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Geständnis November 8, 2009, 14:06

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Vor ungefähr einer Woche habe ich den Eintrag verfaßt, den ich jetzt erst veröffentliche – eigentlich alles noch nicht ganz spruchreif, aber ich kann doch nicht immer weiter schweigen… Und gerade beginnen die Gerüchteküchen wieder zu brodeln, diesmal aber präziser als letzte Woche beim Spiegel: es ist die Hisbollah, die aufrüstet, und nicht Israel. Ganz wie ich gesagt habe.  Die Hisbollah rüstet nicht nur mit Waffen auf, sondern auch mit Hetze gegen Israel und Ausstreuen einer ganz gehörigen Portion Hysterie. Das Ergebnis werden wir sehen, wenn die Hisbollah angreift und Israel sich wehrt. Dann werden wieder die Kommentare bei mir reinflattern: oh böses, unmenschliches Israel! Bis dahin wohnen wir schon an der Grenze, nehme ich mal an.

Und hier nun der Eintrag von letzter Woche:

Na gut, wenn es schon so weit ist und wieder geunkt wird, daß der nächste Schlagabtausch zwischen Israel und dem Libanon bevorsteht…. (was ich für kompletten Unfug halte, denn bisher hat Israel nichts getan, als klein-klein zurückzuschlagen, weil von Zeit zu Zeit Raketen auf dem Libanon auf israelisches Gebiet abgefeuert werden – muß sich eigentlich ein souveräner Staat sowas in anderen Weltgegenden gefallen lassen? Der ganze Artikel atmet förmlich die paranoide Angst vor Israel, das man mit zahllosen Nadelstichen piekst, um dann aufzuschreien, wenn der Bär erwacht…) … also da kann ich ja nun mein Geständnis loswerden.

Mich freuen diese Gerüchte eher, denn dadurch fallen die Grundstückpreise im Norden vielleicht noch ein bißchen. Wer mich kennt, weiß, wie fern mir solche Spekulationen eigentlich liegen. Es muß also ein guter Grund dafür vorliegen, wenn ich auf Grundstückpreise schiele. Und in der Tat gibt es einen guten Grund dafür: wir wollen den Kibbuz verlassen und uns ganz oben, an der libanesischen Grenze, am Rande der Welt ansiedeln.

Wir haben seit der halben Privatisierung des Kibbuz den Spaß am Leben hier verloren, und wir wollen uns dem Hauen und Stechen entziehen, mit dem die vollständige Privatisierung (Grund und Boden werden verteilt) einhergehen wird. Auch wenn wir dabei unsere Rechte auf Grundbesitz im Kibbuz verlieren und auf alle Ansprüche bei der Verteilung verzichten müssen – das ist es uns wert. Wir wollen in der Wildnis leben, auf eigene Rechnung. Die ganzen Jahre hat es uns nicht gestört, Kibbuzniks zu sein, im Gegenteil. Das System kam uns immer gerecht und fair vor, und wir haben gern einer des anderen Last mitgetragen. Doch der Kibbuz ist kein Kibbuz mehr, die Lasten rutschen und schwanken, und wir haben auf einmal große Lust, nach Jahrzehnten der Stabilität mal die Luft der Veränderung zu schnuppern.

Unsere Kinder, für die dieser Entschluß ebenfalls Konsequenzen haben wird, sind erstaunlicherweise begeistert. Die Aussicht, ein bißchen mehr Platz im Haus zu haben, und wirklich in der Wildnis zu leben, direkt am Grenzstreifen, in einem Paradies für wilde Tiere – das gefällt ihnen. Die Aussicht vom nördlichen Gebirgszug ist atemberaubend. Nach Norden ist das nächste Dorf schon im Libanon,  nach Süden streckt sich die Küstenlinie. Gegen Osten sieht man Berge mit Wald. Die ganze Gegend ist bewaldet. Und ich wollte doch immer schon im Wald leben.

Bisher war unsere nächste erreichbare Stadt Yokneam – auch mit nachsichtigen Augen betrachtet ein häßliches und langweiliges Örtchen mit spärlicher Anbindung an den Rest der Welt. Wenn wir umziehen, wird die nächste Stadt aber Nahariya sein – eine wunderhübsche Stadt am Meer, mit echter Innenstadt und einer sehr netten Atmosphäre. Noch dazu ist es Tertias Geburtsstadt. Bei der Aussicht, eine Stadt mit Bahnhof und großem Busbahnhof, Meer und Promenade in der Nähe zu haben, leuchteten alle Augen.

Unsere Gegend hier, die am Ende der Welt lag, als ich hier hin zog, hat in den letzten Jahren mehr und mehr ihren ländlichen Charakter verloren. Die Straße Nr. 6, die Pläne für ein neues industrielles Zentrum ganz in der Nähe, der enorme Zuzug nach Yokneam, jede Menge Neubauten von Einkaufszentren, einem Kraftwerk und neuen Wohnsiedlungen fast überall um uns herum – langsam wird aus dieser grünen, idyllischen und wunderschönen Gegend eine Art Vorgarten von Netanya und Hadera. Wir lieben diese Gegend, aber sie verändert sich. Und Y. lebt hier sein ganzes Leben. Er hat die Idee ausgebrütet, uns ebenfalls zu verändern. Er arbeitet ja jetzt im Norden und wird es näher zur Arbeit haben. Und für mich sind meine Arbeitsplätze auch erreichbar – ich arbeite ja sowieso die meiste Zeit  zuhause.

Secundus werden wir so kurz vor dem Abitur natürlich nicht verpflanzen. Er wird ein Zimmer im Kibbuz oder im Internat bekommen, bis er das Abi hat, und dann zu uns stoßen. Primus braucht uns sowieso nur alle paar Wochen am Wochenende, und obwohl er sein Zimmer im Kibbuz ungern aufgibt, hat es auch für ihn Vorteile. Die Mädchen sind erstaunlich bereit, die Schule zu wechseln – irgendwie fühlt es sich an, als hätten wir alle auf eine Veränderung gewartet.

Wir sind noch mitten in der Planung, und vieles kann noch schiefgehen. Aber in groben Zügen sieht unser Plan so aus: wir ziehen in etwa einem Monat (hoffentlich zu Chanukka, wenn die Kinder Ferien haben) in ein geräumiges Haus mit Seeblick. Sobald Secundus das Abi hinter sich hat (in einem halben Jahr), zieht er hinterher. Und wir sind nah an der Baustelle unseres neuen Hauses, das wir von A bis Z selbst planen können. Es wird ein ökologisches Haus, ein Niedrigenergie-Haus mit Sonnenenergie, Verwendung von „grauem“ Wasser, vernünftig gedämmt – was in Israel gar nicht selbstverständlich ist. In anderthalb Jahren soll es fertigwerden, und dann ziehen wir noch einmal um.

Wir sind noch mitten in den Verhandlungen mit dem Sekretär des Kibbuz, der ein guter persönlicher Freund von mir ist – Y. überläßt mir die Verhandlungen, weil er es mit diesem Mann „nicht so gut kann“. Der Sekretär rief mich vorgestern an und meinte: „ich hoffe, du glaubst mir, daß ich mit niemandem darüber gesprochen habe – aber der ganze Kibbuz weiß schon, daß ihr wegziehen wollt“. Ich konnte ihm versichern, daß ich ihn keinen Moment in Verdacht hatte. „Quarta hat es nur im Vertrauen ihrem besten Freund Eliran Weintraub erzählt“, und dann kichern wir beide. Elirans Mutter ist eine nette Frau, nur leider etwas, hm, gesprächig. Sie hat uns tatsächlich angerufen, um zu fragen, ob die Gerüchte stimmen und wir wirklich… Oh, Kibbuz. Danke, Elirans Mama, daß du mich daran erinnert hast, weswegen es ganz gut sein wird, auch mal andere Luft zu atmen.

Kommentare

1. grenzgaenge - November 8, 2009, 14:20

liebe lila,

erst einmal hoffe ich das es dir gut geht🙂

gerade habe ich ein paar bilder von der gestrigen kundgebung zum gedenken an yitzhak rabin gesehen. die tagesschau schreibt das ungefahr 25.000 menschen dort waren. irgendwie bedaure ich wirklich das es mir nicht moeglich war gestern in tel aviv zu sein. ich denke noch an die kundgebung im letzten jahr zurueck. aber im naechsten jahr werde ich bestimmt wieder dabei sein …

hat es wieder eine delegation aus rungholt gegeben ?

ich finde diese demonstration so wichtig. um zu zeigen das viele, viele menschen in israel (ich sage: die mehrheit) wirklich einen gerechten und dauerhaften frieden mit den palaestinensern will und bereit ist den preis dafuer zu bezahlen – wenn der frieden denn ein wirklicher frieden ist.

bezeichnend finde ich das ueber die gestrige rabin kundgebung kaum berichtet worden ist (in den deutschen medien). ard und zdf haben kurze berichte gebracht. aber sonst ist nicht so viel zu lesen. wenn israel dagegen etwas vorgeworfen werden kann, sei es auch noch so unsinnig, schafft es ein beitrag oft problemlos an die erste stelle der nachrichten.

friedensbereite israelis passen wohl einfach nicht ins medien bild. irgendwie bin ich wirklich froh freunde in israel zu haben und das land vielleicht dadurch ein kleines, kleines, bisschen zu kennen. ich kann wirklich nur dazu raten israel zu besuchen und auch kontakt mit den menschen zu suchen. ich habe die erfahrung gemacht das es in israel sehr einfach ist freundschaften zu schliessen die auch nachhaltig sind.

herzliche gruesse,
der grenzgaenger

2. Liisa - November 8, 2009, 14:30

Na, das sind ja Neuigkeiten! Ich wünsche Euch, dass es gelingt alle Pläne so umzusetzen, wie Ihr Euch das vorstellt und natürlich auch, dass alle Träume vom Leben in der Wildnis wahr werden. Es ist schön, wenn man sowohl innerlich als äußerlich zur selben Zeit an dem Punkt ist, dass man zu Veränderungen bereit ist. Liebe Grüße!

3. willow - November 8, 2009, 15:20

Na Klasse, man kann also wirklich *allem* etwas Gutes abgewinnen, selbt der Tatsache, daß Hisbollah signalisiert „wir sind voll aufgerüstet und bereit diesen Stellvertretekrieg zu führen“ – na Klasse! Danke UN!

Die Gegend da oben ist tatsächlich wunderschön – aber es war für uns schon ein komisches Gefühl, auch nur neben der Grenze herzufahren… weiah. Aber mitten im Wald, in der Natur in einem schönen Häuschen zu wohnen, klingt gut. Neue libanesische Radio und Fernsehstationen? Al Manar und so?😉 Hisbollah-Hitparade?

Viel Glück! Wir drücken euch jedenfalls ganz fest die Daumen!

4. Lila - November 8, 2009, 15:44

Lieber Grenzgänger, ja, es war wieder eine Delegation bei der Demo, aber ich habe mich, wie jedes Jahr, gedrückt – Angst vor Menschenmengen. Beim bloßen Zugucken kriege ich schon Beklemmungen.

Heute früh, als wieder über die Bewaffnung der Hisbollah in den Frühnachrichten gesprochen wurde, meinte Secundus: Mama, bloggst du eigentlich noch? Wenn ja, dann hast du doch hier ein Thema – die Hisbollah bewaffnet sich, und Israel geht für den Frieden demonstrieren!

Willow, wir können Al Manar ohne Probleme auch hier empfangen. Ich kenne genügend Leute, die ihre News von Al Manar und Al Jazeera empfangen.

Aber gerade jetzt ist eine gute Zeit, in den Norden zu ziehen. Nicht nur weil es dort billiger ist😉 sondern auch, weil Israelis in ihrem winzigen Land das Recht haben zu wohnen, wo sie wollen. Die Grenze zwischen Libanon und Israel ist international anerkannt. Wer ist eigentlich dieser Nasrallah, daß ich mir von ihm vorschreiben lassen soll, wo ich mich niederlasse?

Wenn wir das nächste Mal hinfahren, mach ich ein paar Photos.

Und vielen vielen Dank für alle guten Wünsche. Die können wir dringend brauchen! Denn jetzt, wo wir rauswollen, zeigt die Kibbuz-Verwaltung natürlich ihre weniger charmanten Seiten.

5. Piet - November 8, 2009, 16:46

Liebe Lila,

ich fand es jedes mal sehr schade, wenn ich lesen musste, wie (ja wohl nicht nur) euer Kibbuz nach und nach seine Grundlagen aufgibt. Nun gibt es immer Veränderung, vielleicht ist sie in dieser Form sogar notwendig, das kann ich von außen schwer beurteilen. Dennoch verbinde ich mit Israel immer auch die Idee der Kibbuzim, die mir immer sehr sympathisch war. Aber was vergangen ist, ist vergangen, irgendwann muss man neue Wege gehen, was bei euch ja offensichtlich gerade gut zu passen scheint.

Was du von eurer neuen Heimat erzählst mit Wald, Gebirge und Küste, klingt überaus sympathisch, ich wünsche euch für euer Vorhaben alles, alles Gute! Und ich wünsche euch sehr, dass Nasrallah euch das Leben nicht versauert, denn was hier in den Nachrichten landet (also ein Bruchteil eurer Nachrichten), klingt nicht sehr beruhigend, und bisher habt ihr, wenn ich das richtig mitbekommen habe, diesbezüglich ja relativ ruhig gelebt.

Was für eine aufregende Zeit, wenn man sein neues zu Hause selber planen kann und wachsen sieht, wie wunderbar!

Beste Grüße aus’m Norden,
Piet

6. Lila - November 8, 2009, 17:10

Ja, ich finde diese Veränderungen auch sehr schade. Die letzte Kibbuzversammlung war ein Trauerspiel: jeder meldet seine Ansprüche an. Keiner denkt mehr an das Ganze. Es ist zu einem Tauziehen diverser Anspruchs-Gruppen verkommen. Das war früher wirklich nicht so. Ein Jammer und nicht mit anzusehen.

Wir werden auch im Norden Kibbuz-Anschluß haben. Nicht als Mitglieder, sondern als Käufer und Nachbarn, aber die Schule ist Kibbuzschule, und die Feste werden Kibbuz-Feste sein.

Aber dann werden wir mehr Abstand haben.

Und ich möchte immer im Norden sein, je nördlicher, desto besser.

Das mit dem Haus-Planen ist ein bißchen beklemmend. Wir wollten das eigentlich gar nicht. „Es kommte nur so“.

7. Marlin - November 8, 2009, 20:16

Hm, die ersten Zeilen sind sehr beängstigend.

Euer Unternehmen klingt aber super, wäre da nicht meine Sorge um Euch.

Habt Ihr da keine Angst? Ich hoffe, es geht gut aus. Und alles Gute dafür. Sein eigenes Haus im Wald zu haben klingt wirklich wundervoll. Würde ich auch gern haben. Aber ich arbeite dran.😀

Viel Glück weiterhin.

8. charly - November 8, 2009, 22:20

Schalom Lila,
ja da oben ist es schön, und an Nahariya hab ich auch viele schöne Erinnerungen. Da hab ich beim Falaffel-King meine erste Falaffel gegessen und anschliessend das erste mal am Meer gestanden.
Ein paar Jahre später habe ich auf einer Israelreise meine Frau kennen gelernt, da waren wir auch öfter in Nahariya.
Jetzt waren wir schon über 10 Jahre nicht mehr ba Arez, wegen der kleinen Kinder, wenn wir mal wieder das Geld haben will ich meinen Jungs jetzt endlich Israel zeigen.
Da werden wir ganz sicher das Nachal Achziv durchwandern mit Aufstieg zu Montfort und Falaffel essen in Nahariya.🙂
Eure nördlichen Nachbarn wollte ich nicht unbedingt haben, aber der „Jetzt-erst-recht-Standpunkt“ gefällt mir.
Ziehen die echten Schnäppchenjäger in Israel eigentlich Scharenweise nach Sderot?
Ich wünsche Euch jedenfalls alles Gute zu dem Schritt und dass Ihr die Gegend wirklich geniessen könnt.
Liebe Grüße,
Charly

9. lalibertine - November 8, 2009, 22:22

Aber hallo, das sind ja Neuigkeiten! Irgendwie kann ich Euch verstehen, obwohl ich euer Kibbutz sehr schön fand.

Auf jeden Fall alles Gute für Eure Pläne, Haus mit Seeblick ist ja nun auch kein Abstieg😉

10. grenzgaenge - November 8, 2009, 23:36

@lila: nahariya ist wirklich ein schoenes staedtchen. das stimmt schon. ich bin gerne dort. was die verkehrsverbindungen angeht: gibt es tagsueber keine direkte verbindung von tel aviv nach nahariya ? oder lassen mich meine augen im stich ??

11. grenzgaenge - November 8, 2009, 23:38

p.s. es sollte heissen: keine direkte ZUGverbindung (von tel aviv nach nahariya). ich fahre viel lieber mit dem zug als mit dem bus. auch in israel🙂

12. jakobo - November 9, 2009, 2:46

Hi, Lila:
Das sind ja mal neuigkeiten!! Ist sicher ein großer schritt für euch.. ich hoffe dass ihr viel glück haben werdet und ruhe und aufregung in den richtigen mengen…. Und egoistischer weise wünsch ich dir viel zeit zum bloggen😉.

Wenn ich ehrlich bin dann hatte sogar ich beim lesen deines berichts ein lachendes und weinendes augen. Es ist auch schade wie ein kibutz sich langsam veraendert und wie die ganzen ideale die damit verbunden waren langsam privatisiert wird…

Ich weis nicht ob das gerade reinpasst aber ich will es einfach los werden.. und vielleicht… wenn ihr was neues jetzt anfängt ist es vielelicht auch schön für dich zu hören.

Ich muss sagen ich bewundere deine bescheidenheit sehr. Ich meine alles was ich bisher aus deiner geschichte kenne und wie es dich als mensch geformt hast und auch deine art zu schreiben alles zeugt von sehr viel bescheidenheit und das mag ich sehr und es bereitet mir einfach freude. auch deine moderate wesensart mit der du schreibst und auch deinen blog führst, dass du nicht nur schreibst sondern auch mit deinem schreiben fungierst wie eine richtige gastgeberin beeindruckt mich sehr.

Ich wünsch euch viel glück bei euren veränderung und dass ihr sie mit viel kraft und entusiasmus begegnet.

jakobo

13. Lila - November 9, 2009, 6:38

Von Nahariya aus kommt man überall leicht hin, mit Bus und Bahn – Nahariya hat nämlich einen Bahnhof, seltenes Gut in israelischen Städten.

Unsere nördlichen Nachbarn werden libanesische Christen sein, und die UNIFIL natürlich.

Nein, wir haben keine Angst. Seit Jahrzehnten leben Israelis entlang dieser Grenze, warum sollten wir das nicht auch?

Beim nächsten Schlagabtausch wird es vollkommen egal sein, ob man in Hadera oder Nahariya wohnt. Die ernsthafteren Waffen sind sowieso für längere Strecken ausgelegt. Die würden höchstens über uns weg fliegen. Theoretisch.

Daß man sich überhaupt bedroht fühlen muß, ist schon absurd. Aber diese Bedrohung ist für ganz Israel gleich.

Wir wohnen jetzt nah an der Grünen Linie – auch kein beruhigendes Gefühl, wenn man nervöser Natur ist. Da ist mir die Blaue Linie eigentlich lieber. Wenn die Palästinenser ihren Staat bekommen, wer weiß, welche Überraschungen von Jenin aus geplant sind?

Mehr zur Grenze zwischen Israel und Libanon, auch ein hübsches Bild, hier:

http://en.wikipedia.org/wiki/Blue_Line_%28Lebanon%29

14. Yonatan - November 9, 2009, 9:43

Wow, das sind ja wahre Neuigkeiten, die du uns berichtest. Ich verfolge deinen Blog schon seit langer Zeit relativ regelmässig. Deine Geschichten über und aus dem Kibbutz waren mir dabei immer die liebsten. In diesem Sinne schade, dass ihr den Kibbutz verlassen werdet. Ich hoffe aber, dass deine zukünftigen Geschichten aus dem Grenzland einen gleichwertigen Ersatz geben werden.

Zum Thema Privatisierung Kibbutz habe ich anscheinend irgendetwas nicht mitbekommen. Gab es nicht irgendwann mal eine Abstimmung in deinem Kibbutz, wo sich die Kibbutzmitglieder gegen eine Privatisierung ausgesprochen haben? Und nun doch Privatisierung?

Irgendwo habe ich gelesen, dass sich derzeit Monat für Monat ein weiterer Kibbutz in die Reihen der sogenannten sich erneuernden Kibbutzim einreiht, und der Anteil von Kibbutzim, die weiter Kibbutz im alten Verständnis bleiben, wird immer kleiner und konzentriert sich vor allem auf die Kibbutzim im Süden. Nichtsdestotrotz gibt es Kibbutzim, wo sich die Mitglieder bewußt für den Kibbutz im alten Sinne entscheiden. Was ist es also, dass sich die Chawerim von Kibbutz Aleph für Privatisierung aussprechen und Chawerim von Kibbutz Bet am alten Kibbutz festhalten? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass innerhalb der Kibbutzim immer nur diskutiert wird, was man denn machen kann, damit die verlorenen Kibbutzkinder wieder in den Kibbutz zurückkehren, und nur selten geht es darum, neue Mitglieder von außerhalb (aus den Städten, aus dem Ausland) zu gewinnen. Neulich erst habe ich ein nettes Filmchen aus deinem Nachbar-Kibbutz gesehen. Einerseits äussern die interviewten Kibbutznikim eine Sehnsucht für den alten Kibbutz, anderseits sagen alle, dass es ohne eine Änderung nicht witer geht. Ich glaube nicht, dass das die Einsicht in die Notwendigkeit ist. Mein Eindruck von außen ist eher, dass das die Resignation vor den Meinungsführern ist. Anderswo habe ich gelesen, dass die Gehaltsunterschiede in manchen Kibbutzim mittlerweile sehr krass sein können. Der Kibbutzsekretär kann locker das zehnfache verdienen von dem, was ein einfacher Arbeiter aus dem Kuhstall bekommt. Wie kann eine Gemeinschaft, die sich, trotz allem, immer noch Kibbutz nennt, so etwas unterstützen? Und trotzdem spricht sich Monat für Monat ein Kibbutz mehr gegen den Kibbutz im traditionellen Sinne aus.

15. Lila - November 9, 2009, 10:24

Es gab eine Abstimmung, in der gegen die „Veränderung“ gestimmt wurde. Unser Kibbuz hat das Ganze nicht „Privatisierung“ genannt, sondern „Veränderung“ – ein gänzlich leeres Wort, von einer Sekretärin aufgebracht, die wie eine Politikerin jede konkrete Frage mit Blabla beantwortete. Dieselbe Sekretärin hat ihren Vorschlag insgesamt dreimal unterbreitet, jedesmal nur mit kosmetischen Änderungen. Schließlich haben auch Gegner des Vorschlags entweder mitgestimmt oder haben sich, wie ich, enthalten. Sie hat das ganz undemokratisch durchgedrückt, und das war für mich der erste Riß in meinen Gefühlen für den Kibbuz.

Übrigens habe ich das dem jetzigen Sekretär auch erzählt. Ich hätte damals viel lauter protestieren sollen, aber ich bin leider nicht der Typ für lauten Protest, sondern nur für stille innere Entfremdung😦 Der Sekretär hatte vollstes Verständnis.

Die anderen Fragen – da muß ich eigentlich mal einen eigenen Eintrag für machen.

Tja, der Kibbuz, wie er mal war, den gibt es nicht mehr. Ich bin, wie gesagt, froh und dankbar, daß ich ihn noch erleben durfte. In manchen Kibbuzim ist die Erneuerung, Veränderung, Privatisierung, Teilprivatisierung, wie auch immer, ein durchaus positiver Akt. Ich kenne Freunde aus anderen Kibbuzim, die seitdem ihren Kibbuz als attraktiver, aktiver und interessanter erleben.

Auch bei uns sind nicht alle so desillusioniert wie wir. Es gibt Leute, die stehen nach wie vor hinter diesen Veränderungen. Y. und ich aber nicht. Wir wären auch gern in einen altmodischen Kibbuz eingestiegen, aber aus allen möglichen Gründen hat sich das nicht angeboten.

Na ja, wir werden sehen. Erstmal kommt eine Welle von Kibbuz-Abschieds-Geschichten auf Euch zu…

16. Janina - November 9, 2009, 11:09

Liebe Lila,

herzlichen Glückwunsch zum Umzugsentschluß, die neue Gegend und auch die Beschreibung des Hauses hören sich toll an!
Freue mich, so egoistisch wie meine Vorredner😉, auf viele viele Berichte!

17. Yonatan - November 9, 2009, 12:47

So geschieht das offenbar auch in anderen Kibbutzim. Die selbe Frage nach Privatisierung wird immer und immer wieder gestellt, bis es dann nach dem x-ten Versuch mit einigen kleinen Änderungen dann klappt. Warum wird dem kein Riegel vorgeschoben?

Darf eine Mehrheit entscheiden, dass auch die Minderheit ihre Ideale von Gemeinschaft aufzugeben hat? Müsste dann nicht der Kibbutz aufgeteilt werden, in einen großen privatsierten Kibbutz und einen kleinen gemeinschaftlichen Kibbutz? Okay, das ist wahrscheinlich völlig praxisfern, aber doch eine legitime Frage.

Problematisch finde ich diese Entscheidungen auch aus einem anderen Grund. Was passiert, wenn irgendwann die Bewohner (von Chawerim kann man wohl nicht mehr sprechen) eines Kibbutzes sich wieder für mehr Gemeinschaft und gegen Privatisierung aussprechen? Können die Bewohner dann überhaupt ihre alte Entscheidung für Privatisierung wieder rückgängig machen?

Gibt es nicht auch aus staatlicher Sicht ein Problem? Ich meine, der Staat gab den Kibbutzim für wenig Geld Boden, richtig? Und nun verhökern die Kibbutznikim das alles an sich selbst? Müsste man dann nicht einen Teil wieder zurück an den Staat geben?

18. Mikado - November 9, 2009, 13:45

„So geschieht das offenbar auch in anderen Kibbutzim. Die selbe Frage nach Privatisierung wird immer und immer wieder gestellt, bis es dann nach dem x-ten Versuch mit einigen kleinen Änderungen dann klappt. Warum wird dem kein Riegel vorgeschoben?“

Interessante Frage am 20. Jahrestags des Mauerfalls*. Aber eigentlich ganz einfach zu beantworten: Der Homo Sapiens ist nicht sozialismusfähig! War er nie, wird er nie sein. Außer man sperrt ihn ein. Also schieb den Riegel vor!

*) Ja, an einem 9. November war auch noch was anderes.
Norden, Wildnis, wilde Tiere, Wald? This must be Canada.🙂

19. martinm - November 9, 2009, 13:57

Ich kann Deine Entscheidung gut nachvollziehen – in ein Öko-Haus in einer landschaftlich reizvollen Gegend umzuziehen, klingt nicht schlecht. Die Nähe zur „Grenze“ relativiert sich, wenn man sich vor Augen hält, wie klein Israel eigentlich ist. Nach den Maßstäben anderer Länder leben ja praktisch alle Israelis in Grenznähe.
Schade nur, dass die Zeit der Kibbutzim anscheinend abgelaufen ist.

20. Yonatan - November 9, 2009, 14:37

„Interessante Frage am 20. Jahrestags des Mauerfalls*. Aber eigentlich ganz einfach zu beantworten: Der Homo Sapiens ist nicht sozialismusfähig! War er nie, wird er nie sein. Außer man sperrt ihn ein. Also schieb den Riegel vor!“

Gute Idee, den vorgeschobenen Riegel mit dem 9. November 1989 zu verbinden. Allerdings kennt auch das GG Barrieren, die manchen Dingen einen Riegel vorschieben (siehe Art. 79). Ich rede nicht von den Riegeln des Eingesperrtseins.

21. gingit - November 9, 2009, 20:15

Was mich teilweise mehr als die (eh meistens ‚darüber hinaus‘) fliegenden Raketen im hohen Norden in Aufregung versetzt, sind die ständigen Befürchtungen von feindseeligen Grenzübertritten. Das Mirs krächzt Warnung. Warten. Das Mirs krächzt Entwarnung. Weitermachen. Und die doch ungewöhnliche Geräuschkulisse. Hasenjagd oder Hochzeit?, hüben oder drüben?, frag ich Mitteleuropäerin mich dann. Bin gespannt auf deine Geschichten aus dem neuen Leben und wünsche euch für euer neues Zuhause friedliche Ruhe an diesem wunderschönen Fleckchen Erde!

22. grenzgaenge - November 9, 2009, 20:16

Kommentar 13:

„Von Nahariya aus kommt man überall leicht hin, mit Bus und Bahn – Nahariya hat nämlich einen Bahnhof, seltenes Gut in israelischen Städten.“

@lila: da hast du recht. die bahnstrecke von tel aviv nach nahariya ist wirklich total schoen. vor allem die strecke am mittelmeer vorbei. ich konnte mich gar nicht satt sehen.

tel aviv hat ja gleich mehrere bahnhoefe zu bieten. die strecke von tel aviv nach beer sheva ist eine andere lieblingsstrecke von mir.

mit jeruschalajim ist es dagegen echt bloed. der bahnhof in jeruschalajim ist so weit abseits der stadt. wirklich nicht toll gemacht. dafuer muss man sich dann von tel aviv aus in die staendig ueberfuellten busse der linie 480 quetschen. zurueck das gleiche schauspiel.

als ich gestern auf der internet seite von israel railways gespielt habe ist mir, ueber lange zeit des tages, keine direktverbindung vom bahnhof tel aviv central nach nahariya angezeigt worden. darauf bezog sich meine frage in kommentar 10.

was im kibbutz ablaeuft ist wirklich traurig. aber irgendwie war es doch schon ein stueck weit absehbar, oder ?

jedenfalls geht mit den kibbutzim ein stueck weit israelische gruendungsgeschichte verloren. auch wenn die zeit weitergeht, und immer veraenderungen bringt, finde ich die entwicklung sehr schade.

herzliche gruesse,
der grenzgaenger

23. Marlin - November 9, 2009, 20:55

Na gut, das mit der Grenze stimmt wohl…

trotzdem. Ich bin ja Festlandeuropäer, da bedeuten Grenzen noch was. Zumal ich auch noch ein Zonendödel bin.😀

Alles Gute weiterhin!

24. vered - November 9, 2009, 21:08

@Mikado: Ja, an einem 9. November war wirklich noch etwas anderes. Die Wikipedia erinnert heute kurz und verharmlosend daran:“1938: Im gesamten Deutschen Reich kommt es zu organisierten Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen.“

Was das bedeutete, steht in dem exzellenten „Novemberpogrome 1938“ , ebenfalls in der Wikipedia:

… „Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben.[1] Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.[2] Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden im Machtbereich der Nationalsozialisten mündete.“

25. lindwurm - November 14, 2009, 13:41

Alles Gute für den Umzug und viele tolle Jahre in der Schönheit Nordisraels wünsche ich euch.🙂


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