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Unbeschreiblicher Frühling März 25, 2007, 14:15

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Wann fielen die Blätter von den Bäumen? Es muß im Februar gewesen sein. Und auch nicht von allen. Bevor ich es auch nur bemerken konnte, haben die Bäume schon wieder neue Blätter. Die Wildblumen-Blüte, die in Wellen jedes Jahr über uns flutet, als wäre es das erste Mal, ist schon bei der Lupinen-Welle angekommen. Veilchen, Anemonen und gelbe Blumen von mir unbekanntem Namen sind schon verblüht. Die Kirsch- und Mandelbäume blühen, fast ist die Blüte schon wieder vorbei.

Vor dem Fenster bereiten sich rote Baumblüten vor, anscheinend eine Delikatesse, die grüne Papageien anlockt (die Viecher müssen aus einem Zoo ausgebrochen sein, Papageien! die können hier nicht heimisch sein!). In kleinen Gruppen setzen sich die Papageien auf die Zweige vor unserem Schlafzimmerfenster, strecken eine ernsthafte Kralle nach einem Blütenbündel aus und zupfen sie genüßlich auseinander – so sieht meine Jüngste aus, wenn sie Artischocken futtert. Derweil hockt Kater Lutz mit bebendem Kinn vor dem Fenster und verschlingt die Papageien mit Blicken.  Wo ist der Photoapparat? Schon wieder verpaßt.

Auf der anderen Seite des Hauses sind unsere treuen Frühlingsgäste, die Rötelfalken, wieder eingetroffen. Auch sie versetzen Lutz in Ekstase, aber er hat keine Chance bei diesen Flugkünstlern. Sie basteln eifrig an ihrem Nest, und wir warten auf ihren Nachwuchs, der bald schon wieder häßlich-bräsig auf unserer Regenrinne sitzen wird.

Über dem Wadi kreisen die Störche, riesige Gruppen, ohne einen Flügelschlag lassen sie sich von warmen Luftströmen hochtragen und kreiseln. Wie in einem Trichter steigen und sinken sie. Wenn man ihnen zuguckt, verfällt man in eine Art Trance und möchte selbst Storch werden, sich einfach von der warmen Luft tragen lassen und nie mehr einen Flügel rühren. Pelikane können das auch, diese Vögel zeichnen mit ihren Körpern die Luftwirbel nach. Und nie stoßen sie zusammen. Das können wir Menschen nicht, wir ordinäres, ellbogenfuchtelndes, autohupendes Volk mit unseren ewigen Anrempelungen und Zusammenstößen.

Ich höre Vögel zwitschern, die Blätter rauschen. Im Kibbuz ist es ganz, ganz still. Würde jetzt ein Mungo unter unserem Fenster vorbeischleichen, um aus Familie Eres´Hundenapf zu klauen, würde ich vermutlich ihre weichen Pfoten tappen hören.

Die Kinder haben Pessachferien. Quarta ist im Kinderhaus, wo sie aus Lehm Öfen bauen und bald anfangen, ungesäuertes Brot auf ihnen zu backen. Sie wird auch dieses Jahr wieder Ma Nishtana auf der Bühne im Dining room singen, jeden Tag hat sie Probe. Secundus arbeitet im Zoo, da ist gerade eine deutsche Gruppe zu Besuch. Tertia ist zur Klavierstunde gegangen, Primus liest David Grossman (hat er sich selbst gekauft).

Ich arbeite zuhause und genieße diesen wunderschönen Tag. Bald haben wir alle ein paar Tage Ferien – Pessach. Ich wünschte, ich könnte so eine Prise Frühling einpacken und für den Sommer aufbewahren – bald schon wird es wieder grell, heiß und trocken sein, aus dem frischen Grün wird ein müdes Braungelb und ich warte ungeduldig auf die ersten dicken Regentropfen irgendwann im Dezember. Oh nein, da denken wir nicht dran, nicht heute!

Kommentare»

1. arabrabenna - März 25, 2007, 14:58

Liebe Lila!
Schön, daß du noch diesen Artikel geschrieben hast! Ich genieße gerade die Stille im Haus und daß ich endlich mal wieder an den Laptop ran kann. Wir haben nur den einen und wenn alle da sind, habe ich wenig Chance und auch keine Muse zum Schreiben. Vorhin habe ich deinen deprimierten und deprimierenden Artikel gelesen. Ich sitze hier so schön im sicheren Deutschland und Israel habe ich im Urlaub genossen (als Ausländer bekommt man die Probleme nur am Rande mit) und staunte über die wilden Alpenveilchen und Anemonen (ich liebe das Rot dieser Blumen). Bei uns bahnt sich der Frühling schon lange an, heute ist nun endlich mal wieder Sonne da! Gegenüber von unserem Grundstück gibt es ein Storchennest und ich sehe täglich nach, wann die Störche endlich kommen und dann überlege ich, wo sie wohl überall lang geflogen sind. Bei meiner ersten Israelreise erlebte ich Massen von Störchen, die da so auf den Bäumen rumsaßen, was ich sehr witzig fand. Hier sitzen sie auf keinem Baum rum, stolzieren aber schon mal auf der Dorfstaße entlang, ohne sich von Autos stören zu lassen.

2. Lila - März 25, 2007, 15:05

Soll ich einen fangen und ihm einen Brief für Dich ans Bein binden? Ich freue mich über jeden einzelnen, den ich sehe, egal wie viele es sind. Bald sind sie weg… dann sind sie bei Euch.

3. arabrabenna - März 25, 2007, 15:19

Ja, mach das mal! Würde mich sehr freuen! Wir können im Sommer ab und zu die Flugübungen der jungen Störche beobachten. Das ist manchmal ganz witzig, weil sie so bißchen rumeiern.

4. mona lisa - März 25, 2007, 15:23

Kleiner Nachtrag zu meinem Kommentar zu deinem vorigen Artikel: Schön, dass du diese kleinen Schönhiten, die Stille so genießen kannst. Das gibt doch auch Kraft?! Die Fähigkeit, sich daran zu erfreuen, hilft auch mir, mir in meinem manchmal so düster (empfundenen) Alltag zu Licht und Klarheit zu verhelfen. Einen weiterhin schönen und stillen Tag.

5. Georg - März 26, 2007, 10:04

Nur mal interessenhalber: Wann und warum heißt es eigentlich unbeschreiblicher Frühling und wann und warum unbeschreibbarer Frühling. Oder gibt es da gar keinen Unterschied?
Es ist wirklich nur interessenhalber, die Frage kam mir einfach so beim Lesen. Synonym oder nicht?
Dumme Frage, ich weiß ;o))
Viele Grüße

6. Jeanne - März 26, 2007, 10:14

Doch, die Papageien sind heimisch. Davon gibt es in unserer Gegend auch einige, und laut Yairs Kindergärtnerin gehören sie hierher. Ich erkenne sie inzwischen schon am Zwitschern!

7. Lila - März 26, 2007, 12:34

Lieber Georg, keine Ahnung. Es klingt komisch als Adjektiv, das stimmt. Man sagt aber „ein unbeschreibliches Gefuehl“. Dabei ist die Nachsilbe „-lich“ eigentlich ja adverbial, oder? Klingt mir zumindest sehr wie „-ly“ im Englischen. Nein, es gibt auch zierlich, ehrlich und begehrlich. Es ist also nicht rein adverbial – lovely gibt es ja auch.

Es gibt „unsaeglich“ und „unsagbar“. Man sagt ja auch „unkenntlich“ und nicht „unerkennbar“. „Unleserlich“ und „unlesbar“ gibt es beides, unterscheiden sich nur graduell. „Unabdinglich“ gibt es, gibt es „unabdingbar“???

Aber gibt es eine solche Form auch von „beschreiben“? „Unbeschreibbar“ kenne ich gar nicht. „Unumschreibbar“ ist auch haesslich.

Also, Grammatiker her, durfte ich den Fruehling unbeschreiblich nennen???

8. Lila - März 26, 2007, 12:35

Also, liebe Jeanne, wenn eine Kindergaertnerin das sagt, dann stimmt es. Sind das nicht verrueckte Tiere, diese Papageien? Sie huepfen mir fast aufs Fensterbrett vor lauter Gier nach den Blueten…

9. Rika - März 26, 2007, 14:36

ich bin zwar keine grammatikerin, aber melde mich trotzdem. 🙂
ja, man sagt „unabdingbar“, hab extra im dicken wörterbuch zur neuen deutschen rechtschreibung nachgeschaut, das substantiv dazu ist „Unabdingbarkeit“. ja, und „unbeschreiblich“ findet sich auch in dem unbeschr… wichtigen buch!! mhhh, der frühling ist unbeschreiblich schön und die deutsche sprache unbeschreiblich schwer!
schön, dass wir das hier klären können!
ich wünsche dir, Lila und allen leuten hier einen unbeschreiblich schönen tag!
lg. rika

ps. ich habe ferien und trödel durch die blogs! aber gleich will ich in meinen unbeschreiblich! winzigen frühlingsgarten …

10. Rika - März 26, 2007, 14:41

ach so, „unbeschreibBAR“ steht hingegen nicht verzeichnet, das hätte ich nun fast vergessen!


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