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Römer, Barbaren und andere September 4, 2008, 23:24

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kunst.
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Wir waren in Bonn in der Ausstellung „Rom und die Barbaren„. Im Laufe der Jahre haben wir da schon viele gute Ausstellungen gesehen – unvergessen die schöne Ausstellung über griechische Klassik und den Begriff der Klassik. Da war ich damals mit Primus allein, der hatte gerade Griechenland in der Schule gehabt (war nach dem 6. Schuljahr) und wir waren total begeistert. Vor zwei oder drei Jahren, die Vatikan-Ausstellung war sehr schön, und obwohl ich leider die über französische Kunst im 17. Jahrhundert verpaßt habe, hab ich mir den Katalog gekauft. Und letztes Jahr die Ausstellung über Ägypten…

Kurz und gut, wir haben es gewagt und sind mit den Kindern reingegangen, obwohl wir wußten, daß die Ausstellung sehr abstrakt konzipiert ist. Funde, Karten und Texte. Keine Rekonstruktionen, kaum Illustrationen zur Erklärung, kaum Alltagsleben. Da muß man sich schon reindenken können, um die Ausstellung zu genießen.

Glücklicherweise klappte das ohne Probleme. Die Mädchen nahmen einen Audio-Guide für Kinder, und zu meinem Erstaunen sah ich nicht nur meine bildungsbeflissene Tertia, sondern auch die rastlose Mücke Quarta mit dem Hörer am Ohr. Die müssen irgendwas können, das ich nicht kann, diese Dinger. (Tertia war so begeistert, daß sie ein paar Tage später mit meiner Tante allein in die Langobarden-Ausstellung ging. Meine Tante war natürlich entzückt. „Das ist doch unser Kind!“)

Meine Mutter holte sich ebenfalls einen Audio-Guide, aber für Erwachsene, wir anderen gingen ohne. Dann guckte ich mir die Kinder an. Die Mädchen guckten sich vor allem Porträtskulpturen an und Schmuck. Primus zog es magisch zu allem, was Schwert und Waffe war. Ich dagegen liebe alles, was mit Grab und Tod zu tun hat, und konnte mich kaum vom Sarkophag losreißen.

Irgendwann fanden wir uns alle vor einer großen Präsentation wieder, auf der eine animierte Landkarte den Zug der Völker nachzeichnete. Die Kinder setzten sich um mich herum: Mama, erklär. (Neben uns saß ein Oberlehrer, der seiner Frau alles erklärte, wie Traugott Nägele, und sie hörte ergeben zu. Daraufhin wechselte ich ins Ivrit, um mir keine Korrekturen einzufangen).

Sie wollten wirklich alles wissen, aber mein Wissen über die Zeit der Völkerwanderung gründet nun einmal fest auf Felix Dahns Kampf um Rom und ein paar Kursen über die Kunst der Zeit, Sutton Hoo und so. Ich kratzte also alles zusammen, was ich wußte, und erzählte es den Kindern. Wir ließen zwei Durchgänge lang die Völker vor uns hektisch herumziehen, zögern, sich ballen, in andere Gegenden vorstoßen, sich Schlachten liefern und nach einiger Zeit weiterziehen. Und das große römische Imperium, das so eindrucksvoll gewesen war, schrumpfte immer weiter zusammen.

Dann fragten die Kinder, was zu der Zeit denn in Eretz Israel los war, das ja unbeachtet am Rande des Imperiums lag. Falls es da eine Völkerwanderung gegeben hat, war sie jedenfalls nicht auf der Karte verzeichnet. Da war wohl Ruhe. Na ja, außer daß die Juden in den Jahren nach der Vertreibung sich eben in anderen Ländern angesiedelt haben und langsam ostwärts gezogen sind. „Das gucken wir zuhause mal nach, Kinder“. (Hätte Dahn nicht was zu dem Thema schreiben können???)

Und wo die Völker denn jetzt sind, die Awaren, Gepiden, Ost-und Westgoten und Langobarden? Ja, die gibt es nicht mehr. Und die Franken, Sachsen und Angelsachsen gibt es zwar noch als Bezeichnung, aber ihre Identität hat sich verändert. Und dann dachte ich mir so: eigentlich sind die Juden sich tatsächlich am treusten geblieben. Sie waren damals schon zerstreut, und waren schon kein junges Volk mehr. Sie nahmen ihre Thora und ihre Vorschriften und ihre Lebensweise und ihre Identität mit. Und bewahrten sie auf, bis sie wieder zurückziehen durften. Schon eine verrückte Sache.

Als ich das aussprach, fragten die Kinder: aber Mama, sind wir denn auch Barbaren? oder was sind wir? Ja, Kinder, ich weiß es auch nicht. Also Römer sind wir alle nicht, und darum nach Ansicht der Römer sowieso Barbaren. Aber ich weiß nicht, ob die Juden auch unter die Bezeichnung Barbaren fallen, denn oft werden damit nicht alle Nicht-Römer bezeichnet, sondern besonders die germanischen Stämme, die Rom bedrohten, angriffen und letztendlich zu Fall brachten.

Die Juden haben die Römer zwar auch genervt und sich nur teilweise kolonisieren lassen. Aber Rom bedroht haben sie nicht. Also, meine Kinder sind nur halbe Barbaren. Und halbe Juden. (Wie Juden sagen würden: leider die falsche Hälfte!)

Ein paar Tage später waren wir auf dem Tag der Archäologie in Rödingen. Dort wird jährlich ausgestellt, was bei der (vollkommen barbarischen) Braunkohlen-Buddelei ans Licht kommt. Das Schöne: die Funde sind aus ganz verschiedenen Zeiten. Steinzeit – Römer – Mittelalter. Das war für die Mädchen sehr verwirrend, sie können nicht so leicht über ein paar Hundert Jahre wegspringen und begreifen, was sich da verändert hat.

Ich habe mir zur Erinnerung das Replikat eines kleinen Hausaltärchens gekauft, das in Köln gefunden wurde. Es ist römisch, so aus dem 2. Jahrhundert, ganz schlicht gemacht, und stellt Venus dar. Ganz ähnliche Hausaltärchen stehen auch in israelischen Museen, weil die Römer ihre Kultur und Kultformen überallhin mitgebracht haben. Die plumpe kleine Venus erinnert mich daran, daß wir in gewisser Hinsicht alle Römer sind, ob Juden oder Barbaren, und daß ich einerseits sehr weit weg vom „jrüßten Loch der Wellt“ wohne, andererseits aber auch gar nicht. Deswegen mußte ich sie einfach mitnehmen, wenn ich auch noch nicht weiß, wo ich sie hinstellen soll.

Valete.

Kommentare»

1. Liisa - September 5, 2008, 9:02

„Ich kratzte also alles zusammen, was ich wußte, und erzählte es den Kindern. Wir ließen zwei Durchgänge lang die Völker vor uns hektisch herumziehen, zögern, sich ballen, in andere Gegenden vorstoßen, sich Schlachten liefern und nach einiger Zeit weiterziehen.“

Diese Erklärung von Dir hätte ich gerne gehört … hätte mir aber natürlich auch nix genutzt, da ich ja kein Ivrit kann. 🙂

2. gingit - September 5, 2008, 10:16

Wow, Ihr habt ja die Angebote meines Brötchengebers gut abgepflückt – schön, dass es Euch gefallen hat! Wenn Ihr Rödingen besucht habt, habt Ihr auch die Gelegenheit gehabt, die frisch restaurierte Synagoge mit Vorsteherhaus zu begutachten (http://www.lvr.de/kultur/regionalgeschichte/synagoge_roedingen/)? Ich selber werde am Sonntag mal wieder da sein, habe die letzten Fortschritte auch noch nicht gesehen.
Apropos, wir sind um die Feiertage herum im Land, vielleicht schaffen wir es diesmal!? 😉
Es grüßt das kühle Rheinland! gingit

3. Manuela - September 5, 2008, 20:28

Es muss ein Genuss sein, mit dir durch eine Ausstellung zu schlendern. Wenn ich jemanden frage ob er mit mir in diese oder jene Austellung gehen möchte, ernte ich eher „rollende“ Augen und unverständliche Blicke. Was willst du da? Dir schon wieder „altes kaputtes Zeug“ ansehenß ….

4. Karan - September 22, 2008, 12:59

In der Ausstellung war ich gestern auch. Die Funde sind absolut grandios, aber die Präsentation war mir insgesamt ein wenig zu lieblos, so wurden z. B. Entwicklungsströme von Zierart und Schmuck, die interessante Rückschlüsse auf kulturelle Zusammenhänge zulassen, gar nicht zusammenfassend dargestellt. Vielleicht hat der Audio-Guide da mehr erschlossen (ich kann die Hörer-am-Ohr-Dinger aber leider nun mal nicht leiden 😉 )

Einer meiner Begleiter hatte Indogermanistik studiert, weswegen er natürlich den historischen Kontext genau kannte, was dann der ganzen Gruppe zugute kam.

Die animierte Landkarte war toll, die haben wir auch zweimal angeguckt.

Die Hunnen-Ausstellung letztes Jahr in Speyer fand ich aber insgesamt bedeutend gelungener umgesetzt (ähnliche Epoche, ähnliche Funde, tolle Aufbereitung).

Was mir in Bonn auch ein wenig aufgestoßen hat, war die insgesamt allzu romano-zentristische Interpretation der Gesamtepoche; ganz zu Anfang der Ausstellung stand bereits zu lesen, die Germanen seien aufgrund ihrer Stammesstruktur „nicht in der Lage“ gewesen, z. B. ackerbaulichen Überschuß zu produzieren – da scheint von den Ausstellungsmachern keiner auf den Gedanken gekommen zu sein, daß Stammesgesellschaften in der Regel Subsistenzwirtschaft betreiben und auf eine systematisch und hierarchisch verwaltete Umverteilung weder Wert liegen noch angewiesen sind. Das Abwertende im Wort „Barbaren“ schien mir da immer noch durchzuschimmern…

Wenn Ihr mal wieder in Bonn seid, könnt Ihr auch mal zwei Häuser weiter gehen, in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, das haben wir dann ganz ungeplant und jeden Zeitplan sprengend noch getan und waren sehr überrascht und beeindruckt: http://www.hdg.de/


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