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Stimmt genau September 9, 2006, 11:31

Posted by Lila in Land und Leute.
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Erfreut lese ich in der Jerusalem Post, daß meine laienhaft-unwissenschaftliche Ansicht stimmt und mit Zahlen untermauert werden kann: Israel ist ein kinderfreundliches und familienfreundliches Land, was sich in hohen Geburtsraten ausdrückt. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Demokratien, in denen die Kinderzahlen dramatisch sinken (ja, der Artikel erwähnt Deutschland) und verzweifelt versucht wird, mit materiellen Anreizen die jungen Leute zum Kinderkriegen zu bewegen, sind in Israel die Familien groß – und interessanterweise sind es gerade die wohlhabenderen, gebildeteren und sozial abgesicherten Familien, die mehr Kinder haben. Wer es sich leisten kann, hat mindestens drei Kinder. (Ich lasse die religiösen und orthodoxen Familien mal weg, die haben oft mehr als fünf Kinder – aber deren Lebensstil kann man ja viel weniger gut mit dem anderer westlicher Familien vergleichen. Wogegen die säkulare Familie mit zwei gut ausgebildeten Elternteilen genauso lebt wie in Deutschland oder den USA.)

Und das liegt nicht etwa daran, daß der Staat viel geldliche Unterstützung gibt – das tut er nämlich, im Vergleich zu Deutschland, ganz und gar nicht. Sondern der tiefere Grund dafür liegt in zwei Grundannahmen: 1. Kinder sind positiv und wichtig, und 2. arbeiten Mütter und Väter. In Deutschland sind diese beiden Annahmen nicht gegeben – zumindest meiner Erfahrung nach. Wenn ich dort sage, daß ich vier Kinder habe, kommen oft erschrockene Reaktionen, „ja wie schaffst du das denn alles? ist das denn nicht sehr viel?“. Das ist mir in Israel einfach noch nie passiert. Hier sind vier Kinder eher normal, die meisten Familien, die ich kenne, haben mindestens drei Kinder. Außerdem sind Kinder hier wirklich, wie der Artikel mir bestätigt, ein Statussymbol. Es ist hier viel schwieriger, Kinderlosigkeit zu begründen, und sie gilt hier eher als Stigma (worunter natürlich sowohl childfree-lifestyle-Menschen als auch ungewollt Kinderlose leiden).

Wenn ich hier sage, ich habe vier Kinder, ernte ich anerkennende Worte. „Toll, vier Kinder“, und bei Einstellungsgesprächen habe ich mehr als einmal erlebt, daß das als Ausweis meiner Tüchtigkeit gilt – und außerdem fragt niemand nach Löchern in meinem Lebenslauf oder läßt es mich entgelten, daß ich manchen Meilenstein später erreicht habe (oder immer noch nicht) als Kinderlose. Meiner persönlichen Erfahrung nach werden die vier Kinder als geselllschaftliche Leistung sowohl bei mir als auch bei meinem Mann anerkannt, und mit Respekt honoriert.

Und der zweite Grund, noch wichtiger, ist das völlige Fehlen des Rabenmutter-Vorurteils. Ich kenne nur eine einzige SAHM (stay at home mum), und die hat ziemliche Minderwertigkeitskomplexe… sie tut mir manchmal geradezu leid. (Ihre Kinder sind im Kindergarten oder der Schule, sie zuhause, und alle ihre Freundinnen arbeiten – sie fühlt sich ständig in der Defensive…) Alle anderen Frauen in meinem zugegebenermaßen begrenzten Kreis arbeiten, nicht mal so sehr weil sie müssen (obwohl die Einkommen hier natürlich längst nicht so sonnig sind wie in Deutschland und die Lebenshaltungskosten sehr hoch und die Sozialleistungen mager…), sondern weil sie gut sind in ihrem Beruf und ihn gern ausüben. Keine Frau muß sich dafür verteidigen, daß sie trotz ihrer Kinderschar weiterhin außer Haus arbeitet, forscht, pflegt, unterrichtet, entwickelt, verkauft oder organisiert. Im Gegenteil, das ist doch klar, oder? Und kein Mann muß Diskriminierung am Arbeitsplatz fürchten, wenn er wegen seiner Kinder früher nach Hause geht, seine Kinder zum Arzt bringt oder zum Elternsprechtag.

Es gilt hier als anerkannte Weisheit, daß Kinder Gleichaltrige brauchen, und die deutsche Vorstellung, daß Kinder bis zum Alter von fünf Jahren am besten mit ihrer Mutter zuhause bleiben, ist hier vollkommen unbekannt. Solche Kinder würden hier eher bemitleidet. Man kann ja mit Studien praktisch alles beweisen, und ich möchte gar nicht darauf hinaus, was nun falsch oder richtig ist – auch wenn ich selbst sagen muß, daß ich nie das Gefühl hatte, meinen Kindern fehlt irgendwas, das ich allein ihnen hätte geben können, wäre ich nur mit ihnen zuhause geblieben. Aber ich mag nicht von mir auf andere schließen, jede Familie hat ihren Stil, ihre Bedürfnisse, ihre Entscheidungen, und ich kann mir schon vorstellen, daß es auch sehr schön ist, die ersten Jahre mit den Kindern ohne Außen-Arbeit zu genießen. (Ich war, weil Tertia so schwach und krank war, anderthalb Jahre mit ihr zuhause bzw im Krankenhaus , und es war trotz der vielen gesundheitlichen Probleme eine schöne Zeit – viel Planschbecken, Gipsarbeit, Fingerfarben und Schafstall-Besuche. Das habe ich zwar auch alles als arbeitende Mutter mit Primus, Secundus und Quarta gemacht, aber es war wesentlich anstrengender für mich).

Nein, mir geht es hier nur um die gesellschaftlich akzeptierten Vorurteile – und die sind hier nun mal zugunsten der arbeitenden Mutter, zugunsten der Betreuung in einem guten Kindergarten durch speziell ausgebildete ErzieherInnen, und zugunsten der Kinderbetreuung außer Haus, die den Kindern geben kann, was die individuelle Mutter vielleicht nicht kann. Ob das nun stimmt oder nicht, ist unbeweisbar, aber es beeinflußt das gesellschaftliche Klima und erleichtert der arbeitenden Frau, sich FÜR Kinder zu entscheiden.

Natürlich ist das hier im Kibbuz besonders ausgeprägt. Ich habe ja schon oft das Beispiel vom Kinderarzt erwähnt: im Wartezimmer sitzen immer Väter und Mütter, es gibt diese mütterliche Monokultur nicht, die ich aus Deutschland kenne (ja, auch da mußte ich oft genug zum Kinderarzt, der kannte uns schon). Auch bei Elternsprechstunden in Kindergarten und Schule ist das so. Es kommen Mütter, Väter, beide Elternteile, ganz bunt gemischt. Und zwar nicht, weil die israelischen Mütter so kämpferische Feministinnen wären, die ihre Männer unter Verlesung einer Grundsatzerklärung mitschleifen, sondern weil das ganz selbstverständlich ist. Wenn beide Eltern arbeiten, dann teilt man sich eben auch den Rest. Und wenn beide Eltern eine Aufwertung ihrer gesellschaftlichen Identität durch die Kinder erfahren, dann wird Elternschaft für beide positiv erfahren. Und dann wollen eben auch die Väter die neue Klassenlehrerin sehen oder das Kind nach der Impfung beruhigen.

Auch die deutsche Diskussion um niedrige Kinderzahlen, demokratische Götterdämmerung und materielle Unterfütterung von Familien fordert diese beiden Dinge ein: die positive Bewertung von Kindern und Familienleben, und die für beide Geschlechter selbstverständliche Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit. Doch keine Regierung, keine noch so engagierte FamilienministerInnen können das leisten. Es ist eine Sache der Mentalität. Wenn durch Generationen hinweg das Mutterbild als das einer Leidenden, Opfermütigen, ja Märtyrerin definiert wurde, dann soll man sich nicht wundern, wenn junge Frauen nicht unbedingt scharf darauf sind, in diese Opferrolle zu schlüpfen. (Man braucht sich nur mal Muttertags-Gedichte anzugucken:

Mutter sein, – das heißt vor allen Dingen,
verzichten können und Opfer bringen.
…)
Wenn der Übergang in die Mutterrolle die Wahl zwischen Hausmütterchen- oder Rabenmutter-Klischee bedeutet, kann das junge Frauen wenig locken. Wenn Kinder Karrierehindernisse für ihre Eltern sind, wenn die Nachricht einer Schwangerschaft mit Kopfschütteln aufgenommen wird („die haben doch schon ein Kind, wofür brauchen die denn noch eins?“), dann soll man sich nicht wundern, daß ehrgeizige junge Leute das erste Kind (oft auch das einzige) in die Zeit nach 35 verschieben oder die Väter sich ganz raushalten.

Ich denke mir, daß sich das in Deutschland schon ändert, und daß die jüngere Generation von ganz allein das Puckimütterchen-Rabenmutter-Dilemma verabschiedet oder schon verabschiedet hat. Trotzdem wird es noch eine Weile dauern, bis es überall in Deutschland so selbstverständlich ist wie hier, daß ein Manager aus einer Sitzung verschwindet, weil seine Tochter eingeschult wird und er bei der Zeremonie dabei sein will, oder daß eine Hi-Tech-Firma regelmäßige Familienwochenenden in einem Wellness-Hotel veranstaltet.

Kinder gelten hier als selbstverständlicher Teil des Lebens und Quelle des Glücks und Stolzes, und ich bin dankbar dafür. Elternschaft ist keine Opferrolle, und auch dafür bin ich dankbar. Es war einer der Gründe, weshalb ich gern in Israel leben wollte, und ich weiß nicht, ob ich in Deutschland vier Kinder und berufliche Selbstverwirklichung geschafft hätte. Ich wollte beides, ich habe beides, und ich danke es dem Kibbuz und der allgemeinen Familienfreundlichkeit der Israelis. Und wenn ich meine individuelle, emotionale Wahl durch Zahlen untermauert sehe, dann freue ich mich. Ich habe mir das also nicht bloß eingebildet.

PS: Ich habe in den letzten Tagen immer mal was geschrieben, es aber nicht veröffentlicht, weil mir im Moment alles so langweilig vorkommt, was ich schreibe. Tut mir sehr leid.

Kommentare»

1. tres.amusant - September 9, 2006, 20:48

Hey Lila, ich lese jetzt seit ca. zwei Monaten mit und fand bisher keinen Artikel langweilig. Also nur Mut!
Danke für diesen netten Beitrag. Mit Ende zwanzig ertappe ich mich mehr und mehr bei dem Gedanken, jetzt doch endlich auch mal was in Richtung Familie zu unternehmen. Und glaube, dass es für Familien auch in Deutschland möglich sein sollte, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Dabei ist natürlich Teamwork die absolute Voraussetzung und finde es selbstverständlich (als Kerl!), dass man sich die Aufgaben teilt.
Ein Umdenken in Wirtschaft und Politik in die von Dir beschriebene Akzeptanz und Förderung von Familien wäre allerdings längst mal an der Zeit.

2. See-Opa - September 9, 2006, 22:58

Außerdem ist der Begriff „Rabenmutter“ eine Beleidigung für den weisen schwarzen Vogel, wie man hier lesen kann:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rabenmutter

🙂

3. grenzgaenger - September 9, 2006, 22:58

hi lila,

deine beitraege sind doch nie langweilig !

ich freue mich sehr in deinem blogg etwas neues zu lesen …

weiter so 😉

was kinder angeht: nun, ich freue mich natuerlich das du zufrieden und gluecklich mit deinen kindern bist … und wenn noch mehr nachwuchs angesagt ist: mazel tov !

aber ich denke jede/r muss selbst entscheiden wie er/sie diese frage sieht !

du hast sehr gute, gerade auch israel spezifische gruende genannt die fuer kinder sprechen, es gibt auch gute gruende die gegen kinder sprechen, auch einige dieser art hast du angefuehrt.

das israel eindeutig das kinderfreundlichere land ist – wer will das bestreiten ?

(wenn ich so in meiner nachbarschaft herumschaue sind kinder die absolute fehlanzeige ….)

und was mich persoenlich angeht habe ich gute gruende dafuer mich gegen kinder zu entscheiden – das soll dich jetzt nicht provozieren, liebe lila, ich denke so weit sind wir, oder ?

herzliche gruesse, gute woche,
dein grenzgaenger 😉

4. vered - September 10, 2006, 11:07

Wie recht du hast, Lila: Die Kinderfreundlichkeit hier zu Lande fiel mir sofort auf, als ich Israel zum ersten Male besuchte. Die Kinderwagen schiebenden Väter, die Familien, die mit fünf oder sechs Kindern den Zoo besuchten, die kleinen Spielparks überall in den Städten mit den Bänken für Mütter und Sandkästen und Spielgeräten – das war so positiv und so schön. Gut, dass es so geblieben ist, auch wenn sich der Staat heute mehr und mehr vor seinen Pflichten den zukünftigen Bürgern gegenüber drückt. Bezeichnend: Hier heisst eine kinderreiche Familie „mischpacha bruchat yeladim“, eine mit Kindern gesegnete Familie. Kinder sind ein Segen, eine Quelle der Freude, ein Garant für das Weiterleben. Diese Einstellung ist älteste, religiös begründete Tradition und hat die Säkularisierung überstanden. Kinderlosigkeit ist noch heute in vielen Kreisen ein Mangel, ein Makel, und stösst je nachdem auf Kopfschütteln, Mitleid, manchmal gar unterschwellige oder offene Verachtung.
Dass die Kleinen schon ganz früh in Krippen und „Vorkindergärten“ aufwachsen, hat m.E. den grossen Vorteil der frühen Sozialisierung. Wie vor alten Zeiten in den Grossfamilien (Clans), kommen schon die Kleinsten mit Altersgenossen zusammen und lernen das Zusammenleben mit ihnen. Das ist viel besser als die ausschliessliche Abhängigkeit von einer erwachsenen Person.

5. grenzgaenger - September 10, 2006, 12:41

hallo vered,

schoen was von dir zu lesen 😉

ich wuensche dir einen guten tag !

liebe gruesse,
dein grenzgaenger

6. MartinM - September 10, 2006, 15:48

Eine Beobachtung aus meinem Umfeld, die Deine These, der deutsche Mangel an Kinderfreundlichkeit hätte etwas mit Mentalität und tradierten „Heldenmutter“-Klischee zu tun, bestätigt: „Randgruppen“ , „Aussteiger“ und „Alternativler“, einschließlich „religiöser Sondergruppen“ sind kinderfreundlicher als „Otto Normal“.
(Unter „Kinderfreundlichkeit“ verstehe ich ein gelebtes positives Verhältnis zu Kindern, nicht zu verwechseln mit „Kinder kriegen aus Pflichtgefühl“ – das gibt es ja leider auch, vor allem in politisch „rechten“ Kreisen. Die armen Kinder!)
Ich vermute, dass Kinderfreundlichkeit oft mit einer gewissen Distanz zur „deutschen Leitkultur“ einhergeht – bzw. das mit der tradierten und als „normal“ dargestellten „deutschen Mentalität“ etwas nicht stimmt. Was, kann ich schlecht sagen, ich stecke ja mitten drin. 😉

7. 1 - September 10, 2006, 18:00

Hm, gibts mal ein Bild von der genialen Frisur?

8. Yonatan - September 12, 2006, 10:52

Hängt die Kinderfreundlichkeit in Israel nicht auch damit zusammen, dass im Judentum im allg. Kindern ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt wird? Und der Stellenwert ist dermassen hoch, dass noch nicht einmal der durchnittliche säkulare Israeli davor immun ist.
Deine Beobachtung, dass Kinderreichtum mit sozialer Sicherheit und Wohlstand einhergeht, trifft meiner Einschätzung nach auch für Deutschland zu. In diesem Sinne bedeutet die niedrige Geburtenrate in Deutschland auch, dass viele hier eben keine soziale Sicherheit erfahren bzw. das Einkommen ein ständiger Unsicherheitsfaktor ist.

9. Lila - September 12, 2006, 12:40

Ob das Judentum an sich besonders kinderfreundlich ist, hm, das würde ich eigentlich so pauschal nicht sagen. Im Sinne von kindgerecht, Kindern eine große Rolle einräumend oder so – ich bin nicht sicher, daß katholische Italiener oder protestantische Schweden weniger kinderfreundlich sind als Israelis. Der Stellenwert der Kinder ist deswegen hoch, weil das Judentum zu Ehe und Fortpflanzung eine rundum positive Einstellung hat. Im Christentum ist Ehe eigentlich nur das Zweitbeste, das Beste ist Zölibat und Enthaltsamkeit. Diese Idee der Enthaltung und des Verzichts auf Fortpflanzung kennt das Judentum so nicht. Deswegen ist der Anteil an Ehelosen in der christlichen Gesellschaft immer um ein Drittel, auch historisch (ich hab mich mal irgendwann mit der Frage beschäftigt, weiß aber die genauen Zahlen nicht mehr – große Teile der Bevölkerung konnten sich gar keine Ehe leisten), während er unter Juden praktisch bei Null liegt.


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