näher man die Täter in der Umgebung hat, desto mehr Entschuldigungen hat man für sie.

Ich wünsche mir oft, ich hätte die Kaltblütigkeit, die ganzen harschen Kritiker Israels, die mir ungefragt ihre Meinungen um die Ohren schlagen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme – daß ich sie ganz schlicht fragen könnte: sag mal, was haben deine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht? Wie habt ihr das in der Familie thematisiert, verarbeitet, besprochen? Was habt ihr daraus für Lehren gezogen?

Vielleicht würde dann mal jemand auf den Trichter kommen, daß dieselbe Verächtlichkeit, mit der Juden als Giftpilze und Ratten beschimpft wurden, heute andere Termini benutzt, aber immer noch komplett unverändert sich durch die Zeit gerettet hat. Daß die eigenen Urteile über den Nahostkonflikt vielleicht doch nicht so „unparteiisch“ sind. Weil wir Partei sind. Auch wenn wir es vor uns selbst ableugnen.

Ja, auch die Journalisten, die sich gern als Hohepriester der Ausgewogenheit feiern, haben zuhause noch irgendwo Urgroßmutters Mutterkreuz und ein Bild vom Urgroßvater in Wehrmachtsuniform. Über die nie jemand gesprochen hat. Was das damit zu tun hat, daß sie ständig passiv-aggressive Urteile über Israel fällen, abwertende Begriffe verwerten, die Glaubwürdigkeit israelischer Quellen grammatikalisch anzweifeln? Oh, nichts natürlich, das muß Zufall sein.

Und beim Nachdenken in einer Lesepause dachte ich darüber nach, wie oft ich schon gehört habe, wir sollten aufhören, über die Kreuzzüge zu reden, über das Römische Reich, über den 30jährigen Krieg, die napoleonischen Kriege, die russische Revolution. Schlußstrich darunter, alles olle Kamellen, keiner kann mehr was davon lernen, und es dient ohnehin nur dazu, anderen ein schlechtes Gewissen einzureden, sich moralisch über sie zu erheben und sie emotional zu erpressen!

Ach, erinnere ich mich falsch? Wird diese Aussage tatsächlich nur und ausschließlich über die NS-Zeit getan? Ist es möglich, daß jeder, der von Schlußstrichen faselt, das tut, weil die Einschläge zu nahe kommen, weil er oder sie nicht imstande oder willens ist, wie ein moralisch erwachsener Mensch vor dem Grauen der Geschichte zu stehen, ohne sich in Distanzierung, Relativierung, Schuldumkehr, Projektion und verlogenen Sündenstolz zu retten?

Einfach erstmal dastehen und fühlen, wie das schmerzt und drückt und unausweichlich ist. Dann daraus ehrliche Konsequenzen ziehen. Den eigenen Vorurteilen, Ressentiments, Verkürzungen und Heucheleien unerbittlich nachjagen. Und sie bei anderen erkennen.

Es ist nicht einfach. Heute traf ich, wie schon so oft, eine ältere Dame, die in alle meine Vorträge kommt. Sie erzählte mir hinterher von den Tagebüchern ihres Vaters, der aus Berlin kam, und daß ihr junge Deutsche beim Lesen und Übersetzen helfen. Sie selbst war nur einmal in Berlin. Vier Tage. Mehr konnte sie nicht.

Hätte ich ihr sagen sollen: ach, aber das hat doch mit dem heutigen Deutschland nichts mehr zu tun?

Das konnte ich nicht. Ich treffe oft Leute hier, die total begeistert sind von Berlin oder Köln oder dem Schwarzwald, und dann freue ich mich, bin erleichtert, daß sie keine negativen Erlebnisse hatten. Aber soll ich dieser Frau versichern, daß heute in Deutschland Juden willkommen sind, daß sie sich furchtlos bewegen können? Noch vor ein paar Jahren war das einfacher, vielleicht habe ich da noch die Augen verschlossen – aber ich habe mich auf die Urteile jüdischer und israelischer Freunde verlassen. Ich selbst bin ja schon länger weg aus Deutschland, als ich dort gelebt habe.

Aber wie bitter ist es, daß ich nur nicken kann, wenn eine alte Dame mir erzählt, daß sie Angst hat, in Deutschland als Israelin, als Jüdin erkannt zu werden, und ich kann nicht sagen: oh, ich bin sicher, daß diese Angst unbegründet ist!

Statt dessen sage ich, „es gibt so viele schöne Orte in der Welt – du hast das Haus gesehen, in dem dein Vater aufgewachsen ist, und wenn du nicht nochmal hinfahren willst, kann ich das gut verstehen“.

Und denke an den jungen Juden in Freiburg, dem niemand geholfen hat, als ihm im Fitneß-Center die Kippa vom Kopf gerissen wurde. Der danach in einem Interview nichts über die Täter sagen wollte, aus Sorge, Ressentiments zu bestärken, unter denen dann Unschuldige leiden müßten.

Hätten die Studenten, die drumherum standen und nicht eingriffen, anders reagiert, wenn einem Flüchtling eine vergleichbare Aggression entgegengeschlagen wäre? Wäre sie dann alle betroffen gewesen und aktiv geworden? Vielleicht. Gut zu Flüchtlingen zu sein ist ein hoher Wert, weil man sich dann moralisch auf der Seite der Guten fühlen kann. (Was übrigens ein recht schäbiger Grund ist, gut zu Flüchtlingen zu sein, und ich fühle mich etwas garstig, daß mir dieser Verdacht so oft gekommen ist – als ich diesen Rausch der Begeisterung sah, vor ein paar Jahren, der nichts mit den Bedürfnissen der Flüchtlinge zu tun hatte, aber alles mit den Bedürfnissen mancher Helfer.)

Das Entsetzen kam nicht in den 50ern, sondern statt dessen Freßwelle, Reisewelle, Dauerwelle. Dann kamen die 60er, zuerst war man auf der Seite der Guten im Kalten Krieg und dann im Protest gegen Vietnam und Muff unter Talaren. Wie muffig man selbst war, mußte man nicht sehen – Prilblumen draufgeklebt, mit Optimismus weiter. Dann waren es schon nicht mehr die Eltern, sondern die Großeltern, und wer nimmt sich schon zu Herzen, was die Großeltern getan haben? Gut, wir benutzen gern Omas altes Indisch Blau, aber mit Omas geschönten Erinnerungen haben wir doch nichts zu tun!

Und so sind wir immer weiter mit kaltem Herzen, Fingerzeigen auf andere und selbstgerechten Urteilen von einem Jahrzehnt ins nächste gepoltert. Die Bindung an unsere Vergangenheit ist eine unsicher-vermeidende, die sich als Unabhängigkeit tarnt und sich wie ein moralisch unreifer Jugendlicher an Vorschriften klammert als ein Gewissen entwickelt. Daher kommt vielleicht das nach wie vor oft gehörte, „das ist nun mal so, da kann ich ihnen nicht helfen, das ist die Vorschrift“, das Festhalten an den heiligen Kühen – unsere Miele, unsere Mülltrennung, unser Mettigel.

Ja ja, alles Unsinn, wer kann schon ein Volk von 80 Millionen analysieren, ohne überhaupt nur dort mehr Zeit verbracht zu haben als ein paar Jugendjahre? Das hat doch alles mit euch, mit mir, mit uns, gar nichts zu tun. Es waren doch die Anderen, die wirklich Bösen.

Immer noch in der Schwebe November 5, 2019, 16:39

Posted by Lila in Land und Leute.
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Später werden wir uns mal daran erinnern, wie merkwürdig das war. Das Land hat nach zwei Wahlen keine Regierung, weil diesmal alle ihre Versprechungen aus dem Wahlkampf halten und niemand, der Netanyahu abgeschworen hat, sich auf ihn einschwören möchte. Die Situation ist nach wie vor blockiert. Gantz kann seinen Auftrag der Regierungsbildung nicht erfüllen, alle Politiker zappeln in ihren Netzen. Unterdessen sind Entscheidungen blockiert, Etats sind unklar, keiner weiß, in welche Richtung es weitergehen soll, weder innen- noch außenpolitisch. Bibi spielt unterdessen weiter PM, als müßte das so sein.

Gleichzeitig sickern Informationen über Bibis diverse Anhörungen durch, und es scheint durchaus möglich, daß es zu einer Anklageerhebung kommt, aber wann? und was sagt die Tatsache, daß Informationen überhaupt durchsickern, über die Staatsanwaltschaft aus? Es wird auch geraunt, daß die Kronzeugen gegen Netanyahu unter Druck gesetzt wurden, und niemand sieht richtig frisch und rosig aus in dieser Geschichte.

Zwischendurch rappeln und brummen alle Telefone – Red Alarm löst aus, im Süden retten sich Familien in ihre Schutzräume und Raketen fallen (immer wieder mal eine auf ein Haus, obwohl Iron Dome die meisten abschießt). Dann wird spekuliert – war es der Islamische Jihad? läßt die Hamas das zu, oder würde sie es gern verhindern, weiß aber nicht wie? Israel beschießt symbolisch ein paar von der Hamas militärisch genutzte Gebäude, die die Hamas natürlich vorher schlauerweise räumt. An einer Eskalation liegt niemandem, also ist am nächsten Tag wieder spukhafte Ruhe, als wäre nichts gewesen. Bis zum nächsten Alarm.

Im Libanon wird demonstriert, in vielen anderen Ländern auch. Nach dem arabischen Frühling, der katastrophale Folgen hatte, könnte nun ein arabischer Herbst folgen. Der Iran droht, die Türkei hat ihre Interessen gewaltsam durchgesetzt, die Falschen können sich freuen, und alle Prozesse laufen weiter ab, in dieser unruhigen Gegend.

Wie konkret die Bedrohung durch den Iran ist, der vielleicht vom Yemen aus ein paar Raketlein auf unser garstig Haupt schießen will, kann ich nicht einschätzen. Man hört es ungern, Anzeichen für De-Eskalation gibt der Iran auch nicht, andererseits – was hätten sie jetzt davon? Sie möchten doch bestimmt warten, bis sie eine nette, pummelige Atombombe haben, damit es sich auch lohnt.

Ja, Bibi ist noch am Steuer, aber einen richtigen Kurs kann er nicht einschlagen, denn er weiß nicht, wer in einem halben Jahr das Steuer übernimmt. Ich tippe darauf, daß er es nicht mehr sein wird – er hat es dreimal nicht geschafft, die benötigte Mehrheit zu schaffen, warum sollte er es nach einem CHALILA dritten Wahlgang schaffen? (Ja, dreimal: 1. nach dem Abspringen Liebermans, deswegen wurden Wahlen nötig – 2. nach dem Wahlen im Frühling und 2. jetzt).

Es ist eine Situation, wie ich sie noch nie erlebt habe, und ich habe schon einiges hier erlebt. Das Leben läuft normal weiter. Ich genieße meine Arbeit, verliere regelmäßig gegen Quarta im Mensch-ärgere-dich-nicht (wir spielen das noch immer obsessiv – auf dem Sechserfeld, jede von uns mit drei Farben, immer dieselben, und ich habe in all den Jahren nur EIN jämmerliches Mal knapp gewonnen!), trinke morgens Kaffee und abends Tee mit meinem geliebten Mann, und lebe zufrieden wie ein Eichhörnchen in seinem mit Büchern vollgestopften Kobel. Und so leben alle, die ich kenne, normal weiter, im Gegensatz zu anderen Krisenzeiten, wo die tägliche Routine deutlich gestört war. Mal durch Gasmasken und Alarme, mal durch ständige Attentate, mal durch Angst um Kinder in Uniform. Diesmal ist es nicht so.

Aber der Irrsinn, daß ausgerechnet dieses Land seit einem Jahr keine funktionsfähige, stabile Regierung hat, liegt knapp unter der Oberfläche. Egal wo die Leute politisch stehen, die ich kenne – keiner will ein drittes Mal Knesset-Wahlen. Irgendwas muß geschehen. Aber schnell.

 

 

Neuanfänge im Alten Oktober 28, 2019, 22:26

Posted by Lila in Kunst, Persönliches.
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Ein neues akademisches Jahr hat angefangen, ich habe weniger Arbeitslast als früher, dafür einige neue Projekte und Ideen. Die erste Woche ist immer wunderbar intensiv, und meine Arbeit macht mir nach wie vor riesigen Spaß. Eine Idee kommt immer zuerst – dann muß die Idee entwickelt werden, ich pflüge mich durch Berge von Gedanken anderer, immer froh, wenn ich sehe, daß meine Idee so noch nicht herumschwebt, aber viele andere, an denen ich mich reiben und von denen ich mich inspirieren lassen kann. Daraus einen Vortrag machen, den dann auch irgendwie rüberbringen, so daß andere mitvollziehen können, was ich mir gedacht habe – die Chemie mit dem Publikum ist nie berechenbar, immer überraschend. Inzwischen unterrichte ich seit über 20 Jahren und sitze wie ein sehr zufriedener Drache auf einer Schatzkiste von gespeicherten Vorträgen zu allen möglichen Themen.

Seit ich mich aus dem akademischen Gewächshaus in die freie Landschaft hinausbegeben habe, fröne ich meiner Lust am Fachübergreifenden, Epochenübergreifenden, und mache mehr oder weniger, was ich will. Ich habe meine Schwerpunkte, aber ich scheue mich nicht, über die Venus von Milo genauso selbstbewußt zu reden wie über Antonis Lick and Lather. Daß ich so verrückt kreuz und quer studiert habe, hilft mir heute. Daß ich geologische Schichten von Obsessionen zu den verschiedensten Themen im Gedächtnis trage, von römischen Familienstrukturen über den niederländischen Befreiungskrieg bis zum viktorianischen Umgang mit dem Tod, hilft mir noch viel mehr.

Ich arbeite immer aus dem Vollen, koche immer den ganzen Topf, auch wenn ich nur einen Löffel Suppe serviere, anders geht es nicht. Manchmal bedaure ich, wenn ich mal gerade eine meiner Meinung nach glääänzende Idee habe, daß die nur in meinen Unterricht, meine Vorträge einfließen wird, aber ich nicht das Zeug dazu habe, daraus etwas Bleibenderes zu bauen. Ich bin gewissermaßen eine Textilwerkerin, die aus vergänglichem Stoff etwas erschafft, das beim Erschaffen glücklicher macht als beim Ansehen, und daß längst zerfallen sein wird, wenn anderleuts Urenkel noch deren steinerne Arbeiten bewundern werden.

Die besten Einfälle kommen mir beim Sprechen, nie am Schreibtisch. Ich plane auch nie genau, was ich sagen werde. Ich habe den Kopf voll mit Ideen, meine Vorträge bestehen ganz klassisch nur aus Bildern, und ich verlasse mich ganz darauf, daß mir schon einfallen wird, was ich sagen will. Der Vortrag muß visuell stimmen, die Bilder müssen am rechten Platz sein, und ich muß meine Ideen dazu schön ordentlich im Kopf haben bzw in Stichpunkten unter den Dias (ich benutze immer noch Powerpoint, ohne Schnörkel, einfacher schwarzer Bildhintergrund, so wenig Text wie nur möglich, eigentlich so wie die klassischen Diavorträge, die ich als Studentin noch erlebt habe).

Erst habe ich viel zu viele Dias, und dann sortiere ich sie langsam aus, bis ich am Ende genau  habe, was ich brauche.

Am Ende dann – archivieren und zum nächsten Thema übergehen. Aber vorher gebe ich mir immer selbst ein Feedback und schreibe mir unter das erste Dia genau, was an dem Vortrag gut war, was nicht, wie das Publikum reagiert hat, wo ich kürzen muß, wo Fragen kamen, wo ich nicht gut genug vorbereitet war usw. Wenn ich dann das nächste Mal das Thema beackere, habe ich einen Ausgangspunkt und kann die Fehler ausbessern.

Da man als Lehrperson selten gründliches Feedback im Anschluß an einen Vortrag erhält („kommt das in der Prüfung vor?“ „und zu welcher Kunstrichtung gehört das nun?“ „wie du das alles im Kopf behältst!“ „was für ein Akzent ist das denn – bist du Holländerin?“ waren über die Jahre weg die häufigsten Reaktionen), muß ich es mir eben selbst geben. Das ist eine der besten Früchte aus meinem Lehramtsstudium, da haben wir das nämlich gelernt – Instrumente zur beruflichen Weiterentwicklung. Dazu dann noch das Feedback am Ende des Semesters, und eigentlich müßte man längst perfekt sein, ist es natürlich trotzdem nicht. Manchmal funktioniert es nicht mit einem Publikum, obwohl ich das Thema liebe und in meinen Vortrag gelockt habe wie einen scheuen Paradiesvogel, an dem mein Herz hängt.

Es ist nicht einfach, sich als frei arbeitende Kunsthistorikerin durchzuschlagen, aber trotzdem bin ich froh, daß sich mein Leben dahin entwickelt hat. Im Moment interessiert mich nichts anderes, als meine neuen Kurse in Gang zu kriegen und ein paar neue Ideen und die Stapel von Büchern um mich herum und die JStor-Artikel auf dem Computer gründlich zu lesen und zu verwursten, was verwurstbar ist. Bilder, Bilder, Bilder in meinem Kopf. Ich träume oft von den Sachen, die ich gerade bearbeite, doch leider vergesse ich beim Aufstehen wieder die genialen Theorien, die mir im Schlaf so unvergesslich vorkamen.

Die Welt um mich herum ist unruhig, und wenn ich in die Zeitungen gucke, graust mir. Der Iran kann uns möglicherweise jederzeit angreifen, eine Regierung haben wir immer noch nicht, und Bibi scheint nicht willig oder fähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich aus dem politischen Leben zu verabschieden, bis er seine Prozesse  hinter sich hat. Welche Auswirkungen al Baghdadis Tod haben wird, wissen wir noch nicht, und die Wahlergebnisse aus Thüringen klingen für meine weit entfernten Ohren nicht gut – AfD und Linke als stärkste Parteien… ich möchte nicht aus der Ferne analysieren, und beide Parteien sind zugelassen. Wenn ich Vertrauen in die deutsche Demokratie habe, dann muß ich mich auch darauf verlassen können, daß die Zulassung dieser Parteien den Nachweis ihrer Demokratiefähigkeit bedeutet. Ich möchte sehr hoffen, daß deutsche Parlamente nicht von Anti-Demokraten besetzt werden. Aber daß ich solche Nachrichten mit heiterem Lächeln lese, kann ich nicht behaupten.

Trotzdem habe ich im Moment den Kopf woanders, und bis sich meine Woche ein bißchen „setzt“, wird das auch so bleiben.

Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Lesetipp zu Halle Oktober 11, 2019, 11:06

Posted by Lila in Deutschland.
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MENA-Watch hat den Anschlag von Halle recht detailliert analysiert. Daß es so lange gedauert hat, bis jemand eingegriffen hat, obwohl der Täter von vielen Menschen gesehen wurde, ist komplett unverständlich. Hat niemand von den Passanten, die den Mann sahen, daran gedacht, die Polizei zu informieren? Und wenn ja, wo war die Polizei dann so lange?

Ich habe wirklich ein Problem mit israelischen Politikern und Journalisten, die sofort, wie Guy Bechor, sagen: Juden haben in Deutschland nichts mehr zu suchen, kommt alle nach Israel. Das ist zwar ein verständlicher Reflex, denn man möchte nicht weitere Juden geschlagen, beschimpft, bedroht und in Lebensgefahr sehen. Aber diese Juden können für sich selbst entscheiden, wo sie nun gefährlich leben – in Israel gibt es ja auch Bedrohungen genug, aber immerhin liegt die eigene Sicherheit in Händen israelischer Polizei und Streitkräfte.

Ich halte nichts davon, wenn Israelis Juden im Ausland bevormunden und ihre Lebensentscheidungen kritisieren. Jeder entscheidet für sich, wann es ihm zuviel wird. In den letzten Jahren haben viele jüdische Familien Frankreich verlassen, und es ist gut möglich, daß das nun auch in Deutschland losgeht. Dann aber bitte nicht auf Drängen Israels hin.

Dazu kommt, daß die Vision eines judenfreien Europa die Sache nur verschlimmern würde. Die Judenhasser könnten sich siegreich fühlen, die große Masse der Gleichgültigen könnte nun endgültig Juden in die Kategorie „Menschen, die weit weg sind und uns nichts angehen“ abheften, und die Bewegungsfreiheit von Juden würde weiter eingeschränkt. Gibt es nicht schon genug Länder, in denen Juden bzw jüdische Israelis nicht zugelassen sind?

Jeder Jude in Europa kennt die Möglichkeit, Aliyah zu machen. Die Entscheidung sollte man ihnen schon selbst überlassen. Es gibt viele Gründe, sich für einen Wohnsitz und Arbeitsplatz zu entscheiden.

Leider gehören die Solidarität der deutschen Bevölkerung und das Funktionieren der staatlichen Aufgabe, Minderheiten zu schützen, nicht zu diesen Gründen. Auch die Lippenbekenntnisse, die jetzt von vielen kommen, ändern nichts daran. Daß ein Mann am hellichten Tag unter den Augen vieler auf eine Synagogentür feuern, eine Frau kaltblütig erschießen kann und niemand die Polizei ruft (oder die Polizei fast 20 Minuten braucht, um an den Schauplatz zu kommen), ist entsetzlich.

 

Yom Kippur Oktober 9, 2019, 21:39

Posted by Lila in Deutschland.
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ist vorbei. Es war wie jedes Jahr ein stiller, ruhiger Tag. Bei uns im Dorf fahren ja sowieso nicht viele Autos, aber heute war kein einziges unterwegs. Auch sonst nicht. Im Norden fahren wohl ein paar arabische Autofahrer, aber Bilder aus den Zeitungen zeigen, daß überall die Straßen leer waren. Fernsehen und Radio hatten den Betrieb ebenfalls eingestellt. (Zwei Kinder sind aber tödlich verunglückt, weil sie eben doch manchmal ein Auto fährt – schrecklich.)

Gegen Mittag habe ich dann per Twitter verfolgt, was in Halle geschah. Ich habe mich mit Einschätzungen zurückgehalten, weil erstmal nicht klar war, ob der Täter wirklich die Synagoge angegriffen hat, ob es ein Amoklauf war oder, wie die Tagesschau behauptete, eine „Schießerei“ (zu der ja immer mindestens zwei gehören). Sobald ich den Bericht des Gemeindevorstands von Halle las, nämlich, daß der Täter versucht hatte, in die unbewachte Synagoge einzudringen, indem er die Tür aufschießen wollte, wurde mir so schlecht, daß ich mich immer noch nicht davon erholt habe.

Der Mörder hat dann, ihr wißt es alle, voller Wut auf Passantin erschossen und einen Mann in einem Dönerladen. Den Stream seiner Tat kann man im Internet sehen. An seiner antisemitischen, rassistischen Einstellung kann kein Zweifel herrschen, er hat selbst gesagt, was er denkt.

Gleichzeitig kamen die Nachrichten über den türkischen Angriff auf die Kurden, und die Wut darüber, über den Verrat des Westens an den schwächeren, mutigen Verbündeten, zischt mir bis über die Ohren, wenn ich nur daran denke. Wenn nichts geschieht, wird die türkische Luftwaffe das Gebiet in Nordsyrien bombardieren, bis alle Kurden tot sind. Ein weiterer Völkermord, wie an den Jesiden, bei dem alle zugucken und sagen: is schon schlimm, ne, bevor sie ihren eigenen Geschäften nachgehen. Von Zeit zu Zeit dann kommen Reden, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz oder der Kapitulation NS-Deutschlands – nie wieder, also ganz bestimmt nicht!

Daß Netanyahu Trump bis zum ZweiZwölffingerdarm hochgekrochen ist, wird uns nichts nützen. Trump hat von Anfang an gesagt, daß er sich raushält, und ich kann sogar verstehen, wenn amerikanische Wähler sagen, daß ihnen das US-Hemd näher ist als die kurdische Jacke. Aber Verpflichtungen sind Verpflichtungen. Und wenn der Iran uns bombardiert, können wir uns auf dasselbe Schweigen rundherum gefaßt machen.

Ja, und so kamen zu beiden Themen immer mehr Meldungen rein, und mir fiel auf, daß ich nicht überrascht war.  Weder von Trumps Verrat an den Kurden noch an Erdogans absoluter Skrupellosigkeit (was von seinen Vorwürfen gegen Israel zu halten ist, kann sich jeder selbst ausrechnen), noch auch von dem Szenario in Halle.

Ein Deutscher, vermummt und bewaffnet, mit einem Auto voller Waffen. Bestimmt war er vorher aktiv in rechtsextremen Netzwerken, er wußte, daß sein Livestream gesehen wird und hat sich vom Killer von Christchurch wohl inspirieren lassen. Entweder war er den Behörden nicht bekannt (wie konnte er sich so bewaffnen, ohne aufzufallen?) oder bekannt, aber nicht gefährlich vorgekommen. Beides ungute Szenarien. Ich kenne die Atmosphäre in Sachsen nicht gut genug, aber ich habe von genügend Leuten dort gehört, wie intensiv die anti-israelische und anti-jüdische Indoktrination noch aus DDR-Zeiten dort noch nachwirkt. Wie groß die rechtsextreme Szene ist, wie real die Bedrohung, die von ihnen ausgeht – das weiß ich nicht, kann ich nicht beurteilen.

Aber ich war nicht überrascht. Entsetzt, bis in die Magengrube entsetzt, ja. Die Aufnahmen, wie er auf die Synagogentür schießt – am Yom Kippur, wo die Gemeinde fastet und betet und Menschen sich um Verzeihung bitten. Auf der einen Seite der Tür steht dieser Mann, auf der anderen sitzt eine Gemeinde und betet. Und das in Halle, in Sachsen (okay, Sachsen-Anhalt), in Deutschland.

Der Mann mit dem Messer vor der Synagoge in Berlin fällt mir ein, erst diese Woche, der nicht als gefährlich genug angesehen wurde, um festgenommen zu werden. Die sich häufenden Angriffe auf Juden und Israelis in Deutschland. Der Richter, der in der Brandstiftung der Synagoge in Wuppertal keinen Antisemitismus erkennen konnte.

Die ganze verdruckste politische Haltung Israel gegenüber. Merkel, die iranische Vernichtungsphantasien Israel gegenüber abtut. Das deutsche Abstimmungsverhalten in der UNO – immer feige mit dem Anti-Israel-Mob oder sich enthaltend, niemals an Israels Seite, egal wie idiotisch die Vorwürfe.

Die Schnelligkeit, mit der erschreckend viele Deutsche mich zur Rede stellen, wenn sie hören, daß ich aus Israel komme, die kaum verhüllte Feindseligkeit, mit der sie urteilen, verurteilen, in Straf-Szenarien für Israel schwelgen.

Und dann die Reaktionen der Politiker auf die Tat von Halle. Irgendwas fällt mir beim Lesen auf.

Heiko Maas:

Dass am Versöhnungsfest auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz.

Reiner Haseloff:

Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.

Olaf Scholz:

Das sind sehr erschütternde Nachrichten, die wir aus Halle bekommen haben. Ganz klar sei, „dass auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes jüdischen Glaubens sicher sein können, dass wir mit unseren Herzen bei ihnen sind und wir ihnen die ganze Solidarität übermitteln, die uns überhaupt möglich ist.

Dietmar Bartsch:

Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland – ekelhaft!

Ja, daß sie entsetzt sind, glaube ich ihnen. Aber mir fällt wieder mal die typisch deutsche Scheu vor einem Wort auf, das sie alle nicht gern in den Mund nehmen wollen: JUDEN. Das sagen viele Deutsche nicht gern. Sie sagen „Mitbürger jüdischen Glaubens“, „Menschen mit jüdischem Hintergrund“, „jüdisches Leben in Deutschland“, „jüdische Gemeinden“, „jüdische Menschen“. Achtet mal darauf.

Es ist dasselbe, ob man „Menschen jüdischen Glaubens“ sagt oder „Juden“, meinetwegen „Juden und Jüdinnen“. Denn Juden sind nicht nur Menschen jüdischen Glaubens. Man kann auch an gar nichts glauben und ist trotzdem Jude.

Denn Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder wer konvertiert ist. Judentum ist, ich sage es nicht zum ersten Mal, eine ethno-religiöse Identität. Das jüdische Volk nannte sich schon zur Zeit der Hebräischen Bibel Volk. Am Yisrael, das Volk Israel. Es dauerte Jahrhunderte, bis der Nationalstaatsgedanke geboren wurde, und noch länger, bis die Deutschen ihre nationale Identität zusammenpuzzelten.

Ja, die Idee, daß ethnische und religiöse Identität in eins fallen, ist Deutschen fremd. Für ein überwiegend christlich geprägtes Land, noch dazu eins, dem die Reformation noch in den Knochen steckt, ist Religion eine Konfession, ein Bekenntnis, das man ablegt oder von dem man sich lossagt. Es reicht nicht, einfach anzunehmen, daß andere Identitäten so funktionieren wie die eigene, wenn man verstehen möchte, wie ethno-religiöse Völker ticken – Jesiden, Drusen, Tscherkessen zum Beispiel (zu denen man nicht mal konvertieren kann, da ist das Judentum schon offener, auch wenn es die Konversion deutlich schwieriger gestaltet als das Christentum).

Deutschen kann es also archaisch vorkommen, daß Juden sich als Volk verstehen und nicht nur als Glaubensgemeinschaft, aber ich finde es bewundernswert, daß dieses Volk noch immer lebt, nach Jahrtausenden, in einer sich ändernden Welt, immer in der Balance zwischen Tradition und Erneuerung. Ein Erfolgsmodell.

Juden haben kein Problem, sich Juden zu nennen, warum also finden so viele Deutsche es so schwierig, das Wort über die Lippen zu bringen? Warum senken manche Leute die Stimme, wenn sie mich fragen: „so, einen Israel hast du geheiratet? ja ist er denn… Jude?“ Ich weiß schon, warum. In deutschen Ohren klingt JUDE immer noch wie ein Schimpfwort. Über Jahrhunderte hinweg ist das Wort so negativ aufgeladen worden, daß es fast unmöglich ist, es heute unbefangen zu benutzen. Das verstehe ich. Es soll ja auch noch Schulhöfe und andere Arenen geben, in denen Jude nach wie vor als Schimpfwort gilt.

Ich sähe es gern, wenn das Wort Jude von diesem pejorativen Beigeschmack befreit würde. Wenn Juden Juden genannt werden könnten, ohne diese zimperliche Scheu.

Überhaupt – sprachliche Zimperlichkeit greift um sich. „Menschen aus unserer Mitte gerissen“ bedeutet „ermordet“, aber hübscher ausgedrückt. Kamp- Karrenbauer gar nennt den Anschlag heute ein „Alarmzeichen“. Möchte nicht wissen, wie bei ihr ein echter Ernstfall aussähe, wenn der Tod zweier Menschen und ein knapp verhindertes Blutbad in einer Synagoge nur ein Alarmzeichen sind. Jetzt fehlt eigentlich nur noch jemand, der daraus einen Akt bedauerlich übereifriger Israelkritik macht….

Ich bin gewiß für Takt und Diplomatie, aber dieses sprachliche Zurückzucken vor pöhsen, häßlichen Wörtern ist ein Symptom für das Weggucken, Leugnen, Schönreden pöhser, häßlicher Tatsachen.

In Deutschland haben wir ein Problem mit anti-jüdischem, anti-israelischem und anti-semitischem Haß, der mörderische Formen annehmen kann. Ja, ich sage wir, obwohl ich nicht da bin, aber ich bin auch Deutsche und trage genau dieselben historischen Wackersteine im Magen und schäme mich genauso. Die Frage ist, was machen wir denn jetzt damit.

Zwei Jahre Oktober 5, 2019, 17:10

Posted by Lila in Land und Leute.
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dienen die jungen Frauen in der Armee, und das ist gerade genug. Das dritte Jahr, das die jungen Männer mehr dienen, zieht sich furchtbar lang hin – aber zwei Jahre für die Allgemeinheit geben, das ist vertretbar.

Die IDF hat zwei Arten von Laufbahnen, ganz grob eingeteilt: kämpfende und nicht kämpfende Einheiten. Der Dienst bei den kämpfenden Einheiten ist deutlich härter, die Grundausbildung länger und die Bedingungen spartanischer. Meine Söhne haben in kämpfenden Einheiten gedient (beide als Sanitäter), und ich habe ja im Laufe der Zeit genug darüber geschrieben, wie schwierig das war. Für mich (im Leben keine Uniform getragen außer Arbeitsklamotten als Volunteer im Kibbuz)  – für meinen Mann (der als ganz frischer Rekrut in den Libanonkrieg I eingezogen wurde und insgesamt fünf Jahre im Libanon verbracht hat und nicht darauf brennt, daß seine Kinder Ähnliches mitmachen) – und für die Söhne natürlich am allermeisten. Ich bin froh, daß die Zeit hinter uns liegt. Secundus macht noch ziemlich viel Reservedienst, aber zum Lohn dafür bekommt er auch ein Stipendium an der Uni, und außerdem macht es ihm auch Spaß.

Es gibt auch Frauen in kämpfenden Einheiten, und Quarta hat sich eine Zeitlang überlegt, sich für eine solche Laufbahn zu bewerben. Aber auch nicht-kämpfende Truppen haben wichtige Funktionen, und an ihrer Schwester konnte sie sehen, wie viel man bei der Armee lernen und machen kann. Mir kommt es manchmal vor, als wäre die Armee der Jungens und die Armee der Mädchen etwas vollkommen Verschiedenes. Die Jungen kamen erschöpft, verschwitzt und übermüdet wieder – die Mädchen voll Erlebnisse von Kursen, Freundschaften und Verantwortung.

Weil mir diese ganze Armee-Welt immer noch fremd ist, im Gegensatz zu fast allen anderen, die ich hier kenne, habe ich mit großem Interesse eine Doku-Serie über eine gemischte Einheit gesehen, die auch so heißt: Gemischte Einheit, Yechida Me-urevet, leider nicht mit englischen Untertiteln.

 

Trotz der kritischen Kommentare meiner Familie habe ich die ganze Serie angeguckt. Mein Mann hat über die Anforderungen in der dargestellten Einheit nur gelacht – bei den Fallschirmjägern anno 1981 ging es wohl in der Grundausbildung ganz anders zur Sache. Meine Töchter haben nur gestöhnt, daß sie froh sind, nicht zu einer kämpfenden Einheit gegangen zu sein. Und die Söhne meinen, diese ganze Riesen-Motivation, mit der auch sie angefangen haben (rabak nennt man das auf Ivrit, oder mur´al), ist nur eine Illusion, aus der die Soldaten schnell aufwachen.

Trotzdem fand ich es interessant zu sehen, mit wie viel Vorurteilen die Mädchen zu kämpfen haben, bis sie sich dann durchsetzen. Ich hätte nicht erwartet, daß so viele junge Israelis noch immer glauben, die Frauen können es eben nicht, denn gerade hier haben Generationen von Frauen doch bewiesen, daß sie es können. Natürlich, einige geben auf, genauso wie die Männer. Ich bewundere gerade die, denen es schwerfällt, und die doch durchhalten.

Die Serie zeigt die Grundausbildung, die einzige Zeit, in der die IDF eine Distanz zwischen Befehlsgebern und -empfängern aufbaut. Diese Distanz fällt nach Ende der Grundausbildung, und dann sind die Hierarchien deutlich flacher und der Umgangston ohne Formalitäten. Aber der Übergang vom zivilen zum militärischen Leben ist harsch und deutlich, wie wohl in allen Armeen.

Für Quarta war es natürlich ganz anders. Ihre Grundausbildung war kurz und hat ihr großen Spaß gemacht. Wir waren beim feierlichen Abschluß, und die Atmosphäre war nett und locker. Danach machte sie eine Ausbildung, wo dann nur noch Mädchen waren, und das ging Quarta auf die Nerven. Sie fand es in der Grundausbildung, wo Jungen und Mädchen zusammen waren, viel entspannter. Ihren Job machte sie dann sehr gut und wurde auch befördert, aber ein Angebot, noch ein Jahr dabeizubleiben, hat sie abgelehnt. Sie hatte genug von Bürojob, egal wie interessant, und einer Arbeitsumgebung von fast nur weiblichen Mitarbeiterinnen.

Die Basis, in der sie gedient hat, ist ganz neu. Sie heißt Base Ariel Sharon und wurde innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft, im Negev, und die vielen verschiedenen Ausbildungsbasen aus ganz Israel wurden dort zusammengelegt.

Hier auf Englisch dargestellt in einem Film für die amerikanischen Friends of the IDF, und auch auf Hebräisch gibt es Clips.

Sieht ja soweit alles ganz schick und neu aus, bestimmt kein Vergleich mit den schäbigen Unterkünften, in denen wir die Söhne manchmal besucht haben… Tertia, die bei der Luftwaffe gedient hat und bestimmt nicht über die Bedingungen dort klagen konnte, meinte, so einen luxuriösen Dienst wie Quarta hätte sie auch gern gehabt. Aber Quarta meint, das Essen ist gräßlich und die Fahrt so lang. Und überhaupt.

(Es ist mir ein Rätsel, wieso IDF bei einer Familie, die so weit im Norden lebt, alle vier Kinder südlich von Beer Sheva schickt, während die Kinder von Bekannten aus Beer Sheva hier oben an der Grenze  zum Libanon dienen – vermutlich gibt es extra ein Team von drei mürrischen Offizierinnen, die dafür sorgt, daß die jeweils maximale Kilometerzahl zum Elternhaus erreicht wird, was bei einem kleinen Land gar nicht so einfach ist.)

Quarta hat aber trotzdem nicht viel Grund zur Klage. In der Riesen-Basis dienten ihre Schulfreundinnen mit ihr und eine Zeitlang auch ihre gleichaltrige Cousine. Sie hat viel gelernt, Verantwortung getragen und ihren Freundeskreis erweitert.

Die bohrende Sorge, die ich um die Söhne hatte, hatte ich um sie nicht. Selbst wenn sich hier wieder mal die Wolken zusammenzogen und man mit Angriffen aus Syrien oder Libanon oder Schlimmerem rechnen mußte, dachte ich immer: in ihrer Basis ist sie besser aufgehoben als hier bei uns. Bei den Söhnen dagegen hatte ich immer Ynet aktuellste Nachrichten auf dem Internet offen, oft neben dem Bett, und habe immer Radio gehört. Einfach weil ich wußte, besonders im Fall von Secundus: wenn es heißt, „Unruhen in Hebron“, dann ist er dabei, „Unruhen an der Grenze zum Sinai“, dann ist er dabei, und „Armee versammelt sich am Übergang in den Gazastreifen“, auch dann ist er dabei. Um die Mädchen habe ich die Normal-Sorge, diese Währung, in der man für jede Freude zahlt, die man an Kindern hat. Bei den Söhnen kam während ihres Wehrdiensts eben noch diese ganz besonders unerträgliche innere Unruhe hinzu. Daß Quarta mir das erspart hat, kann ich nicht bedauern.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir sie vor zwei Jahren zum Marine-Museum in Haifa gebracht haben, wo eine kleine Feier stattfand, für die neuen Rekruten. Es gab Kaffee an kleinen Tischen. Quarta und ihre beste Freundin stiegen dann zusammen in den Bus, die Eltern winkten und die Busse fuhren. Wir wußten damals nur ungefähr, wie es für sie weitergehen würde. Dann kam die Zeit der Grundausbildung, die für Quarta wie eine Art Sommercamp war, und dann die fachliche Ausbildung. Keine Härten, jedes Wochenende zuhause, oft auch mitten in der Woche ein freier Abend (wo sie oft bei einer Freundin in Tel Aviv war, weil der Weg bis nach Hause zu lang gewesen wäre).

Donnerstags bis Shabat frei heißt bei der Armee übrigens chamshushyom chamishi ist der 5. Tag, also Donnerstag, shishi ist der 6., also Freitag, und Shabat. Chamishi, shishi, shabat – zusammengezogen zu chamshush. „Sie hat chamshushim„, meinten die Geschwister bedeutungsvoll, denn sie hatten es nicht so gut.

Überhaupt ist die Armeesprache voll mit solchen Abkürzungen. Sofash ist ein Wochenende (sof shavua), sakash ein Schlafsack (sak sheyna), galchaz ist die gründliche Reinigung (giluach rechaza), pazam hat man, wenn man länger dabei ist (perek zman memushach – eine längere Zeitspanne), und bahad ist die Ausbildungsbasis (basis hadracha) – weswegen Quartas Basis auch Ir ha-bahadim genannt wird, die Stadt der Ausbildungsbasen.

Ich habe jetzt also auch pazam als Soldatenmutter. Und morgen lassen sie mich zum ersten Mal rein in die Ir ha-bahadim, bin sehr gespannt.

 

Plonter September 27, 2019, 14:20

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Die Medien hier nennen das Patt zwischen Likud und Blau-Weiß „ha-plonter ha-politi“, die politische Zwickmühle. Ein hübsches jiddisches Wort für einen Albtraum. Ich weiß nicht, niemand weiß, wie lange es noch so weitergehen soll. Israel ist weltanschaulich und politisch nicht einfach in zwei sauber voneinander zu trennende Lager geteilt, das ist kein Land. Es gibt viele verschiedene Gruppen, und manche sehr verschiedene Gruppen haben gemeinsame Interessen und können miteinander Politik machen.

Das israelische Wahlsystem ist auf Koalitionen ausgelegt. Hier wird nicht der Premierminister gewählt, sondern eine Partei. Die 120 Sitze in der Knesset werden nach Parteienstärke verteilt, und die Partei, die die besten Aussichten hat, eine Regierung zu bilden, wird vom Präsidenten damit beauftragt. Nicht immer ist das die Partei mit den meisten Sitzen.

Vor zehn Jahren hatte Zipi Livni mehr Stimmen als Netanyahu, aber da die ultra-orthodoxen Parteien nur mit Netanyahu koalieren wollten, hatte sie keine Chance, eine Regierung zu bilden. Diesmal ist es ähnlich.

In der Vergangenheit gab es mehrmals sog. Regierungen der nationalen Einheit, was man in Deutschland Große Koalitionen nennen würde. Ich weiß, daß das in deutschen Ohren fürchterlich klingt, weil Große Koalitionen oft für Stillstand stehen. Vergeßt aber die Assoziationen aus Deutschland, in Israel läuft es anders, und es hat schon überraschend glatte Zusammenarbeit unerwarteter Partner gegeben. Da sich die Parteienlandschaft auch dauernd ändert (Blau-Weiß z.B. ist eine ganz neue Partei, ein Zusammenschluß von drei ebenfalls neuen Parteien, von der nur eine, Yair Lapids Yesh Atid, parlamentarische Erfahrung hat), sind Bündnisse über Parteigrenzen hinweg eher möglich.

Diesmal wäre eine Koalition von Likud und Blauweiß eigentlich eine gute Idee. Likuds Regierungserfahrung und Blau-Weiß´ neue Ideen und kompetente Leute hätten viele gern zusammen in einer Regierung gesehen, auch ich. Es wäre zwar theoretisch möglich, eine Regierung mit einer sehr schmalen Mehrheit zu bilden, aber wie schnell das in die Binsen gehen kann, haben wir oft genug gesehen. Wenn ein Regierungschef nur 61 oder 62 Stimmen in der Knesset hat, wird jede kontroverse Abstimmung zur Zitterpartie. So sind hier schon mehrere Regierungen zerbrochen.

Lieberman z.B. hat Netanyahus Entscheidung, nicht gegen den Raketenbeschuß aus dem Gazastreifen härter durchzugreifen (was nur zu einer weiteren „Runde“ dort geführt hätte, aber vermutlich den Menschen in Sderot auch nicht geholfen hätte), nicht mitgetragen, ist aus der Koalition ausgeschieden, und die Regierung ist kurz danach ganz in die Brüche gegangen. Die Wahlen im April 2019 waren das Ergebnis.

Lieberman wollte im April nicht wieder in eine Koalition mit Bibi einsteigen, und der, aus Angst, der Präsident könnte als nächsten Gantz mit der Koalitionsbildung beauftragen, löste schnell die Knesset auf. So kam es zu den Wahlen im September.

Doch das Patt besteht weiter.

Oh seufz, hier habe ich es aufgegeben, ihr könnt in jeder Zeitung lesen, wie unmöglich eigentlich eine Regierungsbildung ist. Jede Partei ist auf einen Baum geklettert, von dem sie kaum runterklettern kann. Amir Peretz hat sogar die kläglichen Überreste seines einst prächtigen Schnäuzers abrasiert, damit man im von den Lippen ablesen kann:

Orli (von der Gesher-Partei) und er werden NIE mit Netanyahu in einer Regierung sitzen (er hätte wohl besser „nie wieder“ gesagt, denn beide haben schon in solchen Regierungen gesessen).

Lieberman will nicht mit den Ultra-Orthodoxen sitzen und diese nicht mit ihm. Er wird auch nicht mit Blau-Weiß koalieren, wenn die von der Arabischen Liste gestützt wird, und die Arabische Liste hat Gantz´ Kandidatur nur zu Teilen unterstützt. (Daß es allerdings eine solche Empfehlung gab, ist ein erster großer Schritt für die arabischen Parteien – zumindest drei von ihnen. Bisher haben sie sich aus lauter Antizionismus selbst von der politischen Verantwortung isoliert, mit dem Ergebnis, daß arabische Bürger ebenfalls entweder nicht gewählt oder aber zionistische Parteien gewählt haben, in denen es auch arabische Politiker gibt – oder andere, für die das Wohlergehen der arabischen Bürger Priorität hat.)

So hat jede Partei ihr Blümlein Rührmichnichtan, an das sie auf gar keinen Fall näher rankommen will.

Doch der wahre Knackpunkt liegt bei Bibi. Blauweiß und Likud könnten sich sehr wohl verständigen. Sie haben eine große Schnittmenge – so wie ich es sehe, ist die Schnitt- größer als die Differenzmenge. Gantz und Bibi haben gut zusammengearbeitet, als Gantz unter Bibi Ramatkal war (Generalstabschef), und auch zwischen Bibi und Bogie (Moshe Yaalon), ebenfalls früherer Ramatkal und Verteidigungsminister, lief es eine ganze Weile recht glatt.

Mit Yair Lapid kann er weniger gut, aber ich selbst habe die kurze Koalition von Lapid und Netanyahu genossen, weil wir endlich wieder einen guten Bildungsminister hatten – Shai Piron aus Lapids Partei. Gut, das hat nicht lange gehalten.

(Ich erwähne hier nur Personalfragen, denn inhaltlich ist die Übereinstimmung so groß, daß Gantz vermeidet, genau zu sagen, WAS er denn anders machen würde als Bibi…)

Aber jetzt will keiner links von Likud mehr mit Bibi zusammensitzen. Obwohl es möglich ist, daß sich mehrere der Vorwürfe gegen Netanyahu am Ende in Luft auflösen, ist es eher unwahrscheinlich, daß das mit ALLEN Vorwürfen geschieht. Ich bin keine Juristin, ich bin auch gern bereit zu glauben, daß manche Journalisten übereifrig sind und uns als riesige Skandale verkaufen, was in Wirklichkeit kleinere Wellenringe sind – der Fall Effi Naveh war so eine Geschichte. Damals habe ich noch Nachrichten auf Kanal 12 geguckt (wegen solcher Sachen habe ich damit aufgehört), und wow, was haben die für ein Geraune und Getue veranstaltet, man hätte denken können, die ungenannte Person im Brennpunkt eines Skandals würde die Grundfesten des Staats erschüttern. Dabei war es ein häßlicher und wichtiger, aber nicht weltbewegender Skandal in der juristischen Welt.

Ich schließe also nicht aus, daß auch aus den Vorwürfen gegen Netanyahu am Ende nicht viel bei rauskommt. Ja ich kann sogar verstehen, daß Bibi sich wahnsinnig darüber ärgert, wenn Geschichten über ihn aufgeblasen werden. Am liebsten würde er einfach weitermachen, weil er sich für den besten aller möglichen israelischen Premierminister hält, und die Vorwürfe gegen ihn sind nur ein paar kleine Hundeköttel, über die er hinwegschreiten möchte auf seinem Weg zum israelischen Pantheon.

Aber leider steht es weder Netanyahu noch Kanal 12 noch auch mir zu, die Vorwürfe einzuordnen und ein Urteil zu sprechen. Das wird die Justiz tun.

Außerdem verstoßen einige der ans Licht gekommenen Geschichten eindeutig gegen Verhaltensnormen, auch wenn sie nicht per se justiziabel sind. Wenn auch nur ein Zehntel der Geschichten darüber stimmt, wie dreist sich Bibi und Sarah um Geschenke und Freebies aller Arten bei ihren Millionärsfreunden angestellt haben, dann möchten viele Israelis sich nicht mehr von diesem hedonistischen Paar vertreten sehen. Und die Aussagen von Milchen oder Miriam Adelson sind einfach nur peinlich beim Lesen. Irgendjemand muß sich die Netanyahus mal zur Brust nehmen und ihnen erklären, daß man sich  nicht so verhält, nein, das macht man nicht.

Viele Israelis (besonders aus der Gegend um Tivon, Saras Heimatstadt) glauben, daß sie es ist, von der dieses Verhalten ausgeht, und Aussagen vieler ehemaliger Mitarbeiter scheinen das zu untermauern. Aber sie ist nicht gewählt, sondern Bibi, und er trägt die Verantwortung dafür. Mir ist es zu einfach: Sara ist die Verrückte und Bibi ein super Staatsmann.

Bibi lacht Gantz aus, weil dessen Telefon angeblich von den Iranern angezapft wurde – „wie soll ein Mann, der nicht mal auf sein Telefon aufpassen kann, auf Israel aufpassen“, tönt er. Aber wie soll ein Mann, der die Ausgaben in seinem eigenen Amt und Haushalt, das Verhalten seiner Familie (incl. Yairs berüchtigte Twitter-Anfälle), das Verhältnis zu reichen und berühmten „Freunden“ nicht unter Kontrolle hat, Israel würdig vertreten? Geht doch alles nicht zusammen.

Es gibt viele Leute hier in Israel, für die ist Bibi einfach der König und er darf alles. Meine Friseurin ist eine reizende junge Frau und ich mag sie sehr, aber wenn sie anfängt über Bibi zu reden, mach ich einfach die Ohren zu. Oder versuche es. Also, Bibi wird ja von den Medien übelst verleumdet. Daß Bibi selbst die Dinge über Journalisten, Justiz, Polizei und sogar den Präsidenten gesagt hat, die viele gesetzestreue Israelis die Palme hochtreiben, weiß meine Friseurin nicht, weil sie keine Nachrichten guckt und keine Zeitung liest. Ihre Eltern haben ihr irgendwann gesagt, daß Likud Zuhause bedeutet und ihr Mann, selbst Polizist, stört sich nicht an Bibis Ausfällen.

Ich selbst habe ja eine gestufte Meinung zu Bibi. Im grünen Bereich sind (trotz einiger Abstriche – Trumps Pudel…) sein außenpolitisches Geschick und sein Unwille, in eine riesige militärische Auseinandersetzung einzusteigen. Im gelben Bereich sein mangelndes Interesse an sozialen Themen und seine Art, wichtige Ministerien und Themen rein als Einflußgebiete, also machtpolitisch, zu behandeln – darüber klage ich ja oft, wie sehr Landwirtschaft, Bildung, Pflege, Gesundheitswesen etc vernachlässigt worden sind, wie sehr diese Themen einfach von einem zum anderen geschoben wurden. Aber das hat er wohl mit vielen anderen Politikern gemeinsam.

Eindeutig im roten Bereich aber sind für mich die Vorwürfe gegen ihn, die erst ausgeräumt werden müssen, bevor ein Mandat hat.

Was Netanyahu einst über Olmert sagte: daß ein Mann, er bis zum Halskragen in juristischen Verwicklungen steckt, ein Land nicht führen kann, all das trifft jetzt Wort für Wort auf ihn zu.

Und darum wäre die einzige Möglichkeit, diesen Plonter dauerhaft aufzulösen – um eine funktionsfähige Regierung auf die Beine zu stellen, die nicht beim ersten Konflikt an den Nähten zerreißt – eine Koalition von Likud und Blau-Weiß, aber ohne Netanyahu. Dahin führen zwei Wege.

Erstens ist es denkbar, theoretisch, daß ein paar Likudniks, denen Netanyahus Festhalten an der Macht um jeden Preis schon lange gegen den Strich geht, sich gegen ihn auflehnen. Entweder Urwahlen fordern oder aber die Fraktion spalten – wie unter Sharon geschehen, der einen Teil der Likudniks mitnahm. Allerdings ist die Likudpartei normalerweise sehr loyal ihren Köpfen gegenüber, und da Bibi viele blinde Anhänger hat wie meine Friseurin, wäre das eine gefährliche Strategie. Ich glaube nicht, daß sie es tun würden – Netanyahu hat ja mit Absicht keinen Nachfolger herangezogen und er traut niemandem, nicht mal den größten Schmeichlern.

Zweitens wäre es theoretisch denkbar, daß Netanyahu selbst einsehen könnte, daß ER es ist, der Israel zum zweiten Mal an die Wahlurne getrieben hat und dafür gesorgt hat, daß wir seit einem Jahr keine funktionierende Regierung haben. Er könnte ein Einsehen haben, eine schöne Rede halten wie einst Olmert, von allen Ämtern zurücktreten, sich von der Politik zurückziehen und mit seinen Rechtsanwälten den Kampf um seine Unschuld und seinen guten Namen aufnehmen.

Aber Bibi wäre nicht Bibi, wenn er das täte.

Er möchte nicht nur die Macht in Händen halten, weil er andere für unfähig hält, dieses Amt zu erfüllen – weil er es für sein Recht hält, Israels König zu sein – weil er echte Sorge hat, daß niemand den Eiertanz zwischen Putin und Trump, Assad und Rouhani zu vollziehen – sondern auch, weil er eine politische Machtposition braucht. Sein Plan war, sich mit einer Mehrheit von 61 Stimmen eine Immunität zu besorgen, an der die Vorwürfe zerschellen müßten.  Dann hätte Generalstaatsanwalt Mandelblit (den übrigens Bibi in sein Amt gehoben hat, weil er dachte, Mandelblit würde es ihm irgendwie danken….) keine Handhabe gegen ihn gehabt.

Doch Mandelblit, früherer Kabinettssekretär Bibis, ist fest entschlossen, ihn vor Gericht zu bringen, wenn nötig. Und ich muß sagen, daß Bibis absolute Entschlossenheit, das zu verhindern, bei juristischen Laien wie mir eher den Eindruck erwecken, daß er etwas zu verbergen, etwas zu befürchten hat.

Hier ein bißchen mehr über Mandelblit. Man kann nicht anders als ihn respektieren. Er steht unter Druck von allen Seiten, Bibisten und Anti-Bibisten.

Bibi trifft also in der heutigen Situation lauter Leute wieder, denen er mal sehr verbunden war, ja die er gefördert hat, die aber irgendwann im Krach von ihm geschieden sind. Lieberman, Ayelet Shaked (die der Likud viele Mandate hätte bringen können, wenn Netanyahu sie nur mit auf die Liste genommen hätte), Barak (der es zwar nicht in die Knesset geschafft hat, dessen Manöver im Wahlkampf aber viel Aufmerksamkeit bekamen und dessen Partei ein Dorn in Netanyahus Seite ist), Rivlin, den er politisch beiseitegedrängt hat…

Barak ist der einzige, der Netanyahu mal übergeordnet war – er war sein Commander in der Armee und hat ihn auch mal bei den Wahlen geschlagen. Alle anderen haben ihre Karrieren unter Netanyahu begonnen. Vielleicht kein Wunder, daß er niemandem traut. Er weiß, daß sie alle schon darauf warten, ihre Karrieren ohne ihn fortzusetzen. Aber so ist das nun mal in einer Demokratie. Die Queen hat diese Probleme nicht (dafür hat sie andere).

Was soll also jetzt passieren? Keine Konstellation ergibt stabile 61 Sitze.

Aber dritte Wahlen, die darf es einfach nicht geben.

Eine Frage, keine Antwort. Bisher September 27, 2019, 12:46

Posted by Lila in Land und Leute.
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In den letzten Jahren habe ich oft und unermüdlich bei Twitter, aber auch hier die Frage gestellt:

Warum hat Abu Mazen Olmerts Angebot abgelehnt?

Es ist natürlich nicht das erste oder einzige Angebot für eine Friedensregelung gewesen, aber es war vermutlich das beste. Das muß Abu Mazen auch klar gewesen sein. Eigentlich hat er es nicht mal abgelehnt, sondern einfach nur nie darauf geantwortet. Später erst hat er zugegeben, daß das eine Ablehnung war.

Saeb Erekat, der in den deutschen Medien als „Chefunterhändler“ immer noch Prestige genießt, bezeugt dieses Angebot.

Wie Palwatch ganz richtig resümiert, werden die Palästinenser in absehbarer Zeit kein besseres Angebot bekommen. Warum haben sie es also abgelehnt? Wem Twitter für seine Antwort zu kurz ist, der kann sie gern in den Kommentaren niederlegen.

(Olmerts Bitterkeit im Rückblick ist verständlich, aber zum Thema israelische Justiz und Politik schreib ich vielleicht später mal was – nur so viel, die israelische Justiz hat ein extrem scharfes Auge auf die Politik, und Olmert wußte das.)

Aufgegeben September 27, 2019, 8:10

Posted by Lila in Bloggen.
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Eigentlich wollte ich was zur politischen Lage hier schreiben, wurde aber nach ein paar Absätzen so deprimiert, daß ich nicht mehr weiterschreiben konnte. Ich gehe lieber das Katzenklo saubermachen, alles ist besser, als weiter über Bibi und Co. nachzudenken.

Netanyahu und die israelischen Medien September 19, 2019, 17:17

Posted by Lila in Land und Leute, Presseschau, Uncategorized.
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Netanyahu bringt immer wieder die Klage vor, daß „die Medien“ gegen ihn seien und überhaupt ganz und gar links unterwandert. Ich halte diese Klage für unbegründet. Im Gegenteil gefällt mir bei den israelischen Medien eine Vielfalt der Meinungen, zu fast allen Themen, wenn kommentiert wird. Und es gibt auch Journalisten, bei denen man merkt, daß sie ihre Meinungen nicht nach Schema X aus der Schublade nehmen, sondern eine professionelle Distanz bewahren. Insgesamt ist es ziemlich leicht zu erkennen, ob ein Journalist berichtet oder kommentiert.

Was Zeitungen angeht – ich empfehle gern die Übersicht englischer Artikel, immer aktuell, von Rotter.net. Dort geht es von eher „rechten“ (nationalreligiös geprägten) Medien wie Arutz 7 und der anglo-sächsischen Jerusalem Post über die „Mitte“ (Ynet, Times of Israel) bis zur „linken“ (säkular-urbanen) Haaretz. Wobei für Haaretz auch eher konservative und für JPost auch eher linke Journalisten schreiben. Wenn man zu einem Thema Artikel und Kommentare mehrerer Zeitungen liest, hat man automatisch mehrere Gesichtspunkte. Und das sollte man ja sowieso tun. Also, diese Seite kann ich wirklich empfehlen, denn man hat ganz bequem die Links zusammen, auch wenn sie optisch etwas rustikal wirkt.

Wer kein Ivrit versteht, der hat es schwerer, sich ein Urteil über die israelischen Fernsehsender zu machen – die englischsprachige Berichterstattung kenn ich gar nicht mehr, und sie ist auch eher marginal.

Insgesamt gibt es hier drei große Fernsehsender, deren politische Berichterstattung und Nachrichtensendungen um die Zuschauer konkurrieren. Die ganze Fernsehlandschaft in Israel hat mehrere große Umwälzungen mitgemacht, ich beziehe mich auf die aktuell beliebten Sender.

Kan11 ist der Sender, den ich am liebsten sehe. Es ist der öffentlich-rechtliche Sender und hat viele gute Sendungen im Angebot, die ich manchmal im Internet angucke, wenn ich sie verpaßt habe. Seine Optik ist eher schlicht, man kann jederzeit live im Internet zugucken, und es gibt dort nicht wenige Kipa-Träger, von denen einige offen konservativ sind (Erel Segal), andere neutral und kompetent. Die Expertin für militärische Themen, Carmela Menashe, ist mir bei dem Thema am liebsten.

Bei Mako kann man die Nachrichten von Kanal 12 sehen, Nachfolger des ersten privaten Kanals in Israel, Kanal 2. Ich glaube, Kanal 12 ist am beliebtesten, die Journalisten sind am bekanntesten und insgesamt haben einige von ihnen ausgesprochene Kritik an Netanyahu geäußert, weswegen sie oft als Beispiel für das „abgekartete Spiel“ der Medien zitiert werden. Aber sie fassen auch linke Politiker nicht mit Samthandschuhen an. Allerdings ist einer ihrer deutlichsten Kommentatoren, Amnon Abromovitch, auch deutlichster Kritiker Netanyahus.

Kanal 13 ist Nachfolger des früheren Kanal 10 und ich sehe ihn seltener (sehe überhaupt praktisch nur Nachrichten und dann Kan11, weil die im Internet senden), aber auch dort ist das Meinungsspektrum gemischt.

Wer sich nur von Haaretz und Kanal 12 ernährt, hört allerdings mehr Kritik an Netanyahu als Lob, aber es reicht, einmal Segal und Liebeskind auf Kan11 zuzuhören, oder aber im Radio Kobi Ariel und Irit Linur, und schon hat man auch andere Stimmen.

Insgesamt finde ich Netanyahus Kritik unberechtigt, obwohl ich verstehen kann, daß es ihn ärgert, wenn seine verschiedenen Eskapaden von Satiresendungen auf die Schippe genommen werden.

Vor zwei Jahren, Eretz Nehederet (Ein wunderbares Land) – was wie Klamauk aussieht, hat einen ziemlich scharfen Text, der ein paar von Bibis typischen Reaktionen auf Vorwürfe zitiert.

Aber vor zehn Jahren hat dieselbe Sendung nicht nur Bibi, sondern ebenso Peretz und Olmert aufs Korn genommen.

Und daß es Bibi nicht wirklich stört, wenn er brilliant kopiert wird, weil er weiß, daß er das auch für sich nutzen kann, sieht man an seinem Auftritt sowohl bei Eretz Nehederet

als auch bei Lior Shlain, wo er ebenfalls regelmäßig durch den Kakao gezogen wird.

Netanyahus Umgang mit diesen Satiresendungen ist nicht ungeschickt, und er macht das eigentlich ganz souverän.

Viel problematischer ist, daß er keine Interviews gibt, nur kurz vor den Wahlen. Auch bei Pressekonferenzen wimmelt er die Journalisten gern ab. Und wenn er Journalisten verärgert, dann machen sie sich irgendwann Luft.

Ein Teil der Vorwürfe gegen Netanyahu haben auch mit den Medien zu tun – nämlich, daß er sich positive Berichterstattung einer beliebten News-Seite im Internet verschafft haben soll (der sog. Fall 4000). Darüber wird natürlich relativ viel berichtet, weil es die Journalisten selbst interessiert.

Es ist möglich, daß er vorverurteilt wird, bzw daß sich hinterher vor Gericht Vorwürfe in Luft auflösen, weil sein Verhalten nicht gegen Gesetze verstieß – trotzdem ist vieles davon diskussionswürdig. Und anderen Politikern ging es nicht besser, wenn sie unter Verdacht gerieten. Sie stießen öffentliche Diskussionen an. Die israelische Justiz verfolgt, soweit ich es beurteilen kann, scharf, besonders Politiker.

Es wird ihn auch geärgert haben, daß eine Aufnahme in miserabler Qualität gesendet wurde, wo man hört, wie seine Frau am Telefon einen Redakteur anblafft, weil sie sich nicht positiv genug dargestellt sah. Ich kann sogar verstehen, daß es sie nervt, als Psychologin mit M.A., immer wieder als Ex-Stewardess erwähnt zu werden, aber die Aufnahme ist peinlich. Vielleicht wäre sie in einem anderen Fall nicht veröffentlicht worden, aber Sara Netanyahu ist beliebte Zielscheibe von Journalisten, die sich an Bibi selbst nicht drantrauen. Daß sie zu dem Thema mehrere Interviews gegeben hat, in denen sie sich über die Berichterstattung beschwert, hat leider nicht geholfen – da hält es die Familie Windsor mit „never explain, never complain“ wohl besser.

Selbst ihre Versuche, die Vorwürfe über einen luxuriösen Lebenswandel zu entkräften, indem sie einem bekannten Innenarchitekten zeigt, wie schlicht der amtliche Wohnsitz des Premierministers ist, wie in die Jahre gekommen, wurde zum Bumerang – jeder weiß, daß die Netanyahus eine Villa in Caesarea haben, und ihre Klagen über ausgefranste Teppiche, wie peinlich, wenn die Obamas kommen!, kam irgendwie nicht so rüber, wie sie es geplant hatte.

Eigentlich wurde nur Leah Rabin ähnlich angegriffen wie sie – Sonia Peres war praktisch unbekannt, Aliza Olmert als Malerin und Sozialarbeiterin eher respektiert als kritisiert, und überhaupt war vor den Netanyahus keine politische Familie so im Rampenlicht. Bei seinen Reden merkt man Netanyahu an, daß das seine Achillesferse ist – die Kritik an seiner Frau und seinen Söhnen empfindet er als unfair, weil diese nicht gewählt wurden und sich nicht aussuchen konnten, allgemein bekannt zu sein. Die Söhne kennen es gar nicht anders.

Avner, der jüngere Sohn, wurde von Demonstranten so persönlich angegangen, daß er sich vor Gericht dagegen wehrte. Er macht einen sensiblen Eindruck und scheint eher darunter zu leiden, daß seine Familie so bekannt ist. Ein Journalist erzählte, daß Avner ihm sagte, er würde nie Politiker werden wollen, weil das für die Familie unzumutbar ist – und typisch, daß dieser Journalist das nicht für sich behielt.

Der ältere Sohn dagegen, Yair, twittert und schießt bei der Verteidigung seines Vaters manchmal übers Ziel hinaus. Damit hat er sich in die öffentliche Arena begeben, und da er als engster Ratgeber seines Vaters gilt, ohne gewählt zu sein oder eine offizielle Funktion zu haben, ist er damit heute wohl der umstrittenste Netanyahu.

Wenn Netanyahu den Medien vorwirft, daß sie sich die Zähne an seiner Familie wetzen, dann entgegnen die Medien, daß er es war, der im amerikanischen Stil seine Familie erst in Szene gesetzt hat. (Außerdem kommen er und seine Frau aus bekannten Familien der ashkenasischen Oberschicht). Trotzdem kann ich verstehen, daß er deswegen grollt.

Aber was die Berichterstattung und Kommentare zu seiner Politik angeht, finde ich die Medien insgesamt fair. Zu allen Fernseh-Diskussionen werden auch mehr oder weniger eloquente Likud-Politiker eingeladen, die Netanyahus Standpunkt erklären. Daß ein Tribunal von linken Kommentatoren und Politikern den Stab über ihn bricht, ohne daß lebhaft widersprochen wird, ist jedenfalls nicht die Regel.

Man muß außerdem mehr als nur eine Quelle lesen oder hören. Das ist ja bei jedem Thema so.

 

Wahltag September 17, 2019, 20:57

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches, Uncategorized.
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Wir sind im Deja-vu. Genau dieselben Phrasen, Versprechungen und gegenseitigen Vorwürfe haben wir im April schon gehört. In einer halben Stunde werden die Wahllokale geschlossen und die ersten Hochrechnungen (midgam) werden veröffentlicht. Nach der Peinlichkeit im April, als aufgrund von Hochrechnungen beide Kandidaten ihren Wahlsieg feierten, werden sie diesmal wohl vorsichtiger sein.

Von dem ganzen hektischen Irrsinn um die Wahlen haben wir heute wenig mitgekriegt, weil für die Familie ein Trauertag war. Wir standen traurig auf dem Friedhof im Kibbuz, um einen Jahrestag zu begehen. Heute genau vor einem Jahr haben wir auf tragische Art und Weise eine nahe und sehr geliebte Verwandte verloren. Und so war heute die ganze große Familie versammelt.

Nach dem Besuch des Grabs kam das gemeinsame Essen im Haus meines Schwagers, der noch im Kibbuz wohnt. Ich habe immer große Freude daran, wie der Tisch aussieht, auf dem wir alle mitgebrachten Sachen aufbauen. In Y.s Familie essen alle so wie ich – viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Qinoa, Salate, Obst, alles frisch, alles leicht. Ein nicht geringer Anteil der Familie ißt wenig oder gar kein Fleisch, und ein Anteil der Jugend ißt vegan.

Alkohol wird bei diesen Treffen nie getrunken, anders als in der deutschen Familie, wo Wein, Sekt und Prosecco fließen, und zu Weihnachten auch die Feuerzangenbowle….

Nicht auszudenken, wenn ich in eine Familie eingeheiratet hätte, für die eine gute Mahlzeit aus Fleisch, Wurst und Sättigungsbeilage besteht! Gegen ein Gläschen Wein allerdings hätte ich nichts einzuwenden.

Die Familie, die nach der Shoah winzig war, hat sich inzwischen deutlich vergrößert. Alle Vettern, Cousinen, Nichten und Neffen im fortpflanzungsfähigen Alter sind glücklich verbandelt, und viele von ihnen haben energiegeladene Kinder aller Altersstufen, die froh sind, wenn sie im Kibbuz auf der Wiese toben können. Nichts hebt die Stimmung mehr als den Kindern zuzugucken. Tertia hat mit den Älteren Taki gespielt, ein Kartenspiel, und die Stimmung entspannte sich.

Irgendwann fingen dann alle an, von den Wahlen zu sprechen. Alle hatten gewählt. Die geborenen Kibbuzniks stellten fest, daß sie in den letzten Jahren sacht in Richtung Mitte abwanderten (obwohl es immer noch Meretz-Wähler in der Familie gibt ). Man erinnerte sich an die Mapam-Partei, der die Großeltern und eigentlich alle Kibbuzniks selbstverständlich angehörten. Aus Mapam wurde nach dem Zusammenschluß mit Ratz Meretz (alles Abkürzungen), und jetzt hat sich Meretz mit Baraks Partei zusammengeschlossen und das Ganze heißt „Demokratisches Lager“.

Die Eingeheirateten, die teilweise aus konservativeren Häusern kamen, hatten eine ähnliche Wanderung in Richtung Mitte hinter sich. Sonst diskutieren wir solche langsamen Wandlungen politischer Standpunkte eher selten, aber am Wahltag kam die Sprache ganz natürlich darauf. So haben also die meisten Blau-Weiß, einige auch Demokratisches Lager oder Arbeitspartei-Gesher gewählt. Es war eine sehr interessante Diskussion, die sich ähnlich bestimmt in vielen Familien abgespielt hat, egal was sie wählen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind heute nämlich umsonst und gearbeitet wird nicht, so daß viele Leute zusammen Ausflüge gemacht haben oder Familientreffen wie wir.

Jetzt sitzen wir vor dem Fernseher und warten auf die Hochrechnungen der drei großen Fernsehsender. Es geht um viel. Netanyahu kämpft um mehr als seine politische Karriere. Ohne den Rang als Premierminister gibt es keine Möglichkeit, seinen Vorladungen und Anhörungen eventuell auszuweichen. Aber bei aller Anerkennung für sein Geschick im Eiertanz des Nahen Ostens, für seine Entschlossenheit bei der Verteidigung gegen den vom Iran inszenierten Schattenkrieg, für seinen Verdienst bei der Verbesserung von Israels internationalem Einfluß in vielen früher unerreichbaren Ländern (für die wir mit Verlust anderer Freundschaften zahlen….) – wir alle können und wollen ihn nicht mehr sehen.

Ich bin dafür, daß ein Premierminister nicht öfter als zweimal gewählt werden darf. Ein andermal schreibe ich mal mehr darüber, warum ich bei der Anerkennung seiner Verdienste Netanyahu trotzdem für destruktiv halte. Aber jetzt gucken wir die Hochrechnungen. Das wird eine lange Nacht. Immerhin haben wir gut gegessen. Haltet uns die Daumen.

Unwissenheit oder Kalkül? September 16, 2019, 9:43

Posted by Lila in Land und Leute.
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Wieder einmal setzt ein palästinensischer Politiker historisch ganz früh an, um den Juden jede Verbindung zum Land Israel abzusprechen. Diesmal ist es der PA-Kulturminister Atef Abu Saif, der erklärt, daß die Juden erst neulich hier angekommen sind und ihre Geschichte schlicht erfunden haben. Hingegen die Palästinenser! Sie sind die Nachfahren der historischen Kanaaniter.

Daß es nicht den geringsten Beweis dafür gibt, keinerlei kulturelle oder sprachliche Spuren der Kanaaniter in der modernen palästinensischen Identität, das stört weder ihn noch seine Zuhörer. Heutige Palästinenser tragen arabische oder christliche Namen, sie feiern muslimische oder christliche Feste.  Es handelt sich also um eine schlichte Fiktion, noch abwegiger als Felix Dahn Inanspruchnahme der Ostgoten als ferne Ahnen der Gründerzeit-Deutschen.

Weitaus wahrscheinlicher ist ja historisch, daß viele der heutigen Palästinenser in einer der großen arabischen Einwanderungswellen aus anderen Ländern gekommen sind, z.B. der arabischen Halbinsel. Oft läßt sich das ja sogar am Familiennamen ablesen (Hallabi – aus Aleppo, al-Masri, aus Ägypten etc). Außerdem kann man sich ja mal fragen, woher auf einmal in der Zeit der muslimischen Eroberung die vielen Muslime kamen. Aus Drachenzähnen werden sie ja wohl kaum gesät worden sein, sondern es waren Konvertiten – und so wie manche Juden zum Christentum konvertiert sind, werden wohl auch viele muslimisch geworden sein. Was auch erklären würde, warum sich Juden und Palästinenser genetisch ähneln.

Die sprachliche, kulturelle und religiöse Kontinuität des Judentums und jüdischen Volks jedenfalls sind unbestreitbar bezeugt, über Jahrhunderte hinweg, und wurden auch nie bestritten, außer eben in den letzten Jahrzehnten durch Gegner des Staats Israel.

Vor der Staatsgründung Israels gab es eine einflußreiche Gruppe von Künstlern und Autoren, die sich Kanaaniter nannten – weil sie sich von der Kultur der Diaspora absetzen wollten und die Wurzeln des Judentums in lokalen, polytheistischen Kulturen suchten.

Itzhak Danzigers Skulptur Nimrod aus dem Jahr 1939 ist bekanntester Ausdruck dieser Kunstrichtung, die sich radikal von der ersten Generation orientalisierend-klassizistischer Künstler der Bezalel-Schule abwandte.  Ein weiterer Ausdruck der Abwendung von der Kultur der Diaspora war die Hebraisierung von Vor- und Nachnamen, und die Vergabe von Vornamen, die in der Bibel als Negativfiguren galten – oder aber gleich Vornamen, die aus der Fauna und Flora entnommen wurden, manche biblisch verbürgt, manche nicht.

Ich hätte kein Problem damit, wenn palästinensische oder israelisch-arabische Künstler ebenfalls auf die Ikonographie und formalen Merkmale nahöstlicher Völker vor 5000 Jahren zurückgreifen würden, um die eigene Geschichte und Position in Frage zu stellen, sich von anderen abzugrenzen oder einfach zu experimentieren und sich inspirieren zu lassen. Das haben Modigliani und Kiki Smith auch getan. Aber daraus so weitgehende politische Ansprüche ableiten?

Kulturelle Identität ist wandelbar, sollte aber nicht willkürlich instrumentalisiert werden. Privat hat jeder das Recht, sich als letzter Ubier oder wiedergeborener Astoreth-Anbeter zu fühlen, aber das bedeutet noch nicht, daß jede historische Fiktion auch Grundlage für politische Forderungen werden darf. Und wer die historischen Fakten leugnet (wozu auch die systematische Zerstörung archäologischer Artefakte in der PA paßt), der lügt.

Die Stoßrichtung solcher Aussagen wie der von al-Saif ist klar: die jüdische Präsenz im Nahen Osten soll als von Grund auf unrechtmäßig dargestellt werden. Das paßt zur Linie der politischen palästinensischen Führung, die nicht an Frieden interessiert ist, sondern an der Auslöschung Israels.

Daß solche Aussagen in westlichen Medien niemals aufgegriffen und in Kontext gesetzt werden, ist ein weiterer Grund, sich selbst schlau zu machen.