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Schönheit, so oder so September 18, 2006, 23:02

Posted by Lila in Kunst.
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Es ist keine großartige Enthüllung, jeder Leser weiß es sowieso. Mein Leben ist langweilig. Der einzige interessante Akt meines Lebens, nämlich einem wilden, struppigen Kibbuznik ins rauhe Land der Skipetaren, äh, der Kibbuzniks zu folgen, hat sich vor fast 20 Jahren ereignet, und seitdem lebe ich wie eine glückliche Amöbe. Wenn sich nicht gerade geopolitischer Grimm über uns entlädt oder wir solchen auf uns laden, habe ich keine besseren Geschichten zu erzählen als andere Amöben auch.

Das nur vorneweg, damit mir keine Beschwerden kommen hinterher, jawohl.

Ich bereite die morgige Unterrichtsstunde in der VHS vor. Die Zuhörer durften sich wünschen, was sie gern sehen wollen, und zu meiner Freude wurden sofort die Venus von Urbino und die Rokeby-Venus genannt. Tolles Thema, die faß ich zusammen und mache eine Stunde über die Vorstellungen von Schönheit, und wie sie uns beeinflussen. Insbesondere, da ich zu diesen Venus-Darstellungen schon vor einem Jahr oder so eine Vortragsreihe woanders gemacht habe und ich also alles schon fix und fertig… Aber nichts da. Fix und fertig gibt es nicht, nicht mal bei einem so wohlbekannten Thema, ich muß jede Woche das Rad neu erfinden, Speiche und alles. Vor einem Jahr hatte ich ja keine Ahnung. Das wird alles anders gemacht, jawohl. Oh, aber ich liebe die Venus von Giorgione, die ich natürlich vor der von Urbino zeige (die Tizian selbst ja gar nicht als Venus bezeichnet hat, sondern nur als „einen Akt“). Ich liebe Giorgione überhaupt. Ach, Venedig.

giorgione_venus.jpg

Giorgione, Venus, 1510

titian.jpg

Tizian, Venus von Urbino, 1538
rokeby.jpg

Velazquez, Venus, 1648

Ich hatte heute einen nervsträubenden Tag an der Uni und mußte mir die Nerven wieder glattkaufen. Ein schönes kleines Buch über Venedig mußte her. Da ist er ja, mein Tizian. Das Buch meint, was ich mir selbst hätte denken sollen, daß der wunderbar rätselhafte Malgrund der Venezianer eine Weiterentwicklung des byzantinischen Goldhintergrunds ist, vor dem die Heiligen schweben. Auch wenn bei Giorgione oder Bellini die Figuren nicht mehr im goldenen Nichts schweben, scheinen sie doch nicht fester in unserer Welt verankert als die byzantinischen Heiligen. Deswegen gefällt mir Giorgiones Venus vermutlich am besten von den drei berühmten Schönen, weil sie dieses Geheimnisvolle, diesen Goldgrund hat.

Während ich also über den rätselhaften, verlockenden Schönen der Vergangenheit brüte, um sie morgen in ihrem ganzen wunderbaren Glanz darzubieten, guckt sich Y. kopfschüttelnd eine Doku über den Schönheitswahn an, der hier in Israel übel grassiert, und der nett aussehende junge Frauen dazu bewegt, sich Kurpfuschern auszuliefern, um fortan mit Silikonbeuteln, Narben und verkorkstem Selbstbild weiterzuleben. (Ja ja, es gibt auch andere Fälle, trotzdem ist es mal erfrischend, aus der Glotze kritischere Töne diesem ganzen Zirkus gegenüber angeschlagen zu hören. Mein Gott, die amerikanischen Schulkinder. Nichts im Kopf als irgendwelche dämlichen Stars. Da stimmt doch was nicht, Peeling oder nose job unter 20).

Fasziniert blicke ich auf, um eine geziert kichernde Frau anzugucken, die auf dem Bildschirm gerade einem jungen Mädchen in Begleitung einer besorgten Mutter erklärt, warum in „ihrer“ Klinik (für die sie PR-Frau spielt) kosmetische OPs so toll sind. „Ich hab mir schon die Lippen unterspritzen lassen, zweimal die Brust vergrößern, Fett absaugen, Nase korrigieren, Bauchstraffung, Peeling, Liften… deswegen sehe ich so jung aus“, und dann fragt sie kokett, „auf wie alt schätzt ihr mich?“ Die Mutter guckt sie höflich an und meint, „also mehr als 45 würde ich dir nicht geben“, woraufhin die Dame pikiert guckt und sagt, „ich bin 43 und werde immer für VIEL jünger gehalten!“

Der Sprung zurück zu Velazquez und Tizian fällt angesichts dieser Greuel leicht. Obwohl ich mir ohne weiteres vorstellen kann, wie die Pute aus der kosmetisch-chirurgischen Klinik der Venus von Urbino eine Bauchdeckenstraffung verordnen würde. Irgendwie ist es dazu gekommen, daß wir mit unserem lauten Krähen nach individueller Freiheit viel panischer normiert sind als die Schönen von einst. Hat die junge Frau, die Tizian anlächelt, auch so mit sich gehadert wie die unglücklichen jungen Mädchen heutzutage, oder hat sie sich schön erschaffen gefühlt? Schwer zu sagen.

Zurück an die Arbeit, es wird schon spät.

Kommentare»

1. Marco - September 19, 2006, 17:09

Zum Thema „Langweilig“

Der erste Beitrag hier von Dir, an den ich mich erinnere und der mich nachhaltig begeistert hat, ist eine längere Besprechung eines Bildes von einem Haus, in dem _ich_ einen Flur und in dem _Du_ ein ganzes Leben gesehen hast. Und ich bin wirklich neidisch darauf.

In meinem Leben gibt es nur unendlich viele Besprechungen zu leider endlich vielen Problemen, die per – normalerweise völlig überflüssiger – Software gelöst werden sollen. Wer will tauschen? 🙂

(Naja, ganz so schlimm ist es nicht.)

2. Lila - September 19, 2006, 18:35

Die Stunde heute war auch wirklich der Hit. Natürlich hatten gestern abend eine ganze Menge Leute die Doku gesehen, und meine Zuhörer sind ja ältere, sehr weise Menschen (darunter auch eine geborene Dresdnerin, eine geborene Münchnerin und eine geborene Venetianerin). Es war wirklich für uns alle erhellend zu sehen, wie vielfältig Schönheit eigentlich ist, und wie viel wir verlieren, wenn wir Punkte allein für Knochigkeit vergeben (die magerste Frau im Raum ist immer automatisch auch die Schönste – zumindest nach Ansicht der anwesenden anderen Frauen). Ich war danach so sehr mit mir selbst im Reinen, daß ich einkaufen gegangen bin und mir richtig schicke Klamotten gekauft habe.

Ja, der Flur von Hoogstraten, den liebe ich. Schade, daß die Archive weg sind, abgetaucht ins Nichts. Na ja.

Und Besprechungen, die hab ich auch, ohne Ende. Das ist die Krankheit unseres Zeitalters, also eine von ihnen. Wenn ich wenigstens den Mumm hätte, eine Handarbeit mitzunehmen und einfach, während das Blabla sich im Kreis dreht, ein Babylätzchen besticken würde. Aber so mutig bin ich noch nicht. Kommt vielleicht auch noch.

3. von ewigkeit zu ewigkeit - September 19, 2006, 19:37
4. Lila - September 19, 2006, 20:18

Ja-allah. Wie gut, daß ich Leser habe, die findiger und schlauer sind als ich! Danke, ich bin schwerst beeindruckt.

5. zeit zu zeit - September 19, 2006, 20:42
6. April - September 19, 2006, 21:40

Mir gefällt die Schöne von Giorgione auch am besten; von der Sehnsucht nach Venedig will ich hier mal ganz schweigen. – Interessant dein eigener comment zu deinem Eintrag, denn die Besprechungen, diese verdammten „Wir-sind-Team“-Gefühlsduseleien, das ist wirklich eine ‚Krankheit‘ unserer Zeit. Da kann ich nur voll zustimmen. Das ist wenig effektiv. (Ich schreibe wieder ;-), herzlichen Gruß I.)

7. Tine - September 19, 2006, 21:56

wenn man sich mit dem Thema Schönheits-Wahn beschäftigt, ändern sich auch irgendwann die Schöheitsvorstellungen. Ich finde nicht mehr, dass die Dünnste die Schönste ist. Ich merke richtig, wie sich mein Schönheitsideal immer mehr wandelt – mit dem Alter, mit der Weisheit (??) oder einfach weil ich vom Einheitsbrei genervt bin?

Übrigens lese ich Dein Blog auch schon lange gerne – und still 😉

Deine Betrachtungen zur Kunst finde ich auch immer wieder spannend, weil sie einen ganz eigenen Blick haben.

Herzliche Grüße, Tine

8. croco - September 19, 2006, 22:34

Jetzt lasse ich mal ein paar unzusammenhängende Fragen los….
+Was würde denn von diesen Venussen (?) übrig bleiben, wenn sich eine Portion Schönheitchirurgen über die Damen hermachen würden?
+Angeblich erkennen diese Herren den Kollegen an den Nasen der Opfer.
+Wenn ich mir diese Herren anschaue, so könnte man da ein bißchen straffen, dort ein bißchen polstern, und was machen sie? Nichts.
+Warum lassen sich Frauen darauf ein, auf ihr Äußeres reduziert zu werden?

9. andreschneider - September 20, 2006, 1:13

„Warum lassen sich Frauen darauf ein, auf ihr Äußeres reduziert zu werden?“
—Eine verdammt gute Frage, Croco!! Da werd ich diese Nacht gern drüber grübeln.

10. ZZ - September 20, 2006, 5:22
11. vered - September 20, 2006, 15:58

@ 3, 5 und 10 : Das ist ja toll! Wie bringt man das her??

12. ZZ - September 20, 2006, 19:19

Gestern ging es noch, Vered: einfach googeln, zum Beispiel: „rungholt kakteen“, und dann auf „Im Cache“ klicken. Eben funktioniert es nicht mehr. Während der Link hier ja noch geht. Rätsel, traurig. Vermutlich versteckt Google die Caches irgendwann, wenn das Original nicht mehr existiert.

13. Karl - September 21, 2006, 9:45

Hier gibts auch sowas wie ein Archiv, auch wenns vermutlich nicht vollständig ist:

http://web.archive.org/web/*/http://rungholt.blogg.de

14. grenzgaenger - September 21, 2006, 17:56

liebe lila,

SHANA TOVA !!

wie wirst du rosch haschana verbringen ?

wird das eine familienfeier oder eher eine religioese sache oder beides ?

wie auch immer: viel freude !! das ist am wichtigsten !!

liebe gruesse, schalom,
dein grenzgaenger

p.s. was ich an rosch haschana mache kannst dur dir sicherlich denken, ansonsten steht es in meinem blogg. nach schabbes kommt aber auch noch ein kleiner bericht 😉

15. Lila - September 22, 2006, 12:26

Wir feiern kibbuz-traditionell-familiär. Wie wir das genau machen, kannst Du hier http://www.flickr.com/photos/rungholt/sets/1065890/ nachgucken. Das ist jedes Jahr dieselbe Zeremonie, und immer schön. Danach geht´s zu Schwiegermutter, Abendessen, und morgen sind alle bei uns. Der Honig fließt schon in Strömen.
Shana tova! Und im Neuen Jahr schön fleißig Ivrith lernen.

16. grenzgaenger - September 22, 2006, 14:32

liebe lila,

das sieht ja toll aus ….. SHANA TOVA !!! und viel spass mit dem honig ;-))

ja, ich werde weiterhin schoen ivrith lernen …

uebrigens, liebe lila, hoere ich jetzt fleissig radio galgalatz

http://www.surfmusik.de/radio/galgalatz-91-8fm,6566.html

wie schoen das es internet radio gibt. danke fuer den tipp mit der musik …. ich versuche wenigstens etwas zu verstehen, bin aber schon richtig verzaubert vom klang der sprache 😉

liebe gruesse, schabbat schalom,
dein grenzgaenger

p.s. ich finde den smiley unten auf der seite echt witzig !!


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