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In der Sonne September 29, 2006, 16:54

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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mußte ich heute sitzen, was ich ja nicht leiden kann, weil der Dining Room geschlossen war (Betriebsausflug der Küchenmannschaft) und trotzdem die Abstimmung stattfinden sollte. Und ich bin ja im Urnen-Team, habe also die hohe Ehre, den Abstimm-Tisch aufzustellen, die Urne zu kontrollieren und abzuschließen, an der Pinnwand die genauen Angaben zur jeweiligen Abstimmung aufzuhängen, jedem stimmberechtigten Kibbuz-Mitglied seinen Stimmzettel und einen Kuli auszuhändigen, seinen Namen von der Liste zu streichen und hinterher die Stimmen auszuzählen und zu veröffentlichen. Wenn jemand nicht abstimmen kann, aber gern möchte, kann jemand anders damit beauftragt werden, aber nur mit schriftlicher Ermächtigung, die von den Sekretären unterschrieben sein muß. Die Sekretärin kam also und händigte uns, wie immer, einen Stapel Papiere aus: „Nirit ist nicht da, aber ihr Mann stimmt für sie ab, hier ist der Zettel…“ Ordnung muß sein.

Man macht das immer zu zweit. Ich hatte die Liste mit den Namen von aleph bis lamed, Shlomit die Namen von mem bis tav. Seltsamerweise kamen heute mittag fast nur Leute mit Familiennamen zwischen mem und tav, Shlomit hatte also viel zu tun, ich fast gar nichts.

Normalerweise sitzen wir im Eingang zum Dining Room, aber wie gesagt, der war heute zu, und wir saßen also bei sengender Hitze draußen. Chamsin! Der heiße Wind wehte uns die Papiere davon, und alle Chaverim machten eine Bemerkung, „na, ist euch nicht heiß“, „euch ist aber bestimmt sehr heiß“, „ihr Armen, bei der Hitze“, variatio delectat. Die Sekretärin brachte uns Wasser, flaschenweise, und wir hielten irgendwie durch.

Es ging heute um die Besetzung eines sehr wichtigen Postens, nämlich mashabei enosh, also human ressources. Die Veränderungen, die der Kibbuz in den letzten Jahren mitgemacht hat, werden nirgendwo deutlicher als bei diesem Posten. Früher hieß das nämlich sidur avoda, „Arbeitsordnung“ oder „-liste“. Der sadran avoda hatte die Aufgabe, alle Chaverim zur Arbeit einzuteilen. Ganz früher rotierten viele Chaverim sehr häufig, besonders in der Landwirtschaft mußte man immer gucken, wo man gerade eingeteilt war. Als ich in den Kibbuz kam, war das natürlich schon nicht mehr so. Viele Leute hatten schon eine Berufsausbildung und arbeiteten fest in ihrem Beruf. Trotzdem war es immer noch so, daß Frauen nach der Geburt eines Kindes zum sadran avoda (oft auch einer weiblichen sadranit avoda) bestellt wurden: die Pflicht ruft, ein Jahr in einem Kinderhaus mußte abgeleistet werden. Manchmal reichte es, einen Tag pro Woche im Kindergarten auszuhelfen, doch oft wurden Frauen auf Monate in Kinderhäuser gesteckt, obwohl das gar nicht ihr Beruf war und sie wenig Lust dazu hatten. Doch da gab es nichts, das wurde gemacht, wenn die Gemeinschaft das brauchte.

Ich bin natürlich auch öfter zum sadran avoda gerufen worden. Anfangs, als Y. und ich zusammenlebten und niemand glaubte, daß diese Deutsche wirklich hierbleibt, wurde ich als „Korken“, pkak, eingesetzt – überall, wo ein Loch war, wurde ich eben reingestopft. Mal im Babyhaus, mal in der Küche, mal im Kindergarten. Das war eigentlich ganz nett, denn ich lernte jede Menge Leute und Arbeitsplätze kennen, und mein Ivrit besserte sich rapide. Dann, als wir verheiratet waren und klar war, diese Deutsche meint es ernst, bat ich um Arbeit in der Altenpflege und bekam sie auch. Weil ich mich mit Schwung in die Arbeit warf und nach Verantwortung förmlich lechzte, war ich nach anderthalb Jahren für eines der Häuser verantwortlich. Ein kleines Heim für Rekonvaleszenten und Schwerkranke, damals waren die Ältesten des Kibbuz noch allesamt fit und größtenteils gesund.

Irgendwann hieß es dann bei der sidur avoda, Lila muß aber nun der Erziehung ihren Tribut erweisen, und ich war wieder im Kindergarten. Gegen Ende der Schwangerschaften wurde ich jedesmal ins Bügelzimmer geschickt, weil das eine leichte Arbeit ist – Mutterschutz sechs Wochen vor der Entbindung ist hier unbekannt und ich habe ihn auch nicht vermißt, im Gegenteil. Noch wenige Stunden vor Primus´ Geburt bin ich in der Wäsche-Kommuna auf Leitern geklettert und habe Wintermäntel weggehängt, das hat mir nichts ausgemacht. Ja, so war das. Der sadran avoda hat gesagt: „hier und hier werden Leute gesucht, welchen Job nimmst du?“ Mich hat es nicht gestört, daß niemand mich gefragt hat, „sag mal, was hast du eigentlich gelernt, was möchtest du gern lernen, was stellst du dir vor?“ Wer neu in den Kibbuz kommt, muß erst mal an der Friteuse stehen, an der Verpackmaschine oder im Babyhaus Flaschen und Popos spülen, das war mir ganz klar.

Ich glaube, daß ich als eine der Letzten, die auf diese Art aufgenommen wurden (in den Jahren nach mir kamen viel assertivere Leute mit Berufen, die von Anfang an gesagt haben, wo sie arbeiten wollen, oder die gleich draußen gearbeitet haben) , eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht habe. Ich habe mir meine Zugehörigkeit zum Kibbuz erarbeitet, mich dem System angepaßt, weil ich akzeptiert und gut gefunden habe, daß jede Arbeit in Augen des Kibbuz nötig und wertvoll ist. Das hat meine persönliche Faulheit und meine extreme Beschränktheit auf einige wenige, theoretische Stärken erfolgreich aufgebrochen, ich habe in diesen Jahren enorm viel gelernt. Doch zurück zur Veränderung im Kibbuz.

Irgendwann war klar, sidur avoda kann man nicht mehr machen, die Leute machen nicht mit. Heute heißt es also human ressources und die dafür Verantwortliche hilft Leuten, Arbeit zu finden, achtet darauf, daß das Einkommen auch zum Lebensunterhalt reicht (der Kibbuz kann ja nicht alle seine Mitglieder per Budget subventionieren, irgendwo muß das Geld ja herkommen), sie hilft beim Aushandeln von Arbeitsverträgen draußen, hält Verbindung mit den Fabriken und Schulen der Umgebung, hat ein Auge auf die Studenten des Kibbuz, stellt Leute von draußen ein, managt eben alles, was mit Arbeit zu tun hat. Sie hat nicht mehr die Macht oder auch nur den Willen, zu sagen, „liebe Lila, nun hast du immer noch keine Arbeit gefunden, ab in die Wäscherei“, obwohl manche Chaverim, die gar nicht mehr arbeiten, auch mal unter Druck gesetzt werden. Es ist eine Schlüsselposition, dieser Posten, und deswegen war die Abstimmung heute so wichtig.

Ich habe übrigens nicht gestimmt diesmal, weil mir beide Alternativen nicht richtig zusagten. Ich finde, das Thema muß noch mal zum Sekretariat zurück und sie müssen bessere Kandidaten finden. Das fanden auch viele Chaverim. Die Erörterungen waren hitzig, aber Shlomit und ich durften natürlich keine Meinung äußern. Wir saßen schwitzend dabei, vor dem Dining Room, während vor uns die Leute auf ihren Mofas oder Elektro-Autos saßen und sich in den Haaren lagen, wer nun für den Posten am besten paßt.

Zweites großes Thema des Tages war der höllische Gestank, der heute über dem Kibbuz lagerte. Ich war davon schon in der Nacht erwacht, sicher, daß Kater Lutz ein Häufchen unter unser Bett gelegt hatte, auch wenn ich nichts fand. Ja, ich habe sogar in aller Herrgottsfrühe unser Schlafzimmer gewischt, unter den Betten und überall, ohne die Geruchsquelle zu beseitigen. Klar, als ich nach draußen trat, war mir klar, daß das kein kleines Häufchen war, das war ganz klar der Geruch gedüngter Felder. Y., der in der Fabrik für Umweltverträglichkeit zuständig ist und gerade den Neubau der Kläranlage mit verantwortet, wurde von mehreren Chaverim angemacht. „Was ist da schon wieder los, wieso stinkt die Fabrik so?“ Y. wies jede Verantwortung von sich, in der Fabrik gibt es nichts, das nach Dünger stinkt.

Aha, dann ist das also auf den Feldern. Ja aber wieso hat denn der Uzi, der für die Felder zuständig ist, den Dünger nicht gut abgedeckt, wie er das sonst immer macht? Na, das ist doch klar. Das hat der bestimmt demonstrativ gemacht. Es tobt doch gerade ein Kampf um die Pensionsberechtigungen der landwirtschaftlichen Arbeiter, zwischen Uzi und dem Kibbuz. Ja wußtest du das denn nicht? Und deswegen hat er sich bestimmt gedacht, jetzt zeige ich dem Kibbuz aber mal, wie wichtig wir sind, und hat es stinken lassen.

Okay. So entstehen Gerüchte aus Gerüchen. Und das in der brüllenden Hitze… Immerhin hatten wir Glück. Ausgezählt wird erst abends, deswegen konnten wir schnell nach Hause, als die mittägliche Abstimmung vorbei war.

Kommentare»

1. felika - Oktober 3, 2006, 16:10

„weil ich akzeptiert und gut gefunden habe, daß jede Arbeit in Augen des Kibbuz nötig und wertvoll ist.“

vor einiger zeit erwähnte ich in einem gespräch mit dem bruder meines freundes, der noch immer in dem kibbutz lebt, in dem die beiden aufgewachsen sind, dass ich es ähnlich erlebt habe, als ich (nun schon über 9 jahre her) im kibbutz volontärin war. dass ich sogar die klos im dining room mit begeisterung schrubben konnte und das gefühl hatte, damit eben auch einen wichtigen teil zur gemeinschaft beizutragen, und deshalb auch keine minderwertige arbeit abzuleisten, wie etwa eine klofrau in deutschland im restaurant.
er sah mich etwas ungläubig an, lächelte und sagte ‚you know, we don’t use this perspective any more.‘
dass man als volontärin vielleicht besonders ideologisch beseelt ist, leuchtet mir ein, auch dass sich das abnutzt, wenn man sein leben lang dort lebt und auch dass zustände sich immer ändern (müssen), ist irgendwie klar. trotzdem finde ich es schade. mich hat das damals sehr beeindruckt.

2. Lila - Oktober 4, 2006, 10:36

Ja, leider werden manche alten Kibbuzregeln zunehmend ausgehebelt. So war es lange Zeit Sitte, daß jeder ausscheidende Sekretär des Kibbuz ein Jahr Pflichtdienst im Dining Room leisten mußte – also allen freundlich die Hühnerpulken vorlegen, die Toiletten säubern und die Essenswagen in Schuß halten. Das hat mir sehr imponiert.
Die heutigen Sekretäre sind sich dafür natürlich zu fein. Sie waren ja Manager, nicht wahr, und nicht mal ihre früheren Arbeitsplätze sind ihnen fein genug. Sie gehen sofort irgendwo „in die Wirtschaft“, also Personalleiter oder sonstwie. Noch immer hat wohl im Lebenslauf der Vermerk „Sekretär des Kibbuz Ramat haNudnik“ noch immer genügend Cachet, und sie finden auch Jobs.
Ebenso war es früher Sitte, daß die Lehrerin zusammen mit der Metapelet die Klasse putzte (die Kinder mußten auch helfen), daß der Sekretär des Kibbuz am Freitag das gesamte Verwaltungsgebäude putzte, eben lauter so menial jobs, die jemand machen muß. Der Stolz des Kibbuzniks lag darin, ALLES machen zu können, ohne von seinem Stolz zu verlieren. Heute: Putzfrauen. Ist das nicht zum Kotzen?
Früher wurde auch regelmäßig zu „giussim“ geladen, also freiwillige Arbeit, besonders zu Stoßzeiten in der Landwirtschaft. Schon damals, erzählt mein Schwiegervater, lief der Witz um: laßt UNS Weizen einfahren. Unter dieser Unterschrift hatten nämlich die Sekretäre zum giuss geladen, sich selbst als erste auf die Liste gesetzt – und als die Liste voll war, sich selbst wieder ausgestrichen. Die Kibbuzniks, die treu im Morgengrauen auf dem Feld oder in der Apfelplantage erschienen, sahen sich um – die Sekretäre waren nicht da. So wurde die Überschrift „laßt uns Weizen einfahren“ mit besonderer Betonung zum geflügelten Wort…
Und trotzdem. Nach wie vor gibt es noch Leute, die körperliche Arbeit sehr hoch schätzen. Und nach wie vor genießen bei vielen Leute die Wäscherin, die Arbeiter in der Landwirtschaft, unser genialer Landschaftsgärtner, der den Kibbuz zu einem Schmuckstück gemacht hat, und der Koch hohes Ansehen. Lang bleibe es so!!!
Wo warst Du denn Volunteer???? und wann?

3. felika - Oktober 4, 2006, 14:00

ja, schade, dass der standesdünkel auch in der trutzburg kibbutz einzug erhalten hat. vielleicht war das nicht zu ändern, wo die heutigen generationen hineingeboren sind und nicht mehr die ideologische beherztheit der gründer brauchen. ich habe den eindruck, dass es damit einiges zu tun hat, nicht mehr gegen widrigkeiten von außen zu kämpfen, sondern innerhalb zu rebellieren, wie es irgendwie jede generation gegen die vorangegangene tut. (das mit den widrigkeiten von außen gilt wohl eher nur für die kibbutzim, denen es gut geht, was ja bei den meisten gar nicht der fall ist.)
ich war 1996/97 für 10 monate volontärin, erst in haon und dann in ramat hakovesh. wo ich auch einen ulpan gemacht hab. in haon gab es für uns volontäre auch so ein rotationssystem, wir haben erst abends gewußt was am nächsten tag auf uns wartete. das fand ich viel bereichernder als tagaustagein im diningroom zu verbringen wie in ramat hakovesh, auch wenn das die deutlich relaxtere arbeit war. es hat mir sehr gefallen, eben so unterschiedliche bereiche des kibbutzes kennenzulernen – küche, diningroom, garten, bananen, datteln, laundry, etc. auch wenn das mal bedeutete, ein paar tage lang alte netze zur abdeckung der datteln zu flicken. am schönsten aber fand ich es, so richtig verschwitzt von den feldern zu kommen und mir arbeitermäßig die arme zu schrubben vorm essen. das habe ich hier oft vermißt, bei dieser reinen kopfarbeit, die ich mache, seit ich wieder in deutschland bin (studien- und arbeitstechnisch).
da mein freund israeli ist, begleitet uns die idee, zurück zu gehen, als einer von mehreren möglichen zukunftsentwürfen. du machst mir dabei mut, vor allem da ich doch zur wahlstädterin geworden bin in den letzten jahren und mir so ein richtiges kibbutzleben – vor allem nicht als 18jährige volontärin, sondern als lebensentwurf auf viele jahre – sehr fremd und schwer vorstellbar geworden ist. dazu kommt auch die frage, wie ich mich da als deutsche jobmäßig so durchschlagen kann, erst mal ohne angemessene sprachkenntnisse – obwohl ich mir da schon denke, die kommen mit der zeit. es freut mich, dass du beides so gut hingekriegt hast und hinkriegst!

4. Lila - Oktober 4, 2006, 15:34

Hm, das ist ja sehr interessant, Ramat ha Kovesh kenne ich nur vom Besuchen. Da seid Ihr also manchmal in Israel?

Zu Deinem Dilemma: das klassische Kibbuz-Leben gibt es in den meisten Kibbuzim nicht mehr. Das hat auch Vorteile: man lebt selbstbestimmter, und wenn Du mit einem Beruf kommst, dann ist allen klar, daß Du diesen Beruf auch ausübst. Keiner wird heute mehr, so wie ich vor fast 20 Jahren, automatisch als „pkak chinuch“ eingesetzt, mit allen Vor- und Nachteilen.

Leben im Kibbuz hat also die klassischen Vorteile behalten: sichere, bekannte Umgebung, ausgezeichnete Kinderbetreuung, schöne Feste, gute medizinische Betreuung – eine kleine Insel der gegenseitigen Hilfe und Vertrautheit. Besonders, wenn Ihr Kinder plant, würde ich wirklich mal drüber nachdenken. Man kann heutzutage in Kibbuzim auch als „toshavim“ wohnen, bezahlt also für alle Dienste und hat ein ruhiges Familienleben in idyllischer Umgebung, mit allen Vorteilen, die Schule und Kindergarten auf Kibbuz-Niveau bringen.

Gleichzeitig bedeutet die Entscheidung für ein Leben in Israel aber auch ein Risiko: Du wirfst Dein Los mit einem Volk zusammen, das oft angefeindet und angegriffen wird, aber das hast Du ja, wenn Du einen israelischen Freund hast, schon hinter Dir. Der deutsche Wohlstand ist in Israel unerreichbar, Läden, Straßen und Wohnsiedlungen sehen anders aus, es ist lauter, heißer und die Leute mischen sich in alles ein – zum Guten und zum Bösen.

Israel bedeutet niedrige Gehälter, hohe Steuern und kümmerliche soziale Leistungen (von Fall zu Fall abchecken lassen, als Kibbuzniks sind wir z.B. relativ gut abgefedert). Israel bedeutet auch, jahrelang mit der Frage leben zu müssen: „ja willst du denn nicht jüdisch werden?“ (Irgendwann haben sie´s bei mir aufgegeben), und in Deutschland mit der Frage, „ja willst du denn nicht lieber nach Deutschland zurückkommen?“ (die Frage kommt immer noch).

Jobsuche ist schwierig, aber das ist wohl auch in D. kein Zuckerschlecken mehr. Andererseits, und das betone ich immer wieder, bedeutet es in vielen Fällen ein deutliches Plus, Deutsche zu sein, besonders auf Arbeitssuche. Arbeitgeber und Chefs gehen davon aus, daß Deutsche wahre Powerhäuser von Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Sekundärtugenden aller Art sind. Ich habe oft über den Vorschuß-Bonus gestaunt, der mir vielerorts eingeräumt wurde.

Wenn Du flexibel bist und Dir trotz Kulturschock gute Laune bewahrst, kannst Du in Israel beruflich erfolgreich sein – das habe ich immer wieder gesehen, wie Deutsche hier durchgestartet sind.

Ich war auch Wahlstädterin, und als kinderloser Single war das schön und wunderbar. Für Kinder, na ich weiß nicht, ich wollte jedenfalls mehr „Landleben“ für die Kinder,weniger Autos, weniger Lärm, weniger fremde Leute, weniger Hektik. Das ist Geschmackssache.

Aber wenn ich die Wahl habe, meine Kinder in einem deutschen Vorort oder aber in einem Kibbuz aufzuziehen, fällt mir die Entscheidung leicht: Ein Kibbuz ist keine Mutter-Kinder-Monokultur, sondern ein lebender Organismus, in dem Kinder von Anfang an sehen, wie das Postamt, der Laden, die Schreinerei, die Schafzucht, die Fabrik funktionieren.

Die Familien sind hier groß, die alten Menschen vorbildlich integriert, und ich finde, das Zusammenleben einer überschaubaren, wohlbekannten, altersmäßig heterogenen Gruppe ist für die gesunde Entwicklung von Kindern sehr wichtig. Für Dich sind diese Überlegungen vermutlich noch Zukunftsmusik – aber wenn Du mit Deinem Israeli zusammenbleiben willst, mach Dich darauf gefaßt, daß das Thema irgendwann auftaucht. Israelis kennen die Option „na dann eben keine Kinder“ eigentlich nicht.

Ich wollte so leben und bin wirklich dankbar, daß mein Leben diese Wendung genommen hat. Mut zum Chaos und Mut zum Ausprobieren. Du weißt ja, wenn der Israel-Virus erst mal im Blut kreist…

5. felika - Oktober 10, 2006, 14:57

liebe lila,

jetzt hab ich noch mal ein bißchen zeit, auf deine so schön ausführliche antwort zu antworten. das sind ja gleich eine ganze menge themen, die du angeschnitten hast. ich greif einfach mal ein paar heraus.
zum thema kibbutzleben: ja, ich sehe auch, dass es viele vorteile im kibbutzleben gibt. vor allem wenn ich die ältere generation sehe, die großelterngeneration meines freundes also, und deren leben mit dem meiner großmutter im deutschen altenheim vergleiche, ist das eben fast kein vergleich. die möglichkeit zu haben, auch mit 90 noch zu arbeiten – und sei es nur serviettennachfüllen im dining room – und damit, wie zentral auch immer, sich noch in die gemeinschaft einbringen zu können, scheint mir unschätzbar wertvoll. ich bin sicher, es hat auch damit zu tun, dass mir die alten menschen im kibbutz lebenslustiger vorkamen als im altenheim hier, da dort eben ein selbstbestimmtes leben bis in ein viel höheres alter möglich ist, und die alten nicht so entmündigt werden. ich bin sicher, dass das auf ähnliche art auch für ein leben mit kindern zutrifft. da allerdings stehen mir andere fragen der lebensplanung ins haus, die ich mir wohl zuerst beantworten muß. eine frage habe ich da allerdings an dich, die mir wohl am meisten zu schaffen macht beim thema kinder kriegen und in israel leben – wie ist für dich das wissen, dass deine kinder in die armee gehen werden? die armee ist mir eine ohnehin kaum begreifliche israelische subkultur, wo ich immer wieder merke, ich werde da nie etwas von verstehen, egal wie viel ich darüber höre. so nahe wie mir israelische alltagskultur in vielen teilen gekommen ist, bleibt mir dieser teil bisher ein ewiges rätsel. und wo ich hier so mit der selbstverständlichen freiheit aufgewachsen bin, sich problemlos gegen armeedienst entscheiden zu können, noch dazu gegen einen, der so ungleich ungefährlicher ist, wird mir bei dem gedanken, in israel kinder aufzuziehen, die dann dort irgendwann so selbstverständlich wie eben alle anderen israelis zur armee gehen, einfach beklommen. bisher mußte ich ja nicht einmal meinen freund der armee ‚abgeben‘, da wir uns in deutschland kennengelernt haben.

-> Israel bedeutet auch, jahrelang mit der Frage leben zu müssen: “ja willst du denn nicht jüdisch werden?” (Irgendwann haben sie´s bei mir aufgegeben), und in Deutschland mit der Frage, “ja willst du denn nicht lieber nach Deutschland zurückkommen?” (die Frage kommt immer noch).

die frage des konvertierens habe ich schon vor jahren für mich beantwortet (ja ich wollte, stellte aber fest, dass ich mehr teil des volkes als der religionsgemeinschaft sein wollte – eigenes thema, würde den rahmen endgültig sprengen). da ich nicht religiös bin, religion aber trotzdem respektiere, kann ich nicht einfach ohne glauben konvertieren. die frage, (wann) kommt ihr zurück, gibt es für uns auch umgekehrt immer wieder, bei ziemlich jedem urlaub in israel (ja wir kommen immer wieder) wird sie von unterschiedlichen leuten mehrfach gestellt. ich glaub, da muß man sich so oder so abhärten – in dem sinne, dass wir sie immer wieder für uns beantworten, und nicht für die ansprüche aller anderen.

nun ja, wie du sagst, der israel-virus läßt einen ja nicht mehr los, wenn er einen gepackt hat, und so wird mich die frage des dort lebens wohl kaum loslassen. (ein freund von damals lacht seit jahren darüber, dass ich immer über ‚zurückkommen‘ und nicht ‚hinfahren‘ rede, wenn ich über israel spreche). und das diffuse bedürfnis, eben mein schicksal mit dem dieses volkes doch irgendwie in einen topf zu werfen, begleitet mich – mal freudiger, mal beängstigter. aber wie du schon gesagt hast, hab ich das ja auch schon längst getan, das geht auch und vielleicht sogar gerade hier in deutschland nicht spurlos an mir vorbei.

6. Lila - Oktober 10, 2006, 16:37

Wallla, da sind wir uns in sehr sehr vielem einig. Ich fühle mich auch mit dem Volk Israel verbunden, ohne die Notwendigkeit, meine eigene Identität wegzuwerfen und mir eine andere anpassen zu lassen (außerdem könnte ich nie einen Rabbi anlügen, und das müßte ich, um zu konvertieren – wozu also?). Das kann das Volk Israel aushalten, denn ich nehme ihm nichts weg, im Gegenteil, ich schenke ihm meine Loyalität und meine vier Kinder, die vielleicht eines Tages jüdisch werden möchten und die ich dabei jederzeit unterstützen würde.

Die Armee. Oh weh. Mein Ältester ist zwei Jahre davon entfernt. Ich sah gestern abend aus dem Auto eine Gruppe Soldaten durch die Nacht latschen, mit Taschenlampe und Karte, im Feld neben dem Kibbuz, und fing fast an zu heulen. Mensch, das sind doch noch Kinder! Ganz junge Gesichter. Eine eisenharte Sache und für mich ein echter Albtraum. Nicht nur wegen der Gefahr – sondern auch und besonders wegen der Notwendigkeit, Sachen zu machen, die im zivilen Leben meinem Sohn gegen den Strich gehen, für die wir ihn nicht erzogen haben. Mein Schwager, der gutmütigste, fröhlichste, harmloseste Mann unter der Sonne, schiebt gerade Dienst an einem Checkpost bei Ramallah – auch für ihn ein Albtraum.

Das ist kaum lösbar, man muß es irgendwie ertragen. Erstmal ist es so, daß Du im Laufe der Jahre, wenn Du hier lebst, wohl oder übel die Armee besser kennenlernst. Ich weiß noch, wie ich zu Anfang, als ich herkam, mich unwissend und unsicher fühlte, wenn alle über die Armee redeten, in diesem Slang mit all den Abkürzungen. Besonders manche Frauen ließen mich gern fühlen, daß ich ja keine Ahnung hatte, was ein shin gimmel ist (ein shomer gadder, also Torwächter). Auch Y.s Kriegserlebnissen gegenüber war ich total befangen, wußte nicht, was ich sagen sollte, es war mir sehr unbehaglich, darüber zu reden.

Bis das Y. eines Tages auffiel und er mir folgendes sagte. Gerade die Frauen, die selbst gar nicht wissen, was die Armee „eigentlich“ ist, reden am meisten darüber mit denen, die nicht dabei waren. Ihm persönlich ist lieber, ich kenne die Armee aus seinen Erzählungen, SEINE Armee, ohne meine eigenen Erfahrungen sofort ins Spiel zu bringen. (Das gilt natürlich nicht für Frauen in kämpfenden Einheiten – aber es sind immer die Lehrerinnen in Uniform, die mir gegenüber die Kenne raushängen ließen). Das Erlebnis Armee ist traumatisch und nicht mitteilbar. Und deswegen erzählt er es lieber mir, die ich nur empathisch zuhöre, als seiner Schwester, die sofort dagegenhält mit „und als ich damals…“. Das hat mir geholfen.

Als Frau oder Freundin eines Israelis lernst Du die Armee einfach kennen – er macht Miluim, du besuchst ihn, lernst seine Freunde dort kennen, es gibt Treffen, Feste, auch Beerdigungen oder Gedenkfeiern – und auf einmal merkst Du, auch ich habe einen Teil daran. Und dann geht die Scheu weg. Du kapierst ja sowieso, daß israelische Armee kein bißchen mit Drill, wilhelminischem Militarismus, Kadavergehorsam etc zu tun hat – sie ist ganz anders aufgebaut. Mit der Zeit kriegst Du eine Art Gefühl dafür, Du kannst abschätzen, was die Armee für Dich bedeutet und wie weit Du bereit bist, Deine Kinder ihr anzuvertrauen.

Mir haben alle Eltern mit großen Kindern gesagt, es gibt einen Moment in Leben, an dem alle zusammenbrechen. Das ist, wenn die Kinder in die Busse steigen, die sie zur Basis bringen. Bis dahin kannst Du sie beschützen, ihre Umwelt kontrollieren, bis zu einem gewissen Grade zumindest. Und das wars. Jetzt kommt das große Ungewisse. Auf dem Parkplatz stehen die Eltern, Mütter und Väter, fast alle davon waren selbst bei der Armee – aber das ist egal. Wenn die Busse abfahren, weinen alle wie bei einem Abschied auf Nimmerwiedersehen. Und das ist es auch, denn die Kinder kommen als Erwachsene wieder. Das habe ich an den Nichten, Neffen und Kindern von Freunden selbst gesehen. Selbst die Jobniks kommen als Erwachsene wieder.

Und die Erziehung in Israel bereitet Eltern und Kinder auf diesen formativen Moment vor – der Moment, an dem wir unsere Kinder einem Commander, dem Ramatkal, dem Sicherheitsminister, dem Premierminister anvertrauen. Wir sind mißtrauisch, wir haben Angst, wir schlafen nachts nicht. Aber wir sagen, Ein brera, wir haben keine Wahl.

Wenn Du Kinder in Israel hast, dann siehst Du diesen Parkplatz und diese Busse immer vor Dir. Nicht das Abi, nicht die Uni oder die Chuppa – das kommt alles, aber ohne diese beklemmende Angst.

Was ist die Alternative? Wenn Du einen Israeli liebst, gibt es keine Alternative. So eifrig die ganze Welt auch glaubt, daß Israel nur durch diesen oder jenen Reifen springen müßte, und schon wäre Ruhe und Frieden – wir wissen, durch bittere Erfahrung, daß ein Gutteil des gegen Israel gerichteten Hasses und Vernichtungswillen nicht von unseren Handlungen abhängig ist (was natürlich nicht davon abhalten sollte, das Richtige zu tun!). Und daß Israel sich nicht entwaffnen kann – der Tag, an dem wir uns entwaffnen, ist unser letzter Tag. Israel ist nicht halb so unverletztlich, wie es wirkt – aber Israel ist verzweifelt entschlossen, seine Haut diesmal teurer zu verkaufen als je in der jüdischen Geschichte – einer Geschichte der Brutalität, des Hasses und Leids, das Juden immer und überall angetan wurde.

Mein moralisches Dilemma ist ganz klar: ich würde ohne zu zögern mein eigenes Leben in die Schanze schlagen, aber habe ich das Recht, das meiner Kinder aufs Spiel zu setzen? Das elterliche Gebet ist ja jeden Abend: „lieber Gott, schicke was du willst, aber schicke es nicht ins Kinderzimmer – hierher bitte, ich nehme es alles, Krankheit, Leid und Tod, aber nicht ins Kinderzimmer!“ Es geht gegen jeden Instinkt, statt der Kinder in den Soldaten erwachsene Männer zu sehen, die uns beschützen sollen. In der Organisation Arba immaot (Vier Mütter, nach den Erzmüttern Sara, Rebeka, Leah, Rachel – die Organisation, die die Armee aus dem Libanon holen wollte) siehst Du, wie typisch diese Haltung für Israel ist: ein toter Soldat ist hier schlimmer als ein toter Zivilist, weil wir die Soldaten als unsere Kinder sehen. (Im Gegensatz zum Rest der Welt, der unsere Soldaten als entmenschte Roboter sieht.)

Nein, da gibt es keine Antworten. Einen Israeli zu lieben, sein Land zu lieben, das ist ein schweres Leben. Mir hat es nie leid getan, ich sehe meine Kinder an und hoffe, daß sie die Armee gut überstehen, bereichert und kritisch und gereift, daß sie sich in der Armee als stark bewähren, daß sie, wie mein Mann und mein Schwager, den Mut haben, sich gegen Entscheidungen aufzulehnen, die sie für nicht annehmbar halten – wozu natürlich ein gewisses Alter und ein gewisser Status in der Armee gehört. Ich hoffe, sie stürzen sich nicht in die gefährlichsten Einheiten, wie Jungens das gern tun und auch viele Mädchen, ich hoffe, sie geraten nicht an sadistische Ausbilder, ich hoffe, sie fallen keinem Schwarzweißdenken zum Opfer.

Du weißt doch, was über jedem Neugeborenen in Israel gesprochen wird? „Oh, bis er oder sie zur Armee muß, ist bestimmt Frieden….“ Bisher ist da nichts draus geworden.

Also, frag mich in zwei Jahren noch mal….

7. digitus - Oktober 15, 2006, 10:53

@Lila: Das wäre doch genug Text für einen eigenen Blog-Beitrag gewesen … (da ich Deinen Blog als Feed via http://www.netvibes.com/ lese, wäre mir der gute Kommentar beinahe entgangen).

Herzliche Grüße von hier nach dort,
digitus


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