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Tief durchatmen Oktober 19, 2006, 20:42

Posted by Lila in Uncategorized.
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Bloggen sollte keine Pflicht sein, sondern ein reines Vergnügen. Wieso also stellt sich das altbekannte Prokrastinations-Leiden ein: mit jedem Tag, den ich nicht blogge, wird der Anfang schwerer?

Gut, damit ist der Anfang geschrieben. Welche Erleichterung.

Ich kann mich nicht beschweren. Die neue Arbeit ist interessant, es ist ja immer seltsam, dasselbe woanders zu tun, und jede Umgebung hat ihre eigenen Gesetze. Ich bin zwar nur einen Tag pro Woche am Ort, werde aber an allen anderen Tagen per Email und Telefon mit Arbeit nur so überschüttet. Und es läßt sich eigentlich ganz nett an. Ich arbeite in einer Abteilung, in der viele Mitarbeiter aus allen möglichen Ländern kommen und aus jedem Raum ein anderer Akzent tönt. Mein elender deutscher Akzent, den ich seit Jahren abzuschleifen versuche, fällt dort gar nicht weiter auf. Ja, eine israelische Mitarbeiterin meinte sogar bewundernd, daß sie den besonders schön findet. Ein Kompliment, das entweder sehr unaufrichtig oder sehr verquer ist. Nein, beschweren kann ich mich nicht, ich habe es wieder mal gut getroffen und habe Spaß an der Arbeit, auch wenn es etwas viel ist.

Daß ich jetzt so viel zuhause bin, freut meine großen Kinder, die ja früher nach Hause kommen als die Jüngste (die bis vier in der Nachmittagsgruppe ist). Die Busfahrzeiten und die Öffnungszeit des Dining Room stimmen nicht mehr überein, Sparmaßnahmen!, so daß die Oberschüler entweder in der Mensa ihrer Schule essen oder aber zuhause. Ich habe den Luxus, meine Kinder mehrmals die Woche mit gedecktem Tisch und warmem Essen empfangen zu können (auch wenn ich das Essen selbst meist abends vorbereite). Ich genieße diese Phase intensiv, weil sie zeitlich beschränkt ist. Außerdem empfinde ich sowieso diese Zeit als gesegnet: Quarta ist wirklich aus dem Gröbsten raus, die Grundschulzeit ist so eine schöne Zeit!, und Primus ist noch weit genug vom Armeedienst entfernt, daß ich mir einreden kann, „ach was, bis dahin…“. Äh, keine Widerworte hier, bitte.

Wir haben gestern unsere Fernseh-Abstinenz durchbrochen, um ein Reality-Programm anzugucken, das wir sonst nie sehen. Aber ein Bekannter von uns wirkte dabei mit, und wir waren vor Schrecken geradezu gelähmt, wie sehr das Konzept einer solchen Sendung die Privatsphäre verletzt. Familienmitglieder reden vor laufender Kamera übereinander, „ja, unser Vater hat sich nie um uns gekümmert, das sind wir schon gewöhnt“, „mein Mann und ich haben eigentlich kein Intimleben mehr, aber das fehlt mir auch nicht“, und das ganze Land hört zu. Na ja, das ganze Land wohl nicht, aber in einem kleinen Nest wie Israel reichen drei Leute, und alle wissen Bescheid. Wer tut sich sowas freiwillig an?

Ich frage mich auch erschrocken, ob wir nun der Reihe nach alle Errungenschaften der Aufklärung an den Nagel hängen. Im holländischen Privathaus des 17. Jahrhunderts wurden die Zimmer mit ihrer geographischen Lage bezeichnet: vorderes Zimmer, Zimmer nach Norden, obere Kammer und so weiter. In jedem Raum, auch in der Küche, standen Betten, denn die Räume waren Multifunktionsräume. Erst im Laufe der Zeit bürgerte sich wortwörtlich im bürgerlichen Haus ein, daß das Schlafzimmer privat ist (in Versailles waren bekanntlich Schlaf, Stuhlgang, Geburt und Tod öffentliche Ereignisse). Im geliebten „Nachsommer“ von Stifter ist das Schlafzimmer der Eltern so privat, daß die Kinder es nicht betreten, sondern nur die Mutter selbst und eine alte Magd tagsüber hineingehen, um es aufzuräumen. Und wir trampeln per Fernsehen oder auch Blog durch anderleuts Privatsphäre und laden andere ein. Und von dieser kulturpessimistischen Seufzerei kann ich mich nicht mal ausnehmen! Ach was, Bloggen ist ganz was anderes, auch im bürgerlichen 19. Jahrhundert haben die Leute Privatbriefe geschrieben, die dann in der ganzen Bekanntschaft herumgereicht und vorgelesen wurden. Ein Blog ist nichts anderes, Punktum.

Ich verfolge außerdem mit großer Anteilnahme die Diskussion über Unterschicht, Hoffnungslosigkeit und ausgegrenzte Bevölkerungsteile in Deutschland – die hier genauso stattfinden könnte, sollte, vielleicht auch wird. Ich bewege mich ja viel zu selten aus meiner kleinen Seifenblase heraus, was früher anders war. Aber wenn, dann sehe ich mir die Leute an und versuche, mir ihr Leben vorzustellen. Gestern abend saß ich länger in Haifa, in einer Klinik, und wartete auf einen alten Chaver, den wir begleiteten. Und mir fielen die vielen ganz jungen Mütter auf, darunter sehr viele Immigrantinnen aus osteuropäischen Ländern – das sieht man ihnen einfach an, an der Hautfarbe, den Wangenknochen, dem Schnitt des Munds. Und ich sah hintereinander eine ganze Reihe Frauen, die ihre kleinen Kinder so hinter sich her zerrten, daß die geradezu rennen mußten, um Schritt zu halten. Ein kleines Mädchen, übrigens sorgsam gekleidet und mit hübschen Zöpfen, ging auf Zehenspitzen, weil die Mutter so groß war und sie so klein. Die Mutter beugte sich nicht zu der Kleinen, sondern die Kleine hob sich so hoch es ging. Ich gucke den Leuten nach, sehe, wie sie sich hetzen und nicht lächeln, und wie ungeduldig sie wirken. Und denke an die Kinder, die mitrennen und sich bemühen, brav zu sein. Natürlich sind sie das nicht immer.

Ich dachte, was passiert, wenn diese Kinder am Abend eines anstrengenden Tages den Eltern die Nerven rauben? Sind die jungen Frauen nicht überfordert? Kommen sie von einer Arbeit, die ihnen keinen Spaß macht und bei der sie wenig verdienen, sind sie bei einer Tagelöhner-Gesellschaft angestellt und wissen nicht, was im November ist, oder sind sie arbeitslos? Menschen brauchen ein Minimum an Lebensfreude und Selbstwertgefühl, um beides an ihre Kinder weiterzugeben zu können. Vielleicht hat mich das melancholische Abendlicht irregeführt, aber ich hatte das Gefühl, es ziehen lauter Hoffnungslose an mir vorbei, und sie taten mir so leid. Ich hätte ihnen gern eine Handvoll Feenglanz von Tinker Bell nachgeworfen, aber leider bin ich keine Fee.

Ich bin froh, daß die schönen, wundersamen Festtage vorbei sind – September und Oktober sind die dichtesten Monate des jüdischen Jahres. Doch die Laubhütten, die Sukkot, sind nun abgebaut, und bis Chanukka wartet nur Alltag. Der Tishrei, der erste Monat, ist bald schon vorbei. Im Kibbuz gab es zu Sukkot ein großes Fest mit Konzert und „shira be zibur“, also gemeinsamem Singen, Y. hat natürlich die Tontechnik gemacht und hört gerade die CD, die er davon gebrannt hat. Wir haben so begabte Sänger im Kibbuz, ich höre die Lieder so gern. Es ist eine schöne Sitte, daß auch ganz junge Leute zusammenkommen, um gemeinsam zu singen und Musik zu machen Später wurde dann getanzt. Es waren Hunderte von Leuten da. Wir haben am Pferdestall eine Wiese am Abhang, die sich für solche Feste gut eignet. Manchmal heiraten Paare auch dort, es ist eine besondere, romantische Stimmung. Ich würde gern die Musik ins Internet stellen, muß ich Y. und die Musiker mal fragen, wie das geht.

Trivial, aber wirkmächtig, beeinflußt auch die Jahreszeit mein Befinden. Der Herbst ist nun endlich, endlich nicht nur am Chamsin erkennbar. Vor ein paar Tagen hat es angefangen zu regnen. Ich war so glücklich, daß ich stundenlang nachts am Fenster saß und nicht schlafen konnte. Mein Herz klopfte wie verliebt – ich bin verliebt in den Regen, der schon nach einer einzigen Nacht auf die kahlen Felder einen winzigen, frommen grünen Schimmer zaubern konnte. Und heute dann: eine Abfolge dramatischer Bilder draußen, die mich ganz gefangen nahm. Zuerst Morgensonnenschein aus dem Osten, während im Westen eine schwarze Wolkenwand immer näher kam. Dann fette, kerzengerade fallende Tropfen im Westen, aber immer noch Sonnenschein im Osten. Das heißt: ein sonniges Schlafzimmer, aber ein regnerisches Wohnzimmer. Ich lief hin und her, um keinen Moment zu versäumen, während die scharf begrenzte Wolke über unser Haus zog.

Und dann: immer fester klopfte der Regen, auf einmal waren wir mitten drin, es prasselte wie verrückt, und auf einmal brach die Wolke wirklich auf und schleuderte geradezu mit Wut dicken Hagel. Das ging so schnell, daß ich kaum die Kamera rausholen konnte. Im Eingang saß Kater Lutz, dessen erster Winter bevorsteht, und schüttelte den Kopf über die verrückte Welt. Ich fischte mir schnell ein paar dicke Hagelkörner und steckte sie ins Gefrierfach, für die Kinder. Der Hagel prügelte geradezu auf den Garten ein, im Mädchenzimmer riß er dicke Löcher ins Fliegengitter, und Y. erzählte mir später, daß viele Blechdächer in der Fabrik wie Siebe durchlöchert wurden. Und dann wieder: ein schamhaft rascher Regenfall, und wieder Sonne. Und unser Garten dampfte. Das war schön, aber auch fürchterlich. Ich leistete mir den Luxus, nichts zu tun als zuzugucken und zu spüren. Hinterher hörte ich die Nachbarn durch die Gärten gehen und in ihre Cellphones schimpfen, „das Fenster ist hin, das Dach zertrümmert, das Treibhaus ruiniert!“. Und das, obwohl es sonst hier ganz still ist. aber die Nerven lagen wohl etwas blank.

Morgen ist wieder unser Hochzeitstag – siebzehn Jahre Ehe, und ich fühle mich nach wie vor beglückt, beschenkt, dankbar. Egal was er tut, mein Mann, ich sehe ihm gern zu. Wie er gestern dem alten Mann beim Arzt half, einem Mann, der Freund seines Großvaters gewesen war und der sich sehr ungern helfen ließ! So taktvoll und respektvoll, daß der bärbeißige alte Mann ganz vergnügt wurde. Und dann geht er heute abend mit der Bohrmaschine durchs Haus und bringt neue Regale an, als Überraschung für seine Söhne. Als sie reinkommen und er sie in ihr Zimmer ruft, sehe ich auf seinem Gesicht die Vorfreude. Die Jungens finden das neue Regal toll und bedanken sich. Er hat sie beide im Arm (Primus überragt ihn, Secundus… nur eine Frage der Zeit) und strahlt. Und ich bin dankbar, daß ich das habe: dieses Leben, diese Ehe, diese Familie. Ich weiß, in zehn Minuten zanken sich die Jungens wieder wie die Kesselflicker, aber diese Momente halte ich fest, denn jedes Glück ist nur Leihgabe. Oh, und er ist ein wunderbarer Mann, der sogar den Bohrstaub wegfegt!

Ja, das war die gemischte Wochenübersicht. Ich hoffe, ich kann mir wieder öfter die Zeit zum Bloggen freischaufeln. Aber es ist im Moment nicht leicht.

Kommentare»

1. der haltungsturner - Oktober 20, 2006, 13:09

Was für eine schöne Liebeserklärung nach all den Jahren.

2. April - Oktober 20, 2006, 21:42

Streckenweise sehr poetisch geschrieben … das gefällt mir ebenso wie der Inhalt. Ich wünsche euch alles Gute zum Hochzeitstag und weiterhin ein gutes langes Leben miteinander.

3. kaltmamsell - Oktober 21, 2006, 10:13

Schön, wieder frische und detaillierte Bilder von Deinem Leben in den Kopf zu bekommen. Danke!


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