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Lesetipp zu Halle Oktober 11, 2019, 11:06

Posted by Lila in Deutschland.
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MENA-Watch hat den Anschlag von Halle recht detailliert analysiert. Daß es so lange gedauert hat, bis jemand eingegriffen hat, obwohl der Täter von vielen Menschen gesehen wurde, ist komplett unverständlich. Hat niemand von den Passanten, die den Mann sahen, daran gedacht, die Polizei zu informieren? Und wenn ja, wo war die Polizei dann so lange?

Ich habe wirklich ein Problem mit israelischen Politikern und Journalisten, die sofort, wie Guy Bechor, sagen: Juden haben in Deutschland nichts mehr zu suchen, kommt alle nach Israel. Das ist zwar ein verständlicher Reflex, denn man möchte nicht weitere Juden geschlagen, beschimpft, bedroht und in Lebensgefahr sehen. Aber diese Juden können für sich selbst entscheiden, wo sie nun gefährlich leben – in Israel gibt es ja auch Bedrohungen genug, aber immerhin liegt die eigene Sicherheit in Händen israelischer Polizei und Streitkräfte.

Ich halte nichts davon, wenn Israelis Juden im Ausland bevormunden und ihre Lebensentscheidungen kritisieren. Jeder entscheidet für sich, wann es ihm zuviel wird. In den letzten Jahren haben viele jüdische Familien Frankreich verlassen, und es ist gut möglich, daß das nun auch in Deutschland losgeht. Dann aber bitte nicht auf Drängen Israels hin.

Dazu kommt, daß die Vision eines judenfreien Europa die Sache nur verschlimmern würde. Die Judenhasser könnten sich siegreich fühlen, die große Masse der Gleichgültigen könnte nun endgültig Juden in die Kategorie „Menschen, die weit weg sind und uns nichts angehen“ abheften, und die Bewegungsfreiheit von Juden würde weiter eingeschränkt. Gibt es nicht schon genug Länder, in denen Juden bzw jüdische Israelis nicht zugelassen sind?

Jeder Jude in Europa kennt die Möglichkeit, Aliyah zu machen. Die Entscheidung sollte man ihnen schon selbst überlassen. Es gibt viele Gründe, sich für einen Wohnsitz und Arbeitsplatz zu entscheiden.

Leider gehören die Solidarität der deutschen Bevölkerung und das Funktionieren der staatlichen Aufgabe, Minderheiten zu schützen, nicht zu diesen Gründen. Auch die Lippenbekenntnisse, die jetzt von vielen kommen, ändern nichts daran. Daß ein Mann am hellichten Tag unter den Augen vieler auf eine Synagogentür feuern, eine Frau kaltblütig erschießen kann und niemand die Polizei ruft (oder die Polizei fast 20 Minuten braucht, um an den Schauplatz zu kommen), ist entsetzlich.

 

Kommentare»

1. Georg B. Mrozek - Oktober 11, 2019, 18:52

Vor rund einem Dutzend Jahren hatte ich das einzige Mal in meinem Leben die Polizei angerufen, weil direkt an unserem Haus geschossen wurde und ich dies von meinem Fenster aus teilweise sehen konnte. Tage später stellten sich die Schüsse als versuchter Suizidversuch des Schützen mit einem Schrotgewehr heraus angesichts eines Eifersuchts-Beziehungsdramas meiner Nachbarin. Es war spät abends und sicher 6 Schüsse oder mehr waren gefallen verbunden mit viel Schreierei. Gottlob wurde bis auf Glasbruch niemand dabei körperlich verletzt. Aber – und das ist der Grund meines Kommentars – über eine Stunde hatte es gedauert, eh die Polizei auf meine panischen Anrufe ( und die anderer Beobachter) reagiert hatte und endlich kam. Der Schütze lud ca. 10 Minuten vor diesem späten Eintreffen der Polizei sein Gewehr einfach in den Kofferraum seines Wagens und fuhr davon. Er wurde nie ermittelt. Die Polizei traf mit ungefähr 6 Einsatzwagen vor Ort ein.

Auf meine vorwurfsvollen Fragen an die Polizei, weshalb ihr Eintreffen so lange gedauert hatte, wurde mir lapidar mitgeteilt, man habe keine Einsatzkräfte vor Ort gehabt, die Polizei besäße nur zwei Einsatzwagen für den gesamten ländlichen Kreis und die seien andernorts unterwegs gewesen. Sie hätten überdies auf Verstärkung aus dem 40 Kilometer entfernten Ort warten müssen, denn, so der Einsatzleiter, „oder glauben Sie, die Kollegen pfeifen auf den Eigenschutz?“.

Was ich damit sagen möchte, wir wissen nicht, wie viele Leute in Halle tatsächlich die Polizei angerufen haben, und ich glaube nicht, dass uns das jemals korrekt mitgeteilt wird. Ich persönlich sehe in meinem Umfeld keine fehlende Solidarität mit Juden, sondern eine lähmende Angst um sich greifen bei „Vorkommnissen“ (Pöbeleien usw.), die gestern noch undenkbar waren.

Die Deutschen möchten sich aus allem Unangenehmen, Auffallendem usw. heraushalten bzw. nicht in fremde Auseinandersetzungen mit hineingezogen werden, und zwar aus purer Angst. Sie haben noch nicht erkannt, dass Juden Ziel dieser Angriffe sind und sie Solidarität benötigen – nicht hinterher, sondern während der Geschehnisse. Der Großteil der deutschen Bevölkerung glaubt, die täglichen Auseinandersetzungen beträfen die Immigranten, es sei besser, sich dort nicht einzumischen, und nur hinter vorgehaltener Hand wird etwas dazu gesagt. Denn niemand möchte Kritik an Immigranten äußern, da ebenfalls die Sorge besteht, allzu schnell als islamphob beschimpft zu werden und sich deshalb berufliche Nachteile einzuheimsen. Wir lesen in den Medien nur von Clankriminalität. Gewalttätige Vorfälle im Alltag, bei denen Juden und Deutsche betroffen sind, finden medial einfach nicht oder kaum statt. Die Mehrheit (meiner persönlichen Umgebung, nur dort kann ich es mit Gewissheit sagen) liest nicht in alternativen Quellen, sondern deren Leben spiegelt ARD, ZDF, Spiegel oder die Zeit wider.

Du ahnst nicht, in welchem weltfremden und indoktrinierten Zustand sich die „normalen Menschen“ in Deutschland gegenwärtig befinden. Ich schreibe hier nicht von den intellektuellen oder informierten Kreisen, sondern von den Menschen, die morgens um 6 Uhr aufstehen, zur Arbeit fahren, abends übermüdet den Pflichten der Familie nachkommen und dann nach dem „Heute-Journal“ oder den „Tagesthemen“ wieder zu Bett gehen. Dort hören sie nichts von Antisemitismus oder Angriffen auf Juden. Ja, es ist ein weites, weites Feld, zu dem viel mehr zu sagen wäre, es ist aber keine fehlende Solidarität aus Böswilligkeit oder Gleichgültigkeit, sondern aus Unwissenheit und Angst.

Ob sich an diesem Bild etwas ändern wird? Ich glaube schon, dann heißt es in den Medien allerdings, die Bevölkerung entwickele sich nach rechts. Es ist absurd, dass jede Kritik an der alltäglichen verbalen Gewalt gegen Juden als Ausländerfeindlichkeit dargestellt wird. Ich rate seit mehr als 10 Jahren (auch in einem uralten Kommentar deines hervorragenden und wirklich heißgeliebten Blogs) jedem, samstags mal mit einem Anstecker zu Aldi, Lidl & Co. zu gehen, auf dem eine israelische Flagge zu sehen ist: da macht er dann keine Erfahrungen mit glatzköpfigen Neonazis aber mit Antisemiten aus allen möglichen Ländern.

2. jim11111 - Oktober 12, 2019, 0:55

Hallo Herr Mrozek,

einerseits Zustimmung, andererseits Ablehnung, kategorisch!

Zustimmung zur Einschätzung dieses Blogs, hervorragend und heißgeliebt und – Gott sei Dank, wieder aktiv!

Ablehnung Ihres Versuchs, diesen entsetzlichen Anschlag auf die Synagoge von Halle, einem Anschlag auf die Gesamtheit der deutschen Juden, mit dem Hinweis auf Antisemiten aus allen möglichen Ländern, fremden, anderen Ländern, in seiner Bedeutung zu schmälern.

Was sich hier so unmittelbar und brutal geäußert hat, ist nichts anderes als der eliminatorische Aspekt unseres ureigenen, über Jahrhunderte kultivierten Judenhasses, des originär deutschen Antisemitismus, dazu müssen wir uns ohne Einschränkung bekennen.

3. Georg B. Mrozek - Oktober 12, 2019, 5:54

Lieber jim11111, erstens schmälere ich nichts, zweitens habe ich in mehr als einem halben Jahrhundert Glück gehabt und noch keinem Menschen jemals etwas zuleide getan bzw. tun müssen. Von daher „muss“ ich mir kein Büßergewand überziehen. Und drittens haben solche Anschläge wie der in Halle nichts mit jahrhundertelang kultivierten deutschen Judenhass zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit einem pathologischen Judenhass des Mörders.

Den in der Bevölkerung tief verwurzelten Antisemitismus, den Sie hier ansprechen, der macht sich heute besonders im linken Mainstreams gegen Israel Luft. Dabei lässt er sich prima mit Wortschöpfungen wie Antizionismus, Antiimperialismus, BDS und dergleichen tarnen. Wir leben in einer Welt, in der es Antisemitismus und Rassismus überall gibt, das ist weder ein europäisches, noch ein deutsches Problem. Es ist aber zu beobachten, dass der Antisemitismus der Zuwanderer aus islamisch geprägten Ländern quantitativ und qualitativ etwas für Deutschland und Europa Neues darstellt, mit dem die „Normalbürger“ im Alltag schwer umgehen können. Noch nie seit 1945 war es möglich wie heute, dass „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ auf Straßen und Plätzen straflos skandiert werden kann, Israelflaggen öffentlich verbrannt werden und Menschen, die allein durch das Tragen von Symbolen als Juden erkennbar sind, verprügelt werden. Diese neue Qualität stammt nicht von Biodeutschen, wenn ich das mal so flapsig sagen darf. Der importierte Antisemitismus wird nach wie vor unterschätzt, relativiert oder sogar bewusst verschwiegen.

Bei muslimisch motivierten Attentaten, heißt es sofort, dies habe nichts mit dem Islam zu tun. Bei Einzeltätern werden meist die Mordanschläge durch individuell pathologische Defizite der Mörder zu erklären versucht. Wieso benutzen Sie nicht dieselben Maßstäbe für die deutsche Bevölkerung, statt ihnen eine kollektive Mitschuld zuzuschreiben?

4. jim11111 - Oktober 12, 2019, 15:35

Hallo Herr Mrozek,

Abschließend, drei Punkte:

Der Attentäter von Halle war nicht Moslem, er war einer von uns, Deutscher, ist dem rechtsextremen Milieu entsprungen. Der Artikel den wir hier kommentieren heißt: „Lesetipp zu Halle“! Das zum einen.

Zum zweiten: Die Fragen die sich hier stellen, sind nicht die nach dem Hintergrund muslimischen Antisemitismus, den es ohne Zweifel gibt und unsere sprichwörtliche Insuffizienz im Kampf auch dagegen, sondern danach, warum und wie sich dieser Attentäter um den es hier geht, derart radiklisieren hat können und welche Rolle das Versagen unserer Gesellschaft als auch das Internet hierbei spielen. Immerhin haben wir den Rechtsextremismus mittlerweile in unseren Parlamenten und Menschen wie zB Weidel, Gauland oder Höcke können und dürfen ihren Hetze sowohl gegen alles Fremde als auch gegen unsere Erinnerungskultur nahezu ungehindert versprühen.

Zum dritten – wir sind hier nur Gast, und deshalb bitte ich Sie um Ihr Verständnis, wenn ich unser Gespräch jetzt beende.

Das wars!

5. Lila - Oktober 12, 2019, 16:38

Ihr seid aber eingeladene und gern gesehene Gäste 🙂

(Bin so froh, Euch alle wiederzusehen!)

6. jim11111 - Oktober 12, 2019, 19:30

Das ist lieb von Dir, bin gerne eingeladen und noch viel gerner gern gesehn.

Dein Blog ist wirklich etwas ganz besonderes, es ist diese berührende Warmherzigkeit, diese tiefe Menschlichkeit mit der hier die unterschiedlichsten Themen behandelt werden, diese absolute Abwesenheit von Hass, die dieses Blog auszeichnet.

Möchte nun aber die Gelegenheit ergreifen, und Dir und Deinen Lesern ein anderes, ebenso sympathisches, ja ausgesprochen liebenswertes aber auch aufrüttelndes Blog herzlichst empfehlen: „rgendwie jüdisch“ von Juna Grossmann:

https://irgendwiejuedisch.com/

Sie hat auch ein Buch geschrieben, ein Buch, ein wichtiges Buch, das unbedingt gelesen sein sollte.

Also: https://irgendwiejuedisch.com/2018/09/auf-papier.html

7. rehlew - Oktober 12, 2019, 20:53

Danke, Lila. Bin auch froh. @jim11111 Ach, es wäre doch gerade hier schade, ein Gespräch zu beenden, ehe es so richtig begonnen hat… Und wo doch so viele Fragen bleiben! Meine wären gleich: Was/wo eigentlich kann der Täter sein – wenn die AFD rechtsextrem ist? (Oder fallen beide in eins?) Und was ist dann mit dem mittigen, durchschnittlichen oder auch dem außenamtlichen, dem medialen, kulturbetrieblichen, nichtregierungsorganisatorischen oder dem christlichen Antisemitismus/Antizionismus/Antiisraelismus? Aber auch: Kann Gleichgültigkeit geheilt werden?
https://www.bild.de/politik/kolumnen/politik-inland/nach-halle-botschaft-an-judenfeinde-und-freunde-ein-kommentar-65278264.bild.html

8. jim11111 - Oktober 13, 2019, 13:47

Oft ist es besser, ein Gespräch zu beenden, glauben Sie mir. Im Übrigen denke ich, das es unterschiedliche Antisemitismen so nicht geben kann. Mittig oder durchschnittlich Antisemitisch zu sein ist nicht möglich, genau so wenig wie mittig oder durchschnittlich schwanger, wenn Sie verstehen wollen, was ich meine.

9. vered - Oktober 15, 2019, 18:13

Eingeladene und gern gesehene Gäste sind wir? Alle? Dann will auch ich Deine Sukka aufsuchen und Dir dafür danken, dass Du nach der langen Pause zum Bloggen zurückgekehrt bist. Fahre bloss weiter, bitte-bitte, schiebe miesepetrige Anwandlungen zur Seite und halte durch! Deine Stimme ist nötig, gerade jetzt, mehr denn je. jim1111 sagt warum:

Dein Blog ist wirklich etwas ganz besonderes, es ist diese berührende Warmherzigkeit, diese tiefe Menschlichkeit mit der hier die unterschiedlichsten Themen behandelt werden, diese absolute Abwesenheit von Hass, die dieses Blog auszeichnet. (Danke, Jim 1111)

Ja, das ist´s. Überdies informierst Du Dich umfassend und hast unglaublich viele Fakten präsent. Das setzt Dich instand, Zustände und Vorkomnisse von verschiedenen Warten aus zu betrachten und abzuwägen. Deine Gabe, politische Entwicklungen in grossen Linien zu verfolgen und uns gleichzeitig an konkreten Beispielen aus der nächsten Umgebung aufzuzeigen, wie unser tagtägliches Leben und Erleben mitgeformt wird durch Politik, der eigenen wie der fremden – auch das zeichnet Dein Blog aus und lässt im Leser Verständnis wachsen für die Vielschichtigkeit unserer Probleme und impft ihn (hoffentlich) gegen die unerträglichen Simplifizierungen der Dinge in den meisten Media. Und: Du nimmst den Leser mit in den Alltag, lässt ihn teilhaben an Deinem , Deiner Familie und Deiner Freunde Leben. Dadurch bekommen wir ein Gesicht: Wir sind nicht mehr Schimären oder Buhmänner, sondern Menschen.

Nu ja, Du hast inzwischen fleissig getwittert. Aber das ist nicht dasselbe. Twittern verlangt Tempo, Lautstärke, Sensation. Das stresst und überreizt und führt zu Verarmung, thematisch wie emotionell. Es ist nicht Dein Element.

Nicht zufällig war seinerzeit die niederländische Malerei im Goldenen Zeitalter ein wichtiges Thema für Dich. Deren Werke, mit feinstem handwerklichem Können, viel Sinn für Nuancen und einer unendlichen Liebe zum Detail gearbeitet und auch Atmosphärisches einfangend, entsprechen Deinem geistigen Profil. Wenn Du schreibst, wie jene Meister malten, wirst Du Dein Bestes geben.

Ich freue mich darauf.

10. jim11111 - Oktober 21, 2019, 23:30

Sehr schöner Beitrag, vered. Nebenbei – schreiben an sich ist für die meisten von uns keine Kunst, eigentlich, aber so zu schreiben, dass man den Anderen erreicht, ihn anregt zu denken, Gefühl und Emotion, streckenweise auch Identifikation weckt, dabei aber authentisch zu bleiben wie eben diese unsre Gastgeberin, das ist Kunst und diese ihre Kunst hast Du mit Deiner schönen Metapher wunderbar beschrieben und dafür darf jetzt ich mich bedanken!

Zum eigentlichen Thema hier habe ich grade was gefunden, möchte ich nun hier einfügen, ein weiterer und wie ich denke sehr wichtiger Lesetipp zu Halle:

Was geschah in Halle?
21. Oktober 2019 – 22 Tishri 5780

Nach jeder rechten Gewalttat wird wiederholt, es handle sich um Einzeltäter. Gegen die Kaschierung nazifreundlicher Haltungen…

Eine Analyse von Esther Dischereit

http://www.hagalil.com/2019/10/was-geschah-in-halle/#more-56348


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