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Nach längerer Abstinenz Oktober 2, 2006, 21:58

Posted by Lila in Land und Leute.
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habe ich nun zum Ausgang des Yom Kippur Nachrichten gesehen.

Die Gewalt im Gazastreifen, die einem Bürgerkrieg gefährlich nahe kommt? Dazu läßt sich nicht viel sagen: Testosteron eimerweise, schwer unter Kontrolle zu halten. Jedenfalls wird das die, die immer Israel und die Palästinenser als gleichermaßen gewaltbereit sehen, nicht überzeugen, daß vielleicht doch nicht allein Israel hier den Majnun der Nachbarschaft gibt… was soll´s. Sollen sie halt an der beliebten Theorie der Symmetrie, dem Bild von den zwei tollwütigen, ineinander verbissenen Hunden festhalten, meine Freunde von der Mahnwache (für die ich nach wie vor den idealen Schüttelreim suche).

So viele bewaffnete junge Männer , die wie Hans guck in die Luft ins Blaue ballern, zwischendrin rennen Zivilisten rum, ein riesiger Bardak, menschliches Leben gilt nicht viel. Ich hoffe, es eskaliert nicht weiter, wie will Abu Mazen da noch den Deckel drauf halten? Wir haben da nichts von, wenn die Palästinenser sich gegenseitig abmurksen, statt sich vernünftig und rational auf den Pfad zu einem eigenen Staat und damit endlich, endlich, endlich hinter eine Grenze zu begeben. Wo man die Tür zumachen kann und sagen kann, so Kinder, wo sind denn jetzt die Sonnenblumenkerne, ich will jetzt mal gar keinen mehr sehen! Und rundherum alles friedlich. Neee, wär das schön.

hans.jpg
Das war also eher trübselig, das Nachrichtengucken, aber den richtigen Stoß in den Magen hat mir eine Reportage über eine Gruppe Männer gegeben. Sie nennen sich „Erim ba laila“, „Schlaflose“, und sie haben eines gemeinsam: sie waren alle Kriegsgefangene im Yom Kippur-Krieg vor über 30 Jahren. Ihre Erinnerungen lassen sie nicht los, sie sind schwer traumatisiert, sie schlafen nachts wirklich nicht. Sie schleppen die Zelle, aber auch den Krieg noch mit sich herum.

Sie erinnern sich nur allzugut an die Pannen, die sinnlosen Befehle und arroganten Befehlshaber, denen sie zu verdanken haben, daß sie lange Wochen oder Monate in Kriegsgefangenschaft verbringen mußten – was ich nur durch die Lektüre von Fallacis Buch über Panagoulis zu verstehen begonnen habe, wie weit von jedem Verstehen so eine Erfahrung ist. Wie grausam weit von dem Leben, das wir kennen.

Die Reportage handelte also von den Einsichten des Kriegs damals und jetzt, von Handlungsmustern, von Kriegsgefangenschaft, aber auch von Schicksalen. „Manchmal meine ich, die Armee hätte uns lieber tot gesehen als lebend“, meinte einer in unüberbietbarer Bitterkeit, „denn Tote erzählen nichts“. Inwieweit das fair ist, ist schwer zu sagen und auch nicht wichtig – so lebt dieser Mann. Damals, als sie alle wieder nach Hause kamen, war PTSD kaum bekannt – heute gehört Israel zu den führenden Nationen in Erforschung und Behandlung posttraumatischer Zustände, aus naheliegenden Gründen. Man kann durchaus das ganze Land als einen einzigen Traumapatienten sehen.

Für diese Männer gab es also keine Therapien, Gruppen, alles was es heute gibt. So haben sie sich selbst eine geschaffen. Zweimal in der Woche treffen sie sich in Tel Aviv im Hafen und segeln raus. Das Bild der ergrauten, traurig aussehenden Männer, wie sie sich gegenseitig zugrinsen und in der Sonne, im Sonnenuntergang langsam entspannen – das war herzenstraurig und auch bewundernswert. Ja, das sind Israelis, sie therapieren sich selbst, sie hören einander zu und verstehen einander auch ohne Worte. Sie tun was, sie sitzen nicht rum, sie tun sich nicht leid, sie segeln zweimal pro Woche raus.

Dann wurden die Männer gezeigt, wie sie zu Rosh ha Shana zusammen das neue Jahr begrüßen und ihr Glas heben. Sie sind alle ernst, keiner lächelt mehr wie auf dem Meer. Und einer sagt, „wollen wir hoffen, daß das nächste Jahr besser wird als das letzte“ (übrigens ist das DER israelische Spruch, den hör ich jedes Jahr seit 1989!). „Und daß die drei, die noch in Gefangenschaft sind, bald nach Hause kommen und mit uns aufs Wasser kommen. Vergrößern wir die Gruppe halt“. Nagdil et ha kvutza. Und wieder dachte ich, ja wirklich, das ist Israel. Keine großen Ansagen, trocken, aber ganz ernst gemeint. Nagdil et ha kvutza. Wollen wir hoffen, daß die Gruppe nie größer wird, wenn die drei, die noch fehlen, erst mal zu Hause sind.

Kommentare»

1. Georg - Oktober 6, 2006, 22:38

Ich könnte mir vorstellen, sie werden sich tatsächlich gegenseitig abschlachten. Zu viele junge Männer ohne Perspektiven. Du wirst mich vielleicht auslachen, aber ich glaube, es sind erste Auswirkungen der Überbevölkerung bzw. hier einer lokalen zu hohen Population besonders der jungen Männer. Die jungen Frauen kriegen schnell Kinder und sind in Familienstrukturen bestens aufgehoben, doch zu viel junge Männer, zu wenig Berufe, kein Geld und keine Aussichten lassen einen schnell radikal werden und als Kanonenfutter beider palästinensischer Parteien missbrauchbar werden.
Meiner Ansicht nach ist es falsch, palästinensische Flüchtlingshilfe dahingehend zu finanzieren, dass die Frauen vier, fünf, sechs oder mehr Kinder bekommen obwohl keine wirtschaftliche Zukunft vorhanden ist. Ohne diese Finanzhilfen beispielsweise aus der EU würde sich das Problem der lokalen Überbevölkerung von selbst regulieren. Wie in vergleichbaren Ländern wäre die Geburtenrate viel niedriger.
Also, heute stehen wir vor den Scherben inkompetenter Flüchtlingshilfe der letzten Jahrzehnte. Man kann jetzt gar nichts auf die Schnelle mehr ändern. Dieser palästinensische Bürgerkrieg ist zwangsläufig und unausweichlich. Danach geht eventuell alles wieder von vorne los.
Ich meine, man sollte doch auch hinterfragen, was humane Palästinenserhilfe denn eigentlich ist. Wenn als Ergebnis ein gegenseitiges Morden eintrifft, wäre der wirtschaftliche Anreiz, diese künftigen Opfer in die Welt zu setzen, ja in höchstem Maße unmoralisch.
Palästina ist wirtschaftlich nicht lebensfähig – und der Bürgerkrieg dort wird durch internationale wirtschaftliche Hilfen erst ermöglicht, d.h. letztlich bezahlen wir in Europa diesen Krieg.
Es hört sich brutal und unmenschlich an, die Hilfen einzustellen, aber ist es nicht noch unmenschlicher, den Bürgerkrieg mit „Menschenmaterial“ zu ermöglichen und ihn zu finanzieren?

Viele Grüße

2. Lila - Oktober 7, 2006, 9:57

Lieber Georg, ich glaube, daß Du vermutlich den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Palästinensische Politiker haben ja offen gesagt, „unsere beste Waffe sind die Gebärmütter unserer Frauen“, und haben damit das Volk in Überbevölkerung, Perspektivlosigkeit und Elend gestürzt. Das entlädt sich dann in Gewalt, noch dazu, weil unsere Existenz und gemeinsame Geschichte weitere kritische Ursachenprüfung überflüssig erscheinen läßt – übrigens nicht nur den Palästinensern selbst, sondern ebenso den meisten Beobachtern – die Besatzung ist eben an allem schuld, und fertig.Ich habe meine Zweifel, ob die Welt in ähnlichem Zorn auf die Jordanier blicken würde, hätte es damals den Krieg nicht gegeben und wäre Palästina nach wie vor jordanisch…

Vielleicht sollte man ja mal über neue Modelle der Hilfe nachdenken. Es kann ja wohl nicht angehen, daß von den enormen Summen,die zu den Palästinensern fließen, kein bißchen bei den Menschen ankommt,die in großem Elend leben! Wie wäre es denn mal, in die Ausbildung von Frauen zu investieren, ganz gezielt? Klein-Unternehmen, Berufsausbildung, Studium für Frauen. Soweit ich weiß, ist das eine der sinnvollsten Investitionen überhaupt.

Übrigens ist ein sehr erfolgreiches Modell an der Uni Haifa schon länger in Gebrauch. Eine deutsche Organisation unterstützt arabische Studentinnen mit großzügigen Stipendien. Finde ich sehr lobenswert. Jede gebildete, tüchtige junge Frau dient dann wiederum in ihrer Heimatgemeinde als Modell. Natürlich kann man die arabische Bevölkerung Israels nicht mit den Bewohnern des Gazastreifens vergleichen – aber man sieht doch, was für ein Potential die Menschen dort haben, würden sie in besseren Umständen leben.

Und ich wünsche den Palästinensern einen Rückgang der Geburtenrate nicht, weil ich an einen demographischen Krieg denke – den haben wir sowieso verloren. Sondern weil ich, wie Du, glaube, daß die Überbevölkerung und Perspektivlosigkeit zu Gewalt führen.
Zum Weiterlesen: http://www.neues.parseier.de/2006/08/06/youth-bulge/

3. eule70 - Oktober 8, 2006, 2:45

Die hier geäußerten Gedanken halte ich schon für richtig, aber sie sind mir zu vordergründig. Es muss doch gefragt werden, wie es zu diesem Hass kommen konnte, der „die Gebärmütter der Frauen als Waffe“ einsetzte. Ich halte an meiner in http://alteeule.blogg.de/eintrag.php?id=195# geäußerten Meinung fest, dass die Existenzangst um die Wasserversorgung die Grundlage für all den Hass bildet. Israel wird nie Frieden haben, wenn es nicht für eine gerechte Verteilung des Wassers in dieser Region sorgt.

4. Lila - Oktober 8, 2006, 8:50

Und dann werden wir Frieden haben? Das halte ich für übermäßig optimistisch. Die Wasserprobleme sind inzwischen technologisch lösbar, und trotz idiotischer bürokratischer Hürden wird daran gearbeitet – Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die berühmte Pipeline aus der Türkei etc. Aber es geht nicht nur darum. Das ist mir wiederum viel zu vordergründig. Wenn das Wasser gerecht verteilt ist, finden sich Hamas, Hisbollah und alle anderen auf einmal mit unserer Existenz ab? So wie in den 1920er, Jahren, 1948 oder 1967? Na warten wir´s ab.

5. eule70 - Oktober 9, 2006, 2:48

Hamas, Hisbollah und die anderen verfolgen natürlich ihre eigenen Interessen. Aber würden sie dann noch soviel Zulauf haben? Schließlich wollen eine Menge „einfacher“ Leute einfach nur in Frieden und ohne Existenzangst leben können. Mein Gedanke war eben, dass gewisse politische Kräfte in den 20er Jahren und 1948 die Existenzangst der Palästinenser nur für ihre Zwecke benutzt haben und dadurch alles so entsetzlich eskaliert ist. Ich glaube auch, wenn Israel die Bemühungen um Lösung des Wasserproblems nicht nur für sich, sondern für die Region in den Vordergrund stellen würde, könnte es weltweit, zumindest in großen Teilen der westlichen Welt, auf mehr Unterstützung rechnen.

6. Lila - Oktober 9, 2006, 9:22

Ach Eule, Dein Wort in Gottes Ohr. Ich glaube nicht mehr, daß es irgendwas gibt, das Israel tun könnte, damit die westliche Welt Israels Interessen mit mehr Empathie sieht. Das Kind ist nicht nur in den Brunnen gefallen,sondern schon ertrunken.

Ich bin auf dem Sprung, später mehr!


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