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Schwebezustand Oktober 15, 2019, 13:03

Posted by Lila in Land und Leute, Persönliches.
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Jedes Jahr ist der Monat Tishrey (September-Oktober) wie eine Zeit außerhalb der Zeit, ein bißchen so wie in Deutschland die Zeit zwischen den Jahren. Nur daß dieser Zustand dort mit Beginn des Neuen Jahres aufhört, während es hier mit Rosh ha-Shana, also dem jüdischen Neujahr, anfängt. Yom Kippur, und jetzt das Laubhüttenfest. Leider merken wir, seitdem die Kinder groß und aus dem Haus sind, praktisch nichts mehr davon. Wieder fehlt mir die Kibbuz-Umgebung, die zu allen Festtagen so stimmungsvoll ist. Aber das lag vermutlich auch daran, daß ich immer Kinder in diversen Kinderhäusern hatte und praktisch von Feier zu Feier gegangen bin.

Zu Sukkot ist Y. immer mit dem Hammer im Gürtel von Kinderhaus zu Kinderhaus gegangen, um dort mit den anderen Vätern die Laubhütten zu bauen, die wir dann geschmückt haben. Aus Holzlatten und grobem Stoff, das Dach mit Palmwedeln bedeckt, so daß man die Sterne sehen kann. Hier im Ort sehe ich mehr gekaufte Sukkot, ein bißchen wie Zelte. Na ja, wo sollen auch die Leute hier Latten und Jute herkriegen, im Kibbuz ist das alles kein Problem.

Jedenfalls ist es jedes Jahr eine schöne und stimmungsvolle Zeit, auch wenn er Herbst wettermäßig immer eine Enttäuschung für mich ist. Vergeßt Nebel und Mörikes herbstkräftig in warmem Golde fließende Welt. Es ist die Zeit der heißen Ostwinde und knochentrockenen Erde. Immerhin hatten wir vorgestern Nacht einen  herrlichen Platzregen, bei Vollmond und klarem Himmel. Es war eine Kette dicker Wolken, die genau über unser Dörfchen zog. Quarta schrie so laut nach mir, als sie den Regen entdeckte, daß ich erstmal dachte, es sei was passiert. Dann standen wir unter dem Vordach im Eingang und genossen das Geräusch und vor allem den Duft, mit dem die Erde sich bedankt.

Wenige Stunden später war es schon wieder so heiß, daß man es nicht aushalten konnte, und heute – ganz schlimm, wie ein Heizlüfter, der einem um die Ohren pfeift.

Y. und ich nutzen die freien Tage, um Arbeiten zu erledigen, die sich schon länger angestaut hatten. Bis auf ein paar kleinere Fahrten ans Meer haben wir uns dem Strom der Ausflügler nicht angeschlossen. Wir haben es hier selbst so schön, daß uns im Moment nichts lockt. Es ist sowieso alles überlaufen, auch weil viele religiöse Familien jetzt die Ausflüge nachholen, die sie sonst am Shabat nicht machen können.

Im Laufe der Sukkot-Woche planen wir vielleicht etwas, aber dann an einem Tag, wo nicht das ganze Land auf den Beinen ist. Auch hier im Ort sind wieder alle bed & breakfast belegt (auf Hebräisch tzimmerim genannt), was ich immer daran merke, daß unser Mülleimer vollgestopft ist mit fremdem Müll. Vielleicht hat der Hausherr des b&b schräg gegenüber seinen Gästen gesagt, daß sie unsere Tonne ruhig mitbenutzen können, oder sie machen es von sich aus. Stadtleute!

Während wir also in einer Art Ferien-doch-nicht-Ferien-Stimmung sind, weil manche Leute arbeiten und andere nicht, weil man überlegt, mit wem man wann wo welches Fest feiert und was man dafür kochen muß – währenddessen haben wir alle im Hinterkopf, daß sofort nach Sukkot das Hauen und Stechen losgeht. Eine Regierung haben wir immer noch nicht, Bibis stolze Vorzeigen seiner Trump-Karte hat sich als voreilig erwiesen (wer die Kurden so schnöde im Stich läßt, wird sich auch für uns nicht bemühen, warum sollte er? springt ja für ihn nichts raus), und es ist noch unklar, was nun das Ergebnis der ganzen Anhörungen war. (Ich habe den Eindruck, es ist nicht viel dabei rausgekommen, aber erst im Dezember wissen wir, ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, und wie schwerwiegend die Anklage sein wird.)

Das Gemetzel an den Kurden liegt mir schwer auf dem Herzen – ich möchte dazu im Moment eigentlich gar nichts sagen, aber die Bilder sind so entsetzlich. Die Welt läßt die Kurden im Stich. Erdogan ist ein Verbrecher. Wir wußten es immer schon, jetzt wissen es hoffentlich alle. Nach wie vor kommt mir jedesmal die Galle hoch, wenn ich mich daran erinnere, wie willig, ja begierig Deutschland über das Mavi-Marmara-Stöckchen gesprungen ist, ohne nachzufragen, ohne einen Moment nachzudenken, ob diese Inszenierung wirklich so abgelaufen ist, wie Erdogan behauptete. Es war der Startschuß seiner Kampagne für die Vorherrschaft der Türkei in dieser Weltgegend, für seine Distanzierung vom Westen und besonders von Israel. Die Europäer erpreßt er mit seiner Drohung, am Flüchtlings-Ventil zu drehen.

Diese Weltgegend ist grausam, und ich sitze mittendrin. Wenn das menschliche Herz doch eine Membran hätte, durch die die Gefühle anderer dringen können, nicht nur diese sehr begrenzte Empathiefähigkeit unter ganz präzisen Bedingungen (die Betroffenen müssen einem ähneln, die Situation vorstellbar sein, am besten noch Auswirkungen haben, die einen selbst betreffen, sonst funktioniert Empathie gar nicht). Vielleicht wäre die Welt dann besser.

 

 

Kommentare»

1. Hein Tiede - Oktober 15, 2019, 17:39

Doch, es gibt Herzen mit Membranen. Empathie entsteht vielleicht auch durch Phantasie, sich die Situation vorstellen und sich in andere hineinfühlen zu können. Während der Zeit der Gaza-Flotte (Mavi-Marmara) hab ich als erstes das IDF-Video gesehen. Dann Leserbriefe geschrieben zu den vielen entstellenden, anti-israelischen und anti-faktischen Berichten. Warum man so wenig ausrichten kann mit Aufklärung ist die nächste Frage.

2. anti3anti - Oktober 16, 2019, 14:05

❤️

3. G. - Oktober 16, 2019, 22:02

Zwei Seiten derselben Medaille.

Die eine, verständlich(!), zur Zeit als mangelnde Empathie sterbenden Anderen gegenüber … als Grundlage der anderen. Mitgefühl in diese Richtung habe ich ausschliesslich egozentriert und ‚zweckgebunden‘ oder rein verbalisiert und ideologisch in ritualisierter Form eben auch genau derart erlebt.

Das es hier niemals eine „Aufklärung“ gegenüber eigenen, jahrhundertelang auf dieses menschliche Wesen aufgesetzten antijudaistischen Mustern gegeben hat, darüber Einigkeit? Pogrome, Leitpfosten unserer Geschichte.

Und diese Muster, diese Prägung sitzt derart tief. Buchstäblich mit der Muttermilch von Generation zu Generation tradiert. Kollektives Unbewusstes.

Selbst die Grundvoraussetzung einer „Aufklärung“ erscheint als reine Utopie. Der Mensch neigt nicht dazu, seinem Spiegelbild standzuhalten. Nicht einen Augenblick. Und müsste dies ein Leben lang.

Nur wenn der eigene Lebensweg derart festgefahren, dass man … aber auch gar nicht mehr … weiter weiss, dann, und auch nur solange wie, wird kurzfristiges Spiegeln weniger niemanden weiterbringender Anteile des Selbst zugelassen.

Sechs oder acht Millionen sinnlos Dahingemeuchelter, fünfundfünfzig Millionen Kriegsopfer, ein halb zerstörter Kontinent … sind da kein Grund. Weiterwursteln! Mit denselben Mustern: Der archaischen Lösung des Sündenbocks. Die Schuld, die Verantwortung, die Ursache auf jene übertragen, die seinerzeit. Eben anders. Und eben so haben wir es zu Torwächtern und Repräsentanten gebracht, die persönlichkeitsgespalten Israel und somit Juden schaden, wo sie nur können während sie unermüdlich „Nie wieder!“ rufen. Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar.

(Es gibt keinen Neo-Faschismus.) Keinen Neo-Antisemitismus. Immer noch derselbe. Wie seit Jahrhunderten. Und er ist nicht rechtsradikal. Er war IMMER in der MITTE der Gesellschaft. Und rechts im selben Ausmass wie links. Tragend.

Und die Frage ist, wie viele der unbeteiligten Zuschauer des Anschlags von Halle die Schuld dafür bei den Juden sehen? In „Anteilen“. Auf die dritte, vierte unerbittlich bohrende, freundliche Nachfrage.

Selbst dies „schlechte Gewissen“ in den Lüften liegender Toter gegenüber – ist angesichts einmal festgestellter Unfähigkeit zur Empathie als „anders“ Abgegrenzter – nichts als ein Indiz eigener unverarbeiteter Persönlichkeitsanteile. Des daraus resultierenden Drucks. Eigener antijudaistischer Persönlichkeitsmuster. Bringt nichts. Man wird sie doch weitergeben. So oft geschehen.

Vielleicht sollte der Geschichtsunterricht vorangehen. DU bist antijudaistisch geprägt. Schau her.

Anstelle dessen neigt sich selbst das Haupt der jahrtausendlang Betroffenen scheinbar bequemer deutscher Lösung zu, der Abspaltung der Verantwortung. Reiner Zufall, die deutsche Israelpolitik. Wird schon nicht so schlimm sein, werden, wie augenscheinlich. Und es gibt gute Gründe, nicht wahr? Und überhaupt, die Schuldigen sind ausgemacht. :))

Mit gleichem, wohlbekanntem Atemzug kämen die Worte zum Abgesang auf Israel. Einmal verlieren. Nichts ist vorbei.

Aber es freut mich zutiefst, dass Du Dich daheim wohlfühlst. Wobei ich Dir eine mächtige Klimaanlage wünschen würde. Solarbetrieben bis in den Garten reichend. Eine gute Zeit. 🙂 Just my 2 cents.


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