Und sonst? Mai 6, 2013, 15:35
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Sonntag
Ja un wie is et sonst? Wie sonst. Erst war Quarta krank, dann ich, jetzt wieder Quarta, das hält uns auf Trab. Arbeit bis über beide Ohren, ich krieg es einfach nicht auf die Reihe, IMMER bleibt was liegen, ich hasse es. Zwischendurch Geburtstag, meine Güte, immer noch nicht 50? Nächstes Jahr. Irgendwann im April war auch mein 10jähriges Blog-Jubiläum – ich weiß noch, daß ich kurz vor meinem 39. Geburtstag damit angefangen habe. Hätte ich gedacht, daß ich das zehn Jahre lang, wenn auch mit Pausen, weiterführe? Nein. Irgendwann schreib ich mal was dazu.
Was ich zu den Angriffen auf syrische Waffentransporte an die Hisbollah sage? Nun, wenn schon die oft beschworene “internationale Gemeinschaft” die Bewaffnung der Hisbollah nicht verhindert, wiewohl sie es versprochen hat, dann nimmt Zahal das eben selbst in die Hand. Es ist ein bißchen schwierig, aus der Ferne zu verstehen, wie unangenehm es sich anfühlt, all diese Raketen direkt vor der Nase zu haben und immer wieder zu hören, was Nasrallah uns wünscht und wie er sich das vorstellt.
Ich weiß, in Deutschland sind das keine Nachricht wert, Nasrallahs Gerede, klar, ist ja auch weit weg, aber wir hören ihn eben regelmäßig und haben oft genug von der Hisbollah auch mehr als nur Worte frei Haus geliefert bekommen. Es ist ja auch immer lehrreich, zu hören, wie jemand wie Nasrallah tickt. Damit man von Illusionen geheilt wird wie “wenn Israel nur noch mehr Gebiete räumte…”, “wenn Israel nur gesprächsbereiter wäre…”, “wenn Israel nicht auf Stärke, sondern auf Kompromißbereitschaft setzte…”. Lauter Illusionen, von denen auch ich regelmäßig geheilt werden muß. Nasrallah nimmt diesen Job auf sich, danke sehr.
Mit dem Bürgerkrieg in Syrien, der unübersichtlich und blutig ist und der in Israel mit großer Besorgnis gesehen wird, hat diese Aktion meinem Verständnis nach eher wenig zu tun. Ich nehme an, Bibi weiß so gut wie ich, daß bei den Assad-Gegnern immer mehr die Islamisten überhand nehmen – wie im Iran und in Ägypten beerbt der politische Islam die Demonstrationen und Proteste für mehr Bürgerrechte und -Freiheiten (vorgestern oder gestern war eine hochinteressante Reportage über Israel, den Schah und den Unwillen Israels, zu begreifen und zu akzeptieren, daß sich mit dem Fall des Schah die Beziehungen geändert, ja erledigt hatten). Keiner dort ist ein Freund Israels, und ohne Waffenlieferungen an die Hisbollah würde Israel sich gänzlich raushalten.
Mir persönlich wäre es lieber, es würde gar nicht zu solchen Eskalationen kommen. Aber das ist natürlich schwachsinnig, denn jede Rakete, die uns jetzt durch die Lappen geht, die von Damaskus über die libanesische Grenze in die Hände der Hisbollah gerät, die wird später ihren Weg nach Israel finden. An der Bereitschaft der Hisbollah, irgendwann in den herbeiphantasierten Krieg zur Vernichtung Israels einzusteigen, besteht ja kein Zweifel. An der Bereitschaft des Iran, uns anzugreifen, besteht ebenfalls kein Zweifel – sie haben es oft genug schon getan.
Ich kann nicht behaupten, daß mich die Lage kaltläßt, und es ist schrecklich, daß bei dem israelischen Angriff Menschen ums Leben gekommen sind – aber ich glaube nicht, daß der nächste Krieg vor der Tür steht. Die Syrer haben einen großen Teil ihrer Armee in Syrien selbst gebunden, und ein sehr gutes Bild gibt sie im Kampf gegen die Rebellen aller Arten nicht ab. Wer weiß, wie Syrien aus diesen Kämpfen hervorgeht. Hoffentlich hören die Waffenlieferungen an die Hisbollah auf. Hoffentlich wird es in Syrien zu einem Waffenstillstand und zu einer politischen Lösung kommen.
Montag
Gestern nachmittag bin ich nicht mehr dazu gekommen, noch mehr zu schreiben. Es klingelte an der Haustür, und meine kranke Quarta (der es wirklich miserabel ging) wollte nicht aufmachen. Ich lief schnell auf den Balkon, um zu gucken, wer da klingelt. Der Nachbar stand auf der Straße. “Yossi, hast du geklingelt?” “Neee, ich glaube, das war dein Sohn!” Mein Sohn? Secundus? Wie das?
Ich fegte die Treppe runter, und da stand Quarta, strahlend vor Glück, in Primus´festen Armen. Primus! Er hat mich vollkommen überrascht. Niemand hat ein Wörtchen verlauten lassen. Er fängt in zwei Wochen an zu arbeiten, bevor es mit dem Studium losgeht, und hat die kleine Pause benutzt, um kurz nach Hause zu fliegen. Im Gepäck hatte er zwei Kilo Spargel, viel besser als alles, was wir hier kaufen können.
Secundus und Tertia wissen noch nicht, daß er hier ist, er will sie überraschen, und ich bin so froh. Deutschland gefällt ihm gut, alles läuft wie geplant, er ist zufrieden. Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs, Primus kümmert sich um Quarta, die immer noch wacklig auf den Beinen ist.
Hoffentlich komm ich auch wieder zum Bloggen in den nächsten Tagen. Hier läuft jedenfalls alles normal, keine Panik, keine Sorge.
Ich sitze im Lehrerzimmer, bin froh, daß Primus sich zuhause um meine arme kranke Quarta kümmert, und gehe gleich zu einer Ausstellungseröffnung. Der israelische Künstler Erez Israeli, den ich seit seiner Beuys-Arbeit interessant finde, ist mit einem Video vertreten, in dem er Kleists Anekdote mit dem Tambour interpretiert.
So läuft der Alltag weiter. Richtig Zeit zum Bloggen habe ich eigentlich nicht, aber von Zeit zu Zeit muß ich doch mal von mir hören lassen…
Bändeweise April 20, 2013, 0:02
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Bei meinem Stöbern nach noch mehr, noch mehr, NOCH VIEL MEHR Kindle-Büchern entdecke ich ein Genre, das mich an meine Schulzeit erinnert, und zwar an die Spätphase, als die vielen Bände von der Berufsberatung kreisten – Studienfächer, Ausbildungsberufe, für jeden denkbaren Beruf gab es so ein Heftchen. Natürlich, da wir eine Mädchenklasse waren, lauter weibliche Berufe. In der Schülerbücherei war eine ganze Ecke mit diesen Büchlein gefüllt. Und jetzt sehe ich ganz viele Romane, die genau in diese Ecke passen würden.
Die Weißnäherin. Die Kübelmacherin. Die Sockenstrickerin. Die Kräuternonne. Die Imkerin. Die Handschuhmacherin. Manche dieser karg-vielversprechenden Titel werden mit geographischen Bezeichungen veredelt: Die Müllerin vom Westerwald. Die Salbenrührerin von der Norddeutschen Tiefebene. Die Korbflechterin von Hildesheim. Die Marmeladenköchin von Lüneburg. Die Waffelbäckerin vom Niederrhein. Die Spitzenklöpplerin von Domburg. Die Posamentiererin von Köln. Die Stillberaterin vom Bodensee.
Ich hätte geradezu Lust, für jedes dieser Bücher einen edlen, undeutlich mittelalterlich-renaissancehaften Umschlag zu entwerfen, auf dem eine hübsche junge Frau von Cranach, Tizian oder Holbein sinnig mittels Photoshop verfremdet und dann mit Kräutern, Bienen, Marmeladen, Kübeln oder Waffeln kombiniert wird. Hätte ich nur mehr Zeit, würde ich außerdem glatt versuchen, sowas selbst zu schreiben. Aus den Beschreibungen der Bücher (und den Erinnerungen an meine Angelique-Lektüre vor 35 Jahren) konnte ich schon Anhaltspunkte für notwendige Handlungslemente entnehmen.
Die Heldin müßte natürlich schön, empanzipiert, temperamentvoll, rothaarig mit grünen Augen, magisch attraktiv, mit einem exotischen Namen begabt (ein Y muß drin sein) und unglaublich talentiert sein. Mindestens einmal wird versucht, sie zu vergewaltigen, sie als Hexe anzuzeigen, sie gegen ihren Willen zu verheiraten oder sie an der Ausbildung ihres übermenschlichen Talents zu hindern. Je ein Krieg, eine Epidemie, ein Brand, ein Pogrom oder eine Naturkatastrophe müssen vorkommen – und ihr natürlich in die Schuhe geschoben werden.
Ich bin fasziniert von diesem Genre, das so üppig blüht und das mir gänzlich unbekannt ist. Oh, und nichts für ungut. Bestimmt gibt es auch in dieser Fülle gute Bücher. Ich weiß nur nicht, wie ich sie bei der Größe des Angebots finden könnte.
Ein kleines Ritual beim Nachhausekommen April 18, 2013, 22:13
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hat Secundus. Seine Waffe ist natürlich nicht geladen, aber er muß sie immer bei sich tragen und ist dafür verantwortlich, daß sie nicht in falsche Hände fällt. Darum baut er sie auseinander, wenn er zuhause ist, und bringt die Einzelteile getrennt und jeweils durch abschließbare Türen gesichert unter. Wenn wir am Wochenende wegfahren, muß jedes Einzelteil hinter mindestens zwei abgeschlossenen Türen liegen. Er hat mehrere Verstecke, die nur er kennt. Selbst wenn ich gefragt würde, könnte ich nicht sagen, wo die verschiedenen Teile sind.
Vermutlich besitzen hier mehr Menschen als in Deutschland private Waffen, aber wesentlich weniger als in den USA. Wer eine Waffe kaufen möchte, braucht einen Waffenschein. Um den zu behalten, muß man regelmäßig Auffrisch-Kurse machen und ihn erneuern lassen. Dazu gehörten nicht nur Übungen am Schießstand, sondern auch Überprüfungen der mentalen Stabilität (muß Y. noch mal genauer danach fragen).
Y. hatte jahrelang ein kleines Dingelchen, das er nur selten bei sich trug, und das er ebenfalls ungeladen, gesichert, getrennt von der Munition… hinter Schloß und Riegel aufbewahrte. Irgendwann wurde ihm das Ganze zu aufwändig, er ging nach Yokneam auf die Polizeiwache und sagte, daß er die Waffe spenden möchte, er braucht sie nicht. Legte sie behutsam auf den Tisch und ging.
In Israel kommen, unberufen, eher selten Amokläufe vor. Was wohl vorkommt, sind Morde, meist sog. Beziehungsmorde, bei denen Wachleute ihre Dienstwaffe gegen ihre Partnerin wenden. Oft stellt sich dann heraus, daß diese Leute nur eine oberflächliche, rein technische Ausbildung an der Waffe hatten. Wer hingegen drei Jahre lang ständig eine Waffe mit sich rumschleppt, sie dauernd ölen, auseinanderbauen, kontrollieren und verstauen muß, wem diese ganzen Rituale der Vorsicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, der wird sie nicht leichtfertig benutzen. Denn er begreift die volle Verantwortung, die so eine Waffe bedeutet. So scheint es mir zumindest.
Wem im Bus in Israel mulmig wird, wenn er die kindlichen Hände sieht, die sich im Bus um ihre Waffen legen, der kann beruhigt sein. Diese Waffen sind nicht geladen. Unfälle kommen vor – Y. hat einen Freund durch die Kugel eines anderen Freunds verloren, und bei aller Vorsicht ist es immer möglich, daß ein Mensch sich falsch verhält. Ja, es gibt auch Fälle, in denen eine Waffe ungesichert im Haus herumlag und Kinder oder Jugendliche sie zur Hand nehmen. Aber im Großen und Ganzen verhalten sich Israelis sehr vorsichtig mit Waffen, und Soldaten kontrollieren x-mal, ob die Waffe auch wirklich sicher ist, bevor sie damit aus der Basis gehen.
In manchen arabischen Dörfern werden (die in meinen Augen) Unsitten wie in die Luft böllern zu Hochzeiten etc gepflegt, was nicht nur teuer, sondern auch sehr gefährlich ist. Aber auch dort gelten die Regeln mit Waffenschein und Überprüfung. Man kann nicht einfach in den Laden gehen und sich dort bewaffnen.
Ich weiß, daß in einer Gesellschaft wie der amerikanischen Waffen einen anderen Stellenwert haben als in Europa, und ich glaube nicht, daß man die mentale Einstellung zu Waffen ändern kann. Viele Amerikaner, das habe ich inzwischen verstanden, sehen in einer persönlichen Waffe den Garant ihrer Freiheit und Sicherheit. Erbe ihrer Prärie-Pionier-Vergangenheit. Gary Cooper eben in High Noon, wo ja selbst die naive Quäkerin schließlich begreift, daß gegen manchen Feind nur hilft, zu ziehen, bevor er zieht. Gegen Symbole und Mythen läßt sich mit Ratio nicht viel ausrichten. Auch wir haben unsere Mythen, an denen wir hängen (Freie Fahrt für freie Bürger….).
Ich würde den Menschen in den USA aber, angesichts der vielen Unfälle und des häufigen in meinen Augen leichtfertigen Umgangs mit Waffen (ich erinnere an den Vater, der den Laptop seiner Tochter als Disziplinmaßnahme durchlöcherte…), wünschen, daß sich ein professionellerer und ernsthafterer Umgang mit Waffen durchsetzte. Gerade wenn man Waffen einen so hohen Status einräumt, sollte man lernen, wie man mit ihnen umgeht, ohne andere zu gefährden. Und zwar so gründlich wie mein Secundus und seine Freunde, denen nie in den Sinn käme, eine Waffe einfach geladen irgendwo rumliegen zu lassen oder damit zu anderen Zwecken als militärisch genau vorgeschriebenen zu schießen.
Mein Senf zu der ganzen Waffendiskussion. Kam mir heute so in den Sinn, als ich sah, wie Secundus seine Waffe zerlegte und wie der Osterhase versteckte, bevor er noch seine Mutter, die er fast einen Monat nicht gesehen hatte, begrüßte.
Fahrerflucht April 15, 2013, 15:05
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Gerade las ich es mit Schrecken in Ynet: ein Radfahrer wurde in Katzir heute beim Radfahren angefahren und schwer verletzt. Der Fahrer, ein Palästinenser, ließ ihn am Straßenrand sterben und setzte sich in die Westbank ab (wo er sich der palästinensischen Polizei stellte, nachdem die sein blutbeflecktes Auto entdeckt hatte).
Und während ich noch über die Schrecken eines solchen Tods nachdachte, rief mich Y. an. Es ist Gabi. Gabi, der in der Familie von Y.s Kindheitsfreund Dror aufwuchs, Gabi, der als Waise im Kibbuz aufgenommen wurde und in der Gruppe von Y.s Schwester war. Gabi ist tot.
Und dann traf es mich mit Wucht. Drors Familie wird die Nachricht auf dem Friedhof bekommen haben. Es ist eine Familie, die zwei Gefallene zu beklagen hat. Drors Onkel fiel im Sechstagekrieg – seine Eltern (die ich beide im Altersheim gepflegt habe) haben sich nie davon erholt. Auch Drors Mutter Rachel hat den Tod ihres kleinen Bruders (der eigentlich ihr Halbbruder war) nie verwunden.
Für Rachel und ihre Mutter war es besonders hart, weil schon Rachels Vater gefallen war – noch vor dem Unabhängigkeitskrieg, 1946, in der “Nacht der Brücken“, einer Aktion der Palmach gegen die Briten (übrigens einer höchst umstrittenen Aktion). Hier ganz in der Nähe, an der Achziv-Brücke, wurde er bei einer Explosion getötet. Yizhak hießen beide Gefallenen. Rachels Mutter hatte ihren Sohn aus zweiter Ehe nach ihrem ersten Mann benannt.
(Der Grenzgänger, der mich im Kibbuz besucht hat, kann sich vielleicht noch daran erinnern, daß wir zusammen einen besonders netten einarmigen alten Herrn getroffen haben? Das war der Bruder des 1946 gefallen Yizhak.)
Rachel selbst lebt nicht mehr. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt, ihren Bruder im Krieg verloren, war durch Kinderlähmung behindert und hatte als junge Mutter eine Tochter durch eine schwere Krankheit verloren (woran Y. sich noch deutlich erinnert). Sie hatte kein leichtes Leben. Und heute wird ihr geliebter Adoptivsohn begraben. Ich kann es kaum glauben. So ein netter Kerl war er, immer freundlich. Viele Jahre arbeitete er am Flughafen, war verantwortlich für die Sicherheitsüberprüfungen. Er brachte in die von Tod und Trauer überschattete Familie Fröhlichkeit und lebte sich im Kibbuz gut ein, wo er seine Schulzeit verbrachte und auch später noch oft zu Besuch war. Gabi, Dror und die jüngeren Schwestern verließen den Kibbuz, die Großeltern und Eltern blieben. Nur Drors Vater ist noch im Kibbuz, allein. Was für ein Schlag.
Gabi wird in Karkur begraben, in einer halben Stunde. Ich kann nicht dabeisein, leider. Y. fährt allein zu der Familie, die heute, am Gedenktag für ihre Toten, ein weiteres Mitglied begraben muß.
(Ob der palästinensische Fahrer Gabi mit Absicht umgefahren hat – das wird die Polizei herausfinden müssen, und ich will es ihm nicht unterstellen. Er hat ihn jedenfalls ohne Hilfe sterben lassen. Vielleicht wäre er noch zu retten gewesen.)
Ganz schwieriger Tag April 14, 2013, 18:20
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mal wieder. Heute abend fängt der Gedenktag für die Gefallenen an. (Den Vortag des Holocaust-Gedenktags haben wir in Berlin auf dem Friedhof Weißensee kurz begangen, die Sirene riß mich dann bei Schwiegervater aus dem Bett und ich taumelte ans Fenster – ich fühle bei der Sirene gern den Himmel über mir).
Heute abend also die Sirene, morgen noch einmal.
Seit Tagen schon liegt es in der Luft. Dieses Jahr ist keines meiner Kinder einer Familie “zugeordnet”, um dort die Armee zu vertreten – Secundus ist im Dienst, Tertia hat ein paar Tage frei. Diesmal haben wir keine Zeit, bis zum Kibbuz zu fahren, wo allein dieser Tag sich richtig “anfühlt”.
Wir werden wohl hier im Yishuv die Zeremonie mitmachen. Immerhin wohnen wir im Haus eines jungen Mannes, der nie älter als Mitte 30 werden wird – 1972 geboren, 2006 gefallen. Alles, was mir an diesem Haus gefällt, was gemütlich und pfiffig ist, hat er entworfen und selbst gebaut. Seine Familie ist vermutlich an seinem Grab, in seiner Geburtsstadt. Aber auch in diesem winzigen Nest mit nur 40 Häusern wird heute abend der Gedenktag begangen – vier Tote hat Granot zu beklagen.
Morgen dann werden wir Y. auf seinem jährlichen Weg an Odeds Grab begleiten.
Mehr als 23.000 Menschen sind im Laufe der Jahre gefallen und fehlen. Möge kein Name mehr hinzukommen, nicht im nächsten Jahr und überhaupt nicht mehr, nirgends.
Im Konzerthaus April 14, 2013, 6:31
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Wir hatten die Studenten auf diesen Abend vorbereitet, weil wir wußten, daß wir mit einer gemischten Gruppe zu tun haben. Manche spielen seit Jahren ein Instrument, kennen und lieben klassische Musik und freuen sich auf einen Abend mit Brahms und Mendelssohn besonders. Andere waren noch nie in einem solchen Konzert und sind nervös, haben Angst, sich zu langweilen oder sich danebenzubenehmen.
Ich hatte mir extra ein schönes Kleid mitgebracht, auch meine Kollegen, die Kibbuzniks, waren feiner angezogen als sonst üblich. Wir hatten vor dem Konzert den Studenten ein paar Stunden freie Zeit gegeben, mit genauen Angaben, wie sie zum Hotel und vom Hotel zum Konzerthaus kommen. Es ist ja nicht schwer zu finden. Wir hatten ihnen nicht gesagt, daß man vor einem Konzert Mäntel, Schals, Mützen, Handschuhe und große Taschen an der Garderobe abgibt – wir hatten ja nicht mit solcher Kälte gerechnet. Ein Teil der Studenten, die keine Zeit gehabt hatten, sich umzuziehen oder ihre Einkäufe ins Hotel zu bringen, erschienen also im Konzertsaal mit Sack und Pack und verbreiteten um sich herum Seminar-Atmosphäre. Meine Kollegen und ich sahen uns an: noch ein Punkt für die Liste “Dinge, die wir bei der nächsten Vorbereitung erwähnen oder beachten sollten”.
Wir hatten den Unerfahrenen empfohlen, erst dann zu klatschen, wenn das ganze Haus klatscht, und das klappte auch tadellos. Eben diese Erst-Konzert-Besucher zeigten sich sehr beeindruckt von der Husten-Räusper-Welle zwischen den Sätzen. “Willst du mir sagen, daß die sich das Husten verkneifen, bis eine Pause ist?,” fragten sie. “Und wenn jemand sehr doll erkältet ist?” “Dann geht man eben nicht ins Konzert, man will ja anderen nicht den Abend verderben,” meinte ich. Diese Rücksichtnahme der Hustenden fiel allen sehr positiv auf, auch meine Kollegen wurden darauf angesprochen.
Das Konzerthaus ist ein perfekter klassizistischer Rahmen, ich war noch nie dort und hatte das Gebäude immer nur von außen bewundert. Meine sechs Studentinnen sahen sich alles an, erkannten Orpheus und mehrere olympische Götter, sie konnten das ikonographische Programm des Hauses “lesen”. Da war ich erfreut und auch ein bißchen stolz, denn manches haben sie bei mir gelernt, und in Israel gibt es einfach keine solchen Gebäude, wo sie ihr Wissen hätten erproben oder anwenden können. Es gefiel mir, wie sie sich umguckten und einander aufmerksam machten. “Guck mal, das müßte Apollo sein, ist ja auch logisch….” Immerhin hatte ich in einer Vorbereitungsstunde viel über Schinkel gesprochen und ihnen auch Schinkel-Gartenstühle gezeigt – Schinkel war ja nicht nur Architekt und Maler, sondern auch Designer, der eine Umgebung bis in kleinste Einzelheiten planen konnte. Ich muß mal in meinen Büchern über Schinkel nachgucken, wie viel von diesem Programm wirklich auf ihn zurückgeht, und was hinzugefügt wurde. Auf jeden Fall ist der Saal stimmig, und meine Studentinnen erkannten das.
Ein Teil meines Stolzes ging dann kurzfristig baden, als ich eine Gruppe unserer Studenten in der Pause sah – sie saßen in einer Nische im Vorraum, auf den Boden gefläzt, drumherum ihren ganzen Kram, und verglichen ihre Einkäufe. Zwei vertilgten mitgebrachtes Fastfood. Ich wandte schnell den Blick ab, um nicht mal aufzunehmen, wer sich gerade danebenbenahm, und übergab das Problem einem Kollegen, der fragte: “was macht ihr denn da?” “Wir haben die Frau da vorne gefragt, und die hat gemeint, draußen dürfte man essen”. Mein Kollege hat ihnen dann erklärt, daß zwischen dem diskreten Verzehr eines mitgebrachten Butterbrots und einem Picknick zwischen Schals und Mänteln und DM-Tüten ein Unterschied besteht, und sie erröteten.
Da fiel mir wieder ein, warum ich schon vor Jahren aufgehört habe, meine Kinder in Theateraufführungen für Kinder mitzunehmen. Die Mütter, die sofort die Bamba-Tüten hervorholen, bevor der Vorhang hochgeht, haben mich einfach zu sehr genervt, und ich wollte nicht, daß meine Kinder eine ähnliche Konditionierung abkriegen. Vielleicht ist es das Kino, wo man ja heutzutage einerweise überteuertes Popcorn in sich hineinstopft, das die Sitten verdirbt. Den konzert-geübten Studenten jedenfalls wäre das wohl nicht unterlaufen.
Am nächsten Tag jedenfalls beim Frühstück fragte der Kollege, dessen Tochter Cellistin in England ist, für wen dieses Konzert das erste dieser Art war. Ein großer Teil hob die Hand. Bevor ich noch meine Gesichtszüge unter Kontrolle bringen konnte, rief eine Studentin, “Lila, was guckst du so, in Israel gehört das eben nicht dazu….” Aber ich konnte nicht lachen, sondern mußte einfach schnell eine Predigt anbringen. “Berlin ist voll von israelischen Musikern, klassischen und nicht-klassischen, und Israel ist voll von ausgezeichneten Orchestern und Musikern. Ich bin fast sicher, daß auch im Orchester von gestern abend ein Israeli saß. Fangt an, in Israel Konzerte zu besuchen, damit israelische Musiker nicht auswandern müssen!”
Jedoch mußte ich mir wie Anne Elliot eingestehen, daß ich auch in Israel viel zu selten ins Konzert gehe. Wir haben schon ewig kein Abo mehr, es ist einfach zu schwierig, sich von allem einfach loszueisen, vielleicht sind Karten auch zu teuer für unsere Studenten, oder sie fühlen sich deplaziert. Oder sie meinen, wie bei der Kunst, das ist eben nichts für sie, sondern nur für “feine Leute”. Immerhin, dann haben wir hoffentlich einen Schritt getan, damit sie sehen, daß man ein klassisches Konzert genießen kann. Na ja, ich habe es jedenfalls genossen.
Auf dem Friedhof April 13, 2013, 18:18
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Am letzten Tag in Berlin fanden sich zwei Studentinnen vor einem Friedhof wieder und überlegten, ob sie sich den ansehen sollten. Während sie noch zögerten, wurden sie von zwei freundlichen Berlinerinnen angesprochen, die ihnen wohl ansahen, daß sie Touristinnen in Zeitdruck waren. Die Berlinerinnen erklärten unseren Studentinnen, daß der Friedhof auf jeden Fall lohnend ist, daß dort viele berühmte Menschen begraben sind – unter anderem Brecht. Woher sie denn kämen? Aus Israel. Auf dem Friedhof sei auch ein jüdischer Dramatiker begraben, George Tabori.
Die Namen Brecht und Tabori sagten den Studentinnen etwas, und sie betraten den Friedhof. Sie suchten Taboris Grab, fanden es aber nicht. Da sahen sie eine ältere Dame und baten sie auf Englisch um Hilfe. Die Dame fragte sie: “you are looking for George Tabori? where do you come from?” Die Studentinnen erklärten, daß sie aus Israel kommen, und daß sie Taboris Werke zwar nicht kennen, aber seinen Namen, und daß sie wissen, wer er war. Und daß sie nun sein Grab besuchen wollen. Da sagte die Frau: “you can come with me – I´m his wife”.
Und so fanden sich die beiden Studentinnen mit Taboris Witwe vor seinem Grab wieder.
Unbeschreiblich müde April 10, 2013, 21:49
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Letzte Woche, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, ging die Reise los – nachts um eins mit dem Zug zum Flughafen, irgendwann gegen Morgen der Flug, vormittags in Berlin…. und unser Programm war vollgestopft von Anfang bis Ende. In den ersten Tagen hielten wir die Studenten beisammen und in unserer Nähe, damit sie sich erstmal an Berlin gewöhnen, später dann ließen wir sie mehr und mehr von der Leine, aber sehr oft mit Aufgaben. Es gibt viele Geschichten zu erzählen – diese Exkursion war die bisher intensivste und auch anstrengendste, weil die Studenten jünger waren als bei den anderen Exkursionen und manche von ihnen noch nie außerhalb von Israel waren, noch nie eine Flugreise gemacht hatten und dementsprechend verwirrt und auch überfordert waren.
Die Tage fingen früh an, wir sind stundenlang gelaufen, die Verantwortung war schwer, und abends, wenn die Studenten durch die Berliner Nachtwelt zogen oder ins Bett fielen, saßen die Kolleegen und ich noch zusammen und feilten am Plan für den nächsten Tag. Übrigens waren wir ein ausgezeichnetes Team und obwohl wir nicht immer einer Meinung waren, waren die Gespräche interessant und anregend. Unsere Gruppe war gemischt – Kunst, Geschichte, jüdische Philosophie, Literatur, Sonderpädagogik und Frühpädagogik. Alles zukünftige Lehrer. Von den Kollegen war einer Historiker, der andere Philosoph (jüdische Philosophie) und eben ich, Kunsthistorikerin. Den Studenten fiel es anfangs etwas schwer, den multidisziplinären Ansatz zu verstehen, mit dem manche überfordert waren. Die akademische Gewohnheit des Fach-Schubladen-Denkens ist ihnen so selbstverständlich, daß sie sich erstmal dran gewöhnen mußten, mit Wissen außerhalb ihres Fachs konfrontiert zu werden – was aber schon am zweiten Tag ganz einfach war.
Ich hatte nur zwei Stunden “Privatleben” – mein Treffen mit Indica, und auch das mußte ich mir aus den Rippen schneiden. Gern hätte ich noch andere liebe Menschen gesehen, aber es war einfach kein Denken dran. Ich hab es nicht mal geschafft, sie anzurufen.
Sonntag ging der Tag für mich besonders früh los, weil zwei Studenten Geburtstag hatten und ich mich auf den Weg machte, um Kuchen für sie zu besorgen. Der ganze Tag war verplant, gegen Abend dann ging es zum Flughafen, wo ich eine Schrecksekunde hatte – mein verflixter Paß war nicht aufzufinden. Ganz ehrlich: ich dachte für ein paar Minuten, “jetzt bleibe ich einfach in Berlin und rufe Indica an und…”, aber dann fand ich ihn doch. Ein Nachtflug ist eine elende Sache, wenn man am anderen Tag nicht ausruhen kann. Ich konnte auch nicht schlafen, ich fliege ungern und wenn ich an die ganze Luft unter meinen Füßen denke, wird mir unbehaglich. (So geht es Y. auf dem Meer – er findet Wassermassen unter sich beklemmend, aber ich vertraue dem Wasser viel mehr als der Luft.) Aus dem Fenster konnte ich wunderschönes Wetterleuchten sehen, es muß über der Türkei gewesen sein, weit weg von uns.
Montag früh gegen drei landeten wir, gegen fünf waren wir mit dem Bus an der Hochschule, und es lohnte sich nicht für mich, nach Hause zu fahren. Y. erwartete mich und brachte mich mit einer Tasche, die er extra vorbereitet hatte, zum Haus seines Vaters (der nah an der Hochschule wohnt). Dort war ein Gästezimmer für mich vorbereitet – dankbarer bin ich nie in ein gemachtes Bett gefallen. Nach ein paar Stunden Schlaf und einem guten Frühstück war ich dann wieder im Dienst und hatte bis sieben Uhr abends volles Programm. Zu meiner Stunde kamen viele Studenten gar nicht, weil sie dachten, ich halte sie bestimmt nicht ab – aber eine der Studentinnen von der Berlin-Fahrt erschien.
Als ich gegen neun Uhr abends endlich zuhause war, war ich so müde, daß ich nicht mehr geradeaus gucken konnte. Den Dienstag habe ich verschlafen, und heute habe ich morgens unterrichtet, eine Besprechung abgesagt, und bin nach Hause gefahren, um weiter zu schlafen. Y. und Quarta meinen, so fertig haben sie mich noch nie erlebt. Die langen, intensiven Tage, die endlosen Fußmärsche durch die frische Luft (die ich genossen habe – ich fand das Wetter in Berlin perfekt, man muß sich nur warm genug anziehen), die Spannung der Verantwortung und ob auch alles reibungslos klappt – der unruhige Schlaf, immer in Angst, nicht rechtzeitig aufzuwachen, und in Sorge um die Lieben zuhause – das war alles ein bißchen viel.
Ich bin also noch nicht wieder in vollem Aktionsmodus. Morgen, hoffe ich, kann ich den Hebel umlegen und wieder summen und brummen. Dann kann ich vielleicht auch ein paar Geschichten erzählen. Und das nächste Mal fahre ich ganz privat nach Berlin, einfach nur so.
Knallharte Beweise April 1, 2013, 13:53
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Wer noch nicht hier war an einem Sharav-Tag, der glaubt mir bestimmt nicht. Aber bitte, ich kann Beweise vorlegen.
Der Blick vom Balkon in Richtung Nordosten – bei klarer Luft, bei Gewitter.
Derselbe Blick – man erkennt, daß dort Berge liegen (auf denen die libanesische Grenze verläuft).
Und heute. Nein, es ist nicht nur die neue Blätterpracht meines treuen Ombus, der jeden Versuch meines Mannes, ihn vom Dach fernzuhalten, mit trotzigen neuen Zweiglein und Blättern beantwortet. Die Welt ist weg, ausradiert, in Staub gehüllt.
Ebenfalls vom Balkon photographiert, aber in Richtung Nordwesten – in Richtung Meer. Das Meer reflektiert so stark, daß man es nur selten auf Bildern einfangen kann, aber man kann deutlich erkennen, daß auf dem Hügel gegenüber Goren liegt, nicht wahr? (Wo die Fabrik explodiert ist). Heute ist Goren weg, retuschiert, nicht mehr vorhanden.
Noch nicht überzeugt? Das ist die Aussicht aus unserem Schlafzimmerfenster. An einem gewittrigen Tag, an einem klaren Tag. Auch in diese Richtung sehen wir Hügel oder was man hier Berge nennt.
Aber nicht heute. Sie sind weg.
Ja, das sieht aus wie Nebel, aber es ist keiner. Es ist warmer, ekelhafter, staubiger Sand, den ich morgen von den Möbeln und Böden wischen kann, der sich auf die Fenster und Bücher und Kleider legt. Heute sitzt er in der Nase, den Augen und kitzelt. Dazu fegt ein aggressiver Wind, der mich nachts wachhält, und das Licht draußen ist braungelb, so daß normale Lampen lila wirken. Wir warten jetzt darauf, daß der Sharav “bricht”. Ich wünsche niemandem was Schlechtes, aber der Sharav kann meinetwegen auf Dauer brechen und nie mehr wiederkommen.
Noch eine Berlin-bezogene Frage März 28, 2013, 8:17
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eines Mitreisenden, die ich hiermit weitergebe. Er möchte eine Sim-Karte für seinen i-pad kaufen, sobald wir landen (Schönefeld). Hat jemand einen Tipp? Ich bin seit 25 Jahren nicht mehr in Schönefeld gewesen… und von allem, was mit i anfängt, habe ich keine Ahnung. Aber da sich Eure Tipps bisher bewährt haben, meinte er: frag doch mal in Deinem Blog, da wird doch bestimmt jemand wissen, wo man sowas kauft. Hoffen wir´s
Steine März 27, 2013, 19:31
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Das kleine Mädchen, Adele Biton, das so schwer verletzt wurde bei einem Autounfall, der durch Steinwürfe auf das Auto ihrer Mutter ausgelöst wurde, schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. An ihr Krankenbett kam auch der Rettungssanitäter, der Ersthilfe geleistet hat – ein Araber. Immer wieder erweist sich der medizinische Bereich als der menschlichste (nein, nicht Dr. Rantissi, aber sehr sehr viele andere). Wer helfen kann, hilft ohne Ansehen der Person. Vielleicht hat sein schnelles Eingreifen ihre Überlebenschancen verbessert.
Ich hoffe, daß die Kleine durchkommt. In die Eltern kann ich mich sehr gut reinversetzen, auch wenn die Umstände bei uns damals anders waren. Aber so hilflos danebenzustehen,wenn das Kind leidet und man es vielleicht verlieren könnte – das ist so ziemlich das Schlimmste, was man durchmachen kann.
Wunderschön März 27, 2013, 18:45
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In der FAZ – Bilder aus einer Glockengießerei in der Eifel, wo ich als Kind mal bei einer Klassenfahrt war, ich erinnere mich noch ganz genau. Dazu die Erläuterungen eines Glockengießers. Manche Arbeiten kann man eben nicht abkürzen, automatisieren, modernisieren. Höchstens daß der Kran die fertige Glocke aus der Grube hebt statt Menschenkraft, und daß der Ofen nicht mehr mit Kohle oder Holz beheizt wird. Aber die Arbeit tun Menschenhände.
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich bei der Arbeit die Hände schmutzig machen, sich körperlich anstrengen und genau wissen, was sie tun, ob es Hebammen, Fliesenleger, Bergleute, Posamentierer oder Glockengießer sind. Manchmal scheint es so, als würde alle Welt nur noch im Büro arbeiten, alle sind Manager, alle tun ihre Arbeit vor Bildschirmen. Nein.
Die Bilder sind sehr schön, und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir das Läuten der Glocken fehlt. Einmal bin ich an einem Sonntag an einer Kirche in Haifa vorbeigefahren, da bin ich aus dem Bus gestiegen, um dem Läuten zuzuhören.
Mondkalender März 25, 2013, 10:44
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Irgendwie sehr verwirrend, diese Feste. Ich erinnere mich, daß vor vielen Jahren der Karfreitag auf Purim fiel. Dieses Jahr fällt er in die Woche nach dem Sederabend (der heute ist, wir sind bei Schwiegermuttern im Kibbuz, wo seid ihr?). Dauernd bewegen sich die drei Ringe, säkulares Jahr, Kirchenjahr, jüdisches Jahr, gegeneinander. Das ist einerseits sehr interessant und faszinierend, und wäre ich mathematisch ein bißchen schlauer, dann verstünde ich es auch besser. Aber wie gesagt, es ist auch verwirrend, sich jedesmal wieder neu zu tarieren. Bei mir kommt dann noch das akademische Jahr hinzu mit seinen Semestern und vorlesungsfreien Zeiten und Semesterferien.
Meine Nachbarn bereiten sich alle auf Pessach vor. Nachbar Moshe hat im Garten ein Feuerchen gemacht, nach dem Juchzen der Enkelchen zu schließen, werden dort Mazzot gebacken. Ich habe seit heute früh um halb sechs insgesamt 23 Fenster und vier Glastüren geputzt, von innen und außen, allerdings nicht dem Frühlingsputz-Standard meiner Oma entsprechend, sondern mehr nach dem Standard “ach guck mal, da draußen wachsen ja Bäume, schön, die auch mal wieder zu sehen”. Im Haus habe ich schon in den vergangenen Tagen gehaust – im wahrsten Sinne des Wortes. Gleich fangen Tertia und ich an zu kochen – sie will eine Fischsuppe machen, ich ein Zitronenhühnchen. Der Lebensgefährte meiner Schwiegermutter setzt trotz schwerer Krankheit und allgemeiner Schwäche seinen Stolz darein, uns fürstlich zu bewirten, eigentlich ist Gegenwehr zwecklos, aber wir bringen trotzdem was mit.
Jedenfalls werde ich mir wieder mal das schöne Buch über die christliche Zeitrechnung zu Gemüte führen und danach wieder das Gefühl haben, daß ich es fix verstehe, diese ganzen Möglichkeiten, ein Jahr zu unterteilen und in die Zeitachse Pfähle einzuschlagen, nach denen gezählt wird. Als Kind fand ich den französischen Revolutionskalender so schön, wegen der ordentlich sortierten und anschaulichen Namen. Ich bin im Floreal geboren, klingt doch toll. Der 5. Germinal ist heute, wenn man dem Umrechner trauen darf. Auch 14. Nisan klingt besser als 25. März. Überhaupt sind die hebräischen Monatsnamen schön und werden gern als Vornamen verwendet – merkwürdigerweise oft für Kinder, die in ganz anderen Monaten geboren werden. Ich kenne Sivan, Elul und Adar, alles Mädchen. Oh, und auch eine Mai, die allerdings im September Geburtstag hat.
Gut, ich muß weiter putzen, irgendwie steckt das an, ich fühle förmlich die Wellen der Putz-Energie, die über das Land schwappen, an diesem herrlichen, frischen, blaugrünen Frühlingstag.
Noch immer nicht repariert März 24, 2013, 15:22
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Die Schäden in unserer abgehängten Decke aus Rigipsplatten – die Druckwelle der Explosion in Goren ist zehn Tage her. Der Mann von der Versicherung, der die Schäden schätzen kam, meinte, wir können von Glück sagen, daß uns das Ding nicht auf den Kopf gerasselt ist (was mir allein schon wegen der dort lebenden extragroßen Spinnen sehr contre coeur ginge). Inzwischen wissen wir auch, daß der Schwerverletzte noch immer auf der Intensivstation ist, Brandverletzungen, der arme Mann, und daß nur durch ein Wunder die Arbeiter dem Tod entkommen sind – sie warteten alle draußen auf ihre Fahrgelegenheiten. Die Schicht war gerade fünf Minuten vorher beendet.
Angeblich gab es noch ein zweites Lager, viel größer. Wenn das in die Luft geflogen wäre, sähe es aber ganz anders aus bei uns. Keiner in der Gegend wußte überhaupt, daß es diese Fabrik gibt. Die Gerüchte kann man sich vorstellen.
Mal gucken, wie lange es dauern wird, bis das magische Dreieck Versicherung – Hausbesitzerin – Handwerker uns von diesem häßlichen Riß (und vielen anderen, kleineren) erlöst.
So sieht es jedenfalls an der Unfallstelle, nur wenige hundert Meter von uns entfernt, aus:
Kleines Lebenszeichen März 19, 2013, 12:19
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Ja, ja, bei uns ist alles in Ordnung, noch ist die Decke uns nicht auf den Kopf gefallen, obwohl der Sachverständige von der Versicherung ein bißchen blaß wurde, als er das sah, und meinte, das ist gefährlich. Demnächst werden hier die Handwerker einziehen und hoffentlich alles wieder hübsch und stabil zusammenzimmern.
Die Exkursion nach Berlin rückt näher und näher, macht alles unheimlich viel Arbeit, und alles andere läuft natürlich auch weiter. Demnächst fangen die Pessach-Ferien an, für Quarta haben sie schon angefangen, und sie ist tagsüber zuhause. Sie hilft mir und ich bin froh, daß sie da ist.
Wir hatten letzte Woche richtigen Sharav – leider waren liebe Gäste aus Deutschland genau am dichtesten Staubschleier-Tag bei uns. Wir saßen abends an der Bucht von Akko in einem Fischrestaurant und konnten Haifa auf der anderen Seite der Bucht nicht sehen, so staubig war es! Dann waren ein paar Tage mit Regenschauern, und jetzt ist die Luft deutlich sauberer, wenn auch schon der nächste Sharav anrollt.
Und jetzt muß ich zurück an die Arbeit.
Der Schreck meines Lebens März 14, 2013, 17:29
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heute habe ich ihn gehabt.
Ich hatte mich gerade für eine kurze Pause hingelegt. Y. war unterwegs, um Tertia abzuholen. Quarta saß unten und sah fern, Mathehefte um sie herum verstreut.
Auf einmal – ein riesiger, unbeschreiblicher, hallender, brutaler BUMMMM. Ich sprang auf, hinter mir fiel der Rolläden-Kasten auf mein Kissen, wo vorher mein Kopf gewesen war. Putz rieselte, Lampen fielen. Ich raste die Treppe runter.
Quarta war entsetzt aufgesprungen. Die dreifache Glastür von der Terrasse zum Wohnzimmer stand offen, die Haustür ebenfalls. “Ab in die Mamad!”, rief ich und zog sie mit mir in den Luftschutzraum. Ich rannte noch mal zurück, um das Telefon zu holen, und rief 100 an. Beim ersten Mal antwortete mir keiner. Ich lief in den Garten, um die stählernen Fensterläden des Schutzraums zu verschließen, und blickte dabei nach oben. Ein Teil der abgehängten Decke über dem Treppenhaus war beschädigt.
Draußen hörte ich Lärm wie von Schüssen. Mein Nachbar stand im Garten und brüllte in sein Telefon, “du glaubst es nicht, das war ein Lärm wie eine Atombombe! und jetzt Schüsse!!”
Quarta wollte nicht im Schutzraum bleiben, sondern Leo suchen. Mit Mühe konnte ich ihr das ausreden. Dann antwortete endlich die Dame von der Polizei. “Keine Sorge,” meinte sie, “in Goren ist eine Fabrik für Feuerwerkskörper explodiert, es ist kein militärischer Vorfall (irua bitchoni).” Ich war beruhigt, aber mein Blutdruck ging nicht runter.
Wir gingen nach draußen und sahen auf der Wiese vor dem Haus, wie eine riesige Rauchsäule über Goren aufstieg. Dann loderten Flammen. Unaufhörlich gingen Böller und Raketen in die Luft, einige davon konnte man in der Nachmittagssonne sehen. Ich konnte nur stammeln, “die armen Menschen, die armen Menschen”, und wir hörten die Feuerwehr- und Rettungssirenen auf der Straße.
Auch der Nachbar, ein freundlicher Italiener, kam aus seinem Haus. “Ich hab mich sofort auf den Boden geworfen,” meinte er, “gelernt ist gelernt”.
Die Bilder in diesem Beitrag sind wohl aus Mitzpe Hila aufgenommen, von uns aus sieht man es viel deutlicher. Englisch-Ynet und auch die Nachrichten im Fernsehen zeigen nichts, es hat sich ja schließlich nicht in Tel Aviv ereignet…
“Faß nichts an,” meinte Antonio noch, “morgen kommen die Leute von der Versicherung”. Ich hätte auch so nichts angefaßt.
Ich höre noch die Sirenen und die Durchsagen der Polizei. Wer weiß, wann Y. und Tertia hierhin durchkommen. Ich hoffe und bete, daß niemandem was passiert ist. Aber schwer zu glauben, wenn man gesehen und gehört hat, was für eine ungeheure Kraft die Explosion hatte.
Isch jlööv, März 12, 2013, 17:20
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et jitt hück no mie Schnei.
(Diesen Satz habe ich als Schülerin mal an der Bushaltestelle gehört, von einer älteren Dame zur anderen gesagt, und bis der Bus ankam, hatte ich ihn dann auch entschlüsselt…)
Und was ich heute getan habe? Viel Unfug, aber das Beste: Terrasse saubergemacht, ist in der Hitze schnell getrocknet. Helle Futon-Bezüge in der grellen Sonne mit Oxy-Clean saubergeschrubbt – trocken. Den Balkon geputzt. Kann man drauf sitzen. Wenn man nicht empfindlich gegen Hitze ist
(Nichts wie weg hier, sonst bezieh ich die Tracht Prügel meines Lebens… verdient, verdient.)
Spiralförmig März 9, 2013, 18:24
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Hab ich nicht oft genug über den Garten nachgegrübelt? Wasser müssen wir trotz der Erfolge in der israelischen Wasserpolitik sparen – es ist noch immer sehr teuer, und außerdem sitzt die Gewohnheit einfach drin. Ich wässere meine Kräuter, ich wässere von Zeit zu Zeit die Bäume und Büsche ein bißchen, die Kübel auch – aber einen Rasen, der viel Wasser verbraucht, kann ich nicht vor meinem Gewissen verantworten.
Hm, Bodendecker. Das war keine schlechte Idee. Aber meine angeborene Faulheit schreckte vor dem Gedanken zurück, den ganzen Garten erst mal vorbereiten zu müssen – die harte, von Steinen durchsetzte Erde erstmal hacken? umgraben? ach du liebe Güte… Vergeßt auch nicht, daß wir hier nur zur Miete wohnen. In Manot habe ich einen wunderschönen Garten zurückgelassen, die Nachmieter konnten sich an üppigen Kräutern und Passiflora-Büschen freuen, alles tadellos in Schuß – während mir zum Ausgleich das Karma einen Garten voll Bauschutt, kaputten Strom- und Wasserleitungen (für Bewässerung und Beleuchtung, die aber nie funktionierten), voll Zigarettenkippen, Plastikmüll und eben ollen Steinen beschert hat.
Ich habe als erstes Kräuterbeete angelegt, ohne die kann ich mich nicht wohlfühlen. Leider sind sie nicht so gut angegangen wie in Manot – dort war nach zwei Monaten mein Basilikum so groß wie ein Kleinkind, hier hingegen ist es zweimal eingegangen. Aber ich pflanze eifrig nach und eigentlich macht es sich ganz nett heraus. Ich bemühe mich, jeden Tag wenigstens eine Viertelstunde dem Garten zu widmen. Mal fege ich die gekachelten Flächen sauber und gieße die Kübel, mal rupfe ich das Unkraut aus den Kräuterbeeten, mal säge ich ricke-racke die wilden Triebe von Palme oder Elefantenbaum, mal gucke ich mich einfach nur um und habe Spaß und überlege und plane.
Aber der Rest des Gartens? Also die nackte Erde?
Meine Mutter ist ja im Gegensatz zu mir (schwarze Daumen und keine Ahnung) gärtnerisch wirklich begabt und hält ihren riesigen Bauerngarten mit zwei Tümpeln, einem Teich, einer großen Obstwiese, drei Lauben und riesigen alten Bäumen tadellos in Schuß. Sie hat sich tatendurstig auf unseren vernachlässigten, struppigen Garten geworfen und ihn frühlingsfein gemacht. Und dann fuhr sie weg. Irgendwie hat sie dem Garten aber den Dreh gegeben.
Und heute, während ich nach Bildern suchte für den Keim einer Idee zum Thema Land und Kunst und Steine und Spiralen… da hatte ich die Idee. Jawohl. Ich mach eine Steinspirale. Keine feines, symmetrisches Labyrinth (so gern ich das auch täte, aber es würde in unseren wilden, krummen Garten nicht passen), sondern frei gezogene Spiralen aus den Steinen, die sowieso schon überall im Garten rumliegen. Wir haben sie ja schon in Kreisen um die neuen Bäume gelegt, aber eine Spirale… hmmmm…
Eine Spirale ist ein Symbol, und ich liebe Symbole. Ich habe meine Idee Y. und Tertia unterbreitet, habe ihnen Bilder von wunderschönen Gartenspiralen gezeigt. Nein, keine Kräuterspirale, bei uns gedeihen mediterrane Kräuter auch ohne höher gelegene, trockene Beete – ist so schon trocken genug hier. Aber wenn die Spirale erstmal fertig ist, dann werde ich auch ein paar Kräuter reinpflanzen, einfach weil sie zu den schönsten Pflanzen überhaupt zählen, und weil sie in diesem Klima gedeihen wie fast nichts anderes. Wie ich das genau mache, seh ich später, erstmal kommt die Form… eine Spirale oder Doppelspirale, was wäre wohl… hmmm….
Ich war von meiner Idee so begeistert, daß ich den Keim einer Idee zum Thema whatever sofort im Stich ließ und in den Garten peeste. In Nullkommanichts hatte ich den bescheidenen, mageren Anfang einer etwas krummen Spirale fertig. Dann wurde es bitter kalt, aber morgen, ha, morgen geb ich mich wieder dran. Sagt mir jetzt bloß nicht, daß das eine blöde Idee ist, kitschig und gewollt, und daß man wenn schon, denn schon, ein Chartres-Labyrinth pflastern und ordentlich bepflanzen muß. Oder einen schönen Büffelrasen säen. Oder aber in Rollrasen investieren. Oder gleich ein paar Quadratmeter Kunstrasen drauf und fertig. NEIN!!! Ich will das nicht hören!!! La- lala- laaala, hab nichts gehört, hab nichts gehört!
Morgen, sobald es hell wird, gehe ich nach draußen und buckele mich mit den vielen, vielen Steinen in unserem Garten ab, und meinetwegen kann die Spiralenbauerei ruhig Wochen oder Monate dauern, jeden Tag ein bißchen, weil ich wirklich mit Gefühl meine Kurven ziehen möchte. Die Steinreihen sollen langsam wachsen, vielleicht kommen mir dabei auch noch mehr Ideen. Es ist auch gar nicht so einfach, die dicken Dinger aus dem Erdreich zu puhlen – und dann sitzen da manchmal so fiese Tiere drunter, Skorpione sollen das ja lieben…
Ob man vom Rumlaufen in Spirale und Labyrinth wirklich gelassen wird, weise und glücklich, das weiß ich nicht, aber ich laß es drauf ankommen. Guckt Euch diese traumhaften Gärten bei Pinterest an – und wisset gleich, daß meine Spirale nur ein bescheidener kleiner Abklatsch wird.
Dann pflanz ich vor den häßlichen Zaun zum Nachbarn, wo unsere kleinen Solanum-Büsche erst langsam anfangen zu wachsen, auch noch büschelweise Lavendel, und mein Gärtner aus Kfar Yasif kann mir bestimmt raten, was sonst noch. Ein paar rankende Büsche will ich auch vor dem anderen Zaun haben, Kiwi, Passiflora, was auch immer. Unsere Zitrusbäumchen wachsen. Es wird, es wird. Und alles, ohne mit Wasser zu aasen!
Und hier, bitte sehr, eine kurze Geschichte unseres elenden, struppigen Gärtchens.
Im Juli 2011 zogen wir hier ein.
Vertrocknetes Unkraut, leere Beete, die allerdings schon angelegt waren, und die mich mit den abscheulichen Küchenkacheln versöhnten. Als ich die Kacheln sah, dachte ich: NIE UND NIMMER!, aber als ich diese Beete sah, dachte ich: Basilikum! Bergkraut! Zitronenverbene! Thymian! Salbei! Chabaq! Zitronenmelisse!…
Von der Palme sah man kaum was vor wilden Trieben, die olle Hundehütte war auch noch da…
Und der Blick aus Tertias Zimmer eher trostlos. Bis auf die Bougainvillea natürlich, unser piece de resistance, wie der alte Stechlin es wohl nennen würde…
Steine sammeln, Unkraut rupfen. Man hat ja sonst nichts zu tun.
Jedoch wollte ich bis zu unserem Hochzeitstag im Oktober die Beete “bezugsfertig” haben.
Und das waren sie.
Und wohin ging der Ausflug zum Hochzeitstag?
Aber ja, zu “meinem” Gärtner in Kfar Yasif.
Gute Planung: zwei Beete mit Teekräutern, zwei mit Gewürzen, dazwischen Secundus´ Gemüsebeet.
So sah´s am Ende aus – Secundus und ich waren hochzufrieden.
Sogar den fiesen ollen Gully hatte ich versteckt. Die fiesen ollen Leitugen an der Wand dagegen… ja ja, da muß ein Kübel hin, aber weil diese Leitungen noch dazu Probleme machen und wir dauernd dran müssen….
Ich beobachtete etwas ängstlich, ob meine Pflänzchen auch angehen, und sammelte weiter Steine, Kippen und Baumüll aus dem Garten.
Hinten an die Grenze zum Nachbarn pflanzten wir winzige Solanum-Büsche, außerdem drei Zitrusbäume: vor dem Haus einen Limquat, hinterm Haus einen Pomelo- und einen Zitronenbaum. Oh, und noch ein paar andere schöne Dinge, die ich alle unbedingt zum Hochzeitstag haben mußte!
Das sind die Solanum-Babies.
Und ein paar Teekräuter.
Und dann hieß es, auf den Winter warten. November.
Sobald es hier regnet, kann man den Pflanzen beim Wachsen förmlich zusehen. Es rührt mich jedesmal wieder, wenn der Regen anfängt – ich höre die Erde seufzen und die Regenwürmer husten…
Im Dezember 2011 sah alles prinzlich und königlich aus.
Die Disteln freuten sich, daß wir´s nicht übers Herz brachten, ihnen den Garaus zu machen — immerhin was Grünes im Garten!
Und im März, April war die Pracht schon vorbei. Es wurde heiß und trocken.
Meine Kräuterchen gediehen.
Aber Primus und seine Eltern schlugen erstmal Schneisen durch die Wildnis.
Der Nachbar kriegte alles für seine Ziegen.
Aber die Erde war wieder bloß, kahl und trocken.
Mai 2012, und wir kämpfen mit den letzten vertrockneten Disteln, während die Kräuter teils gedeihen, teils die Waffen strecken. Ich kann nicht verschweigen, daß die Vorliebe unserer schwarzbefrackten Herren für die Erledigung ihrer Geschäfte im wohlgelockerten Beet etwas damit zu tun haben könnten… was wir ihnen mit Pfeffer und Kaffeesatz nach Kräften vermiesen.
Dann habe ich mir gesagt, genug Photos vom Garten gemacht, und hab ihn nicht mehr angeguckt. Gewissermaßen.
Bis heute.
Das wird eine Doppelspirale.
Unter dem Solarboiler (über Tertias Zimmer) steht schon die Leiter, damit man schnell raufklettern kann, wenn das Ding wieder verückt spielt…
Spirale, Terrasse
Gwürze – die sind schön. Dreck-Ecke – die ist oll und fies, und egal wie oft ich dort arbeite und Dreck wegschaffe, es bleibt immer noch was übrig. Na ja, bald hab ich´s geschafft.
Okay, die Spirale ist krumm. Aber ich korrigiere sie von Zeit zu Zeit. Dafür laufe ich hoch in unser Schlafzimmer, um sie von oben zu sehen. Die schwere Arbeit ist das Aushebeln und Schleppen der Steine.
Tja, besonders schön ist das Haus wirklich nicht, aber gemütlich.
Auch hier an der Westseite will ich was anpflanzen. Aber was? Vielleicht fällt Euch was ein?
So sieht es also heute aus. Die Arbeit guckt mich aus allen Ecken an, aber ein bißchen Fortschritt sieht man doch.
Zum dritten Mal März 9, 2013, 0:04
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ist die Wasserleitung des Solarboilers geplatzt – dabei ist die ganze Anlage nagelneu. Das Thermostat funktioniert anscheinend nicht, obwohl es korrekt eingestellt ist. Mit einem richtig mordsmäßigen Knall ist das Ding kaputtgegangen, von mir nur durch eine Wand getrennt – neben meinem Arbeitszimmer ist ein niedrigeres Dach, da wohnt der Boiler. Erst kriegte ich einen Riesenschrecken, aber dann hörte ich das wütende Sprudeln und Zischen des heißen Wassers, das bald die Wand entlang rauschte. Nicht schon wieder!
Ich raste die Treppe runter, und als ich aus dem Haus fegte, kam mir unser Nachbar schon entgegen. “Ich dachte ja zuerst, das wäre ne Katyusha,” meinte er, “aber mir scheint, mit eurem Thermostat stimmt was nicht”. Gemeinsam mit Y. kletterte er aufs Dach und sie reparierten das Ding. Ich dachte so bei mir, “wir leben schon in einer verrückten Gegend, Moshe hat vermutlich schon mehr Katuyshas explodieren gehört als Solarboiler-Zuleitungen”…
Einen Tag später. Ich sitze gegen Abend im Arbeitszimmer und picke auf meinem Laptop rum. Auf einmal höre ich wieder Wasser heftig an die Wand schlagen, dann wild rauschen. Wieder stürze ich die Treppe runter, in Secundus´Zimmer, denn von seiner kleinen Terrasse aus, die unter dem Solarboiler liegt, kann man am besten beurteilen, was da oben auf dem Dach passiert.
Ach herrje, welche Blamage. Y. und Quarta lachen mich aus. Es regnet. Ein richtig heftiger, kurzer Wolkenbruch.
Also ehrlich. Wenn Moshe bei einer Explosion als erstes an Katuyashas denkt und ich beim Prasseln von Wasser an einen Solarboiler – dann stimmt aber wirklich was nicht…
Grübel, grübel März 5, 2013, 20:39
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Bin ich die einzige, die wie besessen nach etwas sucht und fast wahnsinnig wird, wenn sie es nicht findet? Herrje. Doch wozu habe ich meinen Blog? mit lauter intelligenten, rundum gebildeten, feinsinnigen Menschen?
Also. Vor sehr vielen Jahren hat mir mal eine sehr nette Frau aus Süddeutschland ein Geschenk zu Quartas Geburt geschickt – oder war es zu Tertias? Nein, Quatsch, zu Quartas Geburt oder davor, na es war so Ende der 90er Jahre.
Es waren zwei CDs mit Klaviermusik für Kinder, eingespielt von einem mir bis dato unbekannten, jedoch meiner laienhaften Meinung nach sehr begabten und sensiblen Pianisten. Es muß eine kleine Auflage gewesen sein. Eine CD war Musik für den Tag und fürs Spiel, in fröhlichen, lebhaften Farben gehalten auch der Umschlag. Die andere CD war natürlich beruhigende Musik zur guten Nacht, und der Umschlag war dunkelblau. Schumann, Chopin, ich kann mich nicht mehr genau an die Musik erinnern, es ist zu lange her, und ich hatte damals die bekannte postnatale temporäre Gehirnerweichung, so daß ich mich eigentlich nicht an viel erinnern kann außer daran, daß die Kinder diese CDs geliebt haben. Und ich auch.
Wo mögen sie hingekommen sein? Mehrere Umzüge haben bei uns den größeren und bösartigeren Vetter des Sockenmonsters entfesselt – es sind Dinge spurlos verschwunden, die man eigentlich eingepackt hatte. Darunter ist der schmerzhafteste Verlust diese beiden CDs. Falls es bei jemandem mental klingelt und er sich daran erinnert, sie gekannt zu haben – falls noch jemand den Namen des Pianisten erinnert –




























































