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Absolute Freiheit. Das Paradies. April 8, 2012, 12:35

Posted by Lila in Presseschau.
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So bezeichnet ein Palästinenser Tel Aviv. Wie er zu diesem Schluß kommt? Er hat das Pech, schwul zu sein.

Gil Yaron greift ein Thema auf, das jeder Israeli kennt – schwule Palästinenser, die nach Israel fliehen, weil sie dort wenigstens überleben können, wenn sie es auch schwer haben ohne Aufenthaltsgenehmigung.

Doch Jussuf will bleiben, um jeden Preis. „No way! Ich gehe hier nie weg“, sagt er. „Es ist nirgends besser als in Tel Aviv. Seit ich hier lebe, habe ich noch nie Rassismus erfahren. Sogar während der Zweiten Intifada, als hier überall die Busse von Palästinensern in die Luft gesprengt wurden.“ Mehr als 40 Mal setzten Polizisten ihn bereits im Westjordanland ab, aber Jussuf fand immer den Weg zurück. „Ich kenne schon alles: die Beamten, die Zellen, die Fragen und die Tricks, um über die Grenzanlagen zu kommen“, sagt er. Entweder geht er durch die Wüste, klettert in Jerusalem über die Mauer oder nimmt eine Route im Norden: „Da kann man sich nachts über die Felder schleichen. Schaul wartet auf der anderen Seite mit dem Auto.“

Jüdische Polizisten flößen Jussuf keine Angst mehr ein: „Die behandeln mich mit Respekt. Gegen Ende ihrer Schicht lassen sie mich oft einfach ziehen. Sie wissen, dass ich heute keinen Schaden mehr anrichte. Sie haben keine Lust auf den ganzen Papierkram“, sagt Jussuf und grinst. Der Mitgliedsausweis des Schwulenvereins sei bei jüdischen Polizisten hilfreich: „Die sagen manchmal: Was, du bist Araber und schwul? Geh nach Hause, Gott hat dich schon genug gestraft.“

Genau so lerne auch ich die Israelis immer wieder kennen. Die stereotype Vorstellung der rassistischen, araberhassenden, verhetzten und aggressiven Israelis ist nicht mehr als das – ein Stereotyp. Gewiß gibt es wie überall auch in der israelischen Armee und bei der Polizei Menschen, die mit der Macht nicht fertigwerden, die eine Uniform ihnen gibt, und die ihr Gegenüber entwürdigen (und damit sich selbst). Aber die israelische Grundhaltung ist human und tolerant. Die vielen Vorsichts- und Defensivmaßnahmen gegen Terror und Gewalt stehen der israelischen Neigung, auch mal Fünf gerade sein zu lassen und anderen mit Vertrauen zu begegnen, eher im Wege.

Ich denke ja manchmal, vielleicht spinne ICH, wenn ich mitbekomme, wie manche Leute sich Israel vorstellen, aber dieser Artikel bestätigt mein Bild. Israelis wie Shaul Ganon setzen sich für Palästinenser ein, für die sich sonst niemand einsetzt. Und zwar aktiv.

In Israel ist es problemlos möglich, offen schwul zu sein, wie in allen anderen Ländern der westlichen Welt. Auch wenn religiöse Familien Probleme mit Homosexualität haben, die nicht in ihr Wertesystem paßt (und vor allem das Gebot zur Fortpflanzung kompliziert machen), sind „Ehren“morde unbekannt. Man arrangiert sich eben irgendwie damit, wie auch in streng christlichen Familien. Und im säkularen Israel ist es ungefähr so schwierig wie in Berlin oder New York, „anders“ zu sein.

Aber mal abgsehen vom israelisch-palästinensischen Blick – es lohnt sich, den Artikel zu lesen, er ist erschütternd. Was tun homosexuelle Männer und Frauen in arabischen Ländern, die nicht die Möglichkeit haben, sich nach Tel Aviv abzusetzen?  Wie geht es homosexuellen moslemischen bzw arabischen Migranten eigentlich in westlichen Ländern? Wer setzt sich für sie ein, damit sie nicht von ihren Familien bedroht werden?

Es ist erschreckend, daß für so viele die Familie, die man gern als Zufluchtsort schlechthin wahrnimmt, als zuverlässig schützende nächste Umgebung, zur schlimmsten Bedrohung überhaupt wird. Die vielen „Ehren“mord-Geschichten, die ich im Lauf der Jahre mitgekriegt habe, ziehen mir beim Lesen gewissermaßen den Boden unter den Füßen weg. Wo Männer und Frauen von ihren Eltern und Geschwistern brutal gemetzelt werden – wo die Bindung innerhalb der Familie, die noch vor der Geburt beginnt und die sich im Lauf der ersten Lebensjahre aufbaut, die zu unseren ersten und stärksten Erinnerungen gehört – wo die nicht zuverlässig ist und sich wegen „Fehlverhalten“ im Nu in die Waffe verwandelt, die den Menschen das Leben kostet – da muß das Leben ehrlich gesagt ein Albtraum sein.

Welche menschliche Bindung ist denn dann noch zuverlässig und haltbar, welche Liebe ist bedingungslos und angstfrei? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sämtliche emotionalen Bindungen „auf Bewährung“ sind, selbst die an Bruder und Schwester und Vater und Mutter, aus deren Hand man die ersten Bananenstücke gegessen, die ersten Bauklötzchen entgegengenommen hat? Denen man sein erstes Lächeln geschenkt hat?

Kommentare»

1. Mikhail - April 8, 2012, 13:02

Aber die letzten Zeilen sind sehr beunruhigend:

Am innigsten wünscht er sich, „eines Tages ohne Angst durch Tel Aviv gehen zu können, hier zu arbeiten und zu leben“. Doch die israelische Staatsbürgerschaft will er nicht. „Ich bin ein stolzer Palästinenser. Ich werde mein Volk und mein Land nie verraten“, sagt er, „auch wenn es mich verraten hat“.

Doch ein typischer Palestinenser – egal wie viel man von Israel profitiert, Israel bleibt trotzdem ein „Fremdkörper“

2. Wolfram - April 9, 2012, 17:34

Das würd ich anders sehen, Mikhail. Ich lebe seit Jahren in Frankreich, aber ich unternehme trotzdem nichts, um mich einbürgern zu lassen. Warum auch, ich kann doch auch so hier arbeiten und leben.
Ich käme mir nämlich auch seltsam vor, wenn ich die deutsche Ausbürgerung beantragen würde.

3. Jakobo - April 9, 2012, 21:00

na innerhalb von europa ist das zum glueck einfacher geworden.

J

4. Numen - April 9, 2012, 22:09

Nu, wenn dir das gefallen hat, dann könnte dir auch das gefallen:

RABBI-AUSBILDUNG in Deutschland – „Kein besseres Land für Juden“

http://www.zeit.de/2012/15/DOS-Rabbiner/komplettansicht?print=true

»Wir Juden haben unsere Koffer in Deutschland längst ausgepackt.«

5. Inch - April 12, 2012, 11:53

Aber, Worlfram, tätest Du es doch, würdest Du es doch nicht als Verrat an Deutschland empfinden, oder?
Ich gebe Mikhail Recht. Mich haben genau die Zeilen auch beunruhigt. Es ist doch schließlich nicht die Frage, ob man es tut, sondern warum. Für Dich Wolfram, macht eine Ausbürgerin keinen Sinn, für Jussuf wäre es Verrat. Und dieser Verrat, der macht mir Sorgen

Wolfram - April 13, 2012, 13:48

Es würde dennoch für mich bedeuten, mich von etwas abzuschneiden, das zu mir gehört. Und ich denke an so viele Intellektuelle aus Deutschland, die nach USA ausgewandert sind zwischen 1933 und 1941, die teilweise nie zurückgekommen sind – aber auch in dem Land, das damals für die Freiheit stand, weder die Einbürgerung gesucht haben noch je wirklich heimisch wurden.
Und ich bin nicht sicher, ob „Verrat“ nur mit Jussufs Augen gesehen ist, oder ob da nicht auch die Sicht seiner Landsleute, seiner Familie mit hineinspricht. Man kann behaupten, was man will, Menschen denken und reden nicht rational…

6. Jakobo - April 13, 2012, 22:50

Wieso macht euch der ausdruck verrat so sorgen? vom menschlichen standpunkt ist es sehr verstaendlich fuer mich. eher im gegenteil wenn er fuer ihn nicht gleichgesetzt wird mit gegen israel zu hetzen dann ist es ein gutes zeichen finde ich.

„Und ich denke an so viele Intellektuelle aus Deutschland, die nach USA ausgewandert sind zwischen 1933 und 1941, die teilweise nie zurückgekommen sind – aber auch in dem Land, das damals für die Freiheit stand, weder die Einbürgerung gesucht haben noch je wirklich heimisch wurden.“

Ich glaube nicht dass man das wirklich vergleichen kann. exil ist etwas ganz anderes, die art zu denken von den leuten die es betroffen hat ist eine ganz andere als wenn jemand wegen arbeit oder aus sonst welchen gruenden sein land verlaesst.

J er

Wolfram - April 14, 2012, 11:28

Ähm… warum hat denn Jussuf sein Land verlassen? Nicht wegen der Arbeit, sondern letztlich als Asylsuchender, als Verfolgter wegen seiner sexuellen Orientierung. In seinem Land droht ihm der Tod. Wo ist der Unterschied zu Thomas und Heinrich Mann, beispielsweise, zu Paul Tillich oder so vielen Unbekannten, die Deutschland verlassen haben, um ihr Leben zu retten?

7. neusprech - April 14, 2012, 15:48

Das ist eine Sache, die bei den Arabern tief verankert ist. Ich habe bei einer „Gaza-Mahnwache“ einen Pali aus dem Gaza-Streifen gefragt, wieviele seiner Familienmitglieder denn bei dem „Gaza-Holocaust“ umgekommen wären. Keiner, aber dann berichtete er mir ganz locker, dass die Hamas 5 Familienmitglieder erschossen hätte, weil diese der Fatah angehörten. Ich fragte ihn, ob nicht eventuell die Hamas sein Feind sein könnte und Israel, der Friedensdialogpartner der PA, sein Freund. Nein sagte er, Israel ist und bleibt der Feind.
Keine Selbstreflektion die Jungs. Traurig.

8. Jakobo - April 14, 2012, 22:55

@ Wolfram:
ich hatte deinen text am anfang falsch verstanden. so sehe ich auch keinen unterschied.

J

9. Jakobo - April 14, 2012, 23:04

„wieviele seiner Familienmitglieder denn bei dem “Gaza-Holocaust” umgekommen wären. Keiner, aber dann berichtete er mir ganz locker, dass die Hamas 5 Familienmitglieder erschossen hätte, weil diese der Fatah angehörten. Ich fragte ihn, ob nicht eventuell die Hamas sein Feind sein könnte und Israel, der Friedensdialogpartner der PA, sein Freund. “

find ich interessant.. hast du dann noch weiter nachgefragt?

J

10. Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream – heplev - April 15, 2012, 14:30

[…] „Absolute Freiheit. Das Paradies.“ Gemeint ist Tel Aviv. Die Meinung ist die eines Palästinensers. Warum? Bei Lila nachlesen! […]


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