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Erschreckend Oktober 8, 2006, 10:55

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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fand ich gestern bei einem Besuch in einem anderen Kibbuz, wohin es mit so einer Gemeinschaft kommen kann. Dieser Kibbuz war immer schon ärmer als unserer, sie haben wirtschaftlich ums Überleben gekämpft, aber als wir vor vielen Jahren unsere Freunde dort zum ersten Mal besuchten, war es noch ein richtiger Kibbuz: mit Kinderhäusern, Dining Room, großen Rasenflächen und Fahrrädern überall. Doch ziemlich bald änderte sich alles, der Kibbuz wurde privatisiert, und zwar auf die brutalste Art und Weise. Wenn man jetzt durch den Kibbuz geht, sieht man krasse Gegensätze. Die bescheidenen, typischen Kibbuzhäuser haben sich verändert: entweder sind sie zu smarten, teuren Pseudo-„Cottages“ umgebaut, oder aber sie sind total runtergekommen und sehen furchtbar aus. Der Dining Room ist lange schon geschlossen, die Kinderhäuser teilweise auch (und nichts sieht fürchterlicher aus als ein verrottender Kinderspielplatz…), die Menschen sehen mißtrauisch und verbittert aus. Ältere Chaverim sind entlassen worden, viele jüngere haben den Kibbuz verlassen, neue Chaverim werden nicht aufgenommen, kurz: ein Bild des Schreckens. Unsere Freunde, beide im Kibbuz geboren und mit Haut und Haaren in der Landschaft verwurzelt, wollen nicht weg. Aber leicht haben sie es nicht. Als wir das alte Spiel „Kibbuzim-Vergleichen“ durchgingen, warnten sie und ihre Gäste (die wir auch schon seit Jahren kennen) eindringlich: bei der Privatisierung springen alle Geister aus der Flasche, alle Skelette aus den Schränken. Die große Mehrheit der Leute denkt nur noch an sich, nur noch, „Was springt für mich dabei raus“. Die Zeit der alten Ideale ist zu lange her, der Übergang war wohl, im Falle unseres Kibbuz, so langsam und graduell, daß sich kaum noch jemand erinnert, wie es mal war.

Auf dem Heimweg waren wir ziemlich bedröppelt. Es ist ja schon übel genug, wie es bei uns aussieht – eine „Gewinnerseite“ frohlockt und fordert, eine „Verliererseite“ grollt und grämt sich. Doch immer noch gibt es Leute, die sich wohl erinnern, was ein Kibbuz eigentlich ist, und weswegen sie ursprünglich gekommen sind. Und ich habe das Gefühl, das ist nach wie vor die Mehrheit. Ich hoffe, es warten keine unangenehmen Überraschungen auf uns wie bei unseren Freunden…

Kommentare»

1. Gina - Oktober 8, 2006, 14:06

Hallo Lila
Dies hat jetzt nichts mit Deinem aktuellen Bericht zu tun, sondern ist eine allgemeine Bemerkung. Ich bin eine Deiner Stammleserinnen und lese gerne und aufmerksam Deine abwechslungsreichen Berichte. Das Leben im Kibbuz wie Du es als Deutsche im modernen Wandel beschreibst, fasziniert mich, aus einer anderen Welt zu lesen, die gar nicht so die eigene ist, auch die politischen und kulturellen Themen sind immer wieder eine Lektüre wert. Zu sagen (in einem Deiner früheren Berichte) aus Dir wäre als einzige aus Eurem Berliner Grüppchen nichts geworden, scheint mir, als Schreiberling eines trivialen Strickblogs, nicht zuzutreffen. Oftmals denke ich, diese Frau sollte mal ein eigenes Buch schreiben, mein Leben in Israel, eine meist objektive Erzählung mit subjektiven Erfahrungen. Ich wäre die erste, die es gerne erwerben würde, wirklich!!! Auch mit dem Hintergrund Deines verloren gegangenen Archivs, ein Jammer wegen all der wunderbaren Berichte. Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg in Israel und hoffe auf noch viele informative Zeilen!
Gina

2. Yonatan - Oktober 9, 2006, 8:49

Von den insg. 277 Kibbutzim hatten Anfang 2004 knapp die Hälfte noch die Eigenschaften, die einen klassischen Kibbutz ausmachen. Und viele vielleicht nur deshalb, weil ihre Mitgliederversammlungen noch nichts in Sachen Privatisierung entschieden hatten. Ich vermute, dass seitdem die Zahl der klassischen Kibbutzim noch weiter gesunken ist. Ich glaube, es gibt nur wenige Kibbutzim, die sich bewusst und entschieden gegen eine Privatisierung entschieden haben. Was, denkst du, macht es aus, dass die Mitglieder eines Kibbutzes sich gegen eine Privatisierung entscheiden?

3. Lila - Oktober 9, 2006, 9:20

Soweit ich das beurteilen kann, also anecdotic evidence: ein Faktor ist schlicht die wirtschlaftliche Lage des Kibbuz. Ein Kibbuz mit einer starken Fabrik, die den Menschen das Gefühl gibt, sie haben einen Rückhalt in diesem gemeinschaftlichen Besitz, dämpft den Drang zur Privatisierung ganz ungemein. Die ersten Kibbuzim, die zur Privatisierunggeschritten sind, waren die ganz armen. Und wie man auch aus Deutschland weiß: eine Reform, die nichts weiter ist als eine Sparmaßnahme in disguise, die bringt keine wirklichen Früchte. Diese Modelle der Verteilung der Armut, während andere sich absetzen, das kann es nicht sein.

Ein weiterer Faktor ist die Größe des Kibbuz. Die spielt manchmal, nicht immer, eine Rolle. Ein kleiner, homogener Kibbuz wie Samar erhält sich die alten Werte leichter, weil es keine großen sozialen Klüfte gibt wie in einem größeren, anonymeren Kibbuz. In Samar stand bis vor kurzem (vielleicht noch bis heute) die Kasse des Kibbuz offen in der Maskirut. Wer in die Stadt wollte und Geld brauchte, der nahm sich einfach aus der Kasse Geld und schrieb es auf. Es wurde dann mit seinem persönlichen Budget verrechnet.

Schade, ich habe gerade gar keine Zeit, länger darüber nachzudenken, ich werde Y. fragen und wenn ich wiederkomme, auch seine Antwort hinzufügen!

4. Yonatan - Oktober 9, 2006, 9:52

Interessant. Schöne Geschichte das mit der Kasse in Samar. Ich weiß nicht, ob ich richtig liege, aber es hat vielleicht auch etwas mit der Ideologie zu tun. Mir ist z.B. aufgefallen, dass eine Menge der (nicht vielen) religiösen Kibbutzim noch die „alten“ Kibbutzwerte hochhalten. Mir scheint auch, dass viele der Kibbutzim, die erst spät gegründet worden sind (60er oder 70er Jahre, Arawa oder nördl. Negew), klassische Kibbutzim geblieben sind. Da haben wahrscheinlich noch die ideologisch gefestigten Gründer das Sagen. Wie gesagt eine persönliche Beobachtung. Hat das schon einmal irgendjemand untersucht?

5. Lila - Oktober 9, 2006, 11:09

Oh ja, das spielt garantiert eine Rolle. Gerade Leute, die von Anfang an im Kibbuz aufgewachsen sind und ihn nicht selbst gewählt oder gestaltet haben, finden die Idee der Privatisierung verlockend, machen sich auch allerlei Illusionen über „das Leben draußen“ etc. Oft sind das auch dieselben, die das Gefühl haben, für andere zu arbeiten, und die sich darüber ärgern. Und dann gibt es natürlich auch immer Leute, die in den Kibbuz gekommen sind, weil es bequem war, und denen die Gemeinschaft recht egal ist. Diese beiden un-ideologischen (ich würde auch sagen, un-idealistischen) Gruppen treiben den Wandel in Richtung Privatisierung voran.

Ich bin sicher, daß es darüber Studien gibt. Wenig Phänomene sind so oft Forschungsgegenstand gewesen wie der Kibbuz. Es gibt an der Uni Tel Aviv und in Oranim College Forschungseinrichtungen und Institute, die den Kibbuz von allen Seiten durchleuchten. Ich muß mich mal auf die Suche nach Links machen.


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